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Zreitag, 3. Januar 1950

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Nr. 2 Zweites Blatt

Mensch des germanischen Tiordens ein unermüd­licher Frager. Diese Eigenschaft ergibt zwar zunächst einen heißen Dialog, zieht aber auf d.e Dauer das Gespräch in schier endlose Längen hinein und kann dem dramatischen Gesamtwerk die Konzentration nehmen, welche die an Ort und Zeit nicht zu ihrem Schaden gefesselte Dühnenkunst nun einmal verlangt.

Doch Barlach kümmert sich nicht um irgend­welche Gesetze, unter die er sich bequemen mühte, wenn sie ihm nicht durchaus eingeboren sind. Trotz des Nachteils hat diese kühne Freiheit denn doch den Vorteil, dah sie Varlachs dra­matisches Dichtwerk bis auf den heutigen Tag, bis in sein einundsechzigstes 2ahr hinein wirklich

ausgenommen worden sind. Diese Verbindung mit der.Heimat trägt im besonderen Maße dazu bei, das Deutjchbewußtsein und das Zusammengehörigkeits­gefühl zu stärken. Auch dort, wo, wie in Nord­amerika, das Bewußtsein der Zugehörigkeit zum deutschen Volke häufig schon fast erloschen ist, pflegt stolz und freudig gerade bei Kriegsschiffbesuchen mächtig wieder aufzuflammen. Die Kriegsschiffe pflegen auch häufig deutsche Büchereien, die ihnen von reichsdeutschen Kulturpflegeorganisa- tionen, wie dem Verein für das Deutschtum im Aus- land übergeben worden sind, als Geschenk und stän­dige Anregung zur Fühlung mit deutsckem Geistes­gut zurückzulassen. Die bisherigen Auslandreisen deutscher Kriegsschiffe haben gezeigt, daß auch die fremden Nationen durch das ausgezeichnet diszipli­nierte Auftreten der deutschen Kriegsschifsbesatzungen und durch den politischen und diplomatischen Takt der Kommandeure den besten Eindruck von deut­scher Wesensart erhalten. Diese Kriegsschissbesuche haben schon häufig dazu beigetragen, die aus der Kriegszeit zurückgebliebenen Vorurteile zu zerstreuen. Ein Musterbeispiel für einen solchen moralischen Er­oberungssieg war die Aufnahme des soeben in die

Taten für Freitag, 3. Januar.

1829: der Philologe Konrad Duden auf Gut Dossigt bei Wesel geboren.

Daten für Samstag, 4. Januar.

1785: der Sprachforscher Jakob Grimm in Hanau geboren; 1786: der Philosoph Moses Mendelssohn in Berlin gestorben; 1844: der Dichter Viktor Dlüthgen in Zörbig ber Halle geboren; 1849: Franz Taver Gabelsberger, Begründer der deutschen Stenographie, in Mün­chen gestorben; 1880: der Maler Anselm Feuer­bach in Venedig gestorben.

Die amerikanische Polizei bat ermittelt, dah der Neuyorker Stadtrichter Vitale Oberhaupt einer Verbrecherbande ist, die in vielen amerikanischen Grohstädten Morde, Raubüberfälle und Erpressungen begangen hat. Linser Mitarbeiter, ein vorzüglicher Kenner der älnterwelt Chikagos und Neu- yorks, berichtet über zahlreiche ähnliche Fälle der letzten Zeit, in denen angesehene amerikanische Bürger schwer kompromittiert worden sind.

Entsprungene Zuchthäusler, Bankdefraudanten, Heiratsschwindler, denen die PollM auf den Fersen war, und allerlei Taugenichtse aus gut bür­gerlichen Familien solche gescheiterten Existen­zen hat die Alte Welt im 19. Jahrhundert gern auf die Reise über den Atlantischen Ozcan ge­schickt, um sie los zu werden. Die Despera­dos aller Nationen, die Draufgänger, die vor nichts zurückschreckten, warendrüben" vor­zügliche Pioniere, denen es niemals an der Ener­gie fehlte, sich gewaltsam durchzusetzen, die aber auch nicht zögerten, den Nevolver zu gebrauchen, um einen Nebenbuhler zu beseitigen. Der krimi­nelle Einschlag der Vorfahren hat den Bürgern der Vereinigten Staaten nichts geschadet, und man weih heute in der ganzen Welt, dah der Pankee ein rechtschaffener, ehrlicher Mann ist, der von den amoralischen Pionieren nur die Kühnheit, die Frische der Lebensführung geerbt hat, ohne den gesellschas tsfcindlichen Charakter zu bewahren. Die Vereinigten Staaten haben sich überdies seit langer Zeit gegen die Einwanderung von Ver­brechern geschützt. Doch konnte man in der Neuen Welt nicht verhindern, dah die kriminellen Eigen­schaften vieler frühen Siedler gelegentlich einmal in den Nachkommen zum Durchbruch kommen, und so ist es zu erklären, dah sich das ameri­kanische Verbrechertum durchaus nicht wie in Europa zum überwiegenden Teil aus dem Lumpenproletariat zufammensetzt, sondern dah man von Zeit zu Zeit irgendwo in den West­staaten eine Bande von Wegelagerern, Pferde­dieben oder sogar Mördern findet, deren Wiege in den Bankierspalästen Neuyorks, Chikagos, Bo­stons oder Philadelvhias gestanden hat, und deren Mitglieder ein merkwürdiges Doppel­leben führen.

In der Neuyorker Gesellschaft, und zwar tn den Kreisen deroberen Vierhundert", sprach man eine Zeitlang viel über unerklärliche Diebstähle, die bei festlichen Veranstaltungen in vornehmen Häusern verübt wurden. Ein ganzes Heer von Detektiven ging an die Arbeit und ermittelte, dah einige Milliardärs­söhne die Schuldigen waren. Ein anderes * 1 ' Mal wurde der intime Freund eines Bankiers

dent von Chikago hat selbst zugegeben, dah nach seiner Ansicht die Hälfte der sechs­tausend Polizisten die er Stadt am Al­koholschmuggel beteiligt ist. Der frühere Bürgermeister von Chilago, Big Bill Thompson, der bei seinem Amtsantritt ver­sprochen hatte, die Stadt in wenigen Monaten von den Verbrechern zu reinigen, muhte zurück­treten, da ihm nachgewie en wurde, dah er m i t derChikagoerälnterwelt unter einer Decke steckte. Big Dill hat sich nicht einmal gescheut, 500 ihm unterstellte Polizisten als Schnapsschmuggler zu beschädigen. Auch Staats­anwalt Crowe, der seinerzeit die Anklage gegen die jugendlichen Knabenmörder und Millionärs­öhne Loeb und Leopold vertreten hat, wurde päter beschuldigt,nebenbei" Mitglied einer Verbrecherbande gewesen zu sein. Aehnlich er­ging es dem Sheriff Hoffmann, einem Geiängnis- beamten, der den eingesperrten Verbrechern er­möglichte, von der Zelle aus ihreGeschäfte" ortzusetzen, und der schließlich selbst ins Ge- ängnis wanderte. Es gibt auch in anderen Län­dern bedenkliche Beziehungen zwischen Polizei und Verbrechertum. Aber in Philadelphia lag eine Zeitlang d i e ganzeStadtverwaltung in den Händen eines Korruptivns- r i n g e s , dessen Macht nicht zu erschüttern war. Die Verbrecher hatten sich in einem bestimmten Stadtviertel angesiedelt und blieben von den Be­hörden völlig unbelästigt, solange sie bei den Wahlen der in der Stadt herrschenden Porter ihre älnterstühung zuteil werden liehen. Erst wenn ein Gauner zur Gegenpartei überging, wurde mit der vollen Strenge des Gesetzes gegen ihn eingeschritten.

Besonderes Aufsehen erregte es vor rund einem Jahr in Neuyork, daß der beliebte Bord- kommissar derBerengaria", Mister William Ballyn, plötzlich verhaftet wurde. Ballyn war den amerikanischen Curopareisenden unter, dem SpitznamenDer singende Bordkommissar" gut bekannt: er war nämlich mehrere Iahre Diri­gent eines Schiffsorchesters von 45 Matrosen gewesen und trat auch als Sänger hervor. Nach seiner Verhaftung muhte er gestehen, dah er auf 30 Ozeansahrten für uckgefähr eine Mil­lion Dollar Schmuck in die Vereinig­ten Staaten eingeschmuggelt hatte. Aber der Mihbrauch einer amtlichen Stellung ist in Amerika nichts Seltenes, und gerade der letzte Skandal, der sicherlich noch zu zahlreichen Ver­haftungen führen wird, steht in der amerikani­schen Kriminalgeschichte nicht beispiellos da. In den Iahren 1912 und 1913 erfuhr die Welt zum erstenmal von den merkwürdigen Beziehun­gen zwischen Behörden und Verbrechern in Amerika, als der SpiSlhöllenbesiher Rotenthal plötzlich ermordet wurde. Rosenthal zahlte, wie es damals üblich war, an Neuyorker Polizci- beamtc umfangreiche Bestechungssummen, um auf diese Weise vor seinen Verfolgern sicher zu sein. Es gab sogar einen Polizeioffizier, den Leutnant Becker, der am Gewinn der Spielhölle beteiligt war. Bei der Gewinnverrechnung entstand ein Streit zwischen Rosenthal und dem Leutnant Becker, so dah dieGeschäftsbeziehun­gen" abgebrochen wurden. Rosenthal muhte den Klub schliehen und ging rachsüchtig zum Staats­anwalt, mit der Drohung, dortauszupacken . Am Tag vor der entscheidenden Vernehmung wurde er auf offener Straße erschossen. Polizeileutnant Decker hatte die Mörder ge­dungen.

Spukhaftigkeit nicht in die strengen starren For­men der Bildhauerkunst hineinbekommt, das läßt er wohl in seine Dramen einströmen; nicht immer zum Vorteil der Klarheit seiner Bühnen- _

Sichtungen. Lind drittens: Darlach ist als I zu Magdeburg aufrichten.

paßk in seiner Sprödigkeit zu den Menschen, die er darstellt.

Der Künstler soll für die Menschen sprechen. Er darf also nicht bloß oberflächlich und Aeuße- rcs darstellen, er muß die Menschen austun, er muß ihr Inneres zeigen. Zunächst wider­spricht das ja den Mecklenburgern; denn sie sind verschlossen, sie geben sich schwer kund. Es mag sein, daß Barlach ihnen zunächst wider ihren Willen aus den Fesseln ihres Wesens heraushilft. Da hat Barlach wesentlichen Ein­fluß von Rußland her empfangen. Abweichend von europäischer Konventionsangst hat der Russe die Sehnsucht und den Mut, sein Inneres zu erschließen, ja gar auszuschreien. Ein Holzschnitt Barlachs z. B. zeigt ein weites Gefilde, und da kniet ein halb verhungertes Weib über ihr sterbendes Kindlein gebeugt, und reicht ihm, schmerzverzehrt, die schlaffe Brust.

Aber der Künstler muh sich vor dem Zuviel hüten: es übersättigt oder verwirrt den Be­trachter. Lind er böte z. B.zuviel", wenn er das ganze Innere des menschlichen Wesens auf­risse. Er wirkt mit dem klug ausgewählten be­zeichnenden Teil mehr als mit dem Ganzen. Da ist sein HolzbildwerkSorgende Frau"; die­ses Weib sitzt da mit breit auseinandergestellten Beinen, ihr derber Kopf ist starr etwas vorn- übergcneigt, vom wuchtigen Oberkörper herab hängen die Arbeitsarme, legen sich die breiten Hände tief auf dem Rockschoß ineinander unbeholfener Schmerz, unerlöste Sorge! Lind das zeigt dann mit einemmal in dieser schweren, fast rohen Frau einen Seelenkeim, dec uns zu tiefem Mitleid stimmt.

Ein anderes Beispiel: ein HolzbildwerkRuhe auf der Flucht". Was könnte der Bildner da alles ausbreiten: allen Iammer der Eltern Iesu, daß sie, auf Schritt und Tritt verfolgt, außer Landes ziehen müssen oder alle Lieblichkeit der Gottessreunde, denen der Haß der Welt nichts anhaben kann ... alle Lieblichkeit, die ja weit wegführt von der harten Realität und die ja auch Jahrhunderte lang von den bilden­den Künstlern mit jener Zartheit, die immer zum Kitsch hinüberschwankt, ausgemalt ist. Nichts von dieser Süßigkeit bei Barlach, aber auch nichts von übertreibendem Iammer! Dah in | dieser kleinen Dildgruppe aus Holz einmal alles liebliche Beiwerk weggelassen ist, schon das macht | den Betrachter aufmerksam und verständnisvoll

für die Not, von der die beiden Menschen und I ihr Kind betroffen wurden. Lind Joseph hebt | seinen Mantel und bildet mit ihm ein Zelt über 1 der Gottesmutter das ist die einzige und um so mehr tröstende Andeutung begnadeter Ruhe.

So könnte man fortfahren, an den Holzbild­werken und den in der Manier ihnen nach­strebenden Holzschnitten Barlachs dreierlei zu zeigen: das Verständnis für die ganze Schwere des Lebens, und zwar in der Art, wie die Darlach-Menschen sich bewegen nicht rund, nicht schwingend, nicht zart und vorsichtig, .son­dern eher eckig, eher ruckweise oder gewaltig sausend, eher hart und barsch und in der Art, wie sie ihr Kleid um sich wickeln, schnüren, spannen oder vom Wind blähen lassen. Aber, zweitens, diese Schwere ist nun stets ein wenig aufgehalten, ein wenig aufgehellt, so daß sie auch etwas von dem Er­lösenden hat, ohne das keine Kunst bestehen kann. Lind, drittens, es ist nirgendwo zuviel gegeben: immer waltet die echt künstlerische Sparsamkeit.

Darlach fühlt sich in erster Linie als BI I d- | Hauer. Da kennt er bis ins letzte die Mitte« und die Möglichkeiten. Lind d:e Gesetze der Dild­hauerkunst sind auch seine Gesetze. Es ist immer­hin eine seltene Erscheinung, dah ein bildender Künstler auch zugleich Dichter ist und auf beiden Gebieten wirklich Bedeutendes leistet. Barlach gehört zu diesen Erscheinungen.

Barlachs Dichtkunst ist nur ein anderer Aus­druck seiner Bildhauerkunst. Barlach ist Drama­tiker. Seine Theaterfiguren sind gewissermaßen belebte sprachbegabte Holzbildwerke oder Holz­schnitte. Aber er belebt nicht bloß gelungene Bildwerke, sondern auch Vorwürfe und Skizzen und Fragmente, die dann alsRollen" kaum erfüllbar sind. Weiterhin: einzelne Figuren ma­chen noch kein Drama. Iede Kunst hat ihre eigenen Gesetze. So muh auch ein Drama nach bestimmten Gesehen, die der Dichter in sich tragen soll, komponiert sein. Lind diese Gesetze hat Barlach nicht unbedingt in sich, seine Dra­men sind ost unverhältnismäßig, unharmonisch.

Lind all das, was Barlach an romantischer

Deutschlands Horoskop für 1930.

Kosmosophischc Lchiüsalsdcutnng.

Die Kosmosophen und Sterndeuter sind in den letzten Monaten nicht müßig gewesen. Sie haben das Horoskop für das neue Iahr gestellt und aus ihm das Schicksal Deutschlands herausgelc- sen. Wir wollen nicht allzu kritisch sein und nur berichten, was nach ihrer Ansicht uns das neue Jahr bringt: Zunächst ist für den Januar eine rege und erfolgreiche parlamentarische Tä­tigkeit und ein allgemein gutes Gedeihen geweis- sagt. Für den F e b r u a r stehen uns viele Ver­änderungen, schlechte Gesundheitsverhaltnisse, fi­nanzielle Schwankungen, Skandale und geheime Verbrechen bevor. Der März meint es gu., er bringt Erfolge und gute Gesundheit gute Finanzen, Reformen und soziale Betätigung. Ebenso soll es der April halten Er soll große Einnahmen und neue Einnahmequellen, wirtschaft­liches Gedeihen, wissenschaftliche Entdeckungen und neue Erfindungen bringen. »Mai und 3uni werden sich durch Llnruhen und Zusammenstöße, Reise- und Derkchrsunsäile, Betrügereien, Kurs­senkungen, Wetterstörungen, Schlagwetterexplosio­nen usw. auszeichnen. Auch für Iuli und 21 u g u ft lautet die Prognose auf starkes Auf­treten von Krankheiten. Der September soll für internationale Verträge ungünstig sein, er soll den Tod und die Erkrankung vieler führender Persönlichkeiten bringen und auch im Mittel­punkt militärischer Aktionen stehen. Das gleiche gilt für den Oktober und den Dezember, der uns mit großen Unannehmlichkeiten nicht ver­schonen wird. Lediglich der N 0 v e m b e r zeigt im Spiegel der Kosmosophen einiges Erfreuliche. In diesem Monat soll ein neuer wirtschaftlicher Aufschwung in Deutschland beginnen, Fortschritte und Neuerungen in Schiffs- und Luftverkehr, Ent­deckungen, politische Erfolge u. a. fteh^V un$ fuc diesen von der Natur nicht gesegneten Monat be= vor. Die W e l t e r e i g n i s s e sehen für den Winter des neuen Iahres nicht besonders giin- stig aus. Diese Iahreszeit soll sich durch gefähr­liche Einflüsse für Staatsoberhäupter und Regie­rungspersonen, durch Streit, Kampf und Blut- vergiehen auszeichnen. Auch für den Früh­ling lautet das Horoskop für die Weltereignisse nicht gut. Er steht unter keinen erfreulichen Ein­flüssen. Der Sommer wird dann das vorher­gegangene wiedergutmachen, indem er allenthal­ben Regierungserfolge, Fortschritte auf allen Ge­bieten und ein Gedeihen der Völker verspricht. Der Herbst bringt dann wieder eine Häufung fataler Konstellationen und entsprechender Er­eignisse. Die Erkrankungszisser soll ansteigen, Massenerkrankungen, Llnglücksfälle in Heer und Marine werden an der Tagesordnung sein. Auch von heftigen und zerstörenden Erdbeben soll die Welt nicht verschont bleiben. Lediglich für die Finanzen steht das Horoskop günstig. Warten wir nun ab, inwieweit die Kosmosophen Recht be­halten. Vielleicht trifft doch das eine oder andere von dem Gesagten zu.

Heimat zurückgekchrten SchulkreuzersEmde n" in Neuseeland. Zunächst war die Stimmung gegen­über dem deutschen Besuch geradezu feindselig. Durch das Auftreten der Besatzung schlug die Stimmung bald um und fand spontane Kundgebungen mariner Sympathie. In Auckland wie in Wellington hinter­ließen Mannschaften und Offiziere derEmden" den allerbesten Eindruck. Mit besonderem Geschick ver­stand es der Kreuzer-Kommandant, der aus dem Kriege besonders bekannte U-Boot-Führer von Arnauld de la Periere, sich auf die je­weilige Atmosphäre einzustellen und Offizieren wie Mannschaften zu entsprechendem Verhalten zu ver­anlassen. Die ausländischen Presseberichte geben ein erfreuliches Spiegelbild dieser deutschen Stimmungs­erfolge. Die Ausnahme in den spanischen Häfen, der Empfang durch Mussolini persönlich, der Besuch in Griechenland, Konstantinopel, in Niedcrländisch-Jn- dien, auf den Fidschi-Inseln, in Honolulu, in Kali­fornien, in Chile und den mittelamerikanischen Re­publiken, ist ein Beweis für die Notwendigkeit und die Werbewirkung derartiger Auslandreiscn deutscher Kriegsschiffe.

Ein deutscher Auslandkreuzer kehrt heim.

Seit der Wiederherstellung einer festen Währung in Deutschland sahren auch deutsche Kriegsschiffe und Schulschiffe wieder ins Ausland. Diese Ausland­fahrten dienen nicht nur der seetechnischen und 'mili­tärischen Ausbildung der Besatzung, sie sind auch von großem politischen und kulturpolitischen Wert. Die Behauptungen, daß diese Auslandsahrten als ein Luxus finanziell nicht zu verantworten seien, sind durch die Ergebnisse der Auslandreiscn auch in der Nachkriegszeit widerlegt worden. Als die Absicht, wieder deutsche Kriegsschiffe hinauszuschicken, er­wogen wurde, da hat die Marineleitung sich vor allem bei den deutschem Auslandkolo- n i e n , die für solche Besuche in Frage kommen, ein­gehend über die Zweckmäßigkeit dieser Besuche er­kundigt. Die Antworten lauteten durchweg zustim­mend. Besonders die älteren Auslanddeutschen er- . innerten sich der Vorkriegsbesuche und der Begeiste­rung, mit welcher die deutschen Seeleute überall

dabei ertappt, wie er in das Haus des Finanz­magnaten einbrach. Man sand in der Wohnung des Verbrechers, der seine Strastaten nicht aus Not oder Gewinnsucht, sondern ausSport" begangen hatte, genaue Aufzeichnungen über die von ihm verübten Einbrüche, Pläne von Häu­sern, Einbruchswerkzeuge und Verkleidungsgegen­stände. Dieser Gentlemanverbrecher hatte übrigens ein Testament versaht, mit dem er alle Opfer seiner Einbrüche aus seiner Hinterlassenschaft entschädigte. In einer anderen amerikani­schen Stadt drangen geheimnisvolle Einbrecher, denen man nicht auf die Spur kommen konnte, in vornehme Häuser ein und stahlen dort Juwe­len und Wertpapiere, während sie bares Geld stets liegen ließen. Der Polizei war es uner­klärlich, warum den Bestohlenen regelmäßig einige Tage nach dem Einbruch die entwendeten Papiere und Juwelen zurückgeschickt wurden. In einem liebenswürdigen Brief entschuldigten sich die Verbrecher wegen der Störung und legten einen Betrag für zerbrochene Fensterscheiben und erbrochene Schränke in Dollarnoten bei. Schließ­lich wurde festgestellt, daß die Verbrecher zu den Familien allgemein bekannter, steinreicher Jndu- striemagnaten gehörten. Die Poesie der Gefahr und eine gewisse kriminelle Veranlagung trieben diese Dandies auf die Bahn des Verbrechens. Von diesen Fällen und zahlreichen ähnlichen Straftaten ist wenig bekannt geworden, weil die Verbrecher fast stets vondenBehördenge- schont worden sind; nur aus den Geheimarchiven der Polizei und aus den Indiskretionen von Kriminalbeamten kann man entnehmen, daß ein­flußreiche Familien sehr oft ihre Beziehungen ausnuhen muhten, um einen öffentlichen Skandal zu vermeiden und einen ihrer Angehörigen vor dem Zuchthaus zu retten.

Die Motive, die zu solchen Straftaten führen, sind sehr verschiedenartig, und man kann keines­wegs behaupten, dah die Söhne reicher Eltern niemals aus Gewinnsucht gehandelt hätten. Na­türlich sind sie nie aus Not zum Verbrecher geworden; aber es ist doch sehr merkwürdig, daß z. B. Ira H. Perry, der junge Sohn eines reichen Chikagoer Ingenieurs, einen Raubmord beging, durch Bestechung nach drei Jahren Be­währungsfrist erhielt und sogleich wieder Räube­reien ausführte. Zweifellos aus Gewinnsucht handelten zahlreiche Beamte, die ihre Verbrechen nicht allein ausführten, sondern sich ganz ebenso wie jetzt der Neuyorker Richter Vitale mit den großer Verbrecherttubs verbündeten. Daß auf diese Weise viel Geld zu verdienen ist, I zeigt der Llmstand, daß arme Leute sich in einem öffentlichen Amt in kurzer Zeit ein großes Vermögen erworben haben. Der Polizeipräsi-

Emst Barlach.

Zu seinem 60. Geburtstage.

Von Or. Johannes Günther.

Die Kunst Ernst Barlachs ist zu verstehen aus der mecklenburgischen Volksart. Diese Volls- art ist mit dem Begriff gemütvoller Behäbigkeit, mit dem Bräsig-Menschen lange nicht erschöpft! Schon aus manchem Sah Reuters tritt uns ein schwererer bald tiefsinniger, bald bitterer Wesenszug entgegen. Ja, ich glaube, gerade dieser Beigeschmack macht den mecklenburgischen Humor so reich. Es will schon etwas heißen, wenn der von Natur schwer veranlagte Mensch lachen lernt. Wer in Mecklenburg an Ort und Stelle die Menschen auf sich wirken läßt, auch gerade die kleinen Bauern, Bütncr und Kätner, die schwer um ihr Brot ringen und in einem merkwürdigen Starrsinn die Fron auch gar nie gegen die Feier tauschen möchten, der sagt sich: cs gibt hier gewiß manche behäbig-fröhliche Menschen, aber die meisten Mecklenburger haben ein hartes, herbes Wesen. Diese Feststellung überrascht. Denn schon das WortMecklenburg", schon das Wortplattdeutsch" kann unter Llm- ständen eine Versammlung in lustige Stimmung oder lustige Erwartung bringen. Wir verall­gemeinern allzuleicht die drolligen Figuren der immer Cßlustigen, wenig Willenskräftigen, Lang­samen. Wie genial Reuter auch seine humor­vollen Menschen empfunden und geformt hat, er hat doch den Irrweg bereitet, daß man Einzel­bilder zu Allgemeinbildern macht. Ja, sogar mancher Mecklenburger mag sich bei solchem Wunschbild erholen. Aber dahinter bleibt das Charakterbild verborgen, das der harten Wahrheit entspricht.

Diesem wahren Charakterbild, dem wir übri­gens auch in den Romanen Friedrich Grieses begegnen, wendet sich Barlach zu. Er sucht die Menschen auf in ihrer Arbeit, in Sorgen, Leid und Krankheit, in Not und Elend und in ihrer Lust, die sich ganz selten zu einem stillen Seligsein öffnet, viel öfters zu einem rauhen Spott. Barlach selbst ist Holsteiner, aber er hat sich Mecklenburg zur Heimat gewählt, well er hier die ihm wesensverwandten Men­schen findet.

Barlach, der Bildhauer formt seine Eindrücke und seine Gedanken in Holz, und dieses Material

llntttweiinnd obere ZehniMsend inll.SK

Von Fred C. ViNinger.

lebendig erhält.

.Ungeregelt und doch gelungen durch gnädigen Zufall, so zu sagen, durch geniale Improvisation, sind zwei Dramen Barlachs zwei Dramen, die den unerhörten Ausstieg gewaltiger Per­sönlichkeiten und ihren trag.schon Nturz darstellen.

I Das eine istDer tote Tag", die Tragödie des zukunftsgläubigen, über das Irdische hinaus­bauenden Menschen, der aber dann doch von den nicht sch'.echten, aber eben irdischen Gewalien hcrabgezogen wird und nun ist das Ganze nicht in schmerzlichen Jammer getaucht, sondern getragen von einer jungen mutigen Sprache und Komposition. Lind das zweite istDie Sünd- flut: Galan, der Tyrann, kennt, im Gegen­satz zu dem treugläubigen Noah, keine Macht mehr über sich, nein, mit einem Ucbermut, wel­cher nur der altgriechischen Hybris vergleichbar ist, baut er seine Herrschast hoch und höher, bis sie schließlich hinweggeschwemmt wird; die Kraft seiner Persönlichkeit aber wird nicht aus- gerottet, sie wird noch benutzt, um uns, durch Calans Mund, die Idee eines Gottes, welcher den Llrsprung darstellt, nicht aufzuzwingen, aber als eindringliche Möglichkeit festzuhalten.

Barlach ist kein Held des großen Publikums, aber die wenigen, die, eingeweiht, mitarbeitend, nachsühlend, seine Werte ausnehmen, mögen, als Mittler, Barlachs Energien der Welt zuführen. Als ein echter Weiser sitzt er weit ab vorn Weltgetriebe in dem Städtchen Güstrow. In seinem sechzigsten Lebensjahre hat er seine Bio­graphieEin selbsterzähltes Leben" geschrieben, | hat das DramaDie gute Zeit" geschaffen und I wird sein gewaltiges Krieger-Ehrenmal im Dom