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Nr. 56 Erstes Blatt

180. Jahrgang

8reitag, 7. März 1930

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Die Illustrierte

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Gietzenn Anzeiger

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Dr Friedt Wilh Lange. Verantwortlich für Politik Dr Fr Wilh Lange, für Feuilleton Dr H.THynot; für den übrigen Teil (Ernft Blumfchein und für den Anzeigenteil Ma^ Filter, sämtlich in (Biehen

Tirpitz t-

Äon H. v. Waldeyer-Sarh, Kapitän z. S. a. D.

Die Zeit, wo Der CDrouaDmiral von Tirpitz dem ganzen deutschen Volke als der gefeierte Mann galt, liegt um Jahre zurück. Tirpitz war eine Persönlichkeit, wie sie nur selten geboren werden. Sein Schaffen und Wirken war - hiermit fin­den wir wohl das rechte Wort, - vom echten Hansegeist erfüllt. Was kühne Geschlechter und wackere Städte vor Jahrhunderten aus eigener Kraft erreichten ein freies Meer und freie Fahrt über See für den Kaufmann deutschen Geblüts, das wollte auch ein Tirpitz unter dem Schuhe der neuen deutschen Kaiserkrone für den deutschen Handel sicherstellen. Vor allem wollte er aber jenen Zustand schassen, der dem losen Bunde der Hanse im Mittelalter fehlte und woran er schließlich zugrunde ging: die Gewähr eines staatlichen Rückhalts mit starken staatlichen Machtmitteln! Dabei ist zu beachten, daß Tirpitz keineswegs eine Eroberernatur war. 2111' seinem Schaffen und Bauen, der gesamten Entwicklung der deutschen Wehrmacht zur See. ging eine kühle fast nüchterne Berechnung voraus, die sich allerdings, das muh zum Ruhme von Tirpitz gesagt werden, vom Schöpfergeiste des geborenen Staatsmannes beflügeln lieh. 2luch darüber kann nicht der geringste Zweifel bestehen: Tirpitz hat den Frieden wahren wollen, als er Deutschland zur See stark machte Seine Ueberlegung, dah auch die von ihm angestrebte deutsch-englische Freundschaft nur dann von Bestand sein könne, wenn Deutschland aus der See etwas zu sagen habe und sich vor England nicht zu ducken brauche, war durchaus gerechtfertigt.

Wer das Wesen des verstorbenen Grohadmi- rals aus eigener Erfahrung kennt, ist von höch­ster Verehrung für ihn erfüllt. Hinter seiner hohen Stirn lebten und entwickelten sich dauernd neue Gedanken. Richt etwa so, dah er als ein Phantast von diesem zu jenem schweifte ganz im Gegenteil: peinlichst -geordnet in der Folge­richtigkeit der Entwicklung und bis zum äuhersten klar durchdacht, kam jedes Wort aus Tirpitz' Munde. Der Schatz seiner Gedanken war aber ungeheuer reich. Auf allen Gebieten, mit denen er sich während seiner langen Marinelaufbahn -zu beschäftigen hatte, war er schlechthin Meister. 2lls junger Kapitänleutnant entwickelte er die junge Torpedowaffe. Bis zu seiner Zeit klebte sie bei allen Marinen an der Küste. Tirpitz machte aus ihr eine Hochseewaffe. Die von ihm geschaffene Taktik der deutschen Torpedoboots- Verwendung wurde von allen Marinen der Welt anerkannt und nachgeahmt. 2lis er später zum Oberkommando der Marine kommandiert wurde, lag es in seinen Händen, die Flottentaktik zu entwickeln. 2luch diese Aufgabe stellte ihn vor völlig neue Fragen. Man darf nicht vergessen, dah der Liebergang vom Segelschiff zum Dampf­schiff in jenen Tagen noch nicht vollendet war, und dah gerade in den Köpfen vieler alter See­offiziere die Erinnerung an die Segelschiffszeit nicht weichen wollte. Tirpitz hat sich damals auch auf diesem Gebiete als ein völlig neuzeit­lich eingestellter Mensch bewährt. Rücksichtslos brach er mit dem Alten. Seine Arbeit war aber nicht so, dah er Trümmerstätten hinterlieh. Rein, er baute von Grund aus neu auf und hat auch hier einen Entwicklungsweg vorgezeichnet, der nicht nur in der Skagerrakschlacht seine Krönung fand, sondern auch von den anderen Seemächten, genau wie bei der Torpedobootstaktik als bahn­brechend verfolgt wurde.

Das Lebenswerk des Grohadmirals begann jedoch, als er zum Staatssekretär des Reichs- Marineamts berufen war. Alle Versuche seiner Vorgänger, einen systematischen Ausbau der deut­schen Flotte zu betreiben, waren gescheitert. Tir- pih' klarer Kopf suchte einen klaren Weg: einen Weg, der ihm und seinem Werke sichere Cnt- wicklungsmöglichkeiten bot, zugleich aber auch den Wünschen des deutschen Volkes entsprach, das von jeher auf Genauigkeit aller etats­rechtlichen Fragen und Dinge besonderen Wert legte. Er fand diesen Weg in den berühmt ge­wordenen Flottengesetzen, ilnb nun trat das Erfreuliche ein. dah der Widerstand gegen diese Gesetze von Mal zu Mal abnahm. Wenn heute behauptet wird. Tirpitz sei ein Kriegstreiber und Rüstungsfanatiker gewesen, so ist das eine grobe Entstellung: nicht nur. weil der Reichstag von Jahr zu Jahr bewilligungsfreudiger für die Flotte wurde, sondern auch, weil ein Mann wie Tirpitz nichts sehnlicher wünschte, als die Aufrechterhaltung des Friedens.

Wie man im März 1916 über den Großadmiral dachte, damals, als er notgedrungen seinen 2lb» schied nahm, mögen folgende Ausführungen be­weisen, die einer linksgerichteten Zeitung ent­nommen sind:Ganz abgesehen von der po­litischen Stellungnahme der einzelnen Gruppen zu den großen Fragen unserer Politik nach dem Kriege, wird eigentlich jeder wünschen müssen, daß eine zielbewuhtc Kraft wie die des jetzt zurücktretenden Staatssekretärs des Reichs-Ma- rineamts den Zwecken des Reiches erhalten bleibt Es bleibt doch bestehen, daß Herr von Tirpitz für viele Dinge früher sehend gewesen ist als mancher andere. Das hat gerade die Ent­wicklung unseres Verhältnisses zu England be­wiesen."

Wenn man nun fragt, was hat den Anstoß dazu gegeben, daß der Großadmiral von Tirpitz. einst vom ganzen deutschen Volke umjubelt, zum Gegenstand heftigster und widerwärtigster An° Sriffe geworden ist. dann gibt es nur die eine Inttoort: man hat ihn zum großen Teil für den verlorenen Krieg verantwortlich gemacht, man hat nach einem Sündenbock gesucht und

Zum Tode des Großadmirals von Tirpitz.

München, 6. Mär;. (IBIB. Drahtnachricht.) Großadmiral v Tirpitz ist heute vormittag im Atter von nahezu 81 Jahren im Sanatorium Lben- haufen im Isartal gestorben.

Die wir aus dem Freundeskreise des verstor­benen Grohadmirals v. Tirpitz erfahren, ist der Großadmiral nur kurze Zelt Im Sanatorium gewesen Roch vor einigen Tagen Hal einer seiner allen Kameraden ihn in Berlin auf der Straße ge­troffen, ohne daß Tirpitz mehr Anlaß zur Klage über feinen Gesundheitszustand zeigte, als sonst. Er litt immer unter A st h m a. Seine Freunde nehmen an, daß dieses Leiden schließlich zum Tode geführt hat.

Nie Teilnahme des Reichs­präsidenten.

Beilcidskundstcbunqenderllieichsregicrunq, der Reichswehr und der Parteien.

Berlin, 6. März. (WTB.) Der Herr Reichspräsident hat der Witwe des ver­storbenen Großadmirals v. Tirpitz in einem Tele­gramm folgenden Wortlautes fein Beileid aus­gesprochen:

Ties erschüttert durch die Rachricht von dem Heimgange Ihres von mir hochgeschätzten Gat­ten, des Großadmirals v. Tirpitz, spreche ich Ihnen und den Ihren meine tiefempfundene Teilnahme aus Die großen Verdienste des Verstorbenen um die deutsche Flotte in Frieden und Krieg werden in der Geschichte der deutschen Wehrmacht weiter­leben

lgez.) Generalfeldmarschall v Hindenburg.

Reichspräsident."

Reichswehrminister G r o e n e r widmet dem verstorbenen Großadmiral v. Tirpitz folgenden Rachruf:

Heute verstarb im 81. Lebensjahre der frühere Staatssekretär des Reichsmarineamtes und preußische Staatsminister Großadmiral Alfred v. Tirpitz. Sein Rame gehört für alle Zeiten der Geschichte an als der des Schöpfers der deutschen Flotte. Der Entwicklung der Reichsmarine galt sein wärmstes Interesse. Sie wird das Andenken an den hochverdienten Offi­zier und treuen Kameraden allezeit in Ehren halten.

Der Reichskanzler hat in einem Tele­gramm der Witwe des verstorbenen Großadmi­rals Staatssekretärs a. D v. Tirpitz und ihren Angehörigen zugleich im Ramen der Reichs­regierung aufrichtiges Beileid ausgesprochen. Die Deutschnationale Volkspartei, die Christlichnatio- nale Arbeitsgemeinschaft und die Deutsche Volks­partei haben an die Witwe des verstorbenen Großadmirals ebenfalls Deileidskundgebungen gerichtet.

Englische Rachrufe.

London, 7. März (WTB. Funkspruch^ Die Morgenblätter würdigen das Andenken des Groß­admirals o Tirpitz in ausführlichen biographijchen Aufsätzen und größtenteils auch in Leitartttetn Der organisatorischen Fähigkeit und der Arbeits­kraft des Schöpfers der deutschen Flotte wird un­eingeschränkte Anerkennung gezollt, sein politi­sches Wirken dagegen wird, wie zu erwarten war, sehr abfällig beurteilt So sagtTimes": (Er ist bis zu seinem Ende ein unbelehrbarer Anhänger der Auffassung gewesen, daß Macht vor Recht geht. Moralische Verblendung verzerrte sein Urteil derartig, daß er niemals einsah, welch großen An­teil seine meisterhafte Befürwortung dieser bös­artigen Theorie an dem Zusammenbruch seines Landes hatteDaily Telegraph" spricht von der unheimlichen diplomatischen Geschicklichkeit und äußert: Er war eine Verkörperung des preußischen Geistes, rücksichtslosen, nationalen Ehrgeizes, aber er verkörperte in sich noch mehr, was ihm einen größeren Anspruch daraus gibt, in der Erinnerung fortzuleben.

Die liberale Presse äußert sich durchaus feindselig. Daily Chronicle" erklärt: Großadmiral v. Tirpitz bildet mit dem Fürsten Bülow und dem vor­maligen Kaiser die Gruppe von Deutschen, die am meisten getan hat, den Zünd st off anzuhäu­fen, der den Weltbrand verursachte. Er kann als ein Musterbeispiel des Beamten in der Politik an­gesehen werden, dem Pflichterfüllung und Tüchtig­keit über alles ging, der aber außerhalb seines be­grenzten Wirkungskreises vollständig blind ist. Daily News" bezeichnet Tirpitz als Deutsch lands bösen Geist und sagt: Es wäre zwecklos zu leugnen, daß das Hinscheiden des grimmigen alten Mannes ein Gewinn für die Sache des euro­päischen Friedens ist, dessen Feind er während seines ganzen Lebens war. Die einzige Huldigung, die man ihm erweisen kann, wenn man seine Politik und seine Weltanschauung verabscheut, ist die Fest­stellung, daß er wirklich ein furchtbarer Geg­ner war.

Oer Lebenslauf des Großadmirals.

Alfred Friedrich v. Tirpitz wurde <n 11. März 1849 in Küstrin als Sohn eines Ap- pellationsgerichtsrates geboren. Er trat am 24. April 1866 als Kadett in die damals preu­ßische Marine ein. wurde am 22. September 1869 Leutnant zur See. im weiteren Verlaufe seiner Dienstzeit am 24. Rovember 1888 Kapitän zur See. am 13. Mai 1895 Kontreadmiral. am 5. De­zember 1899 Vizeadmiral, am 14^Rovember 1908 Admiral und im Jahre 1911 Großadmiral. Am 15. Juni 1897 wurde er zum Staatssekretär deS Reichsmarineamtes und am 28. März 1898 zum preußischen Staatsminister ernannt. Am 12. Juni 1900 wurde Tirpitz in den erblichen Adelsstand erholen, am 27. Januar 1907 erhielt er den Schwarzen Adler-Orden, im Jahre 1908 wurde er Mitglied des Preußischen Herrenhauses. Am Aufbau unserer früheren Kriegsmarine hat Tirpitz in hervorragendster Weise an entscheiden­der Stelle mitgewirkt. Am 16. März 1916 trat Großadmiral v. Tirpitz von der Leitung deS Reichsmarineamtes zurück. Rach dem Krieg« wohnte er in München, von wo aus er im Mar 1924 als Vertreter Oberbayerns und Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei in den Reichs­tag gewählt wurde. Auch im Dezember 1924 wurde er wieder in den Reichstag gewählt. Die Universität Greifswald ernannte ihn im Jahre 1925 zum Ehrendoktor.

Oie Lleberschwemmungen in Güdfrankreich.

Je weiter das Master in den Ueberschwemmungs- gebieten fällt, um so mehr tritt der außeror­dentliche Umfan ade r Katastrophe zu­tage. Die Gegend von M o i s s a c dürfte am schwer­sten betroffen sein. Don hier wird auch die höchste Anzahl van Toten gemeldet Zahlreiche Familien sind obdachlos. Aus anderen Gegenden lauten di« Nachrichten nicht günstiger. Verschiedentlich haben sich herzzerreißende Szenen abgespielt, da Kinder sahen, wie ihre Eltern, und Eltern sahen, wie ihre Kinder in den Fluten ertranken, ohne daß man ihnen Hilfe bringen konnte. Viele Orts­ansässige, die sich selbstlos am Rettungswerk beteilig­ten, mußten ihren Heldenmut mit dem Leben bezah­len. Der Sachschaden läßt sich vorläufig noch nicht übersehen: doch spricht man davon, daß mindestens zehn Jahre notwendig sein werden, ihn auch nur

Großadmiral von Tirpitz. (Eine Erinnerung: Links Kaiser Wilhelm N., Mitte

Tirpitz, rechts Admiral von Holtzendorf.

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ihn in Tirpitz gesunden! Daß im Leben der Er­folg entscheidet, ist eine Binsenwahrheit. Der Umstand aber, daß der Großadmiral von Tirpitz bereits im März 1916 um Enthebung von seiner Stellung bat. müßte unseres Erachtens genügen, um die Schuld- und Derantwortungsfrage für den Ausgang des Krieges mit seiner Person nicht zu verquicken. Als er aus seinem 2llnte schied, hat fast die gesamte deutsche Presse sehr ernste und sehr wohlgemeinte Worte des Be­dauerns gesunden, und daS Ausland wußte, was

es tat, als es einen unblutig errungenen Sieg zu seinen Gunsten buchte.

Als ein hochbetagter Mann ist Tirpitz von uns geschieden. Wenn es überhaupt eine Ge­rechtigkeit aus Erden gibt, dann wird ste dafür Sorge tragen müssen, dah der Großadmiral in der Erinnerung des deutschen Volkes wieder in jene Chrenstellung einrückt, die ihm gebührt und die er vor dem Kriege inne hatte. Er ist in Wahrheit auch heute noch ein leuchtendes Vor­bild für daS deutsche Doll und hat sich im Dienste

des Vaterlandes verzehrt. Die Person galt ihm nichts, er lebte nur der Sache, und wenn eS die Verhältnisse auch mit sich brachten, daß er immer wieder durch persönliches Eintreten und durch Wort und Schrift für seine Gedankenwelt warb, so geschah es einzig und allein zum Ruhen deS Vaterlandes.

Die Skagerrakflagge weht Halbstocks. Die alte und die neue Marine trauern ihrem großen Führer in Ehrfurcht und Liebe nach.