Ausgabe 
9.12.1930
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 288 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger fGeneral-Anzeiger für Gberheffen)

Dienstag, 9. Dezember 1930

Der Kampf um das Moffulöl.

Britisch-französische Rivalität in Dorderasien. Oie Einigung Arabiens unter britischer flagge.

Don unserem 6. ^.-Berichterstatter.

Haifa, November 1930.

Während in Europa immer noch die alten Strei­tigkeiten aus den Fricdensvcrträgen die Völker beschäftigen, geht die britische Politik im vorderen Orient unbeirrt durch vorüber­gehende Rückschläge, wie z. B. in Palästina, ihren Weg und verliert nie das endgültige Ziel, d i e Schaffung eines groharabischen, aber unter englischem Einfluß stehenden Reiches, aus dem Auge. Zwar ist cs nicht möglich, Arabien direkt der englischen Herrschaft zu unterwerfen. Dazu ist die arabische Halbinsel zu groß und von zu vielen noch immer allzu freiheitsliebenden Völkern bewohnt. Auch würde eine direkte Besitzergreifung durch die Eng­länder wohl in kürzester Zeit zu internationalen Schwierigkeiten führen, weil die Eifersucht der Franzosen auf die englische Betätigung im Orient solcher Verletzung des Gleichgewichts nicht ruhig zusehen könnte. Aber eine direkte Be­sitzergreifung ist ja wohl auch nicht nötig. Das meerumflossene Arabien steht so sehr unter eng­lischer Kontrolle, daß es solcher grober Mittel kaum bedarf. Es genügt die wirtschaftliche Durch­dringung und die Aufrechterhaltung des gegen­wärtigen Zustandes, um Arabien am britischen Zügel zu gängeln.

Zweiflern, die vielleicht eine solche Politik für gewagt oder für wirtschaftlich nicht ertragreich ge­nug halten, dürften zwei Ereignisse der letzten Monate die Augen öffnen: die englisch-französi­sche Einigung über die Oelleitung von Mossul zum Mittelmcer und die Berichte über ein bevorstehen­des arabisches Locarno. Beides sind Schlaglich­ter auf die Betätigung des britischen Löwen in diesem Weltteil.

stellte Die britische Politik, die auf Ausschaltung der französischen Kontrolle über die Mossulöllei- tung, und damit das Mossulgebiet, gerichtet war, hatte also auch eine andere nachteilige Folge. Eie brachte Konflikte zwischen dem schwachen Irak und dem mächtigen Wahabitcnreichc hervor, die wieder ihrerseits die britischen Erfolge im Irak vorüber­gehend in Frage zu stellen drohten.

Aber wenn jemand der Ansicht war, daß die Engländer dieses schwierige Problem nicht an­packen würden, oder gar es nicht zu meistern ver­stünden, der irrte sich. Die Engländer scheuten sich nicht, den Beduinen des Wahabitenkönigs Ibn Saud, mit dem sie doch bislang befreundet gewe­sen waren, blutige Niederlagen zu bereiten und den Schrecken der britischen Dombenflieger auch über ein ihnen bisher wohlwollend gesinntes Land zu breitem And zwar mit einem Erfolg, den selbst Kenner arabischer Verhältnisse ursprüng­lich nicht für möglich gehalten haben: nämlich mit dem, dah Ibn Saud, nachdem der Kampf meh­rere Jahre hin und her gegangen war, sich den britischen Wünschen fügte und Ende vorigen Iah- res sogar eine Zusammenkunft mit dem Sohn sei­nes Todfeindes, dem König F e i s s a l vom Irak, zugcstand, ja, darüber hinaus, als die Zusam­menkunft stattfand, vorbereitende Verhandlungen über den Abschluß eines Freundschaftsvertrages mit dem Irak aufnahm.

Wie weitreichend eine derartige Politik ist, hat man seinerzeit in Europa kaum erkannt. Das arabische Locarno oder der arabische Völ­kerbund, zu dem mit diesen Verhandlungen der erste Grundstein gelegt wurde, geht in seiner Be­

deutung weit über alles hinaus, was von den Engländern bisher in Arabien erreicht wurde. Denn das Zustandekommen dieser Pläne würde heißen, daß ganz Arabien zum erstenmal wieder seit 700 Jahren in einer, wenn vielleicht auch losen Form, geeint wäre und zugleich in dieser Sprm britischen Wünschen zur Verfügung stünde. Das Ideal, für das sich während des Weltkrieges der Oberst Lawrence und später auch die anderen Arabienkenner der Engländer cinsehten, wäre wenigstens zu einem großen Teil verwirklicht und dem arabischen Nationalismus, der den Engländern immer vorwars, sic verhin­derten eine derartige Einigung ganz Arabiens, wäre der Wind aus den Segeln genommen.

Nun ist es zwar noch nicht so weit. Die Ver­handlungen zwischen dem Irak und dem Nedjd sind seit dem Dezember des vorigen Jahres kaum weiter gediehen. In der Hauptsache, weil Ibn Saud zunächst einen zu hohen Preis für feine Zustimmung zu diesen britischen Plänen for­derte. Aber die Verhandlungen gehen unauffäl- fig hinter den Kulissen weiter, und manche An­zeichen lassen darauf schließen, daß die Englän­der nicht mehr sehr weit von der Verwirklichung ihrer Ziele entfernt sind. Ibn Saud kann britische Flugzeuge und britische Militärberater, die er ge­gen aufsässige Landsleute immer wieder benö­tigt, allzu gut gebrauchen und weiß, daß er den Dogen nicht überspannen darf. Er wird also über kurz oder lang sich den britischen Wünschen fü­gen, ebenso wie das Irak, das 1932 vom Man­dat befreit werden soll, wenn es sich vorher den: britischen Wirtschastsforderungen geneigt erweist. Man lasse sich daher durch Gerüchte über britische Mißerfolge in Arabien und besonders im Irak nicht irremachen. Der kommende arabische Staa­tenblockfreier" arabischer Volker ist eben­so ein englisches Werk wie die Oelleitung, die jetzt zusammen mit einer Bahn von Bagdad nach Haifa von englischen Ingenieuren zu bauen be­gonnen wird.

Die Frage, wohin die Oelleitung ans Mittelmeer geführt werden sollte, die aus den Oelfeldcrn Mesopotamiens das Pe­troleum bis zu einem Welthafen leiten sollte, ist einer der ältesten Streitpunkte zwischen Großbri­tannien und Frankreich im vorderen Orient. Schon in San Remo wurde 1920 festgesetzt, dah die Oel­leitung gebaut werden müsse. 1924 mußten die Engländer die Zusicherung, daß sie eine derartige Oelleitung bauen würden, erneuern, da Frank­reich nur unter dieser Bedingung bereit war, das Mossulgebiet endgültig der Türkei ab- und dem unter englischer Kontrolle stehenden Irak zu­sprechen zu lassen, wobei sie es jedoch wiederum vergaßen, den Ort fe st zu setzen, an dem die Oelleitung endigen sollte. Er mußte erst der ganze Landstreifen, der sich zwischen Transjordanien und dem Irak heute als transjordanisches, bzw. ira­kisches Gebiet, erstreckt, den Wüstenstämmen in blutigen Kämpfen entrissen werden, ehe die schwie­rige Frage gelöst war. D. h. also: bis die Eng­länder die Möglichkeit fanden, die Oelleitung durch eigenes und nicht durch fran­zösisches Gebiet zu legen, und zwar nach Haifa in Palästina, also an einen ebenfalls un­ter englischer Aufsicht stehenden Ort. Die Fran­zosen, die die Oelleitung gern unter ihrer Kon­trolle gehabt hätten, müssen sich damit begnügen, dah von Palästina aus eine Oelleitung nach dem syrischen Tripolis gebaut wird, so dah also nicht sie die englische Oelleitung unter Kontrolle haben, sondern dah umgekehrt ihre Oellei­tung unter britischer Kontrolle steht.

Wie groh dieser englische Erfolg ist, ist nur zu ermessen, wenn man die hartnäckigen Kämpfe um das Mossulol bis in ihre Einzelheiten kennt. Aber gewiß imponiert auch dem Nichtfachmann die Tat­sache, daß die Engländer, um französischer Kon­trolle zu entgehen und zugleich ihre Landbrücke nach Indien zu sichern, Palästina, Transjordanien und das Irak durch die Eroberung eines Gebietes zusammenschweißten, das an Gröhe Palästina und TranSjordanien weit übertrifft.

Allerdings war dieses Land bisher eine Art Niemandsland, das lediglich von wilden Noma­den durchstreift wurde und das so eine Art natür­licher Puffer zwischen dem Wahabitenreich und den ncubritifchen Besitzungen in Dordcrasien dar-

Technik im Spielzeug.

Eine vorweihnachliiche Plauderei für Ellern und Kinder.

Don Oipl.'Ing.

Alljährlich gibt es zwei große Märkte für das Spielzeug des Kindes: die Leipziger Messe und das sind ja eigentlich schon zwei Märkte, im Früh, ling und im Herbstund den Weihnachtsmarkt, der stch auf Tausende von Verkaufsbuden, Läden und Warenhäuser verteilt. Man mag stch wundern, daß zweimal im Jahr 8 oder 900 Fabrikanten und Händ­ler von Spielwaren zusammenkommen, um der Kund­schaft ihre Ware zu zeigen, aber es gibt kaum eine Ware, die so schwer nach Katalogen zu beurteilen ist. Aus diesem Grund geht mehr als die Hälste des deutschen Spielwarenabsahes über die Leipziger Messe, und aus demselben Grund müsten die weih­nachtlichen Spielwaren-Ausstellungen in den ®e- schäften und Warenhäusern so umfangreich und so vielfältig sein; denn auf den Weihnachtsmarkt kommt ja der letzte und entscheidende Kritiker: das Kind selbst.

Das Kind ist außerordentlich kritisch und hat in der heutigen Zeit einen sehr scharfen Blick für den Grad der Anpastung an die Wirklichkeit. Damit ist durchaus nicht immer gesagt, daß jede Einzelheit unbedingt wirklichkeitsgetreu nachgebildet sein muh. Unter Umftänöen ist es ebenso wesentlich, dah das Prinzip, etwa die Bewegung oder nur das Gerippe einer Konstruktion gut dargestellt wird. An diesen Dingen lernt das Kind oft mehr als an scheinbar ähnlichen Attrappen. Auf diesem Gesichtspunkt bc- ruhen die meisten der bekannten Baukästen, die unter dem von der Technik beeinflußten Spielzeug eine sehr große Rolle spielen. Vor allem diejenigen Baukästen, deren Einzelteile aus Eisen und Messing bestehen, enthalten in vielen Fällen Zahnräder, Kronen- oder Schneckengetriebe, Kugellager, ufw., die der technischen Wirklichkeit außerordentlich nahe kommen, und die die Nachbildung von Kraftüber- tragungs-Mechanismen und -Getrieben, wie etwa eines wirklich naturgetreuen Automobilchassis oder einer ganz modernen Lokomotive, erlauben. Es ist darum aber nicht gesagt, daß nicht einfachere Mittel das technische Verständnis genau so befruchten kön-

A. Lion, Berlin.

nen, besonders bei kleineren Kindern. So bietet neuer- dings ein bekannter Holzbaukasten die Möglichkeit, Zahnräder und Zahnstangen einfach dadurch selbst herzustellen, dah man beigegebene gewellte Metall- streifen mit Hilfe eines kleinen Hammers felbft auf Räder oder Stäbe zieht. Und dieses einfache Ver- fahren entfpricht vorzüglich dem Charakter des Holz­baukastens, derheute natürlich weit entfernt von den Holzbaukästen unserer Jugend das Grund­sätzliche der Technik in verhältnismäßig einfachen Modellen zeigen soll.

Neuartig sind Holzbausteine mit abgeschrägten Kanten für kleinere Kinder, Steine, die einmal eine geringere Splitterwirkung haben, außerdem eine größere Formenmöglichkeit bieten, weil jeder ein­zelne Klotz nicht nur auf den Seiten, sondern auch auf sämtlichen abgeschrägten Kanten stehen kann. Es gibt in diesem Jahr sogar Baukästen, bei denen die einzelnen Bauteile aus dünnen Pappen von 13,5 mal 17 cm von den Kindern selbst hergestellt werden können. Die farbigen Pappscheiben bestehen aus Quadraten und Dreiecken, die teils eingeknifft, teils ausgestanzt sind, so dah man jeder Pappe durch Einrollen, Einstecken oder Herausstehenlassen ihrer Einzelteile eine Unzahl verschiedenartiger For­men geben kann. So entstehen die einzelnen Bau­formen, die wiederum miteinander durch die heraus- stehenden Dreiecke zu Hunderten von verschiedenen Figuren, wie Häufern, Tieren, Walzen, Bänken usw. verbunden werden können. Alle diese einfacheren Baukästen, die meist ohne Schrauben, nur mit Stäben und durchlochten Klotzen und Scheiben arbeiten, sind durchaus dazu geschaffen, das technische Ver- ständnis zu wecken und in der ersten Entwicklung zu fördern. Die weniger anspruchslosen Metallbau- kästen wollen mehr, sie wollen den modernen Jungen nicht nur dazu anregen, Maschinen und Fahrzeuge auch in Einzelheiten möglichst naturgetreu nachzu- bilden und so besser verstehen zu lernen, sondern sie

wollen die eigene Ersindertätigkeit des werdenden Ingenieurs reizen.

Die Radio-Bastelei spielt heute allerdings nicht mehr die Rolle wie vor Jahren, ihr erzieherischer Wert darf aber nicht unterschätzt werden, und cs gibt aud) auf diesem Gebiet noch Baukästen, die den Selbst- bau größerer Röhren-Empfänger mit Schallplatten­wiedergabe, ja sogar von Kurzwellen-Empsängern möglich machen. Man kann wohl grundsätzlich die Baukästen, die das technische Verständnis durch Eeldstbau anregen sollen, unterscheiden von dem übrigen vielen Spielzeug, das auf den technischen Errungenschaften der Neuzeit beruht, und das von Jahr zu Jahr der technischen Entwicklung angepaßt wird. Wenn cs auch diese Weihnachten noch nicht den Propellrrwagcn gibt, wie es im vorigen Jahr ben Raketenwagen gegeben hat, so findet man doch gerade bei den Fahrzeugen eine Annäherung an die Wirklichkeit, die jedes Kind wahrhaft entzücken muß.

Die Spielzeug-Lokomotiven sind natürlich auch inzwischen den neueren Modellen nachgcbildct worden: sie haben Windleitflache und niedrige Schornsteine, sind für Vorwärts- und Rückwärts­fahrt tauch in den einfachsten Modellen) und mit Bremse ausgestattet. Neuerdings wird die Natur­treue des Betriebes noch dadurch verbessert, daß die Schienen und Weichen auf Holzschwellen montiert sind, und, was auch nicht zu unterschätzen ist, neuer­dings beginnt der entsetzliche Kitsch der Bahnhofs- bauten, die man, leider Gottes, immer noch der Jugend anzubieten gewagt hat, zu verschwinden, und auch die Bahnhöfe erhalten moderne und weniger verschnörkelte Formen, dafür aber elektrische Beleuchtung, meist mit Talchenlampen-Batterien und bei den komplizierteren Ausführungsarten alle nur denkbaren Schikanen, wie Frisiersalon, Läden für Erfrischungen und Reiseandenken, Bahnsteig- Bufett, Ausenthaltsraum für Gepäckträger, Gepäck­abfertigung mit Gepäckannahme und -Ausgabe und einer richtiggehenden Gepäckwaage, von Den bei ollen Kindern beliebten Bedürfnisanstalten ganz zu schwei­gen. Bekannt ist ja auch die elektrische Fernschaltung von Weichen, Signalen, Barrieren, sowie die elet- trische Stromunterbrechungsschiene, die je­weils vor einer Barriere oder einer Läutebude in die Gleisanlage eingefügt wird und die bewirkt, dah, solange der Zug über diese Schiene fährt, die hinter ihr angebrachten Einrichtungen elektromagnetisch automatisch in Tätigkeit treten.

Auch der Kraftwagen, dessen größere Modelle richtig benutzbar sind, wird möglichst streng der mo­dernen Form angepaßt. Nicht einmal der automatische Winker fehlt, die Windschutzscheibe, die elektrilche Beleuchtung und der Werkzeugkasten. Die Fortbe­wegung geschieht bei diesen Wagen, die zum Teil sogar einen Notsitz haben, natürlich nach wie vor durchTretomobil". Eins der hübschesten Modelle auf dem diesjährigen Weihnachts-Spielzeugmarkt ist ein kleiner Raupenschlepper, bei Dem starke Gummibänder mit dreieckigem Querschnitt über die Räder gespannt sind. Dieser Schlepper, dessen kräf­tiges Uhrwerk sogar einen Anhänger ziehen kann, überwindet mit geradezu unglaublicher Leichtigkeit Steigungen von 30" und mehr und fährt durch das unmöglichste.Gelände".

Das Flugzeug als Spielzeug ist im allge­meinen nach wie vor auf den Modellbau beschrankt. Jedenfalls sind die besten Spielzeug-Flugzeuge so konstruiert, daß sie auch von den Kindern selbst zu­sammengebaut werden können. Der Antrieb ist noch meistens der Gummimotor, geschieht aber manchmal auch durch Preßluft.

Der Dampfmaschinenbau hat sich insofern weiter entwickelt, als man heute z. T. im Sinne einer besseren Angleichung an die Wirklichkeit auf die unnatürlich großen Schornsteine verzichtet hat. Auch unter den Betriebsmodellen zu den Dampl- maschinen gibt es mancherlei Neues, wie etwa Fleiich- hackmafchinen, Wäscheschleudern, Wäschemangeln, Schneeschlagmaschinen, Teigknet-, Butter-, Beton­milchmaschinen und Buchdruckerpressen,Rübenschnei­dern und Dreschmaschinen.

Auch die kleinen Mädchen kommen nicht zu kurz bei der Ausnutzung moderner technischer Errungen­schaften. Es gab ja immer fchon richtige kleine Näh­maschinen von den einfachsten bis zu Den ähnlich wie die großen Maschinen arbeitenden Modellen. Es gibt kleine Webstühle, auf denen man Besätze, Gürtel und ähnliches anfertigen kann, und kleine Strickmaschinen, darunter ganz einfache, die lo- gar in verschiedenen Großen, für 6-8,8-12 jährige und ältere Mädchen hergestellt werden. Daß tin modernes Puppenhaus einen Fahrstuhl hat, ist

Ali-Oesterreich.

Anekdoten, erzählt von Alfons von Ezibulta.

Kaiser Franz, bekanntlich der letzte römisch- deutsche Kaiser seit 1806 nannte er sich ja nur mehr Kaiser von Oesterreich, stand am Fenster seines Arbeitszimmers. Plötzlich Lärm und Geschrei und ein los,gcrissener Ochse galop­pierte durchs CBumK-gefolgt von aufgeregten Menschen. WährenlWM^ Rindvieh im Burghof tobte, sah sich langsam nach dem

ehrfurchtsvoll hinterv^-WAhenden Minister um, der gerade zum Vir NMr erschienen war. und sagte:Wissen's toa8 tB® ift? das erste Rind­vieh, das ohne PrvMtion an den Hof kommt!"

Grillparzer traf bei irgendeiner Gelegenheit einen hohen, ihm aber sehr wohlgesinnten 'Be­amten der kaiserlichen Zensur. Der Hofrat fragte den Dichter, warum man denn so wenig von ihm zu lesen bekomme. Grillparzer antwortete gallig, daß den Grund dafür ein Hofrat von der Zensur doch am besten wissen müsse. Da meinte der Hof rat:So seid ihr, ihr Herren! Ihr denkt euch die Zensur immer als gegen euch ver­schworen. Als Ihr ..König Ottokar" zwei Jahre lang liegen blieb, glaubten Eie gewiß, ein er­bitterter Feind verhindere die Aufführung. Wissen Sie, wer das Stück zurückhielt? Ich, der ich doch, weiß Gott. Ihr Feind nicht bin."

Erstaunt fragte Der Dichter: ..Was haben Eie denn an dem Stück so Gefährliches gefunden?" Gar nichts", antwortete der Hofrat,aber ich dachte mir man kann doch nicht wissen."

Der Feldzeugmeister John war als General­major im Jahre 1866 Generalstabschef der Eüd- armec unter Erzherzog Albrecht gewesen. In dieser Stellung hatte er auch den verblüffend genialen Plan zur Schlacht von Custozza ent­worfen. Später war er Kriegsminister, dann Chef des Generalstabs und persona gratissima, so daß er sich schon etwas erlauben konnte. Wovon er freilich nicht oft Gebrauch machte,

denn er redete überhaupt nur selten. Einmal hörte er sich Den Strategie-Unterricht an der Wiener Kriegsschule an, Die das gleiche war wie in Deutschland die Kriegsakademie. Gegen Ende der Stunde sagte er Dem DortragenDen Generalstabsmajor:Stellen Sie nun einem Der Herren eine Frage!" Der Major überlegte kurz, rief natürlich seinen besten Schüler auf unD befahl:Erzählen Sie uns, Herr Oberleutnant, was sich Seine kaiserliche Hoheit Erzherzog Al­brecht am Morgen Der siegreichen Schlacht von Custozza dachte!" Der Paradeschüler legte los. Redete und redete. Napoleon. Moltke, Radetzky erschienen als strategische Waisenknaben gegen Erzherzog Albrecht. John hörte geduldig zu, besah sich interessiert den Oberleutnant und rührte sich nicht. Als der endlich seinen Redeschwall beendet hatte, sprach der Feldzeugmeister John: Ausgezeichnet, Herr Oberleutnant! Aber nun werde ich Ihnen sagen, was sich Erzherzog Albrecht am Morgen der Schlacht von Custozza dachte nich ts!" Sprach's und ging.

Um diese Geschichte zu verstehen, muß man wissen, wer Weißhappel ist. Die berühmteste Wurschtfabrik Wiens, die seit Jahrzehnten die feinsten Wiener Würschtl herstellt. Weil die Weißhappel-Würschtl aber gar so fein sind, ziehen ihnen Kenner die gewöhnlichen Wiener Würschtl entschieden vor.

Als Kaiserin Elisabeth sich fast ganz vom Hofleben zurückgezogen hatte, liebte sie einsame morgendliche Spaziergänge im Schönbrunner Park. An einem Wintermorgen stieß sie im Park auf eine Gruppe Arbeiter. Ueber einem Feuer hing ein Kessel. Die Kaiserin fragte den Vorarbeiter, was darin sei.Würschtl halt, gnä Frau!" antwortete der Mann, der sie in der Dunkelheit nicht erkannte. Elisabeth bat ihn um ein Paar. Der Arbeiter fischte ein solches aus dem Kessel. Es waren derbe Würschtl, die die Hof­gartendirektion täglich den in der Kälte arbeiten­den Leuten zum Frühstück spendete. Doch der Kaiserin schmeckten sie vorzüglich. Sie beschenkte die Leute und ging. Am nächsten Morgen tarn sie wieder, forderte ihr Paar, erhielt es, sand

es wieder wundervoll und gab reichliches Trink­geld. Da erkannte sie, es wurde eben hell, einer der Arbeiter. Doch merkte das Elisabeth nicht. Erst am nächsten Morgen. Der Vorarbeiter mel­dete nämlich Den Vorfall und Der Hofgarten­direktor ordnete sogleich an. Daß Die Arbeiter im Schönbrunner Park bis auf weiteres Weiß- happel-Würschtl zu bekommen hätten. Denn man forme doch der Majestät nicht zumuten, das ordinäre Zeug zu essen. Die Arbeiter aber be­kamen die Weisung, die Kaiserin nicht zu er­kennen, um ihr nicht die Freude zu verderben. Der Hofgartendirektor wartete auf ein aller­höchstes Lob. Er wartete vergebens. Denn als Elisabeth am nächsten Tage erschien, ihre Würschtl erhielt und hineinbiß, legte sie das Paar ent­täuscht auf den Karren und sagte:Schade schon von Weißhappel." Am nächsten Morgen kam sie nicht mehr.

Galgäczi war einer der gefürchtetsten, zu­gleich aber tüchtigsten österreichischen Generale um die Jahrhundertwende. Rach unten furcht­bar grob, nach oben noch viel gröber dazu ein Original. Als er, damals Oberst in Bos­nien, die Ernennung zum Generalmajor erhielt, erkannte er, daß dies eine unabwendbare Folge nachziehe, sich augenblicklich eine Generals- uniform anfertigen zu lassen. Zum Schneider zu gehen, hatte aber ©algocxi keine Lust. Qllfo setzte er sich hin und depeschierte an den ersten Wiener Militärschneider:Sendet expreß Uniform für mittelgroßen Generalmajor!"

Die österreichischen Soldaten in Bosnien waren bekanntlich zugleich auch Kulturpioniere. Das Straßennetz, die musterhafte Ordnung in diesem Balkan teil, unzählige Bauten, Schulen und anderes waren das Werk Der k. u. k. Armee. 2Ilfo mußte auch Galgoczi Straßen bauen. Da­mals war er schon ein hoher General. Eines Tages erhielt er von der Generalintendantur in Wien die Weisung, über eine Summe, die ihm für Straßenbauten zur Verfügung gestellt toor- | ben war, Rechnung zu legen. Das sah er als persönliche Kränkung an. Am liebsten hätte er alle Ziffernspione. wie er die Intendanten

nannte, vor die Pistole gefordert. Aber Dienst war Dienst. Also legte er Rechnung und schrieb: Erhalten 50 000 Gulden, verbraucht 50 000 Gul­den, gestohlen nichts -- wer das nicht glaubt, ift em Esel! Galgoczi." Entsetzen zu Wien, wo man Den rauhen, nicht eben reputierlich aus­sehen Den Landsknecht ohnehin nicht recht mochte. Beim nächsten Vortrag legte Der Generalinten­dant entrüstet dem alten Kaiser Galgoczis Ab­rechnung vor. Er war überzeugt, Daß äugen» bnckliche Pensionierung des Generals Die Folge fein werde. Aber Franz Joseph wußte, wer Galgoczi war, las den Bericht, lächelte still und sagte:Ich glaub's!"

An der Kärntner Front lag in der Nähe eines Feldspitals ein Bataillon bosnischer Feld­jäger in Reserve. Baumlange Mohammedaner mit Dem feldgrauen Fez schief auf Dem schwar­ten Haar. Vor ihnen hatten noch Die Imame Die grüne Fahne Des Propheten entrollt und sie aufgerufen zum heiligen Krieg unter Dem dop­pelten Adler. Eines Morgens erschien mit ge­schwollener Backe ein Bosniak. Der Regiments­arzt besah sich den Schaden und beförderte ohne Einspritzung natürlich, den schmerzenden 'Zahn ans Tageslicht. Der Mann rührte sich nicht bei her Prozedur. Zum Lohne für seine Standhaftig- Icit bclam er drei Zigaretten. Stand stramm, machte kehrt und verschwand. Am Nachmittag kam cm zweiter. Der hatte zwar keine geschwol- lene Backe, stöhnte aber vor Schmerz und wies aus Befragen auf einen gewaltigen Hauer. Also

Ruch dieser Mann rührte sich nicht, bekam seine Zigaretten, stand stramm, un$ verschwand. Am nächsten Morgen erschienen gleich drei. Eine Zahnweh-Epidemie schien unter den bosnischen Jägern ausgebrochen zu fein. Als aber am Nachmittag gleich ein hal- der Zug Bosniaken vor dem Feldspital sich Drängte, Da ging den Aerzten ein Licht auf. Die Zigaretten, die damals schon selten waren, hatten die Epidemie verursacht. Für je drei Stück pro Zahn hätten sich Die bosnischen Feldjäger alle tf)re Hauer reißen lassen.