block" bilden, können nicht ungestraft von einem Lager ins andere überlaufen. Olller- dings bleibt die Interpellation Franklin-Bouillon über die Außenpolitik als Wolke am Horizont. Es ist gar nicht zu bestreiten, daß der Stern deS Außenministers verblichen ist. Seine wärmsten Anhänger können den Zusammenbruch seiner liebsten Auffassungen nicht wegleugnen. Wenn man auch, ohne ungerecht zu. sein, nicht alle Schuld an den erlittenen Enttäuschungen ihm zuschreiben kann, so muh man ihm doch seine ungestüme Initiative, seine unvorsichtigen Verzichlleistungen und vor allem die Art und Weise zum Vorwurf machen, mit der er das Land unter dem Ruf: «Ich mache den Frieden I" eingeschlöfert hat. Die Kammer ist aber nicht ein Gerichtshof, sondern eine politische Versammlung, die zum Besten des Landes die außerordentlich verwickelten Schwierigkeiten zu lösen hat. Wer das politische Schachbrett kennt, weih, dah die Regierung Tardieu-Maginot-Reh» naud-Driand ein unauflöslichesGanzes bildet. Die Umstände bewirken, dah man kein einziges Element dieser Regierung ausschalten kann, of>nc das gan^e Kabinett zu stützen. Kein kluger und nachdenklicher national gesinnter Abgeordneter kann die Verantwortung für den Sturz der Regierung übernehmen.
Einen kleinen Vorgeschmack von dem, was er bei Wiederzusammentritt des Parlaments zur Begründung seiner Interpellation über die Außenpolitik vorbringen wird, liefert der hypernationalistische Abgeordnete Franklin-Bouillon, der immer noch unter der Flagge eines „Links"-Politikers segelt und dessen einzige Beschäftigung darin besteht, daß er Material gegen Deutschland sammelt, in einer Rede vor Anhängern seiner Partei in Bordeaux. Franklin-Bouillon erklärte, Millionen von Deutschen hätten dadurch, daß sie für Hitler stimmten, die Versicherung gegeben, daß die Zukunst Deutschlands auf seinem y> e e r e beruhe. Man bringe schon der deutschen Schuljugend den Haß gegen Frankreich bei. Deutschland glaube, den Weg des Heils beschritten zu haben dadurch, daß es sich nicht als Besiegter bekenne. Man müsse also jetzt gegenüber Deutschland das Gegenteil von dem tun, was man bisher getan habe. Man dürfe die Grenzen Polens eoensowenig antasten lassen, wie die Frankreichs. Frankreich müsse einig sein. Frankreich habe den Deutschen 1914 die Stirn geboten. Frankreich habe sich stets gerettet, wenn es einig war.
Aus aller Welt.
Das Erdbeben In Italien.
Diejenigen Einwohner der Stadt Ancona, deren Häuser durch das Erdbeben größeren Schaden davongetragen haben, haben die Rächt in den Baracken zugebracht, die die Gemeinde zur Verfügung gestellt hat. Die Stadt hat ihr normales Aussehen wieder eingenommen. Ueberall wird die Arbeit fortgesetzt, die Bureaus und Geschäfte sind geöffnet. Die öffentlichen Betriebe funktionieren wieder regelmäßig. Ein neuer leichter Erdstoß hat keinen Schaden angerichtet. Das Rettungswerk ist überall mit großer Schnelligkeit organisiert worden. Rund 60 Prozent der Häuser weisen Beschädigungen auf. Die Zahl der vollkommen eingestürzten Häuser in Ancona und Umgebung beträgt 12, die Zahl der Toten in Ancona 5. Unter die Armen werden Decken und Lebensmittel verteilt.
Sonntag Start des „Do XM.
Das für den Start des „Do X“ nach Amsterdam genannte Datum des 2. Rovember wird von den Dornierwerken bestätigt, so dah also mit dem Abflug des Flugschiffes „Do X" von Altenrhein nach Amsterdam am kommenden Sonntag gerechnet werden kann. Voraussetzung allerdings ist, dah die Witterungs- Verhältnisse. die zur Zeit recht ungünstig sind, sich bessern. Sollte dkse Voraussetzung nicht eintreten, so wird mit einer Verschiebung des Abfluges auf den 3. Rovember gerechnet werden müssen. Das Flugschiff ist inzwischen in der großen Montagehalle über» ho l t worden und hat nochmals einen fast einstündigen Flug über dem Bodensee ausgeführt, an dem auch der Direktor der Bayerischen Luftverkehrsgesellschaft l.jot Hailer und der bekannte Afrikas: ieger Mittelholzer teil» nahmen. Die mit fünf bis sechs Stunden angegebene Flugzeit von Altenrhein nach Amsterdam wird als zutreffend bezeichnet.
„G 38“ in Marseille gelandet.
Das Junkers-Großflugzeug „G 38" ist auf seinem Rundflug durch die europäischen Hauptstädte am Freitag um 14.35 Uhr in Marignane bei Marseille gelandet. Es war um 10 Uhr in R o m auf- gestiegen und hatte um 14.20 Uhr die Stadt Marseille überflogen.
Die Untersuchung der Katastrophe des „R 101“.
Bei den Verhandlungen über die Katastrophe des „R 101“ am Freitag wurden die vier Ueberlebenden der Besatzung vernommen. Der Mechaniker Cook sagt aus, etwa fünf Minuten, nachdem er die Wache in einer Motorgondel übernommen hatte, senkte sich das Vorschiff und die Maschinisten erhielten den Befehl zur Verlangsamung der Fahrt. Als er noch mit der Ausführung dieses Befehles beschäftigt war, senkte sich das Schiff ein zwei- t e s Mal. diesmal stärker. Unmittelbar darauf stieß es auch schon auf denDoden. Er stoppte seine Maschine. In diesem Augenblick ereignete sich der zweite Ausstoß, an dem sich die Explosion anschloß. Zwischen der ersten und der zweiten Bodenberührung lagen nur wenige Sekunden. Er eilte sofort in den Gang, der bereits von Flammen erfüllt war und hatte schon alle Hoffnung auf Rettung des Lebens aufgegeben, als es ihm im letzten Augenblick gelang, durch ein Loch in der Wand ins Freie zu kommen. Beim Passieren des Kanals, so bekundet der Zeuge weiter, hat das Schiff bereits nicht sehr hoch gestanden. Es sank mehrmals tiefer und hat dann wieder zu steigen versucht. Etwas Außergewöhnliches hat er dabei jedoch nicht bemerkt. — Der Mechaniker Leech berichtet, daß der Start des Luftschiffes gut war. .Der Kapitän klagte ihm gegenüber, daß das Schiff ungewöhnlich stark rolle und stampfe. Leech faß im Rauchsalon, als das Luftschiff sich plötzlich 30 bis 35 Grad senkte, wobei Flaschen und Gläser
von den Tischen fielen und er selbst vom Sofa her- unterrutschte. Drei bis vier Minuten später lag das Schiff wieder horizontal. Hierauf senkte sich der „R 101" ein zweites Mal und stieß auf den Boden auf. Alle Lichter erloschen und es erfolgte die Explosion.
Die Untersuchung des Bergwerksunglücks in Alsdorf.
Rach einer Mitteilung des hiesigen Oberbergamts haben die Sachverständigen die Ursache der Explosion auf Grube Anna 11 noch nicht einwandfrei fest st eilen können. Cs besteht nach wie vor die Möglichkeit der Erpkosionsursache übertage wie auch untertage, und zwar hier im« Bereich der östlichen Richt st recke der 360-Meter-Sohle. wo große Brüche gefallen find, unter denen a«.tch noch eine Benzollokomotive verschüttet ist. Eine Schlagwetter - und Kohlenstaubexplosion in dem Abbaubetrieb der einzelnen Flöze, die inzwischen befahren worden sind, kann als ausgeschlossen angesehen werden. Unter den Brüchen liegen auch noch mehrere Tote. Der Unglücksschacht (Eduard-Schacht) ist mit zwei Fördereinrichtungen ausgerüstet, von denen eine Förderung zur 360- Meter-Sohle, die andere zur 460-Meter-Sohle geht. Zur Zeit der Explosion ruhten beide Förderungen. Von den beiden Förderkörben sind die unteren Tragböden abgerissen und in den Schacht gestürzt.
Nachspiel zum Lohnkonflikt in der Berliner Metallindustrie.
Der Arbeitgeberverband von Kassel und Umgegend hat dem Regierungspräsidenten und dem Oberbürgermeister eine Entschließung überreicht, in der gegen den Beschluß dcr Stadtverordnetenversammlung, für die st reitenden Berliner Metallarbeiter 5000 Mark zur Verfügung zustellen, namens der Kasseler Unternehmerschaft protestiert wird. Der Beschluß lasse jegliches Gefühl der Verantwortung für die angespannta städtische Finanzlage vermissen und bedeute eine Einmischung der Stadtverordneten in eine sie nicht das geringste angehende Angelegenheit unter völlig einseitiger Stellungnahme zugunsten einer Partei. Die Verbände erwarten, daß der Magistrat diesem Beschluß nicht beitritt und fordern von den Aufsichtsbehörden ein sofortiges Eingreifen.
Kündigung der Lohntarife
in der Metallindustrie Hagen-Schwelm.
Der Märkische Arbeitgeberverband hat das zwischen ihm und den M et a 11 a r b e i t e r d e r b ä n . den des Bezirkes Hagen-Schwelm abgeschlossene Lohnabkommen zum 31. Dezember 1930 gekündigt. Don der Kündigung werden 20—25 000 Metallarbeiter betroffen. Auch die Arbeitgebervereine des Bezirkes Mendel-Fröndenberg des Kreises Olpe haben die Lohntarife gekündigt. Der Zweck der Kündigung besteht darin, die Löhne zu senken.
Kündigung
der Arbeitszeitbestimmungen bei der Reichsbahn.
Die Tariforganisationen der Eisenbahner verhandeln mit der Hauptverwaltung der Reichsbahn über eine andere Gestaltung der Arbeitszeit verschiedener Ar bei ter gruppen. D.a noch nicht ersichtlich ist, ob cs in freien Verhandlungen zu einer Einigung kommt, da die Organisationen übereinstimmend eine Herabsetzung der Arbeitszeit verlangen, kündigten sie zum 30. Rovember die Bestimmungen über Arbeitszeit und Ueberarbeitszcit im Tarifvertrag mit besonderem Schreiben an die Reichsbahnhauptverwaltung.
Zwei Zuchthäusler ausgebrochen.
In der vergangenen Rächt find aus der Irrenabteilung des Halleschen Strafgefängnisses zwei gefährliche Zuchthäusler namens Paul Kolanos und Willi Lucia, die sich dort zur Beobachtung ihres Geisteszustandes befanden, ausgebrochen. Sie hatten sich Zivilkleidung zu verschaffen gewußt, haben die innere Tür mittels Dietrichs geöffnet und sind dann über die Mauer ins Freie gelangt. Beim Absprung von der Mauer erlitt Lucia schwere innere Verletzungen, so dah sein Komplice ihn zurücklassen mußte. Lucia wurde im Krankenhaus operiert, ist aber dann gestorben. Kolanos, der noch bis 1933 Strafe zu verbüßen hat, konnte bisher nicht gefaßt werden.
Oie städtischen Kleinwohnungsbauien in der Schottstraße.
Das städtische Kleinwohnungsbau-Untemehmen in der verlängerten Schottstrahe ist jetzt im Rohbau fertiggestellt. In der gleichen Dausorm wie im verlängerten Asterweg erhebt sich an der westlichen Seite der verlängerten Schottstrahe ein 71 Meter langer und 9,40 Meter tiefer Bau block, in dem 36 Kleinwohnungen vorgesehen find. Die Raumauftellung ist derart geregelt, daß 2 4 Zweizimmerwohnungen und Wohnküche und 12 Einzimmerwohnungen und Wohnküche bei 2,80 Meter Geschoßhöhe geschaffen werden. In jeder Wohnung wird an Stelle einer Badeanlage ein Waschraum geschaffen, es werden Speiseschränke eingebaut und im übrigen jede Wohnung so eingeteilt, wie es bei den Kleinwohnungen im verlängerten Asterweg geschah. Im Kellergeschoh des Hauses befindet sich eine gemeinsame Wasch-ftiche mit Trockenraum, wodurch den Hausfrauen in diesem neuen städtischen Dau die gleiche Erleichterung bei der Wascharbeit geboten wird, wie den Bewohnerinnen der städtischen Häuser im verlängerten Asterweg.
Mit den Arbeiten an dem Projekt in der Schott- straße wurde am 3. September begonnen, so daß also der bisherige Verlauf der Arbeit außerordentlich rasch oonftatten gegangen ist. Die gesamten Baukosten für dieses Wohnungsbauunternehmen find auf rund 220 000 Mark veranschlagt, wozu aus den Mitteln des Arbeitsbeschaffungsprogramms des Reiches 98 000 Mark beigesteuert werden. Die Erd- unb Maurerarbeiten wurden von den Firmen Birken ft ock & Schneider und Georg Becker ausgeführt, an den Zimmerarbeiten waren die Firmen K r ö ck - Abendstern, Watz- Großen-
Linden, Weller- Leihgestern, Keßler- Steinbach, Rohm- Wieseck und B e p p l i n g • Heuchelheim beteiligt. Bei weiteren günstigen Wilterungs- Verhältnissen soll tatkräftig an dem Innenausbau gearbeitet werden, damit der Bau zum Frühjahr bezogen werden kann.
Um den an dem Bau beschäftigten Männern ein äußeres Zeichen der Anerkennung für ihre flotte und gute Bauarbeit zu geben, veranstaltete die Stadtverwaltung gestern abend im Aquarium ein kleines Richtfest, bei dem die Arbeiterschaft mit ihren Leitern und Vertretern der Stadtverwaltung, sowie des Stadtrates in etwa zweistündiger Geselligkeit frohgestimmt verweilte. Bei Wurst und Brot, einigen Glas Bier und ein paar Zigarren konnte jeder der Mitschaffenden an diesem Bau eine schöne Ruhepause nach dem Alltagswerk begehen. Sladtbaurat G r a v e r t sprach den Leuten vom Bau die Anerkennung dcr Stadtverwaltung und des Bauamtes für ihre vortreffliche Arbeit aus, Stadtratsmitglied- Mann betonte, daß die städtischen Körperschaften auch künftighin alles tun würden, um die Bauwirtschaft wieder richtig in Gang zu bringen und zu erhalten, Stadtratsmitglied Schmieder würdigte die vorsichtige Beobachtung und Einhaltung der Baukostenvoranschläge durch das Hochbauamt und die umsichtige Tätigkeit der obersten städtischen Bauleitung. Oberpolier Balser und Polier Eckert sprachen den Dank der Arbeiterschaft für die Bereitung der Feierstunde aus. Im übrigen ließ man das deutsche Volkslied in ge- meinfamen Gesängen bei dieser Gelegenheit in rech- ter Weise mit zur Geltung kommen.
Vilderverkäufe aus der Petersburger Eremitage.
Die Sorojetregicrung hat mit dem Verkauf der Bildergalerie der Eremitage begonnen. 5 Meisterwerke von einzigartiger Bedeutung sind vor kurzem an eine bekannte amerikanische Kunst- Händlerfirma verkauft worden: van Eyks „Verkündigung", Rembrandts „Bildnis Sobiefkis", Franz Hals „Admiral", ein Dan-Dyck und ein Rubens. Der van Eyk ist, wie verlautet, an den amerikanischen Finanzminister Mellon übergegangen.
Der Deutsch-Evangelische Volksbund übernimmt Heiligendamm.
Das älteste deutsche Ostseebad Heiligendamm ist vom Deutsch-Evangelischen Volksbund übernommen worden, und zwar hat der Volksbund das Seebad mit seinen Gebäuden und Anlagen vorläufig a u f zwei Jahre gepachtet und eine Option zum Kaufe erhalten.
kein profeffortitel für Krankenhausleiter.
Der Verbandder Krankenhausärzte Deutschlands ist beim preußischen Minister für Vvlkswohlsahrt vorstellig geworden, um die De r- leihungdcsProsefsortitelsfür hervorragende Krankenhausleiter, auch wenn sie nicht aus der Universiiätslaufbahn hervorgegangen sind, zu fordern. Cs wird dabei geltend gemacht, daß der Professortitel für das Volksempfinden, namentlich auch für das Ausland, eine höhere wissenschaftliche Qualifikation betautet, während viele nichthabilitierte Krankenhausleiter diesen Sitel nicht erlangen könnten. Das Ministerium hat darauf erwidert, daß es sich selbst für die Verleihung der Dezeichnung „Professor" an leitende Krankenhausärzte eingesetzt habe, daß aber durch das bekannte Urteil des Staatsgerichtshofes. wonach der „Professor" kein Titel, sondern eine Amtsbezeichnung sei und eine Titelverleihung der Verfassung widersprech.', keine Möglichkeit bestehe, dieses Ziel zu erreichen.
Aus der provinzialbauptstadt.
Gießen, den 1. Rovember 1930.
Oie Sache mit den zwei Seiten.
Du machst deinem Freunde einen Vorschlag, nach deiner Meinung einen glänzenden Vorschlag. Er überlegt einen Augenblick und setzt dann das bekannte Gesicht auf. Er schließt die Augen halb, zieht die Stirne in Falten und sagt: „Das ist ja ganz schön. Wenn wir aber die Sache von der andern Seite betrachten, dann wäre folgendes... usw." Er zerpflückt deinen Plan, zeigt die Wunden Stellen und beweist dir, daß du ihm etwas Linsinniges vorgeschlagen hast.
Siehst du, da hast du die Sache mit den zwei Seiten! —
Aus meiner Schulzeit kann ich mich auf einen Lehrer besinnen, der immer die Fragen so scharf stellte, daß wir entweder nur ja oder nein zu sagen hatten. Erst später hörte ich den Fachausdruck für diese eiligen Fragen. Man nennt sie Entscheidungsfragen. In den meisten Fällen haben wir natürlich einfach drauflos geraten. Sagten wir einmal das Verkehrte, dann lachte der alte Herr schadenfroh und erwiderte: „Siehst du, da ist dir das ^Butterbrot wieder einmal auf die geschmierte Seite gefallen!“ —
Deine zwei Düben, sonst ganz verträglich, haben sich gezankt und gehörig verhauen. Heulend kommen sie zu dir. Der eine erzählt den „Fall" und schiebt dem andern die Schuld zu. Dieser aber unterbricht und erklärt, daß e r ganz unschuldig sei, sein Druder habe angefangen. Run sollst du richten. Sicher kommt dir das Sprichwort in den Sinn: „Eines Mannes Rede ist leine Rede, man muh sie hören alle beebe.“ Mit einem Stoßseufzer denkst du vielleicht auch an die Richter, an die Lehrer, die tagtäglich vor solchen „Fällen" stehen und manchmal auch nicht wissen, wie sie ein gerechtes Urteil sprechen sollen.
Oder willst du es machen, wie der Dürgermei- ster, bei dem sich einst zwei Gegner meldeten und ihre Sache vortrugen ? Als der erste geendet hatte, sagte der Ortsgewaltige: „Du hast recht!" Als aber der zweite die Sache von seinem Standpunkt aus erklärt hatte, sagte et auch zu diesem: „Du hast ebenfalls recht!" Ein zufällig anwesender Zuhörer meinte: „Das kann doch nicht stimmen, daß alle beide recht haben!" Darauf drehte sich der Herr
Dürgermeister herum und erwiderte: .Jetzt hast du recht I" —
„Einseitig" wollen wir nicht fein, und „vielseitig" hat oft einen bedenklichen Beigeschmack. Spricht der Dolksmund nicht auch von einem „zweischneidigen" Schwert? Run aber nach allen Seiten seine Verbeugungen machen und jedem recht geben, daß ist gewiß nicht einseitig, aber auch nicht gerecht. Es ist wohl die bequemste Art, sich eine Sache vom Halse zu schaffen, hilft aber praktisch nicht viel weiter.
Wir müssen uns irgendwie mit den vertrackten Sachen, die nun einmal zwei Seiten haben, abfinden. Wie macht es der Optimist? Gr sieht zunächst die helle freundliche Seite und packt zu. Und siehe! Er hat Erfolg! Der Pessimist, der von vornherein die Schattenseite betrachtet und überhaupt nichts tut, sagt bann wohl: „Gr hat wieder einmal Glück gehabt!“ Oder auch: „Das war Zufall!" O nein! Das war weder Zufall noch Glück, daß der Optimist zum Ziel kommt. Das liegt baran, daß er auf die Waagschale der hellen Seite, die wohl der dunklen das Gleichgewicht hält, seine Tatkraft und seinen Zukunste-giauben legt und dadurch Herr über die Schattenseite wird.
Wohl sollen wir erst abwägen und dann handeln, aber nicht immer gleich lagen, wenn noch nicht alles im hellen Sonnenlicht steht: „Die Sache geht schief." —
Anderseits gibt es auch Fälle, da hilft daS Abwägen nichts, da muh schon einmal einseitig gehandelt werden. Rehmen wir nur folgenden ungewöhnlichen Fall: Du wirst im Walde von einem Räuber angehalten. ..Geld oder Leben!" Willst du da noch lange abwägen, welches die gute, und welches die schlechte Seite ist? Ich glaube, bis du überlegt hast, für welche Seite du dich entscheiden sollst, bist du dein Geld los und hast vielleicht noch einige Iagdhiebe auf deinem erstaunten Gesicht. Wir dürfen auch nicht nach dem Rezept des Fuhrmannes handeln, dessen Pferd und Wagen in den Straßengraben gestürzt waren, der aber sagte: „Erst die Pfeife stopfen und anstecken, dann den Gaul aus dem Graben!" Diese Augenblicke erfordern nicht lange Besinnung, sondern entsprechende Taten. Menschen, die immer und immer überlegen, werden nie Herr über das Leben, das Leben aber bald über sie.
Lassen wir die verslixte Sache mit den zwei Seiten doch einmal weg und denken einfach: „Man muß auch einmal links herum leben!“ Ueberall stehen die bekannten Schilder: Rechts gehen! Versuchen wir's also bei starkem Verkehr auf der linken Seite! Wir dürfen unS nicht wundern, wenn wir einige Püffe erhalten.
Es hat nun einmal alles im Leben feine zwei Seiten, wohin du auch schauen magst. Rur etwas ist einseitig: Das ist die Ohrfeige! Und wenn wir sie von einer Seite kennengelernt haben, haben wir gar keine Lust mehr, Bekanntschaft mit der andern Seite zu machen.
Aber wir sollten es mit dem Optimisten halten und bei Schicksalsschlägen immer zuerst nach der hellen Seite Umschau halten. Jeder Wanderer weiß, daß auch nach dem dunkelsten Tal einmal wieder eine Waldwiese kommt, auf der helle Sonne liegt.
Daran wollen wir denken, wenn unS daS Leben einmal ordentlich feine Schattenseite zeigt.
Ag.
Korpulenz ist unschön, auch ungesund daher nehmen Sie früh, mittags und abends 2—3 Toluba-Kerne, die Sie in Avoiheken erhalten.14”*
** Von der Landesuniversität. Ernannt wurde dSr Professor an der Physikalischen Reichsanstalt Berlin Dr. Walther D o t h e zum ordentlichen Professor für Physik an der Landesuniversität Gießen, vom 1. Rovember 1930 an.
** Das ReformationSfest wurde gestern zum ersten Male auch in unserer Stadt als kirchlicher Feiertag begangen. Wie wir hören, waren die Gottesdienste in beiden Kirchen gut besucht. Der Schulunterricht fiel anläßlich dieses evangelischen Kirchenfeiertages aus.
'* Straßensperrung, mitgeteilt vom Oberhessischen Automobilclub E. V. (QI. v. D.), Gießen: Die Ortsdurchfahrt Klein-Linden im Zuge der Straße Gießen—Wetzlar wird ab 3. Rovember wegen Kanalisations- und Wasser- leitungsarbeiten für jeglichen Verkehr gesperrt. Umleitung über Garbenheim—Dorlar—Ahbach— Heuchelheim—Gießen und umgekehrt. — Die Sperrung der Ortsdurchfahrt Fauerbach bei Friedberg ist aufgehoben.
" Anlagenkonzert findet morgen, Sonntag, 11 Uhr, durch das Musikkorps des l.Batl. 15. Inf-Regts. bei günstiger Witterung in der Südanlage statt. Leitung: Obermusikmeister Löb er. Die Mufikfolge ist: 1. Ehoral: „Ein' feste Burg, ist unser Gott". 2. Ouvertüre zur romantischen Oper: „Der Freischütz" von E. M. v. Weber. 3. „Königsmarsch" von R. Strauß. 4. Fantasie aus der Oper: „Die Meistersinger von Rürnberg" von R. Wagner. 5. Zwei Märsche: a) „Marsch über altniederländische Volkslieder" von Th. Oratoert; b) „Frei weg" von E. Catan.
Die Museen und der Heidenturm sind am Sonntag zwischen 11 und 13 Uhr zu kleinen Preisen geöffnet.
** Sie städtische Kunstsammlung im Neuen Schloß, Eingang Senckenbergstraße, ist morgen, Sonntag, von 11 bis 13 Uhr bei freiem Eintritt geöffnet. Kinder haben nur in Begleitung Erwachsener Zutritt.
*• Akademische Kurse. Unserem gestrigen Bericht über die Eröffnung der Akademischen Kurse für Kaufleute und Gewerbetreibende ist nachzutragen, dah zur Einleitung nicht Provinzial- direktor Graes, sondern Kommerzienrat Schirmer sprach. Es handelte sich in dem Bericht um eine Ramensverwech'lung.
"Der Kohlenoxydgasvergiftung erlegen. Der Landwirt Rabenau von Alten- Duseck, der vorgestern, wie berichtet, mit einer schweren Kohlenoxydgasvergiftung in die Medizinische Klinik eingeliefert wurde, ist gestern vormittag verstorben. Um den Bedauernswerten trauern eine Frau und zwei unmündige Kinder.
Weitere Lokalnachrichten im 2. Statt
Erhältlich I Upothehen u-ßrogerien Vertrieb fU$j\ G/ogaulO?
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