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ZaS Mädchen dachte daran, daß es von dieser Partie nicht eine einzige kleine Skizze mit ins Tal bringen würde. Und dabei hatten gestern die Berge im Gewitter einen so unsagbar drohenden Charakter in ihrem AuS ehen angenommen, so finster umhüllt von der wuchtigen Ballung zu- saminengeschobener Wolkenmassen, wie diese Stimmung nur sehr selten auf einem Bilde eingefangen wurde.
„Schwaihofer wird nun inzwischen aus Innsbruck mit meinen Farben zurück sein", rief Mute plötzlich aus, aufspringend als mühte sie stehenden Fuhes hinunter.
„Scr Münchener steht Wohl wieder hoch in Ehren?" neckte Gutenberg.
Mute vermied eS, dem Blick ihres Begleiters zu begegnen, als sie erwiderte: „®cr Wahrheit die Ehre! Er ist ein guter Mensch. Bielleicht haben wir ihn verkannt, jedenfalls bin ich ihm für seine Aufmerksamkeit dankbar."
Schon halb im Weitersteigen pflichtete Gutenberg bei: „Wir haben alle unsere Fehler und Schwächen. Ich gönne dir, liebe Mute, da- größte Glück von ganzem Herzen."
Die Malerin war bereits etwas voraus, als sie mit hochrotem Gesicht zurückrief: „Ach du — was heißt Glück?" Und besinnlicher: „Bielleicht liegt cs in einer selbstlosen Freundschaft eher begründet, als in der sogenannten Liebe..."
Sn den nächsten Minuten war es still zwischen ihnen. Sie nahmen sich Zeit beim Kraxeln, kosteten den Reiz des Kletterns in einer ungefährlichen Art aus. Aicht mit jener fiebrigen Sorge ums nackte Leben, wie drüben im „Hohen Oed", am Grieskofel, nicht so, daß ihnen der Schweiß wie Eiskristalle aus den Poren drang, sondern genießerisch, sportlich vergnügt.
Auf einem kleinen Plateau mit herrlicher Sicht ins Denier- und Gurgltal machten sie Mittagsrast und verzehrten die aus der Hütte mitgenommenen Vorräte. Gin Schluck aus der Feldslasche half die leichte Ermütung überwinden. Hier waren sie, ohne es zu wissen, schon ein beträchtliches Stück vom Pfad abgekommen. Kein Laut störte ihre Einsamkeit. Zwei Berghühner waren die einzigen Lebewesen, die ihnen zu Gesicht kamen.
„Don meinem Dater habe ich immer noch keine Aachricht. Sch fange schon an, Sorge um ihn zu tragen..." gestand Mute.
Gutenberg muhte sich erst mit seinen Gedanken umstellen.
„Ach so--du hattest depeschiert...“ Ein
Unterton des Bedauerns schwang tn seiner Stimme: „Hoffentlich läßt er sich den Auftrag bei Riml nicht entgehen."
Mute Hansen schwieg. Ihre Phantasie machte einen Riesensprung, setzte sich über die trennende Entfernung hinweg, war daheim im Glternhause. Es gab kein frohes Gedenken. Dielleicht zürnte ihr der Dater doch, daß sie einfach durchbrannte? —
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Möglicherweise — nein bestimmt — Hatte die Mutter eine Szene gemacht. Sie war doch ganz besessen gewesen von dem Plan, Mute mit ins Seebad zu schleppen. DaS Mädchen wußte natürlich auch — ja, dieses bange Ahnen war Wissen — daß Frau Irma Heiraispläne spann. Dieser Dr. Krieger, der sie seit Wochen umwarb, war gewiß ein sympathischer Mensch ihre Zukunft wäre zweifellos auf eine fehr angenehme Weise sicher- gestellt gewesen, aber was nützte es alles, wenn sie nicht aus voller Ueterzeugung. aus innerem Drang und Zwang in eine Che trat?
Bedingten nicht Liebe und Ehe ^inen Zu stand des Ausschaltens aller Hemmungen, des Vicht- anders-Könnens, wenn von vornherein einige Gewähr auf ein dauerhaftes Glück gegeben fein sollte? War dieses Vorsehung-Spielen der Blutter, die ihr immer wesensfremd sein würde, nicht schien ein Eingriff in die urpersönlichen Selbstbestimmungsrechte der Tochter?
Mute Hansen hatte einen viel zu heiligen Begriff von der Ehe, als daß sie sich irgendwie dazu hätte zwingen lassen!
22.
Gegen fünf -Ufor nachmittags war Peter Hansen in Sölden eingetroffen. Um sieben setzte er sich an die Abendtasel mit dem befriedigenden Bewußtsein, den Auftrag in der Tasche zu haben! Gegen genau formulierte, für den Besteller äußerst günstige Abmachungen war der 50-P8,.Dieselmotor der Hansen-Motorenfabrik zur Lieferung in Auftrag gegeben worden. Schwaihoser würde vielleicht künftig nicht mehr in der „Post" verkehren, ober das lieh sich nicht ändern. Die Zahlungserleichterungen, die Hansen gewährte, übertrafen bei weitem die eingeräumten Vergünstigungen der Münchner Motorenwerke. Außerdem stellte sich der Hansen-Motor im Betrieb noch etwas günstiger als die gleiche Maschine der M. M.-W.
Mit einigen „Halben" besten Spezials aus Vimls Keller wurde das abgeschlossene Geschäft begossen.
„Es wird Vacht, und meine Tochter ist immer noch nicht zurück 1 Bei dem Wetter kann sie doch unmöglich unterwegs sein." 3n Hansen regte sich die Sorge um Mute. Draußen rauschte der Regen, und weiter oben im Tal, in Zwic elstein, hakte sich eins der hartnäckigen Verggewitter festgesetzt. Ununterbrochen zuckten die Blitze, rollte der Donner, mit vielfacher Verstärkung von den Bergwänden zurückgewvrfen.
Riml erhob sich, kam aber gleich mit einer beruhigenden Vachricht aus der Veranda zurück.
„Ihr Fräulein Tochter ist droben in der Brun- nenkogelhütte gut aus gehoben. Sie wird dort übernachten und kann dann morgen früh den Rückweg antreten. Die letzten von dort gekommenen Touristen haben mir soeben Auskunft gegeben."________
WMWn-riMim
Vornan von Hans Friedrich.
Urheber-Rechiss-.uy durch Verlag Oskar Meister, Werdau L Sa.
25 Fortsetzung Nachdruck verboten
Ueberrasch^nd war da- Gewitter losgebrochen. Mute und Heinz hatten auf der Bank der Brunnenkogelhütte gesefsen, ganz eingesponnen in ben Lauf ihrer Gedanken. Lind dann hatte der schmale Wolkensaum, der am Morgen noch so harmlos und malerisch über das Wetterstein- gebirge hingelagert war, langsam und un- merklich die Höhen ringsum in Besitz genommen. Langsam kam das Gewitter naher. Mit dem ersten Windstoß fragte ter Donner alar- mierend und auf eine ungebärdige Art.
Mute fchreckte zusammen.
„Run können wir nicht mehr v'nab sagte Gutenberg nach einem ortentterenden Blick in die Runde. , . „ A , , ,
^as Gewitter ist durch das Oetztal gekommen. Wir saßen hinter dem Hause und haben es nicht gesehen." , _ . o
Die Hoffnung auf eine nur kurze Dauer des Welters trog. Die beiten verspäteten Dergwan- bercr mußten in ter Hütte übernachten. Der Sturm tobte bis weit in den Morgen hinein, rüttelte mit ungestümen Fäusten an Dach und Mauerwerk des festgefügten Hauses, ließ erst im Laufe des Vormittags nach und hatte sich dann ganz ausgegeben. Die Sonne schien wieder so warm und versöhnlich, als habe überhaupt keine Unterbrechung stattgefunden.
„Dom Brunnenkogel habe ich nun genug! lachte Mute, zum Aufbruch rüstend.
„Wir haben hier oben die Feuertaufe erhalten ..pflichtete ihr Begleiter bei.
Und weil es gar so schön war, gingen sie nicht den markierten Touristenpfad abwärts, sondern nahmen ihren Weg über die Blöcke durch Zacken und Schrunden.
»Man bekommt nie genug von ter Kletterei...
Gutenberg nickte zustimmend.
„Es ist wie mit dem Hunger: Kaum gestillt, stellt er sich nach wenigen Stunden wieder ein."
Von besonders günstigen Plätzen aus tranken ste die Schönheit ter Ferne in sich hinein, zur bleibenden Erinnerung an diesen Tag. Dann verschnauften sie auf einem ter Steine, die ur- vorzeitliche Bergstürze über die Hänge des Brun- nenkogels schmetterten und zerstreuten.
„Ich glaube, wir werden noch sehr lange von den erhabenen Freuten unserer Hochtouren zehren", sagte ter Dichter nachdenklich und hatte dabei wenso sehr Mute wie die Landschaft im Sinne.
Hansen batte Aum Glase gegriffen, stellte cs nun wieder auf den Tische _
„Sie meinen also, daß kein Grund zur Besorgnis --"
.Keinesfalls 1" erklärte der Wirt mit wohltuender Entschiedenheit. „Fräulein Erdmute kennt unsere Berge und ist außerdem in der Gesellschaft eines Sommergastes, des Schriftstellers Gutrn- berg." — —
Trotzdem schlief Peter Hansen In dieser Rächt nicht besonders gut. Immer wieder mußte er an feine Tochter denken, die bei diesem Hundewetter droben auf dem Berge war. Er hatte sich den Empfang so schön gedacht: Wie er Mute in ter Gaststube oder in ihrem Zimmer überraschte, wie ihm ihre Augen entgegenlachten, wie sie die Arme breitete und sich an seine Brust schmiegte. Und nun die erste Enttäuschung!
In dieser Rächt dachte er nicht an feinen geschäftlichen Erfolg. Rur an Mute.
Frau Irma war nun schon eine ganze Reihe von Tagen fort. Wahrscheinlich amüsierte sie sich in einem Modebad. Sie lebte in einer freiwilligen Isolation, in einer Freiheit, die ihrem Charakter gewiß entsprach. Rur ganz flüchtig dachte Peter Hansen noch manchmal an seine Frau. Etwa so, wie man an einen kleinen, schönen Kunstgegen- stand denkt, den man auf einer Auktion erstehet, wollte und den ein anderer im Preise so hinauf- ffteigert, daß man entsagen mußte. Ober wie man an ein unverkäufliches Buch denkt, das einem beim Lesen viel Freude bereitete, das man aber dem Besitzer zurückgeben muhte.
Mute — morgen nehme ich dich mit nach Haufe. 3d) Hab s den Kakteen, die du als Kind schon zeichnetest, versprochen, dich zurückzubrIngen. ." sprach er mit sich selbst, sich in eine grenzenlose Wiedersehensfrcude hineindrängend.
Und dann wartete er am andern Tag noch bis gegen Mittag. Ohne Erfolg, Rur einmal wurde er jäh aus feinen forgenden, grauen Gedanken« gerissen. Das war, als vor der Veranda auf der Dorsstraße ein Auto hielt und eine Stimme unter dem hochgezogenen Verdeck hervorflatterte — — eine Stimme, fo hell und so leicht tremo- Iterenb, wie die Irmas!
Rur drei Worte hatten sich zu Hansens Ohr gefunden.
„Beeilen Sie sich!"
Aber dieses sanfte Tremolo hatte alarmierend gewirkt. Mit drei Schritten war Hansen am Fenster. Zu sehen war nur der Chauffeur und neben tfym ein semmelblonder Mensch. Die Stimme mußte von einem der Rücksitze gekommen sein. Doch von den Passagieren war niemand sichtbar. Sie verbargen sich hinter den aufgesteckten Seitenteilen, deren Zelluloidfenster so schmutzig waren, wie das Segeltuch des Verdecks. Immerhin kehrte Hansen beruhigt wieder in die Veranda zurück.
(Fortsetzung folgt.)
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