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am Tag und Tagesverpflegung im besten Lokal; das heißt aber natürlich noch lange nicht, daß ich jeden Tag eine Führung habe. Immerhin gibt es Monate, wo man durchschnittlich 300 bis 400 Mark verdient, und das ist schon sehr viel für einen armen Akademiker."

Aus der provinziathauptstadt

Gießen, den 2. Dezember 1930.

Konzert desSängerkranz" Gießen.

Wenn sich derSängerkranz" entschloß, in diesem Iahre sein Konz:rt nicht öffent.ich, sondern nur in internem Rahmen zu halten, so kann man das in zwiefacher Hinsicht bedauern. Erstens hörte man zwei verhältnismäßig selten gesungene gemischte Chöre mit Bcg'eitung des Klaviers von Schubert und das ebenso selten auf- geführte romantische Märchen Robert Schu­manns®er Rose Pilgerfahrt". Zum anderen stand die künstlerische Leistung des Chores unter seinem trefflichen Führer Albert K a st e n auf einer Höhe, die er stets sich zu erhalten ge­wußt hat. Der Chor ist in stimmlicher Beziehung schlechthin vollendet, singt präzise und sicher, intoniert rein und spricht so aus, daß sich die Beigabe eines Textbuches erübrigt hätte. Das sind alles Prädikate, die aus der Schar der Sänger und Sängerinnen ein Instrument von außerordentlicher Dew?gungs'ähigkcit und gutem Können machen. Herr Albert K a st e n, d?r Leiter des Chores, stellte sich mit dieser Aufführung das beste Zeugnis aus, denn ihm verdankt der Verein seine künstlerische Leistung und damit den Erfolg des Konzerts.

Die beiden Chöre von Schubert,Die Allmacht" undAn die Sonne" standen im ersten Teil der Vortragsfolge und erwiesen bereits, zu welcher Entfaltung klanglicher Mittel der Chor fähig ist. In dem darauffolgendenDer Rose Pilgerfahrt" von Rob. Schumann übertraf er sich selbst. Trotzdem dürfen als unserer Ansicht nach am überzeugendsten gelungen, der Ein­leitungschor, der Chor mit Sopran-SoloWie Blätter am Baum" und der MännerchorBist du im Walde gewandelt" gelten. Ramentlich der letztere hinterlieh durch seinen vollen und klaren Klang einen tiefen Eindruck.

Die solistischen Partien derRose" lagen in Händen von Minna Wolf, Gießen (Sopran), Christlene Partenheimer, Gießen (Mezzo­sopran), Leni T ä u b e r t, Gießen (Alt), Karl Erich Iaroschek, Frankfurt a. M. (Tenor) und Herrn. D i e r s ch, Frankfurt a. M. (Daß).

Minna Wolf sang die Partie derRose" mit tiefer Empfindung und starker Gestaltungskraft. Das gilt besonders von demGebet" und dem SchlußRimm hin", die beide mit großer stimm­licher Wärme gesungen wurden.

Christlene Partenheimer und Leni Säubert gaben in kleineren Partien eine schone Probe ihres Könnens, paßten sich auch im Duett gegenseitig gut an. Leni Täuber ts3m Walde gelehnt am Stamme" gab ihr Gelegenheit, ihr schönes Organ voll zu entfalten.

Karl Erich Iaroschek, Frankfurt a. M, sang die Tenorpartie mit warmer Hingebung, durch feine ausgezeichneten stimmlichen und musikali­schen Qualitäten aufs beste unterstützt.

Herrn. Di er sch (Baß), Frankfurt a. M, gab seiner Partie mit großer Intensität einen überzeugenden Ausdruck. Manche Stellen, so die Wechselgesänge mit dem Sopran, wirkten in ihrer Gröhe erschütternd.

Am Flügel begleitete Mimi B o ck, Giehen. Sie paßte sich nicht nur in sicherster und feinfühlig­ster Weise dem Chor und besonders den Solisten an, sondern formte auch die kurzen Vor- und .Dachspiele plastisch uni> trug so durch ihr ge­pflegtes Spiel wesentlich zum E. olg bei.

Heber allem waltete als sicherer Führer Albert Kasten, der den starken Beifall der zahlreichen Oer Dreizehnte.

Vornan von Anny von panhuyö.

Copyright 1929 by Vertag Bechthold Braunschweig 17 Fortsetzung Nachdruck verboten

Die Prinzessin siedelt sofort in ein Hotel über, sie packt schon und Mynheer van Mühlen auch."

Eie warf der alten Spielerin einen zornigen Blick zu, weil sie nach ihrer Meinung die Schuld an dem Aergernis trug, aber sie wagte kein Wört­chen, weil sie fürchtete, sie könnte sonst heute noch einen Pensionsgast verlieren.

Primo Duero entschloh sich, die Prinzessin zu verfolgen, um herauszubringen, in welches Hotel sie sich einquartierte. Er grüßte alle Anwesenden sehr höflich und machte sich zum Ausgang fertig. Unten nahm er ein Auto und erklärte dem Chauf­feur, in einem äußerst mangelhaften Deutsch, es würde aus dem Hause, das er ihm bezeichnete, eine Dame kommen mit Gepäck. Er sollte dann dem Wagen, den sie benützen würde, nachfahren. Er selbst wollte hier neben seinem Auto warten, bis die Dame tarne, um ihm dann ein Zeichen zu geben.

Eine halbe Stunde stand er etwa so, als er den Holländer aus der Tür des Hauses kommen sah, dessen zweiten Stock die Pension einnahm. Er trug eine ziemlich große Handtasche und schien gar nicht daran zu denken, sich einen Wagen zu nehmen. Also würde er sich wohl in der Rähe ein» quartieren, dachte Primo Duero.

Eine Viertelstunde später kam die Prinzessin Montirossi. Ein Mädchen trug einen ziemlich gro­ßen Koffer. Aus einen Wink schoß ein Auto heran, und während der Chauffeur den Koffer unter­brachte, sagte Primo Duero seinem Wagenführer, dem Auto mit dem Koffer möge er nachfahren.

Eine lange Fahrt wurde es, aber schließlich neh­men alle Fahrten einmal ein Ende. Doch mit Verwunderung erkannte Primo Duero, daß sein Wagenführer vor keinem Hotel hielt, sondern vor einem Bahnhof.

Er war verblüfft, glaubte anfangs, der Taxe­chauffeur hätte die Spur des verfolgten Autos verloren, aber er sah noch, wie sich ein Träger mit dem großen Kosfer der Montirossi belud. Und im nächsten Augenblick sah er sie selbst.

Er entlohnte schnellstens seinen Chauffeur und eilte der schlanken, eleganten Frau nach, doch hielt er sich so, daß sie ihn nicht sah. Liebrigens war er ihr wohl kaum in der Pension aufgefallen, da sich mit ihrem Eintritt in das Eßzimmer ja sofort der Streit entspann zwischen ihr und dem Holländer.

Der Träger brachte den Koffer an die Gepäck­abfertigung und Primo sah, wie ihr ein Herr, der ihm den Rücken wandte, eine Fahrkarte gab. Deutlich konnte er es beobachten, da zwischen bie-

Zuhörer als in hervorragendem Maße seiner Leistung geltend, entgegennehmen durste.

Aus dem Gießener Standesamts­register. Es verstarben in Gießen in der Zeit vom 16. bis 30. Rovember: 18. Luise Schmall, geb. Rau, 55 Iahre, Kornblumengasse 6. 20. Kon­rad Weller, Zugführer im Ruhestand, 79 Iahre, Reustadt 4. 21. Mathilde Koch, ohne Beruf, 72 Iahre, Frankfurter Straße 46. 22. Otto Hugo Meyer, Kaufmann, 63 Iahre, Aulweg 36. 23. Ingeburg Wismar, 4 Tage, Cbelstraße 34. 23. Katharine Schmidt, geb. Breinig, 62 Iahre, Gnauthstraße 18. 24. Wilhelmine Weist, geb. Groß, 72 Iahre, Liebigstr. 73. 25. Dr. Iohannes Modde, Echlachthosdircktor, Oberveterinärrat, 57 Iahre, Schlachthofstraße 2. 26. Artur Leonhard Arnold, 2 Iahre, Liebigstrahe 58. 26. Peter Iosef Wilhelm Wcinert, Kaufmann, 69 Iahre, Reuen- toeg 9. 26. Ernestine Iaffe, geb. Grunwald, Witwe, 83 Iahre, Bahnhofstraße 50. 26. Leon­hard Weber, Fuhrmann, 68 Iahre, Walltorstr. 37. 26. Katharine Klein, geb. Laute!, 45 Iahre, An der Kläranlage 2. 27. Emilie Schmidt, ohne Beruf, 68 Iahre, Schottstraße 17. 27. Mathilde Mocllcndorff, geb. Buchwald, Witwe. 80 Iahre, Kirchenplatz 23. 29. Emilie Vomhof, geb. Kramer, Witwe, 80 C obre, Frankfurter Straße 1.

Haussrauennachmittag im DHD. Man berichtet uns: Im Rahmen des Winter- bildungsplanes der Ortsgruppe Gießen ini Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verband fand im Deröandsheim der erste Hausfrauen­nachmittag statt, zu der die Ortsgruppe die Da­men ihrer Mitglieder eingeladen hatte. Bei Be­ginn war das Haus überfüllt. Die Kleinen wur­den während der Veranstaltung durch die Kinder­gärtnerin Frl. Büttner in gesonderten Räu- men betreut. Rach einleitenden Musikstücken be­grüßte Kreisgeschäftsführer S ch r o e ö e r die Er­schienenen, gab einen kurzen Heberblid über die Pflege des geselligen Lebens im Verbände und

wies auf den Zweck der Hausfrauennachmittage hin. Bei einer Tasse Kaffee war bald eine gemüt­liche Stimmung vorhanden, die sich steigerte, als dcr oberhessische Heimatdichter Heß, Leih­gestern, hinzukam und eigene neuere Dichtungen vorlas. Der starke Beifall zwang ihn zu immer neuem Auftreten, wobei er dem Wunsche der Anwesenden entsprechend auch ältere beliebte Dichtungen vortrug. Beifall fand auch ein Licht­bildervortragDer DHV. in Köln am Rhein". Bilder vom Verbandstag 1930 in Köln und der anschließenden Desreiungsfeier am Deutschen Eck in Koblenz wurden gezeigt, zu denen Kreis» geschäftsführer Schroeder sprach und ein an­schauliches Bild von den vielseitigen Einrichtun­gen des Verbandes gab. Mit einer nochmaligen Zugabe des Herrn Heß und einigen Musik­stücken sand der harmonisch verlaufene Rach­mittag seinen Abschluß.

"Familienabend imGernhardtschen Schülerkreis. Musiklehrer Gernhardt ver­anstaltete am Freitag im Cafö Leib einen Fa­milienabend, der mit musikalischen Darbietungen ausgefüllt war. Ein Streichorchester in guter Be­setzung, aus Schülern des Musiklehrers gebildet, wartete mit sehr ansprechenden Leistungen auf, die zugleich dem Lehrer alle Ehre machten. Der Gernhardtsche Zither- und Mandolinenchor zeigte ebenfalls sein Können, und in Verbindung mit einem Teil des Streichorchesters wurden gute Klangwirkungen erzielt. Mit besonderer Freude sah man die Iüngsten musizieren, die dabei eine Sicherheit bewiesen, die von vielen Zuhörern wohl kaum erwartet war. Eine wesentliche Bereiche­rung wurde dem Abend dadurch zuteil, daß die Gesangslehrerin Fräulein Ida Stammler einige Lieder sang, die außerordentlich gut ge­fielen. Einige ihrer Schülerinnen zeigten im klei­nen Chor ihr gesangliches Können und ernteten ebenfalls Beifall. Der Familienabend, der sehr gut besucht war, nahm einen harmonischen Verlauf.

Preisabbau und Lebenshaltung in Gießen.

Don Ferdinand Mack, Geschäftsführer des GDA., Gießen.*)

DerGießener Anzeiger" brachte in Rr. 271 vom 19. Rovember unterPreisabbau im Einzel­handel" eine Stellungnahme des Landesverbandes des Hessischen Einzelhandels, Sitz Darmstadt, worin u. a. angeführt wird,es wäre wünschens­wert, wenn das Publikum einmal in allen Bran­chen die im Vorjahre angelegten Preise mit den jetzigen Preisen für Waren gleicher Qualität vergleichen würde". Auch der Süddeutsche Einzelhandelstag in Karlsruhe am 19. Rovember, dem der obige Landesverband angehvrt, faßte eine Anzahl Beschlüsse, um darzutun, daß es nicht an ihm liege, wenn der Preisabbau noch nicht stärker in die Erscheinung getreten sei. Ebenso die hessischen Bäckermeister auf der Ober- meiftertagung in Darmstadt. Schließlich veröffent­licht der Reichsverband deutscher Lebensmittel­filialbetriebe, Sih Frankfurt a. M., dem rund 3500 Filialen angehören, unter Aufzählung der verschiedenen, in seinen Geschäften geführten Waren (auch Weine, Delikatessen usw.) und Preisunterschiede einen Bericht, wobei errechnet wird, daß in Süddeutfchland die dafür in Be­tracht kommenden Kleinhandelspreise um 18,62 Prozent, im rheinischen Industriegebiet um 20,36 Prozent und in Sachsen um 15,87 Prozent ge­senkt worden seien.

Wenn u. a. gesagt wird,seit über einem Iahre sei eine Senkung der Preise im Einzelhandel im Gange", so wird jeder Mitbürger und besonders die Hausfrau mir beipflichten, daß dies von Propagandapreisen abgesehen praktisch sich kaum ausgewirkt hat. Aus einer Gegenüberstel­lung der Lebenshaltungskosten Ende Rovember

1929 zu Ende Rovember 1930 eines Haushaltes in G ie ß en, die wegen Raummangels detailliert hier nicht toi ebergegeben werden kann, ergibt sich eine Ersparnis in Gießen von 5,5 Prozent! Einer monatlichen Ausgabe von 185,38 Mk. im Rovember 1929 für Rahrungs- mittel, Miete und Heizung stehen 1930 zu gleichem Zeitpunkt 175,18 Mk., also nur 10,20 Mark toe Niger gegenüber! Zu beachten ist aber dabei, daß in diesem Beispiele die verteuernden Lebenshaltungsfaktoren, wie Steuer (erhöhteLohn- fteuer), Arbeitslosenversicherungsbeiträge (1929: 3,5 Prozent; 1930 : 6,5 Prozent vom Einkommen!), Sttahenbahn (von 15 auf 20 Pf. = 33i/s Proz.), Reichsbahntarife (8 bis 10 Prozent, zumal viele in Gießen Tätige außerhalb wohnen) n i ch t be­rücksichtigt sind. Ebenso, daß der Milchpreis durch den Milchstreik stark gedrückt ist. Die Herab­setzung desselben beträgt anderwärts rund 2 Pf., hier 10 Pf.; ferner daß die Kartoffeln infolge Rässe und Fäulnis einen größeren Abfall be­dingen und dadurch der Preisrückgang nicht voll gewertet werden darf. Und doch sind gerade diese beiden Posten relativ in der vorliegenden Be­rechnung, die noch über den Durchschnitt hinaus- ragen dürste, mit am stärksten heran gezogen. Bei entsprechender Bewertung dieser Tatsachen ergibt sich in Lebensmittel ein Preisrückgang in

* Rach den Kundgebungen des Einzelhandels usw., auf die der Verfasser dieser Zeilen hinweist, geben wir auch den vorstehenden Darlegungen Raum, ohne dadurch unsere eigene Stellung­nahme präjudizieren zu lassem D. Red.

lern Herrn und der Monttrossi ein Zwischenraum bestand, der genügte, um die kleine Handlung flar zu sehen. Anscheinend hatte sie also jemand vor­aus an die Dahn geschickt, der ihr die Fahrkarte besorgte. Einer der Herren aus der Pension hatte der reizvollen Frau sicher diesen Dienst erwiesen.

Ieht wandte sich die Prinzessin und ging lang­sam, nach einem Blick auf die Bahnhofsuhr, die Treppe hinauf, die zu den Fahrsteigen führte. Da der Bahnhof ziemlich belebt war, konnte dev Verfolger dreist ziemlich dicht hinter ihr gehen. Er war sehr aufgeregt. Eigentlich durfte die Frau nicht abreifen, ehe er wußte, von wem sie die blauen Brillanten erhalten. Aber er wagte es auch nicht, sie durch einen Schutzmann festhalten zu lassen. Er vermochte sich nicht fiat zu verstän- oigen und man brauchte ihm nicht zu glauben.

Aber er hatte, als er sie verfolgte, auch nicht geahnt, daß sie abreifen würde.

Eine Menge Reisende passierten eine der Bahn­sperren, und dorthin lenkte auch die Montirossi ihre Schritte.

Er konnte sie gut im Auge behalten, ihr auf­fallender Mantel aus goldbraunem Tuch mit wei­ßem Pelzbesatz war ein deutliches Ziel.

Primo Duero war in der Rähe der Sperre schon ganz nahe an sie herangekommen, immer noch von dem Gedanken gequält: Was sollte er tun? Cs reizte ihn, sie einfach am Aermel zu packen und zu befragen, woher sie die blauem Brillanten hatte, die sie verkaufte. Aber er sagte sich, daß er dadurch hier einen großen Skandal herausbeschwören würde, aus dem ihm, mit seinen schlechten Sprachkenntnissen, der größte Qlerger er­wachsen konnte, ilnb dennoch, schon wollte er tun, wozu es ihn impulsiv trieb, als sich mit ziemlicher Rücksichtslosigkeit ein breiter großer Herr vor­drängte, den er sofort, trotzdem er auch nur, tote vorhin an der Gepäckabfertigung, den Rücken sah, als denselben Herrn erkannte, von dem die Mvn° tirossi die Fahrkarte erhalten. Gr kam ihm be­kannt vor.

Er wußte jetzt genau, die Gestalt kannte er von der Pension Lotos her. Es war bestimmt einer der Herren, die er dort kennenlernte.

Er ließ sie blitzschnell im Geist an sich vorbei­defilieren: Den rumänischen Lebemann, den Russen, den österreichischen Grafen und die ande­ren, aber keiner von ihnen hatte diese etwas plumpe Figur.

Die Montirossi war schon durch die Sverre und nun sah er, der Herr trug eine ziemlich große Handtasche. Er schien also auch zu verreisen. Schien mitzureisen mit der schönen, eleganten Frau.

Schon war auch der Herr durch die Sperre, ein paar Rachkömmlinge drängten und die Sperre schloß sich.

Primo Duero sah, wie sich da vorn am Bahn­steig die Montirossi und der Herr zusammensan-

den und im schnellsten Tempo den Zug entlang­rannten. Es mußte Abfahrtszeit fein. Die letzten Reifenden rannten alle, ein Herr ward nicht mehr durch die Sperre gelassen.

Ietzt war der Bahnsteig leer, der Zug setzte sich in Bewegung.

Und in diesem Augenblick war sich Primo Duero darüber klar, wer der Herr gewesen, dessen Ge­sicht er nicht gesehen hatte. Deutlich stand die plumpe Gestalt Mynheer van Muylens vor ihm. Er war es gewesen, der hier am Bahnhof auf die Montirossi gewartet, der ihr vor der Schranke der Gepäckabfertigung die Fahrkarte gegeben und nun mit ihr im gleichen Zuge abreifte. Merkwürdig war das!

Wohin aber reiften die beiden, die in der Pen­sion Lotos die Komödie ausgeführt hatten?

Eben klappte das Schild mit Angabe von Fahrt­richtung und Zeit herunter, aber blihgeschwind erhaschte Primo Duero doch noch die Worte Frankfurt a. M.KölnAmsterdam.

Roch minutenlang verharrte er auf demselben Fleck und blickte dorthin, wo noch vor kurzem der Zug gestanden. O hätte er doch vorhin nicht so lange gezögert, hätte er diese Prinzessin, auf die durch gemeinsame Abreise mit van Muylen ein sehr eigentümliches Licht fiel, doch angehalten!

Die alte Spielerin hatte gespöttelt:Uebrigens bezweifle ich, daß ihr Titel echter ist als ihr hellblondes Haar!"

Mit einem Male schien ihm nicht nur die Mon­tirossi, sondern auch der Holländer äußerst ver­dächtig. Die Szene in der Pension war von ihnen aufgeführt worden, um sofort verschwinden zu können. Und zum Verschwinden mußten sie trif­tige Gründe gehabt haben.

Langsam stieg er die Treppe hinunter, und er wußte nicht einmal, daß er sich im Anhalter Bahn­hof befand. Es war ja auch gleich, wie der Bahn­hof hieß, er wußte ja, wohin der Zug fuhr, mit dem das verdächtige Paar die Stadt verlassen.

In der Pension fand er noch alle Gäste beisam­men, das Ereignis des heutigen Abends be­sprechend.

Die junge Witwe aus Luxemburg schoß auf ihn zu und kokettierte mit ihm in den verschie­densten Abstufungen.

Was sagen Sie nur zu dem Skandal? Der Holländer ist es sicher nicht gewohnt, mit Damen, wie die Prinzessin, umzugehen, nicht wahr?"

Er zuckte die Achseln und sagte, er wäre sehr müde. Sie fand ihn ungeschliffen, und ihre Augen suchten ein anderes Opfer.

Ich möchte noch ein bißchen Nachtbetrieb mit- machen. Wer begleitet mich?"

Der österreichische Graf meldete sich. Diesmal sagte die lustige Witwe nicht, er wäre ihr zu ab­gestanden. Die alte Spielerin zog sich zurück. Sie meinte zu Primo Duero:Ich soll die Schuld an dem Skandälchen tragen. Meinetwegen! In ein

Giehen von nur 4Prozent. Stellt man aber noch die Ausgaben für Anschaffungen, Steuern, kulturelle Bedürfnisse, Genußmitbel, Schulgeld, Lehrmittel, soziale Abgaben, Versiche­rung in Rechnung, so ergibt sich daß in der ge­samten Lebenshaltung eine Senkung nicht eingetreten ist. So sieht die Theorie und Praxis aus!

Solange die Kaufkraft nicht gesunken war, hatte der Einzelhandel eine Senkung der Preise nicht besonders angestrebt, und unter Herab­minderung der fixen Kosten wird meistens Ge­haltsabbau verstanden, der in Gießen inzwischen ohnedies von einer Reihe von Firmen unter der Hand um 10 bis 20 Prozent vorgenommen worden ist!

Die Lebenshaltungskosten bedingen die Höhe der Löhne und Gehälter. Eine Senkung der Lebenshaltungskosten hat der bisherige Abbau der Preise praktisch nicht gebracht infolge Er­höhung der Massensteuern, sozialen Beiträge usw.

Die Ernährungskosten sind in Deutsch­land um etwa 30 Prozent hoher a ls auf dem Weltmärkte. Diese stellen aber den wichtigsten Bestandteil der Lebenshaltungskosten bar! Trotzdem verfolgt die Regienmg^die Ten­denz, die Agrarzölle weiter zu erhöhen und andere landwirtschaftliche Maßnahmen einzu­leiten, die die Wirkung haben werden, die Er- nährungskosten noch mehr zu steigern. Insofern sind die Preissenkungsaktionen ein Wi der- spruch in sich selb st. Zollerhöhungen für Agrarprodukte siehe Roggen sollen diese an die Industrieprodukte anpassen. Die Industrie­produkte wiederum sind durch Zölle geschuht; Abmachungen zur Abhaltung der ausländischen Konkurrenz (Konkurrenzfrieden) halten die Shn- dikatspreise hoch. Der Leidtragende ist der Käu­fer und Verbraucher, dessen Einkommen deshalb nicht ausreicht und trotzdem noch weiter be­schnitten wird. Diese ungleiche Belastung schlägt ihren eigenen Herrn durch Absahmangel. Aber auch die Preisbindung im Einzelhandel, der heute gleichfalls weitgehend kartelliert ist Einkaufs- konzerne u. dgl., Markenartikel, von denen bisher fast nur Waschmittel und Malzkaffee herunter» gegangen sino läßt den Preisabbau nicht zur Wirkung kommen. Es bedeutet z. B. bei Persil die großpropagierte Preisherabsäzung von 45 auf 40 bzw. 85 auf 75 Pf. pro Paket nichts Besonderes, wenn man die Herstellungskosten be­wertet. Unter dem Druck Hes Absatzrückganges infolge wachsender Arbeitslosigkeit und sinkender Kaufkraft haben die Preise sich nur langsam ge­senkt. Die Preise werden nicht allein durch Löhne, Gehälter, Steuern und Sozialversicherungsbei­träge, sondern ebenso stark durch Kartelle, Mono­pole, Zölle usw. beeinflußt. Die Gerechtigkeit erfordert, daß das tragfähigere Desiheinkommen relativ ebenso stark herangezogen wird und die Kartell- und Monopolpreise, sowie Zölle usw. gesenkt werden.

Die Berechtigung der Forderung des Preisab­baus wird Wohl von niemand mehr bestritten. Man sollte aber den Tatsachen nüchtern ins Auge sehen, älrsache und Wirkung richtig werten und jede Einseitigkeit zu vermeiden suchen. Hierzu beiautragen, möge die Derbraucherschaft und ge­samte Oeffentlichkeit sich angelegen sein lassen.

Der Gewerkschaftsbund der Angestellten, Orts­gruppe Gießen, hat an die Stadtverwal­tung ein Schreiben gerichtet, in dem ersucht wird, die Preissenkung auch in Gießen energisch zu betreiben und zu diesem Zwecke als­bald eine Desprechung zwischen den in Be­tracht kommenden wirtschaftlichen Vereinigungen und öffentlichen Körperschaften anzusetzen.

Daten für Mittwoch, 3. Dezember.

1830: der englische Maler und Bildhauer Frederick Leighton geboren; 1857: der Bildhauer Christian Daniel Rauch in Dresden gestorben; 1888: der Unioersitätsmechaniker Karl Zeiß in Jena gestorben.

paar Tagen reife ich ab. Ich habe Berlin satt, ich reise nach Paris, dort vergeht die Zeit schnel­ler, bis ich wieder nach Monte fahren kann."

Primo Duero sah dann in seinem Zimmer und grübelte unaufhörlich über das Erlebnis des heu­tigen Abends nach. Wenn er sich nur mit Eva Hirtberg hätte darüber aussprechen dürfen, aber erst übermorgen würde er sie treffen. Viel Zeit ging damit verloren. Er wäre gern der Mon­tirossi und dem Holländer nachgereist.

Aber es schien ihm eine Unmöglichkeit, Berlin zu verlassen, ohne Eva Hirtberg nochmals zu sehen, ilnb dann erwartete er auch von einem Bureau, bet dem er gewesen, Auskunft über die Prinzessin. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als abzuwarten.

Die Tage schienen von nun an mindestens acht­undvierzig Stunden zu haben, und Primo Duero blieb in der Pension Lotos, weil es ja schließlich gleich war, wo er wohnte. Aber die anderen! Gäste sahen ihn kaum. Er nahm, trotzdem er sie bezahlte, nicht an den Mahlzeiten teil, und fie­berte dem Wiedersehen mit Eva Hirtberg ent­gegen.

Er sann, wie eigen das doch war. Mehr als zwei Iahre lang hatte er kaum an das blonde Mädchen gedacht, wenigstens nicht anders, als daß es selbstverständlich war, daß sie wieder aus seinem Geben verschwand, obwohl sie ihm ge­fallen und es ihm leid tat. Ietzt aber quälte es ihn, sich vorzustellen, er würde sie aller Vor­aussicht nach, außer diesem kurzen verabredeten Treffen, niemals, im ganzen Leben niemals mehr Wiedersehen.

Ülndenkbar schien es ihm. Er würde darunter leiden müssen wie unter einer schweren Krankheit.

12.

Ehe Primo Duero, wie verabredet, Eva Hirt- berg in der Rähe des Goldenerschen Iuwelier- geschäftes erwartete, suchte er das Bureau in der Potsdamer Straße auf, das er schon vor Tagen mit der Einziehung von Auskunft über die Prin­zessin Montirossi betraute. Er hatte schnelle Aus­kunft gewünscht und hatte sich zur Bezahlung von Telegraphenspesen bereit erklärt und dafür einen gediegenen Vorschuß hinterlegt.

Er hatte seinen Gang auch nicht umsonst ge­macht.

Der Chef der Detektei, Herr Weigert, sprach tadellos französisch, so gab es für Primo Duero kein Falschversiehen und Falschbegreifen.

Die Prinzessin Montirossi ist, wie ich selbst herausbrachte, von Amsterdam nach Berlin ge­kommen. Also habe ich mich mit meinem Geschäfts­freund dort in Verbindung gesetzt und folgendes gehört", begann er, nachdem sich Primo Duero des angebotenen Stuhls bedient. Er selbst saß am Schreibtisch und hatte mehrere Telegramme vor sich, in denen er spielerisch blätterte.

(Fortsetzung folgt)