Nr. 152 Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessenf
Mittwoch, 2. Juli (930
Ltniverfttät Mainz?
Die Presse st elfe der Universität Gießen bittet uns um Veröffentlichung des folgenden Aufsatzes:
Mainz hat 1797 mit dem Kurfürsten und seiner Regierung auch die Hochschule verloren, die seit 1477 dort bestand. Ein gewisser Ersatz konnte darin gesehen werden, daß die Stadt im 19. Jahrhundert Bundesfestung wurde und 1866 eine starke preußische Besatzung erhielt. Seit 1918 hat sodann Mainz für das ganze Reich die Hauptlast der Besatzung ge- getragen. Cs wurde Sitz des französischen Hauptquartiers, 14 000 Mann standen hier, über 3000 Besatzungsangehörige kamen hinzu. Am 30. Juni 1930 sind diese ungebetenen Gäste abgezogen — dafür haben neue Sorgen Einzug gehalten. Diele der bisher beschlagnahmten Wohnungen können nicht vermietet werden, den Geschäften fehlen plötzlich die Kunden, den Gaststätten die Gäste, auf die man sich hatte einrichten müssen. Der Gedanke liegt nahe, daß die Gesamtheit die betroffene Stadt für die Opfer entschädigt, die sie für uns alle brachte, die in dem Wort Besatzung umschlossen liegt.
Dabei richten sich die Gedanken von selbst auf die 1797 stillgelegte Hochschule, zumal diese'Nicht ganz ruht. Eine katholisch-theologische Fakultät ist im bischöflichen Priesterseminar vorhanden. Das Pädagogische 2 n st i t u t wäre gewiß bereit, sich durch Einrichtung neuer Lehrstühle und durch dos Recht, den Doktortitel zu verleihen, zur Philosophischen Fakultät ausbauen zu lassen. Aus Mainzer Kreisen tritt der verführerische Gedanke hinzu, die hochentwickelten Kran- kenan st alten der Großstadt, verbunden mit den Bädern des benachbarten Wiesbaden, zur medizinischen Fakultät auszugestalten. Es scheint möglich, mit leichter Mühe zunächst zur Rumpfuniversität zu gelangen, die sich in den besseren Zeiten, auf die wir alle hoffen, zur vollständigen Hochschule entwickeln ließe.
Man tut jedoch gut, die Dinge nicht so zu betrachten, als läge Mainz im luftleeren Raum, in dem die Gedanken leicht beieinander wohnen. Die Stadt liegt auf hessischem Boden, und hier stoßen sich die Dinge hart genug. Hessens Landes-Universität ist Gießen, und so neidlos und unbefangen man hier die Lage würdigt — kein billig Denkender kann wünschen, Gießen zu zerstören, um Mainz zu entschädigen. Wie selbstlos man in den Kreisen der Landes-Universität Mainz zu helfen wünscht, zeigt einer ihrer Angehörigen in einem Aufsatz des Mainzer Anzeigers vom 24. Mai 1930, in dem er die Frage erörtert, wie die dortige Hochschule für Pädagogik durch Einführung medizinischen Unterrichts zu erweitern wäre. Genaue Erwägung dieser Gedanken in den dazu berufenen Fachkreisen hat seither gelehrt, daß sie undurchführbar sind und daß dem Pädagogischen Institut ein böser Dienst geleistet würde, wollte man in solcher Richtung einen Versuch wagen, der unfehlbar scheitern müßte.
Anerkannt ist der Gedanke, daß die künftigen Lehrer in die Grundlagen einiger Gebiete der medizinischen Wissenschaft eingeführt werden müssen. Schon jetzt wird den Lehrer-Studenten aus Pädagogischen Instituten wie dem Leipziger, dos ihnen eine volle akademische Ausbildung vermittelt, die Lehre von Dau und Verrichtung des menschlichen Körpers, Hygiene und manches angrenzende medizinische Fach vorgetragen. Aber solche Fächer können befriedigend nur an einer Ho chschule gelehrt werden, an der die entsprechenden Lehrkanzeln bestehen. Mit 1
dem hier möglichen Unterricht kann sich der Ersah niemals messen, den ein von der Universität^ abgelöstes Institut zu bieten vermag. Ein Pädagogisches Institut als solches kann bei der heutigen Finanzlage unmöglich die Kräfte gewinnen, die in Anatomie, Physiologie und Hygiene vollwertigen Unterricht erteilen könnten. An der Universität stehen außer den Ordinarien dieser Fächer auch für die Lehrerbildung Extraordinarien, Privatdozenten und Assistenten zu Gebote.
Sozialhygiene, die in Gießen regelmäßig vorgetragen wird, hat mit einem pädagogischen Institut an sich nichts zu tun. Die Forderung des Unterrichts in Gesundheitspflege an die Lehrer-Studenten kann die Gründung einer sozial-hygienischen Akademie nicht rechtfertigen. Der Besuch der medizinischen Fakultät in Gichen entspricht bisher durchaus noch nicht der Gröhe und Bedeutung der dortigen Institute und Kliniken. In keiner Weise wäre zu rechtfertigen, daß für eine überflüssige Akademiegründung Mittel ausgegeben würden, die, auf den Ausbau der Landes-Universität verwendet, Gutes zur Vollkommenheit zu haben erlaubten. Eine Sozial-Hygienische Akademie, die Lehr- und Forschungsstätte sein will, erfordert viel Geld. Lehrstoff muh bereitgestellt werden, Hörsäle wollen angelegt, Arbeitsräume gebaut, Bücher gekauft, Lehrer und Hilfskräfte befolget sein. Cs wäre unverantwortlich, in den bösen Zeiten, in denen wir leben, die Mittel zu verzetteln.
Cher noch wäre daran zu denken, die Landes-Universität von Giehen nach Mainz zu verlegen. Aber ganz abgesehen davon, daß niemand, der es mit Hessen und seiner Finanzkraft — man denke nur an Gießen als Steuerquelle — gut meint, so abenteuerliche Pläne gutheißen wird: eine Hochschule a l s Ganzes ist heute nicht verlegbar. So lange unsere Universitäten nur nach der geisteswissenschaftlichen Seite ausgebaut waren, sind solche Umzüge gelegentlich unternommen wor
ben— wohlfeil waren sie auch damals nicht. Aber jeder, der die Gießener Universität von heute mit ihren Seminarhäusern, ihren zahlreichen und großen Instituten, ihren Kliniken für Mensch und Tier, mit Forstgarten und Versuchsgut auch nur oberflächlich kennt, wird gelassen aus den Gedanken verzichten, sie nach Mainz zu verfrachten.
Die tiefsten Kenner der Verhältnisse verneinen den Berus unserer Zeit zur Gründung neuer Universitäten. Auch dem Laien sollte einleuchten. daß wir keine neue Universität brauchen, die 27 oder 35 Kilometer von der nächsten entfernt liegt. Vollends über die Aufhebung bestehender Hochschulen und ihrer Fakultäten sollte es nur eine Meinung geben. Mediziner können nicht ausgebildet werden ohne naturwissenschaftliche Fakultät: deren Hörer bedürfen der mathematischen und philosophischen Grundlegung. Philosophie ist untrennbar von Jurisprudenz, Volkswirtschaft und Theologie, und gerade die theologischen Fakultäten sind durch die Reichsverfassung vor der Aufhebung geschützt. Unsere mittleren Universitäten aber verdienen besondere Schonung. Hier sind die Bildungsmittel wirklich für jeden Hörer vorhanden. Die Mißstände, über die an überfüllten Großstadt-Universitäten immer dringender geklagt wird, kennt man hier nicht. 3m Seminar kann der Professor jeden seiner Hörer kennen und fördern. Dadurch ist vor allem auch eine Allseitigkeit der Bildung heute noch möglich, auf die die Riesen-Universitäten in den tausend Ablenkungen der Großstadt schon im 19. Jahrhundert haben verzichten müssen. Es ist der Großstadt Mainz nicht zu wünschen, daß sie jetzt eine Universität, die zudem Rumpfuniversität bleiben müßte, erhielte. Im Reich wird man auf andere Wege sinnen müßen, die Stadt und ihre Bürger nach schweren Opfern vor neuem Schaden zu bewahren. Der Möglichkeiten sind viele. Das Land und alle Rachbarn werden freudig rnitgehen, toenn ein gangbarer Weg gewiesen wird.
Jahresfeier der Landesuniversiiäi.
Die hessische Landesuniversität beging gestern mittag in althergebrachter Weise die Feier ihres 2 a h r e s f e st e s. 2n der stark besetzten Aula bemerkte man u. a. als Vertreter der Hessischen Staatsregierung Ministerialrat Dr. h.c. Löhlein, ferner Se. Magnifizenz den Rektor der Universität Marburg, Professor Dr. Helm, eine Reihe von Ehrensenatoren der Alma mater Ludoviciana, außerdem zahlreiche Vertreter der Behörden und eine Reihe namhafter Persönlichkeiten aus der Bürgerschaft.
Die Feier wurde mit einem Cinzugsmarsch eröffnet, während gleichzeitig der akademische Lehrkörper feierlich in die Aula einzog. Rachdem der Akademische Gesangverein unter Leitung von Universitätsmusikdireklor Dr. Temesvary einen Chorgesang zum Vortrag gebracht hatte, hielt
Se. Magnifizenz
der Rektor Prof. Or. Brüggeniann,
nachdem er die Festversammlung, insbesondere den Vertreter der hessischen Regierung und den Rektor der Rachbaruniversität Marburg willkommen geheißen hatte, seine Festrede über das Thema „D i e Grundlagen der ärztlichen Tätigkeit", wobei er u. a. folgendes ausführte: Wer die Geschichte der Heilkunde verfolgt, kann die Beobachtung machen, daß von Zeit zu Zeit das Bedürfnis besteht,
sich über die Grundlagen der Heilkunst ausein- anderzusehen. 2mmer besteht eine gewisse Rivalität zwischen alten, und neuen Anschauungen. Zeitweise wird der Streit heftiger: er erfaßt nicht nur Aerzte, sondern auch Laien. Man spricht von einer Krisis in der Medizin. 2n einer solchen kritischen Zeit befinden wir uns auch heute. Der Kampf dreht sich vornehmlich um zwei Grundfragen: 1. Wie weit die Heilkunde neben der Raturwissenschaft noch anderen Wissenschaften zugehört, und 2. inwieweit in der Heilkunde außerwissenschaftliche Faktoren eine Rolle spielen. 2m Zeitalter des Materialismus war die Meinung verbreitet, daß die Heilkunde eine reine Raturwissenschaft sei. Heute wissen wir, daß sich die Heiltunft nicht restlos in der Raturwissenschaft auslösen kann. Diese Erkenntnis ist von größter Bedeutung: aber auch heute noch ist die Raturwissenschaft dos Fundament, auf dem unsere Heilkunst ruht. Bei der Kompliziertheit der Lebensvorgänge und bei dem Bestreben, ein möglichst getreues Bild der Vorgänge im kranken Körper zu gewinnen, entwickelte sich unter den Aerzten ein Spezialistentum. Von vielen Seiten wird diese Entwicklung beklagt, und doch ist sie nach meiner Ueberzeugung unbedingt notwendig. Der heute neu entfachte Kampf über die Einheit der Medizin wird nach meiner Meinung niemals zu einer Abschaffung des Spezialistentums führen; aber der Spezialist muß sich darüber klar fein, daß auch er den Patienten als ganzen
Die Sünde
der Senate Mereandin.
Vornan von Fred NeliuS.
9 Fortsetzung Nachdruck verboten.
Er fühlte linde seinen Arm gefaßt. Empfand den schweren Duft von süßen Rosen, den weichen Wohllaut einer Frauenstimme.
„©uten Abend. Was ist denn geschehen, Herr Doktor ©riebexoto?“
Er versuchte nochmals sich zu straffen. Cs gelang ihm, feinen Hut zu ziehen und sich zu verbeugen.
„Verzeihung, gnädige Frau. 2ch fühle mich nicht wohl."
Sie reichte ihm den Arm. „Bitte ... Wollen Sie sich stützen. 2ch wohne ein paar Häuser weiter, an dem Kemperplatz. Sie können sich zunächst bei mir erholen und nachher ein Taxi nehmen. So ... geht es?"
Seine Finger umflammcrten den weichen Pelz. Die Rerven reagierten zitternd auf die Rühe dieser schönen, eleganten Frau. Rein ... so geht es nicht, empfand er. Er löste seine Finger wieder aus dem Pelz und von dem Arm Frau Mercandins, schritt um sie herum und nahm die linke Seite.
„Alles dies ist so entsetzlich peinlich", sagte er nach wenigen Schritten. „Und so seltsam, dieser Schwächeanfall ... auf der Straße, hier vor allen Menschen. Und nun kommen Sie---“
„Warum ist das seltsam, Herr Doktor? Einmal durften Sie mir Hilfe leisten. Diesmal ich für Sie. Einer hilft dem andern. 2st das nicht natürlich? Wir sind da."
Sie drückte auf den Knopf am Parktor. Die Tür ging auf. Er trat zur Seite, um sie vorzulassen. Vor ihm ging sie auf dem schmalen, fliesenausgelegten Parkweg bis zum Haus. Ein Diener mit ergrauten Schläfen, dessen Stirn von tausend Ränken wußte, öffnete die Tür. Ein paar breite, plüschbelegte Marmorstufen führten aufwärts. Wieder eine Tür, die ganz still aufging.
Dann — ein Märchen.
Eine Anzahl Türen' mündeten auf eine kup- Peliiberdeckte Halle. Von dem Kuppelhimmel blitzten Edelsteine, die wie Sterne wundersames Licht verstrahlten. Aut der seidenen Wandbekleidung waren reichbewegte Liebesszenen eingestickt. Schäfer jagten Schäferinnen durch Gefilde goldener Lotosblumen. Blüten, deren Kelche bunte Perlen waren, blitzten auf. Pan, der Hirtengott, blies die Syrinx.
Ein Page hatte ©ricbenoro Hut und Mantel abgenommen. Der andere Diener ging an eine Tür, verbeugte sich und öffnete.
Frau Mereandin trat ein ... von ©riebenoto gefolgt. Die Tür schloß sich wieder.
Wie in einem Rebel stand er jetzt.
So sah er auch Frau Mereandin vor seinen Augen.
Orangefarbenes Licht umschimmerte wie eine Aureole ihren schmalen Kopf mit golddurch- wirktem Haarschmuck. Um die Weißen, schlanken Glieder schwarzer Crepe de Chine. Die großen, mandelförmigen Augen leuchtend blau. Herbe Anmut in den schönen Zügen ... so viel Liebreiz ... ein verirrtes Lächeln.
Er war verwirrt.
„Alles ist so ungewöhnlich", sagte er.
Sie reichte ihm die Hand. „Bitte, nehmen Sie doch Platz, Herr Doktor ©riebenoto." Und als beide dann saßen, mit der sicheren Anmut einer großen Dame: „2a, ein wenig ungewöhnlich ist es wohl. Aber auch das Ungewöhnliche hat manchmal seinen Reiz. Sehen Sie, 2hr Mißgeschick beschert mir heute das Vergnügen einer Plauderstunde. Dor allem aber ... fühlen Sie sich wieder Wohler?"
„Danke, ja ... Die dumme Schwäche geht gewiß vorüber. 2ch bin im Kriege schwer verwundet und verschüttet worden. Das sind Dinge, die sich immer noch von Zeit zu Zeit bemerkbar machen. Und ich habe in den letzten Wochen manches Schwere durchgemacht. Aber das —"
Cr schwieg. Sollte er erzählen, daß er am Verhungern und die Schwäche eine Folge dieses Hungers war? Die Erregung in ihm trieb immer noch das Dlut zum Halse. Die Nerven zitterten. Es war, als ob ein enges, schweres Band um seinen Kopf lag und das Gehirn zusammenpreßte. Er fühlte sich zu Tode elend. Er bemühte sich, der Schwäche dadurch Herr zu werden, daß cr sprach.
Da erschien der Häubchenkopf des Mädchens zwischen den Portieren, und Frau Mereandin erhob sich.
„Alsdann bitt' schön, Herr Doktor ©riebenoto, der See", erklärte sie mit leichtem Wiener Tonfall. Wie durch einen Zauberschlag geöffnet, flogen die Portieren an der Tür auseinander.
Und dann wiederum ein Raum, wie aus dem Zaubergarten Aladins hierher gezaubert.
Man sah keine Fenster. Die stoffbespannten Wände waren hier und da von ©itiertoert durchbrochen, dieses ©itiertoert verzierten feine Steine und Perlmutter. Lichter aller Farben strahlten aus den Rischen.
Rur durch diese Rischen wurde das Gemach erhellt.
Hoch wölbte sich die Decke. Sie war der Kuppel eines Dschainatemvels nachgebildet. Darunter, in der Zimmermitte, stand ein ‘Brunnen. Marmorstufen führten zu ihm hinunter, und ein goldener Reiher ließ in diesen einen Strahl von parfümiertem Master riefeln. Unaufhörlich tönte
dieses feine Rieseln. Die Augenlider wurden schwer von seinem feinen Klingen, und das Hirn schlief ein in seliger Ermattung.
2n der einen Ecke dieses Zimmers hing ein großer seidener Baldachin. Ein weißer Teppich aus Brokat lag auf dem Boden. Darauf stand der Teetisch.
Die Hausfrau goß den Tee in dünne Schalen. Sie reichte ©riebenoto die Platten. Er atz langsam, jeden Bissen mit ©enutz kostend. Der Hunger knurrte wie ein Tier im Magen, das mit aufgesperrtem Rachen gierig jeden Bissen auffing.
Welche Anmut ...! dachte ©riebenoto und starrte auf die schlanken, feinen Hände, die sich ihm entgegenstreckten, um die Tasse neu zu füllen. Unter grenzenlosem Unbehagen fuhr er glättend an den Knoten der Krawatte. Er hatte das Empfinden, datz er so nicht hergehöre. Seit dem frühen Morgen war er unterwegs ... verstaubt, verschmutzt, verhungert. Er bemühte sich vergebens, das Gefühl der Schüchternheit hinabzukämpfen. Cr schalt sich töricht. Welche Rolle spielte er vor dieser Frau?
Cs schien ihm, datz sie mit dem feinen Takt des Frauenherzens sein Bedrücktsein spüre. Daß sie fühlte, tote ihr Wesen und der ganze Rahmen dieses Hauses einen Cinfluh auf ihn ausübe, dem er mehr und mehr erlag.
Sie sprach von Dingen, die beiden nahelagen. Von dem Abend bei Geheimrat Reugereuth, vom Tanzen und dem Wiener Walzer ... vom Berliner Leben ... daß sie bald reifen wolle.
Und sonderbar ... ein dünner Schmerz durchzuckte ©riebenoto bei diesen Worten.
„Reisen ...?" fragte er. „Wohin?"
„Erst nach Baden-aaaden. Dann nach Brücken- berg. Wissen Sie, too das liegt?"
„Ich bin in Schmiedeberg geboren. Schmiedeberg liegt unterhalb der Schneekoppe."
„Ah, da schaun's. Rit wahr, das ist was Feines um den Berggeist Rübezahl und seine Koppe?"
Plötzlich fiel sie wieder in den Dialekt der Heimat. Lachte selbst darüber und erklärte: „Ich kann s halt immer noch nicht lassen. Zum Aerger meines Mannes, der den Armeejargon der lieben Bundesbrüder nicht recht leiden mag. Und nun erzählen Sie von Ihrer Heimat. Aber — ach, Verzeihung ..."
Plötzlich kam ihr zum Bewußtsein, daß sie ihrem Gast noch nichts zu rauchen angeboten habe. Ein Handgriff, und das Tischchen mit den Zigaretten und Likören rollte näher, ©riebenoto nahm eine Zigarette aus der goldenen Dose. Cs waren dünne Röllchen. Mit einer Hülle, die wie Seide schimmerte, und mit einem Mundstück aus Brokat.
Das Feuerzeug erglühte. Zwei Zigaretten flammten. Blaue Rebel wölkten sich und fliegen zum Plafond.
Es war still. Eine eigenartig sütze Traum- und
Menschen behandeln muß, nicht nur das einzelne Organ seines Spezialfaches. Für jeden Spezialisten ist darum eine gute medizinische Allgemeinbildung von größter Bedeutung. Man redet heute bei der ärztlichen Kunst viel von Intuition. Die einen sehen in ihr eine durch die menschliche Entwicklung verbesserte Form des Instinktes, für andere ist Intuition die Fähigkeit des genialen Menschen, schnell das Wichtige zu erfassen, richtig zu kombinieren, sofort in einen Gedanken zusammenzufassen und entsprechend zu handeln. Die Intuition als übernatürliche Gabe Einzelner ist nach meiner Ueberzeugung jedem ärztlichen Denken so widersprechend, daß ich und, wie ,ch glaube, die meisten Aerzte die Erklärung als verbesserte Form des Instinktes ablehnen. Das soll picht heißen, daß wir eine Intuition nicht anerkennen; jede schöpferische Leistung setzt Intuition voraus; aber diese beruht immer auf Wissen, Erfahrung und Können. Zur Hcilkunst gehört mehr als Raturwissenschaft. Der Mensch bat eine Seele, deren Verfassung von größter Bedeutung für den Körper ist. 'Beim kranken Menschen reagiert die Seele anders als beim Gesunden. Heute ist die Meinung weit verbreitet, daß die sog. Schulmedizin die Seele des Kranken vernachlässige; der bekannte Danziger Arzt Lieck unterscheidet sogenannte Mediziner und wahre Aerzte und glaubt, daß die Mediziner in den Laboratorien unserer Hochschülen grqtzgezogen würden, während es an wahren Aerzten fehle. Ater wahre Aerzte, die Verständnis und Mitgefühl für das Leiden ihrer Patienten haben, hat es schon früher gegeben und gibt es Gott sei Dank auch heute noch in großer»Zahl. Der Arzt muß die Gesetze des Körperlichen und des Seelischen studieren und daraus eine Einheit bilden, die anders gestaltet ist, als die des reinen Raturwissenschaftlers, aber auch anders als die des reinen Psychologen. Die Erfassung dieser Einheit, dieser beim Kranken gestörten Einheit körperlicher und seelischer Vorgänge und ihre zweckmäßige Behandlung nennen wir ärztliche Kunst.
Im Anschluß an die Rede verlas Se. Magnifizenz einen Auszug aus der I a h resch r o n i k der Universität und gab dann die Ergebnisse der Bearbeitung der Preisaufgaben bekannt. Preisträger wurden: 1. stud. theol. Gerhard Bernbeck mit einer Arbeit über das Thema „Schrifttum und Wirkung des protestantischen Mystikers Valentin Weigel"; 2. stud theol. et phil. Hermann Haaß mit einer Arbeit über „Die Entstehungsgeschichte der ältesten Anstalten der Inneren Mission in Hessen"; 3. stud. jur. Wilhelm ‘Bergt mit einer Arbeit über das Thema „Steht dem Reiche oder deutschen Ländern das Eigentum an Festungsgelände der infolge des Friedensvertrages von Versailles aufgelasfenen deutschen Festungen zu?"; 4. stud. phil. Carl Bettermann mit einer Arbeit über das Thema „Die helltonige, scharf profilierte, vielfach mit blutroter Farbe bemalte Tonware der frühen römischen Kaiserzeit im römischen Germanien ist zu sammeln, ihr Formenschah ist festzustellen und ihre besonderen Formen gegenüber der gleichzeitigen Terra sigillata und anderen verwandten Gattungen sind hervorzuheben. Diese Formen sind in ihrem Abhängigkeitsverhältnis zu Metallund Glaswaren zu untersuchen. Es muß ferner versucht werden, den Fabrikationsort und die genaue zeitliche Stellung der Gattung zu finden"; 5. stud. rer. nat. Franz Kirchheimer mit einer Arbeit über das Thema „Geologische Untersuchungen über Entstehung und Umwandlung von Braunkohlen"; 6. stud. phil. Rudolf Seiler mit einer Arbeit über das Thema „Die Zeit und Entstehung von Athanasius' Schrift gegen die Arianer
Zauberstimmung lag in diesem Raum. Dann erzählte ©riebenoto. Wieder sprach er frei und unbefangen. Das Empfinden körperlichen Unbehagens, seelischer Gedrücktheit wich allmählich, um dem Zustand wohligen Behagens Platz zu machen. Köstliche Beruhigung aller Rerven ging von diesen Zigaretten aus. Etwas wie ein linder süßer Rausch ... seliges Zerfließen in das blaue Richts.
Das Gespräch war bald von Brückenberg und Schlesien abgeglitten. Erst kam Kairo, Luksor, Heluan, dann die Azurküste, Rizza und Monte Carlo. Karneval in Rizza. Blaue Duft- und Farbenseligkeit in La Tourbie. Verträumte Segelfahrten nach dem Cap d'Antibes. Rauschdurch- wühlte Abendstunden in hem Himmelreich der Spieler: Monte Carlo.
Da geschah es. Plötzlich sagte ©riebenoto unter einem Zwange, der die Gründe der Vernunft in ihm erstickte: „Ich wollte Sie schon immer etwas fragen, meine gnädige Frau. Damals -- eines Abends, als Sie in dem Restaurant Paris soupierten — sah ich neben Ihnen. Wissen Sie das eigentlich?"
Sie sah ihm unbeweglich ins Gesicht.
„Rein."
Aber mit dem gleichen Atemzuge wußte er: sie lügt. Sie lügt, um mich zu schonen. Sie weiß alles. Mereandin hat ihr das Märchen mit dem Raubversuch und der Erpressung aufgebunden. Und trotzdem bin ich hier. Trotzdem sitze ich mit dieser Frau allein beim See. Srohdem tanzte sie mit mir, und ich durfte sie dabei in meinen Armen halten. Das ist unbegreiflich. Das ist---
©riebenoto war blaß. Leise wiegte er den Kopf, und fast schien es, datz er selbst nicht wisse, was er tue.
„Warum fragten Sie danach, Herr Doktor Griebenow?"
©riebenoto sah auf. Beider Augen trafen sich. Die seinen glitten ab und starrten auf den Boden.
„Weil von jenem Abend etwas Schicksalhaftes für mich ausgeht. Ein rätselhafter Faden läuft von jener Stunde an, wo ich Sie und Ihren Mann im Restaurant Paris zum erstenmal gesehen habe, bis heute. Ich kann und darf das nicht in Worte fassen. Aber — cr ist da ... der Schicksalsfaden. Zwilchen heut und damals. Zwischen mir und Ihnen."
Sie hob kühl die Schultern. „Ich verstehe daS nicht."
„Rein, Sie verstehen das nicht", sagte er. „Sie können das auch nicht verstehen."
Eine Weile war es still. Griebenow nahm eine neue Zigarette. Die Frau ihm gegenüber stützte beide Arme aus die Lehne ihres Sessels. Ihr Kopf lag seitwärts in den ausgeltreckten Händen. Sie blickte Griebenow mit rätselhaftem Ausdruck in die Augen. (Fortsetzung folgt)


