Aeilag, 7. November 1930
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gbsrhessen)
Nr. 261 Zweites Blatt
in
Vor der Entscheidung in Oesterreich.
Don Dr. Otto Siegel.
Die innerpolitischen Auseinandersetzungen Oesterreich, die mit Unterbrechungen und vxch' selnder Schärfe seit zehn Jahren währen, streben ihrem Gipfelpunkt zu. 3n wenigen Tagen wird daL Ergebnis der ö st erreich ischen Rationalwahlen bekannt sein und eure Beurteilung darüber erlauben, in welcher -.Achtung und in welcher Kräfteverteilung l>re neue politische Gruppierung arbeiten wird Man wird leicht dazu verleitet, die politische AuSem- andcrsetzung der jüngsten Gegenwart ständig vorn Gesichtspunkt größter Wichtrgkctt zu betrachten. So sehr diese grundsätzliche Ertennrnrs richtig sein mag so ist anderseits in kaum einem zweiten Jahr nach dem Weltkrieg der innerpolitischen Entwicklung eine solch überragende Bedeutung zugefallen wie dem Jahr 1930.
Naturgemäß müssen die Auswirkungen des letzten Jahrzehntes in den einzelnen Staaten sich ganz verschieden äußern, je nachdem die Innenpolitik von den Ereignissen der Außenpolitik bestimmt wurde. Die Reichstagswahlen haben die besondere Abhängigkeit des deutschen politischen Willens von den außenpolitischen Din- dringen zu erkennen gegeben. In Oesterreich liegen trotz mancher Parallelen die Dinge nicht ganz so. Las außenpolitische Moment ist völlig in den Hintergrund gedrängt. Der vor kurzem erst wieder aus seiner längeren politischen Zurückgezogenheit herausgetretene Außenminister Dr. Ignatz Seibel hat das österreichische Außenministerium zwar wieder verselbständigt, das bisher in enger Anlehnung an das Bundeskanzleramt auf dem historischen Ballhausplatz wirkte. Aber Seipel als Außenminister hält sich im Wahllamps möglichst zurück, wie überhaupt im allgemeinen die jeweiligen Außenminister im innerpolitischen Kampf sich eine große Zurückhaltung auferlegen. Rur in der Politik des Schoöerblocls spielt die Außenpolitik eine bestimmte Rolle, soweit das Werk und die Persönlichkeit seines Führers werbend wirken. Aber itn Grunde genommen kümmert sich das österreichische Bolt — froh, von den Reparatlons- lasten befreit zu fein — herzlich wenig um die
Außenpolitik.
Die Rationalratswahlen in Oesterreich sind gänzlich auf die innenpolitischeAus- einanderfetzung abgestellt. Selbst die wirt- schafts- und sozialpolitischen Gesichtspunkte sind zurückgedrängt, am stärksten klingen die wirtschaftlichen Momente noch beim Schoberblock durch, die sozialpolitischen bei der Sozialdemokratischen Partei, die wie gelegentlich früherer Wahlen so auch diesmal in etwas bescheidenerem Maße gegen jede Beeinträchtigung des Mieterschutzes protestiert. / t
Der reichsdeutsche Beobachter der österreichischen Wahlvorbereitungen konnte sich auch diesmal des Eindrucks nicht erwehren, daß tatsächlich mit allen Mitteln der Propaganda gearbeitet wird, um an die Stelle der jetzt vorhandenen schwachen und verschwommenen Mehrheiten starke Mehr hei ten treten zu lassen. Der Wahlkampf wird in der Hauptstadt Wien und in allen österreichischen Bundesländern mit der gleichen Hartnäckigkeit geführt. Und doch dreht sich in ihn. alles um Wien, diese Stadt, die in noch ganz anderem Sinne als etwa Berlin sür Deutschland die österreichische Metropole ist, in der fast ein Drittel der gesamten Bevolke- rung vereinigt ist. Dieses Wien, das in noch ganz anderem Maße in Kontrastwirkung steht zum Vorarlberger, Tiroler, Kärntner, Salzburger Bauernhof. Daher der Aufmarsch der Heimwehr in den Bundesländern als Rückgrat des christlich-nationalen Elements der Bundeshauptstadt. t t
Die Sozialdemokratiscye Partei hat diesmal nicht in erwartetem Maße zum Gegenstoß ausgeholt. Sie hat ihre Kampffront in den
Bundesländern scheinbar nicht erweitern wollen, in Wirklichkeit nicht mehr erweitern können. Eie hat alle Kraft der Propaganda und derMassen- toirfung a u f Wien konzentriert, ihr Bollwerk, um mit Aufgebot alles Fanatismus die Mehrheit in Wien für sich zu behalten, wenn möglich auszudehnen. Die Herrschaft über Wien bedeutet in Wirklichkeit für Oesterreich wesentlich mehr als für Deutschland die Herrschaft über Berlin. Man wird deshalb ohne ilcber- trelbung sagen können, dgtz der Wechsel in der Richtung der künftigen Innenpolitik im wesentlichen davon bestimmt wird, wer über die Mehrheit in Wien verfügt.
Wie lagen die parteipolitischen Verhältnisse bisher? Im Vergleich zu den innerpolitischen Verhältnissen Deutschlands zeigten sie eine erheblich größere Stabilität. Cs ergeben sich mit veränderten Vorzeichen sogar gewisse Parallelen zum englischen parteipolitischen System. Als große Blockparteien wirkten, unterstützt von einem reichen Organisationsleben, die Christlich- soziale und Sozialdemokratische Par- t e t, von denen die erstere noch immer Über einige Mandate mehr verfügte. Die bisher getrennt marschierenden Großdeutschen und Landbündler haben sich unter Einbeziehung zahlreicher kleinerer Gruppen zur Wahlgemeinschaft des Schoberblocks zusammeng.schloffen, eine voraussichtlich nur für Die Zeit der Durchführung der Wahlen bestimmte Einrichtung. Die Heimwehrbewegung geht, unterschiedlich nach den einzelnen Richtungen und Bundesländern, teils geschlossen mit Der Christlich ozialen Partei, teils für sich, in den Wahlkampf. Das Ergebnis Der österreichischen Aationalratswahlen wird dafür bestimmend werden, ob die rechts der Sozialdemokratischen Partei stehenden wahl- werbenoen Gruppen in ihrer Gesamtheit es verstehen, eine stärkere parlamentarische Mehrheit zu erzielen, als es bisher der Fall war. Das würde bedeuten, daß der sozialdemokratische Vormarsch nicht nur zum Stehen gebracht, sondern auch mit einem politischen Kurs zu rechnen wäre, Der dem Lavieren zwischen links und rechts, Marxismus und Bürgertum, ein Ende bereitete.
Seit einigen Iahren wird in den hessischen Schulen eine Ausstellung gezeigt, die durch ihre Aufklärungsarbeit im Dienste Der Gesundheitspflege und Der sozialen Fürsorge weit über Hessen hinaus bekannt ist. Sie hat den Zweck, in den Schulen planmäßig Die Äugend zu vorbeugender Gesundheitspflege anzuhalten. Ausstellung, Film, Vortrag wirken zusammen und verschaffen Den Kindern in vollem Umfange Aufklärung über drohende Gefahren für Körper und Geist.
Man ging an zuständiger Stelle einen Schritt weiter und ließ die Kinder über das im Rahmen dieser Ausstellung Gesehene und Gehörte Aussätze schreiben, Die geprüft unD mit Anerkennungen in Form von Diplomen belohnt wurden. 3m Zusammenhang Damit tourDe schließlich noch ein Wettbewerb ausgeschrieben, Der Schüler unD Schülerinnen vor Die Ausgabe stellte, sich mit Dem Thema GesunDheitspflege auch zeichnerisch zu befassen, unD zwar galt es, ein Diplom zu entwerfen, das für besonders gute Aufsätze vergeben wurde und noch vergeben werden soll. Der Wettbewerb fiel auf fruchtbaren Boden und
aus den Schulen Hessens wurden nicht weniger als 700 Entwürfe eingereicht.
Vier Schulgruppen waren unter sich gegliedert, und zwar lieferten die Volls chulen. Die Gewerbe- schulen, Die höheren Schulen und die Fachschulen Entwürfe, die nunmehr auch in Gießen in der
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Finanznoi und Wissenschaft.
Die Mitgliederversammlung der Rotge- meinschaft der Deutschen Wissenschaft nahm in einer Derfammlung folgend« Entschließung an: .Die Mitgliederversammlung der Rotgemeinschaft der Deutschen Wisien- schast, Die sämtliche deutsche Wi seuschaftsdiszi- plinen, sämtlich« Hochschulen unD Akademien und die deutschen Wif'enichaftsverbände umfaßt, hat zur Lage Der deutschen Wirtschist und Arbeits» oeschaffung, der DolksgesunDhei. und Technik Stellung genommen. Sie ist der Auffassung, daß die Einschränkung der deutschen Wis enschaitsproduk- tion neben der allgemeinen Gefahr für die Höh« unterer Kultur die stärkste Beeinträchtigung der deutschen Gütererzeugung besonders nach der qualitativen Seite herautsührt. Für den Binnenmarkt ist zur Stützung der Landwirtschaft Die kraftvolle We iterfüh - rung der landwirtschaftlichen Forschung ganz unentbehrlich Der Dorfprung, den Die ausländische Wis enschaft bereits für einzelne Gebiete anmeldet, droht noch zu wachsen Der deutsche Wettbewerb auf dem Weltmarkt würde dadurch empfindlich geschädigt. Die Weltstellung der deutschen Wissenschaft ist eine Grundlage der deutschen Auslandgeltung, sie ist eine unentbehrliche Voraussetzung für das Vertrauen in Die deutsche Wirtschaft und in den deutschen Kredit. Daß aber auch das deutsche Inland durch Die Einschränkung Der wis enschaftlichen Arbeit schwer betroffen wird, tritt an mehr als einer Stelle offen zu Tage. Die traurigen Bergwerks- katastrophen Der jüngsten Zeit (um unter vielen ein Beispiel zu nennen) weisen gebieteri ch in Die Richtung, Daß die bisher aufgenommenen Arbeiten Der Ge logen, Physiker, Chemiker, MeDiziner, Techniker und anderer wissenschaftlichen Berg" werkserperten durch Etatfenkungen nicht gekürzt, sondern mit aller Kraftweitergeführt werden müssen. Wir wenden uns dieserhalb mit den ernstesten Vorstellungen an Die Reichsregierung unD Die CänDcrregierungen, an den Reichstag unD an die Parlamente der Ginzelländer und an das gesamte arbeitende deutsche Volk."
Turnhalle Der Pestalozzifchule zur Ausstellung gelangen. (Die Ausstellung ist täglich von 9 bis 12 und von 14 bis. Io Uhr geöffnet.)
Gestern vormittag wurde die Ausstellung offiziell Dem Besuch übergeben. An der Eröffnung nahmen in Der Hauptsache Herren aus Den Lehrkörpern Der Schulen teil. Stadtschulrat Fischer hieß Die Gäste willkommen, gab seiner FreuDe üoer das durch ihr Erscheinen betnie e.ie Interesse Ausdruck und sprach schl.eßlich Dank allen denen aus, Die es ermöglichten, Die Ausstellung auch in Gießen zu zeigen. Sodann sprach Herr Avemarie, Der Leiter der Ausstellung, und gab eine Reihe von Aufklärungen über das Wesen und das verfolgte Ziel der „Hessischen Hygiene-Ausstellung", wie man sie in übertragenem Sinne nennen könne. Die zum gegebenen Zeitpunkt auch in Meßen gezeigt werden wird. Er kam Dann auf die jetzige Ausstellung zu sprechen, in Der die Entwürfe Der Schülerinnen und Schüler vereinigt find. In Den Zeichnungen sind kindliche GeDanlen unD Vorstellungen über Die Bedeutung, Den Sinn und die Art Der Gesundheitspflege niedergekegt worden. Ra urgemäß waren auch Preise ausgesetzt, und zwar bestanden sie für Die besten Arbeiten in einer Geldprämie unD einem Diplom, für Die übrigen in entsprechender Anerkennung, in Trost- unD Bücherpreisen.
Für Die Gießener Dürfte es befonDers interessant sein, daß auch aus den hiesigen Schulen eine Anzahl Entwürfe eingereicht unD ausgezeich-
Nobelpreisträger Lewis.
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Der amerikanische Schriftsteller Sinclair Lewis erhielt den diesjährigen Nobelpreis für Literatur.
net wurden. So erhielt Der Schüler Rabenau (Goetheschule) einen Dritten Preis (GelDprämie und Diplom) in Der Vewertungsklasse Der Volksschulen, außerdem wurden den Schülern F e l 1 e r und Ada in Belobigungen zuteil, und sie erhielten als äußeres Zeichen Der Anerkennung je ein Exemplar des Buches .Durch Odenwald und Frankenland". Ein Entwurf des Schülers Karl Menl von der Oberrealschule Gießen soll als Titelblatt eines „Gesundheitsrechenbuches", das sich in Vorbereitung befindet und demnächst Den Lehrern zur Bereicherung des Rechenunterrichts in die Hand gegeben werden soll, 'Verwendung, finden. Reben Den festgesetzten Preisen haben der Staatspräsident Dr. Adelung, der Minister des Innern Leuschner und Präsident Dr. h. c. Reumann von Der LanDesversicherungsanstalt Hessen Ehrenpreise gestiftet, Die als Auszeichnungen für hervorragenDe Leistungen vergeben würben.
Lin Rundgang durch die Ausstellung ist außerorDentlich lohnend. Eine schier unendliche Fülle von Gedanken, die mit den Begriffen .,Gesundheitspflege", .vorbeugende Gesundheitspflege" und „soziale Fürsorge" In Verbindung zu bringen sind, hat ihren Ausdruck in den Zeichnungen gefunden. Von der Arbeit der Siebenjährigen bis zu den reproduktionsrellen, kultivierten Entwürfen Der älteren Schüler Der Kunstgewerbefchul« Offenbach ist alles vertreten, was Den schöpserisckien Händen Der KinDer und Der reiferen Iugend auf Dem Gebiete Des Darzustellenden entwachsen kann. In dieser Sammlung von Zeichnungen offenbart sich in überaus eindrucksvoller Weife Die 3nDi- vidualität, Die bereits im Kinde und vielleicht gerade im Kinde lebendig ist. Hier begegnet uns Die geometrische Form, Dort Die dekorativ behandelte Schrift, an anderer Stelle Der Versuch Der Darstellung des menschlichen Körpers, in Den Zeichnungen Der Mädchen Der Volksschule finden wir allenthalben das Blumenonrament, Die Blu- mengirlanDe, Dem an anderer Stelle eine sehr geschickte Photomontogearbeit eines Schülers als typischer Gegensatz gegenübersteht.
Die Schüler und Schülerinnen reiferen Alker« Haden bereite bewußt das Urkundenhafte, das inan mit einem Diplom in Verbindung bringt, heransgearbeitet, tatsächlich oft mit viel Geschick.
Gewerbeschüler, vermutlich Malerlehrlinge und Vuchdrucker, zeigen in dieser Hinsicht einige hervorragende Arbeiten Vorherrschend ist bei Den meisten Zeichnungen Die bunte Farbe, und gerade die Phantasie der 7- bis 10jährigen feiert mit dem Buntstift wahre Feste. Daß sich darunter
Schöpferische Kinderhände...
Schule und Volkügelundheil. - Zeichnen als Mittel zur Belehrung. - Eine Ausstellung in der pestalozzifchule.
Chinesische Wäscherinnen und ein Taifun.
Don Otto Gutzeit.
Wir hatten Ordre, mit unterer Ladung nach Wampoa, Dem Vorhafen von Kanton, zu segeln, und tonnten bereits von weitem Das anglochinesi- sche Hongkong Durch das Fernrohr sehen.
.Bei Der stauen Brise werden wir heute nicht weit kommen", meinte einer Der Matrosen. „Aber morgen'Mittag Haden wir Die Waschdeerns bereits an Bord.^ Waschdeerns?" fragte ich „Ja
wohl, hübs unge Wäscherinnen: aber Sie wer- Den ja fest .
$vr Tcuridie« Ta« an Bord, und Der Anker, Dor „Do" ,9?? „-Stunde l», den Grund gerollt ** x 1 die Hohe glrojnDcn. Die ganze
Deuttchc «■regfcllen wir DieBocca Tigris auf- am andern Morgen erhielt Die er- ÄAerbordwache Erlaubnis, zur Koje zu b JBlr mochten wohl einige StunDen geschlafen w öen, als wir durch einen schrecklichen Lärm erwachen. Müde und unwillig Drehte ich mich auf_ die andere Seite, doch Der Lärm wurde immer großer, unD als ich völlig munter war, sah ich eine Wenge chinesischer MäDchen Damit beschäftigt, Säcke, Kisten und Kojen nach zerrißenen oder des Waschens be» dürstigen Kleidungsstücken zu durchsuchen. Die Mädchen waren so genau davon unterrichtet, wo Seeleute ihre Sachen auszudewahren pflegten, Daß man hätte glauben können, sie seien selbst schon lange zur See gefahren.
Ich war noch hundemüde und gebrauchte ein paar klüftige deutsche Verwünschungen gegen Die chinesischen MäDchen, Die im nächsten Augenblick zu meinem Erstaunen meine Worte, ohne Daß sie ahnten, was sie zu bedeuten hatten, mit auffallend korrekter Aussprache wiederholten. Ich mußte mächtig lachen; als aber ein niedliches, sauber gekleidetes Mädchen ansing, auch in meiner Koje herum- zustöbern, wurde mir Der Spaß zu arg. Barsch fragte ich sie auf Englisch, was sie wünsche?
Sie lächelte mich mit ihren kleinen geschlitzten Augen anmutig an, hielt mir eine alte englische LeDerjacke entgegen unD Deutete auf Die Löcher. Ihr Englisch war tchauderhaft: „Looke here, what is that. “ (Sieh hier, was ist Das?) .Ein Loch!" knurrte ich nicht allzu sanftmütig. Das Mädchen zeigte auf andere Stellen Der Jacke und rief vergnügt; .Loch,
Loch, Lochl" Die am schrecklichsten ausfehenden Klei- Der machten ihr das größte Vergnügen. „Washing, mending!“ (Waschen, flicken!) riet sie vergnügt. Ich wollte gerade meinem Störenfried begreiflich machen, daß Diefe Kleider überhaupt nicht mehr das Waschen lohnten, als in meiner Rebenkoie ein furch barer Krawall entstand. Mein Kamerad, müde wie ich. war weniger sanftmütig und wehrte sich mit einem Bambusrohr gegen Die aut ihn einDringenDen Mädchen. Diefe versuchten, ihm unter Lachen unD Scher- zen Das Rohr wegzunehmen.
Mit unserem Schlaf war's vorbei. Die Ri?e, welche meine Wü'che zürn Gegenstand ihrer Grobe- rung ausersehen halte, steckte alles in einen Sack, notierte aber jedes Stück in chinesilcher Schrift au ein Blatt 'Papier und überreichte mir von Dem Der- zeichnis eine Kopie. Als ich ihr sagte, daß ich sie ja gar nicht kenne und gar nicht wußte, wo sie mit meinen Sachen hinginge, hotte sie eine alte Brref- lafche eurorätschen Ursprungs aus ihren Kleidern hervor und überreichte mir mehrere Zettel, Die in verschieDenen Sprachen abgefaht waren. Es waren Zeugnisie von Seeleuten aller Rationen, welche betagten, Daß das Mädchen ehrlich und tauber sei unD Die Sachen pünttlich zurückgebracht habe. Ser Inhalt vieler dieser .Dokumente" war urkomischer Ratur. Heber DaS eines deutschen Matrosen muhte ich herzlich lachen; meine Rixe stimmte srohlich mit ein.
Der Zettel lautete: .Inhaberin Dieses Scheines Zai-Rü, auf Deutsch Trina, ilt eine verteufelt fixe Deem. Sie Hal währenD unseres Aufenthaltes in Wampoa meine Kleider und Wäsche vollständig in Ordnung gebracht, und ich bezahlte ihr am Tage unserer Abreise, statt Der geforDerten zwei. Drei Dollar. Sie belohnte meinen EDelmut mit einem Herz- hasten Kuh; möge Fo Dieses Mädchen in seinen besonderen Schuh nehmen und ihr einen recht lang- zopfigen Mann bescheren. Heinrich Voß, Matrose der Bremer Bark „3upiter".
Die Mädchen beluden nun rasch ihr Boot mit unseren Sachen und segelten ab.
Die Boote iSchampans) werden oft von sechs unD mehr Dieser Wälchernixen bewohnt unD lieben unter Dem KommanDo einer älteren Frau. Selten kommen Diese Mädchen ans Land. Ihr Schampan ist ihre Wohnung; Dschunken im kleinen. Die Mad- chen tragen weite blaue Ranking-Beinkleider. Ein toter Burnus von demselben Stoff mit weiienArmeln reicht ihnen bis an Die Knie.
Andere Schampans ruderten heran, mit Früchten belaßen, Eiern, Fischen, mit Erzeugnissen chinesischer Industrie, wie Tusche, Reisbildem, Porzellan. Ge
legenheit, seine Rubel rollen zu lasten, gab es wirklich reichlich.
Da unter Schiff mitten im Strome vor Anker lag, so benutzten wir fast nur den Schampan unserer Waschmädchen,um an Land zu gelangen. Sines Tages fuhr auch ich mit meiner Rixe zur Siadt und schärfte ihr ein, mich pünktlich um neun Uhr abends wieder abzuholen. Die Sonne ging an diesem Abend blutrot unter; Der Himmel bewölkte sich auftallend schnell. Das war ein schlimmes Zeichen, die Chinesen schloffen plötzlich alle ihre Geschäfte. Ich eilte an Den Hafen, aber Die Mädchen waren nicht zu bewegen, mich an Bord zu bringen. .Taifun, Taifun!" riefen sic und zeigten nach Dem Himmel Meine Rixe. .Trina", sagte: „Me show you, where you sleepy“. (Ich zeige Euch, wo Ihr schlafen kö rnt.)
Mir blieb nichts übrig, als ihr zu folgen. Es ging über einen Holzsteg nach einem auf Pfählen gebauten, mitten im Flutz stehenden Hause. Es war zwar kein Boardinghouse; aber eine alte Chinesin begrüßte mich freundlich und führte mich in ihren .Palaft". Er bestand aus drei nebeneinander gelegenen Räumen; Möbel waren keine zu sehen. Von Der Decke baumelten einige Papierlaternen, und durch die Ritzen zwischen den Dielen konnte man in Den Fluh hinabsehen. Auher einem Feuerherd mit wenigem Kochc eschtrr, einem Altar mit einem Hausgöhen enthielten Die Räume nichts als ein paar Schlafmatten.
Ich machte es mir fo bequem wie möalich; aber, ich hatte Die Augen noch nicht geschloffen, da brach Der Taifun mit aller Macht los. Ich glaubte, Die ganze Bude würde in Den Fluh geschleudert, so wurde das Haus hin und hergerüttelt Die Lampen waren verlöscht, Denn statt Der Fenster gab es nur offene Luken; Dabei rauschte Der Fluh unter uns so gewaltig, als wollte et jeden Augenblick Die Bude mit sich nehmen.
Die Waschmädchen in Den Rebenräumen sangen ober heulten mit Dem Sturm um Die Wette und schlugen ein eigenartiges Tam-Tam; jeDenfalls begingen sie eine religiöse Zeremonie, um Den Taifun zu bannen.
Von Schlafen war keine ReDe; ich lief in meinem Zimmer auf unD ab, klitfchnah von Dem durch das defekte Dach hereinpraffelnden Regen.
Um zwölf Uhr nachts fchien Der Orkan seinen Höhepunkt erreicht zu haben. Ich war bereits bis auf Die Haut.gerade!",a>s plötzlich Der toDen unter mir toanhe; Die Dielen hoben sich - meine Füße verloren Den Halt unD ich siel Der Läncie nach auf die Olafe, eine Flut von Wasser ergoß sich über mich. Eine im Fußboden befindliche Falltür halte sich in Die Hohe gehoben.
Ich kappte bis an Die Knie im Wasser watend zum anderen Zimmer, wo Die MäDchen noch immer beulten. Ich muhte wohl oder übel unter ihnen aus- halten, um vielleicht in Gemeinschaft mit ihnen Die Wasser Des Perlflusses zu kosten; denn lange konnte diele Bude dem Orkan nicht mehr trotzen. Ich beneidete meine Kameraden auf Den feiten Eichenplanken unteres Schiffes, während ich in diefem Biberbau keine Minute sicher war.
Peinlich langsam verrannen die Stunden. Da endlich lieh der Orkan nach. Prächtig flieg am beinahe wolkenlosen Himmel Die Sonne auf. Der Fluh aber, bedeckt mit Planken und tzäuferresten, bot einen Anblick des Jammers Daß unsere Lude stehen geblieben war, wird mir ewig ein Wunder bleiben.
Zai-Rü kam mit Dem Schampan, um mich ab- zuholen. S>e strahlte vor Freuoe, daß sie mich noch lebend Vorland. Dann schlief ich mich erst einmal gehörig an Lord aus.
Vierzehn Tage später lichteten wir die Anker. Zai-Rü bekam ihre Dollars, ich meinen herzhaften Kuß In ihren kleinen Schlitzaugen perlten einige Tränchen. Die winkte Avschied.
Ob sie wohl ihren .Langbezopften" bekommen hat?
Mehr Elche in Ostpreußen.
Schon vor Dem Kriege war man in Ostpreußen behördlicherseits bemüht, Den immer seltener vor- fommcnDcn Elch zu hegen. WährenD Des Krieges unD Der Rachkriegszeit nahm Der Bestand an Elchen Durch Wilddieberei und Abschuß so sehr ab, Daß 1921 Der Abschuß von Elchen für fünf Iahre völlig verboten tourDe. Seit 1923 ist nunmehr ein schnelles Anwachsen des Clchbestan- Des zu verzeichnen unD seit 1925 unter gewissen. Bedingungen Der Abschuß von Elchen wieder erlaubt. In Diesem Iahr hat Der ElchbestanD nach Den neuesten Feststellungen wieder annähernd seine Friedensstärke erreicht. Das größte Elchgebiet in Ostpreußen ist Die Ibenhorst. Außer in Ostpreußen sind sonst in Europa nur noch in Schweden unD Rorwegen Elche vorhanden, feit Der starke ElchbestanD Rußlands fast vernichtet ist.
Kochschulnachrichten.
— Professor Dr. Ludwig Rürnberger in Halle hat Den an ihn ergangenen Ruf auf Den Lehrstuhl Der Geburtshilfe und Gynäkologie an Der Universität Königsberg als Rachfolger von Prof. W. Zangemeister abgelehnt.


