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Aus der Provinzialbauptstadt

Gießen, den 6.3anuar 1930.

Inventur.

Die.Stille vor dem Sturm" ist durchaus nicht nur eine meteorologische Angelegenheit. Sie herrscht auch häufig auf anderen Gebieten. Und immer vor den Großkampftagen der Inventurausverkäufe.

Es soll Frauen geben und es gibt tatsächlich welche die dieser Sensation Verständnis-, ja ahnungslos gegenüberstehen. Sind sie zu bedauern? Sind ihre Ehemänner zu beneiden? Zwei Fragen von grundsätzlicher Bedeutung. Doch wir wollen hier nicht von Grundsätzen sprechen. Wir setzen höslich voraus, daß jeder sie hat. Und jede Frau im beson­deren. Und daß sie nicht leicht zu erschüttern sind.

Nur ... in den Inventurausverkäufen. Aber wer das nicht versteht, der lese gar nicht erst weiter. Er würde ja doch nicht begreifen, daß man direkt sparen kann, indem man Geld auegibt; z. B. für ein Gesellschaftskleid, das 75 Mark kostet, nachdem es nämlich gestern noch 125 Mark gekostet hatte. 50 Mark gespart durch einen kühnen Zugriff!

Aber ich bin damit viel zu weit gegangen. Nicht mit dem Preise. Ich hätte gerade so gut von einem Objekt von 75 Pf. sprechen können. Ich meine, daß ich überhaupt schon ein bestimmtes Objekt erwähne. Denn ich war eigentlich noch bei der Stille vor dem Sturm. , v n

Haben Sie sie am Vortage empfunden? Wenn Sie In einem unserer Modegeschäfte waren, bestimmt. Leere. Ueberall. Es wäre bedrückend erschienen, wenn es nicht so ahnungsvoll gewesen wäre. Und nun erst vor den Schaufenstern! Ueberall die lieb­losen Vorhänge. Was mochten für aufregende Dinge hinter ihnen vorgehen? Gegen Abend fielen die Hüllen, und nun hatte man einen Vorgeschmack. Und eine Vorfreude. Vielleicht auch eine (sogenannte) schlaflose Nacht.

Sie lächeln? Ja aber, ich bitte Sie. Stellen Sie sich doch vor, Sie hatten ein Kleid gesehen genau das was Sie sich seit langem, also mindestens einem Monat, oder kurz: seit es sicher ist, daß man unmög­lich im kürzeren ftleib in Gesellschaft gehen kann, gewünscht haben. Ein Kleid was sage ich ein Gedicht von 12 Meter Rockweite, Crepe satm mit Tüllrockwolke, oder Tüllwolkenrock. Ganz Ihre Farbe. Auf die Hälfte fast zurückgefetzt. Und nun die Auf­regung: wird es paffen? Und wenn ja- wird mir niemand zuvorkommen? Stellen Sie sich vor: die entzückendsten Schuhe, Luxusqualität, mit Lackver» zierung, vorher unerschwinglich, jetzt für ein But­terbrot (natürlich ein sehr gut belegtes) zu haben. Ob aber in der richtigen Nummer? Es ist nicht jeder ein Aschenputtel, was Schuhgröße anbetrifft. Wenn auch natürlich alle Damen kleine Füße haben.

Ich habe in letzter Zeit oft gelesen, daß unsere Zeit sich über nichts mehr wundert. Das stimmt. Man nimmt den Tonfilm ebenso selbstverständlich hin, wie das Raketenauto, geplante Ausflüge in den Weltenraum, Millionenunterfchlagungen, Bild­funk, Radioplaudereien aus Honolulu und Aehn- liches. Und wundert sich über nichts mehr.

Aber bei den Inventurausverkäufen muß man sich wundern. Dazu sind sie ja auch da. Sie mögen sagen, was Sie wollen. Sie mögen dem Weltraum- schiff ebenso gleichgültig gegenüberstehen, wie dem Anblick Ihres Onkels am Telefon, wenn Sie in

Posemuckel am Apparat stehen und er im Innern von Cochinchina bei den Inventurausverkäufen müssen Sie sich wundern, lieber die Preise, über die erregte Frauenwelt, die gefaßten Ehemänner, die Verkäuferinnen, welche 27 Damen gleichzeitig be­dienen und doch liebenswürdig bleiben, und über ...

Aber gehen Sie lieber selbst hin. Doch bald. Sonst ist das Beste weg. In jeder Beziehung.

Eva von Massow.

Professor Roeschens Beisetzung.

3n schlichter Weise fand gestern nachmittag in Laubach die Beisetzung der sterblichen Hülle des so plötzlich aus dem Leben abgerufcnen Oberlehrers i. R. Professor Dr. Roeschen statt. Eine große Trauergemeinde, unter der man auch zahlreiche bekannte Persönlichkeiten aus den verschiedensten Gegenden der Provinz Ober­hessen bemerken konnte, versammelte sich um 15.30 Uhr vor dem Hause des Verewigten. Vach einer kurzen Hausandacht, die Dekan V o l p, Laubach, im engsten Familienkreise hielt, wurde der schlichte Sarg, mit Kränzen bedeckt, auf den Leichenwagen gehoben und unter Dorantritt einer Fahnenabordnung der Düdinger Pennäler und gefolgt von einem sehr großen Trauerzuge unter Glockengeläute zu dem auf einer Bergeshöhe schön gelegenen Friedhof geleitet. Da der Heim­gegangene, seinem schlichten Wesen entsprechend, eine Gedenkrede am Grabe nicht gewünscht hatte, verlas Dekan D o l p lediglich das Gotteswort und gab im Anschluß daran eine kurze Schilderung des Lebensganges des Heimgegangenen. Vach den kirchlichen Handlungen des Geistlichen wurden dem Derstorbenen eine Anzahl Vachrufe ge- widmet. Zunächst sprach ein Vertreter des Hessischen Philologenvereins Darmstadt, hierauf im Vamen des Gesamtvorstandes und des gesamten Vogelsberger Höhen-Clubs dessen erster Vorsitzender Dr. med. Druchhäuser (Ulrich­stein), sodann Lehrer i. V. Sind (Schotten) als Vach folger von Prof. Voeschen in der Schrift- teitung der V. H. C.-ZeitschristFrischauf", weiter Bürgermeister Appel (Ulrichstein) Prof. Voeschen war Ehrenbürger von Ulrichstein, Prof. Dr. Hepding (Gießen) im Auftrage des Operhessischen Geschichtsvereins Gießen und des Historischen Vereins für Hessen, Bürgermeister Menge! (Schotten) als Vertreter der alten Düdinger Pennäler, 3ustizobersekretär Elbe (Laubach) at8 Vorsitzender des Laubacher Zweig­vereins des V. H. C., Studienrat Schweiß- g u t h (Laubach) namens des Laubacher Tennis­klubs, Dürgermeister H ö g h (Laubach) für den Laubacher Eisverein Prof. Voeschen war Gründer und Förderer beider Vereine, und Dr. Philipp (Laubach) namens der Laubacher Kasinvgesellschaft. 3n sämtlichen Ansprachen wurde die Persönlichkeit des Heimgegangenen mit Worten aufrichtiger Wertschätzung gerühmt und seinen Werken und Verdiensten auf den vielfältigsten Gebieten seines Schaffens die ge­bührende ehrenvolle Anerkennung gezollt.

Daten für Dienstag. 7. Januar.

1529: der Erzbildner Peter Vischer in Vürn- berg gestorben; 1831: Reichspostminister Hrch. v. Stephan, Gründer des Weltpostvereins, in Stolp i. P. geboren; 1838: der Maler Giuseppe ©rafft in Dresden gestorben.

Kn'n Dienst am Kunden bei der Gießener Reichspost.

Von der Forderung des DienstesamKun- d e n hört man heutzutage oft sprechen, und man bemerkt auch bei der Geschäftswelt, daß sie sich dieser Votwendigkeit im allseiti­gen Interesse gerne anpaßt. Auch von manchen Dehörden darf man sagen, daß sie sich be­mühen, den Wünschen des Publikums weitgehendst entgegenzukommen. Vur bei der Gießener V e i ch s p o st scheint die zeitgemäße Forderung des Dienstes am Kunden bisher noch nicht die erforderliche Deachtung gefunden zu haben. Wir hatten im vorigen 3ahre schon wiederholt im Vamen der Bürgerschaft den dringenden Wunsch ausgesprochen, daß die Briefmarken- und Postkartenautomaten, die jetzt auf dem Bahnsteig im Gießener Bahnhofsgebäude stehen, in der Wartehalle aufgestellt werden möchten, damit die Gießener Bürger, die am späten Abend noch eilige Briefe zur Bahn brin­gen und zur Frankierung Marken begehren, nicht gezwungen wären, zur Erlangung einer Briefmarke erst noch eine Bahnsteig­karte zu lösen. Diese wiederholten Wünsche sind von der Gießener Post leider bis jetzt noch nicht erfüllt worden, auch nicht nach der Erweiterung der Bahnhofshalle, in der jetzt wirklich genügendPlah zur Auf­stellung dieser beiden Automaten vorhanden ist. 3st es schon bedauerlich, daß die Post den Bür­ger zwingt, zur Erlangung einer Briefmarke in den späten Abendstunden am Bahnhof erst noch eine Bahnsteigkarte zu lösen, so ist es aber noch viel erstaunlicher, ja geradezu eine sehr starke Zumutung an das Publikum, wenn man, wie es dem Schreiber dieser Zeilen am Sams­tagabend gegen 21.30 Llhr passiert ist, nach der Lösung der Bahnsteigkarte auf dem Bahnsteig 'vor dem Briefmarkenautomaten erscheint und diesen gesperrt vorfindet. Ergebnis: ein eiliger Brief ohne Marke, ein gesperrter Brief­markenautomat und eine Bahnsteigkarte als Ge­schäft für die Reichsbahn! Wenn man dann nicht wie der Schreiber dieser Zeilen einen ver­ständnisvollen Mann findet, der bei Gewährung eines Trinkgeldes eine Fünszehnpfennigmarke verschafft, so ist man einfach aufgeschmissen, da die Reichspost es auch nicht für nötig erachtet, vor dem Hauptpostgebäude in der Vähe des Bahnhofs einen Briefmarkenautomaten auf» zustellen. Auch eineVerkehrsförderung" in der Unioersitäts- und Provinzialhauptstadt Gießen.

Vornotizen.

Tageskalender fürMontag. 117er: Monatsversammlung bei Kamerad Emil Sieck. Verein Rudersport Gießen 1913: Monats- versammlung, 20.30 Uf»r, im Dootshause. Gießener Freiwillige Feuerwehr: Monatsver­sammlung, 20 älhr. Lichtspielhaus, Bahnhof­straße: »Schwarzwaldkinder" und »Kehr wieder, Afrika". Astoria-Lichtspiele:Vachtbesuch am Geheimtresor" und »Da hält die Welt den Atem an.

Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Am Freitag. 10.3anuar, bringt der Spielplan des StadttheatersDer G e i st e r z u g". ein Spiel in drei Akten von Arnold Ridley. Dieser Geisterzug. das Stück eines

amerikanischen Autors tn der Art von Conan Dohle und Edgar Wallace, hat seinen gespenstigen Zug bereits siegreich über die Bühnen von Mün­chen. Hamburg, Elberfeld, Meißen, Hildesheim u. a. gehalten und überall lebhaften Anklang und Beifall beim Publikum gesunden.

Die Kurse der Volkshochschule be­ginnen wieder ab Montag, 6. Januar. Es wird, so schreibt man uns, besonders darauf hingewiesen, daß die KurseMozart" undCharakterkunde" nun wieder regelmäßig stattfinden. Außerdem ist zu be­achten, daß die KurseWeltbild der Gegenwart" undGeistige Schulung" erst eine Woche später beginnen. Siehe Anzeigenteil der Samstagnummer.

Evangelischer Kirchengesang» verein Gießen. Am kommenden Donnerstag» abend findet in der Stadtkirche eine geistli^e Musikaufführung statt, bei der Werke von Bux­tehude, Schütz und Bach zur Aufführung kommen werden. Man beachte die Anzeige in der Samstag- numme*-.

Gesellschaft für Erd- und Völ­kerkunde. Vächsten Freitag, 10. Januar, abends, Lichtbildervortrag in der Aula von Dr. Freiherr von Eickstedt. Näheres im Anzeigenteil der Samstagnummer.

Sylvester Schaeffer, der König deS Varietes, kommt nach Gießen. Dem Lichtspiel­haus ist es gelungen, ihn unserer Stadt zuzu- führen. Näheres in der Anzeige.

*

" D i e Polizeistunde in Hessen während der Fastnachtszeit. Auf Er­suchen der Gastwirte-Jnmmg Hessen ist die Po­lizeistunde ab Samstag, 4. Januar, an den Sams­tagen vor Fastnacht auf 5 ilfjr und an den Sonntagen vor Fastnacht auf 4 Ilfjr festgesetzt worden. An den vier eigentlichen Fastnachtstagen Samstag, 1., bis Dienstag, den 4. März dagegen gilt die Verlängerung bis 6 älhr früh.

* Ernennun g beim Dersorgungs- amt Gießen. Regierungs-Ob rinspeltor Ibe beim Versorgungsamt Gießen ist zum Verwal­tungsamtmann ernannt worden.

* Dienstjubiläum. Am heutigen 6. Jan. kann der Reisende Heinrich G i f f e y auf eine 30jährige Tätigkeit bei der Firma Tribus & Sundheim in Gießen zurückblicken.

* Von der Lebensrettungsgesell­schaft. Dem Bademeister Johann W e st b r o ck (Gießen), der in der Schwimmhalle des Städt. Volksbades zu Gießen seinen Dienst verrichtet, wurde nach erfolgreicher Prüfung von der Deut­schen Lebensrettungs-Gesellschast die Urkunde und Abzeichen zum Prüfungsschein verliehen.

Berliner Börse.

Berlin, 6.Jan. (WTB. Funkspruch.) Die neue Woche eröffnete für Effekten in abwartender, aber nicht unfreundlicher Haltung, zumal die Haager Ver­handlungen einen günstigen Fortgang zu nehmen scheinen. Kurse werden vorläufig noch nicht genannt.

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Am Klavier: Dr. Wolfgang Stechow, Berlin

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Der Konzertflügel ist aus dem Pianolager August Förster, Gießen

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Die bereits fälligen Stromgelder im Stadt- und Ueberlandgebiet für den Monat November 1929 können noch bis zum 10. b. 2TI. ohne Kosten bezahlt werden. Bei Nichtzahlung bis zu diesem Termin erfolgt Beitreibung und Stromsperre auf Kosten des Stromabnehmers. 151D

Eine schriftliche Mahnung ergeht nicht mehr.

Gießen, den 6. Januar 1930. Direktion

der Elektrizitätswerke, Ueberlanbanlage und Straßenbahn der Stadt Gießen.

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Äutz- und Srennholzversteigerungen der Gemeinde Wißmar.

1. Montag, den 13. Januar, von 9% Uhr vormittags an, bei Wirt Wolf in nach­stehender Folge. Distr. 26, Kattenbach Nr. 351: 1 Hainbuchenstamm 4/42 - 0,55 fm Kammholz; Distr. 3, Berghausen Nr. 1826/35: 10 Eichenstämme bis zu 59 cm Durchm., für Glaser und Schreiner ge­eignet - 11,61 fm; Nr. 1836/41 6 desgl. für Wagner = 2,03 fm; ferner Eichen- Nutzrollen 65 rm 2 m lang, 19 rm 4 m lang (Deichseln), 68 rm Scheit und Knüp­pel, 122 rm Reiser. Buche: 371 rm Scheit und Knüppel, 498 rm Reiser. Distr. 6, Esch- bad), Eiche: 16 Stämme Kl. 2 und 3 6,24 fm 102 rm Nutzrollen, 2 m lang, 11 rm 4 m lang (Deichseln), 80 rm Scheit und Knüppel, 178 rm Reiser. Buche: 205 rm Scheit und Knüppel, 263 rm Reiser. Fichte: 3 Stä. - 0,51 fm. Distr. 9a, Reitzensteiner- wald Nr. 471/74 -- 4 Eichenstämme Kl. 3 und 4 = 5.90 fm. Eiche: 4 rm Knüppel, 25 rm Reiser. Buche: 134 rm Scheit und Knüppel, 187 rm Reiser. 144D

2. Montag, den 20. Januar, von 9XA Uhr vormittags an, bei Wirt Reeh in nach­stehender Folge. Distr. 27 und 26, Statten­bad) 22b, Breiterod: Buche: 283 rm Scheit und Knüppel, 456 rm Reiser. Eiche: 80 rm Scheit und Knüppel, 338 rm Reiser. Distr. 37 und 41, Kreuzheck: Eiche: 4 rm Nutzrollen,. 2 m lang, 1 rm 4 m lang (Deichseln),' 49 rm Knüppel. Buche: 515 rm Scheit und Knüppel, 1346 rm Stammreifer. Fichte: Derbstangen 270 1., 253 2., 313 3., 105 4. Kl., 5 rm Knüppel, 180 rm lange Reiser. Distr. 21a, c und 22a, Homberg: 26 rm Kie.- und Fi.-Knüppel, 40 rm nicht aufgearbeitete Fi.-Reiser, Fi.-Derbstangen 5 1., 15 3. Buche: Reiser 33 rm.

Wißmar, den 3. Januar 1930.

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