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alle Genüsse beansprucht, sondern der, der sie entbehren kann! Am größten ist die Gefahr der Verwöhnung beim einzigen Kinde, auch so ein Sorgenkind dieser Zeit, in der Wohnungsnot und wirtschaftlichen Bedrängnis in Tausenden von Ehen nicht einmal das „Zweikindersystem" mehr gestatten! Moricke läßt ein solches Kind einmal resigniert ausrufen: 3ft eben alles
an mir hängen blieben. Ich habe müssen die Liebe, die Treue, die Güte für ein halb Dutzend allein aufessen." Das schlimmste aber: Bruder und Schwester fehlen, niemand macht ihm etwas streitig, auf niemand hat es Rücksicht zu nehmen, es wird zum Egoisten. Hier hilft nur eins: gebt dem Kinde so früh wie möglich Kameraden! Denn nur durch Umgang mit Gleichalterigen schützt ihr das Kind vor Selbstüberschätzung und Ungeselliakeit, erst dann wird es seiner selbst ganz froh, und nur auf diesem Wege erhaltet ihr ihm jene Frische, Ursprünglichkeit und innere Lebensfülle, die die Natur jedem Kinde mitgibt und die das schönste am Menschen ist. Man sei auch ja nicht zu bedenklich in der Auswahl der Gespielen! Cs schadet nichts, wenn sich das Kind beizeiten bewußt wird, daß Menschen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens geboren sind, auch ihre Daseinsberechtigung haben.
Es ist in der Entwicklung unserer Zivilisation begründet, wenn die moderne Zeit der Jugend weit mehr Freiheit gewährt als früher. Um so häufiger siikd daher heute die Sorgenkinder, die ihren Eltern plötzlich über den Kopf wachsen, sich ihnen entfremden, und über deren vorlautes Wesen, Eigensinn und Trotz Bater und Mutter klagen. Lind der Grund? Dte Ueberspannung der elterlichen Autorität. Eltern dürfen nicht versäumen, in der Reifezeit, in der das Ich des Kindes nach Geltung verlangt, ihm ihre Liebe fühlen zu lassen, auf Bevormundung zu verzichten und ein kameradschaftliches Bertrauensverhältnis an Stelle der Autorität zu sehen. Rur so wird eine innere Entfremdung vermieden, wie sie etwa John Ruskin in seinen Kindheitserinnerungen schildert: „Ich ha"' nichts zum Liebhaben. Meine Eltern waren für mich gewissermaßen sichtbar gewordene Ratur^.walten: ich liebte sie nicht anders als die Sonne oder den Mond."
Und schließlich noch eit Sorgenkind von heute, das Kind, das in der Schule nicht vorwärtskommt! Durch den Zudrang der Jugend zu den höheren Schulen ist heute ihre Zahl Legion geworden. Wieviele, die das Verlangte einfach nicht leisten können, aber mit Nachhilfestunden und dergleichen unter allen ilm« ständen durch die höhere Schule hindurchgetrieben werden sollen, ganz gleich, ob ihnen das Leben zur Qual wird! „Die weitaus größte Zahl der verfehlten Daseinsformen kommt auf die Rechnung elterlichen Ehrgeizes," sagt Heinrich Lhohky mit Recht. Wieviel Seelennot unserer Jugend hat schon der Wahn verschuldet, in ein Kind lasse sich alles hineizierziehen und man könne aus ihm ein Ebenbild seiner selbst machenlRetn, jedes Kind ist ein eigener, ganz anderer Mensch als wir, der die Richtung seiner Entwicklung von Anfang an in sich trägt. Häufig zeigen derartige Sorgenkinder Geschick und Anstelligkeit in praktischen Dingen. Den Eltern sollte es dann völlig gleichgültig sein, was die »Leute" und Verwandten dazu sagen: sie sollten sich nur von Steigung und Anlage ihres Kindes leiten
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Aus der provinzialhanptstadt
Gießen, den 4. Januar 1930.
Sorgenkinder von heute.
Don Dr. K. Weiherl.
— Tageskalender für Samstag. Gewerkschaftsbund Deutscher Lokomotivführer: Stiftungsfest, 20 Uhr, Turnhalle Am Oswalds- garten. — 1. Gießener Billard-Club: Generalversammlung, 20.30 Uhr, im Cafe Amend. — Artillerie-Derein: Monatsversammlung, int Vereinslokal. — Lichtspielhaus Bahnhofstraße: „Schwarzwaldkinder" und „Kehre wieder, Afrika". — Astoria-Lichispiele: „Frauengasse von Algier" und „Der geheimnisvolle Spiegel".
— Tageskalender für Sonntag. Stadttheater: „Das tapfere Schneiderlein" und „Kyritz — Pyrih", 15 bis 17.30 bzw. 18.30 bis 21 Uhr. — Goethe-Bund: Lichtbildervortrag von Professor Dr. Behounck „Mit dem Luftschiff zum Rordpol", 20 Uhr, Reue Aula. — Lukas- gemeinde: Familienabend im Lukassaal, 20 Uhr. — V. f. B.: Fußballwettspiel gegen die 1. Fußballmannschaft des Linienschiffes „Hessen", 14.30 Uhr. — Lichtspielhäuser: Programm wie am Samstag.
— StadttheaterGietzen. Man schreibt uns au3 dem Stadttheaterbureau: Da das diesjährige Weihnachtsmärchen, wie der Besuch zeigt, bei groß und klein sehr starken Anklang gefunden, hat sich die Intendanz dazu entschlossen, am Sonntag, 5. Januar, 15 Uhr, zum letzten Male „Das tapfere Schneiderlein" zu geben. Diese Kindervorstellung findet zu ermäßigten Preisen statt. Besetzung, Musik, Büh- nenausstattung, Kostüme. Tänze ... alles bleibt wie bei der Erstaufführung. Das Ehepaar Däulke tanzt wiederum die Tanzeinlage tm letzten Akt. 18.30 Uhr wird das diesjährige Silvesterstück „K y ri h-P yri h", das am Silvesterabend einen Beifallssturm hervorgerufen hat, zum ersten Male wiederholt. Spiellettung: Heinrich Hub. Am Dirigentenpult: Fritz C u j e. Bühnenbilder: Karl Löffler. Kostüme: Curt Huber. Beleuchtung: Ludwig Keim.
— Der G oethe-Dund bittet uns, an dieser Stelle nochmals auf den morgen abend stattfindenden Vortrag von Professor Dr. Franz Behounck hinzuweisen. Dehounek hält einen Lichtbildervortrag über seine Erlebnisse auf der Nobile-Nordpolarexpedition. (Siehe heutige Anzeige.) e
•• Der Kreistag deS Kreises Gießen ist auf Samstag, 18. Januar, in das Regierungsgebäude zu Gießen zur Konstituierung des Kreistages und der Wahl der KreiSaus- schußmitglieder einberufen worden.____________
♦* Militarpersonalien. Durch Verfügung des Reichswehrministeriums wurden mit Wirkung vom 1. Januar 1930 ab der Kommandeur des 1. Bataillons Inf.-Regts. 15 und Landeskommandant in Hessen, Major Lüters, zum Oberstleutnant und Leutnant Voigtsberger in der M.-G.-Kompanie des 1. Batls. I.-R. 15 zum Oberleutnant befördert.
** Freigelassen und wieder verhaftet. Der vor einigen Tagen unter dem Verdacht der Wilddieberei von der Polizei verhaftete franzosissche Staatsangehörige Mortaigne war von dem Amtsgericht, wohin ihn die Polizei verbracht hatte, wieder auf freien Fuß gesetzt worden. Gestern wurde Mortaigne auf Anordnung des Untersuchungsrichters beim Landgericht der Provinz Oberhessen erneut verhaftet und nunmehr dem Untersuchungsgefängnis zugeführt. Bei dieser Gelegenheit sei berichtigend bemerkt, daß Mortaigne bei seiner ersten Verhaftung dem betreffenden Polizeibeamten nicht die Schußwaffe abgenommen hat. Wohl hat er versucht, dem Beamten die Waffe zu entreißen, der Versuch ist ihm aber mißlungen, da der Beamte durch geschicktes Verhalten das Vorhaben Mor- taignes vereitelte. ,
•• Die Fußballmannschaft des Q t * nienschiffs „Hessen", die am morgigen Sonntagnachmittag auf dem V. f. B.-Platz gegen die V. f. B.-Liga zum Fuhballwettspiel antreten wird, traf gestern abend unter Führung eine« Leutnants zur See hier ein. Die Mannschaft weilt hier beim Verein für Bewegungsspiele und beim Marineverein zu Gast.
** Akademische Kurse für Kaufleute und Gewerbetreibende. Die Industrie- und Handelskammer Gießen und die Gießener Hochschulgesellschaft veröffentlichen in unserem heutigen Anzeigenteil eine Einladung zu akademischen Kursen für Kaufleute und Gewerbetreibende. Die Vorträge werden in der Zeit vom 16. Januar bis 20. März im großen Hörsaal des Vorlesungsgebäudes der Universität stattfinden. Vortragende sind die Universitätsprofessoren Dr. M o m b e r t, Dr. R o s c n b e r g, Dr. A u l e r und Dr. Klute. Die Kurse sollen von jetzt ab in jedem Winter stattfinden und zu einem regelrechten Lehrgang in den einzelnen Wissensgebieten ausgebaut werden. Näheres ist aus der Anzeige ersichtlich.
'* Viehmärkte in Gießen. Am DtenS- tag nächster Woche findet hier Rindvieh-(Nutzvieh-) Markt statt, am Mittwoch wird Schweinemarkt abgehalten.
(DJeifere Lokalnachrichlen im 3. Blatt)
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D^ nervöse Kind! Ein rechtes Sorgenkind von heute! Ueberempfindlichkeit und Erregbarkeit kennzeichnen es, und während das körperlich und seelisch widerstandsfähige Kind den Stoßen des Lebens seine ungebrochene Energie entgegenftellt, kämpft das nervöse mit inneren Spannungen und Widerständen. Durch die Un- sähigkcit, die Gedanken zu konzentrieren, wird es in Schule und Leben immer wieder um den Erfolg gebracht. Aufgabe der Eltern ist es, von einem derartigen Sorgenkinde alle zerstreuenden Ablenkungen fernzuhalten, ihm Ruh? und Samin- lung, einen geordneten Tageslauf sowie ausreichenden Schlaf und Gelegenheit zu gemäßigter sportlicher Betätigung zu geben. Ein harmonisches Familienleben mit einem gut organisierten Alltag wirkt hier Wunder!
Man klagt heute über Verschwendungssucht und Mangel an Arbeitswillen in unserer iungen Generation. Hängt es nicht damit zusarmnen, daß die Verwöhnung der Jugend m manchen Familien wieder ungeheure Fortschritte gemacht hat? Man denke nur an die Unmenge teurer Sachen, mit denen die Kinder überhäuft werden! Ist es ein Wunder, wenn sie anspruchsvoll und schließlich blasiert werden? Man will dem Kinde Gutes tun, hat aber nur sein augen- blickliches Wohlbehagen, nicht seine künftige Wohl- fahrt im Auge. Denn Verwöhnung heißt m Unkenntnis darüber gehalten zu werden, daß man sich jeden Wert im Leben schwer zu erringen hat. Verwöhnung heißt, zu früh in das Genuhleben der Erwachsenen eingeführt werden. Der für den Lebenskampf Vorbereitete ist aber nicht der, der
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Im ersten Lebensjahre steckt der Mensch" — sagt Theodor Fontane in Kindheitserinnerungen. Wieviel weniger Sor- aenkinder gäbe es, wenn Eltern sich dessen von Anfang an bewußt wären! Hält es der kleine Erdenbürger aber — um nur ein Beispiel zu nennen - für selbstverständlich, die Eltern lebe Nacht zu mobilisieren, entbehrt er einer rechtzeitigen Erziehung, die ihn an Ordnung gewohnt, so ist er auf dem besten Wege, ern Egoist m werden. Wenn sein harmloses Spiel fortwährend unterbrochen- wird und jeder Erwachsene ihn durch Unterhaltung, durch andere ©egen- stände, die er ihm zeigt, immer wieder nach anderer Richtung hin anregt und ablenkt, so wird er durch die Ueberfülle wechselnder Sinnesein- drücke launisch und verdrießlich. Das Kind mcht in Frieden zu lassen, das ist das grösste Derbrechen der gegenwärtigen Erziehung, so warnt Ellen Key. Auch a.rs einem Zuviel an „(Br* ziehung" werden einmal Sorgenkinder, und schon für die Kleinsten sind Regelmäßigkeit, Ordnung und ein ungestörter Tageslauf tue größte Wohltat Das Wort E. M. Arndts, „tue Erziehung soll nicht sein ein Ziehen und Zerren, sondern ein Leiten an unsichtba r e r Hand , gilt ganz besonders für die ersten Lebensjahre, und Fehler, die hier gemacht werden, rachen sich bitter: Ungehorsam, Flatterhaftigkeit und Nervosität so manchen Sorgenkindes haben hier ihre
lassen und dieses einem praktischen Berufe zuführen. von dem heutzutage mehr denn je Goe- thes Wort gilt: „Dem Tüchtigen ist die Welt nicht stumm!" Nur so sichern sie ihrem Kind sein Lebensglück.
Eins fehlt allen Sorgenkindern von heute mehr oder weniger: das Natürliche, Unverbildete, der aus der Gesundheit des Leibes und der Seele fliehende ungekünstelte Frohsinn, die zusammen doch den tiefsten Lebensrhythmus des jugendlichen Wesens ausmachen! Dieses dem Kinde von seinem ersten Lebensjahre an zu sichern, muh die höchste Aufgabe der Eltern sein: denn nur aus Freude und Fröhlichkeit quillt jenes erhobene Daseinsgefühl, jener innere Schwung unseres 2chs, mit dem wir alltäglich die Widerstände des Lebens und alle Weltverdrossenheit zu meistem ver-
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Gießen, 2. Januar 1930.
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