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m. 6 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Jugend und Hochschule.

besonders schwer erziehbaren Kinder und Iu- l gendlichen erst einmal fachkundig betreut und beobachtet werden, bevor man über ihr wei­teres Geschick entscheidet. Wien und Hamburg I um nur einige bemerkenswerte Unterneh­mungen zu nennen haben Schritte auf diesem Wege getan. Auch in Berlin beginnt man lang­sam in derselben Richtung zu arbeiten, soweit eben nicht hier wie überall die ideale Forderung an den wirtschaftlichen Möglichkeiten ihre Schran­ken findet.

Unter den großzügigen Versuchen nach dem Kriege ist vor allem die Schaffung eines am Harz gelegenen Heilpadagogiums zu nennen, des 3ugenDfanatoriumd in Rordhausen, das im Laufe seines zehnjährigen Bestehen Z die Beach­tung der breiteren Oeffentlichkeit auf sich gezogen hat. Es ist die beinahe einzige deutsche Anstalt größeren Umfanges, die den Gedanken der neu­tralen Erziehungsatmosphäre, wie sie durch eine enge Verbindung von ärztlichem und pädagogi­schem Wirken verbürgt ist, aus sich heraus ent­wickelte und erfolgreich zur Tat werden ließ. Der Arzt, verkörpert in dem Leiter dieses Hei­mes, ist zugleich Sinnbild für das vorurteilslose Schauen, das zunächst den Tatsachen gerecht zu werden sucht, ohne sie nach Gefühlsbedarf, nach persönlicher Zu- oder Abneigung unwillkürlich

zu verfälschen. Das naturwissenschaftlich-objek­tive Denken des Arztes und das zielsehende des Pädagogen ergänzen und prüfen sich dort dau­ernd gegenseitig durch Untersuchungen. Be­richte und Beobachtpngsaustausch. ehe sie für jedes Kind einen individuellen Erziehung: plan mosaikartig ausbauen. Dieses elastische Arbeits­programm, das sich den Bedürfnissen und inne­ren Spannungsgrenzen der seelisch gestörten Kindespersönlichkcit langsam fester anzupassen sucht, findet im glücklichen Falle seinen Abschluß mit der Lebens-, Liebes- und Derufsfähigkeit des Schützlings.

Die für die Allgemeinheit auch jenseits der Fachkreise bedeutsamsten Tatsachen, die die Er­fahrungen diese- Heims lehren, bestehen einmal in der Feststellung, daß seelisch gefährdete Kin­der und Jugendliche gar nicht früh genug der heilpädagogischen Aufsicht anvertraut werden können,- und daß ferner ein so verwickeltes und aktuelles Problem, wie es die Erziehung der psychisch Entgleisten darstellt, nur in der gereinig­ten Luft wahrer Objektivität seiner Lösung ent- gcgenrcilen dürfte. Denn das Verstehen ist nicht nur eine unumgängliche Vorstufe des Verzeihens, sondern vor allem einer zweckmäßig einzulei- tenden Hilfe.

Das musikalische Kind.

Ein Mahnwort an Eltern und Erzieher.

Von Artur Holde.

Keine künstlerische Begabung entwickelt sich so früh wie die musikalische: nicht selten kommen schon bei acht- oder neunjährigen Kindern Eltern und Erzieher zu der Ueberzeugung, daß die Musik den Lebensberuf bilden werde. Die Unabhängig­keit der musikalischen Sphäre von der realen Umwelt stellte schon Schopenhauer fest; für ihn befassen sich die bildenden Künste und die'Dich­tung mit der (natürlich sublimierten und stili­sierten) Wiedergabe der Welterscheinungen und Weltideen, während die Musik gewissermaßen beziehungslos im Raume steht. Diese Distanz von den sonstigen Lebensvorgängen macht denn auch jene oft kaum begreiflichen Fälle der F r ü tz- reife erklärlich, an denen die Musikgeschichte so reich ist.

Die erstaunlichsten Beispiele solcher Frühent­wicklung liefern die aus Musikerfamilien hervor­gegangenen Kinder, in denen eine Raturbegabung von der Umgebung systematisch wenn auch oft mit falschen Mitteln gesteigert wird. Der Ge­fahr, längst vor der körperlichen, geistigen und seelischen Reife die Rervenspannkraft und die Fähigkeit der inneren Regeneration eingebüht zu haben, erliegen häufig gerade diese Urtalente. Sie müssen ein kurzes Wunderkinddasein nicht nur mit physischem Siechtum bezahlen. Die For­derung des Staates nach geregeltem Schulbesuch, die Ansprüche der Gesellschaft in bezug auf die Allgemeinbildung eines Künstlers haben zur Ab­kehr von der verwerflichen, treibhausmähigen Züchtung beigetragen. Mehr noch hat die durch die Zeitverhältnisse erzwungene Tendenz, prak­tische Berufe zu ergreifen, ungesunde Formen künstlerischer Frühentwicklung gehemmt.

Unbehoben bleibt allerdings die Unsicherheit, mit der sich oft Eltern und zu nichts anderem als zum Bewundern verpflichtete Anverwandte ihr Urteil über die Weite und Steigerungsfähig­keit musikalischer Anlagen bilden. Eitelkeit, die in der Kunst mehr als auf jedem anderen Gebiet den Blick trübt, macht aus dem sechsjährigen Kind, das schwierige Stücke richtig nachsingt oder nach- fpielt, allzuschnell ein vom Himmel begnadetes Talent. Geht das Können noch Hand in Hand mit dem (nicht ganz zutreffend) alsabsolutes Gehör" bezeichneten sicheren Tonbewußtsein und mit einem zuverlässigen nachhaltigen Gedächtnis, dann findet der Glaube an überragende Bean­lagung oft üppige Rahrung.

Zum Glück für manches Kind, das zur Musik als Beruf drängt, setzt die Entwicklung schon lange vor dem Termin der endgültigen Ent­scheidung die anfänglich hohe Tourenzahl des musikalischen Sinnes schnell herab. Die eigene Reflexion beginnt erbarmungslos die Energien zu überprüfen, die den seelischen und körper­lichen Apparat in Spannung halten. Da zeigt es sich, daß in so mancher staunenerregender Frühbegabung die Flamme erloschen ist. Der Vorsprung ging verloren durch das Empor­drängen neuer Interessen.

So wenig sich natürlich Rormen aufstellen lassen, so ist es doch eine vielfach gemachte Er­fahrung, daß technische, bei den Instrumentalisten also hauptsächlich manuelle Anlagen von den Gehirnfunltionen des musikalischen Kindes meistens auffallend früh ausgebildet werden. Viele große Virtuosen bekennen, daß sie die mit 18 oder 19 Jahren erreichte Stufe technischer Fertigkeit spater nur wenig oder gar nicht überbieten konn­ten. Selbstverständlich arbeitet der strebende Künstler an sich weiter, da ja Technik erhalten werden mutz und überdies unlösbar vom Geistigen der Kunst ist; aber die Präzision des Rerven- apparates hat meistens schon in jungen Iahren ihre (unter normalen Umständen allerdings ge­raume Zeit konstante) Höchstlinie. Die eigent­liche Entwicklung geht dann vorn Menschlichen, vorn Empfindungsleben aus, das entscheidend auf dieHandschrift" zurückwirkt. Wer also in der Jugend nicht schon ein erkleckliches Matz an technischem Vermögen erworben hat, läuft Gefahr, den heute aufs höchste gesteigerten Ansprüchen an Virtuosität nicht gewachsen zu fein, die den Spieler in der Oeffentlichkeit überhaupt kon­kurrenzfähig macht. Bei Sängern, deren Aus­bildung erst nach Ueberwindung der Kindheits­stadien beginnen kann, liegen die Dinge anders.

So günstig das Ergebnis einer umfassenden Prüfung musikalischer Anlagen: Gehör, Tonsinn, Gedächtnis, technische Sicherheit, Geschmack, auch sein mag, verborgen bleibt selbst dem mit Instinkt für Entwicklungekurven ausgestatteten Beobachter die Intensität eines Talents. Und gerade auf diese kommt es später an. Sie ist am schwersten bei tonseherischer Beanlagung sestzu- stellen, bei der die Anzeichen ganz anderen Be­urteilungsfaktoren unterliegen als bei der Re­produktion. Es gibt gerade in jungen Jahren,

Heilerziehung.

Don Hans Kalischer.

Immer größer wird die Zahl der jungen Menschen, die den harten Ansprüchen der peu- !igen Zivilisation nicht mehr gewachsen sind, die in der Strömung absinken und beiTeite ge­schleudert werden. Das lehrt die Zunahme der Verbrechen, Selbstmorde und nervösen Erkran- limgen unter den Jugendlichen. In dem gleichen Maße hat auch die Gesellschaft gegen diese ge- ahrlichste, well ihre Wurzeln bedrohende Krank- . fcit alle Gegenkräfte mobilisiert. Die Schaffung von Jugendämtern, Jugendfürsorge., ISoj- ) lahrts- und Beratungsstellen, von IugenDgerich- tcn und -Gerichtshilfe und vielen ähnlichen Ein­richtungen werden einmal von der Geschichte als ein charakteristisches Merkmal für diese Epoche

I der Erziehungskrise bewahrt werden. Politische Grundsätze und wissenschaftliche Theorien streiten um den Vorrang, hier Abhilfe schaffen zu kön­nen Aber vor die schweren Sonderausgaben, Die durch die Zunahme von Verwahrlosung, Psycho­pathie, Reurose (grobe Hilfsbegriffe, mit denen man einstweilen zu umschreiben sucht) erwachsen, lieht sich Amerika ebenso wie Rußland gestellt. Und die verschiedensten wissenschaftlichen Lehr­meinungen sind bisher nur in der Lage, sich jeweils von einer Seite her an diesen ganzen Fragenkomplex heranzutasten.

Eine Ueberzeugung scheint allerdings immer fruchtbarer das Chaos zu durchdringen. Wäh­rmd man nämlich früher für alle krankhaften Mängel des Handelns und Denkens im we- ntlichen die Erbanlage verantwortlich machte und so mit h?m populären Schlagwortvererbt" oft leichtfertig D:n Stab über ene Menfchenscele brach, ist mu.i dank der Einsichten der neuzeit­lichen Seeleniunde und Seelenheilkunde zu der Erkenntnis gelangt, daß mindestens in Dem« fclben Maße wie die mitgegebenen Raturanlagen die Erlebnisse der Kindheit das Schick­sal eines Menschen bestimmen. Es besteht also durchaus keine Rotwendigkeit, daß ein Kind, dessen asoziale Triebneigungen erblich verstärkt sind, sich nun unbedingt zum Lügner, Dieb, Hochstabler usw. entwickeln muß. Erst wenn die äußeren Erziehungseinflüsse und Umweltsver- hältnisse die schwachen Seiten in der Anlage zu sehr belasten oder die gefellschaftsfeindlichen Kräfte geradezu herausfordern, ist der Ausweg in das Verbrechen häufig die tragische Folge.

Diese Einsichten schufen' den Ansatzpunkt für einen besonderen Zweig der Erziehung, dessen Ziel vornehmlich darin besteht, durch eine ge­eignete Umgebung und Beeinflussung die Wun- ben der Vergangenheit auszuheilen und wei­seren Schädigungen vorzubeugen. Wie es sich eigentlich von selbst versteht, daß man auf vul­kanischem Grunde keine Häuser baut, so sollte kS keiner Erklärung bedürfen, warum eine in ihren Tiefen erschütterte und verletzte Kinder­seele, die infolgedessen zu Affektausbrüchen und Triebhandlungen immer geneigt bleibt, erst ein­mal zur Ruhe kommen muß, ehe man wieder mit bestimmten Lebensforderungen an sie heran­tritt. Dabei sind Gefahren und kritische Rück­fälle natürlich nicht zu vermeiden, so daß eine solche Rach- und Heilerziehung mit Erfolg nur in zweckentsprechend eingerichteten Heimen durch­führbar ist. Allerdings werden diese Grund­gesetze der Heilerziehung von den öffentlichen Anstalten im allgemeinen noch übersehen. Der Hauptfehler der Heilpädagogik von gestern war ihre zu starke Belastung mit moralischen Wert­urteilen. ihre Reizbarkeit gegenüber den Schwä­chen der Zöglinge und ihre daraus entspringende allzufrühe Resignation. Die Hellpädagogik der Zukunft wird sich vor Einseitigkeit am ehesten schützen, wenn sie es lernt, die passive und aktive Einstellung, geduldiges Abwarten und recht­zeitiges Eingreifen, glücklich zu verschmelzen. So sind in neuerer Zeit Jugend- und Wohlfahrts­ämter bemüht, besondere Beratungsstellen von heilpädagogischem Charakter einzurichten und diesen kleine Heime anzugliedern, in denen die

Oberrealschulen oder Reformrealgymnasien?

Don Bürgermeister Dr. Dörsing, Alsfeld.

Die neuen Lehrpläne für die höheren Schulen in Hessen, welche im Jahre 1925 zunächst als Entwurf der Praxis Übergeben wurden, brachten eine neue Art von höheren Schulen, deren Be­deutung für das höhere Dildungswesen bis jetzt noch nicht genügend erkannt worden ist, nämlich das Reformrealgymnasium. Die Bildung, welche dieser neue Schultyp vermittelt, erscheint im Hin­blick auf die Vorbildung zum akademischen Stu­dium bei vergleichsweise:: Würdigung des Lehr­plans der Oberrealschulen, welche zur Zeit noch in Hessen die am meisten verbreiteten höheren Lehranstalten sind, von so großer Bedeutung, daß es an der Zeit erscheint, in eine ernstliche Prüfung der Frage einzutreten, ob die Vorbildung, welche die Oberrealschule nach den neuen Lehrplänen bietet, überhaupt noch eine genügende Grundlage abgeben kann zum Studium, insbesondere zum Studium geisteswissenschaftlicher Fächer (Rechts­wissenschaft. Geschichte, deutsche, französische, eng­lische Sprache, Literatur usw.). Die neuen hessi­schen Lehrpläne arbeiten die Grundformen Der höheren Lehranstalten besonders scharf heraus, indem sie im Gymnasium und in Der Oberreal­schule den Hauptfächern eine erhöhte Stunden­zahl zugestehen. Dadurch hat sich in der neuen hessischen Oberrealschule das Verhältnis zwischen Mathematik und Raturwissenschaften einerseits und den neuen Sprachen anderseits ganz beträcht­lich verschoben. Das wirkt sich besonders in Den Öberklassen aus, wo Die richtige Auswertung der Ergebnisse des neusprachlichen älnterrichts der mittleren und unteren Klassen stark beschränkt ist. Die verhängnisvollen Folgen einer starken Schwächung Der lebenden FremDsprachen werben sich aber gerade am allermeisten bei Den Ober- realschulen, in denen Die Mathematik als Haupt­fach steht, zeigen. Die sprachliche Erziehung, die als vornehmstes Ziel Der höheren Schulen zu gelten hat, verbietet aber an Der Oberrealschule eine Einschränkung Des sprachlichen Llnterrichts. Dieses Ziel wird zur Zeit aber an den Ober­

realschulen Durch ein starkes mathematisch-natur­wissenschaftliches älebergewicht vereitelt. Man wird mir vielleicht aus Fachkreisen entgegen­halten, daß Der Dildunzswert der Mathematik einen vollkommenen Ersatz für die fremdsprach­lichen Lücken im älnterrichtsplan gewähre. Dies wäre richtig, wenn es sich bei den Oberreal­schulen um solche Lehranstalten handelte, Die von mathematisch-naturwissenschaftlich besonders be- anlagten Schülern besucht werden. Davon kann aber nicht die Rede fein. Für unsere meisten Oberrealschulen hängt der Eintritt Der Schüler in Die Anstalt nicht von ihren besonderen An­lagen ab, sonDem Die Elten: schicken ihre KinDer in Die höhere Schule, Die am Platze ist oder am leichtesten erreicht werden kann. Man muß sich nun Doch einmal ernstlich Die Frage vorlegen, ob Das llebergewicht Der mathematisch-natur­wissenschaftlichen Fächer an Den Oberrealschulen notwendig ist, und ob es eine genügende Grund­lage zum Studium abgibt? Zweifellos sind Die Abiturienten Der Oberrealschule für Das StuDium Der Mathematik unD Der Raturwissenschaften aus­reichend vorbereitet, anders aber sieht es aus, wie oben schon hervorgehoben, für das Studium der geisteswisfenschaftlichen Fächer. Es hat sich in Der Praxis immer mehr herausgestellt. Daß vielen Oberrealschülern für das Studium auf den verschiedensten Gebieten Die genügenDe Kenntnis Des Lateinischen fehlt. Viele Prüfungsoronungen verlangen Lateinkenntnis z. B. für das höhere Lehramt, für alle sprachlich-geschichtlichen Fächer, für Juristen, Mediziner, Forstleute. Das fakul­tative Latein, Das eben an Den Oberrealschulen gegeben wird, kann niemals für Diese Zwecke ausreichen, Da Die Stundenzahl zu gering ist und Die ßateinftunDen ganz im Hintergrund des Interesses stehen. Auch Die Deutschen Uni­versitäten stehen auf dem Standpunkt, daß eine harmonische Ausbildung nur bei stärkerer Be­tonung Der sprachlichen unD geschichtlichen Fächer gewährleistet wird. In unserer gegenwärtigen Zeit wird bekanntlich gerade Darüber geklagt, daß alle Denkungsart zu sehr auf das Materia­listische eingestellt sei. Deshalb sollte man auch nicht gerade Diejenigen Bildungselemente zurück- Drängen. die man im weitesten Sinne als huma­nistisch bezeichnen kann.

Gegenüber Der Oberrealschule hat Der neue Schultyp Des Deformrealghmnasiums eine ganze Reihe unbestreitbarer Vorzüge. Vor allen Dingen ist Die Bildung, Die das Re- formrealgymnasium gibt, vielseiti­ger. Auch die Mathematik und Die Raturwissen­schaften kommen bis zur Oberprima zu ihrem Rechte. Gleichzeitig erhält aber auch Die sprach­liche Ausbildung einen festen Boden in den neuen Fremdsprachen, zu denen, von Hnterfefunba ab als Pflichtfach noch Latein hinzukommt. Die An­forderungen in Der lateinischen Sprache sind so bemessen, daß sie für Die Erfordernisse des Stu­diums eine genügende Grundlage bilden. Ein weiterer wesentlicher Vortell des Reformreal- ghmnafiums besteht ferner darin, daß dieses' mehr Möglichkeit bietet, Den Kulturunterricht zu pfle­gen. neben Dem Verstand und Willen auch das Gefühlsleben zu stärken und zu bereichern, also harmonischere Menschen heranzubilden. Der ma- thematiiche Unterricht Der Oberrealschulen zieht Aufgaben in fein Bereich, Deren tieferes Erfassen eine besondere Begabung voraussetzt. Das gleiche kann man Dem neusprachlichen Unter­richt nicht nachsagen, Die verstänDnisvolle Mit­arbeit aller Schüler ist hier gewöhnlich bis zuletzt gesichert. Auf diesen, mir besonders wichtig er­scheinenden Gesichtspunkt, weist Der jetzige Ober» studienDirektor Dr. Molz in Bad-Rauheim in sehr treffenden Ausführungen in einer Abhand­lung hin. (Sonderabdruck Des Oberhessischen An­zeigers und Friedberger Zeitung vom 16. Ianuar 1926.) Wie oben schon näher dargelegt, besteht ein weiterer Vorzug des Reformrealgymnasiums darin, daß diese Anstalt den Schülern, welche Die ganze Schule Durchlaufen, eine größere An­zahl von Berufen leichter zugänglich macht. Aber auch einen weiteren, fefjr wesentlichen Vorzug, Der je nach Den örtlichen Verhältnissen von ganz einschneidender Bedeutung für Den Bestand einer Oberrealschule sein kann, bietet das Reformreal- gymnasium, indem es Der verschiedenartigen Be­gabung beider Geschlechter und besonders der Mädchen besser Rechnung trägt. Es ist von Den Erziehern Der Iugend längst einmütig festge­stellt, Daß Die Reizungen und Talente der Mäd- chen weniger auf die Mathematik als vielmehr auf Die sprachlich -historisch en Fächer Hinweisen.

Mittwoch, 8. Zanuar (950

nicht unwesentlich mit Dem erotischen Leben und Erleben verknüpft, jähe Steigerungen Der schöpfe­rischen Kraft, Die über Den Gesamtsonds täü'chen. Auf überraschende Gipfelungen folgen gan un­vermittelt Abstürze. Ein Pyantasiereiz süh.t zu unorganischer Sammlung des produktiven Ver­mögens, und eine oft mühsam errungene Er­kenntnis von der Unzulänglichkeit der bisherigen Kompositionsversuche veranlaßt schnelles Ver­stummen. Der zur Kritik und Forderung Auf­gerufene muß deshalb Darauf Hinweisen, daß keine Kunst eine so komplizierte, an neben- und übercinanDergelagerten Gebieten so reiche Arbeits- methoDe besitzt, wie Die Komposition.

Die Feststellung ist nicht uninteressant, Daß mehr als ein Großmeister Der Musik niet Die Sicherheit in Der Tonbestimmung besessen hat, Die wir selbst bei Talenten kleinen Formats, oft sogar bei Laien antreffen. Weber Wagner noch Meyerbeer hatten, authentischen Zeug­nissen zufolge, Das sogenannteabsolute Gehör"; beide bedienten sich was auch anderen be­deutenden Komponisten, zumal Den mit Dem Klavier eng verbundenen wie Schumann und Chopin, nicht fremd war des realen Klavier­tons zur Stützung ihrer Klangvorstellungen. Sie wären also, an den Fähigkeiten desinneren OhreS" eines Bach, Mozart, Schubert ge­messen, musikalisch mäßig bcanlagt, was aber wohl niemand ernstlich behaupten wird.

Die Zeitverhältnisse haben beträchtlich zur Ein­dämmung Des früher übermäßigen Zustroms zur Musik als Beruf beigetragen. Immerhin besteht auch jetzt noch in Den wirtschaftlich und gesellschaftlich gehobenen Bürgerschichten DieRei- gung. Den Wünschen Der Heranwachsenden ohne umfassende Prüfung Der Begabung unD Der Aus­sichten nachzugeben. Ein zuverlässiges Resultat kann auch nur Dann erzielt werDen, wenn zu­gleich Die mit künstlerischen Anlagen zusammen- ijängenDen Charakterfragen erwogen Wer­Den. Auch sie müssen sehr positiv entschieDen toorDen sein, wenn Das junge Talent nicht in Gefahr sein soll, a.m Wege liegen zu bleiben. Gefahr sein soll, am Wege liegen zu bleiben, ©crabe jetzt, wo bas Solistenkonzert auf einen geringen Bruchteil seiner ehemaligen Ausdeh- nung herabsinkt, wo bas Opernwesen zusammen- zuschrumpsen beginnt unb auch bet Bedarf an Musikunterricht im Privathause nachläht, muh bas Talent, wieviel mehr bas Durchschnittstalent, sich Des schweren Kampfes bewußt fein, Den es zu führen hat, um sich einigermaßen Durchzu­setzen. Ist aber Anlage unD Reizung zur Musik vorhanDen, Dann sollte man auch jetzt noch Die zur sachgemäßen Heranbildung nötigen Schritte tun; Das KinD toirD es Den für feine Entwick­lung verantwortlichen Menschen später Danken.

Die Bereinigungen auslanddeutscher Studierender und ihre Ausgaben.

Don rand. rer. nat. Rudolf Freymann, Gießen.

Im Ianuar vorigen Iahres waren es zehn Iahre, seitDem in Leipzig Die erste Vereinigung auslanDDeutscher Studierender gcgrünD:t wurde. Bereits im Rovember 1919 traten Vertreter von 18 Vereinigungen (soviel waren in Der kurzen Zeit von zehn Monaten gegründet worden) zusammen und gründeten Den Zentralverband AuslanDDeutscher ©tuDierenDer (Z. A. D. St.). In Den verflossenen zehn Iahren wurDen Ver'ini- gungen an fast sämtlichen Deutschen Hochschulen unD höheren Fachschulen (Polytechniken u. ä.) gegrünDet. Wo nur AuslanDDeutfche ftuDierten, schlossen sie sich nach mehr oDer weniger kurzer Zeit zusammen. Vielfach wurde die Daseinsberech­tigung Dieser Vereinigungen angezweifelt unD ihre ©rünDung nicht selten auf Die Deutsche Vereinsmeierei zurückgeführt. Daß Dem nicht so ist, unD Daß Das Bestehen Der Vereinigungen auslanDDeutscher ©tuDierenDer eine Rotwendig- feit ist, soll in kurzem Dar gelegt WerDen.

Als in Versailles und Saint-Germain Die Deutschen unD österreichischen Bevollmächtigten ihre Ramen unter Die FrieDensDiktate setzten,

Wenn in Den Mädchenbildungsanftalten entspre­chend der Eigenart des weiblichen Geschlecht!, auf die sprachliche Ausbildung besonderes Gewicht gelegt wird, so muß auch Der Lehrplan an Der Oberrealschule Den Mädchen entgegenkommen und darf sie nicht zu einer Art geistiger Betätigung zwingen, Die im allgemeinen ihren Reizungen nicht entspricht. Gerade dieser Fehler wirb durch Das Reformrealghmnasium wesentlich gemilDert. Das Reformrealgymnasium wird daher ganz be­sonders in Den Orten geeignet sein, in Denen Die Schüler Der Oberrealschule zu einem erheblichen Teile aus MäDchen bestehen. Die allgemeine Dolksmeinung, je mehr frembe Sprachen an einer höheren Anstalt betrieben werben, Desto schwieriger sei Der Unterricht, ist längst als falsch widerlegt.

Zusammenfassend kommt man zu dem Ergebnis, Die Oberrealschule gehört ihrem Wesen nach in eine StaDt, Die gleichzeitig auch ein Gymnasium oDer ein Realgymnasium besitzt, ein iDealer Zu­stand, Den sich freilich in Hessen nur Die großen Städte Mainz, Darmstadt, Offenbach, Worms und Gießen leisten können. In allen Reineren Städten des Landes, die naturgemäß nur eine höhere Lehranstalt unterhalten können, in welche Die Eltern ihre KinDer ohne Rücksicht auf ihre besonderen Anlagen schicken müssen, well Die be- treffenDe Anstalt am nächsten gelegen ist, unb Daher Die Ausgaben am geringsten sind, ist Das Reformrealgymnasium bei dieser Sachlage Der gegebene Schultyp. In Diesen Fällen erscheint die Umwandlung Der Oberrealschulen in Aeform- realgymnasien als ein Gebot Der Rotwendigkell. Die Berechtigung Des neuen Schultyps ergibt sich auch aus Der Tatsache, daß in Preußen die Zahl der Reformrealzymnafien ständig im Wach­sen begriffen ist, allein im letzten Iahre sind in Preußen 15 Anstalten, hauptsächlich Gymnasien und Oberrealschulen, auf Reformrealgymnasien umgestellt worden und im vergangenen Oktober sind in Den nieberschlesischen Grenzstädten Militsch und Guhren zwei neuerrichtete Reformrealghmna- sien eingeweiht worden. Die Tatsache, daß Der preußische Kultusminister an Derartig exponierten Stellen als Alleinschulen zwei Reformrealghmna-- sien errichtet, sollte auch Den Anhängern Der Oberrealschule zu denken geben.