Nr. 282 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)Dienstag, 2. Dezember (930
Der Bruch der Abrüstungsverpflichiungen.
Das entwaffnete Deutschland. — Frankreichs „bedrohte Sicherheit". — Oie pazifistischen Ver.eumder hindern eine Verständigung. - Niemals ein Verzicht auf das liecht der Selbstverteidigung.
(Lin Interview mit Neichswehrminisier Or. h. c. Wilhelm Groener, Generalleutnant a. D.
Zwölf Safjre, nachdem In feierlichen Verträgen eine allgemeine Beschränkung und Begrenzung der Rüstungen verkündet wurde, müssen wir die Tatsache feststellen, daß heute in der Welt mehr GeldfürRüstungszweckeausgegeben wird alsvordem Kriege, das) sich d.e Zahl der in Friedenszeiten unter Waffen stehenden Männer — unter Ausschluß der Mit.elmächle — allein in Europa um nahezu 500 000 Mann erhöht hat. Lassen wir noch einmal die riesigen Zahlen unserer Abrüstung auf marschieren. 3m einzelnen wurden vernichtet oder abgeliefert: 6 000 000 Gewehre und Karabiner, 130 000 Maschinengewehre, 60 000 Geschütze, 15 tOO Flugzeuge, 27 ZvO Flugzeugmoto e r, 517 Flu z ughal- len und 30 Luftschifshallen. Die Organisation der neuen Wehrmacht ist von ter Gliederung d.r obersten Schichten an bis in die kleinste Einheit hinein, bis zum letzten Hufnagel, von den Siegermächten aufs genaue ste bestimmt worden. Diese unerhörten Zumutungen haben an das deutsche Volk Anforderungen an Di zipl... und Zurückhaltung gestellt, die nur deshalb erfüllt werden konnten, weil hinter diesen garzen Maßnahmen die feierlichen Verpflichtungen zu einer allgemeinen Abrüstung standen.
Was ist statt dessen aus der im Versailler Vertrag und in der Völkecbundssahung verbrieften Abrüstung geworden? Früher hat man u s gesagt, die Abrüstung könne erst dann beginnen, wenn unsere Entwarnung durchgeLhrt sei. Die Bedingungen wurden von uns erfüllt. Aber die Regierungen einzelner Länder erfinden immer weiterneueDorwände.um die ungeheure Vergrößerung und Vervollkommnung ihrer Rüstungen zu begründen und die Abrüstung zu sabotieren.
Man hat behauptet, die Ausbildung der lang- dienenden Berufssoldaten sei der der kurzdienen- den Wehrpflichtigen so weit überlegen, daß aus diesem Grunde die Sicherheit Frankreichs bedroht sei. Rachdem man also den Umfang und die Form der deutschen Entwaffnung bis in die letzten Einzelheiten bestimmt und kontrolliert hat, soll nun eben diese Form der neuen deutschen. Wehrmacht ein Beweis der Gefährlichkeit deutscher Rüstungen sein. Was nützt uns aber der bestens ausgebildete Soldat, der gegenüber den 2000 sofort aktiv verfügbaren Kampfwagen unserer Rachbarn nur seine T ankatrappen aus dem Manöver zur Verfügung hat? Wie kann das deutsche Heer die französische Sicherheit bedrohen, wenn es nur 288 Feldgeschütze den 2700 leichten und schwerenGeschützenFrankreichs gegenüberstellen kann? Die heute vielfach erörterte Theorie von der Ueberlegenheit kleiner Berufsheere wird eben niemals an der Tatsache vorübergehen können, daß auch das beste Berufsheer wertlos ist, wenn es sich nicht aus Reserven ergänzen kann. Solche Reserven stehen uns überhaupt nicht zur Verfügung.
Seitdem auch die Botschafterkonferenz auf Vorschlag der m li.ärischen S achvrrstän'.ige t bestätigen mußte, daß die Entwaffnung Deutschlands durchgeführt sei, sucht man heute die These von den bedrohten Sicherheit Frankreichs durch Behauptungen über angebliche deutsche Geheim- rüstungen aufrechtzuerhalten. Man hat den Wehretat als Beweis heranzuziehen versucht, und ihn mit unserem Vorkriegshaushalt verglichen. Dazu kann ich nur sagen: Man gebe uns die Freiheit, das uns im Versailler Vertrag aufgezwungene teuerste Wehrsystem wieder zu beseitigen, dann werden wir nicht mehr gezwungen sein, im Vergleich zum Wehrpflichtheer d a s Sechsfache an Löhnung, dasDierfachefür die .Unterbringung und dasDr eifache an allen anderen Fürsorgemaßnahmen zu zahlen.
Statt mit Beweisen, statt mit konkreten Angaben sucht Frankreich seine Sicherheitsforderungen mit
allgemeinen Behauptungen zu vertreten, zu denen deutsche Organisationen und deutsche Presseorgane das Material geliefert haben. Och würde nicht an diese beschämende Tatsache erinnern, wenn nicht jede Phase der Abrüstungsverhandlungen von verleumderischen ,Enthüllungen" über unsere angeblichen Rüstungen begleitet würde. Tie französischen Behauptungen über unsere Geheimrüstungen, für die man uns seit 12 Jahren den Beweis schuldig bleibt, stützen sich auf d i e Propaganda von Denunzianten und Verleumdern. Sie haben seit Iahr und Tag die Atmosphäre- der Verständigung gestört, und Deutschland wird sich gegen dieses Treiben - eben um der Verständigung willen — mit den schärfsten Mitteln wehren.
Glaubt man in Frankreich, daß es in einem Lande mit einer so kritischen Oeffentlichkeit überhaupt möglich wäre, auch nur eine Waffe „geheim" herzustellen, wenn Hunderte von Menschen an dem Produktionsprozeß beteiligt sind? Frankreich setzt seine ganzen verfügbaren militärischen Kräfte ein, um die militärische Ausbildung seiner Jugend zu betreiben. Den deutschen Militärbehörden ist jede Verbindung mit Vereinen usw. unmöglich gemacht. Glaubt man in Frankreich, daß Organisationen, wie z. B. der Stahlhelm und das Reichsbanner, die sich der körperlichen Ertüchtigung ihrer Mitglieder widmen, in der Lage wären, unter diesen Umständen und ohne jede Kriegswaffe überhaupt militärische Reserven zu stellen? Reinl
Auf alle mögliche Weise versucht der Student von heute sein Geld zu verdienen, und es ist zu begrüßen, dah man immer noch neue Mittel ausfindig macht, um den Jungakademikern ihr Los zu erleichtern. Ein neuer Beruf ist die Fremdenführung. Als Vorbild hat hier Schweden zu gelten, wo schon seit einigen Jahren Studenten ä l s Fremdenführer tätig sind. Diese Einrichtung hat bei den Fremden, die nach Stockholm kommen, großen Anklang gefunden.
Ein solcher Cicerone wird, wie kaum ein Angehöriger eines anderen Berufes, rasch mit Menschen fremder Zunge vertraut, den Eigenheiten ihres Volkscharakters, den Aeuherungen ihres Geschmacks in allen Dingen des täglichen Lebens; es ist deshalb aufschlußreich und lohnend, diese Studenten von ihren Erfahrungen erzählen zu hören. „Unserer Gruppe", so erklärte mir ein Student, „gehören zwanzig Ko.legen an. Sie werden von den Hotelbureaus den Fremden, die auf einen gebildeten Führer Wert legen, empfohlen. Unsere Tätigkeit ist aber bei weitem nicht so leicht, wie es auf den ersten Blick vielleicht scheinen mag. Heute begnügen sich die Fremden nicht mehr mit einem flüchtigen Gang durch Museen und Bildergalerien. Besonders anspruchsvoll sind die Amerikaner, sie wollen gewöhnlich Berlin aus der Vogelperspektive kennenlemen, und zwar nicht vom Funkturm, sondern von einem Flugzeug aus. Sie legen Wert auf Führer, die ihnen aus einer ansehnlichen Höhe jedes einzelne Gebäude zeigen können; sie wollen sowohl den Reichstag, als auch ein bekanntes Warenhaus oder eine Tanzbar aus der Luft bewundern! Die Amerikaner sind überhaupt ein Kapitel für sich. Die reichen Vankees, die bei jedem Wort ihr Scheck-
Man hat die Abrüstung verkündet, um den Frieden zu sichern, man gefährdet aber den Frieden, solange die Abrüstung auf ein Land beschränkt und es jedem feindlichen Einfall wehrlos aus geliefert blcibt. Das deutsche Heer mit 100 000 Mann steht im Westen der französischen und belgischen Armee mit 740 000 aktiven Soldaten gegenüber. Davon sind 157 000 Offiziere und lang- bicnenbe Unteroffiziere, also Berufssolbaten; im Osten Polen und die TschechoNowa- k c i mit 450 000 aktiven Soldaten, davon 74 000 Berufssoldaten. Hierbei handelt es sich um ak - tive, unter den Fahnen stehende Truppen und nicht um Milizen oder Reserven, wie sie der französische Ministerpräsident in seinem Vergleich der französischen Heeresstärken mit denen anderer Länder einbezogen hat. Außer- dem können unsere Rachbam 8 Millionen in cin- bis zweijähriger Dienstzeit ausgebildete Reserven einsehen, während Teutschland jede Möglichkeit genommen ist, seine Bevölkerung irgendwie militärisch auszubilden. Die Armeen unserer Rachbarn sind dazu mit den modernsten Kriegsmaschinen ausgerüstet, die Deutschland überhaupt nicht haben darf. Wenn unter diesen Umständen erklärt wird, Frankreich sehe noch nicht die Möglichkeit gekommen, mit einer fühlbaren Abrüstung zu beginnen, dann bedeutet das den Bruch der feierlichen Verpflichtungen, der von Deutschland begonnenen Abrüstung zu folgen. Versteht man unter der vielfach geforderten Abrüstung der Geister die Unterwerfung unter die Forderung einseitiger Wehrlosigkeit, den pazifistischen Verzicht auf das Recht der Selbstverteidigung, bann allerdings kann ich nur sagen, dah diese Forderung der würdelosen Selbstaufgabe von der deutschen Ration niemals erfüllt werden wird. Das Bedürfnis nach nationaler Sicherheit ist berechtigt und in der Völkerbundssahung verankert. Dem unerträglichen Mißverhältnis der Rüstungen innerhalb Europas muh ein Ende gemacht werden.
buch aus der Tasche ziehen, gibt es nur in der Phantasie. Der amerikanische Reisende vom Durchschnitt gehört zum Mittelstand und rechnet mit dem Pfennig. Aber auch der wohlhabende Amerikaner ist alles andere als freigebig. Ein amerikanischer Zeitungskönig hat z. B. durch mich bei einem Journalisten einen Artikel über ein bestimmtes Thema, das ihn interessierte, bestellt und ihm dabei ein Honorar angeboten, das ich lieber gar nicht nenne. Die Amerikaner interessieren sich durchweg mehr für die V e r - gangenheit Deutschlands als für seine Gegenwart. Sie die den anrächtig im Schlafzimmer des kaiserlichen Schlosses stehen und wollen hinterher den kaiserlichen Salonwagen besichtigen. Seher Amerikaner stellt unzählige Fragen, zu deren Beantwortung oft die größte Geistesgegenwart notwendig ist. Ein Amerikaner fragte mich z. D., was in Berlin während des Dreißigjährigen Krieges geschehen sei. Ein anderer verlangte von mir eine Aufzählung der Lieblingsopern des Prinzen Heinrich von Preußen. Fast jeder Fremde aus dem Dollarland fragt, wieviel Hindenburg, der oder jener prominente Schauspieler, ein Bankdirektor und ein Postbeamter im Oahre verdienen. Eine Frage, an die wir ebenfalls gewöhnt sind, betrifft den rei-chsten Mann in Deutschland und die Größe seines Vermögens. Beim Anblick des Schlosses fragen viele Amerikaner, ob man es als „sehr historisch" bezeichnen könne. Manchmal wundert man sich über die mangelhafte Bildung der amerikanischen Reisenden. Eine Amerikanerin, dazu noch eine Klavierlehrerin, fragte, als wir am Tachsaal vorbeifuhren, ob Bach persönlich oft spiele. Auf meine Erwiderung, Bach habe vor
Akademische Fremdenführer.
Ein neuer Beruf: der wandelnde Baedeker. — Was man dabei erlebt und worauf man gefaßt sein muß. — Oer Ourchschnittsamerikaner. — Oer Maharadscha und die Kindereisenbahn. - Verbrecherkneipen und „schwere Zungen".
Von Or. Alexander von Andreewsky.
Gießener Konzertverein.
Drittes Konzert:
Adolf Busch und Rudolf Serkin.
Wohl feiten sind Künstler in Gießen so stürmisch gefeiert worden, wie Adolf Dusch und Rudolf Serkin am letzten Sonntag.
ilnb das mit vollstem Recht! —
Als Adolf Dusch vor nunmehr zwei Jcch- zehnten die Laufbahn als konzertierender Künstler begann, da horchte man auf: einem Geiger von dieser Schulgerechtheit, verbunden mit einem echten Musikertum, war man seit langem nicht begegnet. 11 nb heute: Die Entwicklung, bie her Geiger Busch genommen hat, ist der des Musikers Dusch konform geblieben. Er hat jetzt einen Höchststand erreicht; vielleicht hat seine Tätigkeit als produktiver Musiker besonders reinigend und klärend sich auf seine musikalische Darstellungs- und Gestaltungsfähigkeit ausgewirkt.
Don den Hamen, die damals gleichzeitig mit ihm aufleuchteten, kennt man heute nur noch wenige. Ohre Träger sind teils im Virtuosentum erstickt, teils Derbinberten Umstände und Anlage ein Ausreisen bis zur letzten Höhe. 3n Adolf Dusch scheint die Ooachimsche geigerische Tradition einen weiteren Träger erhalten zu haben.
Denn Adolf Du'ch ist der typische deutsche Geiger geworden; frei von einem gewissen Musik- Zigeunertum, ist er schon äußerlich durch Gestalt und Typus gekennzeichnet, und sein Onneres gibt sich deutsch, b. h. offen, echt, erfüllt von jener künstlerischen, ftänbig mit dem Werk ringenden Ge- wissenhaftigkeit, die eben nur dem Deutschen eigen ist. Sein Onftrument ist ihm nur Ausdrucks wert, nicht Selbstzweck geworden. Sein Spiel ist frei von dem Aeußerlich-Klanglich-Deglätteten, Eleganten und Brillierenden des Romanen. Es dient dem Werk; in ihm kündet sich die Seele; dieser so oft gebrauchte Ausdruck muh hier in seiner größten Tiefe und Breite erfaßt werden, um sein Spiel zu kennzeichnen. Sein Ton kann monumentale Gröhe erreichen; jedoch wird er nie kalt erscheinen. Er modulationssähig, bis zur feinsten Differenzierung des Klanges und des Ausdruckes, jedoch niemals virtuos spielerisch; stets ist er in seiner je
weiligen Erscheinungsform-verwachsen mit dem musikalischen Grunde. Er kann ihn strömen lassen mit der Fülle eines Blasinstrumentes, er kann fingen damit und so der edelsten menschlichen Stimme gleichkommen. Seine Technik ist Ausdruckskraft. die jede Anforderung instrumentaler Fertigkeit vergeistigt, zum musikaltschen Wert um- pragt. Passagen vermag er mit dämonischer Kraft zu siillen, in der Steigerung ungeahnte Möglichkeiten zu erreichen. Sein Figurenwerk zeugt von sorgsamster Abgewogenheit, fein modellierter Durchsichtigkeit.
Ohm zur Seite Rudolf Serkin; nicht als ein Begleiter, wie es das Programm unglücklich formulierte, sondern als ein Gleicher. Roch sind die Erinnerungen an den starken Eindruck seines Klavierabends vor sechs Oahren lebendig. On- zwischen ist er noch gewachsen. Sein Spiel hat an Feinnervigkeit und Differenzierung des Anschlags gewonnen; seine dynamische Skala umfaßt die feinsten Abstufungen vom sammetweichen Pia- nissimo bis zum hämmernden, dröhnenden Fortissimo. Groß und fast unermeßlich ist seine Steigerungskraft im Aufwallen t>e$ Impulses.
Diese beiden Großen reichten sich die Hand, die Welt eines Brahms, Schubert, Beethoven zu erschließen. Da taten sich neue klangliche Welten vor dem Hörer auf. Dicht in hergebrachter, vom Roten bild abhängiger Art führten sie ihren Part durch. Mochte mancher darin nur eine phänomenale Gedächtnisleistung sehen, in Wirklichkeit bedeutete dieses Auswendigspielen viel mehr als die llebertoinbung eines Aeuher- lichen: die Werke waren ihnen beiden innerlich so zu eigen geworden, dah sie völlig in ihnen auf gingen; ihre Darbietung war nicht eine Wiedergabe des Werkes, sondern ein Erstehenlassen aufs neue als eine große Improvisation, als ein Herauswachsen aus sich selbst. Wenn man die Werke nicht schon vorher gekannt hätte, so hätte man hier den Eindruck haben können, als erwüchsen sie im Augenblick vor dem Hörer, von folger Unmittelbarkeit und organischer Durch- fühlung war das Gestalten der beiden.
Das waren nicht nur zwei Instrumente, Klavier und Geige, das war ein Aufgehen einer großartigen Klangwelt. Hier gab einer dem an
dern, und jeder, erregt durch den andern, erwuchs zu ungeahnter Größe im Geben.
So blühte Brahms G-Dur-Sonate (op. 78) in ihrer Lyrik auf mit der schwebenden Rhythmik des Eingangssahes, mit der Versunkenheit des Adagio und mit dem sich aus- lichten den Finale bei schematischer Klarheit, getragen von innerer Wärme. Hier brauchte man picht nach außerrnusikalischen Hintergründen zu suchen, um dem in den Tönen Riedergelegteu innerlich nahezukommen; hier war das Klangwerden das Erlebnis selbst, der musikalische Prozeß wurde zum Lebensvorgang, der den Hörer unmittelbar packte.
Doller Dramatik, die fast an das Dämonische gemahnte, erstand Beethovens Sonate o p. 3 0, Rr. 2 in L-Moll, sicherlich die größte unter den drei dem Kaiser Alexander gewidmeten Sonaten. Wie hier bis zum Letzten gemeisterte Technik dem Geist diente, das zeigte vornehmlich das Adagio cantabile mit den mannigfachen Graden des Affektes. Einen Gipfel in der Steigerung des Ausdrucks bedeutete das Finale.
Franz Schuberts Rondo o p. 70 wurde in seiner musikalisch hochbedeutenden Andanteeinleitung meisterlich ausgebaut. Das eigentliche Rondo wurde zu einem Triumph der Leber.s- bejahung im Geiste des Rhythmischen. Der Dann, den der rhythmische Impuls hier auf die beiden Künstler ausübte, wurde zu einem Feuer, das Flammen höchster Degeisterung bei den Hörem auf lodern lieh. Dr. H.
lieber antike und mittelalterliche Kunst.
Auf Einladung des Oberhessischen Kunstvereins und der Gesellschaft der Gießener Kunstfreunde sprach gestern abend im Hörsaal des Kunstwissenschaftlichen Instituts der Kunsthistoriker der Marburger Universität, Professor Dr. Richard Hamann über das Thema „Mittelalter und Antike". Rach kurzen Degrüßungsworten von Professor Dr. Rauch, Gießen, entwickelte der Redner, ausgehend von einer Darlegung der antithetischen Auffassungen über das Verhältnis der mittelalterlichen
zwei Iahrhunderten gelebt, erwiderte sie, ohne mit der Wimper zu zucken: „Ich meine ja den heutigen Komponisten und Klavicrvirtuosen Bach. Wir sprechen den Ramen übrigens wie .Beeck' aus!" Ein älterer Amerikaner erzählte mir von den Erfahrungen, die er mit dem Sohn des berühmten Malers Dan Dyck gemacht habe. Der habe chn nämlich um größere Summen geprellt."
„In unserem Beruf lernt man die Rationen kennen. Russen sind meist sehr freundlich, sie entschuldigen sich sei jedem Wort. Das erste, was sie tun, ist, dah sie sich von Kopf bis Fuß ein- kleiden. Tie Russen, die heute nach Berlin kommen, befinden sich vielsach im Austrag der Regierung auf Geschäftsreisen. Dor den Schaufenstern gastronomischer Geschäfte erschauern sie in Bewunderung. Einmal saß ich mit einem elegant gekleideten Herrn aus Moskau in einem Lokal, wo ein russisches Talaleikao.chester spielte. Der Fremde ließ den Dirigenten kommen und bot ihm ein Glas Sekt an. Beim Airblick des Fremden wurde der Russe blaß und wollte nicht trinken. Zwischen den beiden entspann sich ein aufgeregtes Gespräch in ihrer Muttersprache, von dem ich kein Wort verstand. Zuletzt unterhielten sich die beiden ganz friedlich. Als sich der Balalaikaspieler verabschiedete, erzählte mir der Fremde eine dramatische Geschichte: der Musikant war, wie so viele andere Russen, Offizier in der Weißen Armee gewesen. Er stand damals an der Spitze des weihen Rachrichtendienstes. Der Fremde, der damals eine führende Stellung im roten Generalstab bekleidete, war den Weißen in die Hände gefallen. Er sollte erschossen werden. Eine Stunde vor der Hinrichtung bat er um die Erlaubnis, auf die Toilette gehen zu dürfen. Im dunklen Korridor entriß er dem Soldaten, der ihn begleitete, das Gewehr und den Mantel und flüchtete. Zwölf Jahre später sollte er den Mann, der ihn zum Tode verurteilt hatte, in einer Berliner Kneipe Wiedersehen!
Weniger aufregend, aber unvergeßlich ist eine andere Führung. Och hatte einen Russen zu begleiten, der, ursprünglich einfacher Arbeiter, durch eine Erfindung in seinem Daterland ein hochangesehener Mann geworden war. Der Erfinder liebte einen guten Tropfen, und so mußte ich denn eine Rundreise durch sämtliche Berliner Racht- lokale leiten, wobei er Quantitäten von Alkohol vertilgte, die einen Elefanten hätten umwerfew können. Trotzdem blieb er völlig nüchtern und sagte mir noch zum Abschied, in Deutschland verstehe man nicht zu trinken."
„Die neugierigsten Fremden, die ich je gesehen habe, sind", so erzählt mir mein Gewährsmann Weiler, „die Japaner, die auf jede Frage eine exakte und ausführliche Antwort verlangen. Die Orientalen freuen sich oft wie Kinder über Kleinigkeiten. Ein Beispiel: Der Maharadscha von Patiala, den ein Kollege von mir geführt hat. blieb eine S tunde vor einer Kinbereise n b a hn in einem großen Warenhaus stehen und Hatschte in die Hände wie ein kleiner Junge. Dem Zeppelin dagegen, der am selben Tage über Berlin flog, schenkte er gar keine Beachtung. Bei diesem Maharadscha hat mein Kollege übrigens Glück gehabt; er bekam den Auftrag, die Geschichte der deutschen Museen zu schreiben, und empfing als Anzahlung einen Scheck auf einen recht ansehnlichen Betrag. Diele Fremde interessieren sich für das Theater. Die Amerikaner finden gewöhnlich, dah das Publikum nicht elegant genug angezogen ist, während die Russen über die Pracht der Damenkleider staunen. Alles ist relativ. Franzosen schwärmen für die Oper, besonders für Wagner. Ein Franzose fragte mich, warum bei uns soviel Verdi gespielt werde. „Das ist doch die reinste Leierkastenmusik", meinte er.“
„Was die Damen betrifft, die zu führen ich manchmal die Ehre habe, so interessieren sie sich hauptsächlich für Verbrecherviertel. Sie wollen in Verbrecherlokale geführt werden, wo nicht nur kleine Taschendiebe und gewerbsmäßige Einbrecher verkehren, sondern womöglich Kerle wie der Düsseldorfer Massenmörder. Es gibt Leute, die damit gut verdienen, indem sie harmlose Arbeitslose in entsprechender Aufmachung den sensationslüsternen Damen vorstellen und ihnen die dazu gehörigen Geschichten erzählen."
Auf die Frage, was er verdiene, erwiderte mein Gewährsmann: „Gewöhnlich bekomme ich 20 Mark
Kunst zur Antike, die vielgestalttge Problematik, die Dopvelgesichtigkeit der romanischen Kunst, die er als eine durchaus archaische Kunst verstanden wissen will. Aus der Gegenüberstellung von sehr instruktiven Lichtbild-Beispielen wurde in geistvollen und einleuchtenden Gedankengängen die Verschmelzung zweier Welten im Romanischen aufgezeigt. Aus der Verschmelzung archaischer und hellenistischer Stilelemente ergab sich eine merkwürdige, anziehende und reizvolle Mischung von schwerem Emst und graziöser Sinnensreude in den frühmittelalterlichen Kunft- äußerungen. Der Wiberstreit zwischen kirchlicher Strenge und Freude am Körperlichen läßt sich am deutlichsten verfolgen etwa in den Darstellungen dcs unbekleideten menschlichen Körpers (an einem Lazarus-Relief z. D.), wobei man sich mannigfacher Vorwände bediente, wie der Einführung des Rackten in der Darstellung des Lasters und des Teufels. Auch die Behandlung biblischer Themen wie des Sündenfalls (mit den Figuren von Adam und Eva) bot reiche Möglichkeiten zur moralischen Rechtfertigung der sinnenfreudigen Kunstübung. Sehr aufschlußreich in ähnlichem Sinn sind ferner die frühen Tierdarstellungen (das Tier als Laster, als Dämoii, als Teufel) und die Darstellungen des Jüngsten Gerichtes, die etwa, einer Vorliebe jener Zeit folgend, die Hölle ganz mit Fabeltieren bevölkerten. Die Verschmelzung des irdischen und des geistigen Prinzips wirkte sich ferner aus in der Einführung und Durchbildung des Heroischen, worin wiederum die schillernde Zweideutigkeit jener frühen Kunst sehr sinnfällig zum Ausdruck kommt; und schließlich fügt sich auch die Christus-Auffassung jener Epoche in die geistige Situation der frühmittelalterlichen Kunst organisch ein. — Das zahlreiche Auditorium folgte den von schönem Bildmaterial unterstützten, geistreichen und anregenben Ausführungen Prof. Hamanns mit regem Interesse.
Hochschulnackrichien.
Dr. Dr.-Jng. C. Wieselsberger, bisher am Kaiser-Wilhelm-Jnstitut für Strömungsforschung in Göttingen, ist zum ordentlichen Professor für angewandte Mathematik und Strömungslehre an der Technischen Hochschule in Aachen ernannt worden.


