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Freitag, 10. Oktober 1930

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberlseffenf

Nr. 237 Dritter Statt

durch zahlreiche Innenausbesserungen und Aew

Arbeitsbeschaffung der Reichspost.

Das Programm der Oberpostdirektion Darmstadt. - Der Anteil Oberheffens.

Der Hauptzweck des Deschaffungsprograrnrnes ist die Belebung der Wirtschaft. Linderung der Arbeitslosigkeit und Preissenkung. Zunächst kommt dabei

die Bauindustrie

als Schlüsselgewerbe in Betracht, in dessen Rah- rnen alle Dauhandwerker und verwandte In­dustrien vermehrte Beschäftigung finden. 3n Oberhessen ist schon bisher durch die Er­richtung neuer Postämter und durch Umbauten reiche Arbeitsgelegenheit geschaffen worden. Er­innert wurde weiter an den beendeten Umbau des Telegraphenamts inMainz, an den Aufbau des dortigen Fernsprech-, Selbstanschluß- und Fernamts, an die Rohrpostanlage vom Postamt zum Telegraphenamt und an den Umbau des alten Postgebäudes. Weiter wurden die umfang­reichen Erweiterungsbauten in Worms er­wähnt. mit denen eine ausgedehnte Reugestaltung der Betriebseinrichtungen verknüpft war. Dem­nächst wird ein reichseigener Po st Haus­bau in Reu-Isenburg begonnen werden, für den eine Bauzeit von anderthalb Jahren vorgesehen ist. Aufträge für 200 000 Mk. sind hierfür bereits erteilt worden. Kleinere Um* und Anbauten entfallen auf Büdingen, Lol- l a r und Groß-Umstadt, Kraftwagenhallen-Reu- bauten kommen in Bad-Rauheim, Fried-

derungen Arbeitsgelegenheit unter Dach in den Wintermonaten geschaffen werden. Eine sehr um­fangreiche Tätigkeit entfaltete die Reichspost bis­her schon auch auf dem Gebiete der Woh - n u n g s f ü r s o r g e, wobei sie reichseigene Wohnbauten errichtete und den Wohnungsbau durch Hypothekengewährung förderte. Eine ganze Reihe von Wohnungsbauten ist zur Zeit noch im Gange. Handwerk und Gewerbe haben auch da­durch reiche Arbeitsmöglichk iten.

Technische Einrichtungen.

Im Rahmen des Beschaffungsprogramms wird die S ch w a ch st r o m i n d u st r i e in Berlin und Nürnberg durch neue Aufträge gefördert werden, wodurch auch viele Arbeiter Existenzen eine Stär­kung erfahren. Der Arbeitsmarkt in Hessen wird durch umfangreiche Kabelarbeilen beeinflußt werden, die Kupferlieferungen für die Kabel wurden den Kupferwerken in Gustavsburg über­tragen. An Kabelarbeiten kommen in Be­tracht: Schnellverkehrskabel in Mainz nach dem neuen Telegraphenamt, Schnellverkeh- slabel Lampertheim Worms, Fernleitungskabel Heidel­bergEberbach, Fernsprechkabel in 34 Ortsnetzen und Kabelkanäle in vier Orten. Für die Be­schaffung von Fernsprechapparaten und den Dau zahlreicher Fer ns prech stellen sind Auf­träge von 300 000 Mark in dem Programm vorgesehen. In den größeren Städten des Bezirks soll die Aufstellung von Fernsprech­häuschen an den Derkehrshauptpunkten durch­geführt werden. Zunächst sind für diesen Zweck 25 Häuschen vorgesehen, wenn diese sich bewäh­ren, sollen weitere folgen.

Kraftfahrwesen und Landverkraslung.

Hierfür verzeichnet das Deschaffungsprogramm folgendes: 30 offene 4 2o Personenwagen, drei 33sitzige Omnibusse, acht 33sihige Omnibusauf­bauten, 10 Landkraftpostwagen, 6 neue Landpost­ämter und 111 Poststellen, meist in Oberhessen, ferner die Beschaffung von zahlreichem Ein­richtungsmaterial im Gesamtbeträge von rund 34 000 Mk. und die Einstellung zahlreicher kleiner Leute zu Poststelleninhabern, an die alljährlich rund 20 000 Mk. Vergütungen zu zahlen sein werden. Bon den sechs neuen Landpostämtern entfallen je eins auf Gießen, Grünberg. Schotten, Grebenhain und Herbstein.

Beschaffung

von Gegenständen des laufenden Bedarfs.

Vorgesehen sind: eine große Adremaschine für den ganzen Bezirk, Postwertzeichengeber, Rechenmaschinen, Additionsmaschinen, Schreib­maschinen, Schliehfachschränke, Feuerlöscher, elek­trisch betriebene Uhren- und Entstaubungs­anlagen, Briefkasten, Zustelltaschen und vieles andere. Bei allen diesen Anschaffungen sollen aber keine unnötigen Investitionen vorgenom­men werden, sondern es soll strenge Wirtschaft­lichkeit walten.

Oe Aussprache.

In der anschließenden regen Aussprache zwv- schen den Vertretern der Reichspost und den Vertretern der Presse erklärte Präsident Lei­st e r, daß bei den Arbeiten

das ortsansässige t)andwerk und Gewerbe soweit wie möglich berücksichtigt

werden soll. Rur Spezialarbeiten und Serien­fabrikate müssen aus naheliegenden Gründen einer

Präsident Leister wies in seinen einleiten­den Worten darauf hin, daß die Reichspost- vcrwaltung für die Arbeitsbeschaffung im gan­zen Reichs

200 Millionen ITlarf zusätzliche, über den Haus- halt hinausgehende Mittel

zur Verfügung gestellt hat, die der Wirtschaft und den Arbeitern zugute kommen sollen. Da­neben ist die Reichspost aber schon durch ihre alljährlichen haushaltmäßigen Anschaffungen als Großkonsument ein bedeutender Faktor im Wirtschaftsleben. Die obenerwähnten zusätz­lichen Mittel sollen der erweiterten Auftrags­erteilung bis zum Ende des Haushaltsjahres 1930, also bis 31. März 1931, dienen.

Anschließend gab Oberpoftrat Klingel- Höfer eine Alcberfidjt über das Beschaffungs- Programm der Reichspost im Bezirke der Ober­postdirektion Darmstadt, wobei er betonte, daß kein Unterschied gemacht wird zwischen den Arbeiten des Beschaffungsprogramms und solchen des lau­fenden Haushalts, im Vorgriff Ar beiten schon jetzt vergeben werden, die an sich wegen Mangels an Mitteln noch hätten $ u r ü d - gestellt werden müssen, im Rahmen des Be­schaffungsprogramms aber jetzt durchgesührl wer­den. Die Darlegungen des Referenten gaben ein aufschlußreiches Bild von den Maßnahmen der Reichspostverwaltung im Lande Hessen.

Aus Einladung des Präsidenten Leister der I Bauzeit drei bis vier Monate. Daneben soll noch Oberpostdirektion Darmstadt sand gestern nach- durcb zahlreiche PEnnennnäheffenmnen und Aen- mittag im Telegraphenamt zu Gießen eine Be­sprechung mit der Presse statt, an der als Ver­treter der Reichspost Präsident Le i st er, Ober- postrat Klingelhöser, Darmstadt, Poft- direktor Körber und Telegraphendirettor Tehlaff, Gießen, teilnahmen. Geaenstand der Aussprache waren die Maßnahmen der Reichspost zur Belebung der Wirt­schaft und zur Milderung der Ar- beitslosigkeit im Bezirk der Ober- post dirckt-ion Darmstadt.

anderen Vergebung Vorbehalten bleiben. Er er­innerte weiter daran, daß die Reichspost in den letzten Jahren für Oberhessen schon viel getan hat. u. a. den Umbau des Post am tes in Gießen, der bis zu seiner endgültigen Fertigstellung noch einige Wochen Zeit in An­spruch nehmen wird, den Dau der Krast- wagenhalle beim Postamt Gießen, die Ilmbauarbeiten beim Postamt in Bad - Rau- heirn. ferner Bauarbeiten in Büdingen. Vielleicht werde es in absehbarer Zeit auch möglich sein, in Lauterbach zu einem Post- arntsbau zu kommen. Präsident Leister wies dann noch in verschiedenen Einzelheiten auf die Bauarbeiten der Reichspost in den beiden anderen hessischen Provinzen bin.

In der weiteren Erörterung, an der sich auch Oberpostrat Klingelhöfe r. Postdirektor Körber und Telegraphendirektor Tehlaff rege beteiligten, kam man u. a. auf die

Verlegung des Gießener Ltadtpostamtes

zu sprechen. Die Rotwendigkeit dieser Maß­nahme wurde mit der räumlichen Unzulänglichkeit im jetzigen Stadtpostamt in der Schulstraße be­gründet. Die Arbeiten zur Herrichtung des neuen Stadtpostamtes sollen in Kürze begonnen werden, nachdem am Mittwoch der Mietvertrag abge­schlossen worden ist. Bei einem günstigen Verlauf der Arbeiten kann damit gerechnet werden, daß die Stadtpoft zu Beginn des nächst en Jahres nach iyrem neuen Heim ver­legt werden wird. In der neuen Stadtpoft sollen u. a. moderne Schalteranlagen eingerichtet

werden, weiter will man eine besondere Paket­annahme schassen, damit der Publilumsverkehr sich nicht in einem Raume allzusehr zusammendrängt Es soll auf zweckdienliche und zeitgemäße Ge­staltung der Räume Bedacht genommen werben. Auch durch diesen Umbau wird das heimisch« Handwerk und Gewerbe gute Derdienstmöglich- keiten erhalten, ferner wird den zeitgemäßen An­forderungen des Publikums an die Postecnrcch- tungen in der Stadtmitte Rechnung getragen. In diesem Zusammenhang besprach man auch die

Ausstellung von Fernsprechhauschen

an den belebtesten Stellen der Stadt. Di ess Fernsprechhäuschen sollen nicht nur den Fer n - sprecher enthalten, sondern auch Brief­markenautomaten aufnehmen. Zur Zeit sind noch Verhandlungen mit der Stadt Gießen im Gange, es besteht aber gute Aussicht, daß diese bald zum Abschluß kommen werden. Man darf wohl an dieser Stelle die Hoffnung aus­sprechen, daß von den beteiligten Stellen mit großzügiger Entschlußkraft alles getan wird, uni diese Einrichtung so rasch wie möglich zu schaffen.

Schließlich wurde noch in längerer Erörterung über die Frage der

Landpostverkrastung

gesprochen. Für Oberhessen kommen habet wie oben schon erwähnt fünf Landpostämtev in Betracht. Wenn von den beteiligten Gemein-

I den die Errichtung der erforberlidyen Hallen bald­möglichst vorgenommen wird und die Landpost-

I kraftwagen,rechtzeitig geliefert werden, wird mit

Britische Kriegsschiffe führen die Opfer derR101"-Katastrophe in die Heimat.

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Die mit den britischen Flaggen geschmückten Sarge werden im Hafen von Boulogne an Bord der englischen Kriegsschiffe gebracht. ________________________

WMW-eiMM

Roman von Hans Friedrich.

Urheber-Rechtsschutz durch Verlag Oskar Meister, Werdau i. Sa.

1. Fortsetzung Nachdruck verboten

Hinter Augsburg gab der Chauffeur wieder Vollgas. Die schnurgerade Teerstraße führte so eben wie auf einem Tisch nach Süden.

Heinz Gutenberg, her schon immer ein brennen­des Interesse für technische Dinge in sich spürte, sah durch die Verbindungsscheibe auf das 3n- ftrumentenbrett. Die dünne, stahlblaue Radel des Tachometers zitterte nervös auf dem Teilstrich am Skala-Ende.

Hundertzwanzig Kilometer!" sagte Gutenberg mit Begeisterung.

Doktor Berger nickte, bemerkte in seiner trocke­nen Art: ..3n diesem Tempo müssen Sie das Leben am Schopfe packen, mein lieber Gutenberg. Man muß nur herausgehen, muß das Leben an der Quelle studieren und einfangen. , Daheim hinterm Ofen wird man blind und taub.

Heinz Gutenberg dachte an feine freiwillig übernommene Mission. Und Befriedigung kam über ihn: Wenn dieser fanatische Wunsch, dies­mal ans Ziel zu kommen, mit demselben feurigen Willen Hand in Hand ging, dann mußte es in absehbarer Zeit einen Erfolg geben, einen Erfolg--

Er errötete wie ein Schulbub, als sein Fahrt- genosse auf das anspielte, was dahinten lag. Dahinten das war die engere Heimat mit dem liebsten Menschen auf der Welt.

Frau Gertrud wird gar nicht glauben, daß Sie nun schon durch sechshundert Kilometer von ihr getrennt sind."

Das war wie eine frische Wunde, die schmerzte, wenn man daran rührte. Sofort bekamen die Augen Gutenbergs einen nach innen gerichteten schwermütigen Ausdruck. Der andere schielte int erfriert herüber, beobachtete zwei, drei Mi­nuten, lenkte dann ein:Ra, na, das kann eine nette Geschichte werden, wenn Sie schon jetzt den Kopf hängen lassen!"

Das sollte aufmunternd, vielleicht auch tadelnd Hingen, fiel jedoch zu ernst aus. Und fast im selben Augenblick, da Derlagsdirektor Dr. Ber­ger diese Worte cnrssprach, bekam er selbst die Wirkung davon zu spüren. Vorwurf stellte sich auf: Ein Wagnis war diese suggerierte Mission, eine gefährliche Studie, die entweder glückte oder schief ging ... Und wenn die Sache mißlang, büßten zwei Menschen ihr Glück ein, ihre Liebe oder das. was sie dafür ansahen ... Kamen in Herzensnot, die viel würgender war, als die jetzige des Leibes ...

Verfluchtes Experiment!"

Dr. Berger erschrak fast über seine eigenen Worte. 3m letzten Versuch, alles rückgängig zu machen, wandte er sich an seinen Begleiter: ..Herr Gutenberg wenn es Sie reut ich schicke den Wagen morgen nach Hause Sie können wieder mit heimfahren ... Und wie in Flucht vor sich selber:Es ist möglicherweise besser so."

Aber da stieß er auf heftigen Widerstand.

Ausgeschlossen!" protestierte Gutenberg.Hal­ten Sie mich für einen Feigling, für einer Deser­teur, der sich selber untreu wird?"

Er sprach sich in Ekstase. Wie weggescheucht waren die flügellahmen Gedanken, die sich an das neue Kapitel scines Lebens gewöhnen wollten.

3ch halte durch, verlassen Sie sich darauf, Herr Doktor!" Etwas ruhiger:Es gibt nur diesen einen Weg."

Der Wagen holte einen Motorradfahrer ein, hängte ihn im Ru ab, obgleich die kleine Kon- turren; auch ein hübsches Tempo fuhr. Heinz Gutenberg sah durch die Scheiben, daß der Sportler eine rote Baskenmütze trug. Quer über den Rucksack war ein Gestell geschnallt, das ein Stativ ober eine Feldstaffelei fein konnte. Aber dies war nur ein schattenhafter Rebeneindruck. Länger in der Erinnerung würde das wie im Flug erhaschte Profil bleiben: Ein weich und doch so seltsam herb geschnittenes unmännliches Gesicht.

Dann kamen neue Eindrücke, die sich ein­ander ablösten, zurücksanken in die Vergessenheit oder sich aufsparten an der Schwelle des Unter- bewuhtse'ns.

Landsberg am Lech.

Der Chauffeur hob den Kopf unmerklich näher an das Sprachrohr. Von hinten kam kein Befehl. Also weiter. Man wollte noch am Abend in Garmisch, dem Ziel dieser über Nürnberg durch­geführten Gewaltfahrt, fein.

Dom Schauen etwas ermüdet, lehnte sich Guten- berg zurück in die Polster, überließ sich für einige Minuten feinen Gedanken. Dr. Berger neben ihm hatte die angerauchte Zigarre in den Aschen­becher gesteckt und war eingenickt.

Der junge Blonde lächelte, die Augen von dem Schlafenden wendend.

Dr. Berger war doch em guter Mensch, einer von denen, wie man sie heutzutage gar nicht mehr vermutete! Diese Alpenfahrt war fein Werk. Er hatte Heinz Gutenberg, den hoffnungsvollen Schriftsteller, mitgenommen. So sparte der nicht mit Glücksgütern Gesegnete öaä tfafjrgelö. Aber auch einen angemessenen Vorschuß hatte der Verlagsdirektor seinem Schützling mit auf den Weg gegeben. Weitere Zuschüsse waren ihm m Aussicht gestellt worden, wenn--

3a, wenn--! r r . .

Da war Heinz Gutenberg schon wieder mitten

drin in seinemProblem" ... Wenn das glückte!

Wie ein Rausch war es seit jener denkwürdigen Unterredung im Direktionszimmer derAbend- post" über den jungen Schriftsteller gekommen: Er sollte einen Roman schreiben, sozusagen nach lebendem Modell, so, wie er ihn selbst erlebte! Dr. Berger setzte großes Vertrauen in Heinz Gutenberg, aus dessen Feder schon mehrere grö­ßere Arbeiten in derAbendpost" erschienen waren.

Das war doch mal ein Anfang! Aus eigenen Mitteln hätte der Schriftsteller diese Reise schwer­lich antreten können. Er war seit zwei 3ahren verheiratet. Und das Leben in der Stadt war so teuer!

Allerdings, der Abschied von seiner jungen Frau kam ihm hart an. Man durfte nicht daran denken. Den letzten Kuh würde Heinz Guten­berg nie vergessen. Und wie tapfer Gertrud ge­blieben war! Rur ihre großen, braunen Augen hatten in einem ungewohnten Schimmer ge­glanzt.

Gott, ja, das war nicht so einfach. Man konnte unterwegs verunglücken, in den Alpen abstürzen. Bann wäre es ein Abschied für immer gewesen.

Gutenberg schüttelte diese Gedanken ab und lachte .. . Run stand er isoliert, frei von inneren und äußeren Widerständen, nur auf sich und seine Tatkraft angewiesen. Und die große Frage brannte unausgesprochen in feinem Herzen: Wie wird das enden?

. * *

Als Gutenberg am anderen Morgen auf die Hotelterrasse trat, war kaum noch ein Stuhl frei. Sonne und Himmelsbläue hatten auch die Langschläfer schon aus den Federn gelockt. Hier konnte man bereits beim Morgenkaffee die er­habene Schönheit des Wettersteingebirges ge­nießen.

Rach einigen Stunden gelang es Gutenberg, noch einen Stuhl an einem Ecktilch zu bekommen. Es faßen noch mehrere Personen da, die kaum Ro.iz von dem neuen E ast nahmen. £1 chtige Be­grüßung, dann saß er. Aber das Frühstück wurde ihm verleidet durch den aufgeregten Menschen- schwärm. Das kam und ging, summte und brummte durcheinander wie in einem ^-beliebigen groß­städtischen Speisehaus.

Gutenbergs Blick hing weltverloren an dem Panorama. An Hand der Karte hatte er sich schon vorher in seinem Zimmer orientiert: 3m Vordergrund iah er die blaugrünen, bewaldeten Hänge des Risserkopses und des Kayensteins, im Hintergründe die weißen Felshäupter her Alp­spitze, des Warensteins und der Zugspitze. Für Minuten vergaß der Schauende sogar den lauten Betrieb, der ihn umbrandete.

Herrgott schoß der Gedanke in ihm aus wenn das Trude sehen könnte! Das arme Hascheri wußte ja auch noch nicht, wie schon die weitere

Heimat war. 3n der 3ugenö gebüffelt und ge­strebt, alle Voraussetzungen für eine einiger­maßen geordnete Zukunft erfüllt und dann ah, dann blieb das Leben doch so manches schuldig, dann kam alles ganz anders als er­wartet ... ,

Tellerklirren riß den Rachdenklichen in die Gegenwart zurück. Eine sympathische Frauen­stimme neben ihm gab dem Kellner eine Be­stellung auf. 3etzt erst hielt Gutenberg Umschau in seiner Rähe. 3hm gegenüber faß eine fünf- köpfige Familie Schwaben. Der Dialekt verriet sie. Und rechts neben ihm eine junge Dame. Er streifte flüchtig ihr Profil. Erschrak. Wo hatte er diese Heroen und doch so kindlich weichen Linien schon gesehen?

Er suchte in der Erinnerung. Es fiel ihm nicht ein. Und weil man so dicht beieinander faß und in der Fremde die Menschen sich leichter an­einanderschließen, kam ein Gespräch in Gang.

Sie sind gewiß auch aus Sachsen?" fragte Gutenberg nach den ersten belanglosen Redens­arten über die Fernsicht.

Die Brünette nickte bejahend.

Aus Dresden." Und belustigt:Man kann noch so neutral hochdeutsch sprechen--immer

wieder wird die Zunge zum Verräter."

Gutenberg mutzte ihr recht geben.

Dann sind wir Landsleute. 3ch bin aus Chemnitz."

Ein weicher Schimmer huschte über das braun getönte Gesicht des Mädchens. Der Mann deutete es auf Freude.

Wollen Sie hier bleiben?"

Der junge Blonde lieft die Mundwinkel hängen.

Ich weift noch nicht. Offen gestanden: Mir ist das Leben hier zu zu" Er suchte augenscheinlich nach einem passenden Ausdruck, sagte dann: zu mondän. Cs herrscht zu viel

Betrieb. Und das patzt nicht in mein Programm."

Er hielt plotzuch inne, als habe er zu viel ver­raten Auch fühlte er die Augen des Mädchens auf sich gerichtet in einer forschenden Reugierde. Die Same aus Dresden nickte verstehend.

Sie suchen die Einsamkeit ..." Und wie ent­schuldigend fügte sie hinzu:Ich kann Sie ver­stehen ..."

Mit diesen Worten rührte sie unbewußt an eine Saite tief im Wesen des Mannes und brachte sie zum Erklingen.

Gutenberg lachte etwas gezwungen.

Ich glaube, man sieht mir das an .. .T*

Run mußte auch das Mädchen lachen. Dabei sah er zum erstenmal voll in ihr Gesicht.

Cie hat blaue Augen, die so seltsam zu dem nußbraunen Haar kontrastieren, dachte er nicht ohne Gefühl der Freude. Vielleicht war es auch eine Art überschwänglicher Bewunderung. Und wieder stellte sich die Frage ein: Wo Hove ich sie schon gesehen? (Fortsetzung folgt)