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Erfahrungen und Erwartungen.

Oie Wett an -er Jahreswende.

303 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

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J|o :g'm die Fundamente untermauernd.

3: außenpolitischen Denken Polens '

«beschränkte Selbständigkeit der pol- H it e n Außenpolitik durch einen weithin

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3r außenpolitischen Denken Polens stehen sich eih 318 die beidenLager" der National- )«:nit r a t e n einerseits und der P il sud s ki-

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ipolen aus eigenen Füßen.

Won unserem W.St-Verichiersiatter.

(fhchdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!)

9]: Fanfarentönen hat das Jahr 1934 in Polen V b tarnten: am gleichen 26. Januar wurde das immen mit dem Deutschen Reiche ttneNichtanwendung von Gewalt" unter-

und nahm der Sejm die Grund­

>n für eine neue Verfassung

D' it cm ohne Einholung der Pariser Zustimmung zerlassenen deutsch-polnischen Vertrag wurde

sichren Staatsakt endgültig erwiesen und da- n t ias innere Recht zur erstrebten Großmacht- stetlqg untermauert; durch den Entschluß zum N'iRT der Verfassung wurde die innerpolitische Alb eingeleitet, die das 1926 begonnene Werk ßHfrffis krönen soll: die Niederlegung der Ueber- e paes zerrissenen und zersplitterten Parlaments- urD ^Parreienstaats zugunsten eines kraftvollen 5 ta ungefüges, in dem die Regierung regiert, der V per in soldatischer Tugend ihrer Fahne folgt uriö :er Wille des vom allgemeinen Vertrauen ge° Tilg en Führers nicht nur entscheidet, sondern alle irbtr des Landes aus ihrem eigenen Willen her­aus inter sich weiß. Polen hat zielbewußt über vi ilkHemmungen hinweg den im Januar einge- schia-nen Weg fortgesetzt außenpolitisch rascher urt)d)tbarer, innenpolitisch bedächtiger: dort einen V rei 7 neben dem anderen errichtend, hier noch

!l !»: ä n g e r andererseits unvereinbar gegenüber, i) i i| f d) l a n b , der Erbfeind, gegen den Front zu r «men ist, oder Rußland, der Erbfeind der io tuchen Unabhängigkeit war die trennende 51 :a im Kriege und in der ersten Zeit nach dem xiii-e.. Das ist heute Geschichte; die Alltagspolitik >e j die europäische Völkersamilie eingetretenen SlLtts kann nicht mit so scharfen Formeln und »hiLil Einseitigkeit auskommen. DieOst-, oder ientierung" ist in der polnischen Praxis als !LrLwndes der beiden polnischen Lager zurück- geurcrn; an ihre Stelle trat auf der einen Seite de t :unsch, gesichert im Schatten des fran- Izii sichen Titanen die eigene Staatlichkeit auf r französischen Bajonette zu stützen auf be r aderen Seite derG r o ß m a ch t g e d a n k e" an c'.:en Staat, der stark genug ist, sich selber zu stchüitz.i. Dasandere Frankreich" zu sein, nicht Vcist im Sinne der Unselbständigkeit, aber doch im: (inne des Lehnsmannes, der nur in der ge­treu! ,)en Gefolgschaft des Großen sich gesichert sie Asiöhen die Nationalisten als Polens AüHme die ihrer eigenen Kraft wegen als Volksgenosse geschätzte und begehrte Macht zu sei 7i i e Großmacht des nahen Ostens art (Stelle Rußlands im europäischen K üvni ert, ist nach Auffassung des anderen La:.c - die geschichtliche Zukunftsrolle des wieder- erfifcienen Polenstaates.

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~ i darf diese Einstellung nicht außer Acht las- fer i,: cnn man Polens Politik verstehen will. Im R! i ci:i(f auf das letzte Jahr kann man dann fest­ste M 1934 brachte d i e endgültige Ent- f du Dung im Ringen um dieRolle" Polens, da'»Äh widersviegelt in seinem Verhältnis zu $rioreid). Der Ausgleich mit Deutschland, der Be- gu n1 einer Politik ' der Verständigung und des

friedlichen Nachbarlebens mit dem Reich bedeutet trotz allen Lärms französischer Zeitungen und trotz allen Entsetzens der polnischen Nationalisten keine Abkehr vom französischen Bündnis, sondern d i e Klärung der Stellung zum französischen Bun­desgenossen. Aus demjungen Staate", dessen Auf­gabe und Existenzberechtigung nach französischer Ansicht nur dieandere Seite der Zange um Deutschland" war, ist ein polnischer Staat geworden, der nicht mehr französische, sondern polnische Politik macht aus der französischen Filiale an der Weichsel" wurde eine Macht in Osteuropa, die nicht das Echo von Paris ist, son­dern die eigene Stimme hören läßt. Aus dem Gefolgsmann auf alle Fälle wurde der Part­ner "von Fall zu Fall. Diese Entwicklung hat nicht erst 1934 begonnen, aber sie ist 1934 abge­schlossen worden. Die Entschärfung und Entspan­nung der deutsch-polnischen Beziehungen räumte das stärkste Hindernis beiseite und wurde ein Mark­stein in der Entwicklung.

Dem deutschen Vertrage Polens folgte der rus­sische; der Anerkennung Polens als Großmacht durch die Sowjetunion (ausgedrückt in der Entsen­dung von Botschaftern) folgte die Anerkennung

durch das Reich. Die Aufkündigung des Minder- Heiten-Vertrages alsletzte Fessel", die gegen die nationale Ehre ging, schloß den Kreis. Und wenn vor nicht sehr langer Zeit Frankreich in osteuropäi­schen Fragen Polen in alter Gewohnheit glatt als gleichgerichtet in Rechnung setzen konnte, so zeigt das ausklingende Jahr Frankreich in lebhaften Be­mühungen um die Zustimmung Polens zum Ost­pakt und in gespannter Erwartung auf die Ant­wort Polens, das dem eigenen Interesse fol­gend selbst entscheiden kann, ob es Frankreichs Pläne im Osten unterstützen oder hem­men will.

Das kommende Jahr beginnt für Polen mit der Frage, ob es angesichts des Moskauer Liebeswer­bens um ein Bündnis mit Frankreich seine eben errungene Stellung als gesuchter Verbündeter be­haupten wird. Es kann der Klärung der Lage in Ruhe entgegensehen, da es die eigentlich polnischen Ost- und 'Westfragen für geraume Zeit geregelt hat. Die Regelung nach Westen, im Verhältnis zu Deutschland, bringt Polen gleichzeitig in die er­wünschte Lage, daß es eine Annäherung zwischen Frankreich und Deutschland nicht mehr als Be­drohung der eigenen Geltung zu fürchten braucht.

Anzusnedenheil in der Tschechoslowakei.

Von unserem A o.-Berichterstatter.

Prag, Ende Dezember 1934.

Als die Tschechoslowakei im Jahre 1918 von Frankreich geschaffen wurde, bekam sie als Ange­binde die sudetendeutschen Industrie­gebiete, die zuvor der Versorgung eines Staates von 56 Millionen Einwohnern hatten dienen kön­nen und darüber hinaus einen recht lebhaften Aus­fuhrhandel in alle Staaten der Welt betrieben. Wenn diese Konjunktur nach Kriegsende auch noch einige Jahre anhielt, so war doch vorauszusehen, daß sie an dem Tage aufhören mußte, wo der neuentstandene kleine Staat mit kaum 15 Millionen Einwohnern mit Jndustrieerzeugnissen gesättigt war, und das Ausland dazu überging, sich selbst zu versorgen. So ist es denn auch gekommen, und heute arbeitet kaum noch ein Viertel der alten Jndustriestätten. Planmäßig hatte die tsche­chische Regierung in ihrem Staatsgebiet neue Industrien geschaffen, aber dieser nur zu dem Zwecke unternommene Versuch, der sudeten­deutschen Industrie das Wasser abzugraben, ist kläglich gescheitert. Wie jene, so gleicht auch heute die neue tschechische Industrie einem Trümmer­haufen, und weil der Staat dadurch Einnahmen verloren hat, die sein Lebensquell waren, muß er heute über seine Kräfte Arbeitslose erhalten.

Würde sich das nur auf die Industrie beziehen, so wäre es schließlich für die Tschechen noch trag­bar, deren Stärke da sie in der Ebene wohnen seit jeher die Landwirtschaft gewesen ist. Aber es gibt auch eine Agrarkrise, weil an eine Ausfuhr tschechischen Getreides oder desweißen Goldes" aus Rübenzucker nicht mehr zu denken ist. Die Inlandspreise sind mittlerweile so tief ge­sunken, daß der Bauer kaum noch die Gestehungs­kosten herauswirtschaftet, so daß Verschuldung und Elend auch in der tschechischen Landbevölkerung eingezogen sind. Das neugeschaffene Getreidemono­pol trägt nichts zu ihrer Zufriedenheit bei, denn es verhindert im Augenblick nur, daß infolge der Mißernte des letzten Jahres die Preise wieder ihre normale Höhe erhalten.

Das muß man wissen, um erklären zu können,

weshalb nicht nur bei den Minderheiten, sondern auch im tschechischen Staatsvolk d i e politische Unzufriedenheit zugenommen hat. Im großen und ganzen kann man zwei große politische Strömungen unterscheiden: die eine glaubt, die Schuld an der Verschlechterung der Lage trage die Demokratie, die man durch ein autori­täres System mit Ueberantmortung der Herr­schaft an die Tschechen und Slowaken ersetzen müsse. Die anderen meinen, man müsse die augenblicklichen politischen Verhältnisse zu erhalten trachten. Man könne das aber nicht anders tun als durch allerdings in gesetzlicher Form angewandte Gewalt. Auch in der Tschechoslowakei macht sich eine immer stärkere Entwicklung nach rechts bemerkbar, und es ist auszurechnen, wann die Mar­xisten auch hier endgültig ausgespielt haben werden.

Die Lage der Sudetendeutschen wird durch diese innerpolitischen Auseinandersetzungen zu­nächst nicht unmittelbar berührt. Sie hatten bislang keinen entscheidenden Einfluß auf die Gestaltung der Dinge und werden ihn wohl auch in absehbarer Zeit wenigstens nicht gewinnen. Daß sie, wie die Ereignisse an der Prager deutschen Universität un­längst zeigten, im entscheidenden Augenblick den Mut zum Widerstand finden, auch wenn unter den gegebenen Verhältnissen keine unmittelbare Aenbe- rung dadurch herbeizuführen ist, ist erfreulich. Es ist zu hoffen, daß der sudetendeutsche Versuch, die noch in manchen Fragen auseinanderstrebende Poli­tik des deutschen Lagers zu vereinheitlichen, erfolgreich sein wird. Denn nur der geschlossene Einsatz der gesamten sudetendeutschen Kräfte könnte den ihrer Stärke gemäßen Einfluß erringen.

Daß Dr. Benes ch, der seit 16 Jahren über die Außenpolitik der Tschechoslowakei souverän entschei­det, alles tut, um den bereits angedeuteten Umbruch hinauszuschieben, ist bekannt. Benesch kennt nichts anders als die Verewigung der Friedensverträge aus den Pariser Vororten. Indem er stur die Ueber- zeugung vertritt, daß nur Frankreich den Be­stand der Tschechoslowakei sichern könne, weil es an der Wiege dieses Staates in Versailles Pate ge-

Samstag, 29. Dezember 1954

standen hat, geht er außenpolitisch mit ihm durch Dick und Dünn und macht die radikale Polittk eines Barthou ebenso gehorsam mit, wie die gemäßigtere des Herrn Laval. Es ist sehr fraglich, ob nach inner­politischen Veränderungen für Dr. Benesch noch Be- täUgungsmöglichkeiten auf seinem alten Posten vor­handen sein werden. Allerdings darf nicht verkannt werden: ob ein neuer, bann voraussichtlich tsche­chisch - agrarischer Außenminister die Kraft haben wird, den Staatswagen aus den aus­gefahrenen Geleisen der Außenpolitik der letzten 16 Jahre herauszubringen und zu erkennen, daß die einzige wirkliche Sicherung des tschechischen Staates und seines Volkes die V e rs ö h n u n g mit den Deutschen nach innen und außen ist, muß abge­wartet werden.

Ungarn laviert

Von unserem v.H.-Äerichierstatter.

Budapest, Ende Dezember 1934.

Das Jahr 1934 war für Ungarn ereignis- und gefahrenschwer wie wohl feit 1918 fein J-Hr der Nachkriegszeit. Innere und äußere Spannungen bedrohten Frieden und Existenz des Landes, namentlich feit dem 9. Oktober, dem Tag von Marseille. Der Spruch des Völkerbundsrats, der sich mit der südslawischen Klage gegen Ungarn zu befassen hatte, hat nun zwar zunächst die un­mittelbarsten Gefahren gebannt. Latent aber be­steht der Konflikt, in den Ungarn ohne eigene Schuld durch das Pariser Vorortdiktat geraten ist, weiter. Man hat sich eben in Genf nach bewährten Methoden wieder einmal damit begnüat, an den Symptomen herumzukurieren, statt den eigent­lichen Ursachen zu Leibe zu gehen.

Tatsächlich ist ja der südslawisch-ungarische Streit nur ein Teilproblem der südosteuropäischen Gesamtlage, die auch heute noch entscheidend be­stimmt wird von den Großmächten. Seit Jahren baut sich d i e i t a 1 i e n i s ch e Politik mit aller- bings wechselnbem Erfolg ihre Position im Süd- offen Europas aus. Bubapeft und Wien bilden heute die Hauptstützpunkte der italienischen Südost-Politik. Militärisch-strategische wie große wirtschaftspolitische Interessen berühren sich hier aufs engste. Solange die Vorherrschaft an der Adria und der Drang nach dem Südosten das als lebens­wichtig empfundene Ziel des faschistischen Regimes bildet, ist für Italien die Freundschaft mit Oester­reich und Ungarn zwangsläufig.Die natürliche Geg­nerschaft Südslawiens macht es für Italien drin­gend erforderlich, die strategische Sicherung eines Durchmarschweges durch Oester­reich und Ungarn in der Hand zu haben. Folgerichtig sucht sich daher Italien seit 1926 den maßgebenden Einfluß in Budapest ebenso wie in Wien zu sichern. Was Rom dem ungarischen Volk bisher zu bieten hatte, war allerdings kaum mehr als eine moralische Unterstützung der traditionellen ungarischen Revisionsforderungen. Wirtschaftlich blieb die italienische Unterstützung trotz des Rom- Paktes auf theoretische Zusicherungen beschränkt. Trotzdem bedeutet für Ungarn die italienische Freundschaft heute Hilfe und Stärkung.

Die ungarische Außenpolitik ist in ihren Zielen durch den Trianon-Vertrag gegeben. Die ungarische Revisions-Parole ist und bleibt der Inhalt einer jeden ungarischen Außenpolitik. Die Gegner­schaft der Kleinen Entente ist damit ge­geben, und ebenso zwingend die Notwendigkeit, Hilfe und Unterstützung bei den europäischen Großmäch­ten zu finden, deren Einflußbereich in den südost- europäischen Raum hineinreicht. Bisher waren es Frankreich und Italien, die sich hier den ersten Platz streitig machten. Seit der deutsch- polnischen Verständigung ist Deutschland im Südosten in den Kreis der rivalisierenden Groß­mächte eingetreten. Die geschickte, deutsche Handels­politik hat Deutschland eine feste Position im Süd- often gesichert. Die ungarische Politik begriff sofort diese Entwicklung und suchte in engere Verbindung

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Das Jahr des Heils.

Von Will Scheller.

1 Db:i ehe für den kleinen Julius die Zeit cmge- 6rrtcä i war, daß er täglich in die Schule gehen un :2. (en und schreiben mußte, hatten die Buch- fia.iWrj schon eine seltsame Anziehung auf ihn aus- gctüti greilid) nicht so, als ob ihm besonders viele Bi!W zu Gesicht gekommen wären! Bücher, nein, biet gib es eigentlich nicht in seiner Welt außer beim deren prächtig verzierten Einband einmal cirrn urstohlener Blick in derguten" Stube zu seh y.-geglaubt hatte, als die Mutter in dem sonst vennypss'enen Schrank etwas holen mußte; und da wcm! irr kleine Julius dazugekommen. Nein, Buch- ftaür das waren Gesichter, wie sie ihm die große UeeÄchrift der Zeitung schnitt, wenn er mit immer ne inrUBeriüunberung den Vater über dieses Papier geifäd sand und ihn dann nicht stören durfte. Wltmüer dann mitunter, wenn ihn gerade niemand bei iL)-r Hand nahm, das inzwischen abgelegte Pa­pi. L, ^trachtete, ging er mit dem Zeigefinger den frnir.r .en und eckigen Zeichen nach und versuchte, fidijo tt jedem von ihnen eine eigene, innere $or= ftdürq zu machen. Denn es war für ihn ausge- mca:t daß in diesen dicken Linien, die dann oft roincb mal unbegreiflicherweife ganz dünn verlie- feri 2:ng. n, Nasen und Münder angedeutet wären, biet bt^j noch einmal zu reden anfangen würden, ©r ie te nur noch nicht, das wußte er, den Zau- be irhstssel gefunden, um diese Rede, die die Großen so in ad) zu verstehen schienen, richtig vernehmen unrJci dem Fratzenspiel der Buchstaben die rechte fii i: -mpfinben zu können.

hi stand er auch vor dem bunten Kalender, der amh- Wand hing, und dessen Blätter an einem so i:crn, mit verschörkelten Buchstaben versehenen (51 ?ßappe festgemacht waren. Auch die Zahlen kn "t ihm wie Gesichter vor, und er sammelte die ab o ssh'enen Blätter, um sie nach einer Willkür zu or ic , die ihm zuweilen den Kopf heiß und ihn bar- lachts unruhig schlafen machte. Deshalb war er,er nach einem Osterfest endlich zur Schule gi in Lein gedrucktes Buch im Ranzen, sehr ent- täi iiip.. als er zuerst Buchstaben lernen mußte, die er : vjh gar nicht kannte, und blieb im Innersten uniiDJlbig, bis der Lehrer ein gedrucktesS" auf büßLifef malte, womit endlich die Tür entriegelt writtc durch deren Schloß der kleine Julius schon so ziqe und so neugierig geblinzelt hatte. Auch die Zc ii.'fei der Zahlen war ihm inzwischen bekannt ge irr «en, und so machte ihm die Schule von nun an 8 :i I mehr Vergnügen als zuvor. Ja, er freute fiel üjn voraus auf den nächsten Tag, weil ihm der

einen neuen gedruckten Buchstaben versprach; und I selbst der Schulweg schien ihm immer erquicklicher, | weil ihm die Auslagen der Läden, vor denen er oft stehen blieb, um so mehr zu erzählen wußten, je mehr Buchstaben er zu entziffern gelernt hatte.

Natürlich war ihm der Buchladen von allen der liebste, weil es in seinem Schaufenster die meisten Buchstaben gab. Mittlerweile war es wieder einmal Winter geworden, und in dieser Zeit geschah es, daß den kleinen Julius ein Buch dieses Ladens geheimnisvoll fesselte, das, in der vordersten Reihe des Fensters ausgelegt, mit seinem buntbebilderten Umschlag ihn sogleich an die biblische Geschichte er­innerte, obwohl er andererseits wieder nichts damit zu tun zu haben schien. Es war da geschildert, wie Menschen mit fremdländischer Tracht weit dahin­zögen und so, als nähmen sie einen feierlichen Weg über die ganze Erdkugel hin, und mit schimmernden Schätzen beladene Tiere, Elefanten und Kamele, zogen den gleichen Weg, und jemand saß auf solch' einem Tier, und ein prunkvoller Kasten war um ihn herumgebaut, und ein seltsames Zwielicht lag über diesem Bild, und in dem befremdend dunkel­blauen Himmel darüber strahlte ein großer Stern, lieber diesem Bilde aber stand etwas in festlich ver­zierten Buchaben, und der kleine Julius hatte meh­rere Tage zu tun, um sich darüber klar zu werden, daß dieses Buch ein Kalender sei das Ungewöhn­liche, ja, geradezu Erschreckende an dieser lieber» schrift indessen aber war, daß zwischen dem Wort Kalender und der Zahl des kommenden Jahres zu lesen war:Für das Jahr des Heils".

Das hatte der kleine Julius nicht erwartet. In Wahrheit war es ja immer so gewesen, daß er Herzklopfen bekam, wenn morgens vor Beginn der ersten Schulstunde das gemeinsame Gebet gespro­chen wurde. Gewiß, auch zuhause mußte er beten, jeden Abend, vor dem Einschlafen, das ohne Beten ja nicht möglich gewesen wäre, aber das war immer etwas Vertrauliches, als ob der liebe Gott so recht gemütlich zu seinen Worten lächelte. In der Schule aber, wo weder der Vater noch die Mutter dabei und gar nichts Vertrauliches war, dünkte ihn die Miene des lieben Gottes, wie er ihn sich vor­stellte, gar nicht mehr so gemütlich, kein Wunder, wo es so viele waren, die zu ihm beteten. Das war überhaupt, wenigstens der Biblischen Geschichte nach, gar keine so einfache Sache mit dem lieben Gott, der ohne Zweifel mehr Macht hatte als die, den kleinen Julius, die Eltern, das Trinchen in der Küche und Tanten und Onkels zu beschützen, worum er ihn allabendlich zu bitten gewohnt war. Das Kalenderbild in dem Buchladen stellte jeden­falls, das schien ihm gewiß, etwas Aehnliches dar, wie er es in der Biblischen Geschichte gehört hatte, und wenn es auch nicht das gleiche war, so dünkte

ihn die Anwesenheit des strahlenden Sterns am Abendhimmel als ein Zeichen, daß der liebe Gott etwas damit zu tun hatte. Das Unheimlichste aber waren die Worte vom Jahr des Heils! Das konnte doch nichts anderes bedeuten, als daß das nächste Jahr etwas ganz Großes bringen würde, etwas, das die ganze Erdkugel anging und worin der liebe Gott etwas ganz Außergewöhnliches beschlossen hatte?

Der kleine Julius empfand heftiges Herzklopfen, als er sich hierüber klar geworden war. Weihnach­ten war nahe. Das Christkind, dessen Anwesenheit in derguten" Stube in diesen Tagen eine Stim­mung ausstrahlte, die um so beängstigender war, als es so völlig unsichtbar blieb, würde, wie immer, schöne und glänzende Gaben bescheren. Die ganze Wohnung würde, wie immer, nach Tannen und Backwerk duften und nach Bratäpfeln. Aber eins würde anders fein: daß wenige Tage später ein Jahr beginnen sollte, das ein Jahr des Heils wer­den, ein Jahr, in dem der liebe Gott den ganzen Kalender regieren würde. Der kleine Julius fürch­tete sich ein wenig vor diesem Heil. Es war ihm, als wäre es im Begriff, ihn zu verschlingen, als müßte dieses Heil so ungeheuerlich werden, daß es kleine Jungen wie ihn einfach wegfegen würde von der runden Erdkugel. Denn er stellte sich ein Heil, das ein ganzes Jahr bestimmen würde, wie einen Sturmwind vor, vor dessen Gewalt nur das Starke und Mächtige bestehen konnte, vielleicht aber auch das nicht einmal. Je näher der Jahreswechsel kam, um so unruhiger wurde sein Herz. Er wagte nicht, den lieben Gott im stillen zu bitten, das Heil, das er für das neue Jahr vorgesehen hatte, ein wenig aufzuschieben, bis er größer geworden wäre. Denn was da oben im Himmel geplant war, das war gewiß gut und herrlich. Weihnachten war ja nun auch wieder so schön gewesen, daß er sich geradezu schnöden Undanks schuldig gemacht hätte, hätte er noch einen Wunsch geäußert, geschweige einen, von denen er fürchten mußte, den Zorn des lieben Gottes und aller Gutgesinnten heraufzubefchwören.

So kam der verhängnisvolle Tag heran. Der kleine Julius wurde, wie immer, ins Bett gepackt, aber er umarmte die Eltern beim Gutenachtkuß noch inniger als sonst, denn sie würden ja das Jahr des Heils zuerst erleben, und wer weiß, was ihnen dabei geschah! Merkwürdig nur, daß sie auch kein Wort darüber geäußert hatten... Heber solchen Gedanken schlief er ein. Aber als er erwachte und sich die Augen rieb, glänzte der Schnee genau so funkelnd in der Wintersonne wie gestern, und auch an Vater, Mutter und selbst an Trinchen in der Küche war nichts Besonderes wahrzunehmen. Beim Mittagsbrot, zu dem, wie stets am Sonntag, Wein I getrunken wurde, tarn Onkel Karl und mackste seine

Witze, die durchaus nicht zu der Feierlichkeit paßten, die der kleine Julius vom Jahr des Heils erwartet hatte, aber der Tag war ja noch nicht vorüber. Im Garten hatte Onkel Karl einen Schneemann aufgebaut, und der kleine Julius durfte ihn und den Onkel mit Schneebällen werfen, aber das war schon im vorigen Jahr so aewesen, und auch sonst ereignete sich nichts Ungewöhnliches, und so sank die Spannung, die ihn nicht ahne etliche Pein erfüllt hatte, langsam in sich zusammen. War er enttäuscht? Er wußte es nicht. Eine Erleichterung war da, sie ließ sich nicht leugnen, und doch, er empfand zugleich eine Leere in seinem Gefühl. Hatte der liebe Gott in seinem Herzen gelesen, daß er Angst vor ihm hatte, und deshalb ? Nein. Das glaubte er nun doch nicht. Aber als die Ferien aus waren und er wieder an dem Buchladen vorüberkam, war der Kalender verschwunden; es lag ein anderes Buch an feiner Stelle, und ihm war, als könnten die Buch­staben, mit deren Erlernung er ja noch nicht fertig war, noch einen anderen Sinn verborgen haben, als den, der ihn tief bewegt hatte. Ja, fo fiel ihm plötzlich ein, als hätten sie überhaupt mehr als nur einen Sinn! Dennoch war er weit entfernt zu ahnen, daß ihm gerade jetzt das Hei! dieses Jahres widerfahren, die erste Erkenntnis feines Lebens nämlich, aufgegangen war.

Das telefonische »Fräulein llhr^.

Die Teilnehmer des Stockholmer Fernsprechamtes sind darüber entzückt, daß sie sich jetzt nur an Fröken Ur" zu wenden brauchen, wenn sie genau fast auf die Sekunde die Tageszeit erfahren wollen. Eine entzückende Frauenstimme gibt ihnen Aus­kunft, und zwar ohne jede besondere Verc-Ütung. Nur der Anruf wird natürlich berechnet. Die Spre­cherin ist jedoch fein lebendiges Wesen, sondern die Zeitansage erfolgt durch eine Einrichtung, die aus einer elektrisch kontrollierten Uhr und einem durch Lichtzellen betätigten Grammophon besteht. Wenn der automatische Fernsprecher den Teilnehmer mit Fräulein Uhr", wie der Apparat genannt wird, verbunden hat, bann leuchtet bas Zifferblatt an ben brei Stellen auf, an benen bie Stunbe, bie Mi­nute unb bie Sekunbe angezeigt werben. Der Laut­sprecher bes Grammophons gibt bann bie Zahlen in ber richtigen Reihenfolge roieber. Wenn es z. B. 14 Minuten unb 23 Sekunben nach 6 Uhr abenbs ist, bann sagt bie angenehme Frauenstimme: 18 14 20, benn bie Sekunbenzah! wirb auf die Zehner abgerundet. Vom Tage der neuen Einrichtung an ist diese außerordentlich beliebt geworden, unb die Nummer vonFräulein Uhr" gehört zu denen, bie am häufigsten verlangt werden.