Das Erbe
-es Herrn von Anstetten.
ZRoman von 3- Schneider-Foerstl.
Arheber-Rechtsfchutz durch
Verlag Oskar Meister. Werdau i. Sa.
39 Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Der kleine Koffer war nicht gerade schwer, aber er wäre ihn trotzdem gerne losgeworden. Die einheimischen Träger hatten sich aber zuerst auf jene gestürzt, welche Großgcpäck zu schleppen hatten. So kam es, daß sich niemand fand, der ihm das seine abnahm. 3m Begriffe, eine der braunen Gestalten herbeizuwinken, die als unbeschäftigte Gaffer den Straßenrand besetzt hielten, fühlte er sich von hinten auf die Schulter geklopft.
„Anstetten!"
Sein Gesicht fuhr herum. „Tussein!"
„Sie sind es also wirklich, Baron?"
„Wie Sie sehenI" Anstetten strahlte. „Ich freue mich, gleich beim ersten Schritt einen alten Freund zu treffen. Ich habe schon gedacht, ich würde keinem einzigen bekannten Gesichte mehr begegnen."
Der Schwede hatte seinen Arm durch den des Barons gesteckt und lancierte ihn aus dem Getümmel nach der Seite hin, wo die Wagenreihe stand. „Sie wissen demnach gar nichts, mein Lieber?"
„Was soll ich denn wissen, Tussein?"
„Daß Sie für tot und verschollen erklärt sind."
„Ich? — Sie scherzen wohl!"
„Vicht die Spur! Die englische Behörde hat sogar eine Belohnung von tausend Pfund ausgesetzt, wenn jemand über Ihren Verbleib Nachricht zu geben vermag. Den Aufruf in den Blättern haben Sie wohl auch nicht gelesen?"
„Nichts", sagte Anstetten und hielt seinen kleinen Koffer krampfhaft fest.
„Anglaublich", ereiferte sich der Schwede. „Wo in aller Welt haben Sie denn die letzten fünf Jahre gesteckt, Baron?"
„Das ist eine lange Geschichte, Tussein, und ebenso abenteuerlich."
„Das Abenteuerliche haben Sie ja immer geliebt, verehrter Anstetten."
„Ja, immer!" gab dieser lachend zu. „Erst im Dschungel mit Freunden auf der Jagd, bin ich dann nach China hinüber gekommen und von dort nach Rußland. — Cs ist mir nicht gut bekommen", schloß er resigniert.
„Allem Anschein nach nicht", gab Tussein zu.
..Warum aber haben Sie nie etwas von sich hören lassen?"
Anstetten wandte sich suchend um. „Rußland hat seine Gefahren, mein Lieber. Ich habe Glück gehabt, überhaupt noch herauszukommen. Sprechen Sie etwas leiser", warnte er, als der Schwede ein Helles „Wie?" ausstieh. „Ich bin sozusagen incognito mit dem „Lenin" eingelaufen und möchte gerne so rasch als möglich verschwinden."
„Dann kommen Sie aber", riet Tussein. „Seien Sie mein Gast und lassen Sie sich im Club den Freunden zeigen. Das wird keine kleine Aeber- raschung werden! Haben Sie im Sinne, weiterzureisen?"
„Ja, morgen schon! And zwar nach Benares. Ich habe dort einen Hindu, der mein Vermögen verwaltet. Hoffentlich ist er nicht inzwischen gestorben."
„Nein! — Aber in argen Nöten, mein Lieber. Man hat ihm nämlich zur Last gelegt, Sie aus dem Weg geräumt zu haben."
„Meinem Akab?" Anstettens Auflachen wirkte" etwas gezwungen. Aber der Schwede merkte es nicht. „Dann ist es vielleicht am besten, wenn ich heute noch nach Benares abdampfe. Wenn ich die Nacht durchfahre, kann ich morgen früh dort sein. Ich möchte den armen Menschen keine Stunde länger in Angewitzheit lassen."
„Schicken Sie ein Telegramm", forderte ihn Tussein auf.
„Glauben Sie, daß es ihn erreicht?"
„Lassen Sie es an den Gouverneur gehen, dann wird die Wirkung eine doppelte sein. Man wird an maßgebender Stelle wissen, daß Sie noch am Leben sind, zugleich reinigen Sie den Hindu von dem Verdacht, Sie ermordet zu haben."
„Das ist richtig", pflichtete Anstetten bei. Eine Viertelstunde später war die wichtige Depesche nach Benares unterwegs. Noch am Nachmittag folgte ihr Anstetten selbst.
Während der langen Fahrt fielen die Gedanken über ihn her. Nun würde Akab bereits wissen, daß er ihm zu Hilfe eilte. Ob er sich freute? Ob er bei ihm bleiben würde, nun, da er das ganze Glück seines Lebens für ihn zu opfern im Begriffe stand und zum Entsagen bis an das Ende seines Lebens bereit war.
Nach fünf Jahren heimatlichen Klimas erschien ihm die Hitze hier geradezu tödlich. Sein ganzes Denken erlahmte, die Glieder hingen in steinerner Schwere an seinem Körper. Er trank mehrere Gläser Eiswasser hinunter, ließ sich ein Bad bereiten und kam noch elender als zuvor in sein Abteil zurück.
Was würde Brunhilde jetzt tun? — And Klein- Peter? Ob sie ihn sehr entbehrten? Wie sie
die Nachricht aufnehmen würde — die Nachricht, daß er am Fieber gestorben sei?
Nun war es doch so gekommen, wie der Sterbende es gewollt hatte: Du wirst wieder nach Dardschiling zurückkehren und Dr. Alsworth wird bestätigen, daß Hans Peter von Anstetten dem Fieber erlegen ist.
Ja, das würde Dr. Alsworth bestätigen. Nur, daß damit sein ganzes Leben zerschmettert und zerschellt lag.
Cr lehnte den Kopf gegen die Matte und schloß die schmerzenden Augen. Wenn er damals, als er auf Capri den Rausch von Brunhildcs großer Liebe über sich ergehen ließ, zu ihr gesprochen und sich ihr anvertraut hätte, könnte es heute anders um ihn bestellt sein! Ganz, ganz anders!
Aber das war nun vorbei! Aus! Zu Ende geträumt! Cr hatte gewußt, daß die Stunde einmal kommen würde! Kommen mußte! Aber nun traf es ihn dennoch furchtbar. Traf ihn mit solcher Wucht, daß er darunter zusammenzubrechen drohte.
Wie sollte er die ständige Trennung von ihr ertragen können? — Wenn ihm das nur jemand sagte! And der kleine Hans Peter! Nie mehr sollte er das kleine Kerlchen im Arme halten und liebkosen dürfen!
And Bernd! Den Jungen, der ihn so über alles liebte! Ihn, den Betrüger! Gatten- und Vaterrechte hatte er sich angemaßt. Ob sich Hans Peter jetzt auf diese Weise rächte? Aber die Toten kannten keine Rachsucht mehr! Cs war lediglich ausgleichende Gerechtigkeit, die ihre Hand im Spiele hatte!
Irgendeine Station mochte am Wege liegen, denn der v-Zug verringerte seine Geschwindigkeit immer mehr. Zuletzt stanhen die Räder.
Cr war zu müde, die Augen zu öffnen. Als jemand die Türe seines Abteils öffnete, blieb er langausgestreckt auf seinem Sitze liegen, ohne auch nur den Kopf zu wenden. Cr fühlte, wie seine herabhängende Hand emporgehoben und an ein Lippenpaar gedrückt wurde und vernahm eine Stimme, die ihn die Augen öffnen ließ.
»„Sahib! — Wie konntest du das tun!“
Mit einem Ruck saß er aufgerichtet: „Akab!“ Cr preßte die braunen Finger und hielt sie krampfhaft gegen sich gedrückt. „Warum muhte ich erst durch andere erfahren, wie es um dich steht?"
„Sahib!" Der Hindu sah sich um, ob kein Lauscher zu befürchten sei und fuhr dann im Flüstertöne zu sprechen weiter: „Du weißt, wie wenig mir das Leben gilt! Dir aber ist es alles!“
„Aber doch nicht in dem Maße, daß Ich e£ mir um den Preis des deinen erhalten möchte. Wer hat dir von meinem Kommen gesagt?"
„Der Gouverneur!"
„Man hat dich gefangen gehalten?“
„Das ist belanglos, Sahtb."
„Ich will Antwort hab.n," erregte sich Anstetten.
„Drei Monate nur!" Der Hindu wand sich unter dem Blicke des Gebieters. „Du hättest nicht kommen sollen, Sahib. Keiner hätte mir etwas beweisen können! Keiner! Was ist Gefangenschaft für einen Menschen, dessen Seele dennoch frei ist!"
„Warum bist du nie mehr zu mir gekommen? Ein einziger Besuch, und alles wäre dir erspart geblieben."
Der Hindu trug den Schatten eines Lächeln- im Gesicht: „Dein Glück stand mir über allem! Es sollte dir keine «Stunde davon verlorengehen."
Statt jeder Worte zog der Baron den Hindu zu sich auf die Matte und hielt dessen Hände fest. „Wenn die Begrüßung in Benares überstanden ist, dann wollen wir nach Dardschiling fahren. In deinem Bungalow, Akab! Hast du noch Platz für mich?"
„Es ist allezeit der deine, Sahib!“
„Nun lügst du! Was man einmal" verschenkt hat, wird nie mehr Eigentum. Ich kann mich aber auch anderswo einmieten, wenn du mich nicht bei dir wohnen haben willst."
Aus den dunklen Augen traf ihn ein so hilfloser Blick, daß Anstetten ganz eigentümlich um- Herz wurde.
„Wie lange gedenkst du zu bleiben, Sahib?"
„Immer!"
„Immer!" Akab wandte das Gesicht und hob es erst nach einer langen Weile zu Anstetten auf. „Es hat alles seine Zeit, Sahib. Das Glück und das Entsagen. And alles wechselt! And nichts ist, das nicht schon einmal gewesen wäre! Ich will dir jetzt die Matte beqüemer legen, damit du schlafen kannst. Eine Station vor DenareS wecke ich dich."
Wie merkwürdig, dachte Anstetten, als er jetzt Akabs Blick begegnete und zugleich eine eigentümliche Schwäche empfand, welche ihm die Lider herabdrückte. Er wollte etwas fragen und vermochte die Lippen nicht mehr aufzutun, hob die Hand und fühlte sie von einer anderen sorgsam auf die Matte gedrückt, während ein Atem wie ein Hauch über ihn hinstrich.
„Brunhilde!" stammelte sein Mund. And während draußen die heißen Fluren vorüberjagten, war er in seinen Träumen bei der Frau, die für ihn der Inbegriff allen Glückes gewesen war.
(Fortsetzung folgt.)
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