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Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Nr 80 Zweiter Blatt

Freitag, 4. April 1930

Oer Weg nach dem Osten.

Die russische Presse hat - bet der strengen Zensur wahrscheinlich aus Veranlassung der Re­gierung - das Thema der deutsch-russischen Beziehungen erneut zur Diskussion gestellt und sich mit starkem Skeptizismus über die Perspek­tiven der nächsten Zukunst geäußert. Wobei na­türlich die Schuld allein aus deut­scher Seite gesucht wird. Die Russen haben die Unverfrorenheit. uns den Dorwurs zu machen, daß wir uns endgültig ins westliche Sy st em eingliedern und als Sturm- bock gegen Osten benutzen lassen wollen. Es gehört schon ein gutes Mah politischer Kurz- sichtigkeit dazu, um die Dinge so zu sehen. Wer die deutsche Politik der letzten Jahre auch nur halbwegö unparteiisch verfolgt hat, muß heraus- aesühlt haben, wie ängstlich wir bemüht gewesen sind, jede einseitige Bindung zu vermeiden. Wir haben eine Politik des Gleichgewichts verfolgen wollen, die uns Verbindung nach bei­den Seiten fchus. Dazu wurde der Ra­pallo-Vertrag mit Rußland geschlossen, dazu wurde als Ausgleich für den Locarno- Vertrag der Berliner Vertrag wieder mit Rußland unterzeichnet. Allerdings auch das muß einmal offen ausgesprochen werden.

Die Hoffnungen, die aus deutscher Seite in den Rapallo-Vertrag gesetzt wurden, haben- sich nicht erfüllt, allein aus der Schuld Rußlands heraus, das wohl außenpolitisch mit uns kokettieren, aber uns doch nur als Lockspeise für die wohlhabenden Amerikaner mißbrauchen wollte Wir hatten gehofft, daß die Ankurbe­lung der Beziehungen zu Rußland auch wirt­schaftlich sich auswirken würde Die Russen haben das bewußt zu verhindern gesucht. Sie haben zwar unsere Kredite in Anspruch genommen, sie haben deutsche Un­ternehmungen dazu verleitet, große Kapitalien zu investieren Aber einen Vorteil davon hoben wir nicht gehabt Das Geld, das Durd) die deutschen Kredite frei wurde, haben die Russen zu Einkäufen in England und Ame­rika benutzt. Die deutschen Riederlassungen haben sie schikaniert und steuerlich abzudrolseln versucht in demselben Augenblick, wo sie glaubten, sich in das warme Bett legen zu können.

Politik ist nun einmal keine Sache des Prin­zips. sondern eine Sache des Erfolgs. Deutschland kann es sich nicht leisten, hinter Rußland herzulaUfen, wenn bei dem Geschäft brutal gesprochen nichts herausspringt, wenn vor allem der einzige Dank der ist, daß die kommunistische Internationale Unsummen nach Deutschland wirst, um damit den Bürger­krieg zu entfachen Reichsaußenminister Dr. E u r t i u s hat kürzlich mit dem russischen Bot­schafter eine längere Unterredung gehabt und ihm keinen Zweifel darüber gelassen, an welch kri­tischem Wendepunkt die deutsch-russischen Beziehungen heute angelangt sind. Rur durch russische Schuld, und nur Rußland hat es in der Hand, eine Aenderung herbeizuführen. Das Spiel mit verteilten Rollen zwischen der russischen Außenpolitik und der dritten Internationale muß aufhören. Wenn Rußland Wert dar­auf legt, weiterhin mit uns politisch zu arbeiten, dann muß es feine Hehapostel aus Deutschland zurückziehen. Dann muß es aber auch dafür Borge tragen, daß die deutschen Kaufleute die crforberlidje Bewegungsfreiheit auf russischem Boden haben. Denn ein Rußland,

das uns die Freiheit nach dem Osten versperrt und dafür nur unseren inneren Frieden unter­wühlt, ist für uns wertlos, dann zwingt Ruß­land uns eben, den Anschluß nach Westen zu suchen, und darf sich nachher nicht beklagen, wenn es durch seine eigene Politik dieses auch uns an sich durchaus unwillkommene Ergebnis schließlich erreicht.

Derlehrswerbung an her Lahn.

WSR. Bad Ems, 3. April. Unter dem Dor­sch von Landrat Scheuern, Diez, hielt gestern nachmittag der Derkehrsverband der Lahn hier feine Jahreshauptversammlung ab. Aus dem vom Geschäftsführer Rausch, Lim­burg, erstatteten Jahresbericht ging hervor, daß der Verkehr an der Lahn in den letzten Jahren stark gestiegen ist. Die Bestrebungen der oberen Lahnstädte Gießen, Marburg und Biedenkopf, in einem Jnteressenverband die Bestrebungen des Verkehrsverbandes der Lahn sich zunutze zu machen, seien zu begrüßen.

Wenn auch diese Interessengemeinschaft nicht in 1 allen Fragen mit dem Verband zusammengehen I würde, so sei doch ein Schritt zur weiteren För­derung der Derbandsbestrebungen erreicht wor­den. Rach dem Kassenbericht hatte der Verband im letzten - Jahre 13101 Mark Einnahmen und 12 566 Mark Ausgaben. Der Voranschlag für 1930 wurde in Einnahme und Ausgabe gleich­lautend auf 13 000 Mark festgesetzt. Als Werbe- mahnahmen für 1 9 3 0 wurden festgelegt: Werbeanzeigen in allen maßgebenden Tages­zeitungen. die für den Zuzug der Fremden in das Lahngebiet bürgen, Stärkung des Wochen­endverkehrs, Vertrieb des Gaststättenverzeich­nisses, der Werbeplakate und der Lahnsührer, sowie Vertrieb des Films ..Das schöne Lahn- lal" in 2000 deutschen Lichtspielhäusern, Aus­bau des Eisenbahn- und Schiffahrtsverkehrs, Aus­stellung einer Derkehrsstatistik durch die einzelnen Mitglieder des Verbandes und restlose Zusam­menarbeit aller interessierten Kreise mit dem Verband.

Haupt-Versammlung der Hessischen Landwirischastskammer.

WSR. Darmstadt, 3. April. Im großen Sitzungssaal des Landeslirchentages trat heute die Hessische Landwirtschaftskammer zu i hrer zweiten Hauptversammlung zusammen, zu der die Referenten der Land- Wirtschaftsabteilung des Wirllchaftsministeriums erschienen waren

Präsident Hensel

begrüßte die Erfchienenen und gedachte des ver­storbenen Ministerialdirektors Hebel, der sich um die Landwirtschaft unvergängliche Verdienstc erworben habe, uud des Kammermitgliedes Geyer. Hof - Sassen tKreis Lauterbach» und führte dann in einem Rückbltcl auf d i c landwirtschaftliche Lage u. a. aus Als ich vor drei Monaten den Vortragskursus an­läßlich der landwirtsd)astlichen Woche eröffnete, mußte ich zu meinem Bedauern feststellen, daß die Lage unserer hessischen Landwirtschaft nicht besser geworden ist, sondern sich noch weiter verschlechtert hat. Leider sind die Verhältnisse auf vielen Gebieten der landwirtschaftlichen Pro­duktion inzwischen noch schlechter geworden

(Eine große Anzahl landwirtschaftlicher Erzeug, nisse hat z. I sehr erhebliche Preisrückgänge erfahren.

Ganz besonders gilt dies von der Milch, deren Erzeugungskosten ganz erheblich gestiegen find, während die Anforderungen der Verbraucher an die Milch in hygienischer Hinsicht gestiegen sind Kostet doch die Milch ab Stall in großen Er­zeugergebieten heute kaum den Dorkriegspreis. und sortgesetzt sind Bestrebungen seitens des Handels, besonders in Frankfurt a. M.. im Gange, den Erzeugerpreis noch weiter zu senken. Hm die Umstellung zur Qualitäts­lieferung von Milch, Butter und Käse zu erleichtern, sind entsprechende Zölle un­bedingt erforderlich, besonders aber für Mild), denn was hilft der Butterzoll, wenn die Aus­

landmild) zollfrei euigcführt und in Grenzmolke- reicn auf deutscher Seite zu Butter verarbeitet wird. Die Schwierigkeiten bei Gemüse und Obst sind neben dein Organisationsmangel hauptsäch­lich in der Masfeneinfuhr von ausländischem Ge­müse und Obst begründet. Alle Standardisie- rungSbestrebungen und Aufwendungen für Glas- hauslulkuren sind zwecklos, wenn die Schleu­derkonkurrenz des Auslandes nicht öurd) entsprechende Zölle auf ein vernünftiges Maß zurückgeführt wird. Wenn hier nicht rasch geholfen wird, sind unsere Gemüsebauern erledigt Ein ebenso trauriges Kapitel ist die Rotlage unseres Winzerstandes, der nicht nur schlechte Preise erhält, sondern vielfach überhaupt keinen Absatz hat. Daß wir auf den sonstigen Gebieten wie Getreidebau, Vichwirtschaft. Geflügelzucht, Tabakbau usw. die Hände nicht in den Schoß legen, ist selbstverständlich.

wie katastrophal die Lage der hessischen Ctmb- roirte ist, ergibt sich u. a. daraus, daß der Rind viehbesiand In Hessen um nicht weniger ab

22 000 Stück abgenommen hat.

Sachliche Erörterungen linden vielfach kein Ge­hör. weil der Klassenhah solche Fortschritte macht, daß zeitgemäße Forderungen der Land­wirtschaft oder einer anderen Wirtschaftsgruppe keine Berücksichtigung sinden. Wir wollen die Auswirkungen der inzwischen angenommenen Zoll­vorlagen abwarten und werden uns freuen, wenn unsere Befürchtungen bezüglich der Unzulänglich­keit der getroffenen Zolländerungen nicht zu- träfen.

Inzwischen ist die Regierung, welche insbe­sondere in der Frage der Finanzierung der Ar­beitslosenversicherung nicht mehr ein noch aus wußte, aufgeflogen. Dank der Initiative des Herrn Reichspräsidenten ist innerhalb von zwei Tagen eine neue Regierung gebildet wor­den Vielleicht darf die deutsche Landwirtschaft hoffen, daß es endlich besser wird. Unter den

Sine fipburgerifiartinäntfier-Senlmünje zur 400-Zahrseier der Augsdursischen Konfession.

Während der Dauer des Augsburger Reichstag» weilte Luther auf der Feste Koburg.

neuen Männern, welche die Forderung der ^Grü­nen Front' unentwegt durchfechten. ist Schiele durch erneute Hebern ahme bet Rcichscrnährungs- ministeriums in den Vordergrund getreten. Be­dingung feines Eintritts in die Regierung war, daß die Regierung der deutschen Land­wirtschaft endlich eine durchgrei­fende Hilfe angedeihen läßt, insbesondere für die Landwirtschaft im deutschen Osten ent­scheidende Schritte tut, damit sie nicht von der polnischen Machtgier autgesogen wird.

lieber Sein und Richtfein der deutschen Land- roirtfd)aft, ja der gesamten deutschen wirtschaft wird in der nächsten Zeit entfd)ieben werben.

Möge es den Männern der .Grünen Front" und dem neuen Reich Zernährungsminister Schiele, welcher von unserem hochverehrten Herrn Reichs­präsidenten gestützt wird, gelingen, die Landwirt­schaft und die deutsche Wirtschaft lebensfähig zu erhalten.

Xnlflerialbitettor Professor Wer

entschuldigte den durch die Beratungen deS Fi­nanzausschusses verhinderten Minister K 0 r c 11, dessen Grüße und Wünsche er überbrachte. Das Ministerium werde wie seither zur Pflege und zur Linderung der Rot der Landwirtschaft in engster Verbindung mit der Kammer zusammen­arbeiten Gewerbe, Handel und Handwerk wür­den vom Ministerium ebenso betreut, da das

Oie Gudporexpedttivn des Kapitän (Scott."

Hessisches 'jani>ceil)cntcr Darmstadt

Man erinnert sich, im Rovember des Jahres 1911 brach der englifcNe Kapitan Robert F. Scott, der schon an der früheren Expedition Shackle- tons hervorragenden Anteil gehabt hatte, mit 30 Männern, mit Ponys, Hunden und Schlitten zum Südpol auf, den Shackleton nicht mehr er­reicht hatte.

Um die gleiche Zeit war Roald Amundsen mit einer anderen Expedition nach dernfelben Ziel unterwegs. Amundsen hatte Glück. Scott hatte Unglück. Amundsen hatte über 100 Kilo­meter Vorsprung. Cs gab ein phantastisches Wettrennen zum Pol. Scott war infolge von Rebel, Sturm und Verlust seiner Ponys schon auf dem Hinmarsch nahe daran, zu scheitern.

Ende Dezember läßt er die Hunde zurück und alle Begleiter bis auf vier. Mit diesen, Bo- wers. Evans, Oates und Dr. Wilson, bewältigt Scott in wilden Märschen die letzte Etappe, er­reicht am 18. Januar 1912 den Südpol - und findet da die norwegische Flagge AmundsenS aufaepflanH. der schon vier Wochen zuvor am Ziel gewesen war.

Amundseii hatte auch auf dem Heimweg Glück. Vierzehn Tage nach Scotts Ankunft am Pol war die 5ram" schon unterwegs nach Rorden. Scotts Expedition geht auf einem fürchterlichen Rückmarsch zugrunde. Evans wird wahnsinnig und stirbt. Oates verläßt wenig später tod­krank das Zelt, um die Kameraden zu retten. Scott mit den beiden letzten stirbt Ende März . 18 Kilometer vor dem rettenden Depot.

Im Rovember des Jahres wurden sie dann gefunden, mit ihnen die Briefe und Tagebücher Scotts der bis ganz zuletzt feine Aufzeichnun­gen gemacht hatte.

Das ist die geschichtliche Grundlage des vor kurzem in Berlin uraufgeführtenSpiels in drei Teilen" von Reinhard Goering. Goering der übrigens Mediziner ist, wurde, als der Ex- presfionismus noch das Feld beherrschte, vor allem mit den SchauspielenSeeschlacht" und Scapa Flow" sehr bekannt. Dann hat man lange nichts mehr von ihm gehört, bis zur Aufführung des neuen Stuckes vom Kapitän Scott.

*

Genau der gleiche Stoff ist von Dem Dichter Stefan Zweig in einem Bändchen historischer Miniaturen behandelt worden, die unter der ge­meinsamen Hcberschrift .Sternstunden der Mensch­heit" erschienen. Zweig schlldert auf Grund der feststehenden Tatsachen knapp, llar, aber mit einer überall spürbaren Leidenschaftlichkeit, in vorbildlichem Stll und dichterischer Sprache den erschütternden Hergang... in Form eines ganz sachlichen, mit genauen Daten belegten Berich­tes von Scotts Auszug, Sieg und Riederlage, von seinem heldenhaften Kämpfen und Sterben.

Daß hier der Sieg (die Erreichung des Pols) mit der Riederlage (weil dem Rorweger die bitter erkämpfte Entdeckung zuvor schon geglückt war) schrecklich in eins zusaminenfällt: das gibt der Schilderung den tragischen Akzent. Daß es ferner nicht um einen sportlichen Rekord, sondern - für Scott um eine große Idee und um die Ehre eines mächtigen Volkes ging das stellt fein Schicksal ins Außerordentliche, gibt ihm die menschliche Größe, .. das macht die ent­scheidende Stunde am 16. Januar (als sie zuerst in niederschmetternder Enttäuschung erkannten, daß Amundsen ihnen zuvorgekommen war) - zu einer Sternstunde der Menschheit, zu einem weltgeschichtlichen Datum.

Man muß die Knappe, klare und volllommen dichterisch empfundene Gestaltung Zweigs ge­lesen haben, um die ganze Hilflosigkeit Goerings vor dem gleichen Stofs zu erkennen. Gewiß spürte auch er die tragische Gröhe und die schick- falhafte Gültigkeit dieser Fabel, welche eine der erschütterndsten ist in der jahrhundertalten, heroischen Chronik des Kampfes um die äußer­sten Pole der Welt.

Aber er hat die Fabel nicht zu gestalten ver­mocht. er hat versagt, er hat nicht gesehen, daß hier vielleicht überhaupt nur eine (die von Zweig gewählte. Form künstlerisch möglich war, daß aber jedenfalls eine dramatische Fassung, wie sie jetzt versucht wurde, aus inneren Grün­den von vornherein ausscheiden mußte. Dieses Drama in der Eiswüste war nie bühnenmäßig zu formulieren, selbst eine stärkere dichterische Energie, als Goering sie einzusehen hatte, würde daran gescheitert sein.

Was er gibt, ist primitiv bis zu einer fast kindlich anmutenden Hnbeholsenheit. Ein einziges Mal wittert man so etwas wie dramatische Spannung im eigentlichen und von jeher gülti­gem Sinne wenn der todkranke Oates gegen den Willen seiner drei Kameraden, schon im An­gel icht des nahen Todes, das Zelt verläßt und sich bann still davonschleppt ins Grenzenlose, um einsam zu ft erben und die vielleicht doch noch mögliche Rettung der halbwegs gefunden Be­gleiter nicht zu gefährden.

Im übrigen ist, was Goering bringt, im besten Falle ein Schaustück, ein Wandelpanorama ge­stellter Bilder ... in einem dauernden hoffnungs­losen Kampf mit den Grundelementen der Zeit, des Raumes und der Bewegung im Raum. Er erzählt, sich in den Mitteln vergreifend, auf der Bühne wie Stefan Zweig im Buche. Er erzählt weitschweifig, pathetisch man spürt den späten Rachklang expressionistischer Ekstase mit ermüdenden Wiederholungen, mit Erinne­rungen, Dergleichen und Prophezeiungen ... in einem illusionistischen Stll (der dennoch kaum je dichterisch gesteigert wird, sondern fast überall im Literarischen steckenbleibt), in einem Stll, fern von der kristallenen, durchsichtigen Gegen- ständlichkeit in Zweigs Schilderung, dem die in

ihrer Einfachheit und menschlichen Gröhe über­wältigenden Aufzeichnungen Scotts vor Augen skanden.

(Scotts Bericht schließt mit den Worten ..Schickt dies Tagebuch meiner Frau!" Die beiden letzten Worte waren ausgestrichen. Darüber ge­schriebenemeiner Witwe".)

Bei Goering reden die fünf Männer der Ex­pedition lang und breit, ausführlich und un­wahrscheinlich, und ein Sprechchor tritt aus (zu­sammengesetzt aus Reportern oder Chronisten), dem wohl die auherordentliche Aufgabe des Chors in der antiken Tragödie zugedacht war: aber er wirkt wie eine verspätete Reminiszenz an die Herolde undCinschreier" des mittel­alterlichen, primitiven Schauspiels oder an die Bänkelsänger neuerer Zeit Was die handelnden Personen nicht sagen, sagt der Chor: er begleitet und wiederholt mit dürren Worten die mühsam ins Bild übertragenen Dorgänge. Wieviel ein­facher. einheitlicher und kürzer wäre alles in einem ruhig nacheinander erzählenden Aufsatz, einem Bericht, einer Chronik vorzubringen ge­wesen. (Oder eine andere Möglichkeit im Film.)

Spätestens nach dem zweiten Teil ist das Spiel" zu Ende. Ein dritter Teil ist angefügt ohne erkennbare Rotwendigkeit um der un­fehlbaren Wirkung willen, die von diesem Bild aus das Publikum übergehen muhte.

Die Heimkehr ... Amundsens. An der Lan­dungsbrücke steht Lady Scott, die Witwe, mit ihrem jungen Sohn Sie zittert und jubelt dem einlaufenden Schiff entgegen. Aber das Schiff setzt nicht die englische, sondern die norwegische Flagge, es ist nicht dieTerra Nova", sondern die Fram", es bringt nicht Scott, sondern Amundsen. Amundsen, der Sieger, kehrt heim, stürmisch begrüht und gefeiert. Scott liegt mit seinen Kameraden im gläsernen Sarg der weihen Hnendlichkeit. Roch einmal erscheint das Zelt, noch einmal intoniert der Chor, dann fällt der Dorhang.

Wenn dennoch Erschütterung ausging von die­sem Abend und ein nachhallender Eindruck haften blieb, so war das in der Wucht und der Hnerbitt- lichkeit der überlieferten Dorgänge begründet, welcher sich niemand entziehen kann, und die auch eine in allen Stücken unzulängliche Rach- geftaltimg nicht zu ersticken vermochte.

Was der Dichter verfehlt hatte, suchte die als technische Leistung erstaunliche Aufführung des Hessischen Landestheaters in Szene gesetzt von Günter H a enel und Wilhelm Bein­ling zu erzwingen. Da auch die geschickteste und mit den raffiniertesten Mitteln arbeitende Regie etwas nur Erzähltes und Geredetes nicht ins Drama verwandeln kann, muhte man sich darauf beschränken, das Schaubild Goerings so

eindringlich, lebendig und wirksam wie möglich vorzustellen. Das ist auf der Linie des zur Zeit Erreichbaren gelungen.

Die Regie machte aus dem Rede- und Lese- Stück wenigstens stellenweise so etwas wie einen Film oder ein Wandelpanorama und bemühte sich mit Drehbühne, verteiltem Sprechchor, ein­fachen und doppelten Projektionen auf den Hintergrund (im neuen Berliner Stil) die fast unüberwindlichen Probleme von Zeit, Raum und Bewegung zu einer annäherungsweisen Lösung zu bringen. Der Verfasser hat jedenfalls Grund genug, sich bei der Spielführung für das zu be­danken, was sie aus dem ungeformten und mit feinen Mitteln ungestaltbaren Stoff hervor- zauberte.

Abgesehen von diesem technischen Bravour­stück blieb die Aufführung matt, ohne innere Wärme, verfangen im spröden Text, auch dar­stellerisch nicht recht einheitlich und ohne Höhe­punkte. Von den fünf Polwanderern erschien am klarsten die tragische Erscheinung des Ritt­meisters Oates in der einfachen und vornehmen Gestaltung von Bernhard Minetti. Merk­würdig bläh und ohne Profil der von Nürn­berger 'gegebene Scott. Dann ® a 11 i n g e r (Wilson). Hinz iBowers), Wemper (Evans): den Amundsen sprach W e ft e rin a n n energisch und knapp. Inge Conradi bemühte sich um die Rolle der Lady Scott.

Starker Beifall schien in erster Linie der Auf­führung zu gelten. hth.

Oer blaue Enqel" ein Tonfilm.

Der Hfa-TonfllmDer blaue Engel", nach Heinrich Manns bekanntem Roman von Carl Zuckmayer und Karl D 0 11 m 0 e 11 e r bearbeitet Musik von Friedr.Holländer, hat in Berlin seine Erstaufführung erlebt und vor einem ausgesuchten Premierenpublikum starken Anklang gefunden. 3m Mittelpunkt der Handlung steht ein Ghmnasialprofesfor, welcher bei dem Versuch, die ihm anvertrauten Schüler vor gefährlichen Abwegen zu bewahren, selber der Verführung einer Brettldiva erliegt, fie heiratet, seinen Beruf aufgibt, von Stufe zu Stufe sinkt, in geistige Umnachtung fällt und schließlich vom Tode erlöst wird. Die Rolle wurde von Emil Jannings in höchster Vollendung gespielt. Auch seine Partnerin Marlene D i e t - r i ch (Lola Lola) zeigte eine bedeutende dar­stellerische Leistung. Die Regie führte der mit demHnterwelf'-Fllm schnell bekannt gewordene Josef von Sternberg. Die Schauspieler muh­ten sich nach Beendigung der Aufführung immer wieder dem beifallspendenden Publikum zeigen. Anerkennenswert war in technischer Hinsicht die Begleitung des Blldes durch den Ton (Gespräch, Gesang, Rebengeräusche). Zwar haftete der Wiedergabe stellenweise noch eine gewisse Hn- Natürlichkeit, metallische Härte und der typische Klangfilm-Charakter an. Immerhin beruhte der starke Erfolg nicht zuletzt gerade auf der tech­nischen Leistung des Wertes.