Nr. 155 Siebenter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Samstag, 5. Zull (950
Wandern und Reisen • Bäder und Sommerfrischen.
Oer Reisegefährte.
Von (Larry Brachvogel.
Der Reisegefährte ist eigentlich ein Atavismus aus der Zeit ohne Eisenbahnen. Damals war er nicht nur em zufällig Mitreisender, sondern so etwas wie ein Kamerad, der alle Hütten und Tücken der Wege, Dorspannpferde und Herbergen mit dem Andern teilte, dem er aus Gedeih und Derderb in der Snge der Postkutsche verbunden blieb. Für endlos sich dehnende Stunden war er der einzige Llnterhaltunasfaklor, für mitteilsame Seelen (die meisten Seelen sind mitteilsam, hauptsächlich auf ReisenI) die einzige Möglichkeit sich zu offenbaren, sich zu entlasten.
Mit dem ersten Schienenstrang, den dann die Hand des Menschen von einem Ort zum anderen zog, ist die ganze Art des Verkehrs eine andere geworden, des Verkehrs von Ort zu Ort, wohlgemerkt, kaum aber die von Reisemensch zu Reisemensch, denn man verändert wohl die äußeren Lebensbedingungen, kaum aber je sich selbst, und darum hat der Reisegefährte auch heute nur von seiner einstigen Bedeutung verloren. Das Bedürfnis, sich mitzuteilen waltet ungebändiat weiter, und selbst Misanthropen werden, sobald sie den Fuß auf das Trittbrett des Abteils fefoen, gesellig und suchen „Anschluß".
Die Gelegenheit hierzu ist schnell gefunden. Wetter und Temperatur bieten leicht Anknüpfungspunkte, ebenso die Kardinalfrage, ob man, je nachdem ob draußen Sonne glüht oder Regen strömt, da- Fenster öffnen oder schließen soll, ohne daS eben angebandelte Verhältnis zum Gegenüber zu stören. Und als dritter wichtigster Derständigungsmoment erscheint endlich eine Station. auf der sich Herz zu Herzen findet in dem gemeinsamen Ruf: „Kellner, mir auch ein Bier!" Richt etwa nur in Bayern, sondern soweit die deutsche Zunge klingt, finden sich die Stämme in tiefsinnigen Eröterungen über Bier weit schneller und besser als im nationalen Einheitsgedanken.
Rach dem ersten genossenen und sachverständig besprochenen GlaS sieht dann die Welt, das heißt, die Reisebekanntschaft, ungemein erfreulich auS. Das Gegenüber oder Rebenan avanciert jetzt zum „reizenden" oder „hochinteressanten" Menschen, auch wenn eS ein Fadian oder Psdzmt ist, um den man daheim in großem Dogen herumgehen würde. Um seinem belanglosen Gerede zu lauschen und selbst belanglos zu schwatzen, übersieht man, daß draußen eine neue Gegend lockend ihre Schönheiten auSbrcitet, überhört man die Stimmen der Fremde, die werbend und flüsternd zum Fenster hereinschweben. Wohl dem. dessen Reisebekanntschaft bald auSsteigt oder sich wenigstens, am gleichen Ziel angelangt, gleich von ihm trennt I Ihm bleibt eine schöne Illusion, die grausam zerslattert wäre, wenn bei intimerer Bekanntschaft, der reizende oder hochinteressante Mensch sich wieder zum Fadian oder Pedanten zurückgebildet hätte. —
Ein zweites, besonders bei Familien beliebtes Genre sind jene Reisebekanntschaften, die sich nicht während der Fahrt, sondern während der Sommerfrische anbahnen. Da geht es nicht nur um Gespräch oder gemeinse Ausflüge, sondern auch um Snobismus, der nach der Rückkehr in die Stadt, die Daheim-Bekannten verblüffen will, durch die vornehmen Leute, die man kennengelernt hat. Hast du, lieber Leser, demgemäß schon
jemals gehört, daß die Familie Lehmann aus Berlin sich in der Sommerfrische etwa mit einer simplen Familie Huber aus München angefreundet hätte? R i e wirst du es vernehmen, weil es solche Sommerbekanntschaften nicht gibt! Lehmanns und Hubers lernen niemals ihresgleichen kennen, sondern immer nur Rangstufen, die über ihnen stehen, mit Dorliebe ausländische. Wie schön ist cs dann im Winter zu erzählen, das, eine dänische Diplomatenfamilie bitterlich geweint hat, als Lehmanns abreiften, und daß Hubers mit einem südamerikanifchen Milliardär auf Du und Du verkehrt haben. Gs mag dahingestellt bleiben, wie sich hier Wahrheit und pure Dichtung verquicken, um zu Diplomaten, Granden und Lords anabanciercn zu lassen, was bei genauer Besichtigung doch nur Herr und Frau Sowieso ins Ausländische überseht warenl
Die Reisegesellschaft bleibt dem Zufall überlassen, der Reisegefährte aber wird gewählt, und bei dieser Wahl denkt der Reisende fast nie daran, daß eine gemeinsame Reise fast ebensoviele Schwierigkeiten bietet, wie eine Ehe, sondern er frägt nur: „Geht der andere mit?" Und die Be-
Zu jeglicher Jahreszeit bin ich im fränkischen Lande gewesen. Ich kenne die fränkische Landschaft von Aschaffenburg bis hinauf nach Lichtenfels, wo sie ins Thüringische übergeht, ich bin einmal zur Rächt in phantastischer Fahrt am Tage des Herbstbeginns im Kraftwagen durch die Fränkische Schweiz gekommen, von Baireuth bis Nürnberg, in sommerlicher Hitze lieh ich mich schläfrig von dem müden Dampfzüglein in den stillen, traurigen Steigerwald fahren, um in Ebrach das sehenswerteste Zuchthaus Europas, ein säkularisiertes Kloster im herrlichsten Rokoko, und eine unbeschreiblich schöne Kirche aufzusuchen und in dem heitern Glanz einer Frühlingsvollmondnacht bin ich in einem Boot von Veitshöchheim aus den Main hinaufgefahren, an Klöstern und Weinbergen vorbei bis unter die Brücken der fröhlichen Stadt Würzburg.
Immer hat diese Landschaft ihre klare und heitere Schönheit, den sanften und wohllautenden Zug ihrer niedrigen Berge und die schöne un- beengte Weite ihres langen Tales. Ihr Besonderes ist, wie sie sich ganz unmerklich und unüberraschend aus ihren Rachbarlandschaften entwickelt: die etwas düstere Strenge derSpcssart- berge geht hinter Lohr leicht und ohne Bruch in melodische und schwingende Linien über, der enge Talkessel verzweigt sich in anmutige, in zarter Biegung entschwindende Seitentäler, die harte Felsenmauer zu feiten der Bahnstrecke wird erst xu Grashängen und öffnet sich allmählich in die lichten Abstände von Bäumen und Wiesey. Das Starre schwindet, die Landschaft wird immer beweglicher und auf lange Strecken beherrscht der leichte und rasche Wasserlauf des Mains mit einer linden und feuchten Kuyle die Gegend.
Es ist nicht eigentlich ein besonders profilierter Charakter, der die mainfränkische Landschaft kennt-
jahung dieser Frage scheint ihm eine solche Glücksgewähr, daß er beseligt an der Seite eines Menschen abdampst, mit dem er sich schon am zweiten Tag ärgern und mit dem er unablässig streiten wird, weil ihre Charaktere, Temperamente. Neigungen und Geschmacksrichtungen durchaus nicht zueinander passen. Die gemeinsame Meise enthüllt nur zu oft unangenehme Seiten des Anderen, die in der Heimat nicht auffielen, — die Reise allein würde vielleicht manchen Wert, manche Tiefe in der eigenen Brust offenbaren, wenn man nur den Mut fände, ohne „Anschluß" abzufahren und zu bleiben.
Die Pforten des Sommers stehen weit geöffnet. Aus seinen düfteschweren Gärten ertönen tausend süße Lockungen. Geht hin, ihr Reisenden, verliert euch in den entzückenden Irrgängen, die sie jedem von euch bietenl Vor allem aber verliert den wahllos gewählten Reisegefährten, entsagt der oberflächlichen Abteil-Bekanntschast und bedenkt, daß ihr für diesen scheinbaren Verlust das beste findet, was dem Menschen werden kann: die Bekanntschaft mit dem eigenen Ich.
komisch Theatralisches hat — wie die thüringischen Berge oder die rauhe Alb, aber sie hat etwas FeineS, Geformtes, eine sanfte und doch sehr spürbare Modellierung wie das Antlitz einer blonden Frau. Am meisten von allen Landschaften Süddeutschlands hat sie überhaupt fraulichen Charakter, bei aller Klarheit etwas Weiches, manchmal Versonnenes: nirgendwo anders findet man ein solch zartes, liebliches Verdämmern in den Abend hinein, ein so schon und anmutig ausgebreitetes Müdewerden, eine solche Lust zur guten, friedvollen Ruh.
Rie wieder habe ich ein so stilles, schönes Schlafengehen der Landschaft gesehen wie eine- Sommerabends vom Rosengärtlein der Bamberger Residenz aus. Rie wieder habe ich eine so vollkommene Identität des landschaftlichen Ausdrucks mit dem Sinn und dem Erlebnis einer ruhigen und glücklichen Stunde gespürt. Die Ferne überzog sich mit einem leichten Schleier, aus dem hin und wieder die Türme eines in der Ebene gelegenen Schlosses noch einmal aufglänzten, die Luft stand ganz still. Die Ratur verschickte als letzte Aeußerung nur noch den enormen süßen Dust der Rosen, der sich mit einem leichten Staubgeruch, wie man ihn des Abends oft wahrnehmen kann, zu einer merkwürdig einschläfernden Mischung verband. Mit einer liebevollen mütterlichen Geste umfing die Landschaft die alte zauberhafte Stadt, und lange sah ich noch, zufrieden mit Gott und der Welt, in der Wärme, die die Wände des stillen
Barockschlosses zurückstrahlten, bi» mich der Mond in die steilen, heimlich vergnügten Straßen und Gassen der schönsten alten Stadt in Deutschland trieb.
Man kann die Kunst eines Lande- nicht verstehen, ohne die Ratur seiner Lanschast zu verstehen. Es ist kein Zusall, daß die lieblichsten und süßesten Frauengestalten der alten deutschen Kunst auS Franken sind. Die zarten Heiligen und minnebebenden Iungsrauen dcS großen Würzburger Meister» Riemenschneider sind Ge- fchöpse der fränkischen Landschaft. Sie sind schlank, zierlich und doch kräftig, klug und ein wenig träumerisch, empfindsam ohne Nervosität: die Eigenschaften der Landschaft kehren, in» menschlich Beseelte gewandt, bei ihnen wieder. Schamvoll stolz und mit einer köstlichen Gebärde tragen sie allesamt die Zeichen ihrer Heimat. Wie die fränkischen Berge sind sie schmal und gestreckt, von anmutvoll fließender Silhouette, ihre Augen sind feucht und schimmern wie die Wiesengründe zu feiten des Mains, ihre Schultern fallen ab wie die rebenbewachsenen Hänge, und ihre Brüste sind klein und zart wie die fünften Terrassen des oberen Maintal», wo c» au» dem Fichtelgebirge nach Süden zu abbiegt. Sie sind ganz ohne Rätsel, aber erfüllt von einem zärtlichen und süßen Geheimnis.
Richt weniger kann e» verwundern, daß man in Franken die schönsten und festlichsten Bauten dcS achtzehnten IahrhunderiS findet. Diese geräumige, plan- und sinnvoll gewachsene Landschaft ist wie keine andere dazu angetan, die herrliche schmiegsame und gelenkige Pracht glänzender Rokokoschlösser und heiterer Abteien au» sich heraus zu entfalten. Cs gibt da jegliche Arten der Baukunst, die großen städtischen Residenzen der Bischöfe, heitere Sommer- und Wasserschlösser, einfache ländliche Schlößchen, die wirken wie geräumige IagdpavillonS oder schmucke Meiereien, große und kleine Klosteranlagen, Waldkapellen und pompöse, in strahlendem Iubel schwingende Wallfahrtskirchen
Zwischen Bamberg und LichtenselS gibt eS auf zwei gegenüberliegenden Höhen die erregendsten Wunder deutscher Architektur: da» mächtige Kloster Danz, von dessen Terrasse aus man den schönsten Blick über daS oberfränkische Land hat, dem im Norden wie ein starker Grenzhüter die Feste Koburg vorgelagert ist, und die päpstliche Basilika Dierzehnheiligen, Balthasar Reumanns Werk, die das Aeuherste an schwebendem. festlichem Rausch darstellt, daS je in Mauern und Säulen gebannt wurde, die Figaro-Ouvertüre und das Requiem zugleich, in Marmor, Rosa, Blau und Gold.
Wenn du nach Franken fährst, fo gehe nicht allein. Es ist ein Land, daS zur Geselligkeit auffordert. Cs regt dich an und macht gesprächig. Man wird immer eingeladen, zu sehen und seine Eindrücke zu äußern. Cs gibt Landschaften, die nachdenklich machen, und andere, die die Lust xum Reden wecken. Franken ist nicht zum Alleinsein: es hat etwa- Verbindliches, Ausgeschlossenes, Mitteilsames, wie alle Länder, in denen Wein wächst, zugleich etwa- Besinnliches, damit die Worte, zu denen du aufgefordert wirst, nicht leer und schwatzhaft seien. Am besten ist eS, du nimmst dir einen Freund mit und trinkst und ziehst dich durch die schonen Städte und fröhlichen Dörfer durch: ober aber du hörst
Mainfränkische Landschaft.
Von K H. Ruppel.
Copyright 1930 by Internationale Literarische Agentur Wien.
lich macht, zumindest keiner, der an den regionalen Formationen eindeutig abzulesen wäre. Sie ist nicht scharf ausgeprägt — sieht man von der romantischen Farce der Fränkischen Schweiz ab, die wie alle Gegenden, die man in Deutschland als „Schweiz" bezeichnet, etwas Skurriles und
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