Mittwoch, 5. November 1930
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)
Nr. 259 Zweites Blatt
Aus der Provinzialhauptstadt.
Gießen, den 5. Rovember 1930.
Kraftfahrzeuge dürfen nicht an Straßenkreuzungen stehen!
Das Polizeiamt Gießen teilt mit: Wiederholte Deschwerden geben und 'Bctanlaffung, darauf hinzuweifen, daß das Auf stellen von Kraftfahrzeugen anStraßenkreu- zu ng e n und der Rahe derselben unz ulassig und strafbar ist. Wir bringen nachstehende Entscheidung dem trastsahrenben Publikum zur Kenntnis: .Ein Fahrzeug ift.mr erner Wege- treuzung oder scharfen Wegekrummung nicht nur dann ausgestellt, wenn es auf der Kreuzung usw. hält, sondern auch Mim. wenn esmso unmittelbarer Rahe der Kreuzung halt, daß die durch die Kreuzung entstehende Derkehrserschw^ rung sich auf den Standpunkt des Fahrzeuges erstreckt KG. v. 15. 3uli 1929 - 3 6: 401/29. (D Recht 1929 S. 656).“ Diese Entscheidung findet auch Anwendung auf alle übrigen Fahrzeuge. 3m Interesse der Sicherheit des Verkehrs hoben wir die Beamten angewiesen, gegen Fayr- zeugführer. die ihre Fahrzeuge auf Wegekceuzun- gen oder in deren unmittelbarer Äähe aufstellen. Anzeigen vvrzulegen.
Llnterhaliungsstunden für jedermann.
Dank dem Entgegenkommen der Stadtverwaltung und der Mitwirkung hiesiger Damen und Herren wird die Volkshochschule an jedem Dienstag und Freitag um 16 Uhr im Singsaale des Realgymna» fiums, Ludwigstratze, U n t e r h a l t u n g s st u n - ben für jedermann veranstalten. Es sollen dabei Lichtblldervorträge, nützliche Belehrung. Musik und Rezitationen bei freiem Eintritt geboten werden. Die Veranstaltungen sollen Freude bereiten, wertvolle Kenntnisse vermitteln und die Herzen erheben. Keine schwere, aber edle Kost — so schreibt man uns — wird geboten werden, keine geistige Anstrengung wird verlangt, aber dem Wunsche, einmal auszuatmen, sich am Heiteren zu erfreuen, das Schöne mitzuempfinden und das Nützliche mit nach Haufe zu nehmen, soll Rechnung getragen werden.
Auf welche Besucher wird gerechnet? Auf alle, die sich zwar auf eine Nachmittagsstunde, aber nicht abends gern und leicht frei machen können. So manche Hausfrau wird zum Beispiel nachmittags vor der Einkaufszeit eine Stunde im Singsaal des Realgymnasiums verweilen, um etwa schöne Lieder und Rezitationen, einen belehrenden Vortrag über Gesundheitspflege, oder einen Lichtbilderoortrag zu genießen. Viele Kurzarbeiter und Arbeitslose werden sicher nicht versäumen, Dienstags und Freitags nachmittags 4 Uhr (16 Uhr) im Singsaal des Realgymnasiums verschiedenste interessante Vorträge und künstlerisch wertvolle Darbietungen aus Schöpfungen unserer Dichter und Tondichter anzuhören. Auch viele andere Personen, die aus Gesundheitsrücksichten, wegen besonderer Verpflichtungen, oder aus anderen wichtigen Gründen die bisher allein vorhandenen Abendveranstaltungen nicht regelmäßig besuchen können, werden an diesen Nachmittagen das Realgymnasium aufsuchen, um von den vorher entbehrten Genuß, und Bildungsmöglichkeiten Ge> brauch zu machen.
Wie sieht das Programm der nächsten Wochen aus? Die erste Unterhaltungsstunde findet (oergL die gestrige Anzeige) am Freitag. 7. November. 16 Uhr im Singsaal des Realgymnasiums statt-, sie bringt Lieder für Sopran (Frau Minna W o'lff. am Klavier Frau Elfriede Fischer), sowie Rezitationen (W. H e g a r). Für die weiteren Unterhaltungsstunden sind vorgesehen: „Meine Reisen auf der Insel Ceylon" (mit Lichtbildern,
Oie Jagd im November.
3agdhornrus uni) Hundegeläut, Treiberlaut und Düchsenlnall, die Zeit dcr herbstlichen Treibjagden ist da, die Zeit, von der ein begeisterter 3ägersänger wünscht: „O könnt es Herbst im ganzen Jahre bleiben, das wäre, was mein Herz begehrt."
Die hohe Zeit des Rotwildes ging zu Ende, und in vielen hegerisch verwalteten Revieren gilt es als ein ungeschriebenes Gesetz, daß nach der Brunst kein starker Hirsch mehr gestreckt wird. Dafür benutzt der Weidmann die Folgezeit, um auszumerzen, was für den Bestand an geringen Hirschen unerwünscht erscheint, und vor allem, um durch Abschuß von Gelttieren und Kälbern das Geschlechtsverhältnis zahlenmäßig zu regeln. Wo die Fütterungen noch nicht vorbereitet wurden, wird es Zeit dazu, um für schlechte Zeiten gerüstet zu sein.
Das Damwild tritt aus der Druntt, fein Abschrch erfolgt nach gleichen Gesichtspunkten wie beim Rotwild.
Schwarzwild ist feist und findet, wo der Wald Eicheln oder Bucheckern brachte, auch fernerhin reiche Mast. Jede Reue, die als Borbote des kommenden Winters fällt, wird zum Besagen benutzt.
Das Rehwild trägt sein Winterkleid, die Böcke werfen ab. 3n Preußen beginnt am 1. Rovember die Schonzeit des Dockes, während gleichzeittg der Abschuß weiblichen Rehwlldes und der Kitze freigegeben wird. 3n diesem Jahre wird sich zum ersten Male die Verordnung vom 16. Dezember 1929 auswirken, wonach einmal die Schuhzeit für Bock und Ricke getrennt und ferner nur der Kugelschuh (auch als FangschußI) erlaubt ist, wenn sich der Schütze nicht der Gefahr der Bestrafung und der Beschlagnahme des Wildes aussehen teilt Damit sind Treibjagden auf Rehwild in der Praxis ziemlich ausgeschlossen, und der Abschuß wird sich in der Hauptsache auf Pirsch und Anstand vollziehen müssen. Damit ist endlich eine Dejagung des Rehwildes in einer Art erreicht worden, wie sie in vielen Revieren als weidmännische Art schon längst Anwendung fand, ehe der Staat zur Erhaltung der Rehstände eingriff. Um Unannehmlichkeiten zu vermeiden, muh der in Preuhen jagende Weidmann sich eingehend 'unterrichten, was der zuständige Bezirks- aus chuß bezüglich des Abschus es von Kitzen beschlossen hat, da diese Deschlüsse in dem Staatsgebiete starte Abweichungen zeigen. Wir geben sie für diejenigen Bezirke wieder, die für unsere nähere Umgebung in Betracht kommen: Kassel: männliche Kitze Schonzeit, weibliche Schuhzeit Rovember (Ausnahme einige namentlich genannte Reviere), Koblenz: männliche Kihe wie Kassel, weibliche vom 1. Rovember bis 31. Dezember Schuhzeit. Wiesbaden: alle Kitze haben Schonzeit. — 3n Hessen hat das gesamte Rehwild
Dchuhzeit bis Ende des Monats. Leider ist damit noch die Möglichkeit geboten, auf Treibjagden wahllos Rehwild mit der Schrot,linte ab- oder zu Holze zu schieben. Ersreulicherweise ist von 3ahr zu 3ahr die Zahl der Jäger im Wachsen, die diesem 3agbbetrieb den Rücken kehren und auch ihre Mithilfe dabei verweigern. Durch die Reusestsehung der Schuhzeit in Hessen (Beginn 1. Oktober) ist, wie die Praxis gezeigt hat, der Abschuß mit der Kugel unter Ausmahl des abzuschießenden Stückes ganz außerordentlich crl ientert worden, so daß ein tüchtiger Jäger auf die Treibjagd verzichten kann. Hoffentlich ist die Zeit nicht mehr fern, wo das Beispiel einzelner Reviere, Hegeringe oder Vereine (z. D. Hubertus Giehen) allgemeine Anerkennung und Rach- ahmung findet zur Ehre und zur Hebung des Ansehens einer weidgercch en hessischen Jägerei.
Die Hasentreibjagden im Walde kommen jetzt richtig in Gang. Auch die Feldtreiben werden gegen Monatsende einsetzen, obwohl es damit gar nicht eilt, da die Schuhzeit erst am 15. Januar endigt und bei frühem Ab chuß gerade in diesem Jahre noch sehr viele kleine Häschen zur Strecke kommen.
Der Fuchs wird immer eine besondere Zierde der 6trcde einer Waldjagd sein. Sein Balg ist nun gut und lohnt Jagd und Fang.
Der Dachs ist feist und richtet sich seinen Dau für den Winter ein. Wo der Bestand einen gewissen Abgang vertragen kann, ist jetzt die Zeit zum ©raben.
Das Rebhuhn hat zwar noch Schuhzeit, doch lohnt seine Jagd nicht mehr, da es nicht mehr hält. Besser wird es auch fein, Vorkehrungen zu feinem Schuhe zu treffen. Denn die Felder werden von Tag zu Tag kahler, und wo Hecken und ähnliche Zufluchtsstätten fehlen, sind die Hühner dem Raubzeug schonungslos Preisgaben. Deswegen wird man gut tun, in Hecken oder auf- geschichteten Reisighausen Futterstellen einzurichten. Das Rebhuhn ist für Hege dankbar.
Der Fasan hat Schahzeit. Dank der Verkürzung seiner Schuhzeit in Hessen sind die unreifen 3ungfüfanen aus den Schaufenstern unserer Wildhandlungen verschwunden. Die Hähne sind von den Hennen zu unterscheiden und sollten allein abgeschossen werden, obwohl das Gesetz auch Hennen freigibt Aber unser einheimischer Fasanenbestand ist noch nicht wieder so stark, daß wir uns den Luxus eines Hennenabschusses erlauben könnten. Es ist höchste Zeit, die Fa- fanenfütterungen anzulegen ober zu beschicken.
Enten und Gänse treten als nordische Gäste und Durchzügler in größerer Zahl auf. 3n nassen Wiesen liegen die Bekassinen und scheinen mit ihrem „Aetsch, Aetsch" den Schützen zu verspotten, indes die Waldschnepfe bei Holztreiben wieder öfter vors Rohr kommt.
Univerfitäts-Garteninspektor i. R. Rehn eit), „Die Rätsel der Handschrift" (mit Lichtbildern, W H e - gar, Leiter der Volkshochschule), „Gesundheitspflege und Krankheitsverhütung im Alltag" (Dr. M a l e ch), „Konzert für Klavier, Violine, Flöte", „Was muß jeder Staatsbürger von der Reichsoerfassung wissen?" (Stadtschulrat Fischer), „Die Genxitz- und Rauschgifte, die Wirkungen ihres Mißbrauchs im Völker- und Einzelleben und ihre Anwendung zu Heilzwecken".
Taten für Donnerstag, 6. November.
1672: der Komponist Heinrich Schütz in Dresden gestorben: — 1771: Alois Seneselder, Erfinder des Steindrucks, in Prag geboren; — 1883: der
norwegische Dichter 3onas Lie bei Drammen geboren; — 1893: der Komponist Peter 3ljitsch Tschaikowsky in St. Petersburg gestorben.
Hubertusfeier 1930.
Zum zehnten Male hatte der „Hubertus", Verein weidgerechter Jäger, Sih Gießen — wie man uns berichtet — am Samstag seine Mitglieder zur Hubertusfeier, dem Fest der Jägerei, zusammengerufen, und in großer Zahl füllten sie zusammen mit einigen Gästen den Saal des Hotel „Hindenburg", wo Waldesgrün auf Tisch und Wänden die Schar frohgestimmter Weidgesellen grüßte. Den Hauptanziehungspunkt bildete wiederum die Ausstel
lung, die einen llcbcrblid über die Iahresstrccia einer größeren Zahl von Mitgliedern bot. 3n emsiger Arbeit war das zahlreiche Material (ein Hirsch, ein Auerhahn und 137 Rehgehörne) (58 Aussteller) von den Herren Aug Kilbinger und Studienrat Hölze l gesichtet und geordnet und von den Herren Geh. Rat Prof. Dr. Olt, Reg.-Rat Freiherr Schenk zu Schweins- b e r g und Kilbinger bctecr.et worden.
Den Willkomm des Vorstandes an Mitglieder und Gäste entoot der erste Vorsitzende, Herr Aug. Pascoe, Dutenhosen, dabei der Bedeutung des Hubertustages für die we:M,e.echte 3agb gedenkend. A.s zweiter ergriff während des- Schüssel- treibens der Senior, He.r Oelonomierat Hoffmann, das Wort, u.n den Mitglied Jagdaufseher Kreutz aus Dutenhofen herzlichen Weidmannsdank zu sagen für sein wiederhot.es mannhaftes Eintreten für sein Wild im Kampfe gegen Wildfrevler. Als äußeres Zeichen der Anerkennung überreichte er ihm die goldene Hubertus- medaille mit der Aufschrift: „Für Derd.enste.im Jagdschutz". Die Besprechung der Ausstellung übernahm in Vertretung des leider verhinderten Herrn Geh. Rat O l t Studienrat Hölze L Er führte u. a aus, daß wider Erwarten die Gehöm- bildung in diesem 3a)re trotz des milden Winters hinter der des Vorjahres, das auf den harten Winter 1928 29 folgte, zurückstehe. Der Durch» schnitt sei aber erfreulich, und es unterliege keinem Zweifel, daß die alljährlichen Ausstellungen ihre erzieherische und an egende Wirkung nicht verfehlten. Eine Reihe von besonderen Erscheinungen (Vererb e, Dre.stangigkeit, Perücke bock. Perüden- hirsch, Moorböcke u. a.) wurden einer be anderen Besprechung unterzogen. Es folgte bann dre Preisverteilung, an die sich bei Zagdlled und frohem Scherz und Trunk ein luftiger Cäger- abend anschloß.
Das Ergebnis der diesjährigen Prämiierung war: Einzelstüde. Goldene Medaille: Oberltn. Petermann, Fabrikant Ludwig Rinn, Molkereibesitzer Friedrich Grieb. Silberne Medaille: Pros. Dr. Ieh (2), Braue- reibesitzer Ihring jun. (2), Obersorstmeister Dr. Schüz, Kaufmann Fritz Sung. Bronzene Medaille: Revierförster Metzler, Förster Kalber- lah, Apotheker Dornberger, Bürgermeister Dr. Selb, Rechtsanwalt Albrecht, Ingenieur August Pascoe, Syndikus Münch, Iuwelier Hammer• mann. Abschußsammlungen. Silberne Medaille: Prof. Dr. 2eh. DronzeneMe - daile: Offizierjagdverein, Drauereibesitzer Jh- ring, Iagdausseher Kreutz.
Auch das Forst amt Rabenau (Freiherr Roeder v. Diersburg) hatte in die'em Iahre wieder seinen ganzen Bodabschuß ausgestellt, der — wie alljährlich — wieder viel Anregung bot.
•• Hans-Sachs-Abend. Man berichtet uns: Die fahrenden Gesellen, Bund für deutsches Wandern und Leben im DHB., Ortsgruppe Gießen, veranstaltete am Sams.ag im Saale des Der- dandsheims des Deut ch ationalen Handlungs- gehilfen-Verbandes einen Hans-csachs-Abend.Dcr Gruppenleiter W. Mo hl sprach einleitend über die Bestrebungen der fahrenden Gesellen im DHV, wobei er besonders betonte, daß man den Wert bei der Pflege der Geselligkeit darauf lege, daß deutsche Dichter und Meister zu Worte kommen. Es komme nicht darauf an, mit oberflächlichen Darbietungen eine Geselligkeit zu schassen, sondern aus dem unerschöpflichen Dorn deutschen Volkstums nur könne eine zu Herzen gehende Geselligkeit kommen. Rachdem der Redner kurz über Meister Hans Sachs und seine Werke gesprochen hatte, führte die Gruppe der fahrenden Gesellen zwei Hans-Sachs-Spiele au;, und zwar zunächst „Der Teufel nahm ein altes Weib' und darauf
DttHlieifUtn-tiilioiMfl
Roman von Hans Friedrich.
Urheber-Rechts,-, atz durch Verlag Oskar Meister, Werdau L 6a.
23 Fortsetzung. Nachdruck verboten
Da fetzte die Musik ein. Ungarischer Tanz. Derselbe, den Strobl in Garmisch auf Wunsch der Frau Dr. Berger gespielt hatte. Damals glaubte er sich an der Schwelle zum Glüd, weil er durch den Derlagsdirektor einen Einblick in die Verhältnisse tun durfte, in denen die Jugendliebe lebte. Er hatte denn auch seine Kenntnisse entsprechend ausgenühll Ilnö vielleicht — hoffentlich — gab es in der Jagdhütte auf dem Brunnenkvgel den Auftall zu einem neuen Kapitel für sein und Trudes Leben.
Drüben aber, am Tisch Schwaihofers, tauchte eine blonde, haltlose Frau ihr erglühendes Gesicht in die kühlen Rosen und ließ sich von ihrem Kavalier Schmeicheleien sagen. Er sprach sich in Freude und Begeisterung. Dieses reife Geschöpf gefiel ihm.
ilnö nicht ein Gedanke verband ihn noch mit dem Mädchen, das fiebernd im kahlen Gasthofszimmer zu Sölden lag und von ihm träumte.
20.
Die kleinen Röte des Alltags sind es, die den Menschen zernagen und zerfressen.
Das Geld rann Gutenberg durch die Finger, das von Mute Hansen geliehene Geld. Das gute Kind hatte ihn nach seiner Rettung aus Bergnot einen Tag lang aufopfernd gepflegt, bis er die Schrecken und lieberanftrengungen seines Abenteuers am Grieskosel überstanden hatte und wieder voll bei Kräften war.
„Du guter, törichter Mensch, steigst wegen der paar Kröten mutterseelenallein hinauf in die rote Region der Felsen und begibst dich in Lebensgefahr! Wenn der brave Gstrein nicht acht gegeben hätte, wärst du rettungslos verloren gewesen", hatte Mute ganz ernsthaft gezürnt.
ilnö dann mußte er das von ihr auigezwungene Darlehen annehmen. Wit unwiderstehlicher Liebenswürdigkeit hatte sie es chm aufgedrängt.
„In erster Linie bin ich mit Schuld an deinem Verlust; denn wenn du dich bei unserer Hochtour nicht so sehr um mich hättest bemühen müssen, wäre dir die Geldtasche wahrscheinlich nicht entglitten. Du muht schon gestatten, daß ich dir den Verlust ersetze und zinslos zur Verfügung stelle. Ich habe wieder eine Dergskizze in Auftrag und behalte noch mehr als genug für mich."
Was war ihm da weiter übrig geblieben, als das Anerbieten des tapferen Mädchens anzunehmen? Die Rot zwang ihn dazu. Ohne Geld ist schon daheim nichts anzufangen, geschweige denn in der Fremde. Der Mammon gehört nun einmal
zu den unerläßlichsten Tauschgütern des menschlichen Lebens.
„Heißen Dank!" hatte er mehr mit den Augen als mit dem Wunde gestammelt und die kleine zuckende Mädchenhand mit seiner Rechten umschlossen.
„Und wann soll ich dir das Darlehen zurüd- zahlen?"
Da hatte sie ihn schelmisch angelacht: „Wenn du das Honorar für deinen Bergroman bekommst."
Hoffnungslose Sache! Wenn Mute gewußt hätte, dah sie ihm mit dieser Aeuherung wehe tat, wäre diese Anspielung auf Zukunftslorbeer sicher nicht über ihre Lippen gekommen; denn mit dem erhofften Roman wurde nichts!
Ach, Mute hatte Heiirz Gutenberg in dieser Hinsicht vieles voraus: Sie malte frisch und unbekümmert, was ihr gefiel und bannte so einen Teil ihrer Schönheitsbegeisterung auf die Leinwand. Er dagegen quälte sich viel zu sehr mit dem Stoff ab, suchte Konflikte wo keine waren und kam dabei überhaupt nicht zum Anfang.
Verwünschte Geschichte!
Die Fäuste gegen die Stirn gepreßt, sah Gutenberg in der kühlen Wirtsstube beim Falkner. Draußen goß die Sonne das warme Gold ihres Frühscheins über die Menschen, die klein und ohnmächtig wie Ameisen auf die Berge kletterten, an den Felsen klebten und nur im Schneckentempo vorwärts kamen.
„Da sitze ich nun und bin meinem ehrgeizigen Ziele um keinen Schritt nähergekommen!" grollte Gutenberg. Vor ihm lag das offene Rotizbuch. Die weihen, leeren Blätter gähnten ihm wie zum Hohn entgegen. Einen Roman zu erleben, war er ausgezogen. Und das Fazit?
Die Fahrt nach Garmisch und Sölden, die Freundschaft mit Mute Hansen, die Bekanntschaft Ludwig Schwaihofers, die Süden der Berge — aber das reichte noch nicht zu einer Handlung.
Von draußen herein klang das „Grüß Gott" eines Einheimischen. Der harte Tritt von Ragel- schuhen hallte auf den Derandapfosten. Aus seinen trüben Gedanken auf geschreckt, warf Gutenberg einen Dlid aus dem halb offenen, Fenster. Aha, der ©meiner Sepp — der Säger des Herrn Schwaihoser! Und wie die Miedl um ihn herumscharwenzelte!
lieber das Gesicht des Dichters huschte es wie Freude. Ia, die beiden hatten es gut. Die kümmerten sich den Teuxl um die geistige Rot und künstlerischen Gestaltungswillen. Diese Raturkinder ahen das karge Brot ihres Lebeirs mit krachendem Mut, vegetierten mit der dunklen, unbewußten Triebhaftigkeit gutmütiger Tiere. Sie standen mit beiden Deinen auf der Welt und erfüllten ihren Zweck im Kreise der menschlichen Gesellschaft, so gut sie konnten.
Draußen entspann sich ein Gespräch, das bei Seppls Mundfaulheit die Miedl fast allein bestritt.
„Schau, der Sepp!" lachte sie übermütig hänselnd, „wenn das der Herr Schwachofer wüht, dah sein Iäger alsbald in der Früh heroben beim Falkner sitzt!"
Der ©meiner hatte jetzt keine Zeit für den gutmütigen Spott der Dirn. Er stopfte umständlich seine Pfeife, sammelte sorgfältig die paar Krümel danebengefallenen Tabaks und entzündete dann ein Streichholz. Erst als er ein Paar riesige Rauchwolken vor sich hingepafft hatte, schien er seine Sprache wiedergefunden zu haben.
„Tu dich net giften, Miedl. Der Iager is a Mensch und ka Vieh net!"
Während er diesen philosophischen Erguß verzapfte, gingen feine dunklen Augen mit wohlgefälligem Blinzeln über die Dirn hin. Die brachte ihm fein Stamperl Enzian, und weil es gerade nichts weiter zu tun gab, setzte sie sich am das andere Ende der Dank.
„Der Hirsch is hin ... Die Jägerei is aus .. sagte sie nach einer Pause, weil der Sepp keine Zeit zum Sprechen hatte und wieder einmal mit seiner Pfeife nicht ins ©eschid kam. Dald mußte er neu anzünden, dann vergah er wieder das Ziehen, und schließlich war gar das Rohr verstopft.
Da schlug das Miedl eine andere Taktik ein; denn was der Sepp zu maul- und denkfaul war, das hatte die Dirn zu viel.
„Ja, der junge Herr Schwaihoser — dös is oancr!“ begann sie ihre diplomatische Stichelei. „Dös is a Kaffalier! Hat mir mei Padl auffi g schleppt vor nix und wieder nix! Ja, der gnädige Herr, dös is a vertuifelt feiner Duab!" Sie strich sich mit den großen Händen in gemachter Verlegenheit über die Weiße Schürze und schielte hinüber zu ihrem „Jager". Der brauchte doch nicht zu wissen, dah der Schwaihoser, der deppete Malefizsakra, gar nicht daran gedacht hatte, ihr eine Aufmerksamkeit zu erweisen, als er sie gestern traf. Dem Sepp konnte man schon mal eine Lüge aufbrennen, der merkte nicht, was gehauen oder gestochen war.
„Der Herr Schwaihoser macht mit ancr jeden seine Spahetteln", gab der Jäger bekümmert zu- rüd. lind wie tröstend für sich fügte er hinzu: „Aba nächste Wochen will der alte Herr außi kommen. Kruzitürken — da bläst an anderer Wind!"
Die Miedl tat sehr harmlos.
„Ro ja, da hat dös G'spusi an End ..Und .scheinheilig: „Leicht weißt, Sepp, ob der Jungherr noch lang da is?"
Der Sepp hatte eben ein neues Zündholz für die vertrackte Pfeife geopfert und war nun endlich aus seiner Lethargie erwacht.
„Miedl — tu dich net föppeln mit mir!" bat er seltsam weich. Dabei schob er seine gewaltigen „Pranln" zum Zeichen der Annäherung über den Tisch. Weil aber das Deandl zu weit ab sah, zog er sie wieder zurüd.
Rachher tat er ein paar erregte Züge aus seiner Pfeife und kam auf den eigentlichen Zweck seines Morgenbesuches zu sprechen.
„Der Herr Schwaihofec hat a G'spusi mit dem Maldeandl ang’fangen, was den Röderkogel so trefflich abkonterfeit hat. lind i bitt' den alten Herrn um a Zulagen, weil doch der Mensch net ewig ledig bleiben kann."
Der ‘Brunnen rieselte dünn gleich neben der Veranda und mischte seine Laute geschwätzig in die Rede der beiden Verliebten.
„Ah — heiraten möchst, Sepp? staunte die scheinheilige Miedl.
Der ©meiner nickte ernsthaft.
„Tatst a Reugier hoam, wen i möcht?"
Miedl faltete die Hände im Schoß und sah so gottergeben drein wie ein Osterlamm, das zur Schlachtbank geführt wird.
Da nahm sich der Jäger ein Herz und rückte ein Stückl auf der Dank weiter bis dicht in die Rahe des Deandls.
„'s Miedl aus Silz hab i aufs Korn g'nom- men." Die paar Worte kamen mit einem tiefen Atemzug und unerhört mutig aus seinem Munde.
Ilnö diesmal sagte die Dirn nichts, schwieg sich in ratloser Verlegenheit aus. Das toar dem Sepp Antwort genug. Aber zu einem richtigen Dcr- sprrchsbussel kam es nicht, weil in diesem Augenblick eine ganze Schar Touristen den Felspfad von der Alm herauf lärmten. Man hörte sie schon von weitem schwatzen; denn die Fremden konnten ihre großstädtischen Zungen nicht einmal in der heiligen Dergeinsamkeit im Zaume halten.
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In der Wirtsstube stand Heinz Gutenberg lauschend hinter den Myrtenstöden und sagte leise, den Verlobungsakt aus der Veranda abschließend: „Amen!" Er hatte soeben eine Szene seines neuen Romans erlebt... Und die Sonnenstrahlen glitten mit zitternden Fingern über die Wasser- und Weinkarafsen auf den weiß gescheuerten Tischen, woben eine Aureole um das Kruzifix in der Ede und um die grellbunten Marienbildchen rechts und links davon. —
Als der Jäger ging, machte sich auch Gutenberg auf den Weg. Die Sonne stand schon hoch, und die letzten Morgennebel hatten sich verflüchtigt. Der Schriftsteller wäre gern noch ein Weilchen geblieben, aber das Geschwätz der Einkehr haltenden Salon-Tiroler ging ihm auf die Rerven. Er hoffte den ©meiner Sepp einzuholen und ihn in ein Gespräch zu verwickeln; denn die geradlinige Art dieses Gebirgsmenschen--
(Fortsetzung folgt)


