Aus -er Provinzialhauptstadt.
Gießen, den 3. Dezember 1930.
Weihnachten entgegen.
Wir schreiten jetzt mit raschen Schritten auf Weihnachten zu. Die Datur freilich ist noch nicht weihnachtlich gestimmt. Ob eS die Menschen sind? Ganz so einfach ist es für den Gegenwartsmenschen nicht, sich in weihnachtliche Stimmung zu wenn man ihr mehr zubilligt als den Flitter des Aeuherlichen. Denn das Weihnachtsfcst ist ein Fest des Friedens. Aber von Frieden sind wir weit entfernt. Diel zu stark und zahlreich sind die Dinge, die uns abdrängen, viel zu sehr tragen wir innere Llnrast, werden bewegt von Fragen der verschiedensten Art, die alle mehr oder minder stark Unfrieden in sich bergen.
Wir haben begonnen, unser Dasein bewußt zu leben, zu gestalten. Wenigstens in den äußeren Dingen. Da ist keiner mehr, der sich irgendwie abseits stellen und sagen kann: All das Getriebe geht mich nichts an. Manches, vieles sogar kann er übersehen, unbeachtet lassen, und es fehlt auch nicht an Fragen, die ihn nicht unmittelbar berühren. Aber Beziehungen zu ihnen hat auch er, selbst wenn sie nur gering sind. Änser aller-Schick- sal ist ja eng verflochten Es ist nicht möglich, daß einer seine Wege völlig für sich allein geht. Sein Dorteil ist der Dorteil anderer, sein Dachteil bringt auch anderen Dachteile. Lind wenn er auch scheinbar nur für sich Dorteile gewinnt, dieser Dorteil ist nicht für ihn allein, und oft steht seinem Gewinn ter Dachteil ter anderen gegenüber.
Lind wenn nun einer Haß und Llnduldsamkeit sät? Er kann unmöglich Liebe und Frieden ernten. Allenfalls findet er Dachläufer, solche, die durch ihn gewinnen wollen, ater er pflanzt auch jene gegenwirkenden Kräfte, die ihn auf seinem Wege hemmen.
Allerdings — es gibt keinen völligen Frieden, kaum eine stärkere Deigung zur Friedfertigkeit. Denn sie verlangt Selbstbeschränkung, Opfer- bcreitschaft, Hingabe für den Dorteil des andern. Lind das ist in unserer Zeit, da fast jeder nur an sich selbst denkt, für viele etwas viel verlangt.
Immerhin kann man auch die Frage stellen: 3ft es wirklich so, daß jeder nur an sich selbst denkt? Man kann es aus vielen Handlungen und Werten schließen. Aber ihnen steht doch auch manchs Bereitwilligkeit gegenüber, von ter eigenen Persönlichkeit abzusehen und den Blick auf die breitere Fläche zu richten. Es sind die Ansätze nicht zu leugnen, daß man nach einer Zeit, die nur selbstsüchtigen Zwecken zu dienen bestrebt war, auch wieder ein größeres, höheres Ziel ins Auge saht. Wenn man davon spricht, daß es gilt, die Daseinsformen zu verbessern, so denkt man nicht mehr nur an sich und einige Zugehörige, sondern man hat im Auge, allen zu dienen, die in einer Schicksalsgemeinschaft ver
einigt sind, llnb man ist auch schon fv weit, dabei den Blick nicht nur auf die Dolksgenossen im engeren Sinn zu richten, sondern das Bestreben. die Schaffung einer besser geformten Llm- welt Weiler auszudehnen. Der Blick und das Gefühl haben sich geweitet. Frellich ist noch vieles zu tun aus diesem Wege, und wenn sich zunächst noch manches ungebärdig ausnimmt, man darf sich darüber nicht wundern. Es wird die Ausgabe der Berufenen sein, zur rechten Zeit ihre Kräfte cinzusetzen, daß die Dcrektschaft zur Aufnahme ter Weihnachtsbotschast genutzt wird. Dann wird es auch nicht fehlen, daß aus der Wirrnis der vergangenen Zähre eine bessere Zeit wird.
—r.
Winterbe^ ilfe des Kreises Gießen.
Dom KreiSamt Gießen wird unS mitgeteilt:
Der Kreisausschuh hat in seiner Sitzung am 29. Dovember beschlossen, daß sich ter Kreis in dem gleichen Umfang und unter denselben Doraussehungen wie ter hessische Staat an ter Winterhilfe beteiligt. Doraussehung ist allerdings, daß die Gemeindevertretungen die Gewährung von Wintcrbeihilfen beschließen und die Gemeinten sich selbst an dem Kostenaufwand für Winterbeihilfen beteiligen.
Oer Geschäftsverkehr
an den drei nächsten Sonntagen.
Das Polizeiamt teilt mit: Auf Grund teS § 105 b, Absatz 2, der Reichsgewerbcordnung ist für alle Gewertezweigs teS Hantelsgewerbes ter Gewerbebetrieb in offenen Berka u f S st e l l e n, die Beschäftigung von Gehll- fen, Lehrlingen und Arbeitern am Sonntag, 7. Dezember, am Sonntag, 14. Dezember, und am Sonntag, 2l. Dezember, in der Zeit von 12 bis 18 Llhr gestattet.
Talen für Donnerstag, 4. Tezember.
Sonnenaufgang 7.46 Uhr, Sonnenuntergang 1554 Uhr. — Mondaufgang 14.37 Uhr, Monduntergang 6 Uhr.
1875: der Dichter Rainer Maria Rilke in Prag geboren; — 1900: der Maler Wilhelm Leibl in Würzburg gestorben.
Bornotizen.
— Tageskalender für Mittwoch Stadttteater Gießen: »Dose Bernd", 19.30 bis 22.30 Llhr. — Kaufmännischer Verein und Orts- gewerbeverein: Dortrag über „Glück und Tragik ter Vererbung", 20 Llhr, Deue Aula. — Deutsche sozial-hygienische Bühne Derl.n: Gastspul ,B'aue Zungen", 20 Llhr, in ter Turnhalle am Oswalds- garten. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: »Die vom Rummelplatz". — Astoria-Licht'piele: „Sensation im Diamanten Elub" und, P: L . ie-Hyänen".
— Aus dem St a d t t h e a t er b u r e a u wird uns geschrieben: Heute 19.30 Llhr «Dose
Bernd". Schaukpi^ von Gerhart Hauptmann, unter ter Spielleitung von Peter Fasstet. 2n ter Dolle der Dole: Hilde Schwend. Die erfolgreiche Operette „Der Tenor der Herzogin" von Ewald Künneke wird Freitag als einmaliges Gastspiel deS Frankfurter Opernhauses aufgeführt. Die Vorstellung finbet außer Abonnement statt.
— Stahlhelm-Kundgebung. Zn einer Stahlhelm-Kundgebung spricht Oberstleutnant a. D. D u e st e r b e r g, ter 2. Dundesführer des Stahlhelm, am 13. Dezember in ter Turnhalle am Oswaldsgartcn. DahereS in ter gestrigen Anzeige.
— Sine große Hessische LandeS-Ge- f l ü g e l s ch a u findet am Samstag und Sonntag in der Volkshalle statt. Etwa 1500 Tiere und eine Anzahl Sonderschauen dürften das erhöhte Interesse ter Landw rte und ter Geflügelhalter in Anspruch nehmen. Däheres in ter heutigen Anzeige.
ee Der neue Gießener Postbirektor. Alch Dachfolger des gegenwärtigen Gießener Postdirektors Körber, ter ab 1. Zanuar 1931 als Oberpostdircktor nach Darmstadt verseht ist, wurde Postdirektor Vogt von Darmstadt zum Leiter des Gießener Postamts ernannt.
*• Bersorgungsamtpersonalien. Regierungs-Medizinalrat Dr. Hechler vom Der» sorgungsamt Gießen ist vorn 1. Dezember 1930 ab zum Dersorgungsamt Trier und Regierungs-Medizi- nalrat Dr. Trautmann, bisher bei der Der- sorgungsärztlichen Untersuchungsstelle in Kassel, mit dem gleichen Zeitpunkt zum Dersorgungsamt Gießen versetzt.
"Don derKraftpostlinie Gießen — Hochelheim. Dachdem die Sir aßen Pflasterungsarbeiten in Hochelheim beendet sind, verkehrt das Postauto Gießen—Hochelheim wieder fahrplanmäßig über die Orte Klein-Dechtenbach— Groh-Dechtenbach und aus der Strecke Hochelheim-Hörnsheim.
"Weihnachtsverkehr bei der Post. ES empfiehll sich, mit ter Versendung ter Weihnachtspakete möglichst frühzeitig zu beginnen, damit die Pakete ohne Verzögerung in die Hänte ter Empfänger gelangen. Ferner rst es empfehlenswert, für die Pakete dauerhaft« Derpackungs- stoff« zu verwenden, die Aufschrift haltbar anzubringen und den Damen des Bestimmungsorts groß und kräftig nieterzuschreiben. Auf dem Paket ist der Absender anzugeben und in das Paket obenauf «in Doppel ter Aufschrift zu legen. Päckchen müssen haltbar verpackt und gut verschnürt werden; Hoylräume finb mit Holzwolle auszufüllen, damit die Sendungen bei der Beförderung nicht eingedrückt werden können. Sie müssen deutlich als „Briefpäckchen" oder „Päckchen" bezeichnet sein.
" WeihnachtSmesse der Deutschen Frauenkultur. Zm Dillardsaal des Eafe Amend veranstaltete der Verein für Deutsch«
Frauenkultur eine Ausstellung, zu deren Ausgestaltung hiesige Geschäftsleute herangezoga, wurden. Es waren die verschiedensten Dinge ausgestellt, die als praktische Weihnachtsgeschenke viel Freude zu bereiten wohl imstande sind. So sah man u. a. die Erzeugnisse einer kunstgewerblich beeinflußten Textll-Zndustrie, feine handgewebte Stoffe, Stickereien. Tischdecken, Taschentücher In sorgfältigster Ausführung; schöne Arbeiten der Glasmanufattur, modernen Christbaumschmuck, der sich besonders durch seine einfache Gestaltung auszeichnete, Epiclwaren. Bilderbücher, HauS- haltungS- und Gebrauchsgegenstände der verschiedensten Art. Ferner waren Deform-Dah- rungsmittel in appetitlicher Form gezeigt. Der Ausstellung kam auch um deswillen teferntet» Bedeutung zu, als den Besuchern Gelegenheit gegeben war. die Arbeit am Handweb rahmen len* nenzulernen und ein Witglicch ter Familie Keßler. die unter dem Damen .Dippelui" in ganz Oberhessen und weit darüber hinaus mit ihren kunstgewerblichen Handarbeiten ter Töpferei bekannt ist, bei ter Arbeit an der 'Drehscheibe zu beobachten. Eine Deihe Erzeugnisse der Firma gab zugleich einen vollständigen Einblick In das vielseitige Schaffen des einst bodenständigen Handwerks. dessen letzten Vertreter in unserer Gegend eben die Firma Kehler darstellt. Die Ausstellung war sehr gut besucht und sicherlich haben viele ter Besucher Anregungen für den Weihnachtstisch mit nach Haus« genommen.
•• Hessische Krüppelfürsorge-Lotterie. Dom Hess. Fürforgeverein für Krüppel wird uns geschrieben: Die für den 3. Dezember angesetzte Ziehung mußte leider auf den 14. Februar 1931 verschoben werten, well ein Teil ter Los« noch nicht abgeseht ist. Da eS sich um eine Sache handelt, an ter daS ganze Land interessiert ist, gehört auf den Weihnachtstisch eines jeden gesunden Kindes ein Los dieser Lotterie, deren Ertrag dazu bestimmt ist. unglücklichen behinderten Menschen, besonders Kindern, zu helfen.
*’ Zur Richtigstellung. Zn der Dotiz in unserer Dummer 281 über den 80. Geburtstag von Fräulein Anna Sommer mußte ter Dame der genannten Familie Prof. Dr. Benkert, nicht Deukert, hähen.
Schwurgericht Gießen.
• Gießen, 2. Dez. DaS Schwurgericht ter Provinz Oberhessen verhandelte heute eine Anllage wegen Totschlag- gegen den Kanzlei- gehllfen Wilhelm Kaiser von Storndorf und die Dienstmagd Emma Wolf von MeicheS. ES handelte sich nach ter Anllage um eine Kindestötung, das Gericht kam jedoch auf Grund der Beweisaufnahme und eines Sachverständigengut- achtens zu dem Ergebnis, daß die Angeklagten wohl des Glaubens hätten fein können, das Krnd, welches später Lebenszeichen von sich gab und dann starb, sei schon bei ter Geburt tot gewesen. Beite Angeklagte wurden daher freigesprochen und die Kosten ter Staatskasse auserlegt.
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Eberhard


