Einzelbild herunterladen

Hreitag, 7. Februar 1930

Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)

Nr. 32 Drittes Blatt

Turnen, Sport und Spiel.

Spielvereinigung 1900 Gießen.

o. Am vergangenen Sonntag fanden nur Ju­gend- und Schülerspiele statt. So er­reichte die erste Jugend auf dem völlig unzu­länglichen Platz in Aßlar ersatzgeschwächt nur ein Unentschieden (2:2), obwohl man allenthalben im Lager d r Giehener mit ein m kuappen Sieg ge­rechnet hatte. Die erste Schülcrelf lehrte aus Burgsolms mit einem schönen 3:0-Sieg nach Hause obwohl die Giehener nur neun Spie.cr rm Sprel hatten. Die Gegner der zweiten und Dritten Jugend sowie der zweiten Schü.ermannschaft b.ie- den aus, so dah die Mannschaften ohne Spiel blieben. , . , ,, ,

Der kommende Sonntag ist der letzte Spiel­tag der Fuhballsaison 1929/30 für die erste De- zirksliga, Gruppe Lahn. Die Lage ist verwicle.ter denn je. Der kommende Sonntag soll ten Meister und den zum Aufstieg in die Oberliga bevech- tifltcn Tabcllenzweiten bringen. In Marburg treffen Germania und V.f.B. Giehen auseinander, in Giehen tritt die Spielvereinigung 1 900 dem Fuhballverein 1913 Wallau entgegen. Die drei Ersteren im Verein ir.it Ockers- Hausen sind die Bewerber um die beiden ersten Plätze. Das Spiel in Giehen ist das letzte Der- bandsspiel auf dem Sportplatz an der Liebigs- höhe. Der Gegner Wallau ist keinesfalls zu unterschätzen. Im Dorspiel in Wallau blieb 1900 knapp mit 4:3 Treffern Sieger nach einem aus­geglichenen Sviel, während der Lokalgegner D.s.D. in Wallau sogar Federn lassen muhte und zwei Punkte verlor, um die seitdem heftig am grünen Tisch gestritten wird. Die Gäste zei­gen recht gute Veranlagung und sind besonders in der Hintermannschaft ausg zeichnet. 1900 mühte schon recht hoch gewinnen, wenn es günstigenfal.s aus Grund des besseren Torverhälttiisses den Ausstieg erringen will. Das steht jedoch sehr in Frage, da infolge Erkrankungen 1900 wahr­scheinlich mit ersatzgeschwächter Mannschaft an­treten muh. Für die Hiesigen gilt es daher, von Anbeginn an mit Energie und vollem Ernst bei der Sache zu sein, damit sich das Schauspiel von Ockershausen nicht wiederholt. Man hält den Ausgang des Treffens für vollständig offen.

Ligareserve und 3. Mannschaft fahren zu Gesellschaftsspielen nach Weilburg. Durch Teu- einstellungen hofft man die Giehener so gestärkt, dah mit erfolgreichem Abschneiden gerechnet wird.

Die 4. Mannschaft steht vormittags im Lokaltreffen gegen die gleiche Elf des D. f.B. Es ist nicht ausgeschlossen, dah 1900 den Dor» sp.elsieg wiederholt.

Die 1. Jugend spielt ebenfalls gegen den Ortsgegner im Pflichlspiel. Diese Spiele ver- liefen bisher immer sehr spannend, der Sieger ist nicht vorauszusagen.

2. Jugend und 2. Schülerelf spielen in Steinberg, während die 1. Schülermannschaft nach dem Ligaspiel den Schülern Garbenteichs entgegentritt.

D. f. B.

Am kommenden Sonntag fährt die Ligamann­schaf t nach Marburg, um dort gegenG e r - m a n i a" zum letzten Verbandcspicl der diesjäh­rigen Saison anzutreten. Für beide Vereine ist der Ausgang des Kampfes von allergrößter Bedeutung, da er entscheiden sollte, wer den Aufstieg zur Be- 'irksligaklasse mitmacht, für den nach dem derzeiti­gen Tabellenstand vier Vereine in Frage kommen. An erster Stelle steht Ockershausen, das die Serie bereits beendet hat (14 Spiele, 9 gewonnen, 2 un­entschieden, 3 verloren, 30:18 Tore, 20:8 Punkte). Ihm folgt V.f.B. 13 Spiele, 8 gewonnen, 2 unent­schieden, 3 verloren, 29:21 Tore, 18:8 Punkte). Als dritter kommtGermania" Marburg mit 13 Sp eie, 8 gewonnen, 1 unentschieden, 4 verloren, 41:22 Tore,

17:9 Punkte. Die Spielvereinigung 1900 hat die gleiche Punktzahl (13 Spiele, 8 gewonnen, 1 un­entschieden, 4 verloren, 47:30 Tore, 17:9 Punkte) und trägt ebenfalls am kommenden Sonntag ihr letztes Punktspiel aus. Sie hat im Kampf gegen Wallau ungleich mehr Siegesausfichten, als V.f.B. gegen Marburg, zumal sie auch noch den Vorteil des eigenen Platzes hat. Gewinnt V.f.B., so wird er dadurch mit dem Tabellenersten Ockershausen punkt­gleich und hat sich jedenfalls dadurch den Aufstieg gesichert. Es wären dann noch zwei Entscheidungs­piele zwischen Ockershausen und V.f.B. nötig, um zu ermitteln, wer von diesen beiden Meister und wer Tabellenzweiter sein wird. Verliert dagegen V.f.B., so scheidet er endgültig aus dem Rennen aus und Ockershausen ist ohne weiteres Meister. Ein unentschiedenes Resultat gegenGermania" würde V.f.B. wohl bestimmt nichts nutzen, da ein Sieg der Spieloereinigung ziemlich sicher' ist und diese dann trotz gleicher Punktzahl auf Grund ihres besseren Torverhältnisses den zweiten Platz einneh­men würde. Ebenfalls wird das bessere Torver­hältnis zu entscheiden haben, wennGermania" Marburg und Spielvereinigung Giehen gewinnen würden. 55aGermania" zur Zeit einige Tore besser steht, ist es nicht ohne Chance. Das Mar­burger Spiel wird dahc? ein harter Kampf werden, da es für beide Gegner ums gleiche geht. Giehen sowohl wie Marburg müssen für je einen Spieler mit Ersatz antreten. Der Ausgang ist offen.

D.e zweite Mannschaft beabsichtigte mit nach Marburg zu fahren, um gegen die gleiche der Germania" ein Gesellschaftsspiel auszutragen. Ob der Abschluß getätigt worden ist, war bei der Niederschrift d'eser Zeilen noch nickt bekannt.

Auch die dritte Mannschaft steht in dieser Saison zum letztenmal im Kampf um die Punkte. Der Ausgang dieses Treffens ist für sie ebenfalls von entscheidender Bedeutung. Ihr Gegner ist Steinbachs erste, gegen die sie trotz ihres Vorteils des eigenen Platzes einen sehr schweren Stand haben wird. Während sie im Vorspiel auf dortigem Platz nur ein 3:3 erzielen konnte und da­mit den einzigen Punkt in der Vorrunde verlor, mußte sie sich vor einiger Zeit in dem als Ver­bandsrückspiel angesetzten, jedoch wegen Fehlens des Schiedsrichters nicht gewerteten Treffen von den eifrigen Steinbachern eine 1:3-Nicderlage gefallen lassen. Auch vor 14 Tagen verlor sie im Punktspiel gegen Steinbergs Erste trotz stärkster Mannschafts­aufstellung mit 1:3. Da Steinberg nur mit einem Punkt hinter V.f.B. an zweiter Stelle steht, muß die Platzmannschaft das Treffen gegen Steinbach für sich entscheiden, wenn sie Meister werden will.

Während die erste I u g e n d zum Pflichtspiel auf den Platz der Spielvereinigung muh, hat die zweite auf eigenem Platz die zweite A h - l a r s zum Gegner, lieber den Ausgang dieses Tref­fens kann nichts vorausgesagt werden. Die dritte Jugend muß nach Lich, um sich im Pflichtspiel mit der dortigen ersten zu messen. In­folge der körperlichen Ueberlegenheit des Gegners wird sie um eine knappe Niederlage kaum herum- fommen. Die e r ft e Schülerelf pausiert. Die zweite ist Gegner der Nieder-Girmeser Schü­ler auf dortigem Platz.

D. s. K Lich.

Am nächsten Sonntag hat die Jugend auf eigenem Platze gegen D. s. B. 3. Jugnrd anzu­treten. Dach den bisherigen Leistung:n zu ur­teilen, müßten die Dasenspieler den Platz als Sieger verlassen.

Hanvball im Männerturnverein (O.T).

Am nächsten Sonntag kommt auf dem Turn- und Sportplatz des Männer-Turnvereins ein Handball-Freundschaftsspiel zwischen der zweiten Mannschaft LesTurn-undSportvereins Butzbach und der gleichen des hiesigen Män­

ner-Turnvereins zum Austrag. Das Dorspiel in Butzbach endete unentschieden: da dieses Spiel schon eine ziemlich große Ausgeglichenheit der beiden Mannschaften zeigte, kommt es nur Darauf an, in welcher Stärke diese antreten können. Die stärkere bzw. technisch bessere Mannschaft wird Sieger werden.

Handball im Turnverein 1846 Gießen.

Um allen Spielern Gelegenheit zu geben, aktiv mitzuwirken, werden in Zukunft sechs Mann­schaften Wettspiele austragen. Als Gegner für kommenden Sonntag sind Friedberg und Diedergirmes nach hier verpflichtet. Die 1. Mannschaft muß sich mächtig strecken, um die gleiche der Tg. Friedberg zu bezwingen. Heber die Spiele der 2., 1. Jugend- und 2. Jugendmann- schaft und der Schüler ist eine Vorhersage schlecht möglich, da Die Spielstärke Der Gegner nicht bekannt ist.

Handball im T. V. Fronhausen (O T.)

Dächsten Sonntag empfängt Fronhaufen die 1. Mannschaft vom Turnverein Wenkbach zum Verbandsspiel. Fronhaufen muß für zwei er­krankte Spieler Ersah einftellen. Der Ausgang des Spieles ist daher offen. Das Vorspiel m Wenkbach endete 1:0 für Fronhaufen.

57.GauturnfestdesGauesHeffenD.T.

Dachdem Die Kreisleitung Des Mittelrhein- kreifes Der Deutschen Turnerschaft die ersten beiden Sonntage im Juli für Gauveranstal­tungen freigegeben hat, findet nunmehr das 5 7.Gauturnfest des Gaues Hessen vom 5. bis 7. Juli in Kirchhain statt. Im Turn­verein Kirchhain sind Die Ausschüsse bereits an der Arbeit, um für das Fest Die rechte Grund­lage zu schaffen.

Handball im Lahn-Oünsberg-Gau.

Tv. Garbenteich 1 - Tv. Staufenberg l 8:1 (5:1).

Lv. Wieseck 1 Tv. Londorf 1 0:1 (0:0).

Tv. Dodheim I Tv. Dorlar I 2:2.

Sm ersten Spiel in Garbenteich hatte Garben­teich das Spiel jederzeit in Der Hand und konnte bereits in Der ersten Minute ein Tor vorlegen, Dem bis Halbzeit weitere vier Tore folgten, während Staufenberg fein Ehrentor entgegen­setzen konnte. Dach Der Pause konnte Garbenleich noch Drei Erfolge buchen. Staufenberg trat nur mit 10 Mann an.

Unter sehr schlechten Plahverhältnissen wurde das Spiel in Wieseck durchgeführt. Man sah einen ausgeglichenen Kamps, in Dem Wieseck in Der ersten Hälfte etwas mehr im Angriff lag, aber durch die gute Arbeit des Londorfer Tor­warts nichts erreichte. Dach der Pause legte Londorf mächtig los und konnte bald Den Sie­gestreffer erzielen. Weitere Bemühungen Wie» secks, Den verdienten Gleichstand herzustellen, scheiterten an Der sicheren Verteidigung Londorfs.

In Dodheim brachte es Dorlar fertig, gegen Die Platzmannschaft ein unentschiedenes Ergebnis herauszuholen. Dodheim trat mit Ersah für sei­nen Torwart an.

Kommenden Sonntag treffen sich Kinzen­bach und Garbenteich in Kinzenbach. Der Ausgang des Spiels ist als offen zu bezeichnen, obwohl Garbenteich etwas besser sein sollte? Fer­ner spielen aus den Plätzen Der jeweils erstge­nannten Vereine Beuern Dorlar unD Staufenberg DoDheim. Beide Spiele sind als Durchaus offen zu bezeichnen.

Hochschu sport.

SüDwestdeutfche hochschulmeisterschaften.

Dach längerer Zeit tritt in diesem Semester die Gießener Universität wieder in stärkerem

Maße als in Den letzten Jahren im sportlichen Wettkampf in Wettbewerb mit den anderen Universitäten. So wird sie zu den s ü d w e st - deutschen Hochschulmeisterschaften, die am 8. und 9. Februar in Heidelberg ausge­tragen werden, 24 Teilnehmer entsenden. Die Gießener Mannschaften werden in folgenden Wettbewerben starten: Geräteturnen, Zehnkampf (Ober- und Unterstufe), Musterriegenturncn, Cin- zelmeisterschaften am Deck. Pferd und Barren, Waldlauf, Kleinkaliberschießen und Schwimmen (Lagenstaffel, Druststaffel, Freistilstaffel. Wasser­springen). Daneben wird sich Die Gießener Uni­versität auch noch an dem Hochschulmehr­kampf beteiligen, der sich aus folgenden Einzel- kämpsen zusammenseht: Musterriegenturnen, Kleirkaliberrnannschaft-schießen, Mannschafts- Waldlauf, Schwimmen (Lagenstaffel, Deuststafscl) und Gerätezehnkampf (für Den Die Drei Vesten gewertet werden). In dem Hochschulmehrkampf wird Die Gießener Mannschaft gegen Die anDercn Universitäten einen schweren Stand haben, Da sie bei ihrer verhältnismäßig geringen Anzahl von ©tuDierenDen keine allzu große Auswahl treffen kann.

Arbeiter-Turn- und Sportbund.

Für Den kommenden Sonntag hat sich Heu­chelheim den diesjährigen Bezirksmeister De3 II. Bezirkes, Vilbel I, zu einem Gesell,chasts- spiel verpflichtet. Die Gäste verfügen über eine flinke, stabile Mannschaft. Die Einheimischen wer­den sich mächtig ins Zeug legen müssen, wenn sie gegen diese Mannschaft ehrenvoll abschneiden wollen.

Watzenborn! hat sich zu einem Propa­gandaspiele Wieseck 1 verpflichtet. Das Kräfte­verhältnis ist hier zu unterschiedlich. Die E.n- heimischen werden sich nur auf Abwehr be­schränken müssen.

In Kinzenbach stehen sich Wieseck Ib und Kinzenbach l im Rückspiel gegenüber. Das | Vorspiel gewann Wieseck 6:1. Ob es auch dies­mal Sieger werden wird, hängt vom Sieges­willen der Mannschaft ab.

Dödgen l hat Wiesecks Jugend zum Dückspiel zu Gast. Auch hier werden, wenn nicht alles trügt, Die flinken Gäste wieder Sieger werden.

Die zweite Mannschaft Heuchelheims, die gegen Leun l spielt, wird alles hcrgeben müs­sen, um Die am Vorsonntag erlittene Niederlage wieder quitt zu machen.

Die 3. Gruppe des III. Bezirkes hat ihre Gruppenturn stunde am Sonntagvormittag in Daunheim. Auch hier werden die Ucbungen zum Bezirks- und Kreisfest das Ucbungd- programm bilden.

Kunst und Wissenschaft.

Professor Friedrich von Duhn t-

Wie aus Heidelberg gemeldet wird, ist dort im Alter von 78 Jahren Geheimrat Pro­fessor Dr. Friedrich von Duhn gestorben. Mit ihm hat die archäologische Wissenschc.,. einen ihrer hervorragendsten Vertreter verloren. Das wissenschaftliche Arbeitsfeld von Duhns war das gesamte Gebiet der klassischen Altertumskunde. Von besonderer Bedeutung waren auch die Stu­dienreisen, die er mit badi.chen Philologen in Ländern des klassischen Südens unternahm.

Sprechstunden der Redaktion.

11.30 bis 12.30 Ahr, 16 bis 17 Uhr Samstag nachmittag geschlossen

Anzeigenausträge sind lediglich an die Geschäfts st eile zu richten.

Eine Stunde mit pirandetto.

Don Gustav W. Eber.ein, Dom.

Zwischen der Hauptprobe und der eine Stunde später stattfindenden Erstaufführung erwische ich Den italienischen Ibsen in der Hotelhalle am brausenden Ma länder Corso. Schnappe ihn einem Schwarm jagender Menschen weg. Es sind mehr als sechs Personen auf der Suche nach diesem Autor. Es ist gegenwärtig auch Theater um ihn, er steht mitten in einem Kampf, der das Schicksal der italienischen Bühne bestimmen wird. Wir warten nur noch auf das Einschreiten des Deus ex machina, des Duce...

3d) bin gehetzt... komme eben von Turin .. sprang noch schnell hin zu- Probe... Sie wissen ja: meinLazarus"

Ja, ich weiß. Da und dort entdeckt man an den Hauswänden, in der Galleria, an den Licht- masten winzige grüne Plakate: Novitäl Piran- dellol Anderswo würden Die Steine schreien und Die Agenturen brüllen. Anderswo hat man dieses Stück überhaupt schon längst aufgeführt.

Wie kommt derLazarus" so spät auf die Mailänder Bretter, verehrter Meister? Man spricht ja schon in Leipzig darüber, in England ist er seit Jahr und Tag bekannt, nur Italien

Das ist es ja eben. In Italien hinkte die Uraufführung hinterher. Ah, wie sie mir grollen, wie sie mich jagen! Aber jetzt erst recht senza tregua, ohne Waffenstillstand werde ich kämpfen, bis wir auch in Italien ständige Theater statt Der Wandertruppen haben. Natürlich wollen Die Herren, Die an Dem jetzigen ZustanD ver­dienen, nichts von einer solchen umwälzenden Neuerung wissen, aber ich gebe nicht nach und ich habe die feste Ueberzeugung, dah Mussolini auf meine Seite treten wird."

Mussolini wird jeden Widerstand brechen, sowie er einmal erkannt hat, daß die Zukunft Der italienischen Schauspielkunst an feste Bühnen gebunden ist, nicht an den unsicheren Thespis­karren."

Nur dann können wir die Darstellerkunst auf die Höhe bringen, die Deutschland erreicht hat."

Molto gentile! Nur schade, dah unsere Drama­tiker so schwer Schritt halten können. Sie haben ja die letzte Zeit viel in Deutschland gelebt, kennen die Verhältnisse der Vorkriegszeit, haben in Bonn studiert, Da kann Ihnen Der Niedergang unserer Bühnen nicht entgangen fein, die Ent­götterung der Kunst, der Schmutz, die Perver- fUät, Der politische Einfluß"

Ja, ich habe Erstaunliches gesehen, das muß ich schon sagen, und ich begreife nicht, warum Die Politisierung des Theaters so geschäht wird, warum sie überhaupt eintreten konnte, denn was hat, im Grunde, Politik mit Kunst zu tun?

Sie ist die nährende Flamme und wie eine Flamme wird sie sich schließlich selber verzehren. Feuilletonistisch gesagt: man könnte einen Aufsatz schreiben: Der Fall Toller, oder: Wie bringe ich mein Drama an? Cs ist heute in Deutschland leider so, daß wie früher der Sänger mit Dem König so heute der Dichter mit der Mode gehen muß."

Und in Mode wäre?"

Sein Drama anzubringen, braucht der lite­rarische Nichtskönner sich nur politisch herauszu- puhen. Gewiß, gewiß, auch in Italien hätte keiner Glück mit einem Stück, das der gegen­wärtigen Staatsauffassung zuwiderläust, aber der Unterschied ist Der, daß das staatspolitische Qk- kenntnis hier noch nicht als Reifezeugnis für Die Bühnenlaufbahn gilt."

Bedauerlich und amerikanisch: der Dichter geht nur auf Den Erfolg aus. Er weih, dah sich Der Wagen des Erfolges durch politisches Gas besch.eunigcn läßt und stößt Den Hebel auf Den Grund. Ich muh aber auch gestehen, daß die Dekadenz im Stofflichen durch eine geradezu geniale Schauspielkunst gehemmt und oft ausge­glichen wird. Ich bewundere einfach eine Dorsch oder einen Pallenberg, ich kann über ihrem Spiel ganz vergessen, was gespielt wird. Be­sonders das Zusammenspiel hat einfach etwas Hinreißendes."

Ich zweifle nicht, daß man auch in Italien so weit kommen wird."

Sie tun recht, nicht zu zweifeln. Ah, meine herrlichen Schauspieler! Was sieckt doch für eine Rasse DarinI Denken Sie, sechs Proben genügen mir

einem Pirandello!"

vollauf! Und wir werden nicht verlieren, wir sind Schönheitssucher"

Sie sind auch Gottsucher, wie IhrLazarus ^^Vielleicht ist das ein und dasselbe. Wie Licht und Poesie."

Wir alle haben ein unbändiges Verlangen nach Licht, nach Ton und Musik reiner Sphären, sogar der Film schreit ja nach tieferem seelischen Ausdruck." , _ .

Meinen Sie etwa" und das weiße Spitz­bärtchen wächst fast an meinem bartlosen Kinn an uyd die sprühl^bendigen Aeuglein des Dichters knabbern förmlich an Den meinigen »den Ton- | film??"

Zwei Fragezeichen. Keine Zeit zu einer Ant­wort. Der Dialog geht in einen Monolog von hamletischer Gewalt über. Pirandello ist kein Freund des Tonfilms, wenigstens nicht des gegen­wärtigen Sprcchfilms: das Theater ins Theater, der Roman Dein Leben, Der Film Der ßeintoanDI Wenn er sprechen müsse, Dann Dürfe es nur Musik sein, nicht Worte. ... Cs rauscht und weht über mich hin, Pirandello reitet sein Steckenpferd, ach nein, es ist ein wunderbarer Schimmel, es ist Grane, das Doß, das hincinsprengt in wagnerische Weiten:

Musik, Musik, ja, einen ganzen Saal voll Musik! Und sie Darf mechanisch fein, Die Über­tragungstechnik hat ja ein Wunder vollbracht. Aber auf Der Leinwand kein kümmerliches, kle­bendes Mitgehen Der handelnden Personen, die als sprechende Schalten unnatürlich wirken, son­dern stellen Sie sich das doch nur einmal vor! die Verkörperung Der Musik selbst! Auf Der Leinwand zieht vorüber, was der Tondichter beim Komponieren empfand, was er fühlte und sah, was in ihm wühlte und jauchzte--"

Wunderbar! Rur wie wollen wir Nach- gebornen hier richlig nachempfinden? Jeder hört doch etwas anderes heraus. Goethe zum Beispiel sah Farben"

Auch ich sehe Farben, das tut ja nichts zur Sache, Die Verschiedenheit wird ihren Reiz haben. Bei Beethovens Eroica steigt, kann denn etwas anderes heraufsteigen als Napoleon? Wird Tschaikowskys18.2 m ßv.rstanden w r den? Wir werden einen Film haben: Bach in Der Inter­pretation D'Annunzios oder Hauptmanns! Oder: Paleftrina in der Interpretation Pirandellos! Sehen Sie nicht sofort Kirchenpfeiler herauf­wuchten? Ah welch eine Blüte der Kunst wird das werden!

Wenn Könige bauen, haben Die Kärrner zu tun. In Diesem Falle kriegen auch Die Maler wieder ein Betätigungsfeld. Aber was sagen Die Zilmherren zu diesem in seiner Phantastik so gewaltigen Gedanken?"

Die Filmgewaltigen? Sie verstehen ihr Ge­schäft nicht. Sie ahmen die Amerikaner nach, weil sie glauben, nur auf diese Weise Geld verdienen zu können. Irrtum!!! Den Amerika­nern kann doch nur imponieren, was sie selber nun und nimmermehr Herstellen können. Was glauben Sie wohl, wie sie einem solchen Musik­film, wie ich ihn ausmalte, gegenüberstehen wür­den, he?"

Nun, mit offenem Munde, denke ich."

Bravo! .Und das müssen wir wollen und er- | reichen. Nur so kriegen wir sie. W i r müssen ihnen Neues bieten, nicht umgekehrt. Dann

rollt der Dollar, dann können wir exportieren und uns endlich frei machen von dem Mo och, der sich anschickt, ganz Europa aufaufreffen! Damit würde der Film eine hohe Mission erfüllen, Denn Dieses Amerika

Wir haben noch lange über Dieses gefährliche Wesen gesprochen. Pirandello weiß viel weniger kompliziert und getüftelt zu sprechen und zu Denken, als man es nach feinen Bühnengestalten annehmen möchte. Der Corso brauste unD in Der Hotelhalle wurden Geschäfte über Geschäfte getätigt. Dennoch aber war Die Düstere Halle voll Licht, so hell strahlte Die hoffnungsreiche Musik PiranDellos, Der ein guter Faszist und ein wahrhafter Europäer ist.

Gchriststeller-Anekdoten.

Bei einem Wohltätigkeitsfest für Die Armen tanzte Bernard Shaw auch mit piner Same in einem gewissen Alter. Die San* verfehlte nicht, sich geehrt zu fühlen und Dem Sichter in überschwenglicher Weise zu danken.Wie über­aus liebenswürdig," sagte sie,daß ein Sichter von Weltruf mit einer Unbekannten getanzt hat "Warum denn nicht," blitzte Shaw sie ironisch an,sind wir Denn nicht auf einem Wohltätigkeitsfest?"

*

Balzac steckte bekanntlich dauernd in Schul­den. Einmal schrieb ihm einer seiner zahlreichen Gläubiger:Ich kann nun nicht länger warten. Denn ich habe morgen eine dringende Schuld zu befahlen."

Balzac antwortete ihm:Schämen Sie sich nicht? Sie machen die Schulden und ich soll sie bezahlen!"

Mark Twain bemühte sich einmal um eine Same:Sie sind so schön und entzückend, gnädige Frau! Antwortete sie ungnädig:Cs tut mir leib, daß ich von Ihnen nicht das gleiche be­haupten kann." Erwiderte Mark Twain:Fol­gen Sie meinem Beispiel: lügen Sie!"

«

Rudyard Kipling soll für jedes Wort, das er schreibt, sechs Schilling erhalten. Wenigstens erzählt man sich das in London.

Eine Same also, die durchaus ein Autogramm von Kipling haben wollte, bat ihn brieflich darum und legte sechs Schillinge und einen frankierten nnd adressierten Umschlag bei.Nur ein Wörtchen," bat sie in ihrem Bries. Nach einigen Tagen hatte sie es: .Sankel" A.