Süeftener Anzeiger (General-Anzelaer für Gberheffen)
Nr. 85 Drittes Blatt
Samstag, 9. Auguft (930
Wandem und Reisen • Bäder und Sommerfrischen.
Oie bayrische Vheinpfalz.
Die Pfalz ist ein Gebiet, das von den meisten Deutschen noch als Reiseziel entdeckt werden muh! Die Zeit dazu ist jetzt günstig, nachdem die letzten französischen Besatzung Struppen aus der Pfalz verschwunden sind. Die weinfroben, lebenslustigen Pfälzer dürfen sich wieder frei fühlen und so lustig sein wie vordem! Man kann in der Pfalz eigentlich überallhin reisen. Jede- Fleckchen Erde ist in diesem von der Natur besonders begnadeten Lande reizvoll, Schönheit, Genuß und Erholung spendend. Fruchtbar dehnt sich vom Rhein her die Ebene, Kicht ansteigend wie ein einziger großer Obstgarten zu den rebenschweren Hängen des Haardtgebirges, wo zwischen den .Wingerten" und an den Straßen Pfirsiche, Mandeln, Feigen und Edelkastanien reifen. Unvergeßlich ist eine Wanderung am Haardtgebirge entlang, von Landau nach Reustadt und von ba weiter nach Ruppertsberg, Königsbach, Deidesheim, Forst, Wachenheim, Dürkheim, Kallstadt, ilngd&cim, Her heim. Freinsheim. Orte mit verlok- kendcn Klang für jeden Freund eines guten Tropfens, denn hier gedeihen Qualitätsweine, die einzig in der Welt sind. Für Wanderungen ist besonders der schöne Pfälzerwald geeignet, der den Hauptbcstand des gebirgigen Westrich ausmacht und das Land von Rord nach Süd durchzieht. Richt nur die freundlichen, lebhaften Städtchen mit ihrer arbeitsamen Bevölkerung und die weinduflersüllten Dörfer bilden das Entzücken des Besuchers der Pfalz, sondern daS ganze, immer wieder abwechslungsreiche Landschaftsbild nimmt gefangen! Dabei kommt auch die Romantik einer reick>en Vergangenheit nicht zu kurz, denn auf den Pfälzer Bergen erheben sich weit mehr als hundert Burgen und Ruinen.
Das Verkehrsnetz ist in der Pfalz außerordentlich dicht. Eisenbahn, Kraftpost, Straßenbahnen bieten zahlreiche und günstige Verbindungen. Unterkunft und Verpflegung sind erfreulich billig (Zimmer von 2 Mk. an, volle Pension von 3,50, 4,00, 4,50 Mk. an). Für einige zehn „Penningc( — das F ist bei den Pfälzern verpönt! — bekommt man in den Weinorten Brot mit Dultcr und einem riesigen Stück Schweizerkäse oder auch mit erfrischendem Weißkäse (mit Zwiebel!), der den Weinappctit fördert. Der „29er" ist herrlich süß und blumig: die Freinsheimer nennen eine Sorte den ,Starkstrom" ...
Zur Eommersaison wurde eine Reihe vonReuc- rungen getroffen. Ludwigshafen, das östliche Eingangstor, eine der jüngsten deutschen Großstädte, hat durch zahlreiche neue, monumentale Bauten und einen wichtigen Straßendurchbruch sein Stadtbild modernisiert. Der Cbertpark, einer der schönsten neuzeitlichen Parks am Rhein, ist fertig. Von Ludwigshafen ist's nicht weit nach Bad Dürkheim, wo ein neues Sanatorium eröffnet und der neue Maxbrunnentempel über der arsenhaltigen wichtigsten Quelle des Bades eingewciht worden ist. Auf einem Berge über der Stadt ist ein neuer Aussichtspavillon errichtet. Das weiter südlich, kurz vor Reustadt gelegene Haardt hat die Spazierwege und die Markierungen in der waldigen Umgebung verbessert. 3n St. Martin. einem freundlichen Weindorf bei Edenkoben, wurden neue Schmuck- und Weg
anlagen geschaffen. Bergzabern in der Südpfalz hat sein Schwimm- und Luftbad bedeutend ausgebaut und die Wegemarkierungen erneuert und verbessert. Kraftpostrundsahrten in das süd- pfälzische Burgengebiet sind neu eingerichtet. Zweibrücken schuf Verkehrsverbelserungen durch Einrichtung von Parkplätzen, Aufstellung von Verkehrszeichen und Erneuerung einer Reihe wichtiger Straßen. Die Markierungen der Aus- sluHSwegc sind erneuert und erweitert. Kirchheimbolanden (Rordpfalz) erhielt eine Musikübertragungsanlage. Zum Schluß sei der pfälzischen Hauptstadt Speyer gedacht, deren Dom am 12. 3uli die 900jährige Wiederkehr seiner
Grundsteinlegung feierte. Dom 6. bis 15. 3uli war die ehrwürdige Stadt von Festtrubel erfüllt. Hohe Würdenträger der katholischen Kirche, darunter em Legat des PapsteS, versammelten sich im Dom, in dessen Krypta cucht deutsche Kaiser zur ewigen Ruhe gebettet sind. Der berühmte „Domnaps" wurde vom Chor deS Domes entfernt und wieder an seinen ursprünglichen Platz vor dem Hauptportal gebracht. 3m Mittelalter bezeichnete er hier die Grenze zwischen Bischofs- stadt und Stadt Speyer, und jedesmal, wenn ein neuer Bischof einzog. ward er mit Wein gefüllt, der dem Volk als Geschenk dargebracht wurde...
Reisewinke.
Handgepäck im Eisenbahnabteil.
Durch die vor kurzem erfolgte Bekanntgabe der Anordnung, daß die bisherige Gewichtsbeschränkung für Handgepäck von 25 Kilogramm aufgehoben sei, sind verschiedentlich Mißverständnisse insofern entstanden, als viele Reisende annehmen, sie könnten nunmehr Handgepäck in jedem Umfange mit ins Abteil nehmen. Diese Annahme ist irrig! 3m 3nteresse aller Fahrgäste macht die Reichsbahn darauf aufmerflam, daß selbstverständlich auch nach Aufhebung der Gewichtsgrenze nur soviel Handgepäck mit in die Abteile hineingenommen werden darf, wie der Raum über und unter dem Sitzplatz zuläßt. 3m Hinblick auf die im Verhältnis zu den Ge- samtkosten der Reise geringfügigen Gebühren für die Beförderung des Gepäcks sollte eigentlich heute schon aus Bequemlichkeitsgründen — abgesehen von der Rücksichtnahme auf die übrigen Fahrgäste! — jeder Reifende schweres Gepäck im Packwagen befördern lassen.
Zaltbootrahrer alsReisendc mitTraglastcn.
3n der Hochsaison des Faltbootwanderns interessiert es sehr, was die Reichsbahn zu den vielen Zweifelsfragen über die Beorderung der Faltboote sagt. Eine Reichsbahndirektion hat sich über verschiedene ihr vorgelegte Fragen unserem Mitarbeiter gegenüber wie folgt geäußert: Da die Faltboottypen nach Größe und Gewicht stark voneinander abweichen und erfahrungsgemäß häufig andere Gegenstände beigepackt werden, muß die Entscheidung darüber, ob im Einzelsalle die Mitnahme von Faltbootgepäck in die Personenwagen oder in die mit „Reisende mit Traglasten" gekennzeichneten Wagen zu versagen ist, den örtlichen Stellen — auf den Bahnhöfen dem Aussichtsveamten und während der Fahrt dem Zugführer — überlassen bleiben. Vorschriften darüber, welche Bootsarten für die eine oder andere Beförderungsmöglichkeit in Frage kommen, beabsichtigt die Reichsbahn nicht zu erlassen 3n der Regel werden die einsitzigen Boote, die nach unserer Kenntnis ein Gesamtgewicht von 16 bis 25 Kilo aufweifen, ohne weiteres in die Personenwagen mitgenommen werden können. Auch haben wir gegen die Mit- sührung zweisitziger Boote, deren Cinzelstücke nicht mehr als 25 Kilo Gewicht aufweisen, im
allgemeinen nichts einzuwenden, wenn zwei Personen zusammenfahren und die beigepackten Reisenotwendigkeiten, wie Decken, Kochgeschirre und Mundvorrat sich in mäßigen Grenzen halten. Wie uns bekannt geworden ist, führt gerade die Mitnahme von ungewöhnlich viel Handgepäck (Deigepäck) häufig zu unerwünschten Auseinandersetzungen zwischen Reisenden und Dahn- personal. 3m übrigen sind die angeführten Fälle, in denen von Sportlern, die nach Derlasfen des Abteils ihren Bootswagen fahrbereit machen, eine Fahrradkarte verlangt wird, nicht die Billigung der Reichsbahndireklion. Allerdings kann das Durchfahren der Bahnsteigsperre von Reisenden, die ihr Faltbootgepäck mit ins Abteil nehmen wollen, nicht gestattet werden, weil sonst den Sperrdienstbedien^eten nicht die Möglichkeit gegeben ist, zu beurteilen, ob sich das Gepäck zur Mitnahme in die Personenwagen eignet. (Fuß- trägerlast!) 3m übrigen halten wir — so schließt die Reichsbahndirektion ihre Ausführungen — das Befahren der Bahnsteige mit Bootswagen, insbesondere lei starkem Verkehr ober auf verkehrsreichen Bahnhöfen tm 3ntereffe einer reibungslosen Abwicklung nicht für erwünscht.
(Sine Atlantische Jnselsahrk.
Die Hamburg-Amerika-Linie beschließt bas Programm ihrer diesjährigen Vergnügungsreisen mit einer Veranstaltung eigener Art. 3hr Dampfer „Occana" wird am 10. September von Hamburg aus zu einer „Atlantischen 3nselfahrt" in See gehen. Die Reise führt über Guemfey, ber schönsten ber normannischen 3nfe(n im Aermel- Kanal, nach Ponta Delgaba auf St. Miguel, ber Hauptstadt ber Azoren. Von hier aus werden Funchal auf Madeira, Santa Cruz be Tenerife unb Las Palmas auf ben Kanarischen 3nfeln besucht. Heber Lissabon unb die 3sle of Wight kehrt ber Dampfer „Occana" bann Anfang Oktober wieder nach Hamburg zurück.
Weiterung im >:ostreiseichcckverkchr.
Seit dem 10.3uli werden Beträge auf Postreif eschecke auch von den Bahnhofswechselstuben ausgezahlt, die von der Deutschen Verkehrs- Kredit-Bank AG. in einer Reihe größerer Orte und in einigen Grenzorten unterhalten werden.
Schwarzwaldfahrt.
Lon Wilhc m Kornmann,
Pfarrer in Rodheim an der Hoiloff.
Schwarzwald, — er hat seinen eigenen Reiz durch die fichtenbestandenen Höhen, die prächtigen Täler, die von Kuhglocken übcrflungcncn Mauen und die stillen, dunklen Seen.
Da sind etwa die ..Höhenwege" mit ihren wunderbar weiten Ausblicken, — Wege durch einsamste Hochwälder hindurch, über Fels und Wurzeln und Farnkräuter, immer begleitet von prächtigen Fichlenbeständen: den einen Tag brütet eine lastende Hitze über allem, und hochrot- verbrannt langt man am Abend in der bescheidenen Herberge an. — den anderen Tag spiegeln sich sahldunkle Wolken eines schweren Gewilters im Titisee, — die Blitze zucken über daS nächtlich- stille Wasser hin, hallend rollen die Donner an den Bergwänden entlang. — aus den großen Hotels der „Kultur" klingt die Tanzmusik in die Schwüle hinaus, — unb gerade solch ein Augenblick bringt uns das Gigantische dieser Land-» schast zum klaren Bewußtsein und zeigt unsere Vereinsamung in der Romantik---.
Da sind dann auch Zage, erfüllt von rieselndem Regen, — man wandert durch Züge von Gewölk mitten hindurch, bas uns silbrige Tropfen auf das Gewand setzt, — wie geisterhafte Schatten. nach oben verdämmernd, geleiten uns riesige Fichten wie treue Hüter, — Höhen rauchen und Wälder dampfen, — ..Die Hasen kochen", sagt man so schön im Vogelsberg!
Da sind einfache Gasthäuser mit köstlichem Schwarzbrot und vorzüglicher Milch: da laben auch schlichte Bleiben, hoch, am Ranb einer Watte. Da sink) bann auch Hotels, „mit allem Komfort ber Reuzeit", wo im altbeutschen Stübchen der Herr Ratschreiber, der Herr Rektor und andere Honoratioren ihren Abendschoppen trinken: ein plötzlich hereinbrechender Regensturrn verschlug uns hinein. Gerade fangen wir noch Gesprächsfeh en auf von „Lumpepack, Bettelvolk", — doch galt dies nicht uns verstaubten Wanderern. — Auch der Herr Wirt ist daran beteiligt mit einem „Da schlag's Dunderwetter noi!" Grell flackert draußen der Blitz, hell knattert ber Donner, — aus einer Ecke aber kommt die mahnende Stimme ber Wirtssrau: „Wie kannschf nur so ebbeS sage?!" Unb diese sanfte Stimme bringt wieder Frieden.
Da ist ein feines Städtchen (Furtwangen), da- hat eine köstliche älhrenfammlung. Von einer ganz alten, die noch ein Steingewicht hat unb einen wagerecht gehenden Perpendikel, geht das zu Uhren, die stündlich Musikwalzen in Bewegung setzen, zu anderen mit Glasglocken von silbrig-Hellem Klang, — zu solchen, wo alle Stund' zwei Paradiesvögel durch kleine Bäumchen fliegen, bis zu den allerkompliziertesten astronomischen Uhren, und immer wieder darunter die schönen Kuckucksuhren mit mannigfacher Schnitzerei. —
Auf den Bergwiefen heben sich die Silberdisteln heraus. Um einen nahen, sturm^erzausten Daum fliegt in seltsam-aufrechter Haltung ein Ungetüm: jetzt kommt es näher und „landet" auf dem leise federnden Boden, — es ist ein
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