Kr. 6 Zweites Blatt
Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Mittwoch, 8. Zanuar 1950
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der Sozialversicherungen.
Die ungemein komplizierten Verhältnisse bei der Sozialversicherung, die u. a. bedingt sind durch die regionale Aufteilung, bringen es mit sich, daß bis zur Fertigstellung einer endgültigen Uebersicht über die Bilanz der deutschen Sozialversicherungen (ohne die Arbeitslosenversicherung) durch das Reichsversicherungsamt sehr viel Zeil benötigt wird. So liegt erst jetzt der Bericht über die Bilanz des Jahres 1928 vor, die auch eine Reihe ineressanter Schätzungen für 1929 enthält. Daraus geht hervor, daß 1928 ein Ueberschuß von rund 770 Millionen für alle Versicherungen (Krankenversicherung, Unfallversicherung, Invalidenversicherung, Knappschasts- und Angestelltenverßcherung) errechnet wurde, der eine S t e i g e rung bes G e- samtvermögens von 2,6 Milliarden aus nahezu 3,4 hervorgerufen hat. Ebenso hoch wie das Vermögen waren 1928 auch die Gesa m t - ausgaben, die von 3 Milliarden auf 3,4 Milliarden anwuchsen, während die Gesamteinnahmen etwa 4,2 Milliarden betrugen. Die Unfallversicherung erzielte einen Ueberschuß von 18 Millionen bei 377 Millionen Gesamtausgaben, die sich nach der Schätzung 1929 auf rund 400 Millionen belaufen dürsten. Ebenso ist bei der Invalidenversicherung für 1929 mit einer Steigerung der Ausgaben von 806 Millionen auf mehr als 900 zu rechnen, während der Ueberschuß sich von 396 auf 300 Millionen senken dürfte. Allerdings ist dieser Ueberschuß nur möglich durch die Zuschüsse, die von Seiten des Reiches gezahlt werden. Aber es ist anzunehmen, daß schon in allernächster Zeit wahrscheinlich sogar schon im Rahmen der kommenden Etatsberatungen diese Frage eine große Rolle spielen wird. Ebenso würde die k n a p fisch östliche Pensionversicherung ohne die durch die Lex Brüning vorgesehenen Zuschüsse im vergangenen Jahr in der Arbeiterpensionskasse <inen recht beträchtlichen Fehlbetrag von 30 Millionen ergeben haben, während in der Angestell- lenpensionskasse etwa ein Minus von 3 Millionen zu erwarten wäre. Die Angestellten- Versicherung hat im Jahr 1928 den recht grafen Ueberschuß von 268 Millionen zu verzeichnen, jo daß das Vermögen im Laufe dieses Jahres von 733 auf rund 1 Milliarde anstieg. Auch die Krankenversicherung, die die höchsten Ausgaben oller Versicherungszweige von 1866 Millionen zu verzeichnen hat, bringt es immerhin auf einen Ueberschuß von rund 80 Millionen im Jahr 1928, ober es ist anzunehmen, daß das Ergebnis von 1929 wesentlich ungünstiger liegt, obwohl das zweite Vierteljahr einen Krankenstand von unter Vorkriegs- höhe hat, dem aber im ersten Vierteljahr dank der starken Kälte außerordentlich ungünstige Ergebnisse gegenüberstehen. Ueberhaupt dürfte das Jahr 1929 im Vergleich zu 1928 wesentlich unzünftiger abschneiden, da erst mit ihm der Koninnkturabstieg merkbar einsetzt.
Deutsche Zorscherarbeit in Afrika.
In mehreren führenden südafrikanischen Tageszeitungen finden die in den letzten Monaten wieder aufgenommenen Forschungen von Professor Dr. Ernst Reuning über die Entstehung der Diamantlagerstätten an der afrikanischen Westküste ausführliche Besprechung. Die Anerken- tiung, die der „Pionierarbeit des deutschen Professors" gezollt wird, ist für uns um so erfreulicher, als sie einem Mitglied des Lehrkörpers unserer Landesuni- v e r s i t ä t und einem geborenen Oberhessen gilt. Den uns vorliegenden Ausführungen des Star und des Cape Argus entnehmen wir etwa folgendes:
Die seit etwa 1870 bekannten Diamantvorkom- tneu des Kaplandes und Transvaals, die besonders in der -Umgebung von Kimberley Gegenstand eines ausgedehnten Bergbaues wurden, find eng verknüpft mit vulkanischen Gesteinen, mit den Füllmassen von Bulkanschloten und -spalten. Das Muttergestein der Diamanten ist verwandt mit unseren Basalten und Basalt«
tuffen, seiner durch Verwitterung blaugrauen Farbe verdankt es die Bezeichnung Blaugrund.
3m Gegensatz zu diesen Diamantvorkommen auf ursprünglicher (primärer, Lagerstätte stehen Vorkommen des wertvollen Minerals in den lockeren Sanden und Schottern an der Küste. Hier handelt es sich zweifellos um sekundäre Ablagerungen. Solcher Art waren auch die Diamantfunde, die seinerzeit in unserem süd- westafrikanischen Schutzgebiet in der Umgebung von Lüderihbucht gefunden wurden. Die Frage nach der Herkunft dieser Diamanten beschäftigt seit vielen Jahren die Geologen, und der Erforschung dieser Herkunft gelten auch in erster Linie Dr. Reunings Forschungen, die erstmalig in den Jahren 1909/10 in der weiteren Umgebung des Oranjeslusses ausgenommen wurden.
3m wesentlichen sind es zwei Theorien, die einander gegenüberstehen. Tie eine nimmt an, daß die Diamanten aus vulkanischen Gesteinen der oben angedeuteten Art herstammen, die am Grunde des Meeres, in der Aähe der Küste zur Ausbildung gekommen sind. Durch Zerstörung und Aufarbeitung dieser Gesteine durch das Meerwasser wurden die Diamanten isoliert und mit dem übrigen Lockermaterial an die Küste geschwemmt. Die zweite von Dr. Reu- ning aufgestellte Theorie nimmt an, daß die diamantführenden Gesteine im 3nnern des Landes anstehen und durch die Tätigkeit des fließen
den Wassers an ihre jetzige Lagerstätte transportiert wurden. Eine Stütze findet diese Auffassung besonders durch die Tatsache, daß Diamanten, und zwar in besonders reichhaltiger Menge auch auf den hochgelegenen Flußterrassen gefunden wurden, sowie ferner dadurch, daß unter den Gerollen der Flüsse die gleichen Gesteinsarten vertreten sind, die das Muttergestein der Diamanten bei Kimberley usw. bilden.
Der genauen Prüfung seiner Theorie gelten in erster Linie die Untersuchungen, die Dr. Reuning auf seinen Asrikareisen 1927 und 1929 beschäftigen, und die Erfolge, die Dr. Reuning bisher an Hand seiner Voraussetzungen machen konnte, sprechen sehr dafür, daß seine Flußterrassentheorie den Tatsachen gerecht wird.
3n der Südafrikanischen Union finden Dr. Reunings Untersuchungen weitgehende Beachtung, und wenn diese Untersuchungen der deutschen Heimat auch nicht mehr ünmittelbar zugute kommen, so bieten sie doch reichen Anlaß, daß wir uns des an den deutschen Rarnen geknüpften Erfolges freuen. Die Achtung, die deutsche Gelehrtenarbeit unseren einstmaligen Feinden ab- nötigt, gilt nicht nur dem Forscher selbst, sondern auch dem deutschen Volke. Wir beglückwünschen unseren Landsmann im fernen Afrika zu seinen bisherigen Erfolgen und zu seiner weiteren Forschertätigkeit.
schinen, Transportmittel usw. angeseht werden könnten. Doch haben sich bereits innerhalb der Planwirtschaftsleitung zweifelnde Stimmen vernehmen lassen, die diese Hoffnungen als sehr übertrieben hinstellen. 3n der Tat steigen jedem denkenden Wirtschaftler starke Bedenken auf. Die Frage ist, ob sich die Menschen dazu hergeben, und ob sich die Maschinen diese Lieberanstrengung gefallen lassen. An dem Widerstand der Maschinen allein zerbricht schon der schöne Traum! Dies macht kein Geringerer als Quiring, der Stellvertretende Präses des „Gosplan" (staatliche Leitung der Planwirtschaft geltend. Er erwartet statt der 20prozentigen Steigerung der Gütererzeugung nur eine solche von 5 bis 6 Prozent, im Bergbau von höchstens 10 Prozent. Ton den mehr von 60 Arbeitstagen im 3ahre müssen mindestens 30 für gründliches Lieberholen der Maschinen, ReinigungL« und Ausräumungsarbeiten aussallen. so daß nur 30 Tage als Gewinn übrig bleiben, — die Hälfte! Bruch- und Abnützung wird viel rascher erfolgen und häufigeren Stillstand für den Einbau neuer Maschinen erfordern usw.
Doch auch von den Menschen sind Hindernisse zu gewärtigen. Allein die Llnterbringung der um das Doppelte und Dreifache verstärkten Belegschaften muß auf größte Schwierigkeiten stoßen, zumal schon jetzt darin eine große Kalamität der russischen 3ndustrie besteht, deren Lleberwindung nur durch erschreckliche Mißstände des Wohnungswesens erkauft wird. Gefährlicher noch stellt sich das Problem der Beschaffung der nötigen qualifizierten Arbeitskräfte der Erfüllung der ausschweifenden Pläne entgegen. Schon heute beklagt man sich über die Llnmöglichkeit, die Kader der gelernten Arbeiter aufzustellen! Denn die Armee der Arbeitslosen besteht ausschließlich aus Ungelernten. Lind nun eine Verdoppelung oder gar Verdreifachung? Auch
die grausame Rücksichtslosigkeit, mit der
die Wirtschaftsleitung der Sowjets sich
anschickt, diese Schwierigkeiten zu
überwinden, wird kaum Abhilfe schaffen können. Schon liegen nämlich Rachrichten vor, wonach z. B. im Petersburger Baugewerbe die Facharbeiter einfach zum Zehnstundentag befohlen werden, um mehr Ungelernte bei den Bauten verwenden zu können. (Freilich wird betont, dies sei „mit Einwilligung der Gewerkschaft" erfolgt; doch darf nicht vergessen werden, daß im Sowjetlande die Gewerkschaften ftaatlicty und sich derartigen Aufforderungen zu widersetzen gar nicht in der Lage sind.) Bezüglich der 3ngenieure und Techniker wird noch kürzerer Prozeß gemacht: Larin betont in feinen Thesen, jede Weigerung der Spezialisten, Werkmeister usw., die notwendigen Mehrleistungen auf sich zu nehmen, mühte einfach als Sabotage betrachtet werden; was dies bedeutet, zeigte der berüchtigte Schachty-Prozeß mit seinen Todesurteilen. Die 3ngenieure müßten einfach gezwungen werden, aus den Kanzleien und Verwaltungen in die Werkstätten zu gehen. Die „Saboteure", die sich widersetzen, seien vor die Wahl zu stellen „entweder an die Drehbank, oder ins Gefängnis". Larin führt als 3nstanz außerdem vielsagend „die Wut der werktätigen Massen" auf, der die „Schädlinge" zu überantworten seien.
Das sind sicher recht energische Wirtschaftsmethoden. Aber sie werden trotzdem versagen. Denn auch der schärfste Terror schafft noch keine gediegenen Kenntnisse, und viel weniger noch guten Arbeitswillen und Verantwortungsfreudigkeit. Zwar will man noch mehr Schnellpressen zur Ausbildung von Fachpersonal errichten; doch schon die bisherigen Ergebnisse solcher Anstalten für technische Halbbildung bilden den Anlaß zu bittersten Klagen über die fürchterliche Pfuscharbeit, an dec die russischen Staatsindustrien kranken.
Das Ausschlaggebende jedoch wird das Verhalten der Arbeitermassen gegenüber der neuen Betriebsordnung sein. Wie werden diese darauf reagieren, daß das ganze 3ahr hindurch grauer Alltag das Sowjetreich erfüllen wird? Der einfache Mann hat sehr deutlich das Empfinden dafür bewahrt, daß körperliches Ausruhen noch lange nicht gleichbedeutend ist mit der
Die Wstage-Woche in Sowjeitnßland.
Von unserem dl.-Korrespondenten.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.
Moskau, Januar 1930.
Die fowjetrussische Wirtschaftsleitung tut sich ungeheuer viel zugute auf die M e st a n i s i e - rung der Gütererzeugung. Was sie selbst damit meint, ist im wesentlichen Ersah der Menschenarbeit durch Maschinen und würde eigentlich richtiger als „Maschinisierung" bezeichnet. Was sie jedoch in Wirklichkeit tut, das greift viel tiefer in die Zusammenhänge der Wirtschaftsführung ein. Es wird nämlich ge« wmermaßen auch der Mensch mechanisiert, indem er gleichsam in ein Maschinen- element verwandelt und als solches in die schematischen Wirtschastspläne eingesetzt wird. Hierbei wird von allen seinen psychischen Regungen abgesehen, so sehr, daß er, seiner Persönlichkeit völlig entkleidet, selbst in ein Abstraktum verwandelt und als solches behandelt wird! sowohl als Produzent wie als Konsument gilt er lediglich als Bestandteil einer schematischen Masse. Der Mensch hört in der sowjetrussischen Wirtschaft auf, Subjekt zu fein, man läßt ihn nur noch als Objekt der Wirtschaft gelten; er wird „bewirtschaftet". 3ede subjektive Regung wird übergangen, zertreten, mindestens aber mit vollster Absicht unbeachtet gelassen.
Dem also mechanisierten Menschen werden dann feine ebenso mechanischen Funktionen in der Wirtschaft zugewiesen. Andere Belange seines Daseins werden nicht anerkannt. Rur wenn man dies vor Augen hat, kann man verstehen, wie die Sowjetregierung dazu schreiten konnte, dem Volke eine Arbeitsordnung aufzuzwingen, die samt der im christlichen Rußland feit mehr als 1000 3ahren bestehenden Zeitrechnung uralte Ueberlieferungen und Lebensformen zerbricht. Soweit sich letzteres auf religiöse Sitten bezieht, geschieht es gewollt. Die Richtachtung der übrigen Volksbräuche erfolgt mehr aus mangelndem Verständnis, das typisch für die r e i n m a t e r i e 11 e Denkungsart der Sowjetherrscher ist. Der Mensch wird eben, wie irgendein Rad oder ein Ventil- stück, ein- und ausgeschraubt, eingeschaltet oder außer Betrieb gesetzt, — je nach Bedarf.
Rur bei solcher Einstellung konnte der Plan der „ununterbrochenen Arbeitswoche" ausgeheckt werden. Er geht auch nicht vom Menschen und seinen Bedürfnissen aus, sondern von dem Maschinenbestand. An diesem besteht nämlich ein katastrophaler Mangel,
und das Vorhandene ist, abgesehen von einer Anzahl neu errichteter Werke, gänzlich veraltet, in erschrecklichem Maße abgebraucht oder in völligem Verfall. Der maßgebliche Gesichtspunkt war daher die Rotwendigkeit, die Anlagen bis zur äußersten Möglichkeit auszunühen. Cs wurden also kurzerhand alle Feiertage und Sonntage abgeschafft; als allgemeine Ruhetage sollen nur fünf Sage im 3ahre bestehen bleiben, und zwar als „Revolutionäre Gedenktage" der l.Mai, der 7. und 8. Ro- vember, der 22. Januar (jener blutige Sonntag der Zarenzeit, als der Priester Gapon das Volk unter die Gewehre der Petersburger Garnison führte), und der Todestag Lenins. Sonst ist immer Werktag, an welchem alle Arbeitsstätten mit voller Belegschaft zu arbeiten haben. Die Bevölkerung selbst soll in fünf Coeten eingeteilt werden, die reihum ihren Ruhetag haben. Es stand anfangs nur in Frage, ob wechselweise an jedem vierten, fünften oder sechsten Tag frei fein sollte; auch Varianten wurden erörtert, die auf fünf Tage bzw. sieben zwei Feiertage folgen lassen. (Sieben, bzw. Reuntagewoche.) Man entschied sich schließlich für die Fünftage- Woche; jeden fünften Sag ist der Arbeiter von Arbeit entbunden. Rach diesem Plan, der von Larin (wirklicher Rame Lurje), dem nächst dem jetzt in llngnaöe gefallenen und abgefägten B u* charin der namhafteste Theoretiker des ruffb scheu Kommunismus ist, würden die Maschinen jährlich 360 Sage im Gange sein, jeder Arbeiter aber 300 Sage zur Arbeitsleistung herangezogen werden. Es wird den 3nbuftriearbeitern dabei vorgerechnet, daß ihre Arbeitsstundenzahl im 3ahre bei Beibehaltung des Achtstundentages nur um 16 Stunden steigen, bei Einführung des Siebenstundentages sich sogar um 28 Stunden gegen heute verringern wird. Es ist vorgesehen, überall in drei Schichten zu arbeiten. „Kontinuierlicher CBe trieb“, also in der gesamten Volkswirtschaft durch das ganze 3ahr hindurch, — gewiß eine nicht zu überbietende Ausnützung der Maschinerie.
Dies alles sieht der Plan vor, und knüpft daran die Berechnung ungeheurer Vorteile: ohne Aufwendung für Erweiterung der Anlagen ist die Steigerung der Produktion auf 20 Prozent veranschlagt, und Abnahme der schwer auf Rußland lastenden Arbeitslosigkeit, da etwa eine Million Arbeiter mehr an die vorhandenen Ma-
Hans von Bülow.
3u seinem 1OO. Geburtstage.
Von Paul Hasenclever.
„3n einigen Sagen verheiratet sich hier Fräulein Cosima Liszt mit dem Pianisten Hans von Bülow; sie wollen gleich nach der Hochzeit abreifen, und denken einige Zeit in Zürich zuzubringen." Gottfried Keller, dem Varn- Hagens Richte dies im Sommer 1857 aus Berlin nach Zürich berichtet, verkehrte damals viel im Wesendonckschen Haus auf dem Grünen Hügel. Hier hatte der landesflüchtige W a g n e r mit Minna, seiner ersten Frau, eine Freistatt gefunden, und in das ohnehin gewitterschwüle Zusammenleben mit Mathilde Wesendonck platzte nun, mitten im Entstehen der Tristan- Dichtung, Cosima von Bülow hinein, die Wagner schon vor vier 3ahren in Paris kennengelernt hatte. Auch im nächsten Sommer, kurz bevor sich die eifersüchtige Minna in ihre sächsische Heimat zurückzog und Wagner nach Venedig mußte, tauchten Bülows wieder auf, „Hans in Tränen aufgelöst, Cosima düster schweigend". Es war das letzte Mal, daß diese drei bedeutsamen Frauen unter gleichem Dache zusammentrasen. 2lber Cosima, die 1864, nach öfteren Begegnungen mit Wagner, ihrem kränkelnden Mann nach München vorausfährt, als dieser dorthin berufen wird, sollte das Schicksalsrennen gewinnen. Zwei.3ahre später ist Minna tot, und im Sommer wird das Landhaus Triebschen bei Luzern e.ur Scheidewand zwischen Bülow und Wagner. Bülows Che wird 1869 getrennt, nachdem er in München den Tristan und die Meistersinger aus der Feuertaufe gchob n hat, und der Wagnerianer wandelt sich zum Klassizisten, der einmal die Tristan-Musik als pathologisch bezeichnen wird.
Am 8. 3anuar 1830 in Dresden als Sohn des vielseitigen Schriftstellers Eduard von Bülow geboren, erhielt er schon mit neun 3ähren Klavierunterricht bei Friedrich Wieck, der chn wohl entscheidend gegen Robert Schumann beeinflußt hat. So wurde denn Richard Wagner zum Leitstern des Zwanzigjährigen, der sich zusammen mit Ritters, seinen Dresdner Zugendfreunden, am Rienzi und Tannhäuser begeisterte. Das „Tolle 3ahr" macht den Rechtsbeflissenen zum Empörer, und als er 1850 in
Weimar unter Liszt den Lohengrin erlebt, wirst er sich, gegen den Willen der Eltern, Wagner in die Arme, der ihn am Züricher Stadttheater im Dirigieren unterweist. Aber schon im nächsten 3ahre zieht es ihn nach Weimar zu Franz Liszt, bei dem er zum Klaviermeister heranreift. Dann geht er auf Konzertreisen und landet 1855 für ein 3ahrzehnt in Berlin als Lehrer am Sternschen Konservatorium.
„Dazu eine tragische Ehe; — eine junge, ganz unerhört seltsam begabte Frau, Liszts wunderbares Ebenbild, nur intellektuell über ihm stehend," über dem kränkelnden Bülow nämlich, dessen wunder Punkt in dieser Wognerschen Drief- stelle angedeutet wird, — ist das der Adelssproß, dem so manches geflügelte Wort eine gewisse Lleberlegenheit bescheinigt? Wenn er später ein Konzert damit eröffnet, daß er seine Schuhe mit dem Taschentuch abschlägt, um sich, wie er dem Publikum verkündet, erst mal vom Berliner Staub zu befreien; oder wenn er in München an die Spitze seines zugunsten der Bayreuther Festspiele gegebenen Klavierabends das Werk eines verbohrten Klassizisten stellt, — wie verträgt sich diese herrische Verachtung mit seinem selbstlosen Verhältnis zu Wagner, zu Lassalle? Solche seltsamen Widersprüche sind eben tief in seiner zwiespältigen Anlage begründet. Denn der Adel wurde ja gerade in Sachsen, der gewerblichen Keimzelle Deutschlands, früh verbürgerlicht. Der überschüssige Rachwuchs, oft aus der Art geschlagen, rettete sich ins ilngeftüm der bürgerlichen Geistigkeit, nicht ohne gelegentlichen Schauder vor den unheimlichen Kräften, die er damit entfesseln half.
So wurde schon Bülows Vater, während seine Ramensvettern auf Schlachtfeldern und Kanzleien glänzten, zum marktgängigen Schriftsteller, der sich nun seinerseits dagegen sträubte, daß sein Sohn der Künstlerwelt verfiel. Erst im Zusammenprall mit einem schauspielernden Tondichter und einer zielbewußten Frau fand Hans von Bülow den Weg vom aussichtslosen Schöpfertum zur erzieherischen Wiedergabe, damit aber auch von der Reuromantik zum. Klassizismus. Aber dafür knetet der Einfluß seiner schmalen Hände, soweit er sich in den Fingersätzen seiner Klassiker- und Etüden-Ausgaben auswirkt, noch heute unser Klavierspiel, und das Orchester verdankt ihm die Sinngliederung der Tonfolgen und die Dersehmung des Schlendrians.
Seit 1880 war er, nach ruhmvollen Wanderjahren zum meiningischen Hofmusikintendanten berufen, eine führende Macht. Zwar schwanken seine Wiedergaben zwischen strenger Sachlichkeit und hitziger Willkür; zwar spottet auch er, der sonst so sicher wittert, über Anton Bruckner; zwar greift er mit seinen einprägsamen Gedankensplittern manchmal fehl, wenn er etwa Beethovens Eroica auf den Ramen Bismarcks tauft oder schlankweg behauptet: „3m Anfang war der Rhythmus". Aber inmitten eines verwildernden Zeitgeschmacks war er auf lange hinaus der geborene Lotse, in dem sich damals die Wandlung des Orchesterleiters vom Taktschläger zum deutenden Zauberer verkörpert hat.
Bevor er, mit der Schauspielerin Marie Schanzer in zweiter Ehe verbunden, Hamburg zur letzten Wirkungsstätte erwählt, wird der junge Richard Strauß in Meiningen sein Schüler und künftiger Rachfolger, um unter Alexander Ritters Einfluß schließlich doch zur Tonmalerei überzulaufen. Dann erliegt Hans von Bülow 1894 in Kairo, am Fuße der Pyramiden, feinem Leiden.
Bülow-Anekdote.
Als Hans von Bülow in Schwerin dirigierte, fang eine unbekannte Sängerin einige Lieder. Als sie mit ihrem Gesang einsetzte, runzelte er plötzlich die Brauen und fah zu ihr hinauf, Dann klopfte er schweigend ab. Die Sängerin hatte nämlich einen guten halben Son zu tief eingesetzt.
Ohne ihr etwas von dem Fehler zu sagen, begann er ein zweitesmal. Lind die Sängerin machte den gleichen Fehler. Ostentativ fang sie einen halben Son zu tief.
Aergerlich warf Bülow den Saktstock auf das Rotenpult und unterbrach abermals. Erstaunt und fragend sah die Sängerin ihn an.
Mit einer wahren Lammsgeduld begann Bülow die Probe zum dritten Male, aber es war vergebens.
Da klopfte er energisch ab, beugte sich über fein Pult hinweg und sagte: „Verzeihung, gnädige Frau! — 3ch glaube, wir sind etwas auseinander. Wollen Sie mir bitte einmal 3 hr ,a‘ angeben l" H, I.-M.
Film-Ballett.
Wenn man schon von dem Tonfüm eine schwere Beeinträchtigung des Theaters fürchtet, wieviel mehr müßte dann noch das Ballett durch ihn in den Hintergrund gedrängt werden! Zur Wiedergabe von Tanzvorführungen ist ja diese Vereinigung von Bewegung, Musik und Rhythmus das ideale Mittel. Darf man nicht erwarten, daß meisterhafte Darstellungen so entzückender Kunstwerke wie „Coppelia" ober, „Petruschka" durch die ganze Welt hin verbreitet werden? Vorläufig sieht es freilich noch nicht so aus, denn bisher genügte der Film in seiner stummen Form in keiner Weise, um den zarten Duft einer choreographischen Leistung festzuhalten. Woran lag es, daß der Versuch, die Kunst der Pawlowa im „Tod des Schwans" oder im „Geist der Rose" der Rachwelt zu erhalten, so völlig mißlang? Das kam daher, daß es nicht möglich war. die Musik mit den Bewegungen des Films völlig in Einklang zu bringen, und ein Tanz, der nicht im Takt ist, ist ja eine unmögliche Sache. Das sah man auch bei den häufigen Tanzeinlagen in den Grohfilmen, in denen stets die Bewegungen etwas Gezwungenes und ilnnatür» liches auswiesen. Sofort, wenn der Rhythmus der Musik mit den Gesten und Linien des Tanzes vollkommen übereinstimmt, ist diesen Bewegungen die Seele eingehaucht, und sie wirken mit einer vorher im Film ungeahnten Eindringlichkeit. Das zeigt sich z. B. bei dem erfolgreichen Tonfilm „Der 3azzsänger", in dem wir mit Vergnügen beobachten, wie die Tänzerinnen wirklich von der Musik begeistert und getrieben werden. Man hat nicht mehr das unbehagliche Gefühl, taube und leblose Wesen auf der Leinwand herumzappeln zu sehen. Vorläufig fehlt dem Tanzfikm freilich noch ein wichtiges Moment der Wirkung: er hat noch nicht die volle plastische Rundung, die notwendig ist, um uns die harmonische Entfaltung eines schonen Körpers im Raum zu vermitteln. Es ist immer noch ein Schatten, der sich über eine Oberfläche hin bewegt. Aber wenn wir erst mit dem Film im Großformat, der dem Ausschnitt der Leinwand die Breite und Hohe einer richtigen Bühne gewährt, reichere Bewegungsfreiheit erhalten und durch den stereoskopischen Film die Rundheit der Figuren und die Mitwirkung des Raums gewährleistet wird, dann dürfte die Stunde des gümbaltettä gekommen fein. tb. •


