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Nr. 8 Zweites Blatt Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Dberheffen)Sreitag, 10. Januar 1950

Anekdoten vomHaagerBinnenhof.

Heitere Bilder von der Reparationskonferenz.

Den Haag, 9. San. 1930.

Der Dinnenhof ist grau in^grau. Die heitere Sonne des Haager August fehlt. Dafür pfeift es fchnei- dend kalt um alle Ecken. Die Journalisten, die bei der ersten Konferenz hier ihr Standquartier oufgeschlagen hatten, haben sich in den warmen Rittersaal zurückgezogen. Rur einige Horchposten, dick vermummt, stehen vor den Zugängen zu dem Verhandlungssaal. Auch dieseHnenttoegten müssen alle halbe Stunde ihre eingefrorenen Le­bensgeister mit einem guten, starken holländischen Kaffee, einem Kopje Coffie, aufwärmen.

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Die Delegierten sind immer nur auf dem kur­zen Sprung vom Auto bis zur Türe der Zweiten Kammer zu sehen. Cheron, der französische . Finanzminister, allerdings findet immer Zeit, ; sich wieder und wieder den Photographen zu I stellen. Er liebt es, photographiert zu werden. Eines Tagrs kam er mit Tardieu.Ach bitte, Herr Minister, einen Augenblick für die Photo­graphen!" Da springt Tardieu hinzu:Adar- len Sie mal einen Moment" und zieht Cheron den verrutschten Mantel zurecht und rückt die altväterliche Kravatte Cherons ins rechte Licht. Doch einer der Photographen hat v o r g e k n i p st rind die hübsche Szene, wie der Ministerpräsident seinen Finanzminister zurechtstuht, festgehalten.

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Brrand steht im Hintergrund nicht nur vor den Photographen, auch auf der ganzen Konferenz. Die englischen Journalisten wollen Tardieu einladen. Der französische Pressechef er­klärt ihnen, ohne Briands Teilnahme gehe das nicht. Aber das lehnen die Engländer ab. Man hält ihnen vor, das müsse für Driand eine Be­leidigung sein, bis sie schließlich damit heraus­rücken, daß die Anregung zu der Einladung Tardieus von Tardieu selb st inspi­riert ist.

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Wan erzählt sich natürlich nur unter vier Augen und im tiefsten Vertrauen alle mög­lichen Szenen, die nicht gerade von einem sehr herzlichen Verhältnis zwischen Briaird und seinem Ministerchef zeugen. Bei einer französischen Pressekonferenz schneidet Tardieu wiederholt kurz hintereinander Driand einfach das Wort ab. Ari- füde kaut wütend an seiner Zigarette. Aach der Besprechung murmelt er einem Sournalisten, der sich über mangelnde Sensationen beklagt, als Antwort:Was wollen Sie? Die zweite Haager Konferenz ist im Vergleich zur ersten ein ir­disches Paradies. Denken Sie, wie wir auf der ersten Haager Konferenz wie die Aeger gearbeitet haben, um die großen Fragen ins Lot zu bringen! llnö jetzt? Seht kann man spazieren gehen, alte Freundschaftenauf­frischen und sich gemütlich miteinander unter­halten, während die Sachverständigen die Fein­arbeit machen."

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Mit demAlte-Freundschaften-auffrischen" meint Driand T a r'd i e u. Bei dem ersten Früh­stück zwischen der deutschen und französischen Delegation hat sich herausgestellt, daß Tardieu, Dr. C u r t i u s und Dr. Moldenhauer gleich­zeitig in Sahre 1896 in Bonn Kollegs gehört haben. Tardieu freilich behauptet, aus dieser Zeit fast alles vergessen zu haben, auch sein Deutsch, das er in Bonn lernte. Das einzige, was er be­halten hat, sind die Sähe:Sch fahre nach Köln!" undSch ziehe nach!" (Er hat, wie er erzählt, aber noch im Suni vorigen Sahres von Dr. Stresemann in Paris erfahren, daß es korrekt heißt:Sch komme nach!")

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Bei dem Mahl zwischen den Deutschen und Franzosen hat Briand seiner satirischen Ader mieder einmal die Zügel schießen lassen. Er er­zählt sehr gut Anekdoten, die meist einen Stachel für irgendeinen seiner Ministerkollegen haben. Bei Tisch hat er, wie die Franzosen erzählen.

zum Besten gegeben:Painleve weilte eines Tages gelegentlich einer Dortragsreise in Mün­chen. Um einen Freund zu benachrichtigen, den er erwartete, bringt er, als er abends zu dem Vortrag geht, an seinem Hotelzimmer ein Schild an: P a i n I c v e absent!" (Painleve ab­wesend.) Schließlich, spät nachts, kehrt PainlevL nach Hause zurück, sieht das Schild, streicht sich den Schnurrbart, denkt eine Weile nach, sagt: Painlev6 absent? 11 faut attendre! (Dann muß man warten) und seht sich auf die Treppe, um zu warten bis ihn der Hausdiener spät in der Aacht findet und darauf aufmerksam macht, daß Painlevs jetzt zu Hause sei."

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Auf dem Binnenhof kursiert das Gerücht: Heute nachmittag ist am Hotel Oranje in Sche- veningen, wo die deutsche Dcl?gat.on im August wohnte, folgende Plakette angebracht worden:

Wanderer, der du aus Deutschland kommst, hemme den Schritt, Hier ist der Ort, wo dein Hilf er ding lebte und litt!"

Auf dem Felde der Ostreparationen wachsen die Anekdoten und Witze üppig. Der oster- reichische Bundeskanzler Schober, der unter der Markeösterreichischer Diktator" bei den Ausländern große Popularität genießt, hat sich eine wahre Berühmtheit durch die ständige Wiederholung der österreichischen Formel zu den Ostreparationen geschaffen. Sm Hotel Bellevue, wo die Oesterreicher sehr, sehr bescheiden wohnen, hat ihn ein holländischer Sournalist aufgesucht und ihm nachher die Aeußerung in den Mund gelegt:Wenn wir auch bezahlen wollen, so können wir doch nicht bezahlen und selbst wenn wir bezahlen könnten, dürften wir anderer Ver­pflichtungen wegen nicht bezahlen. Wenn ich noch eine Woche dabei bleibe, das zu versichern, wird man mir es schließlich glauben!" Sn Holländisch hört sich das noch etwas gemütlicher, folgender­maßen an:Wenn toi sudden willen betalen, sudden toi nit hinnen, wenn toi sudden kunnen betalen, sudden toi nit moken!"

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Von der Berufung Dr. K a st l s nach dem Haag, too er Ende der Woche mit Dr. Schacht zusammentreffen wird, weih eine holländische Zei­tung zu melden, die beiden sollten im Haag zu­sammenkommen,um dat die ttoee kunnen eut- maken, hat se nu eijentlig op te punt van de betalingsterminen in Pareis besloten hebben!"

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Die Feindschaft zwischen Ungarn und Rumänien wird durch folgenden Witz charak­terisiert: Sm Zimmer neben Titulescu wohnt eine Aurse (Amme) mit dem acht Monate alten Kind einer holländisch-ostindischen Familie, die augenblicklich in Sava weilt. Das Kind schreit die ganze Aacht und bringt den sensitiven Titu- lescu fast zur Verzweiflung. Er bietet der Aurse 200 Gulden, wenn sie auszieht. Die Aurse nimmt an. Dethlen, der ungarische Delegationsführer, hört das, geht zu der Aurse und bietet ihr 300 Gulden, wenn sie wohnen bleibt was auch geschieht.

Titulescu, der bis jetzt noch keinen fingerbreit den Ungarn gegenüber nachgegeben hat, wird folgende Mutation des Heineschen GedichtesDie beiden Grenadiere" in den Mund gelegt:Lass' sie Dethlen gehen, wenn sie h-ungria sind", als Antwort auf eine Frage nach dem Schicksal der ungarischen Optanten.

Der Mann, der auf der ersten Konferenz so­viel von sich reden gemacht hat, Snowden, ist diesmal ganz gegen seine Gewohnheit echt englisch schweigsam. Aur neulich, als man sich darüber stritt, ob in die Präambel zum Voung- plan der Ausdruckendgültige und vollständige Regelung des Reparationsproblems" ausgenom­men werden, oder ob man das lieber in die

Schluhparagraphen aufnehmen sollte, quetschte er durch die Zähne:Put it first or second, but put it! (Seht es vorn oder hinten ein, aber seht es ein!)

Oer Retter Polens.

General Weyqands Ernennung zum französischen Gencralstabschcf.

Die französische Armee hat mit dem neuen Jahre in der Person des Generals Weygand einen neuen Generalstabschef erhalten. Die Nachricht von feiner Ernennung war weniger eine Sensation für Frankreich als für Polen. Und das mit gutem Grund. General Weygand ist der eigentliche Retter Polens vor dem Bolschewis­mus. Er eilte 1920 mit auserlesenen französischen Artillerieregimentern den geschlagenen, demoralisier­ten, ermüdeten und bis nad) Warschau hin geflüch­teten polnischen Divisionen zu Hilfe, an deren Fersen sich die ungestüm vorwärts drängenden bolschewisti­schen Bataillone geheftet hatten, die mit Windes­eile nach dem Westen vordrangen und sogar bis in den Korridor hinein vorstießen. An Weygands über­legener Kriegskunst und unter dem Trommelfeuer der französischen Geschütze zerschellte die russische Offensive, die Bolschewisten mußten Polen räumen, das sie niemals wieder herausgegeben hätten, wenn nicht Weygand der geschlagenen polnischen Armee im letzten Augenblick als Retter zu Hilfe gekommen wäre. Man kann es den Polen nicht verargen, wenn sie Weyaands Ernennung zum Generalstabs­chef stürmisch begrüßen. Er ist ihr Freund und gleichzeitig ein ausgesprochener Gegner Deutschlands. Zwar gelten die Entwaffnungs­bestimmungen des Versailler Vertrages als das Werk des Generals Fach, aber Weygand, fein in­timster Berater, war es, der das System der Ab­

rüstung Deutschlands und der Ueberwachung durch die Militärkontrollkommiffionen ausgetfügelt hatte. Noch heute bedauert er, bafj die Kommissionen nicht mehr auf deutschem Boden sitzen. Um so heftiger vertritt er die Ausführung gewaltiger Derlei- bigungsanlagen an der französischen Ost grenze, deren Bau bereits in Angriff ge­nommen worden ist und die in technischer Beziehung erstklassig werden sollen, zumal es gelungen ist. Unterstände aus einer Betonmischung herzustellen, die härtesten Granaten Stand zu halten vermögen.

Das Kabinett Tardieu hat sich für Weygand entschieden. Er besitzt bei der Rechten die stärksten Sympathien, was von dem Oberkommandierenden der Rheinarmee, General G u i l l e m a u t, nicht behauptet werden kann, der ursprünglich für den Posten des Generalstabschefs in Aussicht genommen war. Vielleicht hätte Tardieu mit Rücksicht auf Deutschland von der Ernennung Weygands Abstand genommen, wenn nicht Poincars alle Minen hätte springen lassen. Guilleaumats Tage sind übri­gens auch gezählt. Die aus dem Rheinland zurück­ziehenden Truppen werden bekanntlich an der Ost- grenze stehen bleiben. Sie sollen dem Oberbefehl des Generals Jacquemot unterstellt werden, der genau wie Weygand ein Schüler Fachs ist und zum Freundeskreis Weygands gehört. Außerdem find mit dem Jahreswechsel noch einige andere wich­tige Posten mit Angehörigen des früheren Stabes Fachs besetzt worden, so daß tatsächlich die gesamte Heeresleitung in den Händen von Männern liegt, die geschworene Deutschenfeinde sind und gleichzeitig über einen erheblichen politischen Einfluß verfügen, was wir über kurz ober lang schon zu spüren bekommen werben. General Wey- ganb ist übrigens einer der tüchtigsten Offiziere Frankreichs. Zwar steht er schon im 64. Lebensjahr, hat aber von seiner Elastizität noch nichts eingebüßt: außerbem besitzt er ausgezeichnete Kriegserfahrun­gen, da er ständig an leitender Stelle stand.

HefsischeLandwirffchastlicheWoche.

Das Rentabilitätsprogramm für die Landwirtschaft. Oie Agrarlrisis im kleinbäuerlichen Betlieb.

WSA. D a r m st a d t, 9. San. Den Höhepunkt der Hessischen Landwirtschaftlichen Woche bildete der heutige Donnerstag. Der große Saal des Städtischen Saalbaues war im Parterre und auf den Emporen sehr stark besucht. Die landwirtschaftlichen Vertreter des Bauern­bundes, des Zentrums und der Deutschen Volks­partei waren neben den Beamten der Landwirt­schaftlichen QEbteilung des Wirtschaftsministeri­ums vollzählig erschienen.

Präsident Hensel begrüßte unter Beifall der Versammlung den Präsidenten des Deutschen Landwirtschastsrates Dr. Brandes und Bür­germeister B u f 6 a u m als Vertreter der Stadt Darmstadt.

Or. Brandes

referierte bann überDas Rentabilitäts­programm für die deutsche Land­wirt s ch a f t". Wer heute noch nicht von der Aotlage der Landwirtschaft überzeugt sei, werde nie dazu zu bewegen sein. Zur Wiederherstellung der Rentabilität gebe es zwei Wege: Aus­gabendrosselung oder Einnahmen­erhöhung. Beide Möglichkeiten könnten kom­biniert und mit gewissen ^Imstellungsmaßnahmen verbunden werden. Bei den Arbeiten des En­queteausschusses über 3000 landwirtschaftliche Be­triebe wurde festgestellt, daß ein großes Defizit vorhanden ist. Bei einer 10--V. H.-Steuersenkung würde sich dieses Defizit um 4 v. H., bei einer gleichen Ermäßigung der Soziallasten um 22 v. H., der Zinsen um 1 v. H. und der Löhne um 21 v. H. senken.

Die übermäßigen Ausgaben von Reich, Ländern und Gemeinden seien nicht in dem wünschens­werten 2Naß gesenkt worden,

was zu einem Vertrauensschwund im Ausland und zu den heutigen hohen Zinslasten geführt habe. Ein sehr schlimmes Zeichen sei das not­

wendige Eingreifen des Reichsbankpräsidenten Dr. Schacht in die Finanzwirtschaft des Reichs gewesen. Die staatliche Aufsicht über die Stadt Berlin, die Vorgänge bei den Barmat- und Sklarek-Shindalen wirkten sich auf das ganze Reich aus. Bei einer Ausgabensenkung müsse beachtet werden, daß nach einem verlorenen Kriege mit erhöhten Soziallasten gerechnet wer­den müsse. Viele Bestimmungen der Arbeits- losengesehgebung wirkten heute aber zerstörend auf den Arbeitswillen und untergraben auch das Selbstverantwortungsgefühl. Durch rechtzei­tiges Eingreifen hätte die Verschul­dung der Landwirtschaft von heute 12 bis 13 Milliarden um mehr als die Hälfte ver­mieden werden und dadurch über ein Drittel des landwirtschaftlichen Defizits erspart werden können. Mit einer Lohnsenkung könne man nicht arbeiten, da die landwirtschaftlichen Löhne heute bereits nicht höher als die Sndustrielöhne lägen, eher darunter, und sonst eine weitere Abwande­rung in die Sndustrie erfolgen würde. Bei einer lOprozentigen Preiserhöhung aus Getreide würde sich das Defizit um 16 Proz., bei der gleichen Preiserhöhung für Vieh um 17 Proz., bet Milch und Molkereierzeugnissen um 12 Proz. vermin­dern. Bei einer solchen gleichzeitigen Erhöhung würde sich das Defizit also um 45 Proz. er­mäßigen.

Dem heutigen international mit bedingten Geld­entwertungsfaktor von 150 v. h. gegenüber mühte der Landwirt feine Produkte zu etwa 125 v. h. abgeben. Der Kampf um die Beseiti­gung dieser Preisschere müsse bis zum vollen Erfolg weitergehen.

Zu den vielen Hilfsmaßnahmen gehörten auch zollpolitische Maßnahmen. Gegen gleitende Zölle bestünden von vornherein schwere Bedenken. Aehnlich der Reichsbank für die Währung sei eine unpolitische Stelle zur Angleichung der

der Inspektor hat gerade Zeit. Er holt auf alle I Fülle einen herzhaften Stock, die Gittertüre'knarrt.

Artistik behaupten, obwohl sich diese in den letz­ten Sahren immer mehr vervollkommnet hat.

photographieren mit Wdemifsen

Von Paul Eipper.

Da stand an einem schönen Tag im Berliner Zoo ein Brautpaar vor der großen Voliere, in der Pfauen, Perlhühner, Schmucktauben und Fasanen schalten werben. Plötzlich zieht die junge Dame aus ilrem Leberköfferchen einen Kodak, beschäftigt sich mit feiner Oefsnung und deutet auf den weißen Pfau:Schnell, schnell," sagt sie zu ihrem Beglei­ter,zieh bas Stativ auseinander, ich will knipsen: wie schön, er schlägt gerade ein Rad." Das tat der Pfau wirklid), und darüber hinaus muß ick) zu seiner Ehre sagen, daß er es mit großer Ausdauer tot. Eine Minute verging, zwei Minuten, das Stativ stand endlich fest auf feinen drei Beinen, die Kamera war kunstvoll aufgeschraubt, das Brautpaar erreichte durch einen längeren Dialog Uebereir.ftimmung wegen der Distanz und immer noch stolzierte der weiße Pfau mit feinem groß ent­falteten Rad.

Aber die junge Dame knipste noch lange nicht. Sie suchte in ihrem Koffer, fand ein sauber zusammen­gelegtes schwarzes Tuch, legte es über den Photo­kasten, bückte sich in einem rechten Winkel, und der '-Bräutigam breitete die schwarze Stoffhülle zärtlid) über den Kopf der aufgeregten Künstlerin.Aus. gezeichnet, wunderbar," zirpte es unter dem Tuck), ichnell die Kassette Nummer 4." Noch immer stol­zierte der Pfau.

Als aber die Mattscheibe glücklich mit der Kassette vertauscht und die wahrhaft astronomische Berech­nung mit zwei Belichtungstabellen irgendein un- wahrscheinliches Resultat ergeben hatte, kam der große Moment des Knipsens. Das heißt, er sollte kommen: einen Augenblick vorher faltete der Pfau seine Schmuckfebern zusammen und ging langsam in die hinterste Ecke des Käfigs.

Das Brautpaar hat dann die gleichen Versuche am Nachbarkäfig unternommen, beim bunten Pfau, unb als es dort den selben Schiffbruch erlitt, kehrten die beiden Menschen zum weißen Radschläger zurück. Fast dreioiertel Stunden vergingen: es war für den stillen Beobachter sehr erheiternd, aber eine Belich­tung kam nicht zustande.

Manchmal ist das Photographieren der Zoo-Tiere weniger komisch als beängstigend.

Im schönen Bergzoo zu Halle, eine große Löwen­

schlucht.Sie können ruhig hineingehen", fügte der Wärter und öffnete die Tür, die vom Käscghaus ins Freie führt. Aber wir taten das schon lieber nickst: denn im gleichen Augenblick trollten sechs ausgewachsene Löwen herbei, und wir baten darum, daß der mutige Wärter wenigstens ein Gitter zwi­schen uns und die Katzen stellte. Wir hatten nämlich noch nicht den Schrecken der letzten Viertelstunde verwunden: Da knipsten wir einen zehn Monate alten, also noch kleinen Löwen, den der Wärter auf den Rasen herausgenommen hatte. Weil das Tier, festgehalten durch den neben ihm kauernden Pfle­ger, ziemlich verschlafen aussah, fuhr ich ganz lang­sam mit der Hand dicht vor seiner Schnauze vorbei.

Plötzlich faucht der Bursche los, entblößt ein tüch­tiges Gebiß: ich springe zurück, und der Löwe wäre auch schon ausgerückt, hätte ihn der Wärter nicht eben noch am Schwanz gepackt. So aneinander verankert, sausten die beiden mehrere Meter über den Kies, bis der kleine Ausreißer wieder dingfest war.

Das Raubtierhaus in Halle ist mir noch aus einem andern Grund in Erinnerung. Die Taschenlampe mit der roten Birne war ausgebrannt, wir konnten nirgends einen völlig dunklen Raum zum Platten­wechseln bekommen, bis auf den Heizungskeller im Raubtierhaus. Auf eisernen Leitern krochen wir tief unter die Erde, der Wärter wand an einer Kurbel eine eiserne Falltür hoch, hinein in den Keller, der einen schrägen Boden und natürlich nirgends etwas Tischähnliches hatte. Die Falltür rollte herab, über uns hörten wir die Schritte der wilden Tiere, und wie Blinde mußten wir tastend unsere Arbeit tun, gleichzeitig balancierend, um unser Gleichgewicht bemüht sein.

Ohne fachmännische Hilfe der Tierwärter käme wohl selten ein gutes Zoobild zustande. Gärten, die unwirsches Wärterpersonal haben, kann der Berufsphotograph ruhig als Arbeitsgebiet streichen. Aber es gibt glücklicherweise wenig unliebenswürdige Charaktere unter diesen Menschen. Wer sich mit Tieren beschäftigt, redet zwar nicht viel, ist aber hilfsbereit und gut.

Die Tücke des Objektes kennt der Tierphotograph wie kein anderer. Hedda Walther will einen Tukan aufnehmen, den großen Pfefferfresser-Vogel. Und was wird daraus? Ein fauchender Tiger. Der Tukan mag nämlich nicht aus feiner Schattenecke heraus, aber am Raubtierfelfen ist gutes Licht, und

wir find im Verbindungsgang und schieben uns gebückt vor bis zum eigentlichen Tiergehege. Wieder schließt ein Schlüssel, der Inspektor tut, als sei ein ausgewachsener Mandschutiger harmlos wie ein Kanarienvogel.Komm mal her, Sascha, brav, setz dich auf die Kiste!" Wirklich, er tuts, knurrt nur ein bißchen.Bekommst extra Fleischration!" Dann stellt der Mann in anderthalb Meter Entfernung eine transportable Gitterwand auf, winkt uns, daß wir nähertreten sollen, und kehrt wieder zum fibi rischen Sascha zurück.Nu fauch mal, los!" Aus feiner Hand fliegt ein Fleischstück, der Tiger reißt den Rachen auf, die Photographin drückt den Ver­schluß, das Bild steht und wir machen, daß wir wieder in den sicheren Laufgang kommen. Auf alle Fälle.

Komik und Gefahr stehen dicht beieinander, wenn man Tiere photographiert. Es gibt Kraniche, die sich ausgerechnet Lederjacken zum Ziel ihrer Schna­belstöße wählen, das ist nicht angenehm: aber weit aufregender war die Situation, als Hedda Walther den kleinen Drang Vufchl zum erstenmal photo­graphieren wollte. Da hatte der Wärter aus Kisten ein Podium von vielleicht zwei Meter Hohe aufgc= baut; die Photographin stand auf der schmalen Plattform und visierte, versunken in der Beob­achtung des kleinen Drangs, durch die Mattscheibe, als lautlos und jäh vor seinem Kind der gewaltige Menschenaffe an die Gitterstäbe kam. Im ersten Schreck trat die Photographin einen Schritt zurück, ins Leere. Was wäre geschehen, hätte sie der Wärter nid)t aufgefangen? Da unten gab es näm­lich keinen festen Fußboden, sondern ein ziemlich großes Badebecken, in dem zwei ausgewachsene Nil­pferde einladend ihre Kiefer auseinanderbogen.

Lichtspielhaus Bahnhofstraße.

Sm Lichtspielhaus hat gestern der weitbekannte Artist Sylvester Schäffer ein auf mehrere Tage berechnetes Gastspiel begonnen. Die bedeu­tende Anziehungskraft seines Ramens hatte sich bewährt und ein volles Haus gemacht. Sylvester Schaeffer steht, wie man sich überzeugen konnte, noch immer auf der Höhe seiner Leistungsfähig­keit. Er dürfte auch heute noch seine Sonder­stellung im Kreise der internationalen Variete

Schäffers Stärke beruht in der verblüffenden Vielseitigkeit seines artistischen Könnens. Er be­streitet ein geschickt und esfektvoll ausgemachtes, abwechstungsreiches und flink abgewickeltes Va- rieteprogramm von fast einem DutzendHum­mern" ganz allein, während man gemeinhiir^für jede dieser Rummern einen besonderen Spe­zialisten zu bemühen pflegt. Er beginnt mit einem routinierten Zauberakt, bemüht sich gleich darauf in einer vielfach kombinierten Songleur-Rummer Herrn Rastelli Konkurrenz zu machen, pinselt anschließend al- Schnellmaler in kürzester Zeic eine Landschaft !n Oel auf die Leinwand, treibt muntere Scherze in einer Harlekinade, erscheint alsbald in einer Sagdszene mit Reh und HaS und Hirsch und Bär und tritt als Kunstschühe auf, verwandelt sich und gibt eine anmutige Probe seiner Musikbegabung als Violinvirtuose, die Rümmer wird gleich darauf in einer Gro­tesk-Szene (Musikclown) parodiert, worauf er sich mit einem wuchtigen Kraftakt (römische Spiele") verabschiedet und reichen' Beifall ent­gegennehmen darf. Man sollte sich dieses Gast­spiel nicht entgehen lassen.

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Sn Ergänzung des Programms auf der Bühne sieht man (außer der reichhaltigen Wochenschau) den ersten Teil eines neuen großen Spielfilms Ser Graf von Monte Crist o". Das Werk ist nad) dem berühmten Roman von Du­mas gearbeitet, hält sich sehr genau an den Text und schneidet den riesigen Stoff mit gutem Blick für filmische Möglichkeiten zusammen. Das Ganze ist in großem Rahmen gemacht, phantastisch, le­bendig, im Anfang etwas zu schnell gedreht, später ruhiger, aber stets von großer Spannung und mit vielen malerischen Szenenbildern. Sn den Hauptrollen sieht man Lil D a g o v e r, Scan Angelo und Bernhard G o e h k e. Da uns kein Programm vorlag, vermögen wir den Manu­skriptbearbeiter und den Regisseur nicht zu nen­nen. Auch die übrige Besetzung zeigt tüchtige Einzelleistungen. Wer den ersten Teil ge­sehen hat, wird den zweiten nicht versäumen wollen, zumal wenn er den Roman gelesen hat und weih, was ihm noch bevorsteht. r