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Nr. 232 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Samstag, 4. Oktober (950

Die Dynastie der Eisenbahnkönige. Multimillionär William K. Danderbilt in Berlin. - Wie das Zamilienv rmögen von mehreren Milliarden Mark entstanden ist. - Bettelbriefe, die ihn nicht erreichen Don Fred (£. Dillinger.

wältigen, und DanderbiltS 'Arbeitskraft würde

Siner der reichsten Männer der Welt, William St Danderbilt, hält sich zur

Zeit vorübergehend in Deutschland auf.

3m engen Kreis der amerikanischen Finanz- aristokratie spielen die Danderbilts n.cht nur durch die Macht ihrer Millionen, sondern auch durch die Zahl ihrer Familienmitglieder eine be­sondere Rolle. Man must schon sehr gut in diesem Milieu Bescheid wissen, um alle Bander- bilts zu kennen, die Geschiedenen und die Wieder- verheirateten, die Männer und Frauen, die mit der englischen Hocharistokratie, mit dem feudalen Adel des europäischen Kontinents und mit den amerikanischen Finanzmagnaten verschwägert sind und ihr Leben abwechselnd auf Schlössern in Kali­fornien und auf Florida, auf Luxusjachten, auf Weltreisen und in den exklusiven Zirkeln der fünften Avenue oder der Park-Avenue in Neu- york verbringen. Sie alle sind die Nachkommen eines rohen und ungebildeten Fährmannes, der am Ansang des vorigen Jahrhunderts Gepäck und Passagiere in einem Boot zwi ch:n Staten Island und Neuyork hin und her beförderte. Der erste Danderbilt, der es zum hundertfachen Dollar­millionär gebracht hatte, wurde im Jahre 1794 geboren und übernahm den Beruf eines Fähr­mannes von seinem Bater. Heute herrschen seine Nachkommen in der vierten und fünften Gene­ration über zahlreiche Eisenbahnen, Strahen- bahncn, Elektrizitätswerke, Kohlengruben und an- dere Bergwerke, Speditionsgesellschaften. Indu­strieanlagen aller Art und Kabellinien von unge­heuerem Wert! sie besitzen darüber hinaus Grundbesitz, sie haben einen Teil ihres 'Der- mögens in staatlichen und städtischen Schuldver­schreibungen angelegt. Wenn man das Familien­vermögen der BanderbUts vor etwa zwei Jahr» zehnten sicherlich zu niedrig mit 700 Millionen Dollar angegeben hat, so muh man jetzt, bei der Wektsteigerung dieses Besitzes und bei der be­trächtlichen Ausdehnung der Unternehmungen, auf weit über eine Milliarde Dollar oder nahe­zu viereinhalb Milliarden Mark ver­anschlagen. Dieses ungeheure Bermögen ist im Laufe eines Jahrhunderts entstanden aus dein Nichts, wenn man von der Vermögenslage des schon erwähnten Fährmannes Cornelius Dan- verbild ausgeht, oder aus dem. Zusammenbruch anderer Eisenbahnherrscher, aus rücksichtsloser Ausbeutung und aus merkwürd>en Verträgen mit öffentlichen Körperschaften, wenn man da­gegen den Weg jedes einzelnen Hundertdollar-' scheincs zurückverfolgen kannte, bis er auf 03 an» derbilts Bankkonto gelandet ist.

William Kisscun Banderbilt, der augenblicklich in Deutschland weilt, ist ein Urenkel jenes Fähr­mannes Cornelius Banderbilt, der von hollän­dischen Einwanderern abftammte. Fälschlich ist be­hauptet worden, daß William K. Banderbilt sich augenblicklich auf einer Hochzeitsreise befindet! dieser Irrtum ist wohl darauf zurückzuführen, dast die Frau des 52jährigen Mannes noch sehr jugendlich aussieht. Aber Rosamunde Lancaster W a r b u r t o n , wie sie vor ihrer Heirat hieß, konnte sich schon vor nahezu drei Jahren Mrs. Banderbilt nennen. Die Hochzeit fand damals in Paris statt, und zwar drei Monate nach Danderbilts Scheidung ton seiner ersten Frau. Lind aus bestimmten Gründen kann man sogar etwas über die richtige Hochzeitsreise sagen. Nach der Trauung begab sich das Paar an Bord der Luxusjacht Ara, die dann auf Ozean­fahrten in stürmisches Wetter geriet. So könnte plötzlich in Neuyork das Gerücht auf treten, das Brautpaar sei in einem Sturm um^ekommen, denn das Schiff war ein paar Tage überfällig. Dieselbe Luxusjacht hat jetzt mieder William K. Banderbilt nach Europa geführt. Das Schiff war während des Krieges ein französisches Pa­trouillenboot und wurde von dem Eisenbahnkönig für über zwei Millionen Mark gekauft. Minde­stens dieselbe Summe ist für den Umbau angelegt worden. In dem prächtigen Speisesaal befindet sich em balancierender Tisch, der selbst bei stärk- Item Sturm seine horizontale La^e beibehält. Der Tisch und alle Möbel in den Gesellschafts» räumen und den Schlafzimmern sind aus Ma­hagoni. Der Speisesaal ist für 15 Gäste einge­richtet. An der Wand hängen Seeftücke _ von ersten Meistern, alle Beschläge an den Möbeln sind aus künstlich mattiertem Silber. Die Bücher in der Bibliothek sind charakteristisch für den Inhaber des Fahrzeuges! sie latten erkennen, dast sich Banderbilt viel mit Jagd und Fischerei beschäftigt und daß ihn als einzige Wissen­schaft wohl die Nautik interessiert, während ihm Philosophie und überhaupt schwere wisfenfchaft- liche Werke fein Vergnügen bereiten. Auch Ro­mane sind spärlich vertreten: dafür findet man in der Schiffsbibliothek eine Reihe vollswirt- schaftlicher Bücher. Die Luxusjacht verfügt über sechs Schlafzimmer für Gäste, und natürlich ge­hört zu jedem dieser Räume ein Badezimmer. Danderbilts eigenes Badezimmer ist ganz aus Marmor und besitzt Leitungen für warmes und für kaltes Meerwasser. Besonders sorgfältig ist die Radioanlage ausgestaltet, die an Kraft die besten Einrichtungen auf den größten Ozean­dampfern übertreffen soll. Auf einem solchen Schiff läßt es sich schon aushalten, und Dander- bilt hat mit diesem Fahrzeug schon viele herr­liche Reisen unternommen.

Der Name Banderbilt hat für die Menschheit einen magischen Klang bekommen, und man be­schäftigt sich mit dem Leben dieser Multimillio­näre ausführlicher, als dies vielleicht durch die Eigenart dieser Persönlichkeiten gerechtfertigt wird. Was weih man über William K. Bänder» bilt? Nun, er ist ein recht tüchtiger Sportsmann, ein guter Segler, ein Mann, der im rasenden Autorennen das Steuer sicher in der Hand hält, und ein Pionier der Luftfahrt, der schon vor vielen Jahren als Pilot ein Flugzeug gesteuert hat. Er ist mehr Sportsmann als Kaufmann; wenn man erst so reich ist, findet man tüchtige Kaufleute genug, die die Last der Geschäfte gegen ein entsprechendes Entgelt auf ihre an härtere Arbeit gewohnten Schultern laden. Ein einzelner Mensch könnte ja sowieso die Flut der geschäftlichen Dorschläge, finanziellen Dispositio­nen und wirtschaftlichen Anordnungen nicht be-

nicht einmal ausreichen, wenn er nur alle an ihn gerichteten Bett elbrief e selbst beant­worten wollte. Die Berliner Post kann die Auslieferung dieser Briese im Augenblick keinem Briefträger mehr anvertrauen, sondern muh in kurzen Abständen vor dem Hotel des Eisenbahn­königs vorfahren und im Wagen die Gesuche um älnterstühung, um Einrichtung kleiner Geschäfte, um Gewährung von Mitgiften und ähnliche Bitten um Almosen heranschleppen. Diese Briefe be­kommt Danderbilt selbst niemals zu Gesicht. Sie werden geöffnet, denn es könnte zufällig unter ihnen einmal eine wichtige Nachricht fein. Aber wenn die Sekretäre die ersten Zeilen gelesen haben, so werfen sie die Bettelbriefe fort. So leicht ist von einem Danderbilt nichts bekommen! Man fagt ihm nach, dah er vor ein paar Jahren in einem kalifornischen Hotel überaus sparsam mit dem Trinkgeld gewesen sei. Zwei Wochen wartete das Stubenmädchen; schliehlich wagte sie einen Vorstoß. Sie sprach ihn auf der Treppe an und sagte:Verzeihen Sie, Herr Banderbilt, aber heute Nacht habe ich von Ihnen geträumt. Was denn?" fragte der Millionär.Sie haben mir im Traum zehn Dollar geschenkt." Danderbilt schüttelte bedächtig den Kopf und

Das Sanierungsprogramm der Reichsregierung wird nicht nur dem Reiche und den Ländern, sondern auch den Kommunen eine Fülle neuer und außerordentlich wichtiger Pro­bleme bringen. Es fei beispielsweise nur an die Frage der Realsteuern, die Neuregelung der Wohnungswirtschaft, die Dereinfachung des Steuerwesens und an die Minderung der Der- waltungskosten erinnert, um darzutun, welche wichtige Kommunalarbeit für eine Reihe von Jahren als nächst erfüllbare Aufgabe vor uns steht. Dazu werden zweifellos im Derlaufe der kommenden Jahre noch weitere Probleme hinzu­treten, die sich aus der finanziellen Sanierungs­arbeit und aus der wirtschaftlichen Liquidation des letzten Jahrzehnts auch für die Kommunen ergeben werden. Diese bedeutsamen Aufgaben werden auch die Stadtverwaltung und den Stadtrat unseres Gemeinwesens vor schwer­wiegendste Entscheidungen stellen, sie werden aber auch zweifellos weite Kreise der an der Gestal­tung der kommunalen Geschicke interessierten Bürgerschaft lebhaft beschäftigen und dadurch ein Anwachsen des kommunalpolitischen Interesses Hervorrufen, das man vom Standpunkt der geisti­gen Mitarbeit aller Bürger an den Aufgaben der Allgemeinheit nur begrüßen kann.

Bei dieser Sachlage ergibt sich die naheliegende Frage, ob unsere Bürgerschaft eine Organisation besitzt, in deren Rahmen man die unter partei­politisch neutralen Gesichtspunkten zu leistende Mitarbeit der Bürger ein­ordnen kann. Diese Frage stellen, heißt sie zugleich verneinen. Bisher haben sich die Ortsvereine der verschiedenen politischen Parteien in der Regel nur bei besonderer Gelegenheit, namentlich bei der Ausstellung von Kandidatenlisten für die Stadtratswahlen, eingehender mit kommunal- politischen Fragen beschäftigt. Im großen und ganzen hielt man es so, daß die im Stadtparla­ment sitzenden Vertreter der politischen Parteien unter eigener Verantwortlichkeit nach bestem Wissen und Gewissen zu den kommunalen Dingen Stellung nahmen. Neuen den parteipolitisch or­ganisierten Kräften hat lediglich der Derkehrs- verein mehrmals gelegentlich seiner Jahres­hauptversammlungen kommunalpolitische Themata erörtert, man wird aber zugeben müssen, dah die Beschäftigung mit kommunalvvlitischen Fra­gen im allgemeinen nicht zu dem eigentlichen Auf­gabengebiet des Verkehrsvereins gehört, sondern nur in loser Fühlung mit seinem Arbeits­programm steht. Cs soll hier natürlich den po­litischen Parteien und ihren Organisationen in unserer Stadt in keiner Weise zunahegetreten werden, wir möchten vielmehr betonen, daß bei der Mitarbeit der Damen und Herren des Stadt- raies ernster Arbeitswille und die Bereitschaft zu ausbauender Stellungnahme gegenüber den man­cherlei Fragen der kommunalen Geschäfte fest- zustellen war. Aber die Dinge liegen doch so, daß bei kommunalpolitischen Dcreinsberatungen der Parteivertretungen die Angehörigen der an­deren Parteien nicht zugegen waren, in den meisten Fällen aus naheliegenden Gründen ja auch nicht zugelassen wurden. Cs fehlte mithin an einer überparteilichen, allen Par­teien gegenüber völlig neutralen Plattform, auf der sich die lommunalpoliti- schen Mitarbeiter aus allen Parteien zu ge­meinsamer öffentlicher Aussprache mit der Bürgerschaft über kommunale Aufgaben zusam­menfinden konnten.

Diese überparteiliche Plattform besaß unsere Stadt früher in dem Gießener Bürger- verein, als dessen eifrigster Vertreter Rek­tor Müller bis in die letzten Lebenstage des Vereins vorbildliche Arbeit leistete. Cs sei hier als Beispiel nur an die Tätigkeit erinnert, die aus dem Kreise des Bürgervercins und insbe­sondere von Rektor Müller im Sommer 1922 bei dem Kampfe um den Schisfenberg geleistet wurde. Wenn es eines Beweises bedurft hätte, dah ein Bürgerverein als parteipolitisch neu­trale Organisation fruchtbare Arbeit zum Besten des Gemeinwohls leisten kann, so wäre dieser Beweis schon damals in ausreichender Weise er­bracht worden. Es war bedauerlich, daß dieser gemeinnützige Verein auch der Notzeit der ersten Nachkriegsjahre zum Opfer fiel und später nicht wieder zu neuer Wirksamkeit erweckt wurde. Bei mancher kommunalpolitisch wichtigen An­gelegenheit in den verflossenen Jahren hätte er gute Mitarbeit leisten können. Aber was bisher nicht zur Tat geworden ist, kann im Hinblick auf das, was wir zu Beginn unserer Betrach­tung sagten, jetzt verwirklicht werden. Es ist nur erforderlich, daß sich geeignete und ar»

meinte dann:Zehn Dollar sind ein bißchen viel. Aber macht nichts, behalten Sie sie nur!"

Zuweilen ist Danderbilt großzügiger gewesen. Dor einigen Jahren lag seine Luxusjacht im Hafen von Konstantinopel. Da er erfahren hatte, dah der französische Schauspieler Eoquelin in der Stadt weilte, trat er an ihn mit der Bitte heran, bei einer Abendgesellschaft einige Mono­loge vorzutragen. Am nächsten Tag empfing Co- quclin in seinem Hotel einen Scheck, den folgender Bries begleitete: .Sie haben uns gestern zum Lachen und zum Weinen gebracht. Da alle Philo­sophen in der Meinung übereinstimmen, daß es für den Menschen besser sei, au lachen als zu weinen, habe ich folgende Rechnung aufgestellt: 600 Dollars dafür, dah Sie uns sechsmal zum Weinen brachten, und 2400 Dollars dafür, dah Sie und zwölfmal zum Lachen anregten. Das macht insgesamt 3000 Dollars." Nicht immer hat sich Danderbilt so jovial benommen. Als er eines Tages in einem Zug der Neuyork-Central Eisen­bahn sah, kam der Schaffner, um die Karten nach­zusehen. Der einzige, den er nicht aufforderte, war Danderbilt, den der Schaffner kannte und von dem er wußte, daß er der Haupteigentümer der Dahn war. Danderbilt nahm das übel und hielt es für eine Nachlässigkeit in der Kontrolle. Der Schaffner mußte also den Millionär auf- fordern, nun seine Karte zu zeigen. Aber der Eisenbahnkonig konnte sie in der Eile nicht sinden. Etwas rasch, bitte, mahnte der Schaffner. Doch Danderbilt mußte gestehen, dah die Karte ver­schwunden sei.Da Sie ohne Fahrkarte reifen, erklärte nun der Schaffner im strengen Dienstton, .müssen Sie den doppelten Fahrpreis zahlen." Danderbilt konnte sich nur damit trösten, daß das Strafgeld feinem eigenen älnternehmen zugute kam!

beitswillige Bürger zusammenfinden in dem Willen, die Wiederbelebung dieses D c r e i n s in die Wege zu leiten. Cs darf da­bei nicht verkannt werden, dah zur richtigen Erfüllung dieser organisatorischen Aufgabe ein hohes Maß von Opferfreudigkeit und von ern­ster Arbeitslust erforderlich ist. Aber wir glau­ben sagen zu können, dah für diese Aufgabe Männer in unserem Gemeinwesen vorhanden sind, denen die Bürgergesamtheit nur den ge­nügenden Resonanzboden für selbstlose und sach­liche Arbeit zur Verfügung zu stellen hätte. Cs wird sich natürlich nicht darum handeln kön­nen, nur Bezirks in teressen zu vertreten, für die wir ja zum Teil schon Organisationen haben, wie z. B. den Nordostverein und die Seltersweg-Dereinigung. Die Arbeit eines neu gegründeten Dürgervereins muh vielmehr der Vertretung der ® cf am t interef f en gewidmet fein, wobei natürlich die Dertreter der einzelnen Stadtbezirke sehr wosl mitgestaltend in die Arbeit eingeschaltet werden können. Einen neuen Bürgerverein möchten wir auch nicht als eine Art Konkurrenzunternehmen gegen die par­teipolitischen Ortsvereine angesehen wissen, er muh vielmehr die überparteiliche Platt­form bar [teilen, die wir gegenwärtig noch nicht besitzen. Dielleicht wird es einem parteipolitisch neutralen Dürgerverein auch gelingen, d i e breite Schicht der Bürger, die bisher bei Kommunal­wahlen desinteressiert abseits blieb bei der letzten Kommunalwahl am 17. November 1929 gingen nur 48,56 v. H. der Stimmberechtigten zur Wahl, während 51,44 v. H. nicht abstimmten bei künftigen kommunalen Wahlgängen auf par­teipolitisch neutraler Grundlage an die Urne zu bringen. Die politischen Parteien könnten u. E. darin wohl kaum eine Schmälerung ihrer Basis erblicken, denn es würde sich ja nur darum han­deln, diejenigen Kräfte für die kommunale Mit­arbeit zu mobilisieren, die bisher wohl gerade um deswillen beiseite standen, weil sie sich für eine Wahl zum Stab trat unter parteipolitischen Gesichtspunkten nicht erwärmen konnten. Durch die Beteiligung dieser Bürger an den kommunal­politischen Entscheidungen würde aber das Fun­dament der Stadtratsarbeit fraglos bedeutend verstärkt werden, und dadurch würde auch die Gestaltung der Dinge im einzelnen nur gewinnen.

Cs wäre zu begrüßen, wenn im Hinblick auf die großen Ausgaben der künftigen Kommunal­arbeit, die schon in verhältnismäßig kurzer Zeit akut werden dürften, die hier angeregte Neu- gn.nfcung eines Bürgervereins baldmöglichst zur Tat werden würde. Aus Zweckmäßigkeitsgründen dürfte es sich wohl empfehlen, die entscheidenden Schritte zu dieser Neugründung aus dem Kreise der führenden Männer dos alten Bürgervereins zu unternehmen. Hoffentlich können wir schon bald der Oefsentlichkeit die erfreuliche Mit­teilung machen, dah durch die Neugründun<z eines parteipolitisch neutralen Dürgervereins mit dem Ziele der positiven Mitarbeit an den Ge­schicken unserer Stadt eine gute T at bürger­lichen Gemeinsinns vollbracht ist.

Oie Vorgänge

bei der Wetzlarer Stadtverwaltung.

WSN. Wetzlar, 3. Oft. Der Pressedezernent beim Landgericht Limburg teilt mit, daß auch nach dem Tode des Oberbürgermeisters Dr. Kühn die Doruntersuchung gegen die Mitbeschuldigten weilergef-hrt wird. Sie erstreckt sich bisher auf zwei städtische Beamte. Erhebliche Derfehlungen sind fest gestellt. 2m Interesse der Oeffentlichküt werden die noch nötigen Ermittelungen mit der größtmöglichen Beschleunigung betrieben. Die Angelegenheit dürfte Anfang oder Mitte Dezember in Wetzlar zur Verhandlung kommen.

Schweres Krastomnibus-Llnglirck.

Kassel, 4. Ott. (WTD. Drahtmeldung.) Heute vormittag um 6.15 Llhr ist der mit etwa 70 bis 80 Personen besetzte Arbeiter-Om­nibus, der auf der Strecke Bess,e Kas- s e l verkehrt, in der Nähe des Ortes Nieder- Zwehren umgestürzt. Die Ursache des Un­falles ist bis zur Stunde noch nicht geklärt. Der verunglückte Wagen legte sich vollständig auf die eine Seite. 8 bis 10 Personen wur­den schwer, eine größere Anzahl Personen leichter verletzt. Der Wagen wurde voll­ständig zerdrückt. Ob ein Verschulden des Füh­rers vorliegt, muß die sofort eingeleitete Unter­suchung ergeben.

Bürgerverein und Kommunalarbeit

Weltanschauung im Rundfunk.

Don Pfarrer Kornmann,Rodheim a. d.Horloff- Man hat sich vielleicht allzu stark längst daran gewöhnt, im Programm der Rundfunk­sender am Sonntagmorgcn die M o r gen feier einer der christlichen Kirchen oder Freikirchen zu finbciu Man sollte sich einmal die Entwicklung dieses Gebietes in den letzten Jahren klar machen. diese Entwicklung ist geradezu beispiel- hast für das Tempo unserer Zeit.

3m Frühjahr 1924 regte sich zum erstenmal der Gedanke, Gottesdienste oder etwas dem ent­sprechendes, eigens im Senderaum Geschaffenes zu übertragen. Die Kirche wie stets in solchen Fällen zögerte; Erfahrungen lagen nicht vor, es war ein absolutes Wagnis, dessen Mißlingen natürlich das Ansehen der wagenden Große nicht gerade gehoben hätte. So zog man cs vor, die Initiative anderen zu überlassen. Der damals weit über 1000 Mitglieder zählende Wartburgverein, Frankfurt a. M.. ein Bund evangelischer, männlicher Jugend, in dem übrigens der Gedanke selbst, Gottesdienste zu übertragen, spontan aufgckommen war, ging auch an seine Umsetzung in die Tat. So kam die erste Morgenfeier an Pfingsten 1924. Das Echo, das durch sie geweckt ward, war derart, daß als­bald weitere derartige Darbietungen ins Auge gefaßt und bann auch Wirklichkeit wurden. Aus alledem wurde dann im Lause der Zeit ein System, das, was wir heute als selbstverständ­lich empfinden.

Nach jahrelanger, praktischer Erfahrung über­nahm dann die Frankfurter Evangelische Lan­deskirche die Sendung der Morgenfeiern, we­nigstens von evangelischer Seite. Die katholische Kirche hat für den Bereich unseres Frankfurter Senders vor rund zwei Jahren Morgenfeiern auf genommen; das bischöfliche Ordinariat Mainz hatte vis dahin in dieser Frage stets eine ne­gative Haltung eingenommen. Die Frei­kirchen (Gemeinschaften) beteiligen sich schon seit Jahren an den Morgenfeiern; ebenso die Frei­religiösen Gemeinden. Die Verteilung der sonn­täglichen bzw. feiertäglichen Morgenfeiern ge- fchieht auf das Jahr berechnet, entsprechend dem prozentualen Anteil der betreffenden Weltan- schauungsgemeinschaft an der Gesamtbevölkerung.

Neben den Morgenfeiern stehen als Ergän­zung gewissermaßen, und als mehr als das, Vorträge von bestimmt weltanschaulicher Grundlage aus. Grundsätzlich wird man all das, was von klar umrislener Weltanschauung auS gesendet" wird, als missionarisch abge­zweckt betrachten dürfen. Man braucht deshalb auch nicht von der älebertragung von Gottes­diensten etwa eine Beeinträchtigung des Kirchen­besuches zu befürchten, sondern hätte derartige üebertragungen unter dem Gesichtspunkt der Seelsorge an Alten, Kranken (in Kliniken zum Beispiel), Einsamen, abgelegen Wohnenden usw. stärker zu werten.

Daß das Weltanschauliche in einer Zeit, in der die Mehrheit und die Zahl einfach entscheidet, und das Christliche im besonderen, am Rundfunk keinen ganz leichten Stand hat, kann man sich wohl denken. Jedenfalls ist es bezeich­nend, dah in dem Bericht der Leitung des Frankfurter Senders für 1929 alles Weltanschau­liche, das von evangelischer und katholischer Seite geboten ward, mit Stillschweigen über­gangen wird. Kein Wort über Morgenfeiern, kein Wort über Vorträge. Vielleicht ist es nur ein Versehen, da der Frankfurter Sender an diesen Punkten nicht der Feindseligkeit geziehen werden kann, er hat den Weltanschauungs- gemeinschasten, gerade auch den christlichen Kir­chen, gegenüber stets Entgegenkommen bewiesen. Immerhin darf man das vielleicht zum Anlaß einer Ditte nehmen: alle, die auf dem fest um­rittenen Boden einer Weltanschauung stehen, möchten ihre Gemeinschaft, in der sie stehen und die sie mitträgt, in ihrer Rundfunka.beit stützen, ünb es ist wohl nicht unbescheiden, ge­rade an Angehörige der christlichen Kir­chen den Ruf zu richten: ihr müht zeigen, daß ihr mit ganzer Kraft hinter denen steht, die im Rundfunk dem Evan­gelium seinen Platz erkämpft ha en und diesen gewahrt sehen wollen; cs wird viel Radio gehört", es wird aber z u viel ge­schwiegen über das, was man an weltanschau­lichen Darbietungen gehört hat und wobei man selbst innerlich beteiligt war. Warum nicht einmal eine Karte an die Sendeleitung schreiben? Oder an den Prediger der betr. Morgenfeier? Jedes Echo bedeutet Hilfe. Es muß der Beweis zu erbringen sein, daß TausendejedeMor- genfeierfreudig und dankbar begrü­ßen. So würde jeder e.waige Versuch, die Mor­genfeiern, Vorträge usw. zeitlich zu beschneiden, zahlenmäßig zu verringern ober sonstwie zu be­einträchtigen, von vornherein zum Mißlingen verurteilt. Wobei feflgefiellt sein soll, daß zu Ceiürd).ungen in dieser Hinsicht eben keine alute De anlassung vorlieg!!

Sollten wir Rundsunkhörer alle, die einer klaren Weltanschauung angehbren, mit denen zu­sammen, die wir hören, nicht so etwas bilden wie eine lebendige Gemein chaft? Aeußcrlich und innerlich wäre das für alle welt­anschauliche Rundfunkarbeit gewiß ein Segen!

Deutsche Steuergelder für französische Rennen.

WSN. Frankfurt a. M., 3. Olt. Aehnlich wie der vor einigen Tagen zu drei Oah'ren Zuchthaus verurtell.e St ue obe^ekretär Maaß, nur weniger um sangreich, wirtschaftete bei der Finanzkasse-Ost der Steue.sekre.äe Ru­dolf Weirich, der über sich und seine vier­köpfige Familie das Elend heraufbeschwor, nach­dem er seit dem Kriege im Dienste der Fincrnz- behorde stand. Durch Kleidernot, Krankheit in der Familie will er in Schulden geraten sein, aber sicher hat ihn S p i e l l e i d e n s ch a f t ins Hnglüd gestürzt, denn er wettete auf P f erde, die in französischen Rennen liefen, und glaubte, durch Gewinne seine Verfehlungen verdecken zu können. Hatte er fünf Mark bei einer Wette verloren, setzte er das nächste Mal zehn Mark, unb so verdoppelten sich feine Ein!ätze fortgesetzt. Die Gelder dazu konnte er von den 350 entart Monatsgehalt nicht nehmen; er griff Steuergelder an, und die llnterschlagun- gen summierten sich seit 1927 zu einem Betrag von rund 10 5 0 0 Mark. Eine Anzahl Zeugen hatten dem jetzt vor dem Großen Schöffengericht