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Nr. 251 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Freitag, 5. Oktober 1950

Sie britische Weltreichskonserenz

Don unserem 0.-2erichterstatter.

(Dachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) London, Ende September 1930.

3m Gegensatz zu früheren Gepflogenheiten er­folgt die Eröffnung der britischen Weltreichs­konferenz dieses Wal in besonders feierlicher Weise. Das ..Foreign Office" hat den Locarno- raum zur Dersügung gestellt, so daß auch die Oefsentlichkeit in größerem Umsange zugelassen werden kann, als es, wie sonst, in der Amts­wohnung des Premierministers möglich wäre. Dies charakterisiert schon rein äußerlich die er­höhte Bedeutung, die man der Entwick- lung des Imperiums zu einer organischen Ein­heit jetzt in England beimißt: die allgemeine Wirtschaftsdepression hat diese Tendenzen ge­fördert.

An sich war die jetzige Konferenz als dre logische Fortsetzung der Verhandlungen des Iabres 1926 gedacht, die den Dominions die Selbständigkeit brachten, und damit das politische Rahmenwerk des englischen Weltreichs neu um­rissen. Aus den früheren Deschlüsfen ergaben sich eine Reihe von verfassungsmäßigen Fragen, die einer Deuregelung bedurften, wie z. D.: die Stellung des Mutterparlaments zu den Dominions, die rechtliche Bindung der Tochterstaaten durch gewisse parlamentarische Ge- setzesmaßnahmen in London, Regelung von Kon­flikten, die sich aus Fragen der Stellung zur Krone ergeben, einheitliche Grundsätze für schiff­fohrtsrechtliche Probleme usw. Alle diese Dinge waren einem Komitee überwiesen worden, das im Anfang dieses Jahres einen Bericht herausgab, der die Unterlage zur Erörterung aller kon­stitutionellen Probleme bildet, wie auch des Rechtes zum Austritt aus dem Welt-

" ch, das zuerst von Südafrika und dann spater auch von den inischen Rationalisten ver­langt wurde. Man kann annehmen, daß die verschiedenen Unterkomitees der Konferenz etwa bestehende Schwierigkeiten verhältnismäßig leicht aus dem Wege räumen werden.

Interessanter sind schon die außenpoliti­schen Erörterungen. Sie haben insofern einer neuen Lage Rechnung zu tragen, als sich die Gesamtsituation durch die Flottenkonferenz vvm Anfang dieses Jahres und den neuerlichen Zusammenbruch der italienisch-französischen Ver­handlungen über die Abrüstung zur See wesent­lich verschoben hat. Wie wird man jetzt die Rotwendigkeit eines weiteren Ausbaues von Singapur als militärischen Stützpunkt beur­teilen? Wie wird sich das Reich zu den Fragen der Abrüstung verhalten? Welche grundsätz­liche Stellung wird cs jetzt dem Völker­bünde gegenüber einnehmen, nachdem der eng­lisch-amerikanische Akkord geschaffen ist, und die englisch-französische n Beziehungen keineswegs mehr so herzlich sind wie zu Chamberlains Zeiten? Kann das russische Problem von einem neuen gemeinsamen Standpunkt aus be­trachtet werden? Das alles sind wichtige Fragen, über deren Erörterung aber die Oesfentlichkeit bei weitem nicht in dem Maste unterrichtet wer­den wird, wie über die lausenden Dinge sonstiger Ratur. Hierzu gehören eine Reihe von verkehrs­technischen und anderen Problemen, wie draht­lose Telegraphie, Luftverbindungen, Transport­probleme usw., die schon auf früheren Kon­ferenzen besprochen wurden und folgerichtig auch jetzt wieder zur Verhandlung stehen.

Dies alles aber würde noch nicht das große öffentliche Interesse rechtfertigen, das das eng­lische Voll der jetzigen Konferenz entgegen­bringt. Es blickt zur ihr als dem Rettungsengel auf, der ihm Hilfe in den schweren wirt­schaftlichen Sorgen der Gegenwart brin­gen soll. Die Hoffnungen sind hoch gespannt, wahrscheinlich viel zu hoch, so daß leicht eine

Enttäuschung eintreten kann. Hierin liegt die Gefahr, die der Regierung Macdonalds dncht. Wird sie imstande sein, die Konferenz und ihre sich vielfach widerstrebenden Interessen so zu leiten, daß wirklich etwas Reues und Heilbrin­gendes entsteht? Wird sie in Zahlen beweisen können, daß die Konserenz das Maß der Ar­beitslosigkeit mindern wird? Diele bezweifeln es

Die Taktik der Gegner Macdonalds war klug. Sie waren sich dessen volt bewußt, daß es im Interesse Englands und des Weltreichs liegt, der neuentstandenen großen Arbeiterpartei Gelegen­heit zu praktischer Regierungsarbeit zu geben. Hie soll sich über die Schwierigkeiten der Be­handlung von Problemen aller Art aus eigener Erfahrung klar werden, um späterhin, wenn das politische Pendel einmal nach der anderen Seite ausschlägt, die Aufgaben einer gesunden Oppo­

Weltreichszollverband haben sich nie­mals erfüllt. 'Sie Wucht der politischen Ereig­nisse des Jahres 1914 drängten das Weltreich auf eine andere Dahn, die in der Konferenz von 1926 und in der Selbständigkeitserklärung der Dominions ihren Abschluß sand. Reue Staaten mit junger Selbständigkeit sind auf ihre Hoheits­rechte eifersüchtiger als alte. Wie das Deispiel Irlands zeigt, drängt die neu errungene Freiheit zum Aufgreifen von allen möglichen wirtschaft­lichen und industriellen Plänen, die den Staat auch wirtschaftlich unabhängig machen sollen. UeberaÜ sieht man in den Dominions die Tendenz, neue Industrien zu schaffen und fast überall find die Zollmauern viel mehr er­höht als in irgendeinem europäischen Lande. Es wird sehr genauer wirtschaftlicher Unter­suchungen bedürfen ehe man sich überhaupt bar-

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Oben links. Der englische Ministerpräsident R a m sa y M a c d o n a 1 d , der den Vorsitz führen wird. Oben rechts: Der Sitzungssaal im Außenministerium. Unten von links nach rechts: Cosgrave, der Präsident des irischen Freistaats, der Maharadscha von Bikaner und General Hertzog, Ministerpräsident von Südafrika.

sition mit gereifter Erfahrung und nicht mehr mit Schlagworten parteipolitischer Ratur erfül­len zu können. Run lassen Baldwin und Lloyd George die Leiter der dritten Partei an die Lösung ungemein schwieriger Wirtschaftsprobleme Herangehen und warten ab, ob Macdonald sie in einem Sinne lösen wird, der nicht nur den Exportmöglichkeiten des Mutterlandes neue Ka­näle eröffnet, sondern auch der Entwicklung des Weltreichs neue Ziele sehen wird. Werden Mac­donald und seine Kabinettskollegen, vor allem der Minister für die Dominions, Thomas, der als Minister zur Beschaffung von Arbeitsgelegen­heit reichlich enttäuschte, die richtigen Mittel fin­den, um die verfassungsmäßig nur lose zusam­menhängenden Teile des Weltreiches durch neue Bande gemeinsamer Wirtschaftspolitik zu einem einheitlichen Ganzen, zur ..Einheit", zusammen­zuschweißen, das als eine neue in sich geschlossene Wirtschaftsgruppe ne­ben den Bereinigten Staaten, neben Rußland und vielleicht auch einmal neben einemP a n e u r o p a" seine eigenen Wege gehen kann? Zweifellos hat Macdonald einen schweren Stand.

Die Visionen Joseph Chamberlains von einem

über klar werden kann, auf welchen Wegen sich der Handel innerhalb des Weltreichs weiter­entwickeln soll. Es fehlt noch an der notwendigen Organisation innerhalb des Imperiums, die sich dem Ausbau der Wirtschaftsbeziehungen systema­tisch zu widmen hätte. Wohl gibt es in London eine Reihe von Behörden, wie den Empire Marketing Board, das Imperial Economic Com­mitee, den Imperial Council of Agriculture und das Imperial Shipping Commitee; sie sind aber noch rein englische Dienststellen und sind bisher noch nicht zu einheitlicher Arbeit im Sinne von Weltreichsstellen zusammengesaht. Es mangelt noch an einer für die Zwecke des Weltreiches be- sonders gesichteten Statistik, ohne die man wirt­schaftliche Probleme nun einmal nicht klar er­kennen kann. Der Aufbau derEinheits"-Wirt- schaft im Weltreiche steht also noch in den ersten Anfängen. Trotzdem beherrschen bereits Hoch­schutz- und Vorzugszollfragen die Erörterungen der Parteien und der Oesfentlichkeit. Es wird Macdonald nicht leicht fein, an dem immer stärker werdenden Rufe nach einem Zolltarife in England vorbeizugehen. Seine Gegner werden reichliches Material zum Angriff finden, wenn er und Snowden zu sehr an den bisherigen so-

Grock verabschiedet sich.

Grock, der berühmte Musik-Clown, der mit seinem Spiel die ganze Welt zum Lachen gebracht hat, tritt jetzt zum letztenmal in Berlin auf. Der Meister des Humors ist spielmüde und will sich endgültig ins Privatleben zurückziehen. Grock ist ein gebürtiger Schweizer und heißt mit bürgerlichem Namen Adrian Wettach. Er war früher Hauslehrer bei den Kindern des Grafen Bethlen.

genannten Frcihandelsgrundsäyen festhalten. Denn selbst Lloyd George ist trotz seines immer wieder betonten Liberalismus bereit, die Zollfragen im Lichte der jetzigen Tatsachen zu betrachten; auch er also würde dem Ausbau der Schutzzölle oder vielleicht sogar einer grundsätzlichen Schwenkung in Zollfragen nicht ablehnend gegenüberstehen.

Die Arbeiterpartei hat endlich die Frage derBulk Purchases in die Debatte hinein­geworfen ; zwischen dem Mutterland und den Dominions, oder zwischen diesen selbst, sollen Abmachungen zum Masseneinkauf von Rohprodukten, wie z.B. Weizen, ge­troffen werden, wodurch sie sich eine Stabili­sierung der Preise und entsprechende Kon­zessionen für den Export von Industrie- produkten nach den D o m i n i o n s erhofft. Macdonald spielt also mit dem Gedanken einer Art von Merkantilismus, der sehr gefährlich werden kann. Derartige wirtschaftliche Experi­mente können in der jetzigen Zeit leicht zu starken Rückschlägen führen, wobei wir ganz von den Schwierigkeiten absehen wollen, die sich der Or­ganisation eines derart geregelten Handels ent­gegenstellen. Sollen neue Regierungsstellen ge­schaffen werden, die als Bureaukratcn ein- und verkaufen, sogenannte Import Boards? Wie denkt man sich die Ausschaltung der Einflüsse, die sich naturgemäß in den jetzigen Zeiten durch die Schwankungen der Preise im Weltmarkt ergeben? Hier lauem neue Gefahren für die Arbeiter- regierung. Mit Spannung sehen daher die politi­schen Gegner Macdonalds der Konferenz ent­gegen; sie werden unerbittlich ihre Konsequenzen ziehen, wenn er die Klippen nicht geschickt um­segelt. Erhebt sich doch schon im Hintergründe das neue Gespenst der englisch-indischen Konferenz, das das Schiff der Arbeiterregie­rung mit weiterem Unheil bedroht. Es wird also wesentlich von den Erfolgen Macdonalds ab­hängen, wie lange feine Partei noch am Ruder bleiben wird. Dies ist an sich schon wichtig genug für die Außenwelt. Mit größerem Inter­esse wird sie jedoch noch die Zollpolitik Eng­lands und seiner Tochterstaaten und die Bestre­bungen zur wirtschaftlichen Vereinheitlichung des Weltreichs verfolgen müssen.

(Seltsame Denkmäler.

on Heinrich Rosen.

Unzählig ist die Fülle der in Erz gegossenen und in Marmor gehauenen Feldherren, Könige, Dichter und Erfinder, denen die Rachwelt eine Ehrung zuteil werden lassen wollte. Richt von diesen alltäglichen Denkmälern soll hier die Rede fein, sondern von jenen, die seltsam sind hinsicht­lich der Person oder des Geschehnisses, das sie verewigen sollen.

In eint Klippe von Alaska ist ein siebenein­halb Meter hoher und drei Meter breiter Schädel eingemeißelt. Das riesenhaft grinsende Gesicht mit der zahnlosen Mundhöhle, erschreckend und überraschend für den Unvorbereiteten, ist zum Andenken an Seisen-Schmidt errichtet wor­den. 3m 3ahre 1898, als Alaska vom Goldfieber erfaßt war und Abenteurer und Desperados aus der ganzen Welt in dem neuen Paradies zu- fammenftrömten, unterhielt Seifen-Smith oder derdoppelläufige" Smith, wie er auch genannt wurde, in Rome die größte Spielhölle des gan­zen Territoriums. 3n feinem Hause, wo er wie ein König gebot, spielte man weder um Münzen noch um Banknoten, nur Goldkörner wurden als Einsatz angenommen, dafür aber in unbe­schränkter ZahL Wild und Wüst ging es bei Seifen-Smith zu, manchem Streit machte er nur dadurch ein Ende, daß er zwischen die Spieler, deren Messer lose im Gürtel steckten, ein paar wohlgezielte Revolverkugeln schickte. Riemand traute sich an ihn heran, selbst die Behörden konnten seinem Treiben nicht beikommen. Als das Goldfieber vorbei war und Seisen-Smiths Spielhölle keinen Zulauf mehr hatte, stellte er sich um. Er wurde aktiver, verlegte sich selbst aus Mord und Raub und wurde eines Tages von einem Regierungsagenten nach wildem Kamps erschossen. Die nordische Brüderschaft errichtete zur Erinnerung an den wilden Seifen-Smith und die ganze zügellose Epoche auf einem zackigen Felsen der Bergseite das Schädeldenkmal.

Den Dank der Finanzminister und Steuer­behörden aller Staaten der Welt hat sich Rodriguez de 3eres verdient, dem vor einigen Jahren ein Denkmal in Ayamonte in Spanien errichtet wurde. Er hatte Christoph Columbus im 3ahre 1492 aus seiner ersten Entdeckungsfahrt begleitet und dabei die Kunst des Tabakrauchens erlernt. Rach Spanien zurück- gekehrt, fuhr er in sein Heimatdorf Ayamonte und pflegte eifrig den ihm liebgewordenen Ge­nuß. Damit ihm der wertvolle Stoff nicht aus­

gehe, hatte er sich einen riesigen Ballen Tabak­blätter mitgebracht. Als Rodriguez den Rauch aus Mund und Rase blies, hielten es seine aber­gläubischen Mitbürger für einen Teufelsspuk, und es hätte nicht viel gefehlt, so wäre er vor die Inquisition geschleppt worden. Das Denkmal, das fein Heimatdorf ziert, stammt von der Ge­sellschaft, die das spanische Tabakmonopol ver­waltet.

Auch die Stadt Paris weist unter ihren vielen Denkmälern zwei aus, die nicht alltäglich sind. Das eine, am linken Seineufer, ist das Denkmal von Claude C h a p p e. der den Semaphor' er­funden hat. Das andere zeigt die Schöpferin des Camembert-Käses, Marie H a r e l, in der einen Hand eine Milchkanne, in der anderen einen Käse haltend.

Auf einem hohen altertümlichen Gebäude zu Pie Corner in London ist ein seltsames Denk­mal sichtbar. Es stellt einen dickwanstigen jungen Mann dar und wurde zur Erinnerung an die große Feuersbrunst errichtet, die London im Jahre 1666 verwüstete und als eine Strafe des Himmels für Sünde, Ballerei und Gefräßigkeit angesehen wurde Das Denkmal erhebt sich aus dem Fleck, wo alten Chroniken zufolge das Feuer zum Stillstand kam.

Richt so gering, wie man annehmen konnte, ist die Zahl der Denkmäler, die dem Andenken von Tieren gewidmet sind. So erhebt sich in der Stadt Sait Lake City im amerikanischen Staate Utah eine fünf Meter hohe Säule, die von einer Kugel gekrönt ist. Aus der Kugel sitzen zwei goldene Möwen. Das Denkmal wurde zur Er­innerung an das Jahr 1846 errichtet, in dem eine Grillenplage über Utah hereinbrach, die die Ernte völlig zu vernichten drohte. 2m Augen­blick der höchsten Gefahr flogen ganze Schwärme von Möwen heran, die die Grillen vertilgten und so die Ansiedler vor dem Hungertode ret­teten. Vor dem Denkmal ist ein Becken mit flie­ßendem Wasser angelegt, um den gefiederten Freunden Gelegenheit zum Baden und Trinken zu geben.

Manche Besucher von England, die als Ver­ehrer von Lord Byron nach Newstead Abbey in Rottingham gekommen sind, kennen das Denk­mal, das Lord Byron seinem Hund Dootswain errichtet hat, dessen Tod dem Dichter untröst­lichen Kummer bereitete. Der Hund wurde nur einige Meter von der Ecke der Abtei entfernt begraben, wo Lord Byron an sonnigen Tagen

Flügelsignal der Eisenbahn,

faß und mit feinem Hunde spielte. Aus Bau- und Marmorsteinen toutbe dem Hund ein Denk­mal errichtet, das von einer Urne gekrönt ist. Eine Tafel trägt die Inschrift:

..Hier sind die sterblichen Ueberreste eines Wesens begraben, das Schönheit besaß ohne Eitelkeit, Kraft ohne Unverschämtheit, Mut ohne Wildheit und alle Tugenden des Menschen ohne seine Laster Dieses Lod käme einer Schmeichelei gleich, wenn es sich aus einen Menschen bezöge, aber es ist nur der gerechte Dank für einen Hund."

Herbstlicher Balkon.

Bon Peter Bauer.

Er sieht von der Straße her noch immer wie ein riesiger Blumenkorb aus, den man der Hausfassade als Schmuckstück angehängt hat. Ueber seinen Rand wogt in letzter Entfaltung das leuchtende Rot der Geranien.

Aber die runden Blätter, deren Grün Kraft und Gesundheit atmete, tragen bereits braune Flecken, als hätte sie der Frost angefressen. Viele wulsten sich vom Saum her auf und verschrump- fen nach innen wie verbrannt. Auch die Stiele beginnen sich zu bräunen und sitzen zum Teil schon wie abgestorbene Glieder am Körper der Pflanzenstämmchen Die Blumen leben das Schicksal des Balkons mit, der langsam seinen Wert für die Wohnung verliert und aufhört, geliebter Aufenthalt äu sein, Stätte stiller wie freudiger Stunden. Mit seinem Blick in aus­gedehnte Gärten schenkte er dem schweifenden Auge reizvolle Raturausschnitte, oft in Erinne­rung an frohe. Wandertage den Traum einer fernen Landschaft, manchmal die Sehnsucht nach neuen Reisen in die schöne weite Welt.

Mittage gab es, in deren Ruhe man sich ber­gen konnte toie in das geräuscharme, sriedsame Leben eines Dorfes. Schwalben, die mit Hellem Gezwitscher Flugspiele übten, einander antwor­tende Hahnenschreie aus der Rachbarschaft, manchmal ein vorbeirauschender Taubenschwarm waren die einzigen Geschehnisse, die das stille Cinsamsein unterbrachen und die Vortäuschung einer ländlichen Atmosphäre noch verdichteten. Als ziemlich regelmäßige Gäste umfummten etliche Wespen unfern Kaffeetisch und ließen sich lüstern nach Süßigkeiten auf die Teller nieder, um an Obstkuchen oder Honig gierig zu schlecken. Cs war ein Vergnügen, den emsigen Raschem zuzuschauen. Mit welch zierlicher An­mut bewegten sie sich, um ihr schmuckes, schwarz- goldenes Kostüm nicht zu beflecken und tine sprühten sie von Lebendigkeit, so daß der in der Taillr fast abgeschnürte Hinterleib in ständiger

Vibration auf- und niederfederte. Ein paar Rimmersatte waren immer dabei. Ihnen war die gefüllte Glasschale lieber als der dünne Brot­aufstrich, und sie stürzten sich darum mit Unge­stüm auf den Gefäßrand, um von da kopfvoran vorsichtig die steile Wand zum Honigsee hinab- zullimmen. Dabei überschlug sich eines Tages eine besonders Hastige und fiel mit dem Rücken auf die klebrige Masse, die ihr die zarten Flü­gel sesthielt, so sehr sie auch mit allen Beinen strampelte und den Körper krümmte und bog. Ihr ängstliches Gesumm störte die übrigen Wespen nicht. Sie sahen noch nicht einmal zu der Gefangenen hinüber, sondern schleckten un­beirrt weiter. Verärgert über diesen krassen Egoismus, vertrieb ich die Gefühllosen, nahm alle Süßigkeit weg und'-sehte die Honigtriefende auf einen blanken Teller, damit sie sich selbst helfen könne Aber schon nach wenigen Augen­blicken kehrten die Vertriebenen zurück und, ba sie sonst nichts fanden, begannen sie, die honig­süße Schwester abzuschlecken. Die Scheinheili­gen! Wie sie schön taten! Und sie fraßen doch nur von den Flügeln, wie sie vorher von der Glaswand gefressen hatten, die unverbesserlichen Egoisten.

Dic schönen Abende waren leider gezählt. Kühle, Rässe und das Iahrmarktsgedudel nach­barlicher Lautsprecher machten den Aufenthalt auf dem Balkon zumeist unmöglich. Aber die wenigen Stunden unter dem gewaltig gespann­ten Sternenbogen des Rachthimmels warfen Glanz genug über den Tagmüden, daß ihrer mit Dank gedacht s ei.

Die Geranienblüten werden bald wie die Flammen niedergebrannter Kerzen erlöschen und die in Töpfe verpflanzten Blumen ihren Winter­schlaf in warmen Kellern antreten. Der Bal­kon wird nur noch gelegentlicher Ausguck sein und in falten Wimertagen Futterplah hung­riger Vögel. Heimlich wünsche ich mir das kleine, sanfte Rotkehlchen wieder unter ihnen zu sehen, das mit feinen großen runden Augen fo traumverloren in die Welt blickt. Sv voll heimlichen Leuchtens, als ob es ein holdes Mär­chen wisse.

Hochschulnachnchten.

- Professor Dr. med. Alfred Schittenhelm, Direktor der Medizinischen Klinik an der Uni­versität Kiel, hat einen Rus an die Universität Wien als Rachsolger des in den Ruhestand getretenen Pros Wenckebach erhalten. Prof. Dr. Richard Siebeck, Ordinarius und Direktor der Medizinischen Pol klinik an der Universität Bonn, hat einen Ruf an die Universität Graz erh alten.