Nr. 56 Erstes Blatt
180. Jahrgang
8reitag, 7. März 1930
(lr id) e in i ivglich.outzei Sonntags und feiertags Beilagen:
Die Illustrierte
Gießener Jamilienblättei Heimat im Bild
Die Scholle monats-Bepigsprets:
2.20 Reichsmark und 30 Retchsplennig für Träger» lohn, auch bei lllichter» scheinen einzelnerNummern infolge höherer (Bemalt üernlvrechanschlüsse
anterSammeInummer2251 Anschrift |ür Drahlnach- richten Anzeiger Siesten.
Pofifd)edtonto:
granlfurt am Main 11686.
Gietzenn Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
vnitk vnd Verlag: vrühl'sche Universt1ät5-Vvch- und Ztetndruckeret L Lange tn Gietzen. Schristleltung und Geschäftsstelle: Schnlllraße 7.
Annahme von Anzeige» für die lagesnummer bis zum Nachmittag vorher.
Preis für I mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspsennig, für Reklameanzeigen von 70 mm Breite 35 Reichspfennig, Platzvorschrift 20° , mehr.
Ehefredakteur
Dr Friedt Wilh Lange. Verantwortlich für Politik Dr Fr Wilh Lange, für Feuilleton Dr H.THynot; für den übrigen Teil (Ernft Blumfchein und für den Anzeigenteil Ma^ Filter, sämtlich in (Biehen
Tirpitz t-
Äon H. v. Waldeyer-Sarh, Kapitän z. S. a. D.
Die Zeit, wo Der CDrouaDmiral von Tirpitz dem ganzen deutschen Volke als der gefeierte Mann galt, liegt um Jahre zurück. Tirpitz war eine Persönlichkeit, wie sie nur selten geboren werden. Sein Schaffen und Wirken war - hiermit finden wir wohl das rechte Wort, - vom echten Hansegeist erfüllt. Was kühne Geschlechter und wackere Städte vor Jahrhunderten aus eigener Kraft erreichten ein freies Meer und freie Fahrt über See für den Kaufmann deutschen Geblüts, das wollte auch ein Tirpitz unter dem Schuhe der neuen deutschen Kaiserkrone für den deutschen Handel sicherstellen. Vor allem wollte er aber jenen Zustand schassen, der dem losen Bunde der Hanse im Mittelalter fehlte und woran er schließlich zugrunde ging: die Gewähr eines staatlichen Rückhalts mit starken staatlichen Machtmitteln! Dabei ist zu beachten, daß Tirpitz keineswegs eine Eroberernatur war. 2111' seinem Schaffen und Bauen, der gesamten Entwicklung der deutschen Wehrmacht zur See. ging eine kühle fast nüchterne Berechnung voraus, die sich allerdings, das muh zum Ruhme von Tirpitz gesagt werden, vom Schöpfergeiste des geborenen Staatsmannes beflügeln lieh. 2luch darüber kann nicht der geringste Zweifel bestehen: Tirpitz hat den Frieden wahren wollen, als er Deutschland zur See stark machte Seine Ueberlegung, dah auch die von ihm angestrebte deutsch-englische Freundschaft nur dann von Bestand sein könne, wenn Deutschland aus der See etwas zu sagen habe und sich vor England nicht zu ducken brauche, war durchaus gerechtfertigt.
Wer das Wesen des verstorbenen Grohadmi- rals aus eigener Erfahrung kennt, ist von höchster Verehrung für ihn erfüllt. Hinter seiner hohen Stirn lebten und entwickelten sich dauernd neue Gedanken. Richt etwa so, dah er als ein Phantast von diesem zu jenem schweifte — ganz im Gegenteil: peinlichst -geordnet in der Folgerichtigkeit der Entwicklung und bis zum äuhersten klar durchdacht, kam jedes Wort aus Tirpitz' Munde. Der Schatz seiner Gedanken war aber ungeheuer reich. Auf allen Gebieten, mit denen er sich während seiner langen Marinelaufbahn -zu beschäftigen hatte, war er schlechthin Meister. 2lls junger Kapitänleutnant entwickelte er die junge Torpedowaffe. Bis zu seiner Zeit klebte sie bei allen Marinen an der Küste. Tirpitz machte aus ihr eine Hochseewaffe. Die von ihm geschaffene Taktik der deutschen Torpedoboots- Verwendung wurde von allen Marinen der Welt anerkannt und nachgeahmt. 2lis er später zum Oberkommando der Marine kommandiert wurde, lag es in seinen Händen, die Flottentaktik zu entwickeln. 2luch diese Aufgabe stellte ihn vor völlig neue Fragen. Man darf nicht vergessen, dah der Liebergang vom Segelschiff zum Dampfschiff in jenen Tagen noch nicht vollendet war, und dah gerade in den Köpfen vieler alter Seeoffiziere die Erinnerung an die Segelschiffszeit nicht weichen wollte. Tirpitz hat sich damals auch auf diesem Gebiete als ein völlig neuzeitlich eingestellter Mensch bewährt. Rücksichtslos brach er mit dem Alten. Seine Arbeit war aber nicht so, dah er Trümmerstätten hinterlieh. Rein, er baute von Grund aus neu auf und hat auch hier einen Entwicklungsweg vorgezeichnet, der nicht nur in der Skagerrakschlacht seine Krönung fand, sondern auch von den anderen Seemächten, genau wie bei der Torpedobootstaktik als bahnbrechend verfolgt wurde.
Das Lebenswerk des Grohadmirals begann jedoch, als er zum Staatssekretär des Reichs- Marineamts berufen war. Alle Versuche seiner Vorgänger, einen systematischen Ausbau der deutschen Flotte zu betreiben, waren gescheitert. Tir- pih' klarer Kopf suchte einen klaren Weg: einen Weg, der ihm und seinem Werke sichere Cnt- wicklungsmöglichkeiten bot, zugleich aber auch den Wünschen des deutschen Volkes entsprach, das von jeher auf Genauigkeit aller etatsrechtlichen Fragen und Dinge besonderen Wert legte. Er fand diesen Weg in den berühmt gewordenen Flottengesetzen, ilnb nun trat das Erfreuliche ein. dah der Widerstand gegen diese Gesetze von Mal zu Mal abnahm. Wenn heute behauptet wird. Tirpitz sei ein Kriegstreiber und Rüstungsfanatiker gewesen, so ist das eine grobe Entstellung: nicht nur. weil der Reichstag von Jahr zu Jahr bewilligungsfreudiger für die Flotte wurde, sondern auch, weil ein Mann wie Tirpitz nichts sehnlicher wünschte, als die Aufrechterhaltung des Friedens.
Wie man im März 1916 über den Großadmiral dachte, damals, als er notgedrungen seinen 2lb» schied nahm, mögen folgende Ausführungen beweisen, die einer linksgerichteten Zeitung entnommen sind: „Ganz abgesehen von der politischen Stellungnahme der einzelnen Gruppen zu den großen Fragen unserer Politik nach dem Kriege, wird eigentlich jeder wünschen müssen, daß eine zielbewuhtc Kraft wie die des jetzt zurücktretenden Staatssekretärs des Reichs-Ma- rineamts den Zwecken des Reiches erhalten bleibt Es bleibt doch bestehen, daß Herr von Tirpitz für viele Dinge früher sehend gewesen ist als mancher andere. Das hat gerade die Entwicklung unseres Verhältnisses zu England bewiesen."
Wenn man nun fragt, was hat den Anstoß dazu gegeben, daß der Großadmiral von Tirpitz. einst vom ganzen deutschen Volke umjubelt, zum Gegenstand heftigster und widerwärtigster An° Sriffe geworden ist. dann gibt es nur die eine Inttoort: man hat ihn zum großen Teil für den verlorenen Krieg verantwortlich gemacht, man hat nach einem Sündenbock gesucht und
Zum Tode des Großadmirals von Tirpitz.
München, 6. Mär;. (IBIB. Drahtnachricht.) Großadmiral v Tirpitz ist heute vormittag im Atter von nahezu 81 Jahren im Sanatorium Lben- haufen im Isartal gestorben.
Die wir aus dem Freundeskreise des verstorbenen Grohadmirals v. Tirpitz erfahren, ist der Großadmiral nur kurze Zelt Im Sanatorium gewesen Roch vor einigen Tagen Hal einer seiner allen Kameraden ihn in Berlin auf der Straße getroffen, ohne daß Tirpitz mehr Anlaß zur Klage über feinen Gesundheitszustand zeigte, als sonst. Er litt immer unter A st h m a. Seine Freunde nehmen an, daß dieses Leiden schließlich zum Tode geführt hat.
Nie Teilnahme des Reichspräsidenten.
Beilcidskundstcbunqenderllieichsregicrunq, der Reichswehr und der Parteien.
Berlin, 6. März. (WTB.) Der Herr Reichspräsident hat der Witwe des verstorbenen Großadmirals v. Tirpitz in einem Telegramm folgenden Wortlautes fein Beileid ausgesprochen:
„Ties erschüttert durch die Rachricht von dem Heimgange Ihres von mir hochgeschätzten Gatten, des Großadmirals v. Tirpitz, spreche ich Ihnen und den Ihren meine tiefempfundene Teilnahme aus Die großen Verdienste des Verstorbenen um die deutsche Flotte in Frieden und Krieg werden in der Geschichte der deutschen Wehrmacht weiterleben
lgez.) Generalfeldmarschall v Hindenburg.
Reichspräsident."
Reichswehrminister G r o e n e r widmet dem verstorbenen Großadmiral v. Tirpitz folgenden Rachruf:
Heute verstarb im 81. Lebensjahre der frühere Staatssekretär des Reichsmarineamtes und preußische Staatsminister Großadmiral Alfred v. Tirpitz. Sein Rame gehört für alle Zeiten der Geschichte an als der des Schöpfers der deutschen Flotte. Der Entwicklung der Reichsmarine galt sein wärmstes Interesse. Sie wird das Andenken an den hochverdienten Offizier und treuen Kameraden allezeit in Ehren halten.
Der Reichskanzler hat in einem Telegramm der Witwe des verstorbenen Großadmirals Staatssekretärs a. D v. Tirpitz und ihren Angehörigen zugleich im Ramen der Reichsregierung aufrichtiges Beileid ausgesprochen. Die Deutschnationale Volkspartei, die Christlichnatio- nale Arbeitsgemeinschaft und die Deutsche Volkspartei haben an die Witwe des verstorbenen Großadmirals ebenfalls Deileidskundgebungen gerichtet.
Englische Rachrufe.
London, 7. März (WTB. Funkspruch^ Die Morgenblätter würdigen das Andenken des Großadmirals o Tirpitz in ausführlichen biographijchen Aufsätzen und größtenteils auch in Leitartttetn Der organisatorischen Fähigkeit und der Arbeitskraft des Schöpfers der deutschen Flotte wird uneingeschränkte Anerkennung gezollt, sein politisches Wirken dagegen wird, wie zu erwarten war, sehr abfällig beurteilt So sagt „Times": (Er ist bis zu seinem Ende ein unbelehrbarer Anhänger der Auffassung gewesen, daß Macht vor Recht geht. Moralische Verblendung verzerrte sein Urteil derartig, daß er niemals einsah, welch großen Anteil seine meisterhafte Befürwortung dieser bösartigen Theorie an dem Zusammenbruch seines Landes hatte „Daily Telegraph" spricht von der unheimlichen diplomatischen Geschicklichkeit und äußert: Er war eine Verkörperung des preußischen Geistes, rücksichtslosen, nationalen Ehrgeizes, aber er verkörperte in sich noch mehr, was ihm einen größeren Anspruch daraus gibt, in der Erinnerung fortzuleben.
Die liberale Presse äußert sich durchaus feindselig. „Daily Chronicle" erklärt: Großadmiral v. Tirpitz bildet mit dem Fürsten Bülow und dem vormaligen Kaiser die Gruppe von Deutschen, die am meisten getan hat, den Zünd st off anzuhäufen, der den Weltbrand verursachte. Er kann als ein Musterbeispiel des Beamten in der Politik angesehen werden, dem Pflichterfüllung und Tüchtigkeit über alles ging, der aber außerhalb seines begrenzten Wirkungskreises vollständig blind ist. „Daily News" bezeichnet Tirpitz als Deutsch lands bösen Geist und sagt: Es wäre zwecklos zu leugnen, daß das Hinscheiden des grimmigen alten Mannes ein Gewinn für die Sache des europäischen Friedens ist, dessen Feind er während seines ganzen Lebens war. Die einzige Huldigung, die man ihm erweisen kann, wenn man seine Politik und seine Weltanschauung verabscheut, ist die Feststellung, daß er wirklich ein furchtbarer Gegner war.
Oer Lebenslauf des Großadmirals.
Alfred Friedrich v. Tirpitz wurde <n 11. März 1849 in Küstrin als Sohn eines Ap- pellationsgerichtsrates geboren. Er trat am 24. April 1866 als Kadett in die damals preußische Marine ein. wurde am 22. September 1869 Leutnant zur See. im weiteren Verlaufe seiner Dienstzeit am 24. Rovember 1888 Kapitän zur See. am 13. Mai 1895 Kontreadmiral. am 5. Dezember 1899 Vizeadmiral, am 14^Rovember 1908 Admiral und im Jahre 1911 Großadmiral. Am 15. Juni 1897 wurde er zum Staatssekretär deS Reichsmarineamtes und am 28. März 1898 zum preußischen Staatsminister ernannt. Am 12. Juni 1900 wurde Tirpitz in den erblichen Adelsstand erholen, am 27. Januar 1907 erhielt er den Schwarzen Adler-Orden, im Jahre 1908 wurde er Mitglied des Preußischen Herrenhauses. Am Aufbau unserer früheren Kriegsmarine hat Tirpitz in hervorragendster Weise an entscheidender Stelle mitgewirkt. Am 16. März 1916 trat Großadmiral v. Tirpitz von der Leitung deS Reichsmarineamtes zurück. Rach dem Krieg« wohnte er in München, von wo aus er im Mar 1924 als Vertreter Oberbayerns und Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei in den Reichstag gewählt wurde. Auch im Dezember 1924 wurde er wieder in den Reichstag gewählt. Die Universität Greifswald ernannte ihn im Jahre 1925 zum Ehrendoktor.
Oie Lleberschwemmungen in Güdfrankreich.
Je weiter das Master in den Ueberschwemmungs- gebieten fällt, um so mehr tritt der außerordentliche Umfan ade r Katastrophe zutage. Die Gegend von M o i s s a c dürfte am schwersten betroffen sein. Don hier wird auch die höchste Anzahl van Toten gemeldet Zahlreiche Familien sind obdachlos. Aus anderen Gegenden lauten di« Nachrichten nicht günstiger. Verschiedentlich haben sich herzzerreißende Szenen abgespielt, da Kinder sahen, wie ihre Eltern, und Eltern sahen, wie ihre Kinder in den Fluten ertranken, ohne daß man ihnen Hilfe bringen konnte. Viele Ortsansässige, die sich selbstlos am Rettungswerk beteiligten, mußten ihren Heldenmut mit dem Leben bezahlen. Der Sachschaden läßt sich vorläufig noch nicht übersehen: doch spricht man davon, daß mindestens zehn Jahre notwendig sein werden, ihn auch nur
Großadmiral von Tirpitz. (Eine Erinnerung: Links Kaiser Wilhelm N., Mitte
Tirpitz, rechts Admiral von Holtzendorf.
■
M.
>.-:
«Ä. -:
I
ihn in Tirpitz gesunden! Daß im Leben der Erfolg entscheidet, ist eine Binsenwahrheit. Der Umstand aber, daß der Großadmiral von Tirpitz bereits im März 1916 um Enthebung von seiner Stellung bat. müßte unseres Erachtens genügen, um die Schuld- und Derantwortungsfrage für den Ausgang des Krieges mit seiner Person nicht zu verquicken. Als er aus seinem 2llnte schied, hat fast die gesamte deutsche Presse sehr ernste und sehr wohlgemeinte Worte des Bedauerns gesunden, und daS Ausland wußte, was
es tat, als es einen unblutig errungenen Sieg zu seinen Gunsten buchte.
Als ein hochbetagter Mann ist Tirpitz von uns geschieden. Wenn es überhaupt eine Gerechtigkeit aus Erden gibt, dann wird ste dafür Sorge tragen müssen, dah der Großadmiral in der Erinnerung des deutschen Volkes wieder in jene Chrenstellung einrückt, die ihm gebührt und die er vor dem Kriege inne hatte. Er ist in Wahrheit auch heute noch ein leuchtendes Vorbild für daS deutsche Doll und hat sich im Dienste
des Vaterlandes verzehrt. Die Person galt ihm nichts, er lebte nur der Sache, und wenn eS die Verhältnisse auch mit sich brachten, daß er immer wieder durch persönliches Eintreten und durch Wort und Schrift für seine Gedankenwelt warb, so geschah es einzig und allein zum Ruhen deS Vaterlandes.
Die Skagerrakflagge weht Halbstocks. Die alte und die neue Marine trauern ihrem großen Führer in Ehrfurcht und Liebe nach.


