Nr. \ Zweiter Blatt
Gietzener Anzeiger ^General-Anzeiger für Vberheffen)
Donnerstag, 2.Zanuar 1930
Chinas natürliche Ordnung.
Von Dr. Paul Rohrbach.
Cs war einmal ein Mann, der kam ans Europa nach China, und als er sechs Wochen dort gewesen war, sagte er: Dies ist ein ungeheuer intessantes Land, ich muh ein Buch darüber schreiben! Der Mann blieb in China, und nach einigen Sauren fragten ihn seine Freunde. Wie ist das, wolltest du nicht ein Buch über China schreiben? 3a, sagte der Mann, aber ich habe gesehen, daß manches in diesem Lande doch nicht so leicht zu verstehen ist, ich warte noch etwas. Aach zwanzig 3ahren wurde er wieder nach dem Buch gefragt, und da antwortete er: 3ch habe es aufgegeben, ein Leben reicht nicht aus, um China zu verstehen!
Dies Geschichtchen bekommt jeder erzählt, der nach China kommt, und sich alsbald berufen fühlt, seine Meinungen und Eindrücke der Presse anzuvertrauen. Es ist ganz hübsch, und es ist zum Teil auch richtig, aber doch nur zum Teil. Wenn man genauer zusieht, so sind gewisse Grundzüge der natürlichen Ordnung in China gar nicht so schwer zu erkennen. So fragt sich z. B. der europäische Beobachter, woher eigentlich die endlosen Wirren und Kämpfe in China kommen, von denen die Zeitungen voll sind und die dem oberflächlichen Leser meist nur als ein undeutliches Durcheinander fremdartiger und schwer behältlicher Personen- und Ortsnamen vor dem Auge vorbeiziehen.
China war bis zum Sturz des Kaisertums ein antiker Staat. Wer auf den Mauern von Peking stand, der sah die Mauern von Babylon, und wer die Berwaltungseinrichtungen des Perserreiches studieren wollte, der brauchte nur die Verwaltung Chinas kennen zu lernen. Die Gouverneure und die Dizekonige in den Pro- vtzrzen waren in ihrem Tun und Lassen so gut tote selbständig, und die Provinzen selbst hatten so wenig das Gefühl, lebendige Glieder eines einzigen Staatsorganismus zu sein, daß, wenn der Dizekönig Lihungtschang von Tschili Krieg mit den Japanern führte, die Leute schon in Schantung und vollends in Schanghai oder Kanton gar nicht das Gefühl hatten, als ob sie das auch etwas anginge. Bord- und Südchina können sich ja nicht einmal sprachlich verstehen; die Sprachen sind verschiedener, als deutsch und schwedisch. Bur die Wiedergabe der einzelnen Worte und Begriffe durch das Schriftbild ist gemeinsam.
lieber diesem g rosten Reiche aber schwebte das Kaisertum als eine gemeinsame, religiös verehrte Autorität. Der Kaiser war der Sohn des Himmels, und in diesem Sinn war er auch Die Verkörperung desReichs- gedankens. Wen er als Gouverneur oder Vizekönig in eine Provinz schickte, der war es kraft kaiserlicher Ernennung, und wenn ein kaiserliches Mandat kam, das den Statthalter absetzte oder versetzte, so tauchte nicht einmal ein Gedanke an die Möglichkeit auf, Widerstand zu leisten. Mochte der Statthalter sonst tun, was er wollte — seine Ernennung kam vom Kaiser, er selbst kam irgendwo her, war in der Provinz nicht verwurzelt, niemand hätte ihm beigestanden, wenn ihn der Wahnsinn gefaßt hätte, sich als unabhängig zu erklären.
Heute ist das ganz anders, denn die Generale oder Gouverneure, von denen man liest, dast sie sich gegen die Zentralregierung in Banking empören, sind Landeskinder ihrer Provinzen und mit ihnen durch einen großen, nicht nur geworbenen, sondern auch gewachsenen Anhang verbunden. Sie sind, wenn man einen westlichen Ausdruck auf China übertragen will,
Vertreter eines regionalen und stammespoliti- schen Partikularismus. Gegen die zentralistische Regierung in Banking setzen sich also nicht nur persönlicher Ehrgeiz und persönliche Gewinnsucht, sondern auch natürlich verwurzelte Kräfte.
Fast ganz China ist heute überschwemmt von Scharen vagabundierender Landsknechte: Soldaten, die irgend einmal von einem militärischen Machthaber angeworben waren, ihre bürgerliche Existenz vergessen haben und jedem zulaufen, der ihnen Sold zu zahlen imstande ist. Besähe die Zentralregierung die Mittel, diese Leute dem Landsknechttuin zu entreißen, sie anzusiedeln oder dafür zu sorgen, daß sie wieder in einen zivilen Beruf kommen, so wäre viel gewonnen, denn sie sind ein wahrer Krebsschaden für China. Bei der steten Finanznot aber, die auch in Banking herrscht, ist daran nicht so leicht zu denken.
Zum Begriff der natürlichen Ordnung in China gehörte nicht nur der jetzt nach dem Derschwinden der Kaiseridee immer offener zutage tretende Regionalismus — wer würde hier nicht an die Zustände in Deutschland nach dem Untergang der Hohenstaufen erinnert! —, sondern auch die familienhafte Verwurzelung des chinesischen Lebens. China hat sich dar- u m aus dem höchsten Altertum bis auf die Gegenwart staatlich erhalten, wahrend die anderen alten Reiche und Volker längst untergegangen sind, weil durch den Ahnenbienst die Erhaltung der Familie und eine möglichst hohe Zahl von Kindern, zum min
desten von Söhnen, religiöse Pflicht war. Der Untergang der griechisch-römischen Welt war bedingt durch den Untergang der Familie, durch die Kinderlosigkeit der national und politisch führenden Schichten. Die 3nbuftrialifierung Chinas. der Cisenbahnbau, der Verlust der Seßhaftigkeit, die Ansammlung familienloser Massen in den modernisierten Großstädten — das alles wird, wahrscheinlich in nicht zu ferner Zeit, eine sehr tiefgreifende innere Umwandlung des Chinesentums mit sich bringen. Uebcr dies Problem ist neulich ein sehr interessantes kleines Buch erschienen: „Chinas natürliche Ordnung und die Maschine", von Maximilian Csterer, in der Buchreihe: ..Wege der Technii". Der Verfasser entwickelt überzeugend die Folgen, die mit der Einführung der Maschine in China unausbleiblich verbunden sind, und von denen sich vorläufig erst die Anfänge offenbaren. Mit der steigenden Industrialisierung wird China noch mehr an Menschenzahl zunehmen, es wird immer größere Mengen von Lebensmitteln einführen müssen, „und um sie bezahlen zu können, wird es seine Baturschähe und seine unvergleichliche Arbeitskraft zu Geld machen, indem es exportiert!"
Erst wenn dies Zeitalter voll hereingebrochen ist, werden wohl auch die großen neuen Führergeister in China auftauchen, und dann mag das Wort von der „Gelben Gefahr" einmal seinen Sinn erhalten. Dies Problem unter dem Gesichtspunkt von Technik und Wirtschaft durchzudenken, ist die Arbeit von Esterer ein guter Führer.
Die Jagd im Januar.
Halt fest als deutscher Jäger An Vaterland und Ehr, Sei deinem Wilde Pfleger Und seinen Feinden Wehr ruft Konrad Andreas seinen Weidgesellen an der Schwelle des neuen Jahres zu. Ein Jahr ging zu Ende, das in weiten Teilen unserer deutschen Heimat den Wildbahnen durch Wintersnot Wunden schlug, wie wir sie seit langem nicht kannten. Möge das neue 3ahr unter einem besseren Stern stehen! Darm werden Hege und Pflege, geboren aus der Liebe zu Wild und Weidwerk, ihre Früchte tragen können.
Bach dem arktischen Winter, der hinter uns liegt, hat in diesem Winter unser Wild noch keine Bot gelitten. Wenn nun Herr Hartung, der gestrenge Herr, seine Herrschaft antritt, so wird das Bild sich unter Umständen ändern. Pflege und Schutz des Wildes treten gegenüber dem eigentlichen 3agbbetrieb nach der herbstlichen Erntezeit wieder in den Vordergrund.
Die R o t w i l d j a g d ist in den meisten Teilen Deutschlands zu Ende, vor allem dadurch, daß für den ganzen Bezirk des preußischen Staates am 1. Januar die verlängerte Schonzeit beginnt. 3n Hessen dagegen ist keine Beschränkung eingetreten. Der Abschuß erstreckt sich vor allem auf Kahlwild. Das Reh hat nun überall Hegezeit.
Zum erfolgreichen Besagen des Schwarzwildes ist Schnee Bedingung. 3n Rotten steckt es im tiefen Tann. Denn die Zeit ist da, von der Joseph von Laufs in seiner köstlichen „Sauhatz" den alten Dassen schwärmen läßt:
„Wo wiederum die Rauschzeit ist. Man alle Bot und Pein vergißt. Da ist Gott Amor dringlich nah — Amalia!"
Die Hasentreibjagden gehen zu Ende. Es sei gegenüber falschen Auffassungen ausdrück
lich betont, daß die Hasenschußzeit im Januar weder in Hessen, noch in Preußen verkürzt ist, sie also erst mit dem 15. Januar endigt. Wenn auch im allgemeinen der Abschuß mit Iahresenbe durchgeführt zu sein pflegt und man dem Hasen gern schon früher Schonung angedeihen läßt, damit er die schweren Verluste wieder ausgleichen kann, die seiner Sippe beigebracht wurden, so erscheint der Hinweis deswegen doch angebracht, weil infolge der Ungunst des Dezemberwetters manche Reviere noch nicht bejagt werden konnten.
Infolge des letzten Frostes haben sich die Enten etwas zahlreicher eingestellt. Aber die geringere Zahl gegenüber dem Vorjahr ist so auffallend, daß man beim Abschuß unter allen Umständen die Enten schonen sollte. Erpel sind ja immer noch genug vorhanden. In Preußen beginnt am 1. Januar ausnahmsweise bereits die Schonzeit.
So wird für den Weidmann in der Hauptsache nur noch die Jagd auf das R a u b w i l d bleiben, die ja immer ihren hohen Reiz besitzt. Jede Reue muß zum Einkreisen benutzt werden. Reinecke Rotvoß beim Drücken auf dem Wechsel gestreckt oder mit der Hasenquäcke betört, bedeutet eine Weidmannsfreude, die Masssenstrecken an Hasen weit aufwiegt. Und wenn die Roll- und Ranzzeit jetzt beginnt und Dackel und Terrier unter der Erde arbeiten, dann hat der Raubwildjäger hohe Zeit.
Die W i l d p f l e g e erfordert ausreichende und zweckmäßige Fütterung, falls Frost und Schnee stärker einsetzen, Fällen von Weichhölzern und Beseitigung des Schnees an mit Heidekraut bewachsenen Stellen.
Der Jagdschutz ist in der Zeit der Bot besonders wichtig. Absuchen der Gartenhecken und Zäune wird manchen Biedermann als Schlingensteller entlarven. Besonders wichtig aber sind Reviergänge auch zur Bachtzeit, wenn der Mond
scheint. Leider wächst sich die Plage jagender Hunde immer mehr aus, und mancher Pächter weiß ein Lied davon zu singen. Die Rücklichts losigkeit vieler Hundebesitzer kann nur mit gleicher Rücksichtslosigkeit des Handelns im Interesse des Wildes beantwortet werden. Bur Selbsthilfe und wenn möglich Schabenscrsahsorberungen können die wachsende Gefahr abschwächen. Hubertus.
Oberheffen.
Verrreieriag des Sängerbundes „Mittleres Aiddatal".
Am dritten Weihnachtäseiertag fand in Blofeld der Vertretertag des Sängerbundes „Mittleres Bi d da t al“ statt. Die freundlichen. sinnreichen Begrüßungsworte seitens des Vorsitzenden des Blofelder Gesangvereins, Herrn Schäfer, sowie die oorgetragenen Chöre dieses Vereins wurden mit großem Beifall aufgenommen. Der Bundesvorsitzende, Lehrer Lenh aus Geiß-Bidda, dankte in treffenden Worten dem Gesangverein Blofeld und wies in seiner Ansprache darauf hin, daß es in dem Bunde nunmehr zur Tradition geworden sei, den dritten Weihnachtsfeiertag als Dertretertag zu nehmen. Liebe zu den Menschen und Frieden auf Erden wolle der Bund durch die richtige Pflege des deutschen Liedes erreichen. Aach Verlesung der Biederschriften über die Vorstandssihungen im letzten Jahre durch den Schriftführer Herrn Karl Bickel in Ober-Widdersheim wurde in die Tagesordnung eingetreten.
Puirkt 3 der Tagesordnung „Beitritt zum Hessischen und Deutschen Sängerbund" nahm die Hauprieit der Verhandlungen in Anspruch. Das „Für' und „Wider" wurde sowohl vom Bundesvorsihenden, als auch von einer Anzahl anderer Redner gründlich erörtert. Bei allen Vereinen war nur der eine Gedanke maßgebend, daß durch den Beitritt unter keinen Umständen die Selbständigkeit des sich feit vielen Jahren bewährten Bundes „Mittleres Biddatal" preisgegeben wird; denn grabe dessen kleine Bunbesfeste haben für Landvereine eine ganz besondere Anziehungskraft. Der Hauptgrund. warum Vereine gegen den Beitritt sprachen, war die finanzielle Frage. Wer die länd- lidjen Vereine einer etwas von den Industrie- Punkten abgelegenen Gegend kennt, der weiß, wie jedes Mitglied mit dem Pfennig rechnet. Seither wurden von jedem Mitglied 30 Pf. Bundesbeitrag für das Jahr erhoben; durch den Beitritt müßte dieser Betrag auf 1 Mk. erhöht werden. Einzelne Vereine erklärten, daß sie bei einer solchen Erhöhung Mitglieder verlieren würden. Es wäre deshalb zu wünschen, daß die Beiträge zum Deutschen und zum Hessischen Sängerbund mit der Zunahme der Mitglieder- zahl erniedrigt werden könnten. Die Abstimmung hatte das Ergebnis, daß 14 Vertreter dafür und 13 dagegen stimmten; Blofeld enthielt sich der Abstimmung, Steinheim konnte nicht berücksichtigt werden, da es nicht vertreten war. Der Eintritt in den Deutschen und Hessischen Sängerbund ist somit beschlossen; der Beitrag von jedem Mitglied beträgt 1 Mk. im Jahr. Hoffen wir, baß wahrer beutscher Geist unb Sinn und die alte deutsche Treue bei allen Mitgliedern feste Wurzeln fassen mögen zum Besten unseres deutschen Vaterlandes.
Das Bundesfest im Jahre 1930 wird am 25. Mai in Wallernhaufen ftattfinben. Erst gegen 19 Uhr nahmen die Verhandlungen ihr Ende. Der Bundesvorsihende dankte allen für die rege Mitarbeit. Mit dem Vortrag zweier Lieder, „Das deutsche Lied" und „Der deutsche Wald", schloß die Versammlung.
Der Traum vom Glück.
Vornan von E. Lovett und M. v. Weißenthurn.
Copyright by Marie Brügmann, München. Nachdruck verboten.
Die Pferde standen untätig im Stall und verzehrten munter ihr Futter; im Schlosse aber faß Doris bedrückten Herzens und schweigsam bei ihrer Mahlzeit. Es war nämlich schlechtes Wetter, jedenfalls kein Wetter zum Jagen. Und darum war Doris in so gedrückter Stimmung. Bicht etwa, daß sie selbst dem edlen Weidwerk gehuldigt hätte — niemand würde die arme, kleine Doris dessen für fähig halten, denn sie hatte noch nicht einmal einen frommen, alten Pony, viel weniger ein feuriges Iagdroß bestiegen; sie verstand überhaupt nichts van Jagd unb Sport, unb boch war alles bamit Zufammen- hängenbe der kleinen Doris Harter zur Zeit das Wichtigste in ihrem jungen Leben.
Herrschte nämlich das richtige Iagdwetter, so erschien gewöhnlich Kurt von Wildhofen unter dem Dach feiner Väter, 3m anderen Falle blieb er in der nahegelegenen Residenz, wo er stets einige Wintermonate zubrachte. Unb toenn er nicht anwesend war, so war es, als wenn das Leben der armen, kleinen Daris Harter seines Inhalts entbehrte.
Doris lebte nämlich in dem Irrtum, sich in hoffnungsloser Liebe zu Kurt von Wildhofen verzehren zu müssen.
Dabei hatte ihr dieser niemals die geringste Aufmerlsamkeit, viel weniger einen Beweis von Interesse geschentt; auch war er, alles in allem genommen, wohl bie ungeeignetste Persönlichkeit, um der Zuneigung eines unerfahrenen Mädchens in untergeordneter Stellung als Gegenstand zu dienen.
Er war der einzige Sohn seiner Eltern, daher der Erbe von Schloß Wildhofen nebst den dazugehörigen Gütern und eines namhaften Vermögens. Dazu erfreute er sich eines stattlichen Aeußeren unb spielte infolge aller dieser Vorzüge eine hervorragende Rolle in der großen Welt.
Doris war die Gesellschafterin der Frau von Wildhofen, allerdings keine bezahlte Kraft.
Als jüngste von sieben Geschwistern, die nach dem Tode des Vaters völlig mittellos zurück- bliebcn, hatte sie in Schloß Wildhofen Aufnahme gefunden, da ihre verstorbene Mutter eine weitläufige Verwandte des jetzigen Besitzers gewesen war. Aus diesem Grunde durfte sie ihre neuen Beschützer auch Onkel und Tante nennen und deren Sohn als ihren Vetter betrachten.
Ihr Vater hatte in einer kleinen Provinzstadt als pensionierter Offizier gelebt und trotz des schmalen Einkommens es nicht über sich gewonnen,
sich von einer seiner Töchter zu trennen. Bei seinem Tode gerieten diese nun in die größte Botlage, so baß der Geistliche des Ortes sich veranlaßt fühlte, an den Wohltätigkeitssinn aller Qkrtoanöten Väter- ober mütterlicherseits zu appellieren. Man entsprach seinen Bitten, unterstützte die Verwaisten mit Geldmitteln und ebnete ihnen die Wege, damit sie sich je nach Veranlagung auf eigene Füße stellen konnten. Zuletzt blieb nur noch Klein-Doris übrig, die zu jener Zeit erst fünfzehn Jahre alt war und deshalb noch größerer Sorgfalt bedurfte als ihre erwachsenen Schwestern. Sie wurde auf Wunsch des Herrn von Wilbhofen diesem zur Vollendung ihrer Erziehung überlassen. Er erklärte, für ihre weitere Existenz Sorge tragen zu wollen, und führte sie selbst seiner Gattin zu, die in dieser Angelegenheit völlig mit ihm übereinstimmte.
Während der Reise suchte Herr von Wildhofen der jungen Verwandten in rücksichtsvollen, wenn auch unverblümten Worten klarzumachen, welche Art Stellung er in feinem Hause ihr zugedacht hatte. Jedenfalls, sagte er, dürfe sie sich keineswegs der Illusion hingeben, daß sie von jetzt ab eine reiche, junge Dame fei, weil sie in einem luxuriös eingerichteten Heim wohnen würde. Stets solle sie bedenken, daß sie nie Anspruch auf die Stellung einer Tochter erheben könne. Wenn sie sich aber mit der Zeit feiner Gattin nützlich und angenehm zu machen verstünde, würde er niemals etwas dagegen haben, daß sie für immer in feiner Familie bliebe, und zwar in der gesellschaftlichen Stellung einer Richte des Hauses.
Klein-Doris in ihrem schlichten, schwarzen Trauerileid faß ihm in einem Kupee erster Klasse des dahinrasenden Schnellzuges gegenüber, sah ihn schweigend mit ihren sanften, dunkelbraunen Augen an unb bemühte sich offenbar, den Worten des ihr bis jetzt ganz unbekannten „Onkels" bas richtige Verstänbnis entgegenzubringen. Mit rührender Aufmerksamkeit suchte sie das Zukunftsbild zu erfassen, bas ihr Wohltäter vor ihr entrollte.
Empsinblichkeit oder Stolz schien sie nicht zu kennen, denn sonst hätte sie die etwas hochfahrende Art des Herrn von Wildhofen verletzen oder nieberbrüden müssen. So nahm sie sich vor, immer zu bedenken, baß^ sie in ihrer neuen Heimat nur eine arme Verwandte fei unb als solche nie wagen dürfe, die ihr gezogenen Grenzen zu überschreiten.
Es war übrigens ein Glück, daß sie nicht allein auf Onkel Georg angewiesen war, sondern daß Frau von Wildhofen, die sie Tante Hanna nennen durfte, ihr in wahrhaft mütterlicher Weise entgegenkam. Sie zeigte vom ersten Augenblick an ein warmes, gütiges Herz für bas kleine, schwächliche Mädchen-im schwarzen Kleide, das an jenem Winterabend vor nunmehr fünf Jahren hinter der breiten Gestalt ihres Gatten
in der erleuchteten Vorhalle von Schloß Wildhofen aufgetaucht war.
Doris gewann Tante Hanna bald von Herzen lieb; doch unterließ selbst diese es nicht, gelegentlich zu betonen, daß ihre Richte alles erhalte, was sie brauche — und weit mehr als das —, und darum ihrerseits nicht nur zu Dank, sondern auch zu kleinen Gegenleistungen verpflichtet fei. „Du kannst dich bei mir als Gesellschafterin recht nützlich machen", sagte sie.
„Ich habe keine Tochter wie andere, glücklichere Mütter, und es gibt so unzählige Dinge, die in einem umfangreichen Haushalt getan werden müssen. Durch Uebernahme kleiner Pflichten kannst du dir den gewährten Unterhalt wenigstens teilweise verdienen."
Somit war Doris deutlich genug gesagt, daß man sie als die Schuldnerin ihrer Verwandten betrachtete. Sie gab sich die redlichste Mühe, sich nützlich zu machen, stand zeitig auf und besorgte allerlei kleine Obliegenheiten, zum Beispiel die Pflege unb Fütterung ber Zimmervögel, von denen Frau von Wildhofen eine ganze Anzahl hielt, ebenso den täglichen Blumenschmuck ber Tafel und unzählige andere Dinge. Ihre hauptsächlichste Aufgabe aber bestand darin, ihrer Tante vorzulesen, da diese sehr schwache Augen hatte, jedoch immer über den Inhalt ber Zeitungen, vom Leitartikel bis zu den Marktberichten, orientiert sein wollte.
So war das Leben der Waise ein recht eintöniges; wohl ohne Sorgen, aber auch ohne Freuden. Die Verwandten hielten sie für ein äußerst glückliches, beneidenswertes Geschöpf, dem kaum etwas zu wünschen übrig blieb. Sie konnte sich elegant kleiden, aß täglich dreimal ausgezeichnet gubereitete Mahlzeiten und fuhr in hochelegantem, stets dem Wetter angepaßten Wagen mit Chauffeur unb Diener spazieren. Was konnte das Herz eines jungen Mäbchens noch mehr verlangen?
Freilich, toenn es Gäste im Hause gab, wurde Doris gewöhnlich nicht zur Tafel befohlen; es fet denn, baß einer ber Geladenen im letzten Augenblick am Erscheinen verhindert war, worauf sie den Platz der fehlenden Person einzunehmen hatte, ein Umstand, der in den beiden letzten Jahren allerdings nur zweimal vorgekommen war. Uebrigens befaß sie ihr eigenes, reizend eingerichtetes Wohnzimmer, daneben ihr hübsches, Heines Schlafzimmer, beides in einem Giebel des Schlosses gelegen, in das Anna, das höfliche Stubenmädchen, ihr die Speisen auf einem Präsentierbrett brachte, sobald sie aus dem Speisezimmer im unteren Stockwerk §erauggetragen wurden. In diesem hübschen Zimmer befanden sich auch ihre Bücher. Handarbeiten, ein Klavier unb ihr zierlicher, kleiner Schreibtisch.
Im Winter wurden hie beiden Räume behaglich erwärmt, so daß sie auch in den langen Aben
den einen traulichen unb angenehmen Aufenthalt boten. Was in aller Welt konnte ihr noch zu ihrem Glück fehlen?
Und doch, als sie älter würbe, erschien ihr die Eintönigkeit ihres Lebens oft fast unerträglich. Sie hätte sich dagegen auflehnen unb vor ihre Beschützer hintreten mögen mit ber leidenschaftlichen Forderung, sie hinauszuschicken in bie Welt als Bonne, als Verkäuferin, als Stühe ber Hausfrau; es war ja alles einerlei, wenn sie nur in den Stand gesetzt wurde, auch ihrerseits Freunde und Altersgenossen und in freien Stunden ein wenig Abwechslung zu finden.
Sicherlich wäre sie mit diesem Verlangen auch eines Tages hervorgetreten, toenn sie nicht ein ganz bestimmter Grund davon zurückgehalten hätte. Und dieser Grund knüpfte sich an die Person des Erben von Schloß Wildhofen.
Vom ersten Tage an, wo sie ihn erblickte, glaubte sie ein ungewöhnliches Interesse für ihn zu empfinden. Er war groß und stattlich und im Wesen feinem imposanten Vater sehr ähnlich, nur weniger selbstbewußt und dafür zugänglicher und herzlicher im Verkehr. Sobald er in Wildhofen erschien, herrschte im Schloß und dessen Umgebung ein fröhliches Leben und Treiben. Lustige Weifen singend oder pfeifend, hörte man ihn bald hier, bald dort, unb ber Duft seiner Zigaretten zog bis in die entferntesten Winkel ber Stockwerke, sogar bis in das Heiligtum der kleinen Doris.
Wenn er tagsüber mit Pferden und Hunden, von seinen Iagdgenossen umgeben, bie ausgedehnten Forstreviere durchstreift hatte, sah man ihn abends in den erleuchteten Salons inmitten schöner, eleganter Damen und hochgestellter Herren von Rang unb Glanz. Wildhofen schien aus einem Zauberschlaf zu erwachen, wenn der einzige Sohn unb Erbe dort Einzug hielt.
Vor allem geschah bies zur Iagbzeit; bemi die Forstreviere seines Vaters gehörten zu den ausgedehntesten unb am sorgfältigsten gepflegten deS Lonbcs.
Aber so oft auch ber junge, lebenslustige Kavalier daheim weilte: bie kleine Gesellschafterin unb häusliche Stühe feiner Mutter war ein Wesen, das für ihn kaum existierte. Anfangs hatte er sich von der Idee seines Vaters, die Waise nach Schloß Wildhofen kommen zu lassen, eine Art Unterhaltung versprochen unb vielleicht ein paar Sekunden lang darüber nachgedacht, ob sie wohl auch mit den übrigen wetteifern würde, ihm — dem verwöhnten Liebling des Hauses — das Leben bequem zu machen.
Er hatte später keine Ahnung davon, daß Doris wirklich mit Freuden allerhand kleine Dienste für ihn verrichtete und gern noch viel mehr für ihn getan hätte.
(Fortsetzung folgt.)


