Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Nr. 58 Zweites Blatt
Gefahren in Spanien.
| Don unserem v. Oss.-Derichterstatter. Dachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!
Madrid, März 1930.
Abgesehen von seiner ersten kurzen Regie- rungserklärung einige Tage nach Hebernahrne des Präsidiums, hat sich der General Deren- g u er hinsichtlich seines Programms sehr lange ausgeschwiegen. Erst spät gaben einige ausführlichere Erklärungen und Deden des Ministerpräsidenten ein leidlich klares Bild von den Zukunftsabsichten der neuen Regierung. Bercn- guer weist immer wieder auf die aufrcrordent- lichen Schwierigkeiten hin, mit denen sein Kabinett bei der Durchführung der ihm von der Krone übertragenen Aufgaben zu kämpfen hat. Als Hauptaufgabe wird die uneingeschränkte Wiederaufrichtung der Rechtsordnung bezeichnet, mit der Hand in Hand die Wiederherstellung der spanischen Politik, die er als unter der Diktatur zerfallen bezeichnet, zu gehen habe. Gleichzeitig betont er den eisernen Willen der Regierung, die öffentliche Ordnung und Sicherheit unter allen Umständen aufrecht- zucrhalten und jeden Störungsversuch, komme er woher auch immer, mit aller Energie zu unterdrücken. Das Wort „Monarchie und Verfassung" sei der Leitfaden für die Politik des Kabinetts. Das Land müsse durch die Garantierung der in der Verfassung festgelegten Sicherheiten in die Möglichkeit versetzt werden, sich gegen die Feinde der Monarchie, welche zugleich die Feinde der Allgemeinheit seien, zur Wehr zu sehen.
I Den Gouverneuren legt der General nahe, in ihren Provinzen dafür zu sorgen, daß die Moral hochgehalten werde, was insbesondere hinsichtlich des Glücksspiels gelte, das auch weiterhin verboten bleiben wird. Besonders interessant ist der Hinweis Berenguers darauf, daß die Rückkehr zu normalen, gesetzmäßigen Verhältnissen nur sehr langsam und unter Wahrung möglichster Vorsicht beschritten werden kann. Er sagt wörtlich: „Man muh mit Umsicht vorgehen, um zu verhindern, dah durch vorzeitiges Ziehen der Ventile gerade die Freiheit bedroht werde, welche die Regierung dem Lande wiedergeben will." Wie ernst die Regierung diese Gefahren, die natürlich hauptsächlich in der republikanischen Propaganda erblickt werden, beurteilt, zeigt die Anweisung an die Gouverneure, worin zwar erklärt wird, dah auch andere politische Ideen als die monarchischen in Spanien Plah hätten, dah ihre Pro- pagandierung aber nur insoweit zugclass:n werden dürfe, als dadurch keine Störungen der öffentlichen Ordnung hervorgerufen würden und vor allem dem Vaterland und der Monarchie keine Gefahr daraus erstehe. Auch die Zen- s u r werde weiterhin aufrcchterhalten, um die Schaffung von Winfrieden und persönlichen Gehässigkeiten zu verhindern. Bei dieser Gelegenheit ergeht die besondere Anweisung an die Zensur, unter keinen Umständen eine unsachliche Kritik an der Diktatur Primo de Riveras zuzulassen, da sich unter der Maske der Kritik nur allzu leicht weiterreichende, den Bestand der heutigen Staatsform bedrohende Absichten verbergen könnten. Eine späte, aber richtige Erkenntnis der neuen Regierung.
Die die Wirtschaft und Finanzen betreffenden Erklärungen Berenguers werden durch eine offiziöse Rote des Finanzministers und kurze Ausführungen des Wirtschaftsministers ergänzt. Danach betrachtet die Regierung die sofortige Inangriffnahme der Wirtschaftsprobleme als vordringliche Arbeit. Der Finanzminister sieht in der objektiven und ernsten Revision des Diktaturwerks seine Hauptaufgabe. Da seiner Ansicht nach die Regierung Primo de Rivera hinsichtlich der reproduktiven Art der in großem Mahstabe aufgenommenen öffentlichen Arbeiten sich in einer märchenhaften 3llu-
Bankraub in Boston.
Von Jo Hanns Rösler.
Dienstag, 19. Septbr. 1929, 9 Uhr 19 Minuten.
„Die Morgenpost, Herr Direktor." „Danke."
Das Messer fuhr zwischen die bunten Kuverts.
„Propaganda", verteilte Direktor Chesterson die Eingänge. „Devisen — Personal — Kredite — Devisen — Devisen — Personal — Kredite — Effekten — und hier — einen Augenblick —"
Auf dem Umschlag des Schreibens stand:
„Flugpost. Herrn Direktor Chesterson persönlich, Atlantic Bank, London."
Als Absender:
„Direktion der Barrymoore-Bank, Boston." Dos Kuvert fiel zu Boden.
Chesterson las:
„Sehr verehrter Herr Direktor! Grund unserer langjährigen Geschäftsverbindung mit 3ßrer Bank, wenden wir uns heute mit einer persönlichen Bitte in einer heiklen Angelegenheit an Sie.
Einer unserer Prokuristen, der schon seit dreißig Iahren im Dienst unserer Bank steht und unser vollstes Vertrauen genoß, ist gestern unter Mitnahme eines Paketes Aktien der Generalmotors im Aominalwert von dreihunderttausend Dollar geflüchtet. Recherchen ergaben, daß er sich in Reuyork auf den Dampfer Bremen nach London eingeschifft hat. Der Dampfer läuft in London Dienstag, den 19. September 1929 mittags ein. Wir wären Ihnen nun sehr verbunden, wenn es Ihnen möglich wäre, dem Defraudanten, dessen genaues Signalement unserem Schreiben beiliegt, die Aktien auf gütlichem Wege wieder abzunehmen und uns per Flugpost wieder zuzustellen. Don einer Anzeige würden wir in diesem Falle absehen, um einerseits den Ruf unserer Bank nicht zu gefährden und anderseits in Anerkenntnis der immerhin dreißigjährigen Dienstzeit. Wir gehen sogar so weit, dah wir sie ermächtigen, nach Empfang der Aktien unserem ehemaligen Prokuristen eine Abfertigung von taufenö Pfund zu übergeben unter der ausdrücklichen Bedingung, dah er nie wieder Amerika betritt. Mit den tausend Pfund wollen Sie bitte unser Girokonto belasten."
Höflichkeitsformeln und Hnterschriflen folgten. Chesterson sah auf die Hßr.
In zwei Stunden muhte der Dampfer einlaufen.
Er las noch einmal aufmerksam das Signale-
sion befunden habe, fordert er zunächst die Streichung all jener Posten iin Staatshaushalt, die sich auf neue Arb eiten beziehen. Ferner verfügt er die sofortige Einstel - l u n g der Aufnahme neuer Kredite und Kontrakte durch die von der Diktatur geschaffenen großen Gesellschaften zur Erfassung der Wasserkräfte des Landes (Confederaciones Hidraulicas). Eine weitere Gefährdung der Staatssinanzen erblickt das Ministerium in den von seinen Vorgängern errichteten zahlreichen S o n d e r k a s s e n, die Verschiebungen ermöglichten und dazu beitrügen, das wahre Bild der Staatssinanzen zu verschleiern. Als Letztes wird die Forderung ausgestellt, sämtliche in Ausführung begriffenen öffentlichen Arbeiten hinsichtlich ihrer allgemeinen Rühlichkeit im Verhältnis zu ihren Kosten rasch und eingehend zu überprüfen. Das Gesamtministerium ist der Ansicht, daß diese Maßnahmen zusammen mit dem Beschluß des Wirtschastsministcrs, die Aus- fuhrüberwachungskon.i'ees aufzuheben, sowie dem Handel und der Industrie ihre volle Handlungsfreiheit nach Möglichkeit wiederzugeben, sich auch günstig auf den Pesetenkurs auswirken werden. Die Regierung erklärt, dah sie sich noch der am 14. März stattfindenden Restzahlung der durch das Peseteninterventions- komitee im Ausland ausgcnommenen Kredite jeöer Einflußnahme auf den Kurs enthalten werde. Man sicht auf dem Standpunkt, die Pesete fei gesund genug, um sich selbständig zu erholen, wenn mit den Sparmaßnahmen ernstlich begonnen werde.
Es steht außer Zweifel, dah die Regierung bei der Durchführung der oben erwähnten Aufgaben die Unterstützung der Mehrheit des denkenden spanischen Volkes finden wird, das klug genug ist, um die außerordentlichen Schwierigkeiten zu verstehen, die sich der Regierung in den Weg stellen. Die
ganze Linke dagegen ist von der Regierungserklärung sehr enttäuscht, bezeichnet die Regierung Berenguer als Fortsetzung der Diktatur mit anderen Gesichtern und schreit unaufhörlich nach Wahlen. Wer weih, dah die Politik in Spanien immer nur von kleinen Gruppen gemacht worden ist, wird die Besorgnis der Regierung verstehen, die in dem Auf- flammen der republikanischen Idee während der letzten Wochen eine nicht zu unterschätzende Gefahr erblickt. Wer behauptet, die Republikaner seien eine derartig kleine Partei, daß sie niemals ernstlich in Betracht gezogen werden dürsten, kennt die politischen Möglichkeiten in diesem Lande nicht. Die Partei ist zwar kleiner als alle übrigen, die ebenfalls — nach unseren Begriffen gemessen — über kaum nennenswerte Mitgliede zahlen verfügen, aber dieIdee ha t Wurzeln geschlagen und es steht außer Zweifel, dah heute völlig unbeeinflußte Wahlen — wie sie natürlich hier nie zustande kommen werden — eine sehr starke republikanische Strömung an den Tag bringen würden. Dabei muß, ebenfalls im Gegensatz zu der heute üblichen Auslegung, festgestellt werden, daß eine große Zahl dieser Gruppe nicht nur wegen ihrer Heberzeugung hinsichtlich der Vorteile der revu- blikanischen Staatsform angehvrt, sondern klar heraus zugesteht, daß sich ihr Kampf in erster Linie gegen diePersondes augenblicklichen Inhabers der Krone richte. Der frühere konservative Ministerpräsident Sanchez G u e r r a hat das deutlich genug ausgesprochen. Umsonst ist die Regierung des Generals Berenguer nicht so vorsichtig: sie weih wohl, um was es geht. Darum auch der Versuch einer großen monarchischen Konzentration, deren Zustandekommen wesentlich von der Haltung der sogenannten Liberalen abhängen wird, die sich immer noch nicht klar entscheiden wollen.
Gegelslugtagung in Darmstadt.
WSR. Darmstadt, 9. März. Die 1. Internationale wissenschaftliche Segelflugtagung, die aus dem In" und Ausland sehr start besucht ist, nahm gestern vormittag in einer offiziellen Eröffnungssitzung ihren Anfang. Unter den Ehrengästen befinden sich Vertreter der Reichsregierung, insbesondere des Reichsverkehrsministeriums, des preußischen Handels« und Innenministeriums, des bayerischen Innenminister ums, ic3 würtlembergischen Wirt- schastsministeriums, sowie Vertreter aller Technischen Hochschulen, an denen Lehrstühle für Lustfahrt bestehen, ferner Mitglieder der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt, der deutschen Flugverkehrsunternehmungen, sowie die offiziellen Abgeordneten der französischen, englischen, holländischen, belgischen, ungarischen, italienischen und amerikanischen Regierungsstellen und deren interessierter Organisationen.
Ter Vorsitzende der die Tagung tragenden Rhön-Rossitten-Gesellschaft,
Konsul Or.-Zng. e. h. Kotzenberg- Srantfurf a. M.
begrüßte die Erschienenen in herzlichen Worten. Er gedachte der ersten Versuche des Segelsluges, die von Darmstadt ausgingen, und heute zu so großartigen Leistungen ßerangereift seien, dank der engen Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und idealgesinnter Iugend. Unter lebhaftem Beifall gab er der Hoffnung Ausdruck, daß das Fortschreiten der Entwicklung des Segelflugsportes die Völker einander näherbringen möge.
Oer hessische Staatspräsident Or. Adelung,
der alljährlich die Segelflüge auf der Wasserkuppe aufsucht, begrüßte hierauf mit herzlichen
Worten die Teilnehmer der Tagung, insbesondere die Vertreter der in- und ausländischen Regierungen. Er führte u. a. aus: Dah die Tagung in der Technischen Hochschule in Darmstadt stattfindet, liegt in der Tatsache begründet, daß das Forschungsinstitut der Rhön-Rossitten-Gesellschaft seinen Sih in Darmstadt hat, in enger Beziehung zur Hochschule und ihren wissenschaftlichen Einrichtungen steht, und dah der verdienstvolle Leiter des Instituts Lehrer an unserer Hochschule ist. Es bestehen aber noch andere, ältere Zusammenhänge zwischen der Segelflugbewegung und der Technischen Hochschule. Auf Darmstadt gehen die ersten Anfänge der Bewegung zurück. Seit 1911 hat sich die Darmstädter „Flugsport- Vereinigung", eine Gruppe von Schülern und Studenten, mit Gleitflugversuchen befaßt. Mitglieder dieser Vereinigung haben damals die Wasserkuppe in der Rhön entdeckt. Im Herbst 1912 konnte dort einer der jugendlichen Gründer der Vereinigung, Haus Gutermuth, einen Gleitslugrekord von 838 Meter ausstellen. Der Weltkrieg hat die Arbeiten der Flugsportvereinigung unterbrochen. Rach dem Kriege übernahm unter der geistigen Führung von Geheimrat Dr.-Ing. ehrenhalber Gutermuth, Professor Eberhard und Professor Dr. Sch link die „Akademische Fliegergruppe" Darmstadt die Tradition der Flugsvortvereinigung. Die „Akademische Fliegergruppe" bildete dann ein Kernstück der von Zivil-Ingenieur Ur» sinus und Konsul Dr. Kotzenberg, Frank»- furt, geschaffenen alljährlichen Segelflug-Beran- staltungen auf der Wasserkuppe und in Rossitten. Der akademischen Fliegergruppe sind bis in die neueste Zeit viele Erfolge beschieden gewesen. Gar manche Bestleistung wurde von ihr mit den selbstentworfenen und »gebauten Flugzeugen
ment, steckte es dann in die Tasche und klingelte.
„Meinen Wagen."
„Sofort, Herr Direktor."
Dienstag, 19. Septbr. 1929, 14 Uhr 14 Minuten.
„Gestatten? Ist dieser Plah frei?"
„'Bitte.“
„Danke.
Chesterson setzte sich.
Ihm gegenüber faß Mister Brown aus Reu- hork, wie er sich vor einer Stunde in das Fremdenbuch des Hotels Richmond eingetragen hatte. Chesterson hatte ihn sofort an der Landungsbrücke erkannt. Er war ihm in einer Autodroschke in das Hotel gefolgt und wartete in der Halle, bis sich Brown zum Essen begab. Dann folgte er ihm.
Setzte sich an seinen Tisch.
Hebet Höslichkeitsformeln leitete sich ein Gespräch ein.
„Sie reifen zum Vergnügen?"
„3a. Will mir ein wenig Europa ansehen."
„Ich beneide Sie darum. Leidet sind mir größere Reisen unmöglich, da mich meine Geschäfte in London festhalten."
„Sie sind Kaufmann?"
„Bankier", stellte sich Chesterton vor, „gestatten übrigens, Direktor Chesterson von der Atlantic Bank, London."
„Seht erfreut. Ich heiße Brown. Ihre Bekanntschaft ist mir doppelt angenehm, weil ich für einen Freund Aktien übernommen habe, die er in London zu lombardieren wünscht."
„Ein größeres Objekt?"
„Dreihunderttausend Dollar. General Motors." „HnD wie hoch wäre der Betrag, den Sie darauf wünschen?"
„Die Hälfte."
„Hundertfünfzigtausend Dollar."
„3a.“
„Es würde mir eine Ehre fein, wenn Sie meine Dank damit beauftragen.“
„Wann paßt es 3hnen?"
„Wenn es 3hnen nichts ausmacht, werde ich -nach dem Essen in der Halle auf Sie warten."
„Aber gern.“
Dienstag, 19. Septbr. 1929, 15 Hhr 15 Minuten.
„Wenn ich bitten darf", ließ ihn Chesterson vorangeh en.
„Danke."
„Zigarette gefällig? Likör?“
„Danke. Vielleicht später. Erst das Geschäftliche.“
I „Ditte. Kann ich die Stücke sehen?"
Drown öffnete seine Tasche. Entnahm ihr ein verschnürtes Paket.
„Das Verzeichnis ist obenauf“, sagte er.
Chesterson verglich die Aufstellung.
Da waren genau dreihundert Stück im Romi- nalwert von dreihunderttaufend Dollar.
„Hier ist die Bestätigung", unterschrieb er das Duplikat.
„Danke. Soll ich damit selbst an die Kasse gehen?"
„Richt nötig", drückte Chesterson auf eine Klingel, „ich lasse alles ordnen."
Zwei Beamte traten ein.
„Hier sind die Altien", übergab Chesterson das Paket, „und bringen Sie dem Herrn dafür das Schreiben der Barrhmoore Bank, Boston."
Drown erschrak.
„Was soll das heißen?“ sprang er auf.
„Richts, als daß ich von Ihrer Dank beauftragt bin, die unterschlagenen Effekten in Sicherheit zu bringen.“
Drown «brach zusammen.
Er legte ein Geständnis ab, erzählte von Spielschulden, berichtete über seine Flucht, bereute die Tat.
„Werden Sie mich jetzt verhaften lassen?“ fragte er dann leise.
»Rein."
„Rein?"
„Ihre Dank hat mich beauftragt, Sie lausen zu lassen und 3hnen tausend Pfund als Abfertigung für Ihre Dienste zu übergeben, falls Sie sich verpflichten, nie wieder die Vereinigten Staaten zu betreten.“
Drown verstand erst nicht.
Chesterson mußte es ihm wiederholen.
Da war es mit seiner Fassung vorbei. Reue trieb ihm Tränen in die Augen, und er weinte hilflos, wie ein Kind. Unter stammelnden Dan- keswprten nahm er das Geld in Empfang und versprach, sich ein neues Leben aufzubauen. Dann ging er.
*
Dienstag, 19. Septbr. 1929, 16 Hfjr 26 Minuten.
Kabel London—Boston:
„Barrhmoore Bank, Boston. Auftrag ausgeführt. Defraudanten Prokuristen s'fort festgestellt, Effekten abgenommen und per Flugpost Boston abgesandt. Auftragsgemäß Prokuristen tausend Pfund Abfertigung gezahlt. Atlantic-Bank, London."
Freitag, 29. Septbr. 1929, 19 Uhr 19 Minuten.
Kabel Boston— London.
„Atlantic-Bank, London. Verstehen weder Kabel noch Effektensendung, Hnfere Prokuristen alle
Montag, 10. März 1930
errungen. Läßt man die Vergangenheit lebendig werden, so findet man die rechte Einstellung zur Betrachtung der Leistungen der Gegenwart. Welch ein Fortschritt von dem 838-Meterrekord zu dein 150-Kilometerflug Kronfelds im vergangenen Sommer. Ich gebe dem Wunsche Ausdruck, baß der Rhön-RoNitten-Gesellschaft und ihrem Forschungs-Institut auch in Zukunft das gesunde Gedeihen und der große Erfolg beschieden sein möge, wie wir ihn aus der Vergangenheit kennen.
Rach Degrüßungsworten des Oberbürger* meisters M u eller namens der Stadtverwaltung von Darmstadt und von Professor Dr. R a u von der Technischen Hochschule in Darmstadt gab
Prof. Or. Georgi-Oarmstadi, Leiter bev Forschungsinstitutes der Nöhn- Rosjittengeseltschaft,
einen umfassenden Heberblick über „Zehn 3 ahre motorlosen Flu g“. Er gedachte der Pioniere des Segelflugsports, die die Rhön „entdeckten" bis zu den Re kor df liegern Schultz, Rehring und Kronfeld, und widmete Worte des Gedenkens den zahllosen Braven, die ihren Wagemut mit dem Leben bezahlen: mußten. Die Hinwendung zum statischen Flug auf der Rhön und in Rosfitten brachte denDauer- unb Streckenflug. 3m Flug mit Heberle~üng unter Ausnutzung des Hangwindes sei der Darmstädter Rehring Meister. Hm aber von totalen Erscheinungen loszukommen, suche man neue Wege. Die Darmstädter Forschungsstelle erforschte eingehend durch Motorflüge die vertikalen Strömungen unter und in Wolken und vor Gewitterfronten, die von Kronfeld dann in seinen Rekordflügen im vergangenen 3ahr bestätigt wurden. Die Erfahrungen des Segelfluges seien auch für den Dau von Kleinflugzeugen mit Motorantrieb ausschlaggebend gewesen. Einzigartig seien die Erfahrungen, die die Segelflieger von der Atmosphäre, den Wolken und Gewittern sich aneigneten.
Die gegenwärtige Methodik des Segelfluges unter Wolken und vor Gewittern ziehe eine Fliegecgeneration heran, die für ihre späteren Fluge auf Motorflugzeugen ein derartiges Maß besonderer Erfahrungen mitbringt, daß sie den heute im Flugverkehr immer noch recht häufig auftretenden Wettergefahren durchaus gewachsen sei, ja in vielen Fällen imstande ist, aus an und für sich kritischen Wettersituationen für die Durchführung des Fluges Ruhen zu ziehen.
Darin liege der eigentliche fliegerische Sinn und die Bedeutung des Segelfluges. Wenn die deutschen und die französischen Luftverkehrsgesellschaften die Erfahrung gemacht haben, daß auf den schwierigen Gebirgsflügen in den Alpen und auf Gebirgsstrecken Verkehrspiloten, die Segelflieger waren, sich besonders bewährt haben, so bjlden diese Feststellungen eine Bestätigung der vorstehenden Anschauung.
Prof. Or.-Zng. Hoff-Berlin,
Vorstand der Deutschen Versuchsanstalt für Luttfahrt,
behandelte den „Einfluß des Segeflug- zeugbaues auf den Motorflugzeug- b a u“. Der Segelflugzeugs au habe eine Hmwand- lung des Motorflugzeugbaues nicht gebracht, sei aber doch von meriäichem Einfluß gewesen.
An die Vorträge schloß sich am Rach mittag eine interessante, eingehende Aussprache, in der die anwesenden Segelflieger Einzelheiten aus ihrer fliegerischen Erfahrung austauschten.
Ein Festabend.
Auf dem Festabend am Samstag überbrachte nach einem Hoch des Vorsitzenden auf igmrjxatowiMiiimimimiiub» lauittcnaiaBaj»»!!.--aw anwesend. Keine Hnterschlagung seit zehn 3ah» ren. Gesandte Effekten waren Fälschungen. Anscheinend wurde Atlantic-Bank Opfer eines geschickten Betruges. Darrymoore Dank, Boston."
Oas Abenteuer des Hochtouristen.
Bucher und Berge: das waren die beiden Sachen, die der geistliche Herr int Alter von etwa vierzig Fahren über alles liebte. Der Direktor der vatikanischen Bibliothek verbrachte seine freie Zeit stets im Hochgebirge. An einem sonnigen Wochenende — es geschah im 3ahre 1898 — überraschte ihn aber der größte Feind der Hochtouristen, der Rebel, und er konnte sich nicht mehr orientieren. Zum Glück stieß der Geistliche auf einen tapferen Iägersmann, der sich bereitwillig zu ihm gesellte: die beiden fanden nach mehrstündigem Suchen den richtigen Weg und erreichten nach anstrengendem Fußmarsch ein Felsenplateau, auf dem sie sich aus» ruhen wollten. Cs kam leider anders: die wackeren Touristen wurden von zwei Gendar- meriewachtmcistem barsch angeschrien, kurzerhand in Schuhhast genommen und nach der nächstliegenden Gendarineriestation gebracht. Das so menfdjenleete Gelände diente nämlich an diesem Tage als Manöverterrain für Die königlich-italienische Gebirgsartillerie, und Die Gendarmen hallen strikten Beseht, jede Zivllperson ohne viel Hmstände sofort abzusühren. Der 3äger und der Geistliche verbrachten den Rachmittag und darüber hinaus sogar die ganze Rächt auf einem nicht gerade sauberen Strohsack der Wachtstube und wurden erst am nächsten Tage einem Offizier Vorgefühl, um sich auszuweisen. Sie taten es bereitwilligst, und der junge Leutnant setzte, sie sofort auf freien Fuß. Richt ohne sich für den bedauerlichen Zwischenfall zu entschuldigen. „Eine Entschuldigung ist keineswegs am Platze," belehrte den jungen Offizier der geistliche Herr, „3hre Leute haben lediglich ihre Pflicht erfüllt. 3m übrigen schlief ich Die Rächt ganz ausgezeichnet und freue mich aufrichtig, so gastfreundliche Leute tennengelernt zu haben." So sprach Signor Ach i 11 c Ra111, Direktor der vatikanischen Bibliothek, schüttelte dem Offizier und seinem Begleiter, Dem tapferen 3ägerlein, freundlich die Hand und machte sich, eine Ehrenbegleitung energisch ablehnend, allein auf den Heimweg. Weder er selbst, noch der kleine Leutnant oder der 3ägersmann hätten sich wohl damals träumen lassen, daß der forsche Hochtourist Achille Ratti dereinst unter dem Ramen Papst Pius XI. der ganzen katholischen Welt vorstehen würde...


