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Helene Chlodwigs Schuld und Sühne. Vornan von I. Schneider-Zoerstl.

Urheber-Rechlfchutz durch Verlag Oskar Weister. Werdau L Ca.

30. Fortsetzung. Nachdruck verboten

Die Knabenaugen rissen sich gewaltsam auf. blickten in fernen, in die ihm Franke nicht zu folgen vermochte und schlossen sich wieder.TatetI Latz die Hunde von den Ketten!"

Franke drückte die Kiefer hart aufeinander. .Die Hunde. Tert?--. , , t

,3a! Titte, Tater! drängte er und schob seinen Körper etwas von ihm ab.

Der Kranke hätte Unmögliches verlangen kön­nen Franke hätte es zu tun versucht. Er erhob sich' legte zuerst den ermatteten Körper zurück und schritt nach der Tür. lieh die kleine Time im Tang aufflammen und lief die Treppe hinab.

Schneegestöber schlug ihm entgegen, als er ins Freie trat. Der Sturm ritz an seinem Haar und wirbelte ihm Hande voll nasser Flocken in den Hals und auf die Trust, die nur von einem Hemd geschützt wat.

Die beiden Wolfshunde winselten auf. als sie ihn nach ihrer Hütte kommen hörten. Er löste sie von den Ketten und tätschelte die. warmen Leiber, die sich gegen ihn drückten. Tor ihm her jagten sie durch den Schnee, hielten die Aasen zu Toden und kläfften in wildem Geheul den Garten hinab.

War das nur der Ausbruch momentaner Freude über die erlangte Freiheit oder was sonst? Franke nahm sich nicht Zeit, weiter dar­über nachzudenken, ging dem Hause zu und wollte den Tiegel wieder vorstoben. Da kamen die Hunde zurück und sprangen an ihm hoch, daß er nach einem Halt suchen muhte, um nicht von ihnen überrannt zu werden.

Tessa, wirst du wohl!" Er suchte sich der Hündin zu erwehren. Sie am Halsbande nehmend, zog er sie über die Stufen hinab. Ihr Gekläff war ohrenbetäubend und hatte zur Folge, daß Töd- linger in Hemd und Hose und schweren Holz­schuhen herbeigeeilt kam.

Lassen Sie's, Herr Doktor. Die Tiefter hören was. Oder sie riechen s." Gr lieh die Taschen­lampe, die er in der Hand trug, aufblihen und nahm das eine der Tiere am Halsband:Such, Tessa, such!"--

In der nächsten Minute hatte sie sich losge- rissen. jagte den Hang hinab, sprang mit einem Satz über die Umzäunung und verschwand in der Rächt. Tur ein heiseres Kläffen tönte lang- gedehnt durch die Stille.

Sie wird schon wiederkommen", sagte Töd- linget ärgerlich.Wer hat denn die Tiecher losgelassen. Herr Doktor?"

.Ist was nicht in Ordnung gewesen?"

Tert glaubt etwas gehört zu haben."

Das kann schon sein. Der Herr Tert hört scharf. Er ist auch ein bihchen hellsehig.--Die

verfluchten Köter" schalt er.Ietzt haben sie ein Wild aufgestöbert. Wahrscheinlich eine Reh» geih." Tödlinger lieh den Doktor stehen und lief, sich eine Ioppe zu holen. Dann jagte er in langen Sprüngen über die verschneiten Wiesen hinab, dem Walde zu.

Franke ging ins Haus und drückte die Türe, durch welche Schneegewirbel hereinkam, ins Schloß.

Tert sah ihm mit fragenden Augen entgegen.

Es ist nichts", beruhigte Franke.Der Sturm hat irgendein Wild aus dem Holz herausgetrie­ben. Das haben die Hunde gewittert."

Der Knabe sah ihn ungläubig an, widersprach aber nicht und legte den Kopf in die Kissen zurück. Ans Fenster tretend, hörte Franke, wie das Tel­len allmählich verstummte. Etwas später sah er Tödlinger durch das Schneegestöber dem Hause zustapfen. Die Hunde mochten das arme Wild wohl böse zugerichtet haben, denn der Tertoalter trug es auf den Armen. Er sah, wie die Füße des gehetzten Tieres nach abwärts hingen.

Mit einem raschen Tlick nach dem Tette hin, ging er leise aus dem Zimmer und stieg die Treppe hinab. Er kam zu spät, die Türe aufzu­klinken, denn Mamert hatte es mit dem linken Ellenbogen bereits besorgt.

Erschreckens nicht, Herr Doktor!

Für Sekundenlänge stand eine dunkle Wand vor Frankes Augen. Er taumelte und streckte unsicher die Arme nach dem Kinde aus, dessen Köpfchen schwer an Tödlingers Schulter ruhte. Der Laut, welcher aus seinem Munde brach, war nicht verständlich.

Soll ich eine Wärmflasch'n machen und einen Tee, Herr Doktor?--Iusterl, tu die Augen

auf, der Taterl ist bei dir!"

An Frankes weißem Gesicht vorübersehend, streichelte Mamert die blaugefrorenen Wangen des Iungen, sorgte sich, daß dem Doktor die Last zu schwer würde und wollte das Kind wieder auf die Arme nehmen. Ein Tlick, so maßlos von Qual und Verzweiflung erfüllt, traf ihn, daß er wortlos nach der Küche ging und Feuer anzuschüren begann.

Franke neigte das Gesicht und lieh die Stirne auf Iust's kalter Wange ruhen. Aus seiner Trust kamen Töne, ähnlich dem Röcheln eines Sterbenden. Dann riß er sich zusammen und stieg mit dem Knaben die Treppe hinauf. An Terts Zimmer vorüber gelangte er in seine Schlafstube.

Durch die halboffene Türe ries der Kranke eine Frage durch das Dunkel.

Den halberstarrten Sohn auf den Armen, trat Franke an das Tett seines Aeltesten. Ist Tert ein Hellseher, fragte er sich, denn Dieser begriff

sofort.Leg ihn mit an die Seite, Vater, so wird er am raschesten warm."

Franke legte ihn aber erst auf den Divan und entkleidete den halberfrorenen Körper. Als er ihn dann mit Tüchern und behutsamen Massage­bewegungen warm rieb, schlug Iust die Augen auf, ließ sie aber sofort wieder finken. Ein Schrecken ohnegleichen machte sein kleines Herz­chen in jagenden Sprüngen hüpfen.

Iusti!" kam vom Tett her eine zärtlich lockende Stimme.

An dem Tater vorüber, sah der Kleine nach dem Trüber hin und grüßte ihn mit den Augen. Als Franke ihn an Terts Seite legte, steckte er den Kopf unter dessen Achsel und hielt den ge­lähmten Körper mit beiden Armen umfaßt. We­nige Minuten später war er eingeschlafen.

Franke stand reglos etwas abseits vom Tette und drückte die Hand über die Augen.

Tater! bettelte Terts Stimme leise. Und als in dessen Gestalt noch immer keine Regung kam, flüsterte er noch einmal:Tater!

Da brach dieser neben ihm in die Knie und preßte das Gesicht in das Linnen. Terts Hände strichen über seinen Rücken hin und kosten ihm das früh ergraute Haar.Wie viel Leid habe ich über dich gebracht!"

Frankes «Ähultem bogen sich langsam auf. Alle flüchten sie vor mir: Erst die eigene Frau, dann Hella nun Iust."

Der Knabe erschrak, lächelte schmerzlich und krümmte die Hände ineinander:Sie flüchten vor mir, Tater.

Um Gottes willen, nein, Tert!"

Doch, Tater! Es ist so!" Die Dulderaugen wichen scheu von ihm ab.Hella floh, weil mein Kranksein jede Lust und Freude hier er­tötete, die Mutter ging, weil sie meinen Anblick nicht mehr ertragen konnte. Sabine hat auf­geatmet, daß sie mit Hella in die Pension durfte unb nun wollte auch Iust sich heimlich toeg^ schleichen. Tegreifft du, Tater, daß es höchste Zeit ist, daß etwas geschieht?

Franke sah ihn aus tiefliegenden Augen an. Was soll geschehen, Tert?

Laß mich fortbringen, sagte der Kranke ernst.

Tie!" Der Doktor riß die Hände des Sohnes an sich unb legte das Gesicht darauf. Der Rücken des Gelähmten drückte sich etwas nach vorne. Franke hörte ihn das erstemal feit jenem Unglückstage aufstöhnen.

Er fand kein Wort des Trostes mehr. Ganz ausgedörrt war seine Seele von Leid und Ter- zweiflung. Die Kehle zersprang von ungeweinter Qual und das Herz war ein Friedhof zer­schlagenen Glückes und wilder Hoffnungslosig­keit.

Das Weinen des Knaben verebbte. Franks hob das Gesicht. Ihrer beider Hände schoben sich tröstend ineinander.

Run sollst du schlafen, Tert I Franke wollte Iusts Hände, die auf dessen Trust lagen, herab­

drucken, aber der Kranke legte bte leinen barüber Sei wieder gut zu ihm, tote du es früher warst l 3a, Tater? Und erlaube, daß die Schwe­stern Weihnachten zu Hause verbringen, auch Hella. Ticllcicht, wenn du der Mutter schreibst, daß ich sie bitten lasse recht innig bitten, Tater kommt sie auch.

Obwohl Franke von HeleneSRein" überzeugt war, versprach er doch den Wunsch Des Sohnes zu übermitteln:Und nun laß mich Iust heraus­nehmen, sagte er unb schob den Arm unter den jetzt so mollig warmen Körper. Als er Terts angstvollen Tlick sah, tröstete er freundlich:Ich nehme ihn zu mir ins Tett Du muht keine Sorge um ihn haben, mein Iunge. Er darf von heute ab an meiner Seite schlafen. Dann vergißt er, daß es einmal eine Zeit gab, in der er sich vor mir fürchten muhte."

Tert widerstrebte nicht mehr, griff nur nach Frankes Händen und drückte seine Lippen dar­auf.Tater, ich danke dir! Und wenn ich nun auch noch die Gewißheit hätte, bah bu Hella verzeihen wirst, dann würde ich wohl schlafen können, wie schon lange nicht mehr."

Ich will verzeihen, Tert!

Tater! Gibt es denn soviel Glück auf ein­mal?" Tert deckte die Hände über daö Gesicht und seine Schultern bebten leise.

Franke trug seinen kleinen Sohn in Das Zimmer hinüber und als er zurückkam, lag sein Aeltester tief in die Kissen gedrückt, mit einem Lächeln friedvoller Seligkeit in dem bleichen LeidenS- gesichte.

Er beugte das Knie wie vor einem GotteS» wunder unb legte ben Kopf auf dessen herab­gleitende Hand.Erbitte mir nun noch ein Letztes, mein armer Märtyrer: Und rufe mir mit der Kraft deiner Dulderseele die Frau zurück, ohne die ich nicht leben kann."

Ton unten kam das leise Winseln der Hunde unb aus bem Zimmer nebenan rief Iusts Kinder- stimrne:Grohmama!"

Franke erhob sich und neigte sich noch einmal über den Schlafenden. Dann ging er zu seinem Iüngsten und streckte den Körper neben ihm auS. Er fühlte die Wärme des schlanken Kinderleibes und brückte sich enge bagegen. Zwei blaue Augen standen urplötzlich erschrocken offen: Tater!--

Liegst bu auch gut, mein Tub? Und als Iust angstvoll von ihm abrüden wollte, schloß er ihn fest in die Arme:Morgen fährst du mit Grohmama nach München, das Christkind zu besuchen, ja? Und nächste Woche kommen Hella und Sabine."

Die Mutter auch?" lallte der kleine Mund.

Die Mutter auch!"

Das Kindergesicht strahlte zum ersten Male wieder seit vielen, vielen Monaten in frohem Glänzen auf. Dann sank der blonde Kops zu­rück unb blieb an Frankes Trust ruhen.

(Fortsetzung folgt.)

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