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Samstag, 10. Mai 1950

Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Nr. 109 viertes Blatt

Wandern und Reisen Bäder und Sommerfrischen

Doch für diese großen Verluste bot die Itatur

dem schwer betroffenen Ort wertvollen Ersah, ba Tölz sollte nicht als Antiquität absterben, als zu Ort, der sich und sein Glück überlebt hatte. 1 -t

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Bädern und Sommer­

frischen finden durch den GießenerAnzeiger beste Verbreitung.

1864 wurden die Jodquellen am Blom­berg entdeckt. Just in dem Augenblick, als der Fluh unten aufhörte, Quell des Wohlstandes zu sein, sprangen aus dem Fels oben rechtzeitig neue Segensqucllen. Quellen des Wohlstandes und der Wohlfahrt zugleich, wohltätige, heil­bringende Quellen, um die rasch ein ganzer Stadtteil auswuchs mit Trinkhallen, Kurhäusern, Hotels, Villen, Pensionen, Anlagen und Prome­naden. Das neue Tölz jenseits des Flusses ist vr sich ein ganzes Städchen geworden, das nlir dem Erholung- und Heilungsuchenden dient und seinem Wohl. Ursprünglich trug cs den schönen Hamen Krankenheil, eine Stadt, die zum Heil und Heilen errichtet ist. Von Jahr zu Jahr wächst die Bedeutung des Ortes, immer neue Hotels entstehen, neue Dillen, die alten werden vergrößert, verbessert. Der Stallauer Weiher hat heute, wie s sich für einen modernen Weiher ge­hört, seinen Badestrand. Eine stattliche neue Trink« und Wandelhalle wurde am 1. Mai er­öffnet. Wie man drüben im alten Tölz stolz festhält an der Bautradition früherer Jahr­hunderte, so will man hier in der neuen Stadt immer auf der Höhe fein. Und die Hatur hält Schritt mit dem Eifer der Tölzer. Eine neue Jod-Schwefelquelle, ergiebiger als alle bisherigen, ist vor einiger Zeit entdeckt worden.

Dieses Bad hat vor vielen anderen Bädern den seltenen Vorzug: es ist ein ländlicher Kurort. Land und Landschaft sind hier nicht nur schmücken-

bellt Aithan und Rheunn. tuuerde- K*- urrSe, Bronchitis. Nearaljd«. Fraacnldd«. Kinderkrankheiten. Modernei KunnltieJ- baui - Althbtoriiche Stadt. Prospekte durch die Kurverwaltung. 1 eh 711,

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Hapagreisebüro S. Loeb, Kietzen (Hessen), Seitenweg 93, Tel 4197

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Bad Tölz in Oberbayern.

Bon 3 Frank.

Der Tölzer Marktplatz ist eine Straße. Ge- rade vom Fluß her strebt sie über den Ufer- rüden herauf, auf dem die Stadt sich angesiedelt hat. weitet und buchtet sich ein wenig vor den Häusern, die Waren landen zu können, dte sie heranführt, und trachtet dann schnell, kurz, ge­rade. als hätte sie keine Zeit zum Verweilen, hinaus ins Freie. Eine Handelsstraße offenbar, an der allmählich sich die Stadt angebaut hat, an der allmählich Bürgerwohlstand entlang wuchs. Dieser Marktplatz Straße und Markt zu­gleich" weist stattliche Häuser auf, Hauser, bic breit und behäbig dastehen, im Volumen schon Gewichtigkeit und Wohlstand verratend, mit mächtigen Torgängen, die nicht nur zur Einfahrt dienten für die hohen Zeltwagen, son­dern auch zur gastlichen Unterkunft. Die Dächer sind weit vorgerückt in die Häuserstirn wie breit» krempige Schützenhüte. Alles ist groß und weit, Häuser, Dächer, Tore, Räume. Wer so baute, mußte auch so leben können. Aber die Häuser begnügten sich nicht, durch ihre Statur, durch ihre Körperlichkeit zu imponieren, sie wollten auch ein wenig kokett fein, legten Farben auf. schmückten sich mit frommen Sprüchen und Bil­dern. Man ist sinnenfroh hierzulande und sah in Farben immer ein Bekenntnis des Frohsinns.

Und an dieser Straße ein Gasthaus neben dem anderen, ein Bräuhaus neben dem andern, zu viele für eine gewöhnliche Ortsstraße, für einen gewöhnlichen Marktplatz. Und die Bürger­häuser Wetteifern mit den Gasthäusern in statt­licher Räumlichkeit und bunter Farbenfreude. Lluch wer nichts von diesem Orte weiß, erkennt Sofort: es kann kein beliebiges Städtchen sein, muß seine wohlbegründete historische Bedeutung haben. Denn diese Parade des Wohlstandes, diese Galerie von Häusersresken ist nicht von heute, keine Willkomms-Dekoration für Sommer­gäste. keine Fest-Drapierung für die Fremden­saison, sondern der Rachlaß einer wohlhabenden, lebensfrohen Vergangenheit. Diese Stadt war einmal die größte Oderbaycrns. ihre Bevölke­rung stand der Zahl nach wenig zurück hinter der der herzoglichen Hauptstadt München. 30 000 Einwohner zählte Tölz im 16. Jahrhundert, säst fünfmal soviel wie heute. Es war ein Verkehrs- yentrum des Landes dank seiner Lage am schiff­baren Fluß. Hier setzte einmal die alte Salz­straße. die am Rordrande der Alpen hinzog, über die Isar. Hier war der große Umschlags­platz. von dem aus die Flöße die Waren isar­abwärts nach München führten, donauabwärts bis nach Wien. Der Tölzer Floßknecht war ein halbes Jahrtausend Pionier des Welthandels. Tölz stand sich gut und lebte danach. Es braute sich stärkeres Bier als andere Orte und genoß den Ruf einer bierseligen, braukundigen Stadt. Doch der Dreißigjährige Krieg und die Pest entvölkerten den Ort. das Münchener Bier ver­drängte das Tölzer von den süddeutschen Wirts­tischen, und der Schienenstrang nahm der Wasser­straße das tausendjährige Monopol des Verkehrs.

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Der wesentliche dieser fruchtbaren Gegensätze: daß es eigentlich nur zwei Grundformen gibt, aus denen man wie aus einem Baukasten die rheinische Landschaft nachsormen kann. Entweder treten die Berge dicht an den Strom, das gibt dann ein wechselvolles Spiel sich übcrichneidcn- der Kurven, oder sie treten zurück und eröffnen damit immer neue Räume. Genauer: eS sind engere oder weitere Räume, die den Strom begleiten, die ihm ein Mindestmaß gönnen oder die ihn nut von fern begleiten. So gibt es denn auch zwei Grundformen menschlicher Siedlung, die wechselnd mit ihm wandern: die Dörfer und die Städte, die auf den engen Raum der Uferstraße gepreßt sind, Parallelen zum Strom, und die andern, die am Mund der Seitentäler oder vor dcm Hinterland der Wannen den Platz haben, sich zu entfächcrn. Es sind sozusagen gegensätzliche Elemente, wiewohl es auf den ersten Blick scheinen könnte, ein enges Tal und ein weites Tal denn darum handelt es sich hier doch seien nicht allzusehr voneinander unter­schieden. Und doch bedeutet es für den Menschen und sein Auge einen großen Unterschied, ob die Hügelzüge an den Strom herandrängen, wie bei dem Terrassengebiet von St. Goar oder ob sie, wie der Schwarzwald und die Vogesen, so weit zurückspringen, daß man schon bei toenig diesigem Wetter sie nicht mehr sieht freilich, daß man sie immer ahnt und allzeit um sie weiß, spielt im Heimatgefühl der oberrheinischen Be­völkerung eine wichtige Rolle.

Ter die Gegensätzlichkeit dieser Elemente mil­dert, ist der Strom, ohne den ja diese Landschaft tot erscheinen würde. Schon im oberrheinischen Gebiet wird er so stark, daß man ihn nicht mehr einen Fluß nennen kann: es gibt Partien im Rheingau und im Reuwieder Becken, in denen er als ein See erscheint. Immerhin hat er an keiner Stelle das Wesen eines der großen russischen oder amerikanischen Ströme, die Ufer $u tren­nen; wir wissen zwar, daß uns die Drucke schnell hinüberläßt, daß uns die Fähre und Ponte in wenigen Minuten hinüberträgt, aber das Auge knüpft geschwind zusammen, was noch körperlich getrennt ist. Allein in Hochwasser­zeiten hat der Strom, der freilich im Sommer genug Schwimmer hinabzieht, ein drohendes An­sehen; doch gibt er auch sonst der Landschaft den Akzent, weil er die Wetterstimmung, das Grau und das Blau, unmittelbar spiegelt.

Aber er mildert nicht nur den Wechsel land­schaftlicher Gegensätze, er bringt sie zur Sinßeit. Das liegt in einer ganz einfachen, klimatischen Tatsache begründet. Der Wetterforscher stellt zwar fest, daß am Rhein die trockenen und die Riederschlagsgebiete wechseln, aber das ist au8 einem besonders feinen Maßstab gewonnen. Die Wasserfülle und die verhältnismäßig große Wärme in Godesberg beginnt das deutsche Frühjahr mit dem ersten Knospentrieb brin­gen es mit sich, daß im Rheintal die Derdnn- stungsmenge ziemlich groß ist. Deshalb zeigt diese Landschaft ganz selten scharfe Kontucen (was auch aufs Geistige abfärbt). Am Morgen und am Abend sind es die Rebel, am Wittag die Hitze, die die Berge und Ufer mit einem flimmernden Hauch verhüllen. Diese schwärmen­den leichten Schleier geben der Landschaft selten etwas Drückendes, sie machen sie meistens pfingst­lich. Cs ist ein fast schon südlicher Tumult von Licht über ihr, der durch die im engen Tal

Was macht den Reiz der rheinischen Land- I schäft aus? Ihre Mannigfaltigkeit. Der Hoch­rhein, sein zerklüftet alpines Gebiet bis zum Bodensee und Basel, der Ober- und der Mittel­rhein behaupten ihre Sonderart; alle haben sie gemeinsam, daß sie keine Urlandschaften sind. In geschichtlicher Zeit sind sie es wenigstens nicht mehr, feine Steppe als Ueberbleibfcl ver­schobenen Eises, kein endlos wilder Wald deu­tete noch darauf hin. Wir besitzen keine groß­artigen Bilder des alpinen Rheins oder seines melancholischen Deltas, keine Bilder mit dem Willen oder doch der Sehnsucht zur Urland- schost.Das Meer", behauptet mit einem andern, doch nicht femliegenben Ausblick Thomas Mann in seiner patrizischen Lübecker Rede, das Meer ist keine Landschaft, es ist das Erlebnis der Ewigkeit, des Richts und des Todes, ein metaphysischer Traum; und mit den luftverdünnten Regionen des ewigen Schnees steht es sehr ähnlich. Meer und Gebirge sind nicht ländlich, sie sind elementar im Sinne letzter und wüster, außermenschlicher Großartigkeit' ... Mag die rheinische Landschaft Wasserflut und Berge ihr eigen nennen, die Flut ist ein Fluß und die Berge sind Hügel; doch wäre es falsch, an ihrer gütigen Jdyllik vorbeizusehen. Um es in Zahlen auszudrücken: der Strom fällt von Straßburg bis Köln, auf fast vierhundert Kilo­meter, ganze hundert Meter; ein Gefälle also, das außer in schlimmsten Hochwasserzeiten mild zu nennen ist; und jene Hügel im Hunsrück oder Taunus, die man Berge nennen muß, liegen weit

zurück. Wie die deutsche Landschaft überhaupt zu überwiegenden Teilen Mittelgebirgslandschaft mittlerer Verhältnisse und Kontraste ist, so ist es auch die rheinische. Hat sie etwa den düster drohenden Klang norwegischen Steillandcs, die dürre gelbe Eintönigkeit spanischer Hügel, die Monotonie ostdeutscher, ins Russische hinüber- wechselnder Striche? Richts von alledem. Das muß man aussprechen, um den feinen und reinen Wert tiefer zu spüren, der in solcher Schönheit der durchgebildeten Proportionen beschlossen ist.

Durchgebildet": damit wäre gesagt, daß bas mittlere Maß der Größenverhältnisse und Raum­beziehungen die Gegensätze, fruchtbare uni> toirf» fame Gegensätze, nicht im mindesten ausschließt. Im Gegenteil: auf das Ganze und auf die Einzelheiten betrachtet, schichtet sich die rhei­nische Landschaft aus den angenehmsten Gegen­sätzen. Dieser Rhythmus ist oft genug dargestellt worden, ich zaudere ein wenig, ihn nochmals abzuschreiben. Die Riescnwanne des Ober- rheins unterscheidet sich von der des Rhein- gaus eigentlich nur durch die Größenverhalt­nisse, erst die Kölner Bucht hat einen etwas anderen Charakter; aber es sind jeweils große Durchbrüche, der durch den Jura, der durch den Taunus und der durch das Schiefergebirge, die den Strom in die nächste Wanne leiten. Cs ergibt sich immer wieder, wenn nicht das gleiche, so doch ein ähnliches Bild: Durchbruch, Ebene, Durchbruch uff., ein Rhythmus, der eben nichts anderes bedeutet, als reichste Fülle der Gegensätze innerhalb der gegebenen Jdyllik.

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des Zubehör, angenehmes Dekor, sondern Haupt­sache. Wesen, Lebenselement. Der Fluß, der diese Stadt geboren hat und wachsen ließ, die Isar, verhindert, daß das alte und neue Tölz zu einem Ort zusammenwachsen, verwehrt der Stadt, vollends Stadt zu werden, erzwingt der Ratur eine Passage, hält ewig eine Perspektive offen, eine letzte Perspektive von Weiträumig­keit hier, am Tor der Alpen, wo die Ebene allmählich an den Berghängen ausschwingt. Hier ist letztesLand", letzte Scholle, letzte Bauern- erde. Eine frische, herbe Landschaft mit vielen lichten Tönen: heller Himmel, grün-toeißer Fluß, gelbes Sandbett, im Hintergrund der weiße Schnee des Karwendels, der bis in den Sommer hinein glitzert. Und dieses Land, das noch der Bewirt­schaftung dient, sich noch willig nützen läßt, macht dem Wanderer und Fußgänger keine Mühe. Hier kann man sich noch gemächlich ergehen, ein Land für Erholungsbedürftige, die nicht mit Strapazen sich den Genuß der Ratur erkaufen können. Und doch schon Cinfallstor in die Welt des Gebirges, Ausgangspunkt für Touren ins Kochel- und Walchenseegebiet, in die Felsen­regionen des Karwendels. zum Tegernsee und seinen Bergen. Richt weit von hier die ersten Hochwarten, die Vorberge, die. vor die Alpen hingestellt, wie mächtige Aussichtstürme, Ebene und Gebirge überschauen: der Blomberg, zu dem bequeme Promenadenwege führen, die Denediktenwand. der erste Fels alpinen Charakters, Vorschule für angehende Bergsteiger.

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