Nr. W8 Erstes Blaff
180. Jahrgang
Srcitag, 9. Mai 1950
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GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberheffen
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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Polttik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr H.Thyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein und für den Anzeigenteil Max Filter, sämtlich in Dießen.
Was geht in Spanien vor?
Ein Staatsstreich des Militärs verhindert. — Llebergang zum parlamentarischen Regime. — Das Schicksal des Kabinetts Berenauer.
politisches Theater.
Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.
Madrid, Mai 1930.
Man kommt sich augenblicklich wirklich wie im Theater vor hier in Madrid. Das Stück, das wöchentlich ungefähr einmal zur Aufführung gelangt, hat den Titel „CßMe mache ich Wahlpropaganda — oder die schwierige Risikoversicherung". Die Hauptrollen sind besetzt mit den lange totgeglaubten Berufspolitikern der vordiktatorialen Zeit, die Frage der Dühnenszenerie ist stets gleich einfach gelöst — ein in Grau gehaltener leerer Raum mit einem großen Schaukelstuhl als einzigem Requisit. Die Beleuchtung wechselt bei jeder Atempause des Redners und ist so eingestellt, daß von diesem nur der Mund den Zuschauern sichtbar wird. Regie gibt es nicht, weil das hierfür notwendige Chamäleon noch nicht auf zu treiben war. Das Publikum hat Rarrenfreiheit und die Claque eine beichte Arbeit, da sie nur nqch der illjr abwechselnd Hoch und Rieder zu schreien braucht. Sowohl die Degeisterungsäufterungen wie die Hnzusriedcnheitsausbrüche passen nämlich gleich- mänifl auf jeden Satz des Redners, da die Monologe amphibienhast sind. In den Pausen wird das Volk piit Preisrätseln sinnvoll unterhalten, die Hauptaufgabe allerdings ist immer noch nicht gelöst, sie lautet „T&ic sichert sich der monarchische Politiker einen guten Posten, falls Spanien Republik wird, und umgekehrt?"
Das scheint tatsächlich die Hauptsorge der Herren Politiker zu sein, denn keiner von all den ^großen" Rednern, die in der letzten Zeit das Volk mit ihren Geistesblitzen enttäuscht haben, konnte irgendeinen positiven ünd gesunden Gedanken bringen. Ihre ganze Ideenwelt, im vorigen Jahrhundert Dcranfcrt. kreist um ihre eigene yochwerte Persönlichkeit, ergießt sich in den abgegriffensten Schlagworten und mit der hohlsten Phrasendrescherei über die geduldigen Zuhörer und zeigt mit erschreckender Deutlichkeit die Gefahr des Zurückgleitens in die vordiktatorialen Zu stände. Die eigene geistige Unfähigkeit wird durch ein widerliches Geschrei nach »Verantwortlichleiten" zu überdecken versucht. Mit diesem plumpen Stöber der Forderung auf Untersuchung und Feststellung der Schuld am Staatsstreich der sogenannten diktatorialen Ueberm'mpelungen und Ungesetzlichkeiten hofft man das denkfaule Volk blenden und für sich gewinnen zu können. Kein Politiker aber hat bis heute — weder von den konservativen noch von den liberalen — ein Programm gebracht, das sich mit den zahllosen großen Problemen Spaniens befaßte und Richtlinien für die Zukunft gäbe. Worte, Worte und nichts als Worte — ein trostloser Z u st a n d. Bei den Liberalen hat kein Mensch den Mut, sich klar und deutlich für oder gegci* die Monarchie zu bekennen. Man faselt das dümmste Zeug, man spricht von einer konservativen Republik, von einer sozialistischen Monarchie und anderem Unsinn mehr.
Die ganze Linke, die bei einheitlicher Führung und energischer Leitung unmittelbar nach dem Sturz Primo de Riveras ohne Zweifel ihr Ziel, die Errichtung der Republik, hätte erreichen können, hat cs nicht fertiggebracht, sich zu- sammenzusinden. In unzählige Gruppen und Grüppchen geteilt, um die verschiedensten Personen geschart, treiben sie alle ihre eigene Kirchturmspolitik und machen sich von Tag zu Tag lächerlicher. Für Spanien ist cs ein Glück — denn man stelle sich vor, wie die Republik ausschauen wurde, die solche eitlen Rullen regieren würden! Dank der völligen Unfähigkeit zur positiven Leistung der spanischen Linken ist heute die im Anfang ernstlich bestandene Gefahr des Umsturzes völlig gebannt und die Monarchie fester denn je. Der König hält die Zügel fest in der Hand, die anfängliche Unsicherheit ist geschwunden. Es ist anzunehmen, daß der Monarch die Bildung zweier großer Parteien betreiben wird, einer konservativen und einer liberalen, in denen die zahlreichen Parteichen der vordiktatorialen Zeit aufgehcn sollen.
Im Zusammenhang damit wurde in den letzten Wochen viel von einem Regierungswechsel gesprochen. Man nannte bereits die Flamen der neuen Minister, darunter den Herzog von Alba als Ministerpräsidenten, den bekannten Finanzier Sambo als Finanz- Minister und den in Paris lebenden früheren liberalen Politiker und Exminister Santiago Alba für das Innenministerium. Die Regierung Derenguer hat diese Gerüchte kategorisch dementiert und erklärt, sie werde bis zu den Wahlen im Amt bleiben. Das erscheint auch logisch, da in dem zur Zeit immer noch bestehenden diktatorialen Ausnahmezustand ein Regierungswechsel ziemlich sinnlos wäre. Hinsichtlich der Wahlen ist ein vor kurzem erlassenes Dekret erwähnenswert, wonach die Revision der Wählerlisten bis 15. Rovember beendet sein muß. Das heißt mit anderen Worten, daß d i e W a tz- len erst zu Beginn des kommenden Jahres abgehalten werden können. Das weibliche Geschlecht, das von der Diktatur das Wahl- vecht erhalten hatte, muß auf diese Reuerung
otuDenienttatoalie in Maorid. - Tumultschäden vor der Medizinischen Fakultät.
wieder verzichten und darf sich an den Wahlen nicht beteiligen. Heber die endgültige Regelung piefer Frage werden die Cortes (Landtag) xu ei ^scheiden haben. Auch die Rechenfolge der Wahlen ist geändert worden. Während man früher daran dachte, zuerst Gemeinde- und Pro- vinzialwahlen abzuhalten und erst bann die allgemeinen Wahlen, hat man sich nunmehr entschlossen. mit den letzteren zu beginnen. Was nun schließlich die Wahlpropaganda anlangt, sa hat die Regierung eine ziemlich weitgehende Redefreiheit zugestanden, gleichzeitig aber die Staatsanwälte angewiesen, einzugreifen, wenn die Person des Königs dabei angegriffen werden sollte oder mit Verleumdungen vorgegangen werde.
Im Zusammenhang mit der politischen Lage ist die Rachricht von Interesse, daß der geplante Besuch König Alfons in Lissabon bis auf wei
teres verschoben worden ist. In der offiziellen Begründung heißt es, „man wolle hierfür einen geeigneteren Zeitpunkt abwarten". Demnach hält Vie Regierung zur Zeit eine Abwesenheit des Königs von Spanien für unzweckmäßig. Diese Einstellung zeigt erneut, welch großes Gewicht man auf die Person des Königs während bet Zeit des Heberganges legt.
Die Staatsstreichpläne des Militärs
Ltudcntcnunruhen in Sevilla.
Madrid, 8. Mai. (Tel.-lln. Funkspruch.) 3n den frühen Morgenstunden wird bekannt, dah die Generale Martine; AnIdo in Madrid und B a r - r e r a in Barcelona für die Rächt zürn •onners-
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Zeileis gegen Lazarus.
Oer Prozeß des GailSpacher Wunderdoktors.
Berlin, 8. Mai. (IeL»lln.) Nach mehrmaliger Vertagung begann am Donnerstag vor der Zivilkammer des Landgerichts 111 in Berlin der Prozeß des Gallspacher Wunderdoktors Ze i leis gegen den Berliner Universitätsprofefsor Dr. Lazarus. Nachdem Zeiteis wesentliche Teile der ursprungli- chcn Klageschrift fallengelassen hat, geht es nun nur noch um den Anspruch, dem Beklagten die Wiederholung der Behauptung zu untersagen, daß er die Zeilcismelhode in Gallspach studiert und in zwei Münchener Zeileis-Instituten eine Behandlung durchgemacht habe, die zu falschen Diagno- sen über ihn geführt hätte. Der Vorsitzende betonte, daß es nicht Sache des Gerichts sei, medizinische Fragen zu klären. Man müsse sich hier streng an die Klage halten. Rechtsanwalt Bonnern, der Vertreter von Zcileis, erklärte, daß der Aufenthalt des Beklagten in Gallspach höchstens 40 Minuten gedauert habe und daß er während dieser Zeit lediglich eine Unterredung mit einem im Laboratorium tätigen Ingenieur gehabt habe. Er sei weder in die Behandlungsräume, noch an die Apparate gekommen. Die Behauptung des Angeklagten, er habe an Ort und Stelle alles genau studiert, iei unwahr. Ueber das Zeileis-Verfahren würde der Erfolg und die Geschichte urteilen Frau Otter in Salzburg, in deren Institut Lazarus die Apparate angeblich studiert habe, sei eine ehemalige Schülerin von Zeileis und habe keinerlei Zusammenhang mit dem eigentlichen Zeileis-Institut. Ihre Apparate seien auch niemals in einem Zeileis-Institut verwandt worden. Rechisanwalt Dr. Bonnern wandte sich dann der Behandlung, der sich Prof. Lazarus in München unterzogen hat, zu. Die von Lazarus aufgesuchten Münchener Aerzte seien zwar Zeileis-Schüler, übten ihre Praxis ccher vollkommen unabhängig voneinander und auch unabhängig von Gallspach aus. Lazarus sei in München unter dem falschen Namen eines Kunstmalers Hohenheim aus Berlin aufgetreten. Das Verhalten von Lazarus fei üble Nachrede in einer den guten Sitten widersprechenden Weise.
Für Pros. Lazarus erklärte Iustizrat Dr. Bern- stein, es wäre Prof. Lazarus nicht möglich gewesen, die ganze ärztliche Wisienschaft auf feine Seite zu ziehen, wenn feine Behauptungen nicht der Wahrheit entsprochen hätten. Aus den Gutachten gehe hervor, baß durch die Anwendung der Zslleis- scheu Methoden auch nicht Teilerfolge erziell werden
könnten, wohl aber Schädigungen heroorgerufen werden müßten. Zeileis habe durch Bestrahlung angebliche Gewächse behandelt, bis diese auf natürliche Weise zutage traten und beim Standesamt als Säuglinge angemeldet werden konnten.
Im weiteren Verlauf des Prozesses tarn es zu stürmischen Auftritten. Prof. Lazarus schilderte feine Besuche in Gallspach sowie die Untersuchung, der er sich in zwei Zeileisinstituten in München unterzogen hat, wobei in einem Falle Lungenspitzenkatarrh, im anderen ein Rückenmarksleiden seslgcstellt wurde, obwohl er nur über harmlose Schmerzen im Rücken geklagt habe. Prof. Lazarus legte die Glasr öhre, den fog. Zeileis fchen Wunderflab, der in Gallspach benutzt, aber auch in einem der Münchener Institute von einem approbierten Arzt angewendet wurde, an Gerichts- stelle vor. Er schilderte, wie in Gallspach eine Parade des Elends zu sehen ist und wie in Sekunden Diagnosen gestellt wurden. An der Person seines Verteidigers zeigte er dann, wie die Untersuchung an ihm im Münchener Institut vor sich gegangen sei. Er fuhr ein paarmal mit der hohlen Glasrohre an der Brust und im Rücken des „Patienten" vorbei und erklärte, daß durch diese „Diagnose" an ihm Lungenspitzenkatarrh und ein Rückcnmarksleiden sestgeftellt worden sei. Pros. Lazarus geriet bei feiner Schilderung in große Erregung. Er sagte nach der Münchener Untersuchung zu seiner Frau: „Dazu hat Röntgen ... gelebt und dazu müssen unsere Studenten lange Jahre studieren, daß jetzt mit einer hohlen Glasröhre Diagnosen gestellt und dem Kranken Todesleiden suggeriert werden. Nicht nur, daß wir gegen die Kurpfuscher kämpfen müssen, jetzt müssen wir uns auch gegen die approbierten Aerzte wenden, die die Zeileismethode mitmachen." Prof. Lazarus rief vor Gericht aus „Auf Grund meines Materials klage i ch Zeileis derfahrlässigenTötunganh^nderten von Menschen an!" Pros. Lazarus geriet hier- bei in so hochgradige Erregung, daß er bei diesen Worten die Glasröhre, den Zeileisschen Wunderstab auf dem Gerichtstisch zertrümmerte, so daß die Glas- fplitter weit umherflogen. Der Vorsitzende suchte Prof. Lazarus zu beruhigen, der nun ausrief: ,Za, ich habe den Zauberstaub zerbrochen, um dieser Gaukelei ein Ende zu machen!"
Der Termin zur Verkündung des Urteils ist vom Gericht noch nicht bekanntgegeben.
tag den Stur; der Regierung Beren« g u e r . mit Hilfe eines Teils des Militärs In beiden Städten, vor allem der Husarenregimenter geplant hatten. Die Unternehmung kam nicht zur Ausführung, da der größere Teil der Garnisonen f I ch weigerte, mlt;uniachen. Als die Regierung über die Gesahr, in der sie sich befand, unterrichtet wurde, lieh sie sofort die beiden Generale in ihren Wohnungen verhaften, wo sie ;unächst unter Bewachung verblieben. Einzelheiten über die Vorbereitungen ;u diesem neuen Staatsstreich sind noch nicht bekannt, jedoch steht fest, dah die Studentenunruhen der letzten Tage, bei denen auch ein f)ufarenoffi;ier lebensgefährlich verletzt wurde, den unmittelbaren AnIah gegeben haben.
Sobald die Republikaner von der Sache erfuhren, kamen in der Wohnung des ehemaligen Ministers v i 11 a n u e v a die Unioerfitätsprofefforen Maranon und Sandje; Roman, die ehemaligen Minister Sanche; Guerra und Mel- guiades A l v a r e ;, die Generale Riquelme und Aguilera, sowie die Republikanerführer Lerroux und Domingo ;u einer Besprechung der tage ;ufammen. Sie beschlossen, im Falle der Verwirklichung des Staatsstreiches widerstand bis aufs äußerste zu leisten, was also einen sicheren Strahenkamps bedeutet hätte.
3m Zusammenhang damit erfährt der Vertreter der lelegrapcn-llnion von bestunterrichteter Seite, dah der König beabsichtigt, baldigst eine liberale Regierung unter dem Vorsitz des ehemaligen Ministers Santiago Alba zu bilden, der während der viklatur in Paris verbannt war, mit dem Grafen Romanones als Landlagspräsidenten. 3n Madrid herrscht völlige Ruhe. Aus Salamanca wird berichtet, daß die dortige Studentenschaft dem aus Madrid zurückgekehrten 21 n a - m u n o einen begeisterten (Empfang bereitete, wobei Gedenktafeln für Primo de Rivera und dem früheren Unterrichtsminister vernichtet wurden. Als der Rektor der Universität Sevilla am Donnerstag die Vorlesungen wiedereröffnen wollte, kam es zu schweren Schlägereien zwischen republikanischen und kalholischen Studenten, da sich die katholischen Studenten der hlssung der roten Fahne widersetzten. Zahlreiche Studenten wurden verwundet. Die Universität wurde erneut geschlossen. Anschließend oeranffalteteten die republikanischen Studenten lärmende Strahenkundgebungen, denen ein starkes Polizeiaufgebot ein Ende bereitete.
Brünmg will sparen.
Vereinbarung mit den Regierungsparteien
Berlin, 8. Mai. Heute nachmittag fand unter Vorsitz des Reichskanzlers Dr. Brüning eine Fraktionsführerbesprechung der hinter der Regierung stehenden Parteien statt. An dieser Aussprache nahmen die Führer und Haus- haltssachverständigen des Zentrums, der Deutschen Dolkspartei, der Wirtschastspartei, der Demokratischen Partei, der Christlich-Rationalen Arbeitsgemeinschaft und der Bayrischen Dolkspartei teil. In der Besprechung herrschte darüber Einmütigkeit, daß mit allen Kräften versucht werden müsse, im Haushaltsplan Ersparnisse zu erzielen und Abstriche vorzunehmen. Heber die Streichungen politischen und grundsätzlichen Charakters solle vorher eine Einig ung erzielt werden Die Regierung versprach ihrerseits, den Entwurf eines Ausgabensenkungsgesetzes den gesetzgebenden Körperschaften mit tunlichster Beschleunigung vorzulcgen.
Oer Äolschasterwechsel.
Berlin. 8. Mai. 1CRB- Es ist nunmehr sicher, daß der bisherige deutsche Botschafter in Rom, Freiherr von Reurath, zum Rachfolger des Botschafters Sthamer in London ernannt werden wird, und daß der bisherige Staatssekretär des Auswärtigen Amtes von Schubert sein Rachsolger in Rom wird. Für Herrn von Schubert hat die italienische Regier rung bereits das Agreement erteilt. An seins Stelle wird dann, wie bereits wiederholt angekündigt, Geheimrat von Bulow treten.
Oie Regierungsbildung in Sachsen.
Dresden, 8. Mai. (WTB.) Die hinter dem Ministerpräsidenten S ch i e ck stehenden Landtagsfraktionen hielten eine Besprechung ab. bei der eine Einigung auf folgender Grundlage zu- standekam: Das Kabinett wrrd von vier Minisiern gebildet. Die Verteilung der Ministerien geschieht wie folgt: Schieck, Ministerpräsident und Dolks- brldung, Richter, Inneres, Arbeit und Wohlfahrt, Dr. Mannsseld, Justiz; Dr. Heb- rich, Finanzen und Wirtschaft. Die Ratwnal- sozialisten haben an den Beratungen nicht teilgenommen. Ob sie dem heutigen Beschluß zustimmen werden, läßt sich noch nicht übersehen.


