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Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)

Nr. 51 Drittes Blatt

Koloniales Paneuropa.

Ion Or. Paul Rohrbach.

Der Reichstagsabgeordnete Cohen-Reuh. Mitglied der Sozialdemokratischen Partei, hat dieser Tage in einem sehr beachteten Berliner Rundfunkvortrag über das deutsche Kolonial- Problem gesagt, das koloniale Interesse in Deutschland sei nach einer etwas teilnahmsloseren Periode wieder im Steigen. Das ist in der Tat so, und es ist wichtig, daß ein sozialdemolra. Uscher Kolonialfreund es bestätigt. Allerdings wird man innerhalb der Sozialdemokratie vor­erst Wohl nur von einer kolonial gesinnten Min­derheit sprechen können. Es ist noch nicht lange her, da erzählte der Administrator der Unions- regierung in Südwestafrika. Herr Werth, den Vertretern der deutschen Bevölkerung in Wind­huk, er habe auf einer Curoparelle auch den deutschen Reichskanzler Hermann Müller ge­sprochen und dieser habe ihm gesagt, Deutsch­land brauche keine Kolonien. Der Ad­ministrator fügte dem noch hinzu, er freue sich, be­stätigen zu können, daß der deutsche Reichskanzler ein sehr kluger Mann" sei!

Herr Werth ist selbst deutscher Herkunft. Sein väterlicher Bauernhof steht noch im Lande Her­manns des Eheruskers. Es ist nicht das einzige Beispiel, daß Menschen aus deutschem Blut, die sich einem sremden Volkstum ergeben haben, diese Adoptivzugehörigkeit durch eine negative Einstellung zum Deutschtum bekräftigen. Die Werth'che Verwaltung in Südwestafrika hat sich zum Ziele gesetzt, das Deutschtum zu schwächen und das Burentum herrschend zu machen. Man braucht nur Hans Grimm zu lesen, um dafür erdrückende Zeugnisse zu bekommen. Darum war es dem Administrator auch so erwünscht, vor den Windhuker Deutschen mit dem Kalbe des deut­schen Reichskanzlers zu pflügen und unfern alten Südwestafrilanern damit anzudeuten: Laßt eure Gedanken an Deutschland fahren, dort seid ihr abgeschriebe n!"

Der Cohen-Reuhsche Vortrag ging aus einer ganz anderen Tonart. Er wandte sich zunächst allerdings gegen eine Politik der kolonialen Wiederherstellung aus Prestigegründen und ge­gen das System kolonialer Ausbeutung, indirekt konnte man aus dem Vortrag entnehmen, daß der deutschen Kolonialpo'.itik der Vorwurf der Ausbeutung nicht gemacht werden sollte, denn chre Ergebnisse wurden im ganzen gelobt. Wie hätten auch sonst die Schwarzen in Ostafrika uns diele beispiellose Treue gehalten? Wie hät­ten sonst die Häuptlinge aus dem Innern von Kamerun noch Jahre lang in Deutschland angefragt: Wann kommt ihr wieder? Wie hätten sonst die HcreroZ in S ü d w e st a f r i k a ihren alten Oberhäuptling Samuel Maharero unter der deutschen Flagge begraben stall unter der englischen? Wie würden sonst noch heute die Togo- Reger, die unter der deutschen Herrschaft deutsch gelernt haben, Briefe an ihre alten Lehrer in Deutschland schreiben: Wir den­ken an euch und haben Sehnsucht, daß üjc zu­rückkommt!

Die Gedanken von Eohen-Reuß sind wirt­schaftlich eingestellt und gliedern sich drei­fach. Das erste Glied konnte man mit dem Stich­wortKolonial-Paneuropa" charakteri­sieren. d. h. die "Naturschätze und die eingeborenen Arbeitskräfte Afrikas als des eigentlichen kolo­nialen Erdteils werden als ein Betätigungs­und Ruhungsgebiet für die gesamteuropäische Wirtschaft in Anspruch genommen. Eohen-Reuß gesteht zu, daß Afrika der europäischen Leitung bedarf, um friedlich und pro­duktiv zu arbeiten und sich kulturell zu ent­wickeln. Er protestiert jedoch absolut dagegen, daß Deutschland von dieser Aufgabe ausgeschlos­sen sein soll. Er formuliert das deutscheRecht" als ein Recht auf koloniale Mandate, und er meint, daß es sich der Idee nach um ein g e -

Herbst in Apulien.

Von Albert H. tausch.

XII.

Tarent.

Rach dem Mlltagessen Aufbruch von Lecce nach Tarent. Milde Regenluft. Langsames Fahren. Wir werden gegen vierankom­men. Quer durch den Tavoliere. Salice... Man- duria, das uralte mll seinen berühmten messa- pischen Mauern. Wendung nach Rorden, gegen Oria, das hochgelegene, das im weiten Umkreis die Hügel- des Tavoliere beherrscht. Es soll die Hauptstadt des messapischen Volkes gewesen sein. Richts erscheint glaubhafter. Seine Lage be- Mtimmtc cs dazu. Herrschersih zu werden. Es ist dem dorischen Tarent (Taras), dessen Grün­dung in das Iahr 708 v. Ehr. angcseht wird, niemals gelungen, sich seiner zu bemächtigen. Die Zähigkeit der eingeborenen japhgischen Rasse die Wessapcr gehörten ihr an hielt jedem Cr- oberungsaelüste der spartanischen Siedler stand. Zwei völlig verschiedene Kulturen waren hier nebcneinandergelagert. ohne sich zu durchdringen. Das gewaltige Kastell, dessen Mauern nun auf der Anhöhe ragen, wurde von Friedrich II. ge­baut. In dem Augenblick, als wir es ümfahren, bricht die Sonne aus dem zerklüfteten Gewölk und schüttet laues, goldnes Wasser über die graue Stadt, welche aufleuchtet und lange noch aus der Ferne nachfunkelt, nachdem w.r schon gegen Francavilla hinsteuern. Oelbaumwälder, Gemüse­pflanzungen, zarte, vom Gold der Reige onge- glühte Winterfrucht. Grottaglie. ein Gewirr von weihgrauen, dichtineinandergedrängten Häusern, grüßt uns mit offner Flanke, winkt zum Ver­weilen. Wir widerstehen nur schwer der Lockung und lenken gegen das Mare Piccolo hinüber (dasKleine Meer"), an dessen Rande wir Tarent entgegenfahren. Die Stadt zeichnet sich zunächst nur ungenau auf den ungewissen Him­meln ab, deren Licht in jeder Minute wechselt. Plötzlich liegt sie ganz deutlich vor uns. von Purpur überflogen, der aus erglühenden Wolten- wällen bricht: zur Rechten die alte (mittelalter, liche) Stadt, eng an das mare piccolo an ge­schmiegt und gegen die Kathedrale ansteigend, zur Linken die-neue Stadt, die sich auf dem Ge­lände der eigentlichen griechischen Siedlung er­bebt Fenster flammen auf im Abendgold deutlich ist am Corso Due Mari der Gasthof au erkennen, in dem wir wohnen werden. Bei der Einfahrt in die Altstadt wird auch das viele

samteuropäisches Mandat handle, von dem jedes europäifche Kulturvolk billiger Weise seinen Antell zu verlangen habe. Diese pan­europäische Konstruktion des kolonialen Gedan­kens ist ohne Zweifel fruchtbar. Ieder heute in Afrikaglücklich Besitzende" wird sie ablehnen, aber das besagt nichts in bezug auf ihren in­neren Gegenwarts- und praktischen Zukunfts- Wert

Als zweiten Hauptsatz vertritt Eohen-Reuß die prinzipiell wirtschaftliche Orientierung in Kolonial fragen. Afrika, sagt er. ist ein gewaltiges Rohstoffgebiet, und für jede europäische Volks­wirtschaft ist der Dortell, eigene Rohstoffquellen zu besitzen, so evident, daß es nicht lohnt, darüber noch viel Worte zu verlieren. Wer Rohstoffe hat, ist bedingungslos im Vorsprung vor dem, der sie nicht hat Hier berühren sich die Ge­danken von Eohen-Reuß mit denen des Reichs­bankpräsidenten Dr. Schacht. Dieser regle seiner­zeit an, es mögen fürs erste deutsche Gesell- schäften mit gewissen Dewirtschaftungs- und Ver­waltungsbefugnissen in afrikanischen Gebieten unter nichtdcutscher Flagge errichtet werden, um dem deutschen Rohstoffhunger zu helfen. Wenn man w'.ll. ist auch dies ein zur paneuropäischen Kolonialwirtschaft überleitender Gedanke.

Endlich die dritte These: Es ist lächerlich,

Weiß an den Wänden erkennbar: jenes Gemisch von Creme und Schnee, das lange dem Fremden entgegenleuchtet, wenn er sich vom jonischen Meere her an einem wolkenlosen Frühlingstag den traumhaften Ufern nähert, deren Rame so- viele Süße und soviele Trauer birgt: Taras-Ta- ranto ... Silberne Kamelienblume, schwimmend in blauer Meerschale. Taras: große Geliebte seit den Tagen der Knabenzeit, wo ich dich nur erträumen konnte, wo ich über die Abbildungen deiner wundervollen Goldmünzen gebeugt saß und mir das Leben deiner Lust und deines Reichtums heraufzuzaubern suchte aus dem Däm­mer meiner kindlichen Vorstellungen: Taras, große Geliebte von damals, größere von heute: ich kann nichts mehr aussagen von dir, ich lann nur mit dir sprechen, ich kann dich besingen in den schönsten Worten, die ich weiß, ich kann Strafen für dich erfinden, in denen meine Liebe dir das Opfer ihres etoipen Verlangens bringt Sell ich dich sah an jenem rosen überhängten Frühlingstag, der nicht sterben wollte über dem Türkisgeglihcr der jonischen Bucht, der den Ster­nen Stillstand gebot, als sie aus meergrünen Horizonten das hüllende Rachtblau heraufführen wollten über dem glühenden Aushauch der wei­hen Wände sell ich dich damals sah. bin ich dir verfallen und werde es bleiben bis in die Stunde, die meinem Auge das Licht auslöscht Du bist nicht nur schön wie keine deiner Schwe­stern nur Syrakus mag dir verglichen wer­den du bist gütig und spendest aus vollen Händen. Du bist immer königlich: du läßt dich nicht umwerben und versprichst Erfüllung in fernen Tagen, die deine Laune wähtt: du gibst, wie man dir gibt und weißt auch heute noch daß die Verschwendung die höchste Stufe gott­begnadeten Daseins ist. Du bleibst dem Gaffer, der mit unbeseeltem Auge sieht, so fremd und feindlich wie dem Schwäher, dem die Worte ohne Abgrund sind: du lebst nur dem. dem Wit­terung Leben ist: nur dem. der die Lider schließt, wenn goldner Anhauch göttlicher Gezeiten die noch vom Wunder feuchte Iris traf.

Dich sehn, Geliebte, heißt dich fühlen ... heißt: sich niedertasten durch den Laus der Iahrtausende bis in das Iahr. wo du in deiner reinsten Blüte sichtbar warst. Alles schwand von dem. was da­mals deine Gestalt war: und nichts von allem ist verloren, was sich als Duft um jenes frühe Bildnis wob. Es blieb in deinem Gemäuer, in deiner Gicbelflucht, in deinem Riederstieg ans Meer, in deinem Hügelkranz. in den Fanalen deines Hafens, in deinen Garten, deinen Dor- | (labten, im Weihrauch des Kamillenduftes an den Rainen beiner Feldwege, im schläfrigen Lied.

gegen deutsche Kolonien damit zu argumen­tieren, daß dcr Handel Deutschlands mit seinen Schutzgebieten 1913 nur 1 ober 1.5 Prozent bes beutschen Gesamthanbels ausgemacht habe benn alle unsre Kolonien waren wirtschaftlich in ra'chem Aufstieg, unb ohne ben Krieg wür­den sie heute schon ein Vielfaches der Beträge von 1913 produzieren und konsumieren. Selbst wenn man nur das ansieht, was sie jetzt, nach dem Ausfall der Kriegsjahre und der schwie­rigen Umstellung unter die fremde Herrschaft, leisten, so sind es Rohstofsmengen verschiedener Art, die erheblich ins Gewicht fielen, wenn wir sie noch in eigener kolonialer Regie erzeugten. Auch der koloniale Siedlungsgedanke wird von Eohen-Reuß in direktem Zusammen­hang mit unfrerer Wirtschaftslage gewürdigt.

Es ist heute im Ausland Mode, Deutschland gute Worte zu geben, damit es auf reale An­sprüche verzichtet. Kürzlich stand im Londoner ObrerDer zu lesen, die Deutschen seien ein Volk, das heute wiederverdientermaßen bewun­dert unb geliebt werde!" Eine sehr interessante Botschaft! Wir würben es vorziehen, weniger gelobt, b a f ü r aber rechtlicher behan­delt zu werden, auch in der Kolonial­frage!

das einer singt, im mächtigen Derlorensein deiner letzten Häuser an die staubigen, verfahrenen Feldwege. Es blieb im Gehn und Stehn der Menschen, die dich heute bewohnen, es blieb in ihrem Antlitz und in ihrer Sprache ... Vielleicht wissen sie es selbst nicht, wie sehr sie deinem Zauber unterworfen sind: du formst sie fünften Geistes, ohne jeden Zwang ... Sie folgen dem Befehl, der aus Iahrtausenden kommt: und wer­den ihren Brüdern gleich, die noch als Schat­ten um die alten Stätten kreisen. Ie mehr man dich in deine neue Form erhebt, um so berau­schender steigst du in deiner alten auf: es wird fein Fundament zu einem neuen Haus gegraben, ohne daß dein Boden seine kostbarsten Schätze freigibt ... Es sind nicht Hände genug da. sie zu sammeln, nicht Geister genug, sie zu sichten unb beinen Glanz an ihnen abzuiesen ...

Du liebtest bie Lust: bu, Tochter Spartas, liebtest sie zwiefach, weil im Blute beiner spä­testen Geschlechter noch eine Ahnung von bem Schrecken lebte, ber beine ©rünber aus ber ver» gctoaltigenben Heimat forttrieb. Du liebtest Glanz, Reichtum, Schönheit. Schufst sie, erhieltest sie, gabst sie weiter an bie Welt. Deine Vasen, bein Goldschmuck, deine Purpurdecken trugen deinen Ramen an ferne Küsten, brachten Gold zurück. Du liebtest Gold, (Deine Münzen sagten es schon dem Knaben, der auch bas Golb liebte.) ...Du lebtest unb liehest leben. Deine Iugenb hielt nicht allzuviel vom Kriegsbienst ... Sie war niemals ber strengen Roma freunblich gesinnt. Sie witterte bort ein ihrem Geiste feindliches. Sie neigte zu Karthago, ber Weltstabt semitnch- hellenischer Artung. Sie folgte Hannibcll (ber sie mißachtete) sie unterlag am Ende Rom. bas grausames Gericht hielt ... ilnb dennoch nicht ben Geist ber Lust ertöten konnte ... Deine Sprache blieb griechisch, beine Seele blieb es lange noch ehe bie große Heberflutung mit Frem- beftem kam. In ben Gassen beiner Altstabt soll toanbeln, wer wissen will, was bie Iahrhun- berte bes Mittelalters bir gaben: wer spüren will, wie du dies neue dem Urgefidjte anglichst ... Zu deinen Krügen. Vasen. Statuen soll gehen, wer dir in unv:rschleiertes Antlitz schauen will ... Unb bann ans Meer hinaus, bis hinüber nach Chiatvna, nach Metapont, an flachen Dlumen- ufern hin, in beren Mittagsbuft bie jonische Bläue spielt ...

Taras. Geliebte, Taranto: es gibt kein Kom­men mehr zu dir. und keinen Abschied. Denn bu bist in mir, ein Teil von mir, unentrinnbar ge­genwärtig. Ferne im norbischen Lanb schließt sich mein Auge: und über dem Saum deines-

Samstag, 1. März 1930

heute noch häufig bei wilden Völkern findet. Daß eine derartige kulturelle Rückbildung, c i n Hinabgleiten auf da s Rioeau des urweltlichen Kollektivismus gerade in Rußland möglich war, erklärt sich dar­aus, daß dort bie Schule unseres westeuropäischen Individualismus, die wir seit dem zwölften Iahr- hundert durchgemacht hatten, fehlte und Fremd­herrschaft wie Leibeigenschaft die Heranbildung von Persönlichkeitswertcn erschwerten.

Es wäre jedoch ein verhängnisvoller Irrtum zu glauben, daß die Masse in Sowjetruhland sich selbst überlassen fei, oh nein: das graue Tier hat seinen Reiter, und wenn es nicht das babylonische Weib wie in der Offenbarung, sondern zur Zeit nur der georgische Boxer Sta­lin ist an der Straffheit ber Zügelführung ist nicht zu zweifeln. Ucbcrhaupt darf man nicht vergessen, daß das graue Tier zwar in ben bäuerlichen Legenden vorhergeahnt, aber doch bis zu einem gewiisen Grade eine künstliche Schöpfung des Bolschewismus ist, der die Entfesselung der Masse b r a u ch t, um sie alsdann desto sicherer und einheitlicher zu be­herrschen. Die Zertrümmerung aller bürgerlichen Schranken und Bindungen, bie Auslöschung aller indlvibuellen Lebcnsvcrschiedcnhritcn erfd '.en dem Marxismus, der eine klassenlose Gesellschaft an- ftrebte und nur von einer solchen die Verwirk­lichung seiner utilitaristischen Heilslehre, die Her- auffunft des irdischen Paradieses, erwartete, von vornherein als etwas Selbstverständliches.

Aber ebenso selbstverständlich war es. daß dieses graue Tier, das sozusagen bie Raupe für den Schmetterling ber klassenlosen Gesellschaft barstellt, beherrscht unb gelenkt werden muß: natürlich von denen, die Träger der neuen kom­munistischen Weltanschauung sind. Hier ergibt sich für die Inhaber ber Macht eine ungeheure Aufgabe. Die Masse als solche ist verhältnis­mäßig leicht lenkbar: aber es besteht die Gefahr, daß sich aus der Masse heraus wieder Indivi­duen erheben, daß sich dieselbe Entwicklung vom Hordenmenschen ber Urzeit bis zum modernen Kulturmenschen wiederholt, die soeben erst vom Bolschewismus rückgängig gemacht worden ist. In einer prophetischen Vision hat Dosto­jewski schon im Iahre 1871 diesen Despotismus einer kleinen Kaste über die Masse ber grauen Sklaven vorausgesehen und in seinem großen RomanDie Dämonen" plastisch hingestellt. Dort schlägt Schigaleff vor,die Menschheit in zwei ungleiche Telle zu teilen. Der kleine Teil, etwa ein Zehntel der Gesamtheit, erhält allein bie persönliche Freiheit und bas unbeschränkte Recht über die anderen neun Zehntel. Diese neun Zehntel aber sollen ihre Persönlichkeit vollkommen einbützen und zu einer Art Horde w er - den, um bei grenz eillosem Gehorsam durch eine Reihe von Wiedergeburten bie ursprüngliche iln- schulb neu zu gewinnen, wenn sic auch, nebenbei bemerkt, werden arbeiten müssen." Diese Sklaverei der Masse muh dann mit allen Mitteln aufrecht erhalten werden, und Schigaleff meint dazu: Bildung ist nicht nötig, von der Wissenschaft haben wir genug! Auch ohne Wissenschaft reicht das Material für tausend Iahre, zuerst aber muß sich der Gehorsam durchsetzen. Rur eines ist in der Welt nicht hinreichend vorhanden: ber Gehorsam. Ieder Dildungsdurst ist bereits ein aristokratischer Trieb: Familie, Liebe, das ist zugleich der Wunsch nach Eigentum. Wir bringen ihn um, diesen Wunsch: wir verbreiten Trunksucht. Klatsch, Angeberei: wir ermorden jedes Genie schon als Kind. Alles wird auf einen Renner gebracht, vollständige Gleichheit wird durchgefetzt."

Hier sind die Tendenzen der bolschewistischen Machthaber im wesentlichen zutreffend bärge* stellt: es wird Insbesondere auch die Unter* brüefung des Dildungs st redens woran man zunächst zweifeln konnte, planmäßig durch­geführt, denn jede Bildung, die keinen praktischen, dem Bolschewismus dienlichen Zweck verfolgt, _«i .....- i

chelnden Meeres steigt deine weiße Gelassenheit auf: ruft mich und lauscht in bie raunenbe Antwort:

Schlafende jenen, Entschlafene, Wachende mir, ewig antreibende: Taras, Tochter der Lust und ihre Heberin, Selige, die sich nicht selber belog, Menschliches göttlich verrichtend: Milde, immer geneigte,

Lächelnde über Leid hin unb Wahn Hochfahrenden Geistes: in bir erquickt sich Mein brennenbes Wesen w'.e bie Heftig hauchenbe Amaryllis

Sich erquickt am linbcrnben Regen Süßer April-Racht."

Aufregende pantetjagd.

Einzelheiten über bas Iagdabenteuer eines englischen Offiziers Sidney Goodschild, der einen menschenfresscnden Panter in ber Gegend der indischen Dörfer Mui Puthari und Sindewisch erlegte, werden jetzt bekannt. Dcr indischen Re­gierung wurde berichtet, daß der Panter mehr als 100 Menschen dieser Gegend getötet hatte. Ein Preis wurde aufgesetzt, und Leutnant Good- schild veranstaltete eine Iagdexpedition. So oft er von einer neuen Untat der Bestie horte, eilte er nach diesem Ort und jagte das Tier einige Zeit von Ort zu Ort Aber immer wie­der entkam ihm ber Panter, und er hatte schon die Sjoffnung aufgegeben, das schlaue Tier vor sein Gewehr zu bekommen. Da horte er. daß ein Knabe getötet worden war. Er eilte an Ort und Stelle und errichtete an einem unge­schützten Platz seineMachan", eine Art Hütte, etwa sieben Fuß über dem Boden. Hier toartete er nun die Nacht, bis er gegen zwei Uhr plötz­lich in dem ungewissen Licht die Bestie heran* schleichen sah. Er entzündete eine Fackel, zielte und schoß. Der Rückschlag des Gewehrs schlug ihm die Fackel aus der Hand, und zu gleicher Zeit sprang die Bestie, zerfchmetterte den Pfahl, der die Hütte trug, so daß Goodschild auf den Boden hcrabstürzte. Er zog sich an einem Zweige etwas empor, während er mit dcr andern Hand seinen Revolver herausrih und rasch zwei Schüsse abgab. Darauf trat Stille ein. Der junge Offizier, der nicht wußte, ob er getroffen hatte, ver­harrte bis zu Tagesanbruch in seiner schwierigen Lage. Erst als der Morgen anbrach, sah er, daß, eine kurze Strecke von ihm entfernt, der Panter tot balag. Das Gebiet war von dem Raubtier, das es so lange in Schrecken versetzt hatte, erlöst, und er erhielt die ausgesetzte Be­lohnung.

Das graue Tier und sein Reiter.

Von unserem 8cb.-Sonderberichterstatter.

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.

Moskau, Februar 1930.

Eine alte Volkssage, die schon längst vor der Revolution unter den russischen Dauern ver­breitet war, kündet das Herannahen einer Zeit, in der dasT i e r ohne Rame n" die Herr­schaft über Rußland antreten werde, jenes Tier, das darum namerllos fei, weil es aus unzählbar vielen bestehen werde. Wer das heutige Rußland aufsucht, dem kommt unwillkürlich jene alte Le­gende in den Sinn, denn der Eindruck, der sich überall aufdrängt, der beherrschende, alles andere überschattende Eindruck ist der das graue Tier i st da, die Sage hat sich erfüllt, das Reich des Tieres hat begonnen.

Es hat früher in Rußland Massen gegeben, es gibt heute Massen, wie in Amerika oder in China: aber eine Masse im Sinne dieser alten und so bezeichnenden Legende gibt es nur in Sowsetrusslrnb, und hierin, ausschließlich hierin liegt das Wesen tliche des Bois ch e w i s - m u s. Das Rätesystem ist schließlich ein poli­tisches System, so gut wie jedes andere auch und der, weiß Gott, zienrlich bürgerlich eingestellte Bernhard Shaw bezeichnet den Sozialismus in seinem neuen Werke ja nur als besondere An­sicht darüber, wie innerhalb eines Landes die Güter dort am zweckmäßigsten verteilt werden können: das alles bezeichnet das heutige Rußland nicht, es handelt sich hier um Wesenszüge, die auch in anderen Ländern angetroffen werden können. Aber die Herrschaft des grauen Tieres, die Gewalt der Masse, die sich brausend, entfesselt und doch wieder zusammengebunden durch die Straßen dahinwälzt und dm einzelnen so völlig in sich verschlungen hat, daß er bis zur Unkenntlichkeit verschwindet, diese Züge sind es, die jedem Besucher Sowjetruhlands sofort in die Augen fallen.

Richt ohne Grund hat sich Räterutzland schon rein äußerlich von allen anderen Volkern ge­schieden. Während zwischen anderen Ländern die © rennen verschwinden, erblickt der Reisende, der sich von Polen her der russischen Grenze nähert, schon aus der gerne den riesigen eisernen Bogen, zu dessen Häuptern der Sowjetstern blutrot auf­leuchtet und dessen InschriftProletarier aller Länder, vereinigt euch!" in elektrischen Lettern

in die Rächt hineinfunkelt. Der Fremde fühlt, es ist ein neues Land, das er betritt, grund­verschieden im Denken und Fühlen von allem, was wir kennen, und wenn nicht die Sowjetunion das Apostolat des grauen Tieres, das Evange­lium von der Herrschaft der Masse, der Umwelt mit werbender Eindringlichkeit verkünden wollte, sie würde sich gegen uns, die wir der Todsünde des Individualismus und des Kapitals aus schul­dig sind, durch eine chinesiscye Mauer aoschließen. So fremd sind wir Europäer Sowjetruhland, so fremd ist Sowjetruhland uns.

Es gab kaum eine bessere Gelegeirheit, dies graue Tier in seiner Eigenart und seinen Lebens- äuherüngen zu beobachten, als im vorigen Herbst, da der zwölfte Iahrestag der Revo - l u t i on in Rußland mit außerordentlicher Feier­lichkeit begangen wurde und trotz der Armut und des Elends, das in Stadt unb Land herrscht, ein Prunkmeer mit der prunkenden Zwölf-Zahl das ungeheuere Reich von Petersburg bis Odessa durchflammte. Heber die Festlichkeiten als solche ist seinerzeit genug gesagt worden. Aber die grenzenlose Masse, die in jenen Tagen die öffentlichen Plätze der großen Städte über­flutete, ein Zug nach dem anderen, Hunderte, Tausende, Hunderttausende, ununterscheidbar, ob es sich nun um Arbeiter, Studenten, Bauern, Beamte oder was immer handelte, ein ein­ziges graues Tier, das nur einen Willen, einen Instinkt, eine Empfindung hat, das alle menschlichen Individualitäten mit seinem ur­weltlichen Riesenrachen in. sich hinein geschluckt zu haben scheint: dieser Anblick, majestätisch und grauenvoll zugleich für uns Europäer, ist es. der die Große, die einzige Besonderheit Sowjet- rußlands bildet. Es gehört zu jenen Grotesken, an denen die Weltgeschichte bekanntlich nicht arm ist. wenn der Bolschewismus die Jntronisierung des grauen Tieres a ls einen Kulturfort­schritt feiert. Gerade in dem Augenblick, als das graue Tier in Rußland den Thron beftieg, hatte sich bei uns in Europa immer mehr die Erkenntnis Bahn gebrochen, oah die Psyche der Masse nichts anderes ist als das Wiederauf­leben von alten Instinkten der Urhorde, eine Rückkehr der menschlichen Seele zu kulturell längst überwundenen Zuständen einer vorgeschichtlichen primitiven Entwicklungsstufe, wie man sie auch