Nr. 207 Zweite Blatt
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für ©berljcffen)
Freitag, 5. September 1950
Zeitungskönig Hearst.
Don Hred (£. Ütllinger.
.Don her Parteien ®unft unb Haft verwirrt . “ Diese» QSSort könnte auch auf Wil» liam Ranholph Hearst bezogen sein Denn ber ZeitungSkönig, bcm die gröftten amerikanischen Blätter, vor allen Dingen ber ./New Bork American", bat .Rew Dort Evenlng Journal", ber .Boston American", ber .Can Francisco Traminer", ber „Chicago Herolb anb 6fom ner" unb viele andere Blätter, insgesamt 80 an ber Zahl, gehören, ist keineswegs eine allseits beliebte Persönlichkeit seine» Lande» In ber Politik, wo er einen entscheibenben Ein- fluh auf bie demokratische Partei besitzt, ist er gefürchtet, bei ben Derlegern, bie er rüdfidjteio» bekämpft unb denen er die Preise verdorben hat, mag man ihn nicht wegen seiner geschäftlichen Politik, unh weil er bie Autoren unb jungen Talente an sich zu fesseln weih, nicht zuletzt auch de»halb. weil er Immer mit Buchdrucker-. und Setzgetoerkschalten zulornmengegangen ist Sr, der lang. icn den Amerikas in den
Weltkrieg kämpfte unb sich in bcm £>afttaumel ber KriegSpfyche soweit bie Unabhängigkeit leb nc»'Urteil» bewahrt hatte, bah er die Lügenpropaganda der Sntcnte schonungslos an den Pranger stellte, war den Kriegstreibern ber Deutschenfreund, der mit allen Mitteln bekämpsl werden muhte Andere wiederum erblicken in ihm selbst einen Kriegstreiber, ber den Krieg mit Spanien gemacht habe, schimpfen ihn einen Schurken, weil er seinerzeit den republikanischen Präsidenten Mac Kin- I e h erbittert belampst halte. Deshalb wurde er nach der Ermordung des Präsidenten al» her intellektuelle Urheber de» ruchlosen Attentat» diffamiert. 3n vielen Städten hängte man da- mal» auSgestopfte Puppen, die Hearst darstellen sollten, öffentlich auf unb verbrannte sie.
Ein Mann, ber so vielen ein Stein de» An- stofte» ist, muh von besonderer Art sein William Aandolph Hearst ist sicherlich kein reiner Idealist! die öffentliche, kulturelle Mission der Presse liegt ihm weniger am Herzen al» da» geschäftliche Interesfe da» ihn bei allen seinen vielseitigen Unternehmungen erfüllt. Sr weift auch die publizistische Waffe, Die ihm in die Hand gegeben ist. gelegentlich zu persönlichen, nicht dem Allgemeinwohl dienenden Zwecken zu gebrauchen. Bor drei Jahren war sein Harne mit einer sragwürdigen politischen Assäre verknüpft, al» er sich wegen seiner Agitation für eine Intervention in Meriko vor einem Untersuchungsausschuss d?» amerikanischen Kongresse» rechlsertigen muhte DieMe- fifaner hatten den ZeitungSkönig ourch allerlei unglückliche wirtschaftliche Masmahmen gereizt. unb Hearst wollte sich revanchieren, indem er bie Beziehungen zwischen der Union unb Meriko verschlechterte Er beschuldigte die men- kanische Regierung, amerikanische Senatoren bestochen zu haben, verössentlichte Dokumente, bie sich jedoch als gefälscht herausstellten. Bor dem UntersuchungSauSschuh wurde er nun gefragt, wieviel Geld er in Mexiko investiert habe, unb er erklärte, dort seien nur drei bi»» vier Millionen Dollars angelegt. Gutunterrichtete Leute wollten jedoch wissen, daft er in Wirklichkeit nünbeflen» mit dem vierfachen Betrag an Mexiko interessiert sei. Die Agitation ber Hearst-Presse ist damals ohne den gewünschten Ersolg verlausen! es war freilich nicht daS erstemal, bah Hearst erkennen muhte, bah auch feiner Macht über baS amerikanische Publikum Grenzen gezogen sind. Schon damals, al» er bie Bereinigten Staaten bavon abhalten wollte, aktiv in den Weltkrieg einzugreifen, als seine Zeitungen auch DeutlchlcuD Gerechtigkeit widerfahren liehen und sich jeder Kriegshetze mutig widersetzten, versagte ihm da» Bolk die Gefolgschaft
Hearst ist. trotz seiner deutschfreundlichen Stellungnahme während deS Krieges, ein reiner
Angelsachse. Er wurde in San FranztSko geboren, fein Dater war ein schwerreicher Minenbesitzer. der zu jener Schar von Goldgräbern gehört hatte, bie um bie Mitte de» vorigen Jahrhundert» Kalifornien überfluteten. Der junge William Randolph fühlte 'ich schon zum Journalismus hingezogen. Auf der Harvard-Universität redigierte er bereit» ein Studentenblatt Auf dieser Hochschule trieb er c» so bunt, dah man ihn relegierte Bezeichnend für ihn ist die Antwort, die er feinem Bater, dem Herrn über Bergwerke und Ländereien von Mexiko bi» Alaska, auf die Frage gab. wa» er denn nun anzufangen gedenke Der junge Hearst wählte sich au» der Derrn ögensmasie seine» Bater» auSgerechn. ein völlig heruntergewirt- schäftete», in San F.anziSko erscheinendes Blatt, den .Exominec der unter Auslchlust der Oessentlichkeit erschien unb in den letzten Zügen lag Das Geheimnt» aller Erfolge d.efeS Presie- magnaten ist feine geniale Begabung die ihn instondfeyt. die Bedürfnisse des Publikums vorau-zuahnen In unermüdlicher Arbeit brachte Hearst den .San Francisco Traminer“ innerhalb weniger Jahre auf eine gewaltige Auflage. Er zog die besten Journalisten und Schriftsteller heran, er organisierte ausfehen- erregende Pressekampagnen, er bekämpfte Uebel- stände aller Art er holte das langst beiseitegelegte Projekt des Pananiakanal» wieder hervor, er entwickelte bie Berichterstattung zur höchsten Blüte Eine» Tages traf in San Franzisko die Rachricht ein. irgendwo in einem Badeort an der Küste stehe ein Hotel in Flammen. Während andere Zeitungen auf weitere Meldungen warteten, bestellte sich Hearst einen Extra- zug. besetzte ihn mit Reportern und Zeichnern und konnte so am nächsten Tag eine Ertranummer erscheinen lassen, die eine ganz ausführliche Schil
derung Der Katastrophe enthielt Dann wieder l'.eh er einen Mitarbeiter von der Oakland-Fähre ins Wa fer Ibringen, um sestzustelle , wie schnell der Retiungodienfl funkiwnierte. Aus diesen hatte er es überhaupt abge <.>eiu So muhte einmal ein Reporter mitten auf der Strafte in Ohnmacht fallen, um zu beweisen, bah der Rettungsdienst miserabel organisiert sei. Eine Mitarbeiterin begab sich als Kranke in ein städtisches Hospital, unb nach kurze. Zeit erschienen Icnfü.ionellc Artikel ufer d e skandalösen Zustände im Kranke nhauswesen ber Stadt. Die Glanzleistungen der Hearstschen Reporter lind ohne Zah. Sie brachten ihrem Herrn und Weister ben Titel Monarch der Tagespresfe" ein.
San Franzisko wurde ihm bald zu eng, er wollte Reuyork erobern. Krirz vorher, im Jahre 1892. war der alle Hearst gestorben unb hatte ihm 1<? Millionen Dollar» hinterlassen, mit Denen sich bte neuen Pläne vortrefflich verwirklichen liehen. Hearst kaufte da» . M o r n i n g 3 o u r n a 1". holte seine besten Leute au» San Frcmzisko und warf dem Herrn der Reu- yorker Preffe. 3ofef Pulitzer, dem Herau». gebet der Reuyorker ..'20 o rl d". den Handschuh hin. Pulitzer, ein geborener Budapester, hatte ganz klein angefangen und sich von einem Reporter in einer mittel amerikanischen Zeitung langsam zum erfolgreichen Verleger hinauf- gearbeitet, der den ersten Wolkenkratzer von Amerika, da» funszehnstöckige World Building" erbaute. Hearst hatte es einfacher! mit den väterlichen Millionen im Rucken konnte er schon ettoa» wagen Daft er auf diese Weise doch Reichtümer erworben hat. bah seine grohe Pafsion auch ein grobes Geschäft war. bestätigt feine geniale Begabung für den Journalismus Hearst fchlug Pulitzer mit derselben Waffe, die dieser gegen Bennett angewandt hatte er ermähiflte den Preis
ferner Zeitung auf die Hälfte unb druckte auf besserem Papier Run begann ein wütender Konkurrenzkampf unb bie beiden Gegner lieferten sich ihre Schlachten mit Sensationen unbedenklichster Art In kürzester Frist hatte Hearst die Auslage feines Blattes von 20 000 auf 400 000 Exemplare gesteigert
So ist im Laufe der Zeit da» Unternehmen Hearst» au einem Riesenbetrieb angewach'en. in dem grotze Worgendlätter. grohe Abendblätter, viele Sonntagszeitungen nut illustrierten Beilagen Monatsschriften und Magazine gedruckt werden. Er gibt einen groben Rach - richtendienft heraus, der maftgebenden Stn- fluh auf die amerikanische Preffe besitzt. Hearst hat sich dem Ausbau dieses Werke» mit echt amerikanischem unbekümmertem Optimismus gewidmet. er bat einen neuen Zeitung» st il geschaffen dessen einzelne Züge grobenteil» auf ihn leibst zuruckgehen Er ist em grober Geschäftsmann gewiss aber vielleicht ist feine politische Aktivität manchmal auch von Segen. Man wird durch den Ausweisungsbefehl der französischen Regierung an das ungeheure Aussehen erinnert, das d i c Berössentltchung de» fron- zbsisch-cnglischenFlottenabkonimenS ourch die Hearstpreise tm Jahre 1928 in der ganzen Welt erregte Hearst erklärte damals, bah er diele Derölsentlich für notwendig gehalten habe um die Geheimdtploinatic. die nur zu weiteren Kriegen führen mülle, gründlich zu diskreditieren Eintnal war der Zeitungskönig P r ä « sibcntlchaftSkanbidat — aber das war wohl nur eine Sehnlucht von kurzer Dauer: denn waS bedeutet schon die Macht, die mit einem Staat-amt verbunden ist, gegenüber dem Hochgefühl, im Reich ber öffentlichen Meinung täglich zu Den Mafien sprechen und ihren Willen bllben zu können?
Revoluiionsgesahr in Argentinien.
Der achtzigjährige Autokrat Zrigoyen. — Oer Vorkämpfer des freien Wahlrechts jetzt der bestgehaßte Mann in Buenos Aires.
T3on Fred G. Dillinger
Die Geschichte scheint den Betoci» dafür zu liefern, daft Revolutionen ansteckende Krankheiten find. Wir wisfen, daft dieser politische BazilluS in den 3ahren 1830, 1848 unb 1918 in ben verschiedensten europäischen Staaten Epidemien verursacht hat, unb wir haben soeben erlebt, wie eine Welle revolutionärer Bewegungen über Asien bahingebraust ist. Der siegreichen Revolution in Bolivien folgte in diesen Tagen der erfolgreiche Umsturz in Peru, und schon bemerkt man aus dem liih- amerikanischen Kontinent die Flammenzeichen einer neuen nahenden Umwälzung. 3n A r - gentinien» Hauptstadt Buenos Aires sind alle Regierungsgebäude durch Maschinengewehre geschützt worden, unb besonders sorgfältig hat man bie Verteidigung der „Casa rosada , des .Rosafarbenen Hauses", vorbereitet, in Dem der Präsident 3 rigoyen wohnt. Seine Person ist am meisten bedroht, gegen ihn richtet sich eine Verschwörung, Deren Umfang noch nicht abgeschätzt werben kann, bie aber ernst sein must, wenn man Die umfassenden Vorbereitungen zu ihrer Abwehr in Betracht zieht.
Wer ist Htpoltto Iriyoyen? 3nEuropa kennt man gerate noch seinen Ramen, aber in Südamerika ist er feit Jahrzehnten ein heftig umstrittener, vom Doll umjubeltcr, von den groben Landbesitzern wütend bekämpfter Politiker. Rach Hindenburg Dürfte 3rigoyen mit seinen 80 3ahren wohl Der älteste zur Zeit re- gicrcnDe Präsident sein. Er wurde am 13.3uli 1850 in Buenos Aires geboren. 3n seinem letzten Wahlkampf haben seine Anhänger versucht, bie-
Präsident Hipo111 o 3 rigoyen von Argentinien.
seS Datum um 5 3ahre zu verschieben, damit ihr Kandidat nicht allzu alt erscheine. 3rigoyen selbst lehnte jede Auskunft über seinen Geburtstag ab Aber auf Die Dauer lästt sich so ettoa* doch nicht verheimlichen, unD da dieser Politiker noch rüstig wie ein Mann von 60 3ahren ist. kommt eS auf fünf 3ahre schlieftlich auch nicht an.
Ueber ein halbe» 3ahrhundert steht er schon in der Politik. 3m 3ahre 1878 wählte man ihn zum Abgeordneten des ProvinziallandtageS in Buenos Aire», und zwei 3ahre Darauf wurde er Mitglied de» argentinischen Kongresse». Da» war in jener Zeit, In der Die Argentinier noch Kriege mit Den 3nDianerstämmen im 3nnern de» Lande» führten unb Den Rothäuten ihr Land abnahmen Da» eroberte Gebiet ging nicht ettoa in Da« Eigentum De« Staate« über. Die Spekulation bemächtigte sich be« Bodens, und es begann eine argentinische .Gründerzeit", in ber Die schlimmsten Skandale täglich einander folgten. Damals gab e» in Argentinien im Grunde genommen nur eine einzige Partei, Die alle Aernter befehle unb bie Politik bestimmte. DaS war bie Gruppe ber agrarischen Feubalherren, Der Besitzer Der ungeheuren ßanbgüter, auf Denen mächtige Rinderherden weideten. DaS Bolk nannte diese Schicht, Die stet« sehr stolz auf ihre spanische Abkunft gewesen ist, kurz und billig: bie Rinbviehari st okratIe. Gegen biete Schicht bilbete sich nun eine neue Partei: bie Bürgerunion. Der Führer bie,er Richtung war Leandro A l e m, ein Onkel 3ri-
Wie die Zeit abläuft.
Doti Gustav W. Gbcrlein, Rom.
Der Leidenschaft müde geworden, man weih nicht, ob au« Laune ober Mangel an innerem Feuer. Hal sich Der Berg zur Ruhe gefetzt. Der grohe 5rieDe, ben man nur zu wollen braucht, um ihn zu haben, ist zu ihm aekommen,Wielen unbBäurne undMenschen unb Bogel siedelten sich ringsum an. Sie hätten den Grfchöpften für einen gewöhnlichen Auoflugsberg halten können, wenn ihm nicht von feinem letzten gewaltf amen Aufschrei der Mund offen stehengeblieben wäre In diesen Krater trauten sich Die Gräser unD Blumen nur zögernd hinab, die Menschen hielt ein Gefühl Der Unsicherheit, Da« durch die ungewollten Regungen unD Zuckungen Des Berges von Zeit zu Zeit verstärkt wurDe. vorn Häuserbau im offenen SchlunDe ab. Sonst finb sie in Dieser GegenD nicht geraDe ängstlich. Dah ihre Stuben über Rächt beiher Atem und glühender Schleim fällen kann, wisien sie au« Überlieferung und Erfahrung. Aber sie fürchten, mehr als Da« Feuer, Da« Wasier.
Eines Tage» sing e« an. sich in Dem KratermunD zu fammeln. Ob e« von unten heraufdrängte, ob c« Regenwasier war, wer will das lagen. Biele Leute Stauben ja. Dah Die Bulkane mit Dem Meere in 23er- inDung stehen unD Die schrecklichen Zornausbrüche nichts andere« seien al» Der Zusammenprall der Elemente Wenn man das Feuer unterliegt, kriegt das Wasier Die OberbanD. UnD das Wasier zieht sich nicht wie jenes nach ein paar Tagen zurück Das wächst und wächst, ganz langsam, aber mit unheimlicher Beharrlichkeit, wächst Sekunde um Sekunde. Wie die Zeit.
Bis der in furchtbarer Aufgerisienheit erstarrte Mund de« Berges ausgefüllt ist.
Dann steigen dieMenlchendieKraterwändehinab und haben in dem Wasier und finden es nicht recht geheuer oder heilig, sie errichten ihren gefürchtetsten und gcliebtefien Göttinnen Tempel und bauen Schifte und leben und vergehen in Demut und ausschwei- fender Lust.
Es ist ettoa« Seltsames um dieses Wasier, das keinen Zufluh und keinen Abstuh hat, bas kommen und gehen muh. ohne dah toir es merken, da» da ist und doch nicht da fein kann, das immer in Bewegung und Ruhe und rechnerisch auf Die Sekunde zu erfassen und dennoch relatiD ist Wie die Zeit.
3<b wage es kaum zu lagen, lo über menschliches Begreifen groh und in feiner Einfachheit erschütternd erscheint es mir: ich bin Dem Geheimnis auf bie Spur gekommen, ich erkannte plötzlich das Uner
kennbare, ohne mein Zutun siel der Schleier, al« ich durch einen alten Stollen in den Berg geriet.
Drei Männer, nüchterne Ingenieure und unverdächtige. jeder übersinnlichen Überlegung bare Arbeiter aus Grenzano führten mich, machten auf Die behelfsmässig g ei (biogenen Stufen aufmerksam, warnten, wenn man sich bücken muhte, sagten Achtung Da tropft «! Dann wich Da» feuchte ErDfutter De» Schlauche« gutgelügtem Mauerwerk, wie es der OrDnungesinn der alten Römer liebte, man konnte sich aufrichten und Der erste Ingenieur Deutete auf einen unterirdischen Wasserlauf: Da« ist das antike Emissanum!
Wir standen gerade an einem Knie De« schwärz- lieben FlusieS. der von recht« her au« Dem Richt« zu kommen schien unD mit ziemlichem Gefälle sich in einem von Glühlampen erleuchteten Steinbett rasch verlor. Die Kompohnadel zeigte Die Richtung SüDwest Dah ich nicht einen Augenblick glaubte. Den Styx vor mir zu haben unD Die Ruderfchläge Edarons zu hören, Da» brachte mir zum Bemüht» fein Dah ich in unserem IahrhunDert lebte. Einen Berg über sich. Die absttehende Zeit vor sich, könnte man Da« leicht vergessen.
Ja. so war es: mit einemmal wusste ich, dah da«, wa« Da lautlos abzog. ohne Farbe, kühl wie Die Wesenlosigkeit, nichts anDeres war als Die Zeit. Die sich in Wasierfvrm nach unD nach in Dem weh aufgeriflenen Mund des friedfertigen Bulkan« angesammelt batte. In Dem Augenblick wo die Menschen, um der auf dem Grunde liegenden Schifte habhaft zu werden. Den See anzapften, muhte sie Durch Den steinernen AbzugSstollen abfliehen Das leuchtet ohne weiteres ein. Angenommen den Fall, der Stollen würde Den Remifee mit dem Albanotee verbinden, wie man früher glaubte, lo würde sich einfach das Gesetz der kommunizierenden Röhren erfüllen, bi« beide Wasserspiegel die gleiche Höhe erreicht hätten. Jeder römische Weinwirt handelt beim Panschen nach diesem wisienschastlichen Derfahren.
Das Wasier. tagt der Ingenieur, flieht nicht in den Albanosee. sondern auf Der anderen Bergseite in Die Ebene von Ariccia hinunter und von Dort ins Meer. Ganz einfache Sache. Wir haben ja einen Höhenunterschied von vierhundert Metern.
Aber wenn es auch eine schwierige Sache gewesen wäre, zu deren Erläuterung er einen Dortrag halten und Gleichungen und Kubikwurzeln und Logarithmen in die feuchten Stollenwände hätte kratzen müsien, e« wäre noch immer zu einfach gewesen, um ihn zu verstehen
WaS ich verstand ohne zu hören und ohne zu rechnen, das war unendlich viel befer al« der Remi
se«. das war so tief wie das einzige, wa« keinen Grund und kein Ende hat. so lief wie die Zeit. Sekunde um Sekunde hat sie sich angesammelt, bi« au« Den Tropfen ein Rinnsal unD au» Dem Rinnsal eine Lache und au« Der Lache eine Pfütze unD aus Der Pfütze ein Weiher unD au« Dem Weiher ein Teich unD aus Dem Teich ein See wurde — unD nun, nun gebt Die Entwidlung eben rückwärts, e« flieht wieher ab, wie e« gekommen ist. Man siebt zu. wie Die Zeit abläuft. Ebenso einfach wie unbegreiflich.
Man Darf nicht lange stehen an diesem lautlosen, ewigkeitskühlen Abstreichen im Innern her Erbe, sonst wirb bas Sinnen gefährlich. Wie ha« Daherschwemmt aus dem Sammelbecken ber Dergangen- beit. jetzt bie Stunben ber BölkerwanderungS^eit. jetzt bie Sekunben, bie Kriege entschieben. jetzt bie letzten Augenblicke eine« Papstes . . . nur nicht an bie Geschichte henken. Wie das abläuft, Schicht auf Schicht, zwei Höhenmillimeter Glück, brei Liter Leib. . nur nicht ein Herz haben Wie bas abflieht. waS alles in hundert und aber hundert Jahren gedacht und gegrübelt worden und versunken ist im See der Zeit. nur ben Kopf oben behalten.
ES flieht unh flieht unb strömt unb strömt, ba weih niemanb, von wannen es kommt unb wohin eS geht, da ist fein Ur und ist kein All, ba ist nicht Anfang noch Ende, ba ist nur da» eine: Ewigkeit
Unb hu tauchst ungewollt ober mit wildem @nt- schluh deine Hand in bie 3eit. bu flöht sie hinein in ben lichtgeborenen. nachtverfunkenen Strom unb burch beine Finger gleitet Unsagbare« und bi« zum Ellbogen hinauf streicht die Kälte deS Weltraums. Dir ist, nun sau en dreihunbertfünfunhsechzig mal dreihundert! ünfunhlechzig abgerissene Kalender- blätter an ben Knöcheln vorbei, bir ist, bu könntest in ben Abguh ber Zeit hineingreifen unb sie so zum Stehen bringen. Aber sie ist ungreifbar wie ba« Wasier.
Wo geht eS hin? 3ns Meer Run ja. und bann wirb es zu Regen unb bann füllt e« wieder einen See. in ber Schule hat man uns ba« gelehrt. Unb dah unter Leben hem Wasier gleicht, biete Entdeckung ist auch kaum kompliziert genug, um al« Thema für einen Maturitätsauflatz gewählt zu werben.
Rur - im 3nnem ber Erbe sieht alles anher« aus AuS der einfachen Borflellung, bah sich in einem alten RratermunD bie Zeittropfen anfammelten, bis breuaufenh Jahre daraus wurden, die jetzt, nach Kubikmetern berechnet, von ben 3ngenieuren wieher abgetanen werben, kann, wie man sieht, ein ganzes Feuilleton werden...
4000 km durch den Lirwald.
Eine abenteuerliche Fahrt Im Kanu über eine Strecke von ettoa 4000 km hat ein junger Engländer Stratford Jolly von Tuzco, ber alten Hauptstadt ber 3nkaS in Peru, nach Quito, ber Haupt- stabt von Ekuabor, zurückgelegt. Eine französifche Gxpebition. bie vorher bie gleiche Reife wagte, muhle umfebren, ba ihre Boote in ben reihenben Strom- fchnellen zerfchellten. Auch Jolly tourbe bringend gewarnt, machte sich aber hoch mit einem Gefährten auf ben Weg. .Wir brachen von Macchu-Pie» chu in ber Rähe von Euzco auf", berichtet er, .und warben fünf Wafchtgnenga-Inhianer für einen Tagelohn von 80 Pfennig an, um un» auf Dem fast 4 Meter langen Kanu ben Urubamba herunkerzuru- bern. ES waren toilbe Gesellen mit langem Haar unb bemalten Gesichtern, die Baströcke trugen und ihre Blasrohre fotoic Pfeile unb Bogen mitbrachten. 3hr Führer war ein Mann, ber feinen Baler in einem'Wutanfall ermorbet hatte Aber un« gegenüber zeigten sie sich al« freunbliche unb barm* lote Kinber, bie mit ihren prachtvollen Zähnen für un« bie Rüsie auffnadten unb un« Raupen anbo- ten. bie für sie bie gröhte Delikateste sind. Wir führten Geschenke mit un«. um die grausamen unb Den Weihen feinblichen Stämme an ben Ufern un« günstig zu stimmen. Al« Waften hatten wir nur unser« leichten 5iinten, mit benen toir Asten, Papageien unb Tapire erlegten; untere Znbianer schoflen mit ihren Pfeilen Fifche, bie sie vorher betäubten, indem sie bie Luma-Wurzeln ine Wasser warfen Wir lagerten fast jebe Rächt an ben Ufern be« FlusieS, ba ba» 3nnere ber Wälder durch die wilden Tier« unsicher war. Einige Male besuchten wir auch am Tage Dörfer der 3ndianer. doch diele flohen in ben Urtoalb, weil sie ben weihen Mann ben sie noch nie vorher gesehen haben, für einen bösen Dämon holten Einmal würben wir von einem kriegerischen Stamm ber Piro-Inbianer, bie bereit« früher von Sklavenhänblern heimgesucht unb mihhanbelt worden waren, umzingelt, toir konnten sie aber durch Flintenschüsse versagen unb nahmen ihren Häuptling als Geisel mit, bis toir wieher glücklich auf hem Fluh waren. Einige Tage verbrachten toir in einem Dorf ber Givaro-Kopfjäger. bie bie Köpfe ihrer Opfer mit heihen Steinen unb Sank» künstlich austrocknen unb Dann al« Schmuck an ihren Gürteln tragen. Bei Rächt litten mir unter Damphr- Eibechfen. Wir been beten schliehlich unsere Reise nach Quito burch einen sechStägigen Marsch Durch ben bichteflen Urwald, in dem wir un« mit Messern unb Aexten ben Weg Durch das Gestrüpp bahnen muhtert,"


