Nr. 254 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Dienstag, 30. Oktober 1934
Le Quesnoy en Santerre.
Zur Erinnerung an die Tage vom 30. Oktober bis r. November 1914.
Don Studienrat Ernst Holzel, Gießen.
Eine einsame Kerze brannte noch am 30. Oktober 1914 gegen 10 Uhr abends im Quartier der Korporalschaft der 10. Kompanie des Regiments 116, die meisten schliefen schon auf ihrem Stroh, den Tornister unterm Kopf. Nachmittags hatten sie die dritte Typhusschutzimpfung empfangen, die doch manchen angegriffen hatte. Kurz vorher mar der Kompanieführer noch in der leeren Bauernstube oewefen, da er unterm selben Dach lag. Wie allabendlich seit etwa 14 Tagen hatten die Kriegsfreiwilligen, die jüngsten Soldaten des Regiments, frohe Stimmung auch in den Zügen derer geschaffen, die den Krieg in seinem Ernst und Schrecken nun schon seit den Augusttagen immer wieder kennengelernt hatten, zum Schluß war wie immer das Niederländische Dankgebet gemeinsam gesungen worden, der Leutnant hatte allen eine gute Nacht gewünscht, nichts deutete auf besondere Ereignisse hin. Seit zwei Wochen lag das Regiment nun schon in Cremery in Typhusquarantäne und bildete zugleich die Reserve des XVIII. A. K.
Da schlug wie ein Blitz die Nachricht ein: „Der I Feind hat mit starken Kräften das von der 21. Jnf.- Dioision verteidigte Le Quesnoy en Santerre Überrumpelt und weggenommen". „Alarm!" In allen Quartieren wird es wieder hell, die Schläfer fahren empor, kurz darauf stehen die Bataillone marschbereit. Als sie auf der Straße nach dem vom Regi- i ment vor wenigen Wochen gestürmten Fresnoy les ; Roye frontwärts marschierten, da ahnten sie noch; nicht, welchen Klang einmal der Name Le Quesnoy bei den Regimentern des XVIII. Korps und besonders im 2. Hessischen Regiment haben sollte.
Le Quesnoy war eines der Dörfer, die im Laufe der Kämpfe bei Roye in der Zeit von Ende September bis Anfang Oktober von den Hessen gestürmti worden waren. Seine Einzellage vor der Front war für den Verteidiger nicht angenehm, aber anderseits bot es besondere Beobachtungsmöglichkeiten, und schließlich gibt der Soldat nicht gern auf, was mit dem Blute seiner Kameraden erobert worden ist. Bereits am 11. Oktober hatte der Franzose den Versuch gemacht, das Dorf nach dreistündiger Artillerievorbereitung zu nehmen. Doch das „blaue" Regiment 117 hatte ihn mit blutigen Köpfen heim- geschickt. In den nächsten Tagen wurde jedoch das Dorf aus dem Kampfabschnitt der 25. (Hessischen) Jnf.-Dioision herausgenommen und der 21. Jnf.- Division zugeteilt. Das Regiment 88 übernahm seine Verteidigung. Auf dieses Regiment prallte am 29. Oktober ein Angriff der Franzosen, der zwar abgewiesen wurde, aber dem Regimentskommandeur des Regiments 88 Veranlassung gab, auf die Schwäche der Besatzung warnend hinzuweisen. Leider wurde diese Warnung überhört. Man hielt höheren Ortes die Kampfkraft zweier schwachen Bataillone mit ihren Maschinengewehren und eingebauten Geschützen für ausreichend, um jeden Angriff abzuwehren. Da setzte am 30. Oktober um die Mittagsstunde heftig.es zusammengefaßtes Artilleriefeuer auf das Dorf ein, durch das die Kraft des Verteidigers stark gelähmt wurde. Ein im Schutze des Artilleriefeuers von West, Süd und Nord gleichzeitig vorgetragener Jnfanterieangriff zwang III/88 zur Aufgabe des Dorfes. Le Quesnoy ging verloren.
Der Kampf um Le Quesnoy tritt in einen neuen Abschnitt, in seinen tragischsten Teil, ein. Das verlorene Dorf soll wieder genommen werden. Schon als das III. Bataillon 88 das Dorf vor der lieber- macht räumen mußte, trat die 7/88 aus eigenem Entschluß zum Gegenstoß an, dem kein Erfolg be- schieden sein konnte. Da stellte das Regiment 81 (Frankfurt) seine sämtlichen Reserven den 88ern zur Verfügung, Teile des Füsilierregiments von Gers- dorff Nr. 80 packten mit an. Der Gegenstoß gewinnt Boden, bis ins Dorf dringen die braven Söhne Hessens und Nassaus vor, dann erliegen auch sie dem stärkeren Gegner. Nur Trümmer der eingesetzten Bataillone kommen zurück.
Da stellt das Generalkommando der 21. Jnf.-Div. seine Korpsreserve, das hessische Kaiserregiment, zur Verfügung. Und nun marschiert das kampferprobte Regiment unter Führung von Major Schwierz vom Regiment 115 auf mitternächtiger Marschstrabe der Front entgegen. 14 Tage hatte es in Ruhe gelegen, um wieder gesund zu werden. Am 8. Oktober in den Abendstunden waren aus Gießen an 400 Mann Ersatz ausgerückt, fast nur Kriegsfreiwillige, Studenten, Kaufleute, Seminaristen, Primaner, Arbeiter, Blumen an Helm und Gewehr, das bunte Band überm grauen Rock, geleitet von einer unübersehbaren Menschenmenge. Am 13. waren sie zum Regiment gestoßen, hatten nur kurz im Graben gelegen und während der Ruhetage in Cremery sich eingelebt in all das Neue, das sie umgab. — Fresnoy war erreicht, als die Meldung kam, die 21. Jnf.-Div. habe selbst die Lage wiederhergestellt, der Einsatz des Regiments erübrige sich. In Scheunen und Schuppen bezog es daher Alarm- quartiere. Sehr bald erwies sich jene Meldung als Irrtum, weiter ging es auf Damery zu, wo um 4 Uhr morgens der Befehl zum Angriff eintraf.
Major Schwierz setzte sein I. Bataillon mit zwei Maschinengewehren links der Straße Damery— Le Quesnoy, fein III. Bataillon mit vier Maschinengewehren rechts der Straße ein, während das II. Bataillon bereits in Anlehnung an die Straße vorgegangen war und auf die Kameraden wartete. Die Bataillone werden entfaltet, die Kompanien entwickelt. „Schloß raus und in den Brotbeutel" lieber- raschend will man den Gegner werfen, kein Schuß soll vorher zum Verräter werden. „Seitengewehr pflanzt auf!" Vereinzelte Jnfanterieschüsse peitschen über das Feld, als der Führer der 10/116 den Degen zieht und den Befehl zum Vormarsch gibt. Da trifft ein Geschoß den Arm, die Waffe wirbelt durch die Luft und zu Boden, Einzelzüge, die unvergeßlich bleiben. Der Angriff rollt. Zwar fordert das Streufeuer auch seine Opfer, aber dort vorn liegt in dem Feuerschein eines brennenden Hauses Le Quesnoy, das Ziel, dem alles zustrebt. Einzelne Gestalten erscheinen silhouettengleich vor dem Lichtschein und tauchen wieder im Dunkel unter. Freund ober Feind? Bis auf 100, ja bis auf 50 Meter arbeiten sich die braven Musketiere an den Feind heran, der wieder den Dorfrand mit seinen Gräben, Zäunen und Hecken besetzt hat. Die Sturmstellung ist erreicht, es geht los! Der Sturm beginnt und damit ein Kampf, fo fürchterlich, daß keiner ihn je vergessen wird, der ihn erlebte. Als die Stürmenden vvrbrechen, schlägt ihnen ein rasendes Feuer aus Gewehr und Maschinengewehr entgegen und zwingt alles zu Boden. Gruppen, 3üge, Kompanien brechen wieder vor, um nied"rgemäht zu werden, wenn sie nicht schleunigst Deckung suchen. Jede Verbindung nach rechts oder links fehlt. Don dort rast Flankenfeuer in die Linien und fordert feine Opfer. Melder springen zurück und werden abgeschossen. Keine Hilfe! Jeder ist auf sich allein gestellt Immer wieder versuchen die Führer den Angriff. Offizierstellvertreter Ohly fällt an der Spitze feiner 6., Oberleutnant d. R. Frank bringt mit Teilen feiner Elften ins Dorf ein. Keinen von ihnen sah man wieder. Oberleutnant d. R. Bethge, der Führer der Leibkompanie, fällt, ebenso der Adjutant des 1/116, Leutnant d. R. Desch und mit ihnen viele brave Söhne des Hes- senlanbes.
Das Essen bleibt aus, die Munition wird knapp. Dazu kommt das Gefühl des völligen Abgsschnitten- feins. — Da kommt es im Laufe der Nacht von hinten heran. Die Armeereserve ist eingesetzt worden, drei Bataillone 87er und 88er sind es. Sie sollen 1 die vorne festliegenden Truppen mit sich reißen in ihrem Sturm. Aber nur wenige erreichen überhaupt die vorderste Linie, die anderen bannt das Feuer an den Baden. Schon am 31. Oktober hatte die 25. Infanterie-Division das I. Bataillon des „gelben"
Regiments 118 von Parvillers her gegen Le Quesnoy angefetzt, um in kameradschaftlichem Geiste der Schwesterdivision zu helfen und dem eigenen Regiment 116 Hilfe zu bringen. Auch aller Opfermut der „Wormser" reichte nicht hin, das Unmögliche zu erzwingen. Mit dem Einsatz der Armeereserve war die 21. Jnf.-Divisivn ihrer letzten Reserven beraubt. Da stellte am Morgen des 1. November die 25. Jnf.-Di- vision auch noch das III/117 unter Major Schild- Hauer zur Verfügung und verstärkte es durch zwei Pivnierkvmpanien, die dann zusammen gegen die Nvrdostecke von Le Quesnoy angssetzt wurden. Am späten Morgen des 1. November traf in der vordersten Linie der Befehl ein: „Unsere Artillerie nimmt den Dorfrand unter Feuer, die vor Le Quesnoy liegenden Bataillone sollen bis in die Höhe des rechts anschließenden Inf.-Regiments 118 zurückgehen." Dieses Loslösen vom Gegner wäre vielleicht im Schutze der Nacht möglich gewesen, jetzt war es Selbstmord und unterblieb. Das Artilleriefeuer setzt ein, zieht aber bei der Nähe der feindlichen Stellung
die eigene in Mitleidenschaft. Und doch wird der Sturm versucht. Offizier, Unteroffizier und Mann wetteifern miteinander, die Gesichter künden verbissene Wut und den Entschluß „Es muß gelingen". Aber wieder ist der Gegner nicht erschüttert, wieder rast das Feuer der Maschinengewehre in die Sturmgruppen, wieder fordern Hecken-, Baum- und Dach- schützen ihre Opfer. Hauptmann Poly, der Chef der Maschinengewehrkompanie des Regiments 116, an diesem Tage mit dem Eisernen Kreuz 1. Klasse ausgezeichnet, rafft Versprengte und die drei letzten feuerbereiten Maschinengewehre zusammen, um den Angriff wieder in Fluß zu bringen. Umsonst! Schwer verwundet sinkt der tapfere Offizier zu Boden. Vergeblich sucht Major Freiherr Schilling von C a n n st a 11, der Kommandeur des III. Bataillons 116, fein Bataillon mitzureißen. Er stirbt für sein Vaterland. Der Abend des 1. November senkt sich hernieder. Vor den Hecken von Le Quesnoy liegen die Trümmer der stolzen Regimenter des XVIII. Armeekorps. Alle Verbände sind vollkommen durcheinandergemischt, eine einheitliche Befehlserteilung fehlt. Die meisten Offiziere und Unteroffiziere sind tot ober verwundet. Die Verpflegung bleibt auch in dieser Nacht wieder aus, Schokolade und Tabak müssenden knurrenden Magen beruhigen, die Zunge klebt am Gaumen.
Der 2. November bricht an, ein Höllentanz beginnt. Mörser und schwere Feldhaubitzen der „Brandenburger" fassen das Dorf mit ihrem Feuer, wobei leider auch wieder Kurzschüsse in die eigenen Reihen schlagen. Das Dorf brennt hier und da, ein rotes Ziegeldach einer Scheune birst auseinander, Menschenleiber wirbeln durch die Luft, am höchsten emporgeschleudert wird das Gewehr eines französischen Schützen, das sich drehend und über- schlagend zu Boden senkt. Die Wirkung auf den Feind ist stark, aber sie kommt zu spät. Hätte man der Infanterie am 31. Oktober diese Unterstützung zu Teil werden lassen, und die Truppen nicht tropfenweise, sondern mit geballter Kraft unter dem Schutze der schweren Waffen angreifen lassen, bann wäre ber Sturm gelungen. So lag über bas Gefechtsfeld verstreut eine Truppe, völlig durchein- anber geworfen, vermischt mit Toten, Sterbenden
unb Verwunbeten, eine Truppe, bie nicht mehr wußte, was sie eigentlich sollte. Da würbe es auch ber Führung klar: ein neuer Sturm war unmöglich. Unb als ber Tag zu Enbe ging, ba ging ber Befehl durck: „Le Quesnoy wirb aufgegeben, bie Truppen gehen unter Mitnahme ber Verwunbeten zurück." Eine fchwere Aufgabe. Gruppe für Gruppe löst sich los, babei treten roieberum Verluste ein. Die Leute können sich selbst kaum auf ben Beinen halten unb tragen boch in ber Zeltbahn einen verwunbeten Kameraben ober ihren toten Führer, ber ihnen vorzusterben wußte, unb bem sie selbst sein Grab in Frankreichs Erbe schaufeln wollen. lot- mübe. Schützen zerren unb ziehen ihr zerschossenes Maschinengewehr hinter sich her, um es nicht in Feinbeshanb fallen zu lassen.
In Fresnoy, aus bem man vor brei Tagen abmarschiert war, sammelt bas Regiment 116. Schlafen, nur schlafen! Schwere Träume foltern ben rufjebebürftigen Körper, ber Geist will nicht zur Ruhe kommen, bas Erlebnis ber brei Tage Zittert zu stark nach. Diele fehlten, aber man wußte, baß viele versprengt worben waren unb hoffte auf ein Wie- dersehen am nächsten Tag. Erst als bann die Kompanien zum Appell antraten, würbe es klar, welch unersetzliche Verluste bas Regiment erlitten hatte. 10 Offiziere unb 569 Mann fehlten, b. h. 50 v. H. ber Offiziere, 45 v. H. ber Unteroffiziere unb Mannschaften waren tot, ver- munbet ober vermißt. Das III. Bataillon hatte keinen Offizier mehr.
Am schlimmsten aber waren bie Verluste unter ben Kriegsfreiwilligen. Geht hinein in bie Schulen, in bie Vereinsräume, in bie Stubentenhäuser unserer Stabt unb lest bie Inschriften ber Ehrentafeln unb immer roieber werbet ihr bie Worte finben „Gefallen bei Le Quesnoy!" Begeistert waren sie zu ben Fahnen geeilt, freiwillig traten sie ein in ben Kamps für ihr Vaterlanb unb warteten nicht, bis man sie rief. Unb als ber Kampf ba war, ba nahmen sie ihn auf unb machten wahr, was viele von ihnen einst bei feierlichem Kommers gelungen unb bem Freunbe burch Hanbschlag gelobt hatten:
„Hab' unb Leben Dir zu geben, sinb wir allezeit bereit,
Achten nicht ber Todeswunde, sterben gern zu jeber Stunbe, Wenn's bas Vaterlanb gebeut..
Als bas III. Bataillon zum Appell in Stärke einer schwachen Kompanie antrat, fehlten alle Kriegsfreiwilligen bis auf vier. In ben anberen Bataillonen war es nicht viel besser. Die Hoffnung, baß viele nach bem Kriege roieberfommen würben, hat getrogen, lieber bem Schicksal ber meisten von ihnen liegt bas Dunkel.
Auch Anloy hat am 22. August ungeheure Blutopfer von unserem stolzen Regiment geforbert, aber ihm blieb ber Sieg, unb biefer Sieg blieb ihm treu — bis Le Quesnoy. Dieser Name wirb bleiben, solange ber Name bes Regiments noch leben wirb, unb er wirb einen harten Klang haben, ber „schwarze Tay" bes Regiments.
Zum 20. Male jährt sich ber Tag von Le Quesnoy. Wir alten 116er gebenden an ihm in stiller Solbatentreue all ber braven Kameraben, bie bort geblieben sinb, wir wenigen noch lebenben ehemaligen Kriegsfreiwilligen, bie vor Le Quesnoy bie Feuertaufe erhielten, aber gebenfen mit befon- berer Liebe unserer frohen Kameraben, bereu Name nicht untergehen barf, fonbern leuchten soll wie ber ber Kämpfer von Langemarck.
Vth Lt Uv« i>n<J
W Evelyne und die Kannibalen.
23on Peter Bamm
Als Miß Evelyne einsam unb verlassen am Stranb ber Insel Babu staub unb nach bem australischen Festland hinüberblickte, glaubte sie, bah nur 20 Kilometer sie von ihrem Glück trennten. Aber tatsächlich hätte sie nur hinüberzuschwimmen brauchen, um auf immer von ihrem Glück getrennt zu werben.
Doch bevor wir ben geneigten Leser mit ber Geschichte von Miß Evelyne vertraut machen, möchte der Chronist, als eine von Natur moralische Person, an bie Fabel von ben.beiben Fröschen, bie in den Milchzuber fielen, erinnern. Von biefen beiben Fröschen war ber eine vernünftig, ber anbere ver- rückt. Der vernünftige Frosch schwamm eine Weile in ber Milch herum, stellte fest, baß bie Wänbe bes Zubers überall glatt unb unersteigbar waren, erklärte seinen Kollegen, ber weiterschwimmen wollte, für verrückt, unb ließ sich ersaufen. Der anbere Frosch schwamm und schwamm bie ganze Nacht unb am Morgen saß er auf einem Berg von Butter.
Miß Evelyne würbe vor mehr als zwanzig Jahren von einem großen Passagierdampfer, ber kurz hinter Sibney eine Havarie hatte unb bie Insel Babu anlaufen mußte, bei ber Abfahrt vergessen. Verzweifelt lief sie auf ber völlig unbewohnt sche^ nenben Insel umher, bis sie tief im Busch plötzlich auf ein Kannibalendorf stieß. Wäre Miß Evelyne ein Mann gewesen, sie yätte zweifellos bie Stellungnahme bes vernünftigen Frosches eingenommen. Aber Evelyne war eine Frau, unb so verlor sie einew Mut nicht, ber burch keine Vernunft ber Welt Zu begrünben gewesen wäre.
Die Kannibalen taten ihr nichts. Miß Evelyne hatte keine Veranlassung, beshalb in ihrer Eitelkeit verletzt zu sein. Sie zählte bazumal einunbzwanzig Lenze unb war wohl in jeber Beziehung als wohl- schmeckenb zu betrachten. Viele Tage ftanb sie bann am Stranb unb blickte nach bem Festland hinüber, eine Gubrun ber Sübsee. Jedoch, sei es nun, baß sie nicht schwimmen konnte, sei es, baß kein Herz sie nach Sibney zog, sei es, bah sie bie Haifische fürchtete, sie blieb in Babu. Die Kannibalen, konsequent wie Männer Frauen gegenüber zu fein pflegen, zogen bie Folgerung aus ber Tatsache, baß sie Miß Evelyne nicht gefressen hatten unb machten sie zu ihrer Königin.
In biefen Tagen hat Miß Evelyne ihren Einzug in London gehalten, eine Frau, die den Mut zu ihrem Unglück hatte und so zur Königin wurde. Sie hat sich zwanzig Jahre zu ihrem Triumphe
Zeit gelassen. Dafür ist er jetzt um so vollständiger. Denn unter ihrem Einfluß sind die Kannibalen unterdessen dazu übergegangen, nicht mehr ihre Feinde, sondern ihre Schweine zu braten. Sie tragen Bastschürzen und lesen Bernard Shaw. Ohne Zweifel ist Königin Evelyne zu beglückwünschen. Aber ob sie sich tatsächlich wohlfühlen, ist fraglich. Sicher fühlen sie sich nicht mehr kannibalisch wohl. Ader vielleicht fühlen sie sich sauwohl und das ist ja, wenn man in Badu lebt, auch schon allerhand.
Paradies einer Kinderstube.
Von Paul Eipper.
Marianne, das elf Monate alte Menschenkind, sitzt in seinem Spielställchen und kräht vor Vergnügen. Zwar ist ihm eben die rote Gummipuppe von der Tischplatte zu Boden gefallen: aber flink und leise kam sofort Kathrinchen herbei, stürzte sich auf die Beute, und weil darin ein Pfeifchen angebracht ist, gab die Puppe hell zwitschernd Laut. Was Kathrinchen wiederum veranlaßte zur Erheiterung von Marianne einen Luftsprung zu machen und im Anschluß einen Purzelbaum.
Sv teilen sich die beiden getreulich in ihre Freuden, während die Menschenmutter still beobachtend zuschaut, jederzeit bereit, einzugreifen, falls Kathrinchen allzu stürmisch werden sollte. Denn bei jenem zweiten Baby empfiehlt sich schon heute Vorsicht; Kathrinchen ist nämlich ein vier Monate alter indischer Leopard.
Menschenkind pnd Tierkind; — beglückt erkennen wir Erwachsenen, wie sich die jungen Wesen in paradiesischer Furchtlosigkeit begegnen, in der selbstverständlichen Anmut der Lebensfreude, die noch nichts weiß von Pflichten, Mühe und Verboten. Unbekümmert geben sich Menschlein und Tier der Lockung jedes Augenblicks hin: Futter, Bewegung, Schlaf; diese Dreiheit erfüllt allein ihr Paradies.
Der Menschenvater holte aus der Wildnis westlich von Kalkutta das knapp eine Woche alte Leopardentier; sorgfältigster Pflege gelang es, die Waise ungefährdet übers Meer bis nach Deutschland zu bringen, wo der Dschungelgast — kaum eine Handvoll! — alsbald den sommerlichen Großstadtgarten erforschte.
Am ausgeprägtesten war der Kopf des Tierchens, fast ein wenig zu schwer für den zarten Körper; zwei große, grüngelbe Augen, dunkel leuchtende Sterne, blickten neugierig und verwundert auf alles, was sich in Nähe und Ferne bewegte.
Bald kam die Zeit, da ein Brei aus Lebertran, Ei und Schabefleisch zur genüßlichen Lockung für Kathrinchen wurde; aber noch heute ist die ganze Wonne jenes Leopardendaseins in der Milchflasche enthalten, und das gleiche gilt für die Menschentochter Marianne. Auf den Kissen des weichen Lagers ausgestreckt genießen beide zugleich die Köstlichkeit, sind mit fanatisch ernstem Eifer der „Arbeit" hingegeben, die nicht nur Lippen und Mund, sondern oft auch alle vier Pfoten beansprucht, zum Strampeln und zum Festhalten.
Ja, jetzt ist sogar das Leopardenschwänzchen ruhig, das sonst dauernd pendelt und wippt, Barometer des vitalen Kräftestroms in der kleinen Kreatur. Es kommt bisweilen vor, daß Kathrinchen unter der Flasche einschläft, sich mit behaglich zufriedenem Schnurren ins Traumland begibt und nicht merkt, daß auch das Menschenkind zu Bett gebracht wird.
Aber der Tierschlaf ist kurz; zu neuen Taten erwacht Kathrinchen, und weil alle jungen Tiere maßlos neugierig sind, wird nun der ganze Umkreis des Zimmers abgesucht. Man kann schon am Stuhlbein hochklettern, zwar in etwas kümmerlichen und krampfhaften Klimmzügen; doch es genügt, um das Ziel zu erreichen, das heißt, dort oben den Früh- ftückstifch aufzuräumen, die Teller mit der Zunge ganz zu säubern. Man schwingt auch des öfteren feine gefleckte Fellherrlichkeit auf Mariannens Spielplatte, und wenn noch ein Nestchen Milch in der Flasche des Kindes geblieben ist, wird genuckelt, bis ber letzte Tropfen daraus verschwand.
Zuweilen darf Kathrinchen sich auch im Wald ergehen; die Nase schnuppert dann gierig unter den würzigen Düften, die dem Erdboden entströmen; vier Pfoten scharren, und der kaum teckelgroße Knirps weiß vor Unternehmungslust kaum noch aus und ein. Aber auf Wort und Pfiff folgt Kathrinchen sofort seinen Pflegeeltern, und — da- heim angelangt — genießt man doppelt das weiche, warme Lager.
Es ist für den Tierfreund höchst reizvoll, das Benehmen dieses Pantherkätzchens zu beobachten, in dem trotz aller Jugend schon die Elemente eines Raubtieres wirksam sind Kathrinchen kauert sich manchmal unter eine Kommode, drückt den Leib ganz flach auf den Teppich, wackelt erregt mit dem Hinterteil und schnellt plötzlich in federnden Sätzen zum Angriff vor. Ungefährlich zunächst, aber dennoch drohend, ebenso wie das Fauchen und Knur- ren, wenn ein Mensch den Futternapf berührt^
Leider steht auch vor der Tur dieses Paradieses, ein Wächter — die Zeit. Nicht lange, dann treibt i bas Wachstum Kathrinchen aus dem Kinderland, l
und nur bie Überlieferung wird dem Menschlein Marianne berichten, daß sein erster Spielkamerad ein indischer Leopard gewesen ist.
»Madame Butterflys als Film
Die Paramount ist mit einem kurzen Gastspiel für zwei Tage im Lichtspielhaus zu Gast. Die Amerikaner haben P u c c i n i s berühmte und immer noch viel gespielte Oper verfilmt; die Musik wurde übernommen, und die Fabel (ron D. Bela s c o nach einer Erzählung von I. L. Song) umspielt, wenngleich die Filmfassung in gewissen Einzelheiten vom Textbuch der Oper abweicht, auch hier eine der rührendsten und traurigsten Liebesgeschichten; dabei verschlägt es nicht viel, wenn manches ein wenig von Hollywood aus gesehen scheint (Marion Gering führte Regie) und mit der deutschen Fassung auch einige störende Züge hinein- getragen werden, die nicht recht zu der romantischen Begegnung zweier Welten, zweier Kulturkreise unb Zweier fremder Rassen im Fernen Osten stimmen. Die Wirkung ist die gleiche — in manchen Szenen, außerhalb des illusionistischen Opernstils, vielleicht noch stärker — als von der Bühne her, und es wird im dunklen Zuschauerraum manche Träne gemeint oder wenigstens verschluckt. Im Mittelpunkt des Ensembles steht Sylvia Sidney, die mit ihrer zarten Figur und ihrem rührenden, runden Puppengesichtchen die gegebene Darstellerin für die kleine Cho- Cho-San ist. Cary Grant gibt den Leutnant; von den übrigen, hier völlig unbekannten Darstellern seien noch Charlie Ruggles und Louise harter erwähnt. — Im Beiprogramm hört man den italienischen Tenor Tito S ch i p a mit zwei Arien aus Donizettis „Liebestrank" und Flotows „Martha", ferner ein amerikanisches Orchester „Am blauen Horizont" mit Gesang, außerdem gibt es die neue Wochenschau und einen Kulturfilm „Die Herrgottschnitzer von Oberammergau".
Hochschulnachrichten.
Professor D. Hans Freiherr von Soden, Ordinarius für neuteftamentliche Theologie und Kirchengeschichte an der Universität Marburg, der vor einiger Zeit feines Amtes enthoben worden war, ist jetzt wieder voll in sein Amt eingesetzt worden.
Professor Dr. Walther Otto, Ordinarius für klassische Philologie an der Universität Frank- furt a M., hat zum 1. Januar 1935 einen Ruf auf den Lehrstuhl für klassische Philologie an der Universität Königsberg angenommen.


