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3)ie echte uncl die falsche Daralies Roman von Anny von Panhuys.

Urbeberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (6.)

4 Fortletzung Nachdruck verboten!

Er ging auf sie zu, die wartend neben einer großen Handtasche stand und ab und zu ein biß­chen krampfhaft das grüne Tuch schwenkte.

Er zog mit leichter Verbeugung den steifen schwarzen Hut vom Kopfe.

Verzeihung, habe ich die Ehre, Fräulein Wolf­ram zu begrüßen?"

Regina Graoen antwortete mit etwas unsicherer Stimme:Ich bin Doralies Wolfram und werde von Frau von Stöbnitz erwartet."

Er nickte: ,^Ich komme im Auftrag der gnädigen Frau, um Sie abzuholen, Fräulein Wolfram! Mein Name ist Peter Konstantin, ich bin Rechts­anwalt und sozusagen Adjutant von Herrn von Stäbnitz." Er nahm ihr den Koffer ab.Bitte, folgen Sie mir! Haben Sie übrigens auch einen Gepäckschein?"

Natürlich!" Regina beförderte das Papier aus einer Manteltasche ans Licht. Er übergab es einem Gepäckträger, und dann gingen sie nebeneinander her.

Regina machte jetzt die bisher peinlichsten Augen­blicke ihrer Reise durch. Ab und zu traf sich ihr Blick mit dem des Begleiters, und das war ihr dann immer, als sähen diese scharfen, grauen Män­neraugen bis ins 'Herz und spürten auf, daß sie eine Lügnerin war, die sich einen falschen Namen angeeignet hatte

Erst als sie in dem Auto saß, das er selbst lenkte, kam sie ein wenig zur Ruhe. Ihr großer Koffer und der Handkoffer standen im Innern desWagens, und ihre Hand strich ein paarmal lässig über die glatten Lackflächen.

Ganz neue Koffer waren es, die Fritz Wolfram erst für die Reise seiner Tochter gekauft hatte. Mit chrem eigenen abgeschabten Koffer schlich sich wohl ungefähr um die gleiche Stunde die echte Doralies heimlich in das Schlößchen zurück, das an einem kleinen Hange des Städtchens Mooshausen in Würt­temberg stand.

Nach ungefähr zwanzig Minuten Fahrt war das Ziel erreicht: eine breite Straße am Tiergarten. Ein etwas altmodisches Haus von vornehmem Aus­sehen öffnete seine Pforte. Ein lautloser Diener in Schwarz nahm das Gepäck in Empfang, und ver- wirt ließ sich Regina von einer schmalen, großen Dame auf beide Wangen küssen. Jetzt stellte sich der Hausherr vor Er war auch groß, hatte graues Haar, leicht verschleierte Augen und eine verhaltene Stimme. Er grüßte:

Herzlich willkommen, liebe Doralies! Ich hoffe. Sie hatten eine gute Reife."

Regina befand sich in einer originell eingerich­teten Halle, allerlei Altertümer standen umher. Sie hatte fast den Eindruck eines Museums. Frau von Stäbnitz faßte sie unter und zog sie mit sich, wandte sich zuvor flüchtig an ihren Mann.

Verzeihung, Otto, ich will Doralies ihr Zimmer zeigen!"

Sie führte sie eine Treppe hinaus und öffnete eine Tür vor ihr. Die Koffer standen schon darin, und Regina blickte bewundernd, wie elegant und schön das Zimmer ausgestattet war. Daß sie einmal so wohnen würde, hatte sie sich auch nicht träumen lassen Die Möbel des Schlafzimmers waren in heller Eiche, Vorhänge und Teppiche schimmerten matt-weinrot: die Möbel des kleinen Salons, in den man durch eine offene Tür hineinschauen konnte, waren in stumpfem Schwarz und sattem Goldbraun gehalten.

Frau von Stäbnitz nahm Regina sacht den Hut ab.

Mach es dir bequem, Doralies, bitte! Ich darf dich doch ,du' nennen nicht wahr? wenn du magst, sag Tante Edda zu mir, dadurch kommen wir uns gleich ein bißchen vertraulich näher nicht wahr?"

Regina zog den Mantel aus und neigte nur den Kopf. Sie hätte jetzt kein Wörtchen herausgebracht. Heiße Scham hüllte sie ein vom Kopf bis zu den Füßen. Mußte sie nicht zusammenbrechen unter der Last der Lüge vor dieser Frau, die ihr so gütig entgegenkam.

Als sie den. Mantel lässig über eine Stuhllehne legte, bebten ihre Hände.

Edda Stäbnitz bemerkte es und wunderte sich. Es schien ihr so gar nicht zu dem Charakterbild zu passen, das Fritz Wolfram von seiner Tochter ent­worfen hatte. Es paßte ebensowenig dazu wie der Blick der tief dunkelblauen Augen. Sie wunderte sich genau so wie Peter Konstantin darüber, wie sehr doch oft das Aeußere eines Menschen zu täu­schen vermochte.

Sie fügte freundlich:Ich denke mir, liebes Kind, du bist von der weiten Reise ermüdet und verspürst kein besonderes Verlangen mehr danach, noch nach unten zu uns zu kommen?"

Regina atmete ein ganz klein wenig auf. Es dünkte sie in diesem Augenblick schon ein großes Glück, allein bleiben zu dürfen und unbeobachtet zu sein, denn die klugen Frauenaugen irritierten sie sehr. Sie fühlte, wenn dieser ein wenig forschende Blick noch lange auf ihr ruhte, müßte sie darunter zusammenbrechen und bekennen

Sie antwortete:Ich wäre Ihnen dankbar, gnädige Frau, wenn Sie mich heute abend entschul­digen würden: ich bin wirklich sehr müde!"

Frau von Stäbnitz umfaßte sie lebhaft.

Mädelchen, du darfst mich doch nicht so steif betiteln, und sollst mich mit ,bu anreden!" Ganz eng zog sie die Schlankheit an sich.Bist doch meines

lieben Jugendfreundes Kind. Höre das kleine Ge­heimnis von einst: wir liebten uns, er und ich. Eine romantische Liebe war's, nur ein Hauch der Liebe, die wir brauchen für den Gefährten, mit dem wir durchs Leben gehen wollen. Weißt du, Kind, in den Zimmern ganz alter Damen riecht es wohl noch heutzutage nach getrockneten Rosen­blättern und Lavendel so ein sanfter, süßer und verschollener Duft ist auch jene Liebe. Aber das Töchterchen meiner ersten Liebe ist mir wert. Sollst immer Vertrauen zu mir haben, und für die gnädige Frau hat man das kaum so leicht wie für eine Tante Edda." Sie küßte sie - auf die Stirn. Drückt dich etwas, Mädelchen, du siehst beinah etwas verängstigt aus! Bist schwer von daheim weggegangen nicht wahr, Doralies? Ich weiß, du hängst sehr an daheim, dein Vater schrieb mir das."

Regina war kaum noch fähig, die Freundlichkeit und Güte, mit der man ihr entgegenkam, zu er­tragen.

Sie hauchte hervor:Ja, ich bin schwer weg­gegangen, aber jetzt bin ich nur müde und"

Und habe Hunger", ergänzte Frau von Stäbnitz. So ist es doch, nicht wahr?"

Regina,' froh, etwas über die Stimmung weg­zukommen, die sie zu überwältigen drohte, antwor­tete rasch: Ja, ich habe auch ein bißchen Hunger."

Da lachte Frau von Stäbnitz und ließ sie los. ,,Jch schicke dir sofort etwas zu essen herauf, und dann schlafe dich gut aus, so lange du willst. Wir frühstücken um acht Uhr, doch du kannst das Früh­stück morgen auf dem Zimmer einnehmen. Sollst dich, ganz allmählich und gemütlich hier ein­gewöhnen."

Sie reichte ihr die Hand.Gute Nacht, mein liebes Kind! Schlafe recht angenehm und merke dir, was du in der ersten Nacht träumst. Was man in der ersten Nacht in einem neuen Heim träumt, soll nämlich in Erfüllung gehen." Sie wies auf einen Klingelknopf an der Tür.Wenn du etwas wünschest, brauchst du nur darauf zu drücken."

Sie nickte Regina zu und ging.

Regina blickte noch lange wie benommen auf die weiße Tür, hinter der. Frau von Stäbnitz ver­schwunden war. Sie schluckte mehrmals heftig.

Taumelnd schritt sie durch das Zimmer, empfand die Gediegenheit des Raumes fast feindlich Sie ging hinüber in den Salon, in dem der Lüster brannte, betrachtete scheu die schwarzen Schnitzmöbel, das glänzende Goldbraun der Samtpolster und das Gleißen und Schimmern des wunderbar geschliffe­nen Venezianer Spiegels.

Sie ließ sich auf einen Sessel nieder, krampfte die Hände um die geschnitzten Greifenköpfe, die den Abschluß der Armstützen bildeten. In ihr war ein Chaos, in dem jeder klare Gedanke sofort ver­sank. Wie schlecht kam sie sich vor, wie gemein! Durch die Ueberredungskunst von Doralies, den

Wunsch, der Freundin zu helfen, und ihre eigehs Sehnsucht, einmal aus dem engen, kleinen Moos­hausen herauszukommen, hatte sie zuletzt die Vor­stellung von einem Abenteuer gehabt, das, wenn es später gelegentlich ans Licht käme, nur noch als Stoff zum Lachen dienen würde. Jetzt aber wurde ihr wieder erschreckend klar, daß zwar das Wort Abenteuer" auf das, was sie getan hatte, paßte, aber m einem viel schärferen und unerfreulicheren Sinne. In einem häßlichen Sinne.

Eine Frau wie Edda Stäbnitz durfte man nicht belügen, und. einen Mann wie den bekannten Ver- Leidiger auch nicht. Sie hatte ihn nur flüchtig ge- sehen: aber hinter seinem verschleierten Blick lag Menschenkenntnis, und der andere wie hieß er doch, der sich sein Adjutant genannt hatte? Ach ja, Peter Konstantin. Und der hatte auch so durchdrin- gende Augen. Die drei Augenpaare fürchtete sie schon jetzt, die drei Augenpaare würden sie zwinge^ zu bekennen.

Sie schreckte hoch. Es hatte an die Tür geklopft, Sie rief mechanisch:Herein!"

Ein Mädchen in schwarzem Kleid und weißem Schürzchen brachte ein Tablett mit Speisen. Sie grüßte und deckte gewandt den Tisch.

Regina blieb etwas steif sitzen und sah zu, wie das Mädchen hantierte.

Hat das gnädige Fräulein noch Wünsche?" fragte das Mädchen höflich.

Regina verneinte und erwiderte den Gute-Nacht- Gruß. Sie riegelte hinter dem Mädchen ab und verriegelte auch die Schlafzimmertür nach dem Flur zu.

Dabei entdeckte sie einen Alkoven, der an das Schlafzimmer stieß. Der Alkoven war als Badestube eingerichtet, und Regina dachte: Wie eine Prinzessin wohne ich hier! Wie Bedauern regte es sich in ihr, daß sie nicht hierbleiben durfte.

Einem jähen Einfall folgend, ließ sie Wasser in die Wanne laufen. Dampfend floß es ein: ein kalter Strahl des anderen Hahnes kühlte das allzu heiße Naß. Regina entkleidete sich und genoß das Bad wie eine Erlösung. Es tat ihren erregten Ner­ven gut, beruhigte sie ein wenig. Es blieb ihr nun nichts übrig, als die Koffer zu öffnen, die doch Doralies' Eigentum waren. Sie fand einen weißen Pyjama mit blauem Besatz und schlüpfte hinein. Dann ging sie in den Salon zurück.

Ihr Appetit meldete sich plötzlich sehr stark beim Anblick der guten Sachen, die für sie aufgetischt waren.

Regina war jung und gesund, ihre seelische Ver­zweiflung trat zunächst etwas zurück vor dem lockenden Anblick. Sie machte es sich am Tisch be­quem und tüchtig Sie hatte den ganzen Tag nichts genossen außer der Tasse Kaffee am Morgen im Wartesaal.

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