Nr. 286 3weite§ Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)Samstag, 6. Dezember MO
Die Krisis des Völkerbunds.
Außenpolitische Umschau.
Von Dr. Otto Hoetzsch, o. ö. proi der Geschichte an der Universität Äerlin.
Die deutsche Deschwerdenvte ge gen Polen ist in Genf überreicht und gleichzeitig den Regierungen, die im Völkerbundsrat vertreten sind, le»anders übergeben toorbcn. Der Auswärtige Ausschuß des Reichstages hat in einer ausführlichen und scharfen Entschließung, die dem Empfinden des ganzen deutschen Dolles entspricht, das unterstützt. Die Rote ist nicht we- niaer als dreißig Seiten lang und enthält vor allem das Material, das die polnischen Terrorakte gegen die deutsche Minderheit beweist. Deutschland will die Sache nicht überstürzt wissen, verlangt deshalb nicht eine Sonderlagung des Dölkerbundsrats, die in jeder Beziehung unpraktisch wäre, fordert aber, daß im Januar ein klarer Beschluß des Dölkerbundsrats über diese Beschwerde erfolge. So wird die Ratstagung Anfang Januar 1931 sehr ernst und spannend werden. Kommen doch bei ihr auch zur Sprache das Ergebnis der Dorbereitenden Abrüstungskonferenz und die Paneuropafrage!
Die Sache selber ist klar, das, was Deutschland will desgleichen, Stimmung und Forderung des deutschen Dolkes sind so übereinstimmend, daß es durchaus nicht nötig ist, damit Forderungen zu verbinden, die über das Ziel hinaus- schießen, politisch unzweckmäßig sind und in die Luft gehen. Trägt doch auch dieser Vorfall und Vorstoß, zu dem Deutschland gezwungen ist, eine innere Logik in sich, die von selber weiterführen muh! Das Verhältnis zwischen Berlin und Warschau verschärft sich von Tag zu Tag, und dieser Streit um die Minderheitenfrage rollt gapsz von selbst die Frage der Grenzen und ihrer Revision auf. Wenn die polnische Presse von einer „diplomatischen Offensive Deutschlands" in dieser Beziehung spricht lein Wort, das sie vom „Temps" übernommen hat), so soll sie damit durchaus recht haben. Denn diese Offensive ist notwendig, zu ihr gezwungen worden ist Deutschland durch das Verhalten Polens, das in den Vorgängen bei der vbcrschlesischen Wahl alle Grenzen überschritten hat. Damit ist die deutsch-polnische Frage Völkerbunds frage größten Stils geworden. Die Völkerbundsdiplomatie wird einsehen müssen, daß sie hier mit der Methode, die in den lewen Jahren in Genf so überhand genommen hcy, d. h. lediglich zu manövrieren, nicht durch- Itymmt.
Roch ernster wird die Situation, wenn wir den Gang der Genfer Abrüstungsbesprechungen betrachten. Die deutsche Delegation, an ihrer Spitze Graf Bernstorfs, kämpft entschieden, würdig, geschickt. Aber sie kämpft hoffnungslos. Alle ihre Anträge werden abgelehnt. Heben wir nur die aller- wichtigsten hervor: den Artikel Ea der Konvention, der bestimmt, daß die früheren Der- trätze über Rüstungsfragen, also auch die einschlägigen Bestimmungen der Friedensverträge ausdrücklich aufrechterhalten werden, und: den Antrag auf Festlegung des Termins der Abrüstungskonferenz, den Deutschland auf den 5. Ro- dcmber 1930 festgelegt wissen wollte. Die Bedeutung des erstgenannten Artikels liegt auf der Hand. Bleiben die Abrüstungsbestimmungen der Friedensverträge unberührt, s» ist das, was Graf Bernstorff glücklich die „paritätische Sicherheit" genannt hat, nicht erreicht. Die Abrüstung bleibt ungleich, einseitig erzwungen, der Rüstungsausgleich, um den allein eine ernsthafte Abrüstungsdebatte sich drehen kann, wird unmöglich. Die Schärse, mit1 der Graf Bernstorfs das zurückgewiesen hat, war völlig berechtigt. Eine solche Regelung wützde die Rechtsungleichheit in Militärfragen t/erewigen. Deutschland würde ja, wenn es eint solche Konvention an« nähme, nichts anderes t^n, als die Entwasfnungs- bestimmungen des Vcr'.ailler Vertrages noch einmal und noch dazu freiwillig anerkennen. Was hatte das für uns ßlrr einen Sinn, für einen
Gießener StaSttheater.
Gastspiel des Frankfurter Opernhauses: „Der Tewor der Herzogin".
Die Frankfurter Oper gastierte mit dem in letzter Zeit vielfach -erfolgreichen „Tenor der Herzogin", Operette In drei Aufzügen von Richard Kehler, nach, einem Lustspiel von Ilgen- stein, Musik pon Eduard Künneke. Es ist, wie man schoA bei der einheimischen Reuigkeit „Meine Schwester und ich" feststellen konnte, keine üble Idee, ci^en Lustspieltert zur Grundlage eines Operettenlib,pettos zu machen, obwohl man zu- aeben muß, daß die Verwandlung im ersten Falle doch origineller ausgefallen ist.
Hier tolrb die an sich schon reichlich phantastische Fsabel durch die Vertonung völlig in einen illusionistischen Etil aufgelöst, der bestrebt ist, möglich^ viel Handlung und Dialog in ©e- sangSrvnnmern und Tanzeinlagen umzusetzen, wodurch vas Ganze — nach dem berühmten Motto „Co /st das Geben“ — in eine Sphäre von opern- hafter Unwahrscheinlichkeit gerückt wird, die aller« din§s mit dem auf Sachlichkeit gerichteten Ge- sche.cack unserer Zeit nicht recht in Einklang zu bv.ngen ist.
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Die Operette ist, wie man vielfach zu bemerken Gelegenheit hatte, ähnlich wie Schwank und Posse, eine der konservativsten Gattungen des Spieles auf dem Theater: an ihr sind z. D. gewisse grundsätzliche Veränderungen der politischen und soziologischen Ordnung in der modernen Welt spurlos vorübergegangen. So spielt der erste Akt in einem Hotel der Residenz Siebenstein, der zweite und dritte sogar im Kavalierhaus des Schlosses der Herzogin-Witwe Ernestine...
Die für drei Akte etwas dürftige Handlung beruht auf dem Motiv, daß ein Opernsänger, der den Ehrgeiz hat, in Eiebenstein zum Kammersänger zu avancieren, aus gewissen, hier nicht näher zu erläuternden Gründen durchaus ein Junggeselle sein muh. Da der für Siebenftein Auserkorene unglücklicherweise, glücklich verheiratet ist, sieht man sich genötigt, seine Frau erst als seine Geliebte, dann als seine Schwester auszugeben. Man kann die Peinlichkeit der Kata- ftwphe ermessen, wenn in daS erlauchte Konzert
Vorteil? Wozu hätte man bann in sechs Jahren soviel Zeit auf die Abrüstungsdebatte verwendet, wenn man grundsätzlich von dem Miß» Verhältnis der Rüstungen ausgehen will, das die Pariser Friedensverträge festlegen? Auch in der Frage des Datums konnte die deutsche Absicht nicht durchgesetzt werden. Es wurde nur beschlossen, dah der Völkerbundsrat in seiner nächsten Tagung, also im Januar, das Datum der Abrüstungskonferenz „f e st l e g e n" soll. So wird auch in diesem Punkte die Januar-Tagung des Rate- eine Krise ersten Ranges. Denn was wird, wenn diese Festlegung aus ein bestimmtes Datum im Januar tatsächlich nicht erfolgt? Eine nochmalige Vertagung mit den bekannten Worten: „Sobald als möglich", kann sich Deutschland einfach nicht gefallen lassen.
Genau wie in der polnischen Frag« kommt also hier die Krise für den Völkerbund. von der Eurtius mit Recht neulich vor dem Reichsrat gesprochen hat, früher als gedacht war. Man begreift nicht recht, warum die andere Seite es dazu kommen ließ. Sie weih doch nun, und hat es an der Haltung Deutschlands, mit dem Italien und Rußland immer zusammengingen, gesehen, daß sie um eine Entscheidung nicht mehr herumkommt, die eine Lebensfrage für den Völkerbund an sich ist. Diese Debatten haben sich immer schärfer zu persönlichen Auseinandersetzungen zwischen Lord Robert Cecil und Graf Bernstorfs zuge- spitzt. Der letztere sprach immer äußerst ruhig, der erstere mit wachsender Schärfe und Gereiztheit — das gibt bereits den Schlüssel zur Lage. Wie erllärt sich die Haltung Lord Robert CecllS in Genf, der durchweg und mit zunehmender Schärfe d ie Partei Frankreichs genommen hat?
Für ihn selbst nehmen wir an, dah er auch heute ein ehrlicher Freund der Abrüstung ist, und so wird seine Erscheinung geradezu tragisch. Denn jetzt nahm dieser Abrüstungsführer, der noch dazu eine Gabourregierung vertritt, genau den gleichen Standpunkt ein, wie vor einem und zwei Jahren der starre Vertreter einer konservativen Regierung. Warum gibt sich Cecll zu diesem Wandel seiner Haltung her, wenn nun einmal die englische Regierung eine Schwenkung vornahm? Was jetzt geschieht, steht ja in einem flagranten Widerspruch zu der großen Rede Hendersons zu Anfang der diesmaligen , Völkerbundstagung. Cord Robert Cecll muh offenbar glauben, dah er mit dieser Haltung zuletzt doch der Abrüstungsidee diene. Man kann sich zurechtlegen, er habe den Wunsch, dah zunächst einmal der Entwurf einer Konvention wirklich fertig, die eigentliche Abrüstungskonferenz endlich einberufen werde.
Aber man muß noch etwas tiefer gehen. Der Wunsch Englands, dem die Gandabrüstung ja gleichgültiger ist, ist nach wie vor, dah Italien und Frankreich dem Gondoner Flottenabkommen beitreten. Da England weder Gust noch Kraft hat, die italienische Forderung auf Parität mit Frankreich gegen das letzte durchzusehen, so geht es auf der Ginie des geringeren Widerstandes vor. Auf deutsch: es läuft den Franzosen in Genf, in den Fragen der Gandrüstung geradezu nach, gesteht den Franzosen also ihren Standpunkt in bezug auf das Kriegsmaterial, namentlich die ausgebildeten Reserven zu. Ist dergleichen vielleicht schon im Frühjahr in Conbon zwischen England und Frankreich festgelegt worden, ähnlich wie 1928 zwischen Chamberlain und Briand? Heute wäre das für England leichter, weil die Spitze gegen Amerika nicht so scharf heraus käme, wie vor zwei Jahren. England würde den Beitritt Frankreichs zu dem Gondoner Flottenprotokoll, das Amerika für wichtig und als einen Erfolg seiner Politik ansieht, dafür eintauschen. Freilich ist zunächst nur klar, daß in Gandrüstungsfragen der Standpunkt Frankreichs durch englische Zugeständnisse unterstützt würde, England also mit Frankreich und feinen Trabanten eine Front gegen Deutschland, Oesterreich, Ungarn, Bulgarien, Ruhland und Italien bildet. Dagegen ist noch in keiner Weise klar, ob Frankreich in der Seeabrüstungsfrage wirklich Zugeständnisse
der Hofgesellschaft das kleine Söhnchen des „illegitimen" Ehepaares im Rachthemd hereingelaufen kommt und sich bei feiner Mutti beklagt, dah es vor Gärm nicht schlafen könne.
Soviel vom Text. Die Partitur wird nach einer anfänglich fast opernhaft intonierenden Ouvertüre zufehends lockerer, gelöster und moderner in der Instrumentierung, ist aber im ganzen weniger auf eine suggestive, zur Volkstümlichkeit geschaffene, schlagermäßige Melodik eingestellt als auf die Herausarbeitung einer rhythmisch betonten Ginienführung... bet Grundlage zu den vielfach grotesken — aber nicht gerade einfallsreichen und auch keineswegs immer besonders graziösen — Tanzpartien. Am wirksamsten: das Terzett im ersten und ein schon fast barietö- mäßig aufgezogenes Duett im Mittelakt.
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Der recht schwungvollen und lebendigen Aufführung — Inszenierung: Rudolf Scheel: musikalische Geltung: Gurt Kretzschmar: Tänze: Marion Herrmann — kam im Gesamtniveau die gesangliche Durchbildung und Routine des Opernensembles merkllch zustatten: man sah eine gefällige Ausstattung (von Gbffler) und einen ziemlichen Aufwand großer Toiletten.
Karl PistoriuS, als Opernsänger, brachte die sympathischen Mittel seines gepflegten Organs im ersten Akt am vorteilhaftesten zur Geltung: im zweiten hätte etwas mehr stimmliche Entfaltung nichts geschadet. Trude K o l l i n, seine Partnerin, widmete sich mit erfreulichem Temperament, gesanglich und darstellerisch sehr geschmeidig, dem Dersteckspiel der (leinen Hofintrige.
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Das obligate zweite Paar gaben Cha Justus und Emil Seidenspinner, die mit bestem Erfolg auf die tänzerische Auswertung ihrer Partien bedacht waren. Josef Gareis spielte mit allerlei vergnügten Pointen den nicht sehr schmeichelhaft gezeichneten Hostheaterintendanten. Emma Holl, auf eine halb komische, halb ehrwürdige Repräsentationsrolle beschränkt, hatte leider gar nichts zu singen. —
Das HauS war diesmal auffallend schwach besucht. Es gab aber viel Beifall und mehrere Wiederholungen bth.
macht, ob es tatsächlich die Beschränkung nach oben für alle Schiifskategorien übernimmt, die in Condon beschlossen wurde.
Auf diese Weise spielt England ein gefährliches Spiel, das aber in Amerika anscheinend noch nicht begriffen wird. Es arbeitet geradezu mit Gewalt wieder ein Bündnissystem, eine Gruppenbildung heraus, wie es vor dem Kriege bestand und das den Krieg geradezu mit Sicherheit in sich trägt Wir übertreiben durchaus nicht die Bedeutung der Zusammenkunft zwischen Litwinow und Grandi in Mailand, ober die Besuche des türkischen Außenministers in Rom und Sofia. Aber daran ist doch kein Zweifel, daß in allen diesen Ländern und nun auch einschließlich Deutschlands derartige Bündinserwägungen immer stärker hervorgetrieben werden, wenn die englische Politik ein Spiel spielt, wie es Lord Robert Cecil im Auftrag seiner Regierung in Genf getan hat. Einen Fingerzeig für alles gibt Cecil selbst, wenn er in einem Rechtfertigungsartikel in der „Reuen Züricher Zeitung", der in keiner Weise überzeugt, bern Termin der Weltabrüstungskonferenz in Aussicht nimmt — für März 1 9 3 2! Es fei wiederholt, dah England mit dieser Haltung ein sehr gefährliches Spiel spielt, sowohl für den europäischen Frieden, der durch solche Bündnis- und Gruppenbildungen direkt bedroht wird, wie für sich selbst, weil es nämlich nach seiner ganzen Lage unweigerlich in einen etwa ausbrechenden Konflikt doch herein- gezogen würde. Erinnert nicht heute schon manches an CecilS Haltung in Genf an d i e Politik von Sir Edward Grey im Jahre 1914?
Wenn wir sagen, dah Amerika dieses Spiel, diese Gefahren offenbar nicht begriffen hat, so memen wir damit nicht die öffentliche Meinung in Amerika, von der man bas nicht verlangen kann, sondern ganz direkt die amerikanische Politik. Erfreulich scharf hat zwar der Staatssekretär 6 t imf o n die Tendenzmel- bungen über eine amerikanisch-französische Zus ammenarbeit dementiert. Desgleichen hat Stimson korrekt und richtig Tendenz- lügen über angebliche Aeuherungen von ihm zum deutschen Botschafter in Washington über Deutschlands Abrüstungspolitik dementiert. Das ist alles ganz gut und zunächst auch wirksam, um für einen Augenblick der Pariser Tendenzmacherei das
Handwerk zu legen. Aber Herr Stimson wird daran sehen, dah der Standpunkt Amerika- nicht mehr ausreicht. Die Welt versteht einfach nicht mehr, wie bei solcher Zuspitzung der Gegensätze, die ja zugleich auch Klärung bedeutet. Amerika die Rolle lediglich des Beobachters in Genf spielen will, über die es mit seiner Vermittlungsaktion zwilchen Paris und Rom ja selbst wieder hinausgegangen ist. Mit dieser Haltung tut die amerikanische Regierung den Gegnern jeder Guropapolitik Amerikas im eigenen Lande doch niemals genug. Andererseits gefährdet sie ohne ihren Willen, gegen ihren Willen, den europäischen Frieden, indem sie Erwartungen auf eine Unterstützung der Frie- denSarbeit erregt, nicht erfüllt und gegen den eigenen Willen Frankreichs Spiel spielt. Es ist wirklich so weit gekommen, daß man heute bei der Haltung Hoovers in diesen sich zu- spitzenden Fragen bereits eine fatale Erinnerung in sich aufsteigen fühlt an — Wilson.
Man sage nicht, dah das zu schwarz gesehen sei. Monate-, jahrecang haben wir die Entwicklung dieser Fragen, des deutsch-polnischen Verhältnisses und der Abrüstungsfrage, auch im Licht der großen Weltbeziehung — Englands und Amerikas und ihrer Stellung zu Europa — betrachtet. Eie spitzen sich jetzt schneller und schärfer zu, als Deutschland im letzten Jahr erwartet hat und man kann ihm wirklich nicht vorwerfen, dah es dazu beigetragen habe, diese Fragen zu verschärfen. Jetzt wundert sich die Welt über dis Haltung des Grafen Bemstorsf in Genf. Sieht man denn draußen nicht, dah der deutsche Vertreter von der in Deutschland nun einmal bestehenden Stimmung und Ueberzeugung hinweggefegt werden würbe, wenn er anders handelte? Sieht ir.an nicht, wie schwer es durch die Schuld der anderen Seite, vor allem Frankreichs, heute in Deutschland einem Staatsmann geworden ist, kalte Ruhe, kühlste Ueberlegung zu bewahren, wenn er auf die steigende Flut um ihn herum sieht, deren noch andauernde Kraft mit jeder Wahl neu bestätigt wird? Kann man im Ernst glauben, daß es bei uns Eindruck macht, wenn etwa der frühere französische Minister Troquer jetzt in Deutschland vom wirtschaftlichen Zu- fammenschluh der europäischen Wirtschast spricht, durch den die Kultur gerettet werben soll, wenn zugleich die französische Politik nicht nur nicht- dafür, sondern alles dagegen tut?
Land ohne Politik.
Von unserem römischen E-Korrespondenten.
Rom, Dezember 1930.
Es sind jetzt fünf Jahre, dah Italien von einem einzigen Manne regiert wird. Vielleicht ist bas die größte unter den vielen Merkwürdigkeiten des Landes, das in Rom formell und rechtlich sogar eine dreifache Herrschaft kennt: Zepter, Tiara und Liktorenbünbel. König, Papst und Duce. Auherbem hat es noch ein Parlament, Kammer und Senat. Rur dah auch b a 8 Volk regieren würde, baS hat noch niemanb behauptet.
Dieses Volk war schon vor acht unb zehn Jahren, wie so manches anbere heute, parlamentsmüde, also selbstverwaltungsmüde geworden, unb es jubelte bem Manne zu, der mit eisernem Besen in die muffigen Winkel unb ben angestammten Herren Abgeordneten, die im Verzehren der Tagegelder einen einträglichen unb angenehmen Beruf erblickten, dabei in die Rippen fuhr. Das Voll hatte auch nichts dagegen, als er am 3. Januar 1925 b i e Diktatur proklamierte, worauf sich die Opposition „auf ben Aventin zurückzog", bis sie schließlich durch regelrechte parlamentarische Abstimmung der Mehrheit die faschistisch geworden war, ihrer Mandate verlustig erklärt wurde. Auf das Rumpfparlament der Cchwarzhemden folgte dann die Verwirklichung des Jdealtraumes vieler Parlamentsgegner: die Abschaffung der ganzen Einrichtung?? Durchaus nicht. Es ergab sich beschämenderweise, dah die Technik zwar mit dem bekannten unwidei^tehlichen
Wie ein Buch entsteht.
Don $e!i? Timmermans.
Von dem großen Flamen Felix Timmermans erschien vor ku zern im Insel-Verlag ein neues Buch „Die Delphine", eine Geschichte aus der guten al en Zeit (mit vielen Zeichnungen des Dichters). Timmermans plaudert im folgenden über die Entstehung dieser Geschichte.
Zu Hause in meinem Rummelkasten liegt noch ein altes Bild aus der Biedermeierzeit, das eine sehr liebe junge Frau mit wehmütigen Augen und verlangendem Mund darstellt. Rach der Mode jener Zeit trägt sie das Haar in drei Stufen, und eine lange Korkzieher locke fällt ihr auf die rechte Schulter. Ich habe nie gewußt, wen dieses Bild darstellt, hatte aber einmal geäußert, übet diese Frau könne man eine schöne Geschichte erzählen. Eines Tages sagte meine Mutter, als ihr das Dlld in die Hände kam: „Das ist eine Verwandte von uns", aber sie wußte nicht, von welcher Seite. Verwandt war die Frau mit uns also auf jeden Fall. Ich vergaß das Blld. Ein paar Jahre später. in einer Winternacht zwischen zwei und drei llhr morgens, hörte ich in unserer stillen Straße einen Mann ein sehr wehmütiges Lied fingen. Er fang das Lied ohne Worte, indem er eine '-Baßgeige nachahmte. Er hatte eine zarte angenehme Stimme. Ich konnte mir nicht denken, wer es fein könnte, habe es übrigens auch nie erfahren. Aber er fang so gefühlvoll mit einer seelenvollen Stimme ein Lied, das aus tief bedrängtem Herzen kam. Ich kannte das Lied nicht, habe es auch später nie wieder gehört, aber es ließ mich gleich an Rußland denken, an etwas sehr Fernes und Mystisches, an die Demut der russischen Seele, an die wehmütige Unendlichkeit der Steppen. In meiner Phantasie sah ich Ikone und Kaukasusberge. Etwa zehn Jahre vorher war in unsere kleine Stadt ein Herr aus Rußland zurückgekehrt, der eine hohe, bünenfanbfarbige Pelzmütze trug. Dachte ich an ihn? Ich weiß es nicht. Aber ich lauschte, lauschte, bis die Stimme am Ende der Straße wegstarb. Das Lied machte auf mich einen tiefen Eindruck. Mötzlich dachte ich an das Bildnis, das vergessen in meinem Rummelkasten lag. Lebhaft stellte ich mir vor, daß diese Frau diesem Lied gelauscht hatte, und wie sie la der nächsten
Vorwärtsstürmen des Menschengeistes allerhand Reuerungen inzwischen zuwegegebracht halle, einen Ersatz für die Volksvertretung aber nicht zu liefern vermochte. So etwas ist offenbar nicht so wichtig wie etwa der Tonfilm.
Mussolini regierte also freibleibend weiter, wie er es gewohnt war, und als endlich das „Ständeparlament" aufkam, regierte er gleichfalls weiter, ohne sich etwas dreinreden zu lassen. Die neuen Abgeordneten hatten auch gar keine Lust dazu, sie mußten ja hundertprozentigo Faschisten sein, und da in der Hierarchie deS Faszio nur e i n Wille gilt, nur e t n Wort, nur e i n Mann, so sprach jetzt Mussolini in Wirklichkeit nur mit vierhundertfach verstärkter Stimme. Die Kammer ist nichts anderes als e i n multiplizierter Mussolini. Cs ist eigentlich schwer zu begreifen, wozu er diesen Lautsprecher braucht und warum er ihn duldet. Seine Feinde sagen: aus Bedürfnis nach Weihrauch. Aber das stimmt nicht, denn der Diktator hat sich mehr als einmal verbeten, daß seine Person schlechten Rednern als pompöser Sockel diene. Freilich ohne Erfolg. Roch immer enden die meisten ihren Vortrag, der schon deswegen keine Aufregung verursachen kann, weil ja niemand das bekannte und vorgeschriebene Geleise verlassen darf, mit einem hinreißenden, in das unfehlbare Wort Duce aus- klingenden Hymnus, der die Hände der Zuhörer in Bewegung fetzen soll. Denn wenn schon überall nur der Vortrag des Redners Glück macht.
Rächt wieder sehnsüchtig und ängsllich dieser Stimme lauschen würde. Drei Rächte hintereinander würde sich das wiederholen, und das Lied hatte in ihr die Liebe zu diesem unbekanntem Mann entfacht. Einige Tage spä er toür:e sie ihm bei irgendeiner Gelegenheit begegnen. Es kam so weit, daß sie sich liebten. Da entdecke sie, daß er verheiratet war, und in ihr entstand ein Kampf zwischen ihrer Liebe und ihrem Gewissen. An diesem Kampfe würde sie zugrunde gehen.
Da hatte ich plötzlich eine Geschichte, gewachsen aus diesem Lied und diesem Bild. Am nächsten Tag fing ich schon an zu schreiben. Die Geschichte sollte sich in der guten alten Zeit in unserer kleinen brabantischen Stadt abspielen. Auf der zehnten Seite geriet ich ins Stocken. So etwas war in unserem Städtchen nicht möglich, man kennt sich, und man weiß, bevor man sich verliebt, wer verheiratet ist und wer nicht. Deshalb ließ ich die Frau, die ich Anna-Marie genannt hatte, aus einem anderen Lande kommen, aus Italien. Aber unterwegs blieb sie stecken. Es mag fein, daß man von Lier nach Italien geht, aber kein Mensch kommt aus Italien nach Lier. Rach Gier kommt man nur aus Versehen. Deshalb habe ich eine Erbschaft in die Geschichte ein- geflochten. Für eine Erbschaft kommt man schon nach Gier. And nun kam sie. Jetzt brauchte ich natürlich auch einen Rotar. Ich kannte ein Original, das ich als solchen auftreten ließ. Aber biefer Mann hatte natürlich nun auch wieder seine Giebesgefchichte. ©o_ kam eins zum andern. Ich fand, daß es eine günstige Gelegenheit war, auch unseren Onkel Rikus — alias Van de Rast — als Freund des Notars auftreten zu lassen. Unb warum sollte ich dann die kleine gemütliche Gesellschaft. „Die Delphine", worüber ich unter einem anderen Ramen schon soviel hatte erzählen yören nicht hier verwenden? Unb warum nicht diese Begebenheit erwähmn unb warum richt jene? ilnb so entstanden „Sie Delphine" aus einem unbekannten Gied und einem alten Bildnis einer unbefemnten Verwandten. Viel ist manchmal nicht nötig, um ein Buch entstehen zu lassen: ein fallendes Blatt, ein Gied oder ein Vogel, der durch den Abendhimmel zieht, und gleich offnen sich un- Horizonte, die man bis dahin nicht vermutet hatte. Rur das Schreiben erfordert ein wenig Geduld und Hingabe, und natürlich auch Feder und Papier. ,
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