Io ist es in Italien von einem theaterhaften Del- falt abhängig. Mussolini hat lcüher einmal gesagt. er begreife nicht, wozu überhaupt geredet werde: es wäre doch niet ßtoedmä^iger, wenn einer, der wirklich etwas Wichtiges zu sagen habe. Dafür die Zeitung benähe. Dann tonne man die Sache in Ruhe lesen und überlegen. Warum also seht er sich setzt in die Äammer und langweilt sich?
Da wäre nun allerdings zu sagen, das; es neben dem Einheitsparlament auch nur eine Cinheitszcilung gibt, eine faschistische, und Las; sich die Presse selber durch Beschluß als „Werkzeug im Dienste des Duce" bezeichnete. Bon dieser Seile ist also auch nichts zu erwarten, was einer Kampfernatur gefallen könnte. And da cd auch keine Wahlen mehr gibt, keine Versammlungen. leine Redner anderer Färbung, keine gegnerischen Lehrstühle und Kanzeln, so kann cs folglich auch keine Politik mehr geben. Italien ist das Land ohne Politik, und es ziemt sich, die Vorteile und Nachteile einer solchen Verwaltung, wie sie sich in einem Lustrum heraus- gestellt haben, kurz zu erwähnen. Die Außenpolitik, die ja in tast allen Landern der Welt, auch in den besten Demokratien, von wenigen Männern gemacht wird, wollen wir dabei auS- scheiden. Vach wie vor regieren Kabinette und Gehcimdiplomatie, Italien macht dabei also keine Ausnahme. Wie aber wirkt sich die Autokratie Mussolinis im Innern aus?
Wichtig zu wissen ist, daß der Führer der Ra- livn wie das Parlament so auch die Stadt- und Landgemeinden beherrscht, daß es keine Magistrate und Gemeindeversammlungen gibt, daß er die Präfekten und Podesta ernennt Die naturgemäße Folge ist die, daß die Dinge dort gut gehen, wo ein solcher, von den römischen Zentralgewalt gestellter Statthalter, der nahezu unumschränkte Vollmachten hat, feinen Pflichten als Ehrenmann nachkommt, daß aber mangels der Kontrolle schwere Schädigungen des Gemeinwohls eintreten können, wo er versagt. Kommt das vor, so hält Mussolini unerbittlich Gericht, wie jetzt der Fall des Mailänder Podest ä zeigt der zusammen mit einem früheren Minister auf die liparischen Inseln geschickt wurde. Mussolini ist aber fein allgegenwärtiger Gott und so kann es oft lange gehen, bis die iln3uf’rteben«* heil bis zu seinen Ohren bringt Bezeichnend sind hier bte Urteile der Fremden, die in allen Sprachen gleichsinnig lauten, sowie dem Reisenden etwas unangenehm auf fällt: Hier ist scheint's Mussolini noch nicht gewesen!
Viele persönliche Wünsche, die anderswo durch Abgeordnete oder Parteien vorgebracht, begründet und zu Wichtigkeiten erkünstelt werden können, müssen so unerfüllt bleiben, Quertreibereien, Obstruktion, Verschleppungen sind nicht möglich. Der Statthalter befiehlt und so geschieht's. Die einen, die den Vorteil davon haben, sind begeistert von dem System, die andern — haben keine Gelegenheit zur Kritit Schwer zu sagen, was besser ist, wenn man über die Sorgen eines kleinen Kreises hinaufschaut und zu den größeren Zielen einer Ration. Heute zum Beispiel handelt es sich nicht um einen Brückenbau ober eine: €traßentaufe, bei der irgendein Parteiheld zu Ehren kommen soll, sondern um die große Wirtschaftskrise, die auch Italien erfaßt hat. «Mas tun?
Statt endloser Reibereien im Parlament, statt Ministerkrifen und Streiks und Reuwahlen und dem ganzen Hin und Her des Mehrheitssystems, statt der Auswüchse be8 .Parteiismus" gibt es in Rom nur einen Willen, der ein Befehl ist: Runter mit den Preisen und den Löh- i nen! Die Wirtschaft ist genau einzustellen auf das Etaoilifierungsverhältnis der Lira, 1 zu 4! Tälnb schon kommt die Lawine ins Rollem In einem fast unheimlichen Tempo geht es abwärts. Die Qlbgeorbneten müssen den Anfang machen mit ihren Diäten, die Aufsichtsräte mit ihren Tantiemen. Aus den Märkten kullert es herunter wie Geröll am Steilhang und über Rächt haben sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber über die acht- prozentige Lohnherabsetzung geeinigt, die anderen Ländern so viel Kopfzerbrechen verursacht. Vom ersten Dezember ab wird die gesamte ßebenäpal- tung im ganzen Lande um durchschnittlich ein Zehntel der Ziffern gesenkt sein.
Mag man diese Erscheinung nun freiwillige Disziplin, verständige Unterordnung des Einzelnen zum Wohle der Gesamtheit, Staatsklugheit oder Furcht vor Gewalt nennen, der Erfolg gibt
jedenfalls dem System Recht. Er ist nichts anderes als die automatische Auswirkung der fünfjährigen Alleinherrschaft eines großen Mannes.
Damit aber erhebt sich auch die Frage, was aus einem Volk werden soll, das die Selbstverwaltung verlernt, das wie so mancher Re- frut froh darüber ist, wenn ihm ein anderer das Denken abnimmt. Wie, wenn es eines Tages ohneOffizicre dasteht? Wird es die Politik wieder schnell genug lernen können?
Aus der provinzialdouptstadi.
Gießen, den 6. Dezember 1930.
$rau Professor Kramer 70 Jahre alt.
Am morgigen Sonntag, 7. Dezember, begeht unsere Mitbürgerin Frau Professor Wilhelmine Kramer W w e, in voller körperlicher und geistiger Frische ihren 70. Geburtstag. Die Jubilarin kann an diesem Tage auf ein reich gesegnetes Wirken zurückblicken.
Frau Professor Kramer war vom 14. Juni 1919 bis 31. Dezember 1929 Mitglied der Gießener Stadtverordnetenversammlung. In der Wahlperiode 1919 1922 wirkte sie in der Armendeputation, in der Deputation für das Wohnungswesen, im Kunstbeirat und im Kuratorium der Höheren Mädchenschule in reger Weise und mit unermüdlicher Schaffensfreudigkeit mit. Die gleiche umfassende Tätigkeit entfaltete sie in der Wahlperiode 1923,25 ass Mitglied des Theaterausschusses und der Theaterdeputation, des Wohlfahrtsausschusses und der Wohlfahrtsdeputation, der Wohnungsdeputation, der Deputation für Rentncrfürsorge, des Schulvorstandes, des Kuratoriums der Höheren Mädchenschule, des Kunst- beirates (Stellvertreter) und des Beirats für das Wohnungsamt. Mit großem Eifer war sie auch in der Wahlperiode 1926 29 im Marktausschuß bzw. in der Marktdeputation, im Schulvorstand, im Beirat zum Stadtschulamt, im Kuratorium des Lyzeums und der Studienanstalt (als Stellvertreter) und in der Wohl fahr tsdeputalion bemüht, zum Besten der Allgemeinheit und mit warmherziger Fürsorge für alle Hilfsbedürftigen zu wirken. Auch im Plenum des Stadtrates, dem sie als Mitglied der Deutschirationalen Volkspartei angehörte, trat sie stets mit Eifer und warmherzigem Empfinden für die Förderung unseres Gemeinwesens und für die Wahrung der berechtigten Interessen aller wirtschaftlich Schwachen, insbesondere der Kriegerhinberbliebenen und Kleinrentner, ein.
Schon vor ihrer Tätigkeit im Stadtrat war Frau Kramer im öffentlichen Leben an hervorragender Stelle in vorbildlicher Weise tätig. Seit 1914 wirkt sie im Vorstand de? Aliceschulvereins mit, dessen stellvertretende Vorsitzende sie seit 1923 ist. In ihren Vorstandsfuilktionen teilte sie sich in die Bearbeitung des wirtschaftlichen Teiles mit dem Vorsitzenden. Während der Vorsitzende, Professor Dr. Alles, das Amt des Gießener Stadtschulrates bekleidete, gehörte Frau Kramer den staatlichen Prüfungskommissionen als Vertreterin des Aliceschulvereins an. Um die Entwicklung des Aliceschulvereins und feine segensreichen Auswirkungen auf die vielen jungen Mädchen, die im Laufe der Jahre in den Dereins- inftituten ausgebildet wurden, hat sich Frau Kramer allgemein anerkannte, bleibende Verdienste erworben, auf die bei dieser Gelegenheit in gebührender Weise auch einmal öffentlich hingewiesen sei.
daneben widmete sie sich als Vorsitzende des Alice-Frauenvereins in großzügiger und unermüdlicher Weise den vielsältigen Bestrebungen, die unter der Flagge des Roten Kreuzes zum Segen weitester Türgerkreise auch in unserer Stadt entfallet werden. Seit einer langm Reche von Jahren Führerin dieses gemeinnützigen Vereins galt chr regstes und unermüdliches Interesse jeglicher unei^nnühiger Arbeit, aus der Hilfsbedürftige aller Art Aufrichtung und neue Kraft gewinnen konnten. Beim Dienenkorb, bei dem Hilfswerk für Studenten, bei der Ausbildung von Schwestern vom Roten Kreuz, in der Fürsorge für die Kinder gefallener Krieger, bei wohlverdienten Ehrungen langjähriger Hausangestellter usw., überall war Frau Kramer stets in vorderster Linie der Arbeit als Führerin und Mitarbeiterin zu finden. Dabei kam chr großes soziales Verständnis, warmherziges frauliches Empfinden und gewinnende, liebenswürdige Art des Umgangs mit Menschen der verschiedensten Bevölkerungsschichten in hohem Maße zustatten.
Durch diese weitreichende öffentliche Arbeit, wie auch durch ihre Eigenschaften als edler und Warmherziger Mensch mit steter Liebenswürdigkeit und Hilfsbereitschaft hat sie sich in den weitesten Kreisen unserer Bürgerschaft höchste Wertschätzung und dankbare Verehrung erworben. Diele Mitbürgerinnen und Mitbürger werden ihr am morgigen 70. Geburtstage von ganzem Herzen wünschen, daß es ihr vergönnt sein möchte, noch lange Jahre in Gesundheit und Kraft zum Segen der Hilfsbedürftigen und zur Befriedigung der eigenen Schaffensfreude tätig sein zu können.
Daten für Sonntag, 7. Dezember.
Sonnenaufgang 7.50 Uhr, Sonnenuntergang 15.53 Uhr. — SERonbaufgang 16.40 Uhr, Mondunfergang 9.57 Uhr.
1542: Maria Stuart, Königin von Schottlaird, geboren; — 1836: Eröffnung der ersten deutschen Eisenbahn Nürnberg—Fürth.
Daten für Montag, 8. Dezember.
Sonnenaufgang 7.51 Uhr, Sonnenuntergang 15.52 Uhr. — Mondausgang 17.5.5 Uhr, Monduntergang 10.52 Uhr.
65 v. Chr.: der römische Dichter Quintus Hora- tius Flaccus geboren; — 1815: der Maler Adolf von Menzel in Breslau geboren; — 1832: der norwegische Dichter Björnstjerne Björnson geboren.
Gießener Wochenmarltpreise.
Cs kosteten auf dem heutigen Wochenmarkt: Butter 150 bis 160 Pf. (Kochbutter von 130 Pf. an), Matte 30 bis 35, Käse (10 Stück) 60 bis 140, Wirsing 8 bis 10 (pro Zentner 4 Mk.), Weißkraut 5 bis 6 (pro Zentner 3 Mk.), Rollraut 8 bis 10 (pro Zentner 5 Mk.), gelbe Rüben 8 bis 10, rote Rüben 8 bis 10, Spinat 15 bis 20, Anterkohlrabi 5 bis 6, Grünkohl 10 bis 15, Rosenkohl 25 bis 30,
Feldsalat 60 bis 100, Tomaten 50 bis 70,
Zwiebeln 8 bis 10. Meerrettich 30 bis 60, Schwarzwurzeln 30 bis 50, Kürbis 8 bis 10, Kartoffeln 3,5 bis 4 (pro Ztr. 2,20 bis 2,50 Mk.), Aepfel 25 bis 40, Birnen 20 bis 30, Russe 60 bis 70, Dörrobst 30 bis 35, Honig 40 bis 50, junge Hähne 80 bis 100, Suppenhühner 80 bis 100, Gänse 80 bis 100 Pfennig pro Pfund; Tauben 50 bis 70, Sier 16 bis 18, Blumenkohl 30 bis 70, Salat 10 bis 15, Endivien 10 bis 15, Oberkohlrabi 8 bis 10, Lauch 5 bis 10, Rettich 10 bis 15, Sellerie 10 bis 50 Pfennig pro Stück.
Bornotizen.
— Tageskalender für Samstag. Stabt« tijeater: „Schinderhannes", 19.30 bis 22.30 Uhr. — Wohltätigkeitskonzert der Gesangschule Heermann, 20 Uhr, in der Neuen Aula. — Hess. Landes-Geflü- gclschau, in der Dolkshalle, 8 bis 18 Uhr. — Erste Reichskurzschriftgesellschaft „(Babelsberger" und Damenabteilung: Vereinsabend, in der „Stadt Lich". — Artilleristen-Verein: Monatsversammlung, im .Hessischen 5)of". — 222er: Herren-Abend, 20 Uhr, im Andres. — Gießener Ruderklub Hassia: Mitgliederversammlung, im Bootshaus. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Leutnant warst du einst bei den Husaren". — Astoria-Lichtspiele: „Falschmünzer" und „Amor auf Ski".
— Tageskalender f ü r Sonntag. Stadttheater: „Der Detter von Dingsda", 18 bis 21 Uhr. — Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei: Oeffentliche Versammlung, 20 Uhr, in der Turnhalle. — Hessische Landes-Geflügelschau, in der Dolkshalle, 8 bis 18 Uhr. — Nationales Tanz-Turnier, im Club, 20.15 Uhr. — Sp. Vgg. 1900: Halldballmeifterschaft, 15 Uhr. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße, vormittags 11.15 Uhr. — „Die Donau", abends „Leutnant warst du einst bei den Husaren". — Astoria-Lichtspiele: „Falschmünzer" und „Amor auf Ski".
— Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Sonntag, außer Abonnement, Fremdenvorstellung. „Der Detter aus Dingsda", Operette von Eduard Künneke, Gast- h>iel der Vereinigten Operettentheater Dochum- Hambor.r. — Dienstag, zum letzten Male, Wolfgang Goetz' „Reidharöt ron Gneisenau". — Mittwoch, erste Wiederholung des mit so großem Beifall aufgenommenen musikalischen Lustspiels „Meine Schwester und ich", von Derr-Verneuil- Denatzky, unter der Spielleitung des Intendanten. — Freitag, 19.30 Uhr, „Rofe Vernd", von Gerhart Hauptmann. — Samstag, zum erstenmal „Goldmarie und Pechmarie, em Weihnachtsmärchen von Alvys Prasch, unter der Spielleitung von Karl Dvlck. Die Vorstellung findet als erste Kindervorstellung zu ermäßigten Preisen statt. Deginn 15.30 Ahr.
- Die Gesellschaft für Erv- ttsb Völkerkunde veranstaltet am Donnerstag, 11. Dezember, in der Reuen Aüla der Anrver- fität einen Lichtbildervortrag, zu dem Prof. Dr. G. Schott gewonnen wurde. Der Redner wird über „Geographische Charakterbilder von einer wisfenschafllichen Seereise um die Erde: auS Oft* afien und dem malaiischen Archipel" sprechen.
— DieDeutscheAngestellten-Kran- kenkasse, Verwaltungsstelle Dießen, hält am 8. Dezember im Restaurant „Hessi'chec Hof" eine Versammlung ab, in der die Mitglieder Gelegenheit haben, zur Reugestaltung der Satzung infolge der Rotverordnung Stellung zu nehmen. Räßeres in der heutigen Anzeige.
•• Iap anischer Stuvienbesuch in Gießen. Von der Pressestelle der Landes* Universität Gießen wird unS geschrien: Der Direktor des Botanischen GartenS Tai-' hoku, Formosa, F. Seki. welcher von der japanischen Regierung zu Studienzwecken nach Deutschland entsandt worden ist, wird außer den Botanischen- Garten der Aniversitäten München und Freiburg auch den Botanischen Garlen unserer Aniverfllctt-besuchen.
" Von der Landesuniversität. Zum Zwecke der Habilitierung werden solgende Herren Probevorlesungen halten: für das Fach der praktischen Theologie Dr. Paul Schütz am Dienstag, 9. Dezember, 12 Ahr im Großen Hörsaal über „Die Idee einer Welllirche als westöstliches Problem bei Druno Dauer"; für das, Fach dcr Augenheillunde Dr. Walter Rauh am Mittwoch, 10. Dezember, 18 Ahr in der Kleinen Aula über „Innere Sekretion und Auge"; für das Fach der Allgemeinen Pathologie und pathologischen Anatomie Dr. Werner Sch vp - per am Dienstag, 10. Dezember, 19 Ahr in der Klemen Aula über „Geschwulst und Gewebezüch- hing“; für das Fach der Eeburtshilse der Gynäkologie Dr. Heinrich Ro ssenb eck am Donnerstag, 11. Dezember, 18 Ahr in der Kleinen Aula über „Der gegenwärtige Stand unserer Erkenntnis von den natürlichen Ursachen des Geburtseintrittes und ihre Bedeutung für die wissenschaftliche und praktische Geburtshilfe".
'* Oberhesfifcher Kunstverein. Die bereits im Anzeigenteil bekanntgegebene IahreS- verlosung für die Dereinsmitglleder findet Montag, 8. Dezember, 11 Ahr im Turmhaus am Drandplatz statt. SS werden verlost 9 Anrechtscheine im Wert von zusammen 530 Mark, sowie 26 Kunstgegenstände: 5 Oelbilder, 4 Aquarelle, 6 Zeichnungen, 10 Werke der Graphik. 1 Keramik. Die Dilder, sämllich gerahmt, im Werte von 1000 Mark. Die Gewinne sind bereits auSgehängh Die Mitglieder sind zur Veranstaltung einge- laden. Die Gewinnliste wird demnächst im Ausstellungsraum ausgelegt, den Gewinnern geht direkte Benachrichtigung zu. Gleichzeitig sei noch* mals auf die derzeitige, bis 22. Dezember dauernde Weihnachtsausstellung: Künstlerhilfe 1930 aufmerksam gemacht und deren reger Besuch empfohlen. Die Ausstellung ist bet freiem Eintritt für jedermann. Sonntags. WvntagS, Mittwochs. Freitags von 11 bis 13 Ahr. Sonntags auch von 15 oiS 18 Ahr. Mittwochs von 15 bis 19 Ahr geöffnet
** Die Museen und der Hetdenturm sind am Sonntag .zwischen 11 und 13 Uhr bei kleinen Preisen geöffnet.
** Die städtische Kunstsammlung im Neuen Schloß, Eingang Senckenbergstraße, ist morgen, Sonntag, von 11 bis 13 Uhr 6ei freiem Eintritt geöffnet Kinder haben nur in Begleitung Erwachsener Zutritt
** (Jin Anlagenko nz e r t findet morgen. Sonntag, 11 Uhr, durch das Musikkorps unseres Bataillons bei günstiger Witterung in der Südanlage statt. Leitung: Obermusikmeister L ö b e r. Die Musikfolge verzeichnet folgende Darbietungen: Choral: „Macht hoch die Tür, Fantasie aus der Oper: „Die Perlenfischer", E. Bizet; „Einig und stark", Marsch, C. Friedemann; „Kommandeurruf", Marsch, W. Löber; „Kaiser-Walzer", Ioh. Strauß; Armee- marsch I, Nr. 7 I. Bataillon Garde; Armeemarsch H, Nr. 240 „Preußens Gloria", G. Piefke.
** Der nächste Diehmarkt findet am Dienstag, 9. Dezember, mit Rindvieh (Nutzvieh) und am Mittwoch, 10. Dezember, mit Schweinen statt.
•• Rotstandsarbeiten. Zur Zeit sind m der Straße „An der Kaserne" Rotstandsarbeiter damit beschäftigt, das Gelände umzuarbeiten, das zum Frühjahr als gärtnerische Qlnlage au gestaltet werden soll. In Verbindung damit erscheint es
Kunst und Wissenschaft.
Professor PreetvrmS bleibt in München.
Die vor kurzer Zeit von Berlin aus verbreitet- Weldung, daß der bekannte Graphiker und Illustrator Professor Dr. Emil P r e e t o r i u s in München demnächst als Lehrer an die Berliner Kunsthochschule übersiedeln werde, scheint sich nichtzu bestätigen. DaS bayerische Kultusministerium hat nach der Meldung eines Berliner BlatteS für die Betätigung des Künstlers günstigere Entfaltungsmöglichkeiten als bisher geschaffen. an deren Finanzierung sich, wie matt hort, auch bie Stadl München beteiligen toisk
aus Siegesfreude, Hoffnung, Tragik und gefaßter Entsagung.
Wohl das Erschütterndste gibt in diesem Buche die wortgetreue Abschrift aus dem LogbuchStrlnb- b e r g s *, der zuerst den weißen Tod erleiden mußte. Niels Strindberg, der erst siebenundzwanzigjährige Physiker, war der jüngste der Exveditionsteil- nehmer. Boll Ueberzeugung von dem Gelingen des AndrSefchen Planes, stellte er sich der Expedition zur Verfügung, nachdem er sich kurz vor dem Aufstieg noch verlobt hatte. Sein Logbuch ist ein Tagebuch, eigenllich ein Brief, auf jeden Fall eine Mitteilung, die er in Kurzschrift für seine Braut abfaßte. Dieser Brief, der dreiunddreißig Jahre brauchte, um in die Heimat zu gelangen, ist am 21. Juli 1897 1 Uhr mittags auf einer Eisscholle begonnen worden. Noch einmal wird hier — diesmal rein von Mensch zu Mensch — eine Schilderung der Geschehnisse gegeben, vom Tage der Abfahrt an. In rührend einfacher Weise erzählt Sttindberg seiner Braut den Aufstieg des Ballons. Eben hat er AndrSe zum Start ermuntert, und der hat eingeroib ligt, weil er „keine stichhaltigen Gegengründe nabe". Der Ballon wird mit Gas gefüllt, und währenddessen trinkt Strindberg mit Freunden zusammen eine Flasche Sekt auf gutes Gelingen. Endlich ist der Augenblick des Abschieds gekommen. Der junge Strindberg schildert ihn so: „Er war herzlich und ergreifend, aber ohne alle Rührseligkeit. 21 norde rief: Strindberg und Fränkel, seid Ihr klar zum Ein- steigen? — ,3a 1‘ — Wir stiegen ein. Für einen Augenblick flogen meine Gedanken zu Dir und den Lieben daheim. Wie wohl unsere Fahrt ausgehen mag? Diese Gedanken wollten mich schier überwältigen, aber ich mußte mich beherrschen... Vielleicht ist mir dabei eine Träne über die Wange gelaufen."
Langsam stieg der Ballon in die Höhe, die Zurück- bleibenden riefen „Hoch!", die Luftfahrer antworteten: „Das alte Schweden soll leben!" Sie machen photographische Aufnahmen vom Start, von denen Strindberg allerdings selbst berichtet, daß sie nicht gelingen würden, well er eine falsche Einstellung gewählt habe. Immer rascher entfernt sich der Ballon mit den Forschern, noch hören sie von fern ,Hurra"-Rufe — dann verschwindet die Däneninsel und mit ihr das letzte bißchen Erde, was sie mit der Heimat verbunden hot.
* Uebrigen» ein Neff« de» Dichter», ' >
Oer Brief, der dreiunddreißig Jahre brauchte.
Strindbergs Tagebuch von der Andree- Expedition.
Reiches Material ist von der „Bratvaag-Expedi- tion", einer norwegischen Gruppe von Forschern, die nach Franz-Josevh-Land im Sommer dieses Jahres wollte und durch einen Zufall auf die kleine Insel Dito im Eismeer geriet, nach Hause gebracht worden. Ihr gelang es, vor allem die Leichen der beiden Polsucher Andröe und Strindberg zu bergen und in die Heimat zu führen; den dritten Kameraden Fränkel brachte etwas später dos flinke Journalistenschiff, die Asbjörn", nach Stockholm. Und auf beiden Bergungsschiffen tarnen Dokumente jener Polarexpedition aus dem Jahre 1897 nach Schweden, Dokumente, die fast bis in die letzte Einzelheit hinein das furchtbare Geheimnis lüfteten, das dreiunddreißig Jahre lang über dem Derbleib der Andree-Expedition lag. Längst hatte die Mensch- beit die Hoffnung aufgegeben, jemals Klarheit über das Ende der drei tapferen Männer zu bekommen. Sie galten als verschollen, sie dursten wohl ihr Ende beim Wsturz aus dem Ballon „21bler gefunden haben. Auf dem Eise oder im Meer, wer wollte das sagen!
Die Auszeichnungen der wagemutigen Pioniere der Arktis haben sich — zu unserem Glück — erhalten; wenigstens zum ansehnlichsten Teil überstanden sie das Zerstörungswerk der Natur. Andrdes Tagebuch ist zwar sehr mitgenommen, nur seitenweise ist es klar lesbar ober boch wenigstens entzifferbar. Es gibt in diesen verblaßten, verwaschenen Schrift- zelcken der Wissenschaft ein außerordentlich wertvolles Dokument über die mißglückte Polfahrt, über die Gründe der Notlandung, über den Marsch der Drei durch die Eiswüste — und es kündet in wenigen, fast schon verzweifelt, gewiß aber doch entsagungsvollen Worten das bittere Ende der Expebi- tionsteilnehmer. Der Verlag F. A. Brockhaus in Leipzig gibt das gesamte Dokumentenmaterial an Hand Der Funde in feiner neuesten Berlagserschei- nung: S.A. Andrde, „Dem Pol entgegen", heraus. Ein Werk, das man erschüttert aus der Hand legt, ergriffen von der wundersamen Mischung
Strindbergs Brief an die Braut ist entstanden, nachdem die kurze Ballonfahrt längst gescheitert ist. Die drei Kameraden sitzen im Eise fest, sie haben zwar den Mut und sind davon überzeugt, daß sie sich irgendwie durchschlagen und retten können. Aber eine leise Skepsis klingt doch durch. Natürlich, daß die Schilderung Strindbergs sehr eingehend alle Versuche beschreibt, wie die Polarforscher sich nach dem gelobten Land Spitzbergen ober nach Franz- Joseph-Land durchschlagen könnten. Drei schwere Schlitten sind hoch bepackt. Jeder hat eine Ladung von ungefähr 160 Kilogramm. Keiner kann seinen Schlitten allein ziehen, deswegen helfen sie immer zusammen, einen Schlitten gemeinsam etwa 1 bis 2 Kilometer vorwärts zu bringen, um dann den zweiten und den dritten zu holen. Aber damit ist auch ihre Tagewerk getan, die Nacht bricht herein, sie müssen ein Lager auffchlagen, das kunstlos errichtet — mitten in der Eiswüste steht. „Im Zett haben wir unseren Schlafsack, in dem liegen wir zu tritt, Seite an Seite. Eng genug ist es ja, aber wir vertragen uns gut."
Strindberg berichtet zwischendurch immer wieder von Erlebnissen, die in der Einöde der Arktis etwas aufmunterten oder sogar ein bescheidenes Maß von Freude in die anstrengenden Tage brachten. Seine Kochkünste schildert er: „In diesem Augenblick lutschen wir an einem Karamelbonbon, das ist eine richtige Schleckerei. Ja, das ist hier kein Honiglecken! 'Heute abend brachte ich eine Suvpe auf den Tisch, die schmeckte wirklich nicht gut. Dieses Rousseaufche Fleischpulver schmeckt ganz abscheulich. Es wird einem gleich zum Ekel, aber wir haben die Suppe trotzdem ganz brav gegessen." Und bann wieber, nur ein paar Zeilen weiter, mit leiser Wehmut unb mit fast schon erkennbarer Ergebung in ein Geschick, bas unabänberlich scheint: „Wie seltsam ist es boch, beuten zu müssen, baß mir vielleicht noch nicht einmal zu Deinem nächsten Geburtstag daheim sind. Vielleicht müssen wir sogar zweimal überwintern. Wer kann das heute sagen? Wir wandern langsam voran. Vielleicht erreichen wir Kap Flora in diesem Herbst nicht mehr, sondern müssen wie Nansen In einem Erdloch überwintern. Arme kleine Anna, wie verzweifelst wirft Du sein, wenn wir nicht bis zum nächsten Herbst zu Hause sind. Sei gewiß, es ist entsetzlich für mich daran denken zu müssen, nicht meinetwegen, denn ich fürchte mich nicht, ein« hart«
Zett durchzumachen, wenn ich nur einmal wieder heimkomme..
Das Tagebuch Tür Strindbergs Braut enthält nun eine Reihe von täglichen Beobachtungen und schildert dann ein Festdiner vom 18. September 97 auf einer Eisscholle:
„Seehundssteak und Eismöwe in Butter und See- hundsspeck gebraten.
Seehundleber, Hirn und Niere, Butter unb Schuhmacherbrot.
Wein.
Schokolade mit Mellinsfood-Mehl, Albert-Keks unb Butter; Gäteaux raisins, Himbeerfafttunke. Portwein 1834, Antonio de Ferrara, Geschenk des Königs.
Trinkspruch auf den König von Andröe, königliche» „Hurra!" Königshymne, einstimmiger Gesang.
Keks, Butter. Käse.
Ein Glas Wein.
Feststimmung!
Den Tag über wehte die UnionsfahnL neben dem Lager."
Vom 11. Juli bis 17. Oktober enthält das Logbuch für die Braut kaum noch Eintragungen, dagegen gibt Strindberg in feinem NotizkaleiLer fast noch für jeden Tag eine kurze Eintragung, was geschehen sei. Für die letzte Oktoberwoche 1897 darf wohl der Tod der Expebttionsteilnehmer berechnet werden; Strindbergs letzte Eintragung lautet: „Oft. 17. Sonntag. Nach Hause 7 Uhr 5 vormittags." Wenige Tage vorher war die Eisscholle geborsten«
E. W.


