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Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

Ür. 8 Drittes Blatt

greitag, 10. Zanuar 1950

Turnen, Sport und Spiel.

Spielvereimgung 4900 Gießen.

ö. Am kommenden (Sonntag wird der 1900» Sportplatz nur im Zeichen des Fuhballes stehen. Zünf Senioren-Mannschaften der Spielveremr- gung empfangen hier ihre Gegner, feite in Ge- sellschafts-, tells in Derbandsspielen. Cs treten sich gegenüber:

1900 Liga - Ballspiel-Club Siegen, Liga.

1900 Alte Herren Ballspiel-Club Siegen, Alte Herren. ,

1900 Ligares. Wetzlar-Niedergirmes, Liga­reserve.

1900 3. Mannschaft Steinbach, 1. Mannschaft.

1900 4. Mannschaft Groh en-Buseck, 2. Mann- schäft.

Dec Gegner der L i g a e l f, der Siegener Ball- sviel-Club, sollte in der Lage sein, ein Spiel zu liefern ähnlich wie am goldenen Sonntag in Siegen, bei dem der Gastgeber überraschend mit _:0 Treffern Sieger, blieb, obwohl damals die iSiehener Gäste durchweg mehr vom Spiel hat­ten. Die Südwestsalen spielen das dort typische Spiel, weite Schläge, grobe Schnelligkeit, beson­ders der Flügelstürmer, und steiles Durchspiel Ser Innenstürmer, wobei durch entschlossenes Nachsehen Tore jederzeit erzielt werden. In der Svielstärke kann man die Mannschaft mit der des Wetzlarer Sportvereins gleichstellen, der sie auch am meisten im System ähnelt. Der Plahverein läßt mehrere Spieler pausieren. Die Ersatzleute aus der Ligareserve zu nehmen verbietet sich, da diese Elf ein wichtiges Punktespiel austrägt. Do wird 1900 s Elf einige neue Leute aufweisen, tvon denen man sich recht viel verspricht und deren Platz vielleicht in Kürze für immer in der Xiga sein wird. Eingeweihte halten diese Komb.- nation mindestens für gleichstark, wenn nicht rod) besser, als die seitherige Vertretung. Man erwartet einen Sieg der Gießener.

Das vorausgehende Alte Herren-Spiel ist insofern von Bedeutung, als auf Seiten der Gäste, deren Mannschaft über sehr gutes Können verfügt, ein ehemaliger Gießener, bekannt als eifriger Förderer des Fußballspiels und selbst er­folgreicher Spieler, mitwirkt. Bei der anerkannten Güte (aber nur bei komplettem Antreten) der Hiesigen ist der Ausgang vollständig offen, denn beide Mannschaften konnten erst kürzlich über Ligareserven Siege erringen, wobei man recht gute Leistungen zu sehen bekam.

Die Spiele der unteren Mannschaften sind sämtlich Punktspiele, sind aber höchstens von Be- Leutung, um die Placierung der Beteiligten in Der Wertungstabelle. Aussicht auf die Erringung i iner Meisterschaft hat höchstens noch 19 00s vierte Elf, während zweite und dritte wegen ihren anfänglichen Mißerfolgen dieses Iahr über gute Mittelplähe nicht hinauskommen.

Die Wintersperre für die I u g e n d ist beendet, jedoch ist am kommenden Sonntag noch recht schwacher Spielbatrieb. 1900'8 erste Iugend hat sich der ersten Jugend Lollars verschrieben. Das Spiel findet in Lollar statt. Man rechnet mit einem Sieg der ausgezeichneten Gießener, wenn mich der Lollarer Platz seine Tücken hat. Auch 19008 zweite Iugend trägt ein Spiel au8. Der Gegner war aber bei Niederschrift dieser Zeilen noch nicht endgültig bekannt.

p. f. D.

Ain kommenden Sonntag greift die D. f. B. - £i i g a wieder in die Verbandsspiele ein. Sie steht dem F. V. Ockers Hausen auf dortigem Platz gegenüber. Ockershausen steht an der Spitze der

Tabelle; von 12 Spielen hat es 8 gewonnen, 2 ver­loren und 2 unentschieden beendet, dabei ein Tor­verhältnis von 26:14 und ein Punktverhältnis von 18:6 erzielt. V.f.B. folgt an zweiter Stelle, hat aller­dings nur 10 Spiele ausgetragen, davon 7 gewon­nen, 2 verloren und 1 unentschieden beendet. Sein Torverhältnis lautet 22:12, sein Punktverhältnis 15:5. Die beiden nächsten Vereine, Spieloereini­gung Gießen undGermania" Marburg, folgen mit 15:7 bzw. 15:9 Punkte. Die nächsten vier Treffen haben zu entscheiden, wer von dieser Spitzengruppe ür den ersten und zweiten Platz und damit für den Aufstieg zur nächst höheren Spielklasse in Frage kommt. Ockershausen hat am nächsten Sonntag den Vorteil des eigenen kleinen Platzes, auf dem fremde Mannschaften sich nur schwer zurechtsinden können. V.s.B. hat durch seine wenig rühmliche Niederlage gegen Breidenbach zwei wertvolle Punkte eingebüht und muß nun ernsten Willens bemüht sein, das verlorene Terrain wieder aufzuholen, wenn er den Kampf um den Aufstieg zu seinen Gunsten ent­scheiden will. Ob es ihm gelingt, in Ockershausen sich durchzusetzen, kann nicht vorausgesagt werden. Rein spielerisch sollte Gießen dem Gegner überlegen fein, der aber durch die Energie und Schnelligkeit seiner Mannschaft ein Plus hat. Der Ausgang des Treffens ist nicht vorauszusagen. Das Vorspiel auf hiesigem Platz endete 2:0 für V.f.B.

Während die zweite und dritte Mannschaft spiel­frei sind, muß die vierte nach Dau bringen, um gegen die dortige zweite im Verbandsspiel an­zutreten.

l.Glf6effen" - l.Glf I./15 1:5.

Don der 1. Fußballmannschaft des Linienschiffs Hessen" ist noch zu berichten, daß sie Gelegen­heit nahm, am Montagnachmittag noch ein Spiel gegen die l.Elf des hiesigen Bataillons auf dem Waldsportplah des D. f. B. auszutragen. Wäh­rend sie infolge Ausscheidens eines Spielers, der sich am Tage vorher verletzt hatte, gezwungen war, in veränderter Aufstellung anzutreten, konnte das Bataillon wohl seine stärkste Besetzung auf den Plan stellen. Spielverlauf: Genau wie am Tage vorher hat die Marine schon wenige Minuten nach Beginn eine ganz sichere Chance, die aber vergeben wird. Bei flottem Tempo wird auf beiden Seiten forsch gekämpft und Vorteile herausgespielt, die jedoch nicht verwertet werden. Die Gegner sind sich im Feldspiel gleichwertig; wohl zeigt Gießen das exaktere Zusammenspiel, das den Gästen bis zu einem gewissen Grade erklärlicherweise fehlt, was sie aber durch Eifer und Schnelligkeit auszugleichen verstehen. Die Angriffe wechseln in rascher Folge; das Ba­taillon ist in der Ausnutzung seiner Erfolgs­möglichkeiten glücklicher und kann bis zur Pause zweimal einsenden, wogegen dieHessen" trotz mancher Gelegenheit infolge der Schußunsicher­heit des Innensturmes nichts erreichen können. Die zweite Halbzeit beginnen dieHessen"-Leute mit schnellen Angriffen, die aber von der sicheren einheimischen Verteidigung abgestoppt werden. Trotz Auf bietens aller Kraft bleiben sie erfolg­los. Nun läuft die Dataillonsmannschaft, deren einzelne Mannschaftsteile sich sehr gut unterein­ander verstehen, zu einer ganz glanzenden Form auf und bedrängt die Marine zeitweise hart. Diese wehrt sich tapfer, kann aber nicht ver­hindern, daß die Dataillonsmannschaft bis zum Schlußpfiff noch drei weitere Tore erzielt, denen sie durch den auf rechtsautzen spielenden Leutnant Wittich, der die treibende Kraft im Sturm ist und diesen immer wieder nach vorne reißt,

wenigstens das längstverdiente Ehrentor ent­gegensetzen kann. Er und der talentierte Mittel­läufer versuchen immer wieder die Mannschaft zum Erfolg zu führen, jedoch vergeblich. Es bleibt beim 5:1 für das Bataillon. Das 5:1 entspricht nicht ganz dem Stärkeverhältnis beider Mann­schaften. Gießen war in der Gesamtleistung besser als die Gäste, denen aber die Ermüdung von dem scharfen Spiel des Vortags und ihr mehr­maliges Pech zugute gehalten werden muh. Schiedsrichter Dittmar (Gießen) leitete das beiderseits fair durchgeführte Treffen in groß­zügiger Weise.

Sportverein 1920 Heuchelheim.

Kommenden Sonntag fährt die erste Mann­schaft des Sportvereins Heuchelheim nach Dillen­burg, um mit dem dortigen S. S. C. das fällige Verbandsspiel auszutragen. Das Vorspiel konn­ten die Dillenbürger nach sehr hartem Spiel mit Glück für sich knapp 2:1 entscheiden. Die Heuchel­heimer spielen zum erstenmal in Dillenburg, treffen also dort auf vollkommen unbekannte Plahverhältnisse. Obwohl die Mannschaft in der letzten Zeit wieder besseres Können zeigt, ist doch mit einem Sieg kaum zu rechnen.

Fußballklub 1926 Großeu-Buseck.

Nächsten Sonntag fährt die erste Mannschaft Großen-Busecks nach Niedec-Weisel zum fälligen Verbandsspiel. Von der Nieder-Weiseler Mann­schaft kann man behaupten, daß sie eine der besten der Gauklasse I ist. Sie steht an dritter Stelle der Tabelle hinter Großen-Buseck. Großen-Busccks Mannschaft ist durch die Niederlage gegen Homberg etwas aus der Ruhe gekommen, aber wenn sie sich zusammennimmt, wird sie einen Gegner abgeben, gegen den Nieder-Weisel schwer zu kämpfen hat, wenn es gewinnen will. Der Ausgang des Spiels muß offen bleiben, da beide Mannschaften gleich stark sind.

$. C Teutonia Steinberg.

Am kommenden Sonntag fährt die 1. Elf zum fälligen Derbandsspiel nach Lich. Die Einhei­mischen werden in stärkster Aufstellung dem Ta° ballenersten entgegentreten und versuchen, eine ebenbürtige Partie zu liefern. Eine bestimmte Voraussage über den Ausgang des Treffens wäre verfrüht; sollte Steinberg jedoch mit der Spielstärke des vergangenen Sonntags aufwarten, dann darf seine Mannschaft ein sicheres Plus für sich buchen.

Arbeiter Turn- und Sportbund.

Am kommenden Sonntag hat Großen-Lin- d e n die erste Mannschaft W i e s e ck s im Freund­schaftsspiel zu Gast. Die Gäste dürften infolge ihres spielreiferen Könnens wohl als Sieger anzu­sehen sein.

W i e s e ck I b hat sich die erste Mannschaft von Treis verpflichtet. Di» Gäste sind als flinke Mannschaft bekannt, ob es ihnen aber gelingt, die Einheimischen zu schlagen, hängt von dem Antreten dieser Elf ab.

Vorher treffen sich die Jugendmann­schaften beider Vereine. Hier werden die Ein­heimischen Sieger bleiben.

In Launsbach treffen sich die Oberstufen-Turner des Bezirkes, um in einer llebungsftunbe eine Be­zirksmannschaft zu ermitteln, die am 18. Januar einen Bezirksgerätewettkampf gegen den 4. Bezirk austragen soll.

Handball der Sp.-Dg. 1900.

ö. Nachdem die Spielvereinigung 1900 infolge Terminschwierigkeiten und schlechter Abkömmlich­leit einzelner Spieler ihre erste Handballmann- schast von den Spielen um die Dezirksmeister- schaft zurückgezogen hat, kann die Elf wieder in Gesellschaftsspielen beschäftigt werden. Als erstes findet am kommenden Sonntag das Rückspiel gegen den Tv. 1862 Wieseck (A.D.T.) auf dessen Platz statt. Das Vorspiel sah die 1900er mit kombinierter Mannschaft nur als knappen 3:2°Sieger. Auch nächsten Sonntag werden sich aller Voraussicht nach die Gegner mit geringer Tordifferenz trennen. Wieseck verfügt über eine gut eingespielte Mannschaft, die in dec Verbands­spieltabelle hinter Garbenteich den zweiten Platz einnimmt. Die Spielvereinigungsmannschaft wird in etwas veränderter Aufstellung, eventuell mit neuen Kräften, antreten. Entscheidend wird sein, daß sich die Mannschaft, insbesondere der Sturm, bald findet.

Handball im Männerturnverein (O.T).

Nach mehrwöchiger Pause tritt, nachdem am vergangenen Sonntag die zweite Mannschaft im neuen Iah re einen guten Ansang gemacht hat, auch ein Teil der ersten Mannschaft wieder auf den Plan. Eine kombinierte erste und zweite Mannschaft des M nnerturnre eins wird in Butz­bach gegen die erste Mannschaft des dortigen Turn- und Sportvereins ein Handball-Freund­schaftsspiel austragen, äleber den Ausgang dieses Spieles kann kaum etwas vorausgesagt werden. Da Butzbach in der vergangenen Verbandsrunde ohne Verlustpunkt Meister der -^-Klasse 1929 30 wurde und nun in die Meisterklasse des Gaues Hessen aufsteigt, kann man sagen, daß Butzbach über eine gut eingespielte, durchschlagskräftige Mannschaft verfügt. Es kommt also nur Darauf an, wie sich die beiden Gießener Mannschasts- teile zusammenfinden.

Handball in Garbenteich.

Die Handballmannschaft der 1. Kompanie des Inf.-Regts. 15 hat sich für kommenden Sonntag zu einem Freundschaftsspiel nach Garbenteich verpflichtet. Garbenteich, das mit Ersatz für seinen bewährten Mittelstürmer und seinen rechten Ver­teidiger antreten muß, wird sich sehr anftrengen müssen, um einigermaßen ehrenvoll bestehen zu können.

Handball im T. V. Kronhausen (£>. T )

Am kommenden Sonntag muh die erste Mann­schaft des Turnvereins Fronhausen zum fälligen Verbapdsspiel nach Niederweimar. Zeigt Die Mannschaft ein Spiel wie am vergangenen Sonn­tag gegen Cappel (3:9), so wird ihr der im Vor­spiel errungene 7:1 Sieg nicht wieder zuteil.

Welt-Winterspiele in Davos.

Die II. Akademischen Welt - Winter- spieleinDavos brachten am gestrigen Donners­tag den S k i - A d f a h r t s l a u f. Da sich auf Der ursprünglich vorgesehenen Strecke einige Mängel in der Schaeebeschafsenheit herausstellten, wurde von der Wasserscheide über Parsenn nach Konters gelau­fen. Aus der 9 Kilometer langen Strecke hatten die von 116 gemeldeten 126 gestarteten Teilnehmer Höhendifferenzen bis zu rund 1500 Meter zu über­winden. Das Gelände ließ genug freie Stellen offen, so daß die Läufer aus sich herausgehen konnten, während auch einige Waldstrecken zur Vorsicht mahn­ten. Nur wenige hatten auf das Wachsen der Schnee-

9er Traum »um Glück.

Vornan von E Lovett und M. v. Weißenthurn.

Copyright by Marie Brügmann, München.

7. Fortsetzung. Raddruck verboten.

Es scheint, als ob man Dir einmal glauben könnte", ließ sich Der Fremde jetzt in nachdenk­lichem Ton vernehmen.Komm mit mir zurück Lis zu Der kleinen Pforte, an Der ich Dich vorhin Icaf. Dann will ich aus diesem Park und aus Deiner Nähe verschwinden, wie du es wünschest."

Beide erhoben sich von der Bank und gingen sschnell Den schmalen Fußweg zurück, Den sie gekommen waren. Erst als sie hinter Den dichten Aesten Der niedrigen Tannen verschwunden waren, schlüpfte Doris, zitternd und betäubt Don Dem, was sie gesehen und gehört hatte, «aus ihrem unfreiwilligen Versteck hervor. _

Einige Augenblicke stand das Mädchen regungslos vor Dem kleinen Sommerhause, das ihr Schuh gewährt hatte. Sie kam sich vor wie in einem wüsten Traum befangen und hatte den Auftrag, Der sie eigentlich hierhergeführt, voll­ständig vergessen. Alles war in ihrem Gedächt­nis wie ausgelöscht durch Die eben gemachte schreckliche Entdeckung. Langsam begann sie jetzt ten zum Schlosse führenden Fußweg zurückzu- qehen in entgegengesetzter Richtung von Frau don Rechten mit ihrem geheimnisvollen Begleiter, die beide nirgends mehr zu sehen waren.

Was soll ich tun? Was muh ich tun? rang cs sich endlich von ihren Lippen.Ist es meine Pflicht, alles zu sagen, oder ist es besser, zu schweigen und alles in der Tiefe meines Herzens begraben?

Dons wußte nichts von den Schattenseiten des menschlichen Daseins; doch ihr scharfer Verstand kam ihr zu Hilfe, als fi$ begann, sich jetzt das Vernommene zusammenzureimen.

Vor allem wußte sie nun, daß Der Name, unter lern Die beiden Damen lebten, falsch war. Ferner Luhte sie, daß es in Deren Dasein einen dunklen Punkt gab, Den sie durch diese Täuschung zu verdecken suchten. Das alles stand im Zusammen­hang mit jenem herabgekommen aussehenden Menschen, der Sabines Muttcr bedroht und mit Crpressungsversuchen behelligt hatte.

Wer war jener Mann und worin bestand Die unselige Macht, Die er über Die schone und elegante Frau auszuüben schien? Er war offen­bar nicht alt genug, um ihr Vater zu fein; Denn er schien noch nicht fünfzig Jahre zu zählen. Es lieh sich auch nicht annehmen, daß er ihr Bruder war; denn es war nicht die geringste Äehnlichkeit vorhanden. Er konnte ihr Gatte sein. Somit war sie nicht Witwe, sondern eine verheiratete Frau, mit einem Ehemann, Dessen

sie sich zu schämen hatte. Diese Schlußfolge­rung, Die ihr Die wahrscheinlichste erschien, er­füllte Doris mit Entsetzen. Waren jene beiden Damen wirklich nichts anderes als Abenteue­rinnen, und Die Stellung, die sie in Der Welt ein­nahmen, nur eine erschwindelte? Auch Onkel und Tante wurden Dann von ihnen getäuscht, Vetter Kurt sollte von diesen mehr als frag­würdigen Frauen aus den eigennützigsten Grün­den eingefangen werden. Bei dieser Vorstellung schlug ihr Herz in zorniger Aufwallung, und als sie sich jetzt Dem Schlosse näherte, war sie entschlossen. geraDeswegs zu ihrer Tante zu eilen und dieser das Tun und Treiben jener beiden aufzudecken. Vetter Kurt sollte nicht Das Opfer so nichtiger Spekulantinnen werden.

Gerade als Doris zu diesem Entschluß gekom­men war, sah sie sich zufällig um. Kurt von Wildhofen und Sabine kamen langsam die Heine Anhöhe herauf, die zwischen -dem See und dem Schlosse lag.

Ihr ganzes Gebaren ihre zögernden Schritte, Der AusDruck ihrer einander zugewandten Ge­sichter rief in Doris die widerstreitendsten Empfindungen hervor. Kurt redete eindringlich mit seiner Begleiterin; seine Vorstellungen schie­nen immer eifriger zu werden. In diesem Augenblick strauchelte Sabine über eine Daum­wurzel, und Kurt streckte schnell seinen Arm aus, um sie zu stützen, wobei sich beider Hände berührten. Jetzt wußte, Doris genug, und schnell wandte sie sich Dem Schlosse zu.

Er liebt sie! erklang es in ihrem Innern. Erst jetzt weiß ich, daß er sie liebt! UnD ich soll ihn nun in so grausamer Weise enttäuschen... Nein, ich kann und will sein Glück nicht zerstören... Ich kann nicht... ich kann es nicht tun!

Sie wollte sich eiligst in ihr Zimmer begeben, als sie im Treppenhause fast mit Tante Hanna zusammenprallte.

Nun, was hat Kurt gesagt?" fragte Diese eifrig.

Doris blieb wie angewurzelt stehen.Ach, ach, Tante Hanna!" stammelte sie, nach Atem rin­gend,ich weiß nicht, was du denken wirst, aber ich... ich habe ganz vergessen!"

Du hast vergessen? Was meinst du damit, mein Kind?"

Ich vergaß, Detter Kurt zu fragen! Ich ver­gaß deinen Auftrag!"

Was soll das heißen? Wo in aller Welt hast du dich denn solange verweilt? Du mußt fast zwanzig Minuten unterwegs gewesen fein, und ... aber, jetzt bemerke ich erst, daß Du ganz ver­stört aussiehst. Ist Dir irgend etwas geschehen?"

Nein, nichts, gar nichts, Tante Hanna! stot­terte sie, Die Farbe wechselnd.Ich habe nur das, was ich tun sollte, total vergessen und kann Dir gar nicht sagen, wie unglücklich ich Darüber bin." Frau von Wildhofen hatte allen Grund, ernst­

lich unzufrieden mit ihrer Gesellschafterin zu fein; aber noch bevor sie Zeit fand, das zu zeigen, trat ihr Sohn mit Sabine ein. Letztere fragte sofort nach ihrer Mutter etwas beunruhigt, wie es Doris schien.

Mama sagte, sie fühle sich sehr ermüdet und wolle ein wenig ruhen. Haben Sie sie vielleicht gesehen, Fräulein Horter?"

Doris vermied eine direkte Antwort und mur­melte undeutlich, daß Frau von Rechten vermut­lich in ihrem Zimmer sei.

Inzwischen hatte Frau von Wildhofen ihren Sohn ein wenig beiseite gezogen und mit ihm wegen der Veränderung betreffs der abendlichen Tischordnung verhandelt.

Tante Hanna hatte sehr leise gesprochen; Kurt aber erwiderte jetzt in vernehmbarem Ton:

Aber Mütterchen, quäle dich nicht mit dem Gedanken,noch irgend jemand aus.ir.dig zu machen! Laß Doris Den Platz von Frau von Sydow ein­nehmen. Das ist Der aller einfachste Ausweg.

Aber, mein Sohn, du hast mir doch gesagt, daß dieser Rechtsanwalt Hagenau ein ganz ab­sonderlicher Herr ist."

3a, gewiß! Ihm wird deshalb Die Gesellschaft Der kleinen Doris ebenso recht sein als die jeder anderen Same, das heißt, er wird sich wahrschein­lich kaum um sie bekümmern. Konrad Hagenau ist ein erklärter Weiberfeind, und von hundert Frauen interessiert ihn kaum eine. Er ist eben ein Mann, der sich nur unter Männern wohl­fühlt, und er kommt hierher einfach der Iagd wegen. Das ist noch das einzige, was ihn heraus­locken kann."

So kam es also, daß Doris Den freigewordenen Platz bei Tisch erhalten sollte, was ihr nach Den QlnDeutungen ihres Vetters über seinen Freund Hagenau keineswegs als etwas Verlockendes er­schien.

Im weiteren Verlauf des Tages, der ihr viel Deschäftigung brachte, fand sie kaum Zeit, an die Erlebnisse des Morgens zu denken. Sie hatte Dlumen und Dessert für die Tafel zu arrangieren und später unzählige Botschaften ihrer Tante zwischen Deren Wohnzimmer und Den Wirtschafts­räumen zu übermitteln.

Dann war es Zeit, Toilette zu machen, und sie hatte wegen der am Morgen gemachten Ent­deckung noch immer keinen Entschluß saften können.

So viel wußte sie indessen, daß sie um keinen Preis das Werkzeug sein wollte, um das Glück ihres Detters zu zerstören. Wenn sie Den Beweis erbringen formte, daß Sabine von Rechten auch ihn wahrhaft liebte, sollte kein Wort über ihre Lippen kommen, das Kurt veranlassen konnte, die Geliebte aufzugeben. Erkannte sie aber, daß es Sabine nur nach Dem Reichtum und Der Stellung ihres Vetters gelüstete, Dann wollte Doris keinen Augenblick zögern, ihrem Onkel zu sagen, was sie gehört hatte. Zu diesem Entschluß war sie

gekommen, als sie sich hinunter in die Gesell­schaftsräume begab.

Es waren zahlreiche Gäste geladen, und Doris fühlte sich ein wenig bedrückt, als sie zwischen einem bejahrten Herrn zur Rechten und Dem ge­fürchteten Rechtsanwalt Hagenau zu ihrer Linken an Der langen Tafel saß.

Zaghaft hatte sie Den Arm des als Weiber­feind geschilderten Herrn ergriffen, nachdem er ihr im Salon als ihr Tischnachbar vorgestellt worden war.

Sie bot in ihrem weißen Kleide einen äußerst lieblichen Anblick, noch gehoben durch den ein­fachen Schmuck einiger halb erblühter Marschall- Niel-Rosen, die aus den Treibhäusern ihres Onkels stammten. Ihr Wuchs war tadellos und ihre Haltung von vollendeter Grazie.

Sie besah außerdem einen ausgeprägten Sinn für geschmackvolle Kleidung, und Frau von Wild- hofen erwies sich stets als sehr freigebig in dieser Hinsicht.

Die Schloßherrin hatte es vor Beginn der Tafel für nötig gehalten, dem Rechtsanwalt Ha­genau den fatalen Umstand zu erttären, Dem er Die für ihn gewählte Tischdame zu verdanken hatte.

Hagenau verbeugte sich höflich:Bitte recht sehr, gnädige Frau; das macht für mich nicht Den geringsten Unterschied."

llnö Dann folgte er ihr zu Der zierlichen Mädchengestalt, vor Der er sich artig verbeugte.

Nun, das ist ja keine unangenehme Erschei­nung, dachte er bei sich, als ex Doris etwas steif den Arm bot.

Kaum hätte er diese Beobachtung gemacht, wären nicht die eifrigen Entschuldigungen der Schloßherrin borangegangen, Denn für gewöhn­lich sah er ein weibliches Wesen nicht mit kri­tischen Blicken an, sondern schaute gleichgültig über sie hinweg. Nur bei der Ausübung feine« Berufs, im Zeugenverhör, bei Gerichtsverhand­lungen oder dergleichen, vermochte er Den Frauen ein gewisses Interesse abzugewinnen.

Konrad Hagenau war ein tüchtiger Jurist und ein hoch geachteter Mann, dessen Name den besten Klang besaß. Talent und Glück hatten ihn schon in jungen Jahren vorwärts gebracht und ihm eine glänzende Laufbahn eröffnet. Die Aus­übung seines Berufs war seine höchste Lebens- freube; die nächste war die Iagd, und selten schlug er eine Einladung zu einem solchen Ver­gnügen aus, falls es sich mit seinen Amtsge­schäften nur irgendwie vereinbaren lieh.

Seine Bekanntschaft mit Kurt von Wildhofen datierte aus ihrer gemeinsamen Gymnasialzeit und hatte sich im Laufe der Iahre zu einem festen Freundschaftsbündnis entwickelt. Durch be­sondere Zufälligkeiten hatte Kurt bis dahin ihn seinen Eltern noch nicht als Gast zuführen können, obwohl er dies lange gewünscht hatte.

(Fortsetzung folgt)