Nr. 150 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen)
Samstag, 30. Juni 193$
Propagandamarsch der Gießener SA.-Reserve.
Sturmbannführer Soldan bei einer kurzen Besprechung mit den Sturmführern während einer Marschpause vor dem Standartengebäude. — (Aufnahme: Photo-Pfaff.)
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Der Vorbeimarsch vor dem Standartenführer. In der Mitte im Vordergrund Standartenführer Sarnes, links daneben Sturmbannführer Soldan. — (Aufnahme: Photo-Pfaff.)
Anläßlich des Besuchs des Führers der SA.- Reserve, Obersturmführer Sarnes, und als Abschluß des Dienstes vor dem Ferienmonat Juli unternahm die Gießener SA. - Reserve unter dem Kommando des Sturmbannführers Soldan am gestrigen Freitagabend einen Marsch durch Gießen. Die Stürme des Sturmbannes marschierten, an der Spitze den Spielmannszug und die SA.-Reserve-Kapelle, durch den Seltersweg, Horst-Wessel-Wall, Bahnhofstraße, Kaplansgasse, Neuenweg, Neuen Bäue, Hindenburgwall, Sencken- bergstraße, Landgraf-Philipp-Platz, Sonnenstraße, Kreuzplatz zum Seltersweg zurück. Hier nahm Standartenführer Sarnes den von Sturmbannführer Soldan geführten Vorbeimarsch des Gießener Reserve-Sturmbanns ab. Eine große Men
schenmenge begleitete Sie SA.-Reserve auf ihrem Marsch und wohnte auch mit großem Interesse dem Vorbeimarsch bei.
Daten für Sonntag, 1.Juli.
1646: der Philosoph Gottfried Wilhelm von Leib- nitz in Leipzig geboren (gestorben 1716); — 1742: der Satiriker Georg Christoph Lichtenberg in Ober- ramstadt geboren (gestorben 1799); — 1881: der Philosoph Hermann Lotze in Berlin gestorben (geboren 1817); — 1890: Unterzeichnung des „Sansibar-Vertrages" zwischen Deutschland und England (Helgoland wieder deutsch, Grenzen Deutschostafrikas festgelegt); — 1895: R. Walther Darree, Reichsernährungsminister, geboren.
Hirschfieber.
(AueIagd-Grinnerung von Egon vonKapherr.
War das schön, dort oben auf der Berghalde mit der wunderbaren Blumenschlucht nebenbei und der grünen Matte, die man zum zweiten Male noch nicht gemäht hatte! Drüben die blauen Wellen des oberschlesischen Berglandes der preußischen Seite, unten das hübsche, saubere Kirchdorf, mit den rund- kuppeligen Doppeltürmen und den Reihen roter Dächer, hinten herum der tiefdunkle Fichten- und Weißtannenwald, und ein kleiner Blick ins böhmische Land hinein, in dies Gewimmel von Hügeln mit bunten Ackerstreifen oder dunklen Wäldern, mit den weißrot blinkenden deutschböhmischen Dörfern.
Den Bock — grab’ mittelgut war er, den ich um die Mittagszeit zufällig schoß, hat der Franz'l mitgenommen, der brave Steirer, der hier als Hauptjäger beim Baron fungiert, und trug ihn „abi", denn die Frau Baronin hat befohlen, der Franz'l soll nur ja gleich mit dem Bock kommen, wenn einer geschossen wird, denn morgen kommen Gäste aus Wien, und dann muß man ein Kälbernes holen vom Städtchen, wenn kein Bock — usw....
Die alte, gute Büchsflinte — damals noch neu und hochmodern, mit Selbstspannerschloß, 11 Milli
meter Kugelrohr und Würgebohrungslauf Kaliber 16 auf den Knien, sitze ich da auf einem, dicken Weiß- tannenftumpen am Wiesenrande und sinniere so vor mich hin, scheuche eine Fliege und noch eine, sehe die Sonne sinken hinter dem langen Berge im Weste*, fr ?ue mich, daß das Abendläuten vom Tal traulich himmelt, und wie vom Land dahinten ferne Glocken antworten, und schaue zu, wie auf der Chaussee Wagen rollen, staubwirbelnd tief, tief, da unten, und am Schlagbaum halt machen, denn dort ist das winzige Mauthäuschen.
Es hört sich so schön weit, so klar, in der Spat- fommerluft am Abend. — Drosselschwatzen ist zu vernehmen, in der Ferne schreckt ein Reh, über dem Tal pumpt ein Bussard schwerfällig zum Walde, ein Nußhäher turnt noch in den Randfichten am Hau wo der Seidelbast und das Springkraut wachsen, und in den Ebereschen zwitschern noch ein paar Krammetvögel, die sicherlich schon vom fernen Norden tarnen. Das Licht wird rot und golden, die Lämmerchen am Himmel sind kupfergelb und rosig, und im Talgrund am Bach da unten zeigt sich dünner Nebel. Gar schön ist solch Abend im Gebirge.
Da links hinter dem schmalen Hau ist hohes Holz. Schöne Tannen, Fichten, wenige eingesprengte Kiefern.
Aber — da steht etwas Dunkelgraurotes ... Und zieht leise näher zum Hau zu. — Was ist denn das? Für einen Rehbock ein gut Teil zu stark, aber doch nicht so massig wie unser norddeutsches Wild. Natürlich — ein Stück Rotwild, ein — Hirsch sogar und fein schlechter!
Der blaue Zigarettenrauch zieht abwärts, der Hangwiese zu — der Hirsch ist aufwärts von mir, verhasst jetzt zwischen den Fichten, äugt nach hinten. Der Baron hat mich „zur Jagd" eingeladen, denke ich, nicht gerade auf den Hirsch. Und Schonzeit ist's längst nicht mehr für den Geweihten... Weshalb also nicht? Jung war ich damals, und Jugend ist fix bei der Hand. — So — achtzig Schritt können's jetzt fein — der Hirsch steht ganz breit. Wie doch die Büchsflinte in der Hand wackelt!
Aber es muß gehen — das Licht ist noch gut. Bauz! Ist das Blei draußen. Rauch — keine Sicht. Gepolter, Gerumpel. Stille. Und Hähergekreisch. Hm... Die Kugel hat der Hirsch. Und allzu weit wird er nicht gekommen sein, denke ich und — mir ist doch nicht ganz wohl zumute.
Eine Beruhigungszigarette muß ich mir doch anstecken. Ich merk's am Tatterich: nachträgliches Hirschfieber — gepaart mit schlechtem Gewissen... I*)a ist — wie aus dem Boden gewachsen — der Steirer neben mir: „Ha'm S' g'schoss'n ...?" „Ja... hm. Auf einen... „Sakradix — nu’ is' g'feit!" Und nun erfahre ich, daß der Wald da „aerarisch-siska- lisch" ist.
Es war schon stark dämmerig. Der Franz'l schaute ringsum, schnubberte wie ein Bergfuchs, meinte, die Luft sei rein. „Schau'n ma beileifig nach!" Büchse, Stutzen legen wir ab, gehen zum Anschuß. Der ist leicht zu finden: tüchtige Ausriffe, bann blasiger Schweiß. Und — keine fünfzig Schritt weiter der Hirsch — ein ungerader Zwölfer!
„Wer'n ma scho' fchafs'n..." Der Franz'l geht noch mal Umschau halten, kommt zurück: „feit a nix".
Dreimal bekreuzt sich der Jäger. Und bann ziehen wir ben Hirsch auf ben Hau. Brechen ihn sauber auf, verscharren ben Aufbruch, verwischen bic Spuren. Dann schleppen wir keuchend den Hirsch weiter. Ich lege mich auf die Lauer — der Franz'l zerwirkt den Hirsch. Schwacher Abendschein, ausgehender Mond. Endlich sind wir fertig. Das sauber ausgeschlagene Geweih, die Leber nehmen wir mit — den Rest will Franz'l morgen in aller Frühe holen.
Anderen Morgens fuhr ich heim. Am Mathause vorüber, wo der Schlagbaum ist. „Nix zu verzollen" hatte ich ja, und Geweihe sind auch in Preußen
Aus der Proviuzialhaupistadi.
Wandern und Schauen.
Die Sonnwendfeiern sind vorbei. Es waren Feste der Freude, des Reichtums. Das Jahr steht auf der Höhe. Noch ist nicht Erntezeit. Aber ringsum schwillt und reift es. Die ersten Gräser sielen unter dem Schnitt der Sensen. Hier und da bringt noch Heuduft von den Bergwiesen zu uns. Aber ein junges Grün wird von der Sonne aus dem Boden gelockt. Bald werden die Blumen wieder auf den Wiesen blühen.
Eine reiche Fülle hält die Welt umfangen. Wohin das Auge schaut, wird es erquickt, und des Dichters wundervolle Verse fallen uns ein:
Trinkt, o Augen, was die Wimper hält, von dem goldnen Ueberfluß der Welt!
Uralte Sehnsucht nach der Ferne packt uns. Ging es unfern Vorfahren nicht ebenso? Sind sie nicht auch hinaus in die weite Welt gezogen, erfüllt von ewiger Sehnsucht? Und wer deutsch fühlt, wer sein Vaterland kennen und lieben will, der muß es sich erwandern; denn Wandern ist Sehnsucht nach Befreiung, ist Entdeckerfreude und Hingabe. Das weite deutsche Land wartet auf uns.
Wir meiden die geraden Straßen, wir suchen die gewundenen Fußpfade. Gibt es doch kaum eine Waldstraße, die nicht zu beiden Seiten kleine, schmale, geheimnisvolle Pfädchen hat! Manchmal ist es nur eine Spur im Gras, eine enge Lichtung im Niederwald ober auch nur ein schmaler Rain am Walbesrand. Das Wanbern auf diesen moosbewachsenen Pfaden, umrauscht von den hohen schattigen Bäumen und umgeben vom ganzen Zauber des Waldes, ist das Schönste zur heißen Sommerzeit.
Manchmal zwitschert ein Vogel in den Zweigen, manchmal knistert ein dürres Äestchen. Dann wieder das große Schweigen. Durch Baumlücken sehen wir die Wiesen im Sonnenglanz liegen, Schmetterlinge schweben darüber und schaukeln sich im Tanz. An den Blüten der Hecken summen die Bienen. Es sind Stunden der Erholung, des Sich-selbst- sindens. Wir wandern, und wir schauen.
Und dann stehen wir staunend still. Vor uns leuchtet ein Rosenstrauch, tief im Schatten der Bäume wachsend. Denn eben erst sind seine zarten Blüten aufgebrochen. Ueberreid) mit Blüten bedeckt neigt sich der Strauch zur Erde und trägt in Demut die duftende Fülle von Schönheit und Sommerfegen. Kann man da nicht Stunden stehen, um immer wieder hinzuschauen und den Wohlgeruch einzuatmen? Wir sehen die Bienen, die sich wie berauscht in die goldgelben Staubsäckchen stürzen und den Honig sammeln. Und beim Zu- und Abstiegen hängt sich der Blütenstaub wie ein kleines Päckchen an die Hinterfüße. Sie tragen ihn heim, sie brauchen ihn ebenso wie den süßen Honig. Die jungen Lebewesen in den Zellen daheim wollen gefüttert sein, und es gibt sicherlich keine edlere Speise als Honig vermischt mit Blütenmehl.
Doch horch! Jetzt meldet sich der Kuckuck. Wir heben unfern Kopf und schauen nach oben, zählen unbewußt die einzelnen Rufe und denken an unsere Jugendzeit. Manchmal ruft der Schalk ununterbrochen, dann wieder, wenn wir zählen wollen, wie lange wir noch zu leben haben, nur ein- ober zweimal. Leise gehen wir weiter, um den scheuen Vogel zu sehen. Selten haben wir das Glück. Wer aber allein wandert, wer immer wieder Zeit hat —* und welcher rechte Wanderer hat das nicht? — ‘ber erblickt auch ben Kuckuck, unb wenn er Glück hat, auch fein Weibchen.
Keine tiefere Ruhe unb Versunkenheit gibt es als die in ber Mittagszeit. Nur einige Grashüpfer springen über uns weg, bis Schnecke kriecht unb trägt ihr Haus auf ihrer Silberspur, ein Reh äugt scheu durch das Dickicht, ein leises Vogellied ertönt irgendwo.
Bald legen sich aber lange Schatten auf die Wiesen, golden färbt sich der Himmel. Die Sommernacht mit ihrem Zauber hält uns gefangen.
Aber auch jetzt noch wandern wir weiter in ber geheimnisvollen Zeit. Wir lauschen unb schauen.
zollfrei. Mit Geweih, Büchse unb schlechtem Gewissen ging's über bie Grenze. Gesagt hatte man mir nichts im Schloß, bewahre. Herausgekommen ist auch nichts.
Nur — eingelaben hat man mich nicht roieber...
Adams Ahnen.
Unsere Kenntnis von ber frühesten Geschichte bes Menschen in einer Epoche, bte wohl eine Million Jahre zurückreicht, ist im letzten Jahrzehnt durch wichtige Funde in Europa, China und Afrika außerordentlich bereichert worden. Vielleicht am be- beutfamften dürften die Entdeckungen fein, die der junge englische Anthropologe Dr. L. S. B. Leakey — z. T. gemeinsam mit dem Berliner Paläontologen Prof. Hans Reck — in Ostasrika gemacht hat. Leakey wurde auf dieses bisher nur stellenweise durchforschte Gebiet durch die deutschen Fasst- lienfunbe in Deutsch-Ostafrika vor bem Kriege gelenkt, und da er in der Kenia-Kolonie geboren und ausgewachsen war, so wandte er sich der Erforschung seiner Heimat zu und setzte die Entsendung mehrerer archäologischer Expeditionen nach Ostafrika durch. Die erste Expedition, die 1926 auszog, gestaltete sich so vielversprechend, daß schon 1928 eine zweite stattfand, die noch erfolgreicher war. Kaum jemals hatte vorher eine mit so geringen Mitteln ausgeftattete Unternehmung eine so reiche Ernte an wissenschaftlichen Tatsachen heimgebracht. Die berühmteste dieser Expeditionen sollte aber die dritte werden, die 1931 aufbrach. Sie zeitigte zwei Entdeckungen von ganz besonderer Bedeutung, die eine in dem wasserlosen „Hinterland" des Tanganjika- Gebietes, die andere in dem von Moskitos verseuchten Teil der Kenia-Kolonie, der sich nach dem Dic- toria-See erstreckt. Hier stieß Leakey auf „Adams Ahnen", die ältesten Menschen, von deren Kultur man eine gewisse Vorstellung gewinnen kann. Die Bedeutung dieser Funde hat der Gelehrte jetzt in einem Buch dargestellt, dem er den Titel „Adams Ahnen" gegeben hat.
Im Tanganjika-Gebiet fand er Beweise dafür, daß Ostafrika von Vertretern der Gattung Homo sapiens bereits in der sog. Pleistozän-Epoche bewohnt war, also in der letzten Phase der Erdgeschichte, der man nach der heute herrschenden Annahme des amerikanischen Prähistorikers Prof. Osborn eine Dauer von einer Million Jahren zuerkennt. In geologischen Schichten, die aus dem Anfang ber Pleistozän-Zeit stammen, stieß Dr. Leakey auf roh gearbeitete Steinwerkzeuge, unb er konnte in ben zeitlich barauf folgenben Schichten
Laß beine Augen offen fein, geschloffen beinen Munb, unb wanble still, so werben bir geheime Dinge (unb.
Hermann Löns.
Darum noch einmal: Hinaus zu ben blühenben Wiesen, hinauf auf bie stolzen Berge, hinein in bie rauschenben Wälber! Wg.
Ferienbefehl.
SA.-Kameraden!
Der kommenbe Monat Juli ist nach bem Willen bes Stabschefs zum Urlaubsmonat für bie gesamte SA. bestimmt.
Ich weiß, bah ihr alle diese Erholungszeit ver- bient habt. Kein Appell, kein Marsch, keine Anstrengung ist euch zu viel gewesen. In stillem, unermüdlichem Pflichteifer habt ihr Tag für Tag bewiesen, dah ihr in jedem Augenblick, wo man eurer bedarf, zur Stelle seid.
Ich ordne hiermit an, dah wahrend des Ur« laubsmonats jeder SA. - Dienst zu ruhen Hal. Für einige unbedingt notwendige Veranstaltungen und Dienstanforderungen ist zum Ausgleich der Urlaub um eine entsprechende Anzahl Urlaubstage zu Anfang August zu verlängern.
So soll der Monat Juli auch wirklich euch allen die Ausspannung und die Erholung bringen, deren ihr bedürft, um am 1. August im alten revolutionären SA.-Geist mit neuen Kräften bis auf den letzten Mann wieder antreten zu können. Und so sollen auch die Tage des Urlaubs damit unter dem Leitgedanken stehen:
Alles für Deutschland! Alles für den F ührer!
Der Führer der Gruppe Hessen:
gez. A. h. B e ck e r l e, Gruppenführer.
Hissung der Reichskolonialflagge in Gießen.
Anläßlich ber feierlichen Eröffnung ber Kolonialausstellung in Köln am 1. Juli 1934, bie bas Bekenntnis des beutschen Volkes zur Wiebererlangung von Kolonialbesitz barstellt, wirb am morgigen Sonntag, 1. Juli 1934, 11.30 Uhr, von ber Vereinigung für koloniale Wiedergewinnung bie Hissung ber Reichskolonialflagge vor bem Vereins- heim Sippe!, Neustabt, vorgenommen. Die Flagge selbst zeigt bas Zeichen ber Orbensritter, schwarzes Kreuz auf Hellem Feld unb in ber oberen Ecke bas Kreuz bes ©übens auf rotem Untergrund. Sie versinnbildlicht somit bie Derdunbenheit beut- scher Ostraumpolitik mit unseren geraubten Schutzgebieten über See. Nach ber Hissung finbet eine Besichtigung bes Vereinsheims unb ber barin be- finblichen Gemälbe statt, zu ber jebermann herzlich eingelaben ist. Die Gießener Bevölkerung wirb ersucht, zu dieser Flaggenhissung recht zahlreich zu erscheinen, um hierdurch der Forderung nach Zurückgabe unserer geraubten Schutzgebiete Nachdruck zu verleihen.
Ausländische Studierende unserer Universität besuchen deutsche Betriebe und Städte.
Am letzten Wochenende unternahmen bie an ber Universität Gießen ftubierenben Auslänber auf Einlabung des Außenamtes der Gießener Studentenschaft eine Fahrt ins Rhein-Maingebiet. Ungefähr
die Entwicklung ber menschlichen Fähigkeit in ber Gestaltung seiner Werkzeuge ziemlich lückenlos verfolgen. Niemals vorher war eine so vollstänbige und so reichhaltige Uebersicht über bie Technik ber frühesten Menschen an irgenbeinem Teil ber Erbe aufgefunden worben. Leakey hat sich mit biefer fort- schreitenben Technik ber Werkzeug-Bearbeitung auf bas eingehenbste beschäftigt unb ganz neue Gesichtspunkte für bie Erforschung ber Kulturanfänge aufgestellt.
Aber was nützten schließlich alle biefe reichen Funbe, wenn man nicht wußte, von was für einem Wesen sie geschaffen worben waren? Währenb er in ben Pleistozän-Schichten von Tanganjika nicht auf bie geringste Spur von Menschen gestoßen war. hatte Leakey in ben tiefer gelegenen Gebieten im Osten bes Victoria-Sees größeres Glück. Die Schichten, bie er hier ausgrub, enthielten Funbe, bie zeitlich mit benen übereinstimmten, bie er in Tanganjika erforscht hatte. Er stellte in ihnen bieselben Kulturen fest, aber biesmal waren auch Fossilien von Menschen- unb Tierknochen erhalten. In ber ältesten Schicht zu Kanam stieß er auf ben Teil eines foffiüen Unterkiefers, ber zweifellos menschlich war, unb entbeckte bannt „ben ältesten bisher gehobenen echten Ahnen des modernen Menschen". Doch damit war sein Glück noch nicht erschöpft; er legte zu Kanjera in Schichten der mittleren Pleistozän-Zeit Teile zweier Menschenschädel frei, bie sehr frühen Vertretern ber Gattung Homo sapiens ange- horten.
Leakey dehanbelt biefe Funbe in ihren Beziehungen zu ben Entbeckungen von menschlichen ober menschen-ähnlichen Ueberreften aus berselben Zeit in Java, bei Peking unb in Piltbvwn. Danach ist ber Homo sapiens ober wenigstens ein Vorfahr bes heutigen Menschen in viel älteren Schichten festgestellt, als man bisher geglaubt hat, unb in enge Beziehungen zu ber ältesten Steinzeit-Kultur gebracht worben, so baß er als Schöpfer biefer Kulturen gelten kann. Es besteht bie Wahrscheinlichkeit, baß schon vor einer Million Jahren verschie- bene Rassen unb Arten bes Menschen existierten, unb man barf hoffen, baß „ein echter Menschenähnlicher gemeinsamer Ahne ber verschobenen Menschenrassen" im Miozän ober noch früher gefunben werben wirb. Der englische Paläontologe Sir Arthur Keith vermutet in ben Funben von Kanjera bie frühesten Angehörigen ber Negerrasse, so baß man schon in biefer Urzeit bie Menschenart in Afrika heimisch finbet, von ber es noch heute bewohnt wird.
C. K.


