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Nr. 237 Zweites Blatt Glehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Zreitag, 10. GNober 1930

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Kärntens Freiheitskampf vor zehn Jahren.

Jur Erinnerung an den 10. Oktober 1920. Don Or. Werner Wirths.

Zum zehnten Male jährt sich der Tag der Volksabstimmung in Kärnten, unter allen grenzdeutschen Gedenktagen von besonderer, einzig­artiger symbolhafter Bedeutung. Nicht nur weil hier die grünen Stimmzettel über_ die weißen obsiegten, sondern weil sich die Kärntner diese Abstimmung erst mit der Waffe in der Hand erkämpft haben. Ursprünglich stand nichts von Abstimmung im Friedensdiktat von Trianon: doch der bewaffnete Widerstand, den die Kärntner den südslawischen Eindringlingen entgegensetzten, zwang die Entente, dem Selbst- bestimmungsrecht Rechnung zu tragen und die Bestimmung über eine Volksbefragung nach­träglich einzufügen. Kärntens Abstimmung wurde mit Blut erkauft.

Wie vollzog sich der Gang der Ereignisse? Schon im November 1918, mitten in den Wirren der Staatsauflösung, unmittelbar nach dem Rück­zug der österreichisch-ungarischen Armee hatten flowenische Banden, vermischt mit regu­lärem serbischen Militär, Teile Südost- und Süd­kärntens bis zur Drau besetzt. Am 29. No­vember sind sie schon auf der anderen Seite des Flusses, Dölkermartt fällt, die Besetzung der Hauptstadt Klagenfurt steht bevor. Handeln tut not, nachdem durch Llnschlüssigkeit der Verwaltungsstellen viel verloren ist. Z u - rückgekehrteKärntnerFronttruppen leisten den ersten Widerstand. Nach kleinen ört­lichen Kämpfen entwickelt sich eine Kampffront von mehr als 100 Kilometer Länge, auf der die Eindringlinge an entscheidenden Punkten z u - rückgeschlagen werden. Die Bevölkerung steht auf! Am 14. Dezember kapituliert bei Grafenstein ein südslawisches Bataillon vor Teilen des Kärntner Infanterie-Regiments 7; am 5. Januar erstürmen die Gailtaler Arnold- stein: am 6. Ianuar erzwingt die Gruppe Felden den Niedergang über die Drau. So un­angenehm den Staatsmännern in Paris diese Kämpfe waren, sie konnten sie nicht verleugnen. Eine amerikanische Kommission er­scheint und seht der bewaffneten Auseinander­setzung vorläufig ein Ziel. Der Waffenstillstand l vom 13. Januar, der eine Demarkationslinie fest- ! seht, schließt den ersten Teil des Kärntner Frei- I heitskampfes ab.

! Südslawen und Franzosen fürchten angesichts der Ereignisse um die Verwirklichung der ser­bischen Annektionsforderungen. So sehen die Süd- ! slawen, die sich inzwischen vollständig in regu­läres Militär verwandelt haben, zu einem ent- 1 scheidenden Stoße an, umvollzogene Tatsachen" zu schaffen. Unter Bruch des Waffen­stillstandes erfolgt am 29. April ihr Angriff auf der gesamten Front. Aber sie haben nicht mit dem Abwehrwillen der Kärntner gerechnet. Nach zwei Tagen ist der Angriff zum Stehen gebracht und dann seht der Gegen st oft ein. Trotz gewaltiger Uebermacht sind die südslawischen Truppen den Kärntner Freiheitskämpfern nicht gewachsen. Sie werden bis an die Landesgrenze zurück- getrieben. Anfang Mai ist Kärnten frei vom Feinde! Nunmehr aber greifen die Serben ganz offen ein. Zwei kriegsstarke ser­bische Divisionen rücken an und in schweren, ! blutigen Kämpfen müssen die todesmutigen Ver­teidiger Schritt für Schritt weichen. Das Land i südlich der Drau geht erneut verloren, dann auch Völkermarkt und Klagenfurt. Der zweite Abschnitt vollendet sich. Trotz aller Bitter­nis seines Endes aber hat der verzweifelte Widerstand der Bevölkerung Entscheidendes

durchgeseht, die Entente erklärt sich zur Volks- abstimmung bereit.

Die dritte Phase beginnt. Verwaltung und Durchführung der Abstimmung in der Zone A ist den südslawischen Machthabern übertragen worden. 16 Monate haben sie Zeit, in ihrem Sinne diese Abstimmungvorzubereiten". E i n ungeheuerlicher Terror setzt ein. Tau­sende werden von Haus und Hof vertrieben, alle Deutschgesinnten mit äußerster Brutalität behandelt. Aber auch diese fast anderthalb Iahre der Entrechtung können die Heimattreue Kärn­tens nicht brechen. So hermetisch die südslawi­schen Gendarmen die Zone A vom übrigen Kärn­ten, wo in Klagenfurt alle Parteien einhellig im Kärtner Heimatdienst zusammenarbeiten, sperren, die Verbindung reißt nicht ab. Immer wi^er durchbrechen kühne Männer bei Nacht und Nebel die Linien und ermutigen die Ab- geschnittenen, bewähren sich Heimatliebe und Tap­ferkeit, leuchten auf den den serbischen Häschern unzulänglichen Graten der Berge die Leucht­feuer auf. An der Geschlossenheit des ganzen Landes wird landfremde Gewalt zuschanden.

Endlich findet sich, nachdem am 16. Iuli 1920 das Friedensdik.at von Trianon in Kraft getreten ist, die englisch-sranzösisch-italienische Abstim­mungskommission ein. Trotz ihrer An­

wesenheit reißen die brutalen Einschüchterungs- versuchr der Südslawen nicht ab: bis zum letzten Tage bemühen sie sich, durch Gewalt und Drohun­gen die Abstimmungsberechtigten zu sich herüber- zuzichen oder von der Urne fernzuhalten. DaS Abstimmungsergebnis straft die südslawische Pro­paganda Lügen- von 37 304 gültigen Stimmen er­klären sich 22 025 f ü r das.arme verhun­gerte" Oe st erreich.

Die Mehrheit und mit ihr auch der über­wiegende Teil der Windisch sprechenden Bevölke­rung legte damit ein gesamtdeutsches Bekenntnis ab und zerschlug die südslawischen Hoffnun­gen. Die Abstimmung in der Zone B konnte ab­gesagt werden. Heimatgedanke und jahrhunderte­lange kulturelle Verbundenheit setzten sich durch. Kärntens Einheit wurde gerettet, wenn auch das Kanaltal an Italien, das Mießtal an Südslawien laut Friedensdiktat ohne Ab­stimmung abgetreten werden mußte. Deutsches Land blieb vom Zugriff des Feindes bewahrt, und am 19. November konnte Oesterreich Kärnten in seine Verwaltung zurücknehmen.

Die Kärntner dürfen stolz sein auf ihr Werk. Sie haben in des Wortes schönster Bedeutung sich selb st gerettet. Mit ihnen gedenkt das ganze deutsche Volk dankbar aller derer, die im Kampfe um Kärnten und Deutschland fielen.

zeigt Symptome von Unduldsamkeit und ihre Feindschaft gegen das Stadtleben mit seinen Er­rungenschaften der Zivilisation und seinem libe­ralen Einschlag ist bekannt.

Der finnländische RikSdag seht sich aus zwei­hundert Abgeordneten zusammen. In dem auf Veranlassung der Lappobauern aufgelösten Parlament verfügten die Sozialdemokraten über 59 und die Kommunisten über 23 Mandate. Die Kommunisten find terrorisiert und praktisch ihres Wahlrechtes verlustig gegangen, sie kom­men als Partei im neuen Riksdag nicht in Be­tracht. Es kommt nun darauf an, daß die bür­gerlichen anttkommunistischen Parteien in den Wahlen wenigstens 15 der kommunistischen Man­date erlangen, damit eine Zweidrittelmehrheit zustande käme, die zur Annahme der Antikommu­nistengesehe erforderlich ist. Nun steht aber ge­schlossen hinter Lappo allein die starke kon­servative Sammlungspartei. Die Fortschrittspartei ist gespalten, da sie prinzipiell jede Diktatur ablehnt, auch die Agrarpartei ist nicht einig und schließlich ist die Stellung der schwedischen Volks- Partei eine schwierige, da sie befürchtet, daß eine Lappodiktatur sich gegen die Interessen der schwedischen Finnländer richten lärmte. Die Sozialdemokraten lehnen als Partei die Annahme der Antikommunistengesehe ab.

Wenn auch das endgültige Ergebnis der Wah­len noch nicht offiziell veröffentlicht worden ist, so steht es doch bereits fest, daß trotz regster Wahl­beteiligung der Lappopartcien sich auch im neuen Riksdag keine Zweidri11elmehrheit für die Antikommunistengesehe finden wird, es sei denn, daß ein Teil der Sozialdemokraten der ent­scheidenden Absttmmung fernbleibt. Im Falle der Ablehnung werden die Anttkommunisten- gesehe ohne ben Riksdag zu befragen, in Kraft gesetzt werden, einerlei, ob das durch ein Ka­binett Swinhufvud oder durch eine reine Lappodiktatur geschieht. Eine Diktatur könnte ohne Widerstand und Erschütterungen durchgeführt werden, da die Armee, das cvchuh- korps und die Dauern eine solche begrüßen würden. Der Kampf gegen den Geist des Bolsche­wismus wird in Finnland mit allen Mitteln weitergeführt werden.

Die Tabaksteuerfrage.

Aus dem Regierungsprogramm der Reichs­regierung zur Sanierung der Finanzen geht her­vor, daß zum Ausgleich des Haushalts 1931 durch stärkere Belastung des Tabaks unter Scho- nung der deutschen Erzeugung ein Mehrbetrag an Zöllen und Steuern von 1H7 Millionen Mark gewonnen werden soll. In einer Mitglieder­versammlung deS Deutschen Tadakvereins in Stuttgart wurde einstimmig folgendes Telegramm an den Reichssinanzminister Dietrich beschlossen:

Die im Regierungsprogramm unvermutet vor­gesehene Mehrbelastung des Tabaks hat im gan­zen Gewerbe maßlose Erregung hervorgerufen. Eine verhängnisvolle Geschäftsstörung hat be­reits überall eingesetzt. Infolge dreier, innerhalb eines Iahres erlassener, Tabaksteuer-Novellen sind Tabakindustrie und Handel überhaupt nicht zur Ruhe gekommen. Um so unverständlicher ist die erneute Ankündigung weiterer Belastungen. Iede Steigerung ist völlig untragbar. Der­brauchsrückgang und Preisrückgang liefern klaren Deweis. Ebenso die steigende Arbeitslosigkeit. Weitere Verteuerung muß insbesondere im Hin­blick auf einen von der Regierung selbst gewollten Abbau von Gehältern und Löhnen so verbrauchs­mindernd wirken, daß Berechnungen über er­wartete Mehrerträge vollkommen illusorisch sind. Sicher dagegen sind weitere Vernichtungen, be­sonders mittelständischer Existenzen, eine Ver­mehrung der Arbeitslosigkeit und unsägliches Unheil für Zehntausende.

Oie Lappowahlen in Finnland.

Von (5. von Llngern-Sternberg.

Die Riksdagswahlen am 1. und 2. Ok­tober waren für Finnland von schicksalsschwerer Bedeutung. Die Lappobewegung wollte ihre Ernte einbringen. Vielleicht zum ersten Male in der Geschichte bürgerlich-demokratischer Staa­ten hatte ein Land den Vernichtungs­kampf gegen den Bolschewismus auf­genommen unter Zurücksetzung aller politischen und diplomatischen Einwände und ungeachtet der außenpolitischen Gefahr, und zwar nicht, weil seine Regierung es so wollte, sondern weil Kräfte aus der Tiefe des Volkes diesen Der- nichtungskampf verlangten. Richt ein wirtschaft­liches Interesse war im Spiel, sondern die Weltanschauung sollte siegen. Die Führer der Lappobewegung, der Landwirt K o - s o l a und Probst Kares haben gesagt, daß sie und die Ihren keine politische Partei bil­deten, sondern das Gewissen Finnlands seien. Die meisten der Bewohner Lappos und der anderen Ortschaften in der Provinz Osterbotten gehören pietistischen Vereinigungen an. Sie sehen im Bolschewismus eine Schöpfung des Antichrist, und dieses Teufelswerk wollen sie vernichtet sehen. Sie sind Romantiker der Poli­tik. Sie sind davon überzeugt, daß nicht die Polizei, sondern hauptsächlich der feste Wille der Gottgläubigen dem zersetzenden Treiben der Bolschewiken Einhalt gebieten kann. Und wo ein Wille ist, da meinen sie, ist auch ein Weg. Indessen ist auch der beste Wille nicht immer in der Lage, den richtigen Weg zu weisen. Und ob nun der heilige Wille der Männer von Lappo diesen Weg gesunden hat oder nach den Wah­len finden wird, das ist die Schicksals­frage Finnlands.

Als die Lappobauern, etwa 12 000 Mann, im Iuli dieses Iahres ihren Kreuzzug nach Hel- singfors eröffneten, die Regierung zum Rück­tritt zwangen und die Auflösung des Riks- dags veranlaßten, weil er die geforderten Anti­kommunistengesehe nicht mit der notwendigen Zweidrittelmehrheit angenommen hatte, da ju­belte fast die gesamte Tevölkerung von Hel- singfors, der größte Teil der Armee und das bewaffnete Schutzkorps den kernigen Gestalten der Lappobauern zu. Der Staatspräsident R e -

lander begrüßte sie und zum Chef der neuen Regierung wurde der der Lappobewegung wohl­gesinnte Freiheitsheld Finnlands, Swinhuf­vud, ernannt. Aber es ist nicht g a n z s o gegangen, wie es sich die Männer nach ihrem Triumphmarsch in die Hauptstadt gedacht hat­ten. In manchen Kreisen trat bald eine Er­nüchterung ein. Die Lappobauern hatten die Regierung vor einEntweder-Oder" gestellt. Ent­weder der Staat sollte alle kommunistischen Regungen unterdrücken oder si ewollten es a u f eigene Hand tun. Die von ihnen ange­wandten Methoden forderten bald zur Kritik heraus. Sie vertrieben, verprügelten, entführ­ten Kommunisten, wo immer sie sie ergreifen konnten und schoben sie gewaltsam als unwür­dige Mitglieder der menschlichen Gesellschaft über die sowjetrussische Grenze ab, kommu­nistische Zeitungsredaktionen und Vereinslokale wurden von ihnen demoliert. So schwächte sich denn das Erhebende an der Lappobewegung bei der Transformation ihres lodernden Willens in mechanisch wirkende Kräfte ab.

Zu dem inneren Problem der Weiterentwick­lung der Lappotendenzen, das in der tragischen Kluft alles Menschlichen zwischen Wollen und Vollbringen begründet ist, tarnen dann noch die unausbleiblichen Konflikte mit der ihr wohlge­sinnten Regierung Swinhufvud, von der verlangt wird, daß sie die traditionellen Frei- heitsbegrisse aufhebt und einen Teil der Bevölke­rung, die Kommunisten, als außerhalb des Gesetzes stehend behandelt. Gewiß kann durch Staatsschuhgeseh, durch Verhaftung von kom­munistischen Agitatoren usw. mancher Giftquell verstopft werden, aber es ist verwaltungstechnisch unmöglich, kommunistische Gesinnung als solche, wie die Lappoleute es verlangen, zu bestrafen und einen Bolschewisten nach sowjetrussischer Analogie aller Rechte für verlustig zu erklären. Die Lappo­leute und ihr starker Anhang nennen sich das Ge­wissen Finnlands. Cs besteht aber die Gefahr, daß sie von politischen Kondottteri ausgenuht, zu einer chauvinistisch-finnländischen Partei mit faschistischem Einschläge ausarten. Denn außer dem Kommunismus gibt es noch manches andere, w«s ihnen im Staate mißfällt. Ihr Pietismus

Arras, die Gespensterstadt.

Don Kurt Kersten.

Reserviert? Reservisten melden sich bet Schramm!" tönte es einem beim Verlassen des Bahnsteiges in Arras entgegen. Ein Schnauzbart stand an der Sperre, empfing auf diese Weise alle männlichen Passanten. Sie trugen meist den Pappkarton... Cs waren jüngere Leute, noch nicht dreißig Iahre alt. Vor 12 Iahren können sie noch nicht dabei gewesen fein, können sie noch nicht im Keller des Schrammschen Lokals in Arras, gehockt haben, während Granaten, Flie­gerbomben auf diese unglückliche Stadt, einen elenden Trümmerhaufen, niederfielen.Schramm" das ist eines dieser Lokale, in dem man sich im saubereit Zustande" einzufinden hat.Mili­tär- und Ausweispapiere sind mitzubringen... pünktlich um 8' , ilbr..." Schramm das klingt sehr deutsch und erinnert an Bockbier, Gartenfest und Fidelitas, an Gesangverein Frohsinn"Reservisten melden sich bei Schramm" ...

Das LokalSchramm" habe ich hernach in Arras gesehen, es wird da eine Kegelbahn geben und einen Saal, in dem Girlanden gespannt sind, es wird da einen Saal geben, der Raum genug für 1000 Reservisten bietet, die sich dort aus­kleiden, vor einen Militärarzt hintreten ...

Wenn man den Bahnhof verläßt, steht man auf einem jener großen öden, kahlen und kalten, immer bedrückenden Plätze, wie beinahe in jeder französisch^ Provinzstadt von Straßburg bis Boulogne, von Maubeuge bis Chartres. Zum Llnkerschied von jenen Städten sind nur die Kulissenwände in Arras neu, alle Häuser ringsum sind eben vollendet, Backsteinbauten, architektonisch nicht originell. Hierzulande hält man an der Tradition fest.

Cs lag einmal alles ringsum in Trümmern, die ganze Stadt war fast eine einzige Ruine. Es gab dort alte gotische Hallen, ein Rathaus, eine Kathedrale: zerstört, gewesen, heute neu errichtet nach den alten Plänen: reizlos, kalt, noch von Gerüsten umgeben. Wenn man vom Bahnhof durch die Hauptstraße geht, scheint alles unberührt, vielleicht wird niemand glau­ben, so er keine Ahnung von den Vorgängen haben sollte, daß es hier je anders war.

Aber wenn man um die Mittagsstunde in Seitengassen einbiegt und aufs Geratewohl los­schlendert, beginnt diese Stadt plötzlich am hellen Tage zu veröden, sich gespenstisch zu verwan­deln, plötzlich sind alle Menschen verschwunden, es gibt nirgends ein Lebewesen mehr, immer zahlreicher werden Trümmer, Schutthaufen,

Ruinen, Reste von Kellern, Grundmauern, iln- gepflasterte, holprige Gassen. Kahle Hauswände, Fensterhöhlen. Plötzlich erstarrt alles, wie in einem Zaubermärchen man kommt zu jenem vielgenanntenGroßen Platz", einer ungeheuren, bedrückenden Wüste, in weitem Viereck . um­standen von Fassaden alter Häuser mit jenen Arkaden jenen Säulengängen, die im Barock entstanden, als noch eine solche Stadtverwal­tung beschloß, nach einem Plane zu bauen.

Dieser Platz ist von einer grauenvollen Oede. Kein Mensch ist zu sehen. Ich weih nicht, ob diese Häuser bewohnt sind. Alle Fenster, alle Türen sind geschlossen. Aus keinem Kamin steigt eine Rauchfahne hoch, aus keiner Tür tritt ein Mensch hervor. Cs herrscht eine beklemmende, ja saft beängstigende Stille. Eine Szene wie in einer Spukgeschichte. Man glaubt, sein eigenes Herz schlagen zu hören.

Mitten auf dem Platz steht wie vergessen ein Park von Güterwagen zwischen Schutt und Asche. Einmal v Glück sprang eine riesige Dogge in großen Sähen über den weiten Platz. Dann kehrte die Einsamkeit zurück. Ich habe nie der­gleichen gesehen und machte, daß ich davon kam durch Gassen, die ebenso still und verödet waren eine Sekunde tauchte das gelbe, zer­knitterte, durchfurchte Gesicht einer alten Frau hinter einer Fensterscheibe auf.

So kam ich wieder zum Bahnhof und ging in ein Restaurant. Alle Tische waren beseht, nach einigem Suchen bekam ich einen Platz, aber die Verwirrung wich nicht, _ als ich mich umsah: es herrschte eine solche Fülle, daß nun kein Stuhl mehr frei war, aber alle diese Männer und Frauen, die hier saßen und aßen, schwiegen, und es war so, als wäre man in einer Gespensterstadt. Da waren Menschen, die vom Lande hereingekommen zu fein schienen: breite, wuchtige Gestalten. Sie hatten ihre Frauen mitgebracht gebräunt, mit blonden Haaren: Landfrauen, wie man sie auch in jeder deutschen Provinzstadt sieht. Die Männer finster, schwer. Nur ein alter Mann mit einem weißen Spih- bart schien mit einem Behagen ohnegleichen un­heimlich viel zu essen und noch mehr zu trinken. Ia ich habe noch im Gedächtnis den An­blick einer Frau groß und schlank, blut­jung mit glänzenden, dunklen Augen schwarz gekleidet, sie trug eine schwarze, enganliegende sternenübersäte Kappe, sie war im leisen Ge­spräch mit einem jungen Offizier. Aber diese lächelnde Schöne war kaum hier zu Hause was suchte sie in der Gespensterstadt?

Als sie verschwunden war, kehrte die Sttlle beängstigender wieder denn zuvor es war eine qualvolle halbe Stunde vielleicht nur in der Einbildung, vielleicht nur in der frischen

Erinnerung an den wüsten leeren Raum mitten in der neugeborenen Stadt, die eine Ver­gangenheit hat, und eine Zukunft haben wird, aber heute immer noch wie ein Spuk am hellen Tage erscheint. Lind dann fiel mir ein, daß Maxi­milian Robespierre ein Llrahne dieser bedrückend schweigsamen Männer gewesen ist, daß fein Vater dort draußen auf dem Lande im Kohlenrevier begraben liegt.

Brunnen-Humor.

Plätscherndes Wassergeriesel, perlendes Men- schenlachen welch heitere Harmonie eignet doch diesem uralten, ewig neu auftönenden Zweiklang. Heute wie einst erschallt er an dem einfachen Wasserstrahl des Dorfbrünnleins, ist in tausend­fältiger Abwandlung lebendig in den von Künstlerhand geschaffenen Brunnengestalten, de­ren Meister so gerne aus den Lebenskreisen und der Gedankenwelt des Volkes, aus seinen Mär­chen und Schwänken schöpfen. Zu der fremden Götterwelt der Antike, zu den schwerverständ- liehen Allegorien, mit denen Renaissance und Barock ihre prunkvollen Fontänen zu schmücken liebten, hat der schlichte Mann kaum je ein in­neres Verhältnis gefunden, es fei_ denn, daß sich sein immer reger Witz daran geübt und den so beliebten, dreizackschwingenden Neptun zu einem Gabelmänndl oder Gabeljörg umgetauft hat. Auch der unter der Bezeichnung ..Lach - Hannes" in Frankfurt a. M. so volkstümlich gewordene Brunnen, dieser unwiderstehlich mit seiner Fröhlichkeit ansteckende lachende Männer- kopf über der Inschrift:

Gesegnet soll der Trunk uns fein, Das Wasser euch und mir der Wein, hat seine ursprüngliche Abstammung von Vater Bacchus längst im Volksbewüßtsein verloren.

Leichter und ohne Sinnesumgestalkung haben sich jene Brunnenfiguren die Gunst der Menge erobert, die gleichsam aus ihrem Kreise heraus auf den Sockel empvrgestiegen sind. Unter diesen ist wohl keine populärer als das G ä n fe­rn ä n n ch e n von Nürnberg des Pankraz Laben­wolf, um das die Sage ein buntes Rankenwerk gewoben hat: dieses biedere Bäuerlein des 16. Iahrhunderts mit den beiden, ihrem Schicksal entgegenharrenden Gänsen unter den Armen, war eine auf den NürnbQger Märkten all­bekannte Gestalt. Vielleicht nur noch ein Brun­nendenkmal kann mit ihm noch an Volkstümlich­keit wetteifern, das sich in Brüssels Straßen so ungeniert gebärdende Bübchen, in dem die derbe wallonische Heiterkeit ihre vergnügten Kapriolen schlägt. Ein anderer, ein grausam-grotesker Hu­mor, der dem gegen menschliche Gebrechen so harten Mittelalter eigen war, kbt in dem Nürn­

berger Hansel-Brunnen im Spitalhof, der Verkörperung eines gutartigen, die Schalmei bla­senden Narren, wie er auf seinen verkrüppelten Beinchen, verspottet, aber auch beschenkt, musi­zierend und bettelnd durch die Straßen der Stadt zog. Lieberhaupt erfreuten sich die Musikanten als Brunnenfiguren besonderer Beliebtheit: so findet sich in nächster Nachbarschaft des Gänse­männchens der Dudelsackpfeifer, dieser fröhliche, aut den Märkten von jung und alt umlagerte Geselle, aut einen Brunnen emporgehoben, wie ihm auch die gleiche Ehre an anderen Orten, z. B. in Basel und Bern, widerfuhr. Zumal der Berner Dudelsackpfeifer, den ein Affe und eine Gans bei seinem fröhlichen Konzert begleiten, während unter ihm tanzende Gestalten einen tollen Reigen schlingen, ist die köstlichste Verkörperung des sorglosen Vagantentums, das seine Sach' auf Nichts gestellt hat. Bern weist auch noch so manche andere heitere Brunnenfigur auf, wie den zum Kinderschreck den Berner Müttern dienenden, längst seiner historischen Be­deutung verlustigen, unheimlich-grotesken Kindlisresser-Drunnen, oder den Schühenbrunnen, der neben dem stolzen fahnen­tragenden Schützen einen mit drolliger Wichtig­keit zum Schuß anlegenden Meister Petz zeigt.

Gern erweckt auch die Brunnenplastik die Ge­stalten der heimischen Sage zum Leben, wie dies in besonders glücklicher Weise in dem Braun­schweiger Eulenspiegel- Monument gelun­gen ist: oben thront der niedersächsische Schalk, ein Bild der Zufriedenheit mit seinem geleisteten Tagewerk, das ihn in Gestalt der von ihm ge­schaffenen Eulen und Meerkatzen, denen hier das Amt des Wasserspeiens obliegt, umgibt. Eine sehr anmutige plastische Verkörperung hat auch die Kölner Heinzelmännchensage in ihrer Vaterstadt gefunden: hier erscheint hoch oben über dem Brunnen die neugierige Schnei­dersfrau mit der Laterne, indessen rechts und links die Treppe hinab die erschreckten kleinen Wichte purzeln, die eben noch auf den Reliefs unten so nützliche Nachtarbeit geleistet haben.

Schier unerschöpflich ist auch die Schar der Brunnenfiguren, die, der heiteren Märchenwelt mit ihrem dem Kinder- wie dem Volksgemüt gleich nahestehenden Gestalten, ihreiv drolligen Zwergen und täppischen Riesen entnommen, einen fröhlichen Bund mit den Wasserkünsten eingegan­gen sind. Am heitersten und festlichsten lebt wohl diese wundersame Welt in dem monumentalen Märchenbrunnen des Berliner Friedrichshains von Ludwig Hoffmann, um dessen liebvertraute Gestalten tagtäglich fröhliches Kinderlachen er­schallt, in eins zusammenklingend mit dem plät­schernden Wasser, mit der Grundmelodie dieses Werkes. fri. F.