Ausgabe 
7.3.1930
 
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Nr. 56 vr'ttes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen) 8reitag,7. März 1930

Spielvereinigung 1900 Gießen.

OffenbacherKickers" Süddeutsche Extraklasse gastieren hier.

o. 1900 hat für die nächsten Sonntage namhafte (Segnet zu Freundschaftsspielen nach (Liesten ver­pflichtet. Es sind in der Mehrheit süddeutsche Vereine. 'Heben den Osfenbachcr ..Kickers". ..Rot- Weiß"-Frankfurt, Hanau 93,Viktoria"-Aschaf­fenburg, Kreuznach, Grost-Auheim und Ober­rad erscheinen voraussichtlich noch der 1. F. C. Langen.Sportfreunde" undOlympia", Frank­furt. Aus Westdeutschland wurdeKurhessen"» Kassel fest verpflichtet, während noch mitHer- mania"-Kassel,Vorussia"-Fulda und einigen Siegener Mannschaften Verhandlungen schweben.

"Nachdem die für den 2. März vorgesehene Begegnung mit dem Dallspielclub Oberrad des Länderspiels wegen verlegt werden muhte, er­scheinen am kommenden Sonntag nach etwa acht bis zehn Jahren zum ersten Male wieder die Offenbacher Kickers in (Ziehen. Die Gäste gehören schon seit Jahren der süddeutschen Extra­klasse an. Heberragend war das Abschneiden der Mannschaft in den jetzt beendeten Meister- schaftskänrpfen im Mainbezirk. Erst durch eine knappe Niederlage im letzten Verbandsspiel gegen Hanau 93 wurde die Mannschaft aus dem Ren­nen geworfen, als 2. der drei Vertreter des Mainbezirks an den Spielen in der Trostrunde des Süddeutschen Fuhball- und Leichtathletik- Verbandes teilzunehmen, deren Sieger Chance hat. Deutscher Meister zu werden. Die Offen­bacher dürften eine durchweg ausgeglichene, tech­nisch sehr gute Mannschaft stellen, in der höch­stens die drei Schlustleute etwas überragen wer­den. Den Angriff führt der hier nicht unbekannte Belle, früher Sportclub Bürgel. Dieser Elf dürften die ®i eßen er wohl so ziemlich in jeder Hinsicht unterlegen fein. Tatsache ist jedoch, dast die Blauweihen großen Gegnern immer mit grö­ßeren Leistungen aufwarteten und den Gast da­mit zur restlosen Hergabe alles Könnens zwan­gen. Keinesfalls wird man im Lager der Ein­heimischen von vornherein mit einer Riederlage rechnen, sondern der Gast wird erst nach schwe­rem Kanrpf Sieger bleiben können. 1900 bestreitet das Sviel voraussichtlich in stärkster Aufstellung. Die Spielleitung hat ein Herr von Wetzlar.

Die Ligareserve und dritte Mann­schaf t der Spielvereinigung tragen Gesellschafts­spiele gegen die erste und zweite Elf von Her­mann st e i n bei Wetzlar aus. Die Spiele finden auf dem Platz des Gegners statt. Der jeweilige Ausgang ist nicht vorauszusagen, da die der­zeitige Spielstärke des Gastgebers nicht zur Ge­nüge bekannt ist. Die Aufstellung der Gießener ist recht stark, so daß sie eigentlich erfolgreich sein sollten.

Die vierte Elf 1900s ist mit den Verbands- spiclen noch nicht zu Ende. Ein solches führt sie am kommenden Sonntag nach Daubringen, dessen zweite Mannschaft den Gegner stellt. Man erwartet die Gießener als knappe Sieger.

Die erste Jugend 19006 spielt in Lollar ein Pslichtspiel, das sie bei einigermaßen konstanten Leistungen, wenn auch nur mit geringer Tor­differenz, gewinnen sollte.

Die zweite Jugend sollte zu Hause ihren Siegeszug fortsehen. Wehlar-Riedergirmes zweite Jugend ist der Gegner.

Turnen, Sport und Spiel.

Die dritte Jugend wird versuchen, im Rückspiel an Steindorfs erster Jugend Re­vanche zu nehmen sür die im Vorspiel durch ein Eigentor erlittene 2:3°Riederlage. Der eigene Platz sollte hier den Ausschlag zugunsten der Gießener geben.

Wohl die interessanteste Jugendbegegnung dürfte 1900 1. Schüler gegen V. f. B. Gießen 1. Schüler sein. Beide Mannschaften sind gleichstark und haben in den seitherigen Be­gegnungen immer durch schönes, faires Spiel gefallen.

1900s zweite Schülerelf empfängt die erste Schülermannschaft von Burgsolms. Ge­messen an dem Vorspielsieg, sollten auch diesmal die Gießener siegreich bleiben.

V. f. B

Am kommenden Sonntag trägt die Liga­mannschaft gegen F. V. Ockershausen auf dortigem Platz das Rückspiel um die Meister­schaft der Gruppe Lahn aus. Das vor 14 Tagen auf hiesigem Platz ausgetragene Vorspiel ent­schied Ockershausen knapp mit 1:0 für sich. Die Möglichkeit, am kommenden Sonntag zu ge­winnen, ist entschieden geringer, da Ockershaufen den Vorteil seines von cemden Mannschaften mit Recht gefürchteten p.aßc6 hat, der schon manchem spielstarken Gegner zum Verhängnis wurde. Trotzdem braucht die V. f. B.-Mannschaft nicht ohne jede Hoffnung nach dort zu gehen. Wenn sie dieselbe Leistung zeigt wie in dem vor kurzem dort ausgetragenen Rückspiel der Ver- bandsspielserie, das sie nach scharfem Kampf mit 1:0 gewann, sollte auch diesmal derselbe Erfolg möglich fein. Cs wird einen harten Kampf zweier gleichwertiger Gegner geben, die alles daransehen werden, um als Sieger aus ihm hervorzugehen. Gelingt dies Gießen, so steht es mit Ockershausen wieder gleich, wodurch ein drittes Entscheidungs­spiel, diesmal auf neutralem Platz, notwendig würde. Gewinnt dagegen die Platzelf, so erringt sie damit die Gruppenmeisterschast, die ihr übri­gens auch schon bei einem Unentschieden sicher ist. Der Ausgang des Treffens ist offen.

Die zweite Mannschaft hat ein Gesell­schaftsspiel mit der ersten des Sportvereins Cappel bei Marburg abgeschlossen. Die Gäste gehören der ersten Gauklasse an und sind als recht spielstark bekannt. V. f. B. wird sich an- strengen müssen, wenn er nicht verlieren will.

Die dritte Mannschaft fährt nach Cap­pel, um ihre Kräfte mit der dortigen zweiten zu messen. Da ihr Gegner weniger spielstark ist, sollte man ihr eher einen Sieg zutrauen können.

Ebenfalls ein Gesellschaftsspiel auf fremdem Platz trägt die vierte Mannschaft in Rauborn gegen dessen zweite aus. Heber ihr Abschneiden kann nichts vorausgesagt werden.

Von der Jugend- und Schülerabtei­lung sind sämtliche Mannschaften auf dem Plan. Eine schwere Aufgabe steht der ersten Jugend­mannschaft bevor; sie fährt nach Wetzlar, um gegen die gleiche des Sportvereins das fällige Pslichtspiel auszutragen. Die Plahelf ist als außerordentlich spielstark bekannt und hat in dieser Saison noch kein Pflichtspiel verloren. V. f. B. muß sich sehr anstrengen, wenn er einiger­maßen günstig abschneiden will. Das Vorspiel endete 1:0 für Wetzlar. Die zweite empfängt zum Pslichtspiel die erste Rieder-Weisels. Der Ausgang ist offen. Ebenfalls auf eigenem Platz

steht die dritte Jugend der ersten des V. f. R. Butzbach gegenüber; sie wird bei der körper­lichen Hcberlcgenßcit des Gegners alle Mühe haben, um nicht zu verlieren. Während die erste Schülermannschaft Gegner der gleichen der Spielvereinigung auf deren Platz ist, trägt die zweite auf eigenem Platz ein Pflichtspiel gegen die Schüler Garbenteichs aus.

Leichtathletik der Sp.-Dg. 1900.

ö. Vom Süddeutschen Fußball- und Leicht­athletikverband wird am kommenden Samstag das zweite Frankfurter Hallensport- s e st veranstaltet. Wie im Vorjahre, so verspricht auch diesmal die Veranstaltung ein leicht­athletisches Ereignis ersten Ranges zu werden. Den übrigen Beispielen im Reich folgend, ist der Deutschen Turnerschast unbe­schränktes Tcinahmerecht eingeräumt worden. Durch die aus diesem Lager eingegangenen zahl­reichen Meldungen tritt naturgemäß ein stärkerer Wettbewerb als im Vorjahre ein. Die Leicht­athleten der Spielvereinigung 1900 werden daher einen äußerst schweren Stand haben. Man müßte ihre Teilnahme als ein Wagnis bezeichnen, wenn nicht durch den Start im Vor­jahre der Beweis hätte erbracht werden können, daß man die großstädtische Konkurrenz nicht zu scheuen braucht.

Die Veranstaltung ist in Einladungs- und offene Wettbewerbe eingeteilt. In den erstgenannten treten die 1900er E. Schäfer (im Kuge.stoßen), Gust. Koch (3000-Meter-Lauf) und höchstwahrscheinlich Hopfenmüller (60- Meter-Hürdenlauf) in Aktion. Schäfer ist zwar 19003 bester Könner, wird aber in Frankfurt kaum eine Rolle spielen können, denn es ist Weltklasse am Start. Der erste Platz ist dem Weltrekordmann H i r s ch f e l d nicht zu nehmen, ihm werden Schneider, Rüsselsheim; Hehler, Fürth, oder der D.-T.-Meister L i n g n a u folgen. Koch ist in Gesellschaft der gesamten süddeutschen Langstreckenelite und des Favoriten Diek­mann, Hannover. Bei Hopfen müllers Wettbewerb werden Welscher, Frankfurt; T r o ß b a ch und Weiß, Berlin, die Spitze bil­den. Die offenen Konkurrenzen sind nur läufe­rischer Art. 2m 60-Meter-Lauf sollten sich trotz der Teilnahme von Landesmeistern (Schultze, Stettin) und einigen bedeutenden Mehrkämpfern (W e i ß, Mehner usw.) wenigstens die 1900er Geist und Guyot für den End lauf qualifi­zieren können. Dem Erstgenannten gelang dies im Vorjahre schon. Mit besonderem Interesse muß man das Abschneiden der Gießener Mittel­streckler verfolgen. Bepperling und Peters haben einem intensiven Training obgelegen und dürften keine schlechte Rolle spielen. Hoffentlich liegt der Lauf der 3X1000-Meter-Staffel nicht zu nahe, denn bei der vorhandenen starken Kon­kurrenz (D u ck h und W a l p e r t, Teutonia Ber­lin; D i e f i n g, V. S. C.; Arnold, Stuttgarter Kickers; L e u n i g, Eintracht Frankfurt u. a. m.) muß das letzte hergegeben werden. In der be­reits erwähnten 3xl000°Meter°Staffel hat die Spielvereinigung 1900 in der Hauptsache die Ver­eine der eben genannten Mittelstreckler zu fürch­ten. Die 1900er haben weiter die beiden Sprinter­staffeln, nämlich die 5x60-Meter-Pendelstaffel und die 4X2»Rundenstaffel, belegt. Während bei der ersten fast stets alle Kalkulationen über den Haufen geworfen werden (durch die schwierige

Stabübergabe), sind bei der Rundenstasfel die Berliner Teutonen und der Berliner Sportclub, die hier über ausgezeichnete Kräste verfügen, in Front zu erwarten.

V.f.B. Leichtathletik.

Zu dem am kommenden Sonntag in Frankfurt stattfindenden Hallensportfest entsendet der V. s. B. fünf Läufer. K o ch, S i e b e l s und S t a n g beteiligen sich am 60-Meter»Lauf offen. G. Mül - le r und Henns am 800-Weter-Lauf offen. Die Konkurrenz ist außerordenllich zahlreich und stark, so daß für die V. f. Der, denen jede Er­fahrung im Hallenwettkampf fehlt (außer Müller, der einmal in der Halle lief) kaum Aussicht auf einen bescheidenen Erfolg besteht. Trotzdem wird die Teilnahme an der großangelegten Veran­staltung für sie recht wertvoll sein. W. Mohl. der für Kugelstoßen eingeladen war, kann dieser Einladung nicht folgen, da er inzwischen zu einem im Verbandsheim des W. S. D. in Duisburg stattfindenden Werferkursus einberufen worden ist. Mohl ist vor einigen Tagen mit dem Zwan» zig-Desten-Abzeichen des W. S. V. für feine im vorigen Herbst bei den Wetzlarer Kampfspielen erzielten Leistung im Diskuswerfen von 38,57 Meter ausgezeichnet worden. Bei intensivem Training sollte er in der kommenden Saison seine Leistungen noch stark verbessern können.

Gchwimmwettkämpfe im M. T. V.

Am kommenden Sonntag werden im städtischen Volksbad zwischen dem T.V. 1860 Frank­furt a. M., dem T. V. Wetzlar und dem Gießener M. T. D. Wettkämpfe ausgetragen im Staffelschwimmen, Springen und im Wasser­ballspiel. Die Bruststaffel des M.T.D. gehört mit zu den besten im ganzen Kreis. Beim Springen wird der D. T.-Meister im Turm- und Kunst­springen. Hermann Stork, sein Können zei­gen. Das Wasserballspiel zwischen dem Kreis- meister T.V. 1860 Frankfurt a. M. und dem M.T.V. wird wohl mit einem Siege der Frank­furter enden, doch darf man hoffen, daß die Männerturner nach den bis jetzt gemachten Er­fahrungen der Gästemannschaft den Sieg nicht allzu leicht machen werden.

Handball der Sp.-Vg. 1900.

ö. 19006 erste und aktive Jugendelf haben am konnnenden Sonntag die gleichen Mannschaften des T.-V. Allendors (Lumda) als Gast. Die A. * D. - T. - Leute lösen ihre Rückspielverpslich- tungen ein. Auf eigenem Platz mußte ihre ak­tive Mannschaft eine knappe, die Jugend dagegen eine deutliche 8:0-Riederlage von den 1900cm hinnehmen. Auch am Sonntag werden die Spiel­vereinigungsleute wieder auf harten Widerstand stoßen. Es wird für sie um so mehr Vorsicht ge­boten sein, als sie wiederum mit Ersah bzw. neuen Kräften antreten müssen.

Handball im Lahn-Oünsber§ Aan

Zur Fortsetzung der Verbandsspiele treffen sich am Sonntag in Londorf Rodheim und Lon­dorf, aus dem Londorf als Sieger hervorgehen sollte. Garbenteich wird es nicht sehr schwer- fallen, Beuern auf eignem Platze glatt zu schla­gen, während sich W i e s e ck in Dorlar sicher die Punkte holen wird.

Arn kommenden Sonntag empfängt die Hand- ballmannschaft des Tv. L a u n s b a ch im A. D. T. die erste Mannschaft des Tv. Garbenheim

Die blonde Sklavin. |

Roman von Hermann VeiÜ

24 Fortsetzung. 'Nachdruck verboten

Auch heute wußte ich sogleich, was er wollte. Lieber sterben, als mich noch einmal von ihm berühren lassen! Seine Wut stieg, als ich nicht öffnete, ins Maßlose. Mit Füßen trat er an die Tür, er warf sich mit dem Körper dagegen; er drohte die Tür einzuschlagen, wenn ich nicht aufmache. ...

Ich wußte, daß er in der Verfassung, in der er sich befand, feine Drohung wahr machen würde. Wahnsinnige Erregung hatte sich meiner bemächtigt. Hilfesuchend blickte ich umher. Da fielen meine Blicke auf den Wandschrank, in dem mein Mann feinen Revolver aufbewahrte ..., die Waffe, die er schon mehrmals auf mich ge­richtet hatte. ...

Ein rettender Gedanke zuckte in mir auf. Wenn ich meinem Manne drohte .... ich wußte, daß er feige war ..vielleicht würde er mich dann in Ruhe lassen.

Wie unter einem Zwange nahm tch die Waffe aus dem Schrank .... im gleichen Augenblick krachte etwas an die Tür .... mein Mann mußte einen Stuhl dagegen geschmettert ha­ben ..., nun war es stille ...» da sprang ich zur Tür .... schob den Riegel zurück ..., riß mit einem Ruck die Tür auf ..., mein Mann stand vor mir, bleich, die Haare hingen ihm in die Stirne, Wahnsinn glühte aus seinen Augen ba hob ich ihm die Waffe entgegen. ...

Er sah mich ..., wich zurück .., Entsetzen in dem aufgequollenen Trinkergesicht ..., er lallte etwas Hnverständliches. ...

Da krachte ein Schuß.

Was dann geschah, erlebte ich wie im Fieber­wahn. Ich sah meinen Mann zu Boden sinken ..., ich wollte schreien, ihm zu Hilfe eilen .... da kam Peter Hvnneckor auf mich zugestürzt er war im Zimmer gewesen, ohne daß ich ihn gesehen hatte ..., und riß mir den Revolver aus der Hand.

Keines klaren Gedankens mehr fähig, ging ich in mein Zintmer. Ich sank in Ohnmacht. Als ich erwachte, stand Honnecker vor mir. Nie werde ich den Blick vergessen, mit dem er mich betrachtete.

Sie haben Ihren Mann erschossen!" sagte er falt, gefühllos.Sie werden wissen,_ was Sie zu gewärtigen haben!" Er lächelte hämisch und fuhr dann fort:Es wäre jammerschade, wenn eine so junge und hübsche Dame ins Gefängnis käme, nicht wahr! Ich werde Ihnen helfen I Ich habe bereits Vorkehrungen getroffen, daß man als Todesursache Ihres Mannes Selbst­mord annimmt. Er hat heute abend beim Spiel so viel verloren, was ich und auch andere Leute

bezeugen können, daß es ganz glaubhaft ist, wenn er sich auf diese Weife aus dem Leben gemacht hat! Ich habe einen Arzt an der Hand, er wohnt ganz in der Rähe, der uns ein Zeug­nis, wie wir es brauchen, ausstellen wird. Was im übrigen Sie, Eva, betrifft, so haben Sie ganz nach meinen Anordnungen zu handeln; Sie fahren so am besten!"

Ich wagte feinen Widerspruch. Mein Wille war wie gelähmt. Was hätte ich auch sa­gen ..., was unternehmen können? ... War nicht der Plan, wie Honnecker ihn vorschlug, der einzige Weg, der mich vor der Schmach des Gefängnisses bewahren konnte? ...

Späterhin habe ich es oft bitter bereut, daß ich nicht sogleich meine Schuld bekannt und gebüßt hatte. In jener Stunde aber war ich zu schwach dazu. Ich ließ mich treiben ..., einer ungewissen Zukunft entgegen.

Bald aber sollte ich klar sehen. Eines Tages forderte mich Honnecker ohne weitere Begrün­dung auf, meine Wohnung aufzugeben und zu ihm zu ziehen. Run erst begriff ich ganz die tiefere Hrsache feines Vorgehens. Ich weigerte mich, feine Aufforderung zu befolgen; da lachte er nur. Ob ich vergessen habe, daß ich ihm auf Gnade und Hngnaöe ausgeliefert fei?, fragte er mit einem Lächeln, das mir das Blut in den Adern erstarren ließ. Ein einziges Wort von ihm, und ich sei verloren! Ich solle also ver­nünftig sein und mich nicht länger sträuben! ..."

Eva Witte schwieg.

Ihre Züge waren wie versteint. Rur um die Lippen zuckte es.

Sie waren am Ende der Alice angelangt und schritten über einen freien Platz, hinüber zum Wald, der hier begann.

Schweigend gingen sie unter den Bäumen hin. Rur selten begegneten sie einem Menschen. Tiefer Friede herrschte ringsum.

Eva Witte machte eine müde Bewegung mit der Hand.

So kam ich in sein Haus," sprach sie leise, gequält,in mein Gefängnis! Seine Gefangene war ich fortan..., feine Sklavin!... Für ihn mußte ich allezeit da fein, keinen eigenen Willen sollte ich mehr habens Rur fein Wille galt!

Er quälte mich mit feiner Liebe, seiner Eifer­sucht. Zur Geliebten wollte er mich haben. Ver­zweifelt lehnte ich mich dagegen auf. Lieber sterben, als diesem Manne, den ich haßte, zu Willen zu fein! Hnmenschliches habe ich durch­gemacht. Fluchtpläne tauchten immer wieder in mir auf; damals, auf dem Feldberg, als wir uns dann bei der Heimfahrt trafen, war ich Tagelang fest entschlossen, zu fliehen; aber plötz­lich war mir, als spürte ich seine Faust im Racken. Willenlos geworden, kehrte ich wieder in mein Gefängnis zurück.

Einige Male war ich nahe daran, meinem zer­störten Leben ein Ende zu machen. Wozu sollte I ich diese Qualen, dieses schmachvolle, würdelose

Dasein noch länger ertragen?.. .Aber bann tauchte immer wieder ein Hoffnungsstrahl in mir auf: daß es eines Tages doch wieder besser würde. Ich verlachte mich ob dieser Hirngespinste; aber die Zuversicht, die mich so seltsam ergriffen hatte, wollte nicht weichen. So blieb ich und trug die Last dieses Lebens weiter."

Bis in die Tiefen feines Wesens erschüttert, hatte Felix Schulhofs den Worten gelauscht. Er dachte nicht darüber nach, wo hier eine Schuld lag. Rur an die Reiben unb Kämpfe dieses Frauenlebens, das durch einen sinnlosen Zufall aus der Bahn geworfen worben war, bachte er, unb namenloses Mitleid mit Eva erfaßte ihn.

Er nahm ihre Hand; zuckend lag sie in der seinen.

Run trafen ihn ihre Blicke, in denen abgrund­tiefes Weh klagte.

Da kamst du, Felix... Ich hatte dich lieb vom ersten Augenblick an. Dennoch wehrte ich mich dagegen, dich wiederzusehen. Mein Leben, meine Vergangenheit sollten dir um jeden Preis verborgen bleiben!... Was konnte ich dir auch sein, ich, die zur Deute eines anderen Mannes geworden war!... Meine Liebe zu dir war stärker als alle Vernunstsgründe. Aber immer, auch in unseren seligsten Stunden, ging die grauenhafte Angst mit mir: baß der Tag kommen würde, kommen mußte, an dem du erfahren würdest, wer ich fei..."

Jäh brach Eva Witte ab. Ihr Atem ging schwer. Dann sagte sie hart:

Run weißt du es! Run wirst du mich ver­achten!..."

Schulhofs blieb stehen.

Wie kannst du das glauben, Eva?"

Eine Erschütterung ging durch ihren Körper. Cs war wie ein Verzweiflungsschrei, als sie Schulhofss Hände ergriff unb hervor stieß:

Ich wollte ihn ja nicht töten! Glaube mir!... Ich begreife ja heute noch nicht, wie ber Schuß losgegangen ist!... Ich wollte doch kein Men­schenleben vernichten!...

Sie brach in hemmungsloses Weinen aus.

Schulhofs nahm sie in feine Arme.

Das weiß ich, Eva!" sagte er tröstend.Es war ein unglücklicher Zufall..

Sie gingen den Weg zurück, den sie gekommen waren. Als sie wieder in die belebtere Gegend kamen, rief Schulhofs ein vorübersahrendes Auto an.

Wir fahren zunächst zu mir nach Hause," sagte er.Wir müssen in Ruhe überlegen, was zu tun ist."

Eva Witte wollte widersprechen, aber Schul­hofs schob sie ohne weiteres in den Wagen. Sie sah ihn traurig an.

Warum läßt du mich nicht meiner Wege gehen, Felix? ... Es wäre besser für dich, glaube mir!

Du sollst nicht so sprechen, Eva! Wir gehören zusammen! Jetzt im Hnglück erst recht!"

Er lehnte sich zu ihr hinüber.

Liebst du mich nicht mehr?"

Ein "Heben ging durch ihren Leib.

Doch..., antwortete sie kaum hörbar.

Wir müssen zusammenstehen gegen den Feind, der uns vernichten teiltI Meinst du, ich könnte es ertragen, dich allein dem Haß dieses Hn- menschen preisgegeben zu wissen?"

Er riß sie an sich.

Fühlst du denn nicht, wie sehr ich dich liebe, Eva!"

Regungslos lag sie in seinem Arm. Der starre Ernst wich aus ihren Zügen. Sie sah Schulhofs an, als könne sie seine Worte nicht fassen.

Plötzlich fuhr sie zurück.

Es kann ja nicht sein!... Es ist ja Wahn­sinn! ..." rief sie verzweifelt. »

Warum nicht?" fragte Schulhofs, der sich diesen Ausbruch nicht erklären konnte, bestürzt.

Flammende Rote bedeckte ihr Gesicht.

Du sollst kein doppeltes Spiel treiben.. stammelte sie.Deine Braut...

Sie brach ab und schlug die Hände vor die Augen.

Schulhofs begriff nicht sogleich.

Meine Braut?..."

Dann aber tauchte ein Verdacht in ihm auf. Woher weißt du?" fragte er rasch, drängend. Sie sah an ihm vorbei. Stockend antwortete sie: Als Honnecker an der Ostsee auftauchte, um mich heimzuholen, sagte er..., daß du verlobt seist. Ich wollte es nicht glauben.. da zeigte er mir ein Bild in einer Zeitschrift..., da warst du mit deiner Braut photographiert...

Schulhofs sah klar. Auf diesem Wege hatte Honnecker versucht, ihm Eva abspenstig zu machen.

Ich war verlobt. Ich habe aber das Verlöb­nis, das ein Irrtum gewesen ist, gelöst, als ich fühlte, daß ich dich, Eva, liebe! Vielleicht hätte ich dir davon sagen sollen; aber die Vergangen­heit war für mich so völlig abgetan, ich dachte nur an dich und unsere Zukunft, da erfchien mir alles andere nebensächlich!"

In neu erwachendem Hoffen sah sie ihn an.

So steht niemand mehr zwischen uns?" Riemand!" antwortete Schulhofs und versank in schweres Rachdenken.

Es war ihm plötzlich eingefallen, daß Lus Vater heute morgen seinen Besuch erwartete. Er würde zu ihm gehen und ihm sagen, daß er Lu nicht heiraten könne.

Ein harter Zug grub sich um Schulhofss Mund.

Die Hilfe, die Horwitz ihm hatte leisten wollen, war dadurch verloren..., der Ruin seines Ge­schäfts somit unvermeidlich geworden.

Er konnte aber nicht anders handeln. Sein Platz war an Evas Seite. Auf Gedeih und Ver­derb fühlte er sich mit ihr verbunden. Hnb wenn er auch zugrundegehen müßte, er würde sie nie im Stiche lassen.

(Fortsetzung folgt.)