Nr. 278 vierter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Dberhessen)
Mittwoch, 28. November 1954
schöne Reisen, körperliche und geistige Erholung; sie lasse teilnehmen an den großen Schöpfungen unserer genialen Musiker, sie biete Erholung und Entspannung bei wissenschaftlichen und kulturellen Borträgen. Wir erlebten also Dinge, die den meisten Volksgenossen früher nicht zuteil wurden. In diesem Zusammenhänge streifte der Redner noch kurz das Siedlungswesen, das deshalb heute eine so große Rolle spiele, weil man bestrebt sei, den Men-
„Die NS.-Kulturgemeind-e der NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude" hat als die große Gemein- ischaft aller am Kulturleben der deutschen Nation
sehen, die all dieses Schöne in sich ausgenommen hätten, nun auch die Möglichkeit zu bieten, ihre Erlebnisse im Kreise ihrer Familie in einem schönen eigenen Heim weiter zu verarbeiten.
Nach begeistertem Sieg-Helk auf den Führer und Reichskanzler Adolf Hitler begann die Radioübertragung aus Berlin. Bei musikalischen und hu- rnoristischen Vorträgen blieb man anschließend noch einige Stunden gemütlich beisammen.
17. Febr. VfB. Kurhessen — Bottenhorn.
24. Febr.: Ockershausen — Breidenbach.
3. März: Germania — Gladenbach; VfB. Kur- Hessen — Sarnau (11.15 Uhr).
Reichsschwimmlehrer Braeklein im Gau Nordheffen.
vom 9. bis 11. Dezember in Gießen.
Der Reichsschwimmlehrer der DT., B r a e k - lein (Berlin), wird im Dezember längere Zeit in unserem Gaugebiete weilen und in den Orten mit Winterbädern mehrtägige Lehrgänge durchführen. Es kommen folgende Städte in Frage: Friedberg (3. bis 5. Dezember), Wetzlar (6. bis 8. Dezember), Gießen (9. bis 11. Dezember), Marburg (12. bis 15. Dezember), Kassel (16. bis 20. Dezember). Außer den Vereinen der DT. wird auch den Mitgliedern anderer Verbände des Reichsbundes für Leibesübungen die Möglichkeit zur Teilnahme an Lehrgängen gegeben werden.
Kunffturn-Mannnschastskampf.
Großen-Linden — Lollar — Wieseck.
Dieser Geräte-Mannschaftskampf wird am kommenden Samstag wiederum in Wieseck zum Austrag kommen. Wer Zeuge des vorausgegangenen Kunstturnwettkampfes war, wird es sich nicht nehmen lassen, auch diesem, von den besten Turnern dieser Vereine beschickten Wettkampf beizuwohnen. Der zu bestreitende Kampf dürfte sehr schwer sein, zumal alle beteiligten Vereine über wirklich gute Kräfte verfügen. Aus diesem Grunde ist es auch schwer, schon heute einem der Vereine den Sieg zuzusprechen. Erwähnt sei noch, daß Großen-Linden in einem vorjährigen Mannschaftskampf vor Wieseck siegte.
Die Terminliste der Tlachrunde der Bezirksklasse Marburg.
2. Dez.: Bottenhorn — Germania (Deibel-Gießen).
9. Dez.: Ockershausen — Wallau (Klipp-Specks- winkel); Gemünden — Gladenbach (Pfeil-Marburg); Sarnau — Biedenkopf (Fischbach - Marburg); Breidenbach — Germania (Klamberg-Biedenkopf).
16. Dez.: Germania — Ockershausen (Willer-Wetz- lar); Gemünden —VfB.Kurhessen (Peter-Germania); Breidenbach — Biedenkopf (Kronemann - Marburg); Wallau — Gladenbach (Lucy-Marburg); Sarnau — Bottenhorn (Dr. Heuser-Cölbe).
23. Dez.: VfB. Kurh.— Breidenbach (Schneider- Goßfelden); Sarnau — Gladenbach (Schultz-Neustadt); Bottenhorn — Biedenkopf (Engelter-Marb.).
26. Dez.: Ockershausen — Gemünden (Falck-Mar- burg); Biedenkopf — Gladenbach (Boß-Wallau).
30. Dez.: Germania — Biedenkopf; Gemünden — Wallau; Bottenhorn — Breidenbach; Gladenbach — VfB. Kurhessen.
1935: 6. Januar: VfB. Kurhessen — Germania; Wallau — Bottenhorn; Biedenkopf — Ockershausen; Gemünden — Breidenbach.
13. Januar: Ockershausen — Sarnau; Wallau — VfB. Kurhessen; Gladenbach — Bottenhorn; Gemünden — Biedenkopf.
20. Jan.: Germania — Gemünden; Gladenbach — Ockershausen; Wallau — Biedenkopf; Breidenbach — Sarnau.
27. Jan.: Ockershausen —VfB. Kurhessen; Sarnau — Wallau; Bottenhorn — Gemünden; Gladenbach — Breidenbach.
3. Febr.: VfB. Kurhessen — Biedenkopf; Sarnau — Germania; Breidenbach — Wallau.
10. Febr.: Germania — Wallau; Gemünden — Sarnau.
Nach der Pause wurden die Teilnehmer durch Darbietungen des Landessymphonieorchesters und des Balletts der städtischen Oper unterhalten.
Die Feier im Saft Leib.
Die Deutsche Arbeitsfront, NSG. „Kraft durch Freude", hatte für den gestrigen Abend in den Saal des Caf6 Leib zur Feier des einjährigen Wirkens der NS. - Gemeinschaft „Kraft durch Freude" eingeladen. Man hörte die Uebertragung der Feier in Berlin mit den Reden des Reichsministers Dr. Goebbels, des Stellvertreters des Führers Rudolf Heß und des Führers der Arbeitsfront Dr. L e y. Nach der Feier — der weitere Verlauf des Abends war der Unterhaltung gewidmet — konzertierten Mitglieder des Musikkorps unserer Reichswehr und erfreuten mit guter Musik. Der Kriesamtswalter der NS.-Gemeinfchaft „Kraft durch Freude", Pg. Christ, hielt eine kurze Ansprache, in der er die Teilnehmer des Abends herzlich willkommen hieß und aufforderte, bei Tanz und Unterhaltung einige unterhaltsame Stunden zu verleben. Die Reichswehrkapelle war eifrig um die Unterhaltung bemüht, und so blieb es nicht aus, daß sich eine angeregte Stimmung entwickelte.
Feier der Gefolgschaft der städtischen Betriebe.
Zur Feier des Jahrestages der NS.-Gemeinschaft ,Kraft durch Freude" hatte sich die Gefolg - schaftderstädtischen 5Betrie.be am gestrigen Dienstagabend auf Oswaldsgarten versammelt, um von hier aus geschloffen zum „Einhorn" zu marschieren, wo die Feier stattfand. Saal und Bühne waren mit den Fahnen des Dritten Reichs, mit frischem Grün und Blumen reich geschmückt. Die Gefolgschaft hatte sich mit ihren Angehörigen recht zahlreich eingefunden.
Betriebsgemeinschaftswalter Louis S ch a r d t eröffnete die Veranstaltung mit kurzen Begrüßungsworten an feine Kameraden. Anschließend sprach der stellvertretende Wirtschaftsführer der städtischen Betriebe, Bürgermeister Dr. Hamm, der u. a. ausführte, daß es am heutigen Jahrestage der NS.-Gemeinfchaft „Kraft durch Freude" wohl am Platze fei, eine Verbindung zu suchen zwischen der Gesetzgebung für die Ordnung der nationalen Arbeit und der vom Führer geschaffenen Einrichtung „Kraft durch Freude". Während früher in den Betrieben zwischen Betriebsführer und der Arbeitnehmerschaft starke Spannungen bestanden hätten, sei durch das Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit erst einmal richtig jedem klar geworden, was der Führer will. Dieses Gesetz, das nicht nur Rechte gibt, sondern vor allem auch Pflichten feststellt, habe feine größte Aufgabe in der Ueberbrücfung der Gegensätze, soweit sie bestanden haben, oder noch bestehen könnten. Es fordere restlose Hingabe an das Werk, gemeinsames Fühlen und Denken in dem Bewußtsein, daß es ganz gleichgültig sei, wo einer steht, daß es darauf ankomme, seine Pflicht zu tun, um vor Her Gesamtheit des Volkes
Sport- und Kuliurgemeinfchafi
Eine Vereinbarung.
Ein Lahr „Kraft durch Freude"
Iieichsstaiihalter Sprenger sprach in Frankfurt.
bestehen zu können. Dazu sei vor allen Dingen
Vertrauen notwendig. Jeder müsse in dem anderen,~.....—v
den Bruder sehen und immer das Einigende in den • anteilnehmenden Volksgenossen hie Aufgabe, eine Vordergrund stellen. Aus dieser gedanklichen Ein-'aus nationalsozialistischem Lebensgefühl und deut- ftetlung heraus erwachse dann die Freude an der scher Weltanschauung wachsende neue Lebenskultur Arbeit. Diese Freude zu fördern und zu heben, sei vorzubereiten. Die Lösung dieser Aufgabe fordert der Sinn der NSG. „Kraft durch Freude". Sie die Erweckung eines neuen kulturellen Wollens bei
Reichsbund für Leibesübungen eine nationalsozialistische Erziehungsgemeinschaft ist, die durch ihre werktätae Arbeit die Verbindung zwischen Leid und Seele, Körper und Geist herbeiführt, trifft sich der in den Gemeinschaften des DRfL. vorhandene kulturelle Wille vielfach mit den Bestrebungen der NS.- Kulturgemeinde. Zum Zwecke kameradschaftlicher Zusammenarbeit auf den beiden Gliederungen gemeinsamen Grundlagen trifft der Reichssportführer als Führer des DRfL. mit der NS.-Kulturgemeinde nachstehendes
Abkommen:
1. Der Deutsche Reichsbund für Leibesübungen ist bereit, der NS.-Kulturgemeinde bei der Durchführung ihrer Aufgab^behilflich zu sein. Er erwartet demzufolge non der NS. - Kulturgemeinde kulturell-künstlerische Anrechnung in der Form kameradschaftlicher Zusammenarbeit mit den Dietwarten des DRfL., denen die Be-
Für den Deutschen Reichsbund für Leibesübungen hat der Reichssportführer von Tschammer und O st e n mit dem Reichsamtsleiter Dr. W. Stang der NS.-Kulturgemeinde in der NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude" am 26. November eine Vereinbarung getroffen. Der Sinn der Arbeitsgemeinschaft ist, den deutschen Leibesübungen mehr als bisher inneren Gehalt zu geben.
Nachstehend der amtliche Wortlaut der Vereinbarung:
F r a n k f u r t a. M., 27. Nov. (LPD.) Wie über- all im Reich, beging auch in Frankfurt die NS.- Gemeinschaft „Kraft durch Freude" ihren ersten Geburtstag in feierlichem Rahmen. Die eindrucksvolle Kundgebung im Hippodrom wurde eingeleitet durch den Kaisermarsch, gespielt vom Landessymphonleorchester. Nachdem die Fahnen der DAF. eingebracht waren, erschien, lebhaft begrüßt, Reichsstatthalter Gauleiter Sprenger.
Der Reichsstatthalter führte in seiner Ansprache aus, die NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude" habe in dem ersten Jahr ihres Bestehens ihre Daseinsberechtigung nachgewiesen. Sie habe dies getan durch ihre Veranstaltungen, vor allem aber durch die Art ihrer Freizeitgestaltung.
Im Mittelalter sei der deutsche Handwerker mit seinen Gesellen zu einer Familie verbunden gewesen. Herrliche Werke seien damals entstanden. Die Maschine habe die Entfremdung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer herbeigeführt. Der Unternehmer habe nicht mehr an sein Werk gedacht, sondern nur noch an den Profit. Der deutsche Arbeiter habe in einem freudlosen Dasein dahingelebt. Alle Versuche einer Aenderung seien fehlgeschlagen.
Schon in der Zeit des Kampfes der Bewegung seien der Führer und alle seine Mitarbeiter bestrebt gewesen, den deutschen Arbeiter dem deutschen Volke wieder zuzuführen. Jeder Volksgenosse sollte sich wieder als vollberechtigtes Mitglied der Volks- aemeinscliaft betrachten. Schon im Mai vorigen Jahres feien Pläne zu dem großen reformerischen Werk beratschlagt worden. Heute am Jahrestag der NS.-Gemeinschaft könne man mit Stolz auf das Geleistete zurückblicken.
Der Reichsstatthalter dankte dann besonders dem Landesobmann der DAF., sowie dem Gauwart der NSG. „Kraft durch Freude", v. R e k o w s k y , sowie dessen Mitarbeitern für ihre Arbeit, durch die in kurzer Zeit schon ein so hoher Stand der Entwicklung erreicht worden sei.
3m ersten 3ahr des Bestehens der Organisation hätten im Gaugebiek 2674 Feieradendveranstat- tungen stattgesunden, 98 157 Volksgenossen hätten an Land- und Tagesfahrken, 7582 an Seefahrten und 5220 an Sportkursen teilgenommen. Insgesamt seien von den 3 026 260 Einwohnern des Gaues rund 1,9 Millionen durch die „Kraft durch Freude"-Veranstaltungen erfaßt worden.
Das sei ein außerordentlich hoher Hundertsatz, der die Hoffnung zulasse, daß im Laufe der Entwicklung alle deutschen Volksgenossen Freizeitgestaltung, Urlaubsreisen usw. genießen könnten. Jeder müsse freudig wieder an feine Arbeitsstätte zurückkehren; das aber sei der Sinn der Arbeit der Gemeinschaft „Kraft durch Freude". Rüstig und mit freudig leuchtenden Augen solle jeder an seiner Arbeitsstätte stehen und Werke deutschen Geistes und deutschen Frohsinns schaffen. Jeder solle so künden von der Zeit des herrlichen Aufbaues in Deutschland.
Als der Reichsstatthalter geendet hatte, fand ein Gemeinschastsempfang der großen Berliner Kundgebung in den Werkstätten der AEG. mit Reichsorganisationsleiter Dr. Ley, Reichsminister Dr. Goebbels und dem Stellvertreter des Führers Reichsminister Heß als Redner statt. Ein dreifaches Sieg-Heil auf den Führer und der Fahnenausmarsch beschlossen den ersten Teil der Veranstaltung.
erschließe die Reize unseres Vaterlandes, biete jedem deutschen Volksgenossen. Da der Deutsche
Dos Wimms nm Enn.
Roman von Rainer Selben.
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.)
1. Fortsetzung. Nachdruck oerboten!
„Was haben Sie, Borgloh? Sie sehen ja so traurig aus? Ich dachte, Sie kommen mit strahlender Miene an. Denn nun ist es ja gewiß, daß Sie nach Afrika gehen. Herrgott, wenn ich noch einmal so jung wäre wie Sie! Wenn ich noch einmal an Ort und Stelle meine Studien aufnehmen könnte, ich wüßte nicht, was ich vor Freude machen würde. Und Sie? Freuen Sie sich benn nicht?"
Forschend sah van Koster in das kluge, lebendige | 'Gesicht des jungen Chemikers.
„Na, nun heraus mit der Sprache, Borgloh! Was «bedrückt Sie? Ist es das Unbekannte, das vor Ihnen | fsteht? Aber Sie sind doch nicht der Mensch, sich vor «etwas Unbekanntem und vor neuen Erlebnissen zu i sfürchten? Was ist es also?"
Er hatte seinen Arm herzlich um die Schultern Friedrich Borglohs gelegt und wies auf eine kleine 5 Korbsesselgruppe, die an der einen Seite des Labo- f iratoriums stand.
„Setzen wir uns, Borgloh, und erzählen Sie mir."
Friedrich Borgloh saß einen Augenblick da und sah nachdenklich vor sich hin. Ein weicher Schein war in seinen ernsten, grauen Augen, als er nun - sagte:
"„Sie haben recht, Herr Professor! Ich müßte mich ; eigentlich viel mehr freuen. Und wenn ich daran i denke, daß ich einer so interessanten, unbekannten Welt entgegensehe, wie sie das Land am Sambesi Darftellt, wenn ich weiter daran denke, daß ich nun sozusagen an der Quelle unserer Forschungen und «lUntersuchungen sitzen werde, dann bin ich stolz und ubanfbar.
Was mir meine Freude nur etwas mindert, ist Der Gedanke der Trennung. Ja, Herr Professor, ich muß es einmal aussprechen: Sie sind mir in diesen i)rei Zähren so viel geworden wie ein Vater. Ihr ^)aU5 ist für mich eine Heimat geworden, die mich !den Verlust meiner Lieben beinah vergessen ließ. Und die kleine Eva ist mir so ans Herz gewachsen, roie eine Schwester es nicht mehr könnte. Sie wer- ven begreifen, daß mich die Trennung von Ihnen allen wirklich bewegt. Und ich möchte Ihnen heute io ei dieser Gelegenheit einmal von Herzen für alles wanken, was Sie an mir getan haben."
Seine Stimme war unsicher geworden. Er mühte üch vergebens, feine tiefe Bewegung zu meistern.
Professor van Koster sah gütig in das von innerer Erregung durchleuchtete Gesicht.
„Von Dank sollen Sie mir nicht sprechen, Borg- 2h. Wenn ich Ihnen etwas gegeben habe, so haben
Die es mir reichlich zurückgegeben. Ihr Arbeitseifer und Ihr echtes Forschertalent haben mich alten Mann immer wieder beschwingt, wenn ich müde werden wollte. Ihre Treue und Fürsorge für mich waren wie die eines Sohnes. Dor allem aber hat es mich beglückt, daß meine kleine Eva so an Ihnen hängt. Wir verlieren auch viel, Borgloh, wenn Sie ge>hen. Und hätte ich nur einen anderen Menschen gewußt, dem ich die Forschungen am Sambesi an- oertrauen kann, ich hätte Sie weiß Gott nicht ziehen lassen. Aber höher als meine persönlichen Wünsche muß mir die Wissenschaft stehen. Als die Anfrage von Oxford und des Tropeninstituts hier nach einem geeigneten Forscher kam, war es meine Pflicht, Sie zu nennen. Ihre Pflicht ist es, zu gehen, lieber Borgloh. Bedenken Sie, wenn Sie den Erreger dieser unbekannten Sumpfkrankheit wirklich entdecken, so ist das für die Menschheit von ungeheurem Segen. Außerdem können Sie stolz sein, daß gerade Sie als Deutscher von bet englischen Regierung mit । dieser ehrenvollen Aufgabe betraut wurden."
„Das bin ich auch, Herr Professor", war Friedrich Borglohs aufrichtige Antwort. „Und nun Sie mir alles so darstellen, fühle ich auch, wie meine Freude über alle persönlichen Empfindungen siegt. Schließlich — drei Jahre sind ja kein Leben. Nach drei Jahren werde ich wieder hier sein. Und wenn Sie mir Ihre Freundschaft und Ihr Vertrauen bewahrt haben, so wird alles so schön sein, wie es zuvor war."
Professor van Koster lächelte etwas schmerzlich.
„Wie sicher ihr jungen Menschen in bezug auf die Zeit seid. Drei Jahre, mein guter Friedrich, sind nicht viel, wenn man zwischen dem zwanzigsten und dreißigsten Lebensjahre steht. Aber sie sind sehr viel, wenn man die Schwelle der Sechzig überschritten hat. Da zählen drei Jahre sehr stark mit."
„Aber bei Ihnen doch nicht, Herr Professor. Sie beschämen doch noch die Jüngeren an Arbeitskraft und Elastizität."
Professor van Koster machte eine abwehrende Handbewegung.
„Das ist vielleicht mehr das Ergebnis meines Willens, Friedrich, als das Ergebnis der tatsächlich vorhandenen Kräfte. Ich fühle mich oft sehr müde und alt. Aber ich will es nicht zeigen. Ich hätte auch zu Ihnen nicht davon gesprochen, wenn es nicht ein Abschiednehmen auf viele Jahre fein würde. Und da habe ich eine Bitte: Wenn Sie zurückkehren, bleiben Sie meiner kleinen Eva der gute Freund, der Sie waren! Verlassen Sie sie nicht! Denken Sie daran, daß ich sie keinem Menschen so gern anvertrauen möchte wie Ihnen. Halten Sie Ihre Hände über Eva, wenn ich einmal nicht mehr" — seine Stimme senkte sich —, „nicht mehr sein sollte!"
Friedrich Borgloh legte seine Hände fest m die ausgestreckten van Kosters.
„Das gelobe ich Ihnen, Herr Professor, bei allem, was mir heilig ift Aber nun", fuhr er mit gewoll
ter Munterkeit fort, „wollen wir an diese Dinge gar nicht mehr denken. Ich bin überzeugt, ich treffe Sie in drei Jahren so frisch und tatkräftig an wie jetzt, da ich mich nun bald von Ihnen verabschieden muß."
„Das will ich auch hoffen, mein lieber Borgloh; aber was das Schicksal auch bestimmen möge — ich habe Ihr Versprechen für Eva. — Sie werden über Eva wachen!"
„Ich werde über sie wachen, Herr Professor!" gab Friedrich Borgloh fest zur Antwort.
2. Kapitel.
Es war, als hätten die trüben Vorahnungen von Kosters das Unglück herbeigerufen. Mitten in die Reisevorbereitungen Friedrichs, die van Koster noch mit allem Interesse begleitete, kam eine plötzliche schwere Erkältung van Kosters. Mit der an ihm gewohnten Energie versuchte er zunächst, die Krankheit zu unterdrücken. Die besorgten Mahnungen Evas und auch Friedrich Borglohs, sich ein paar Tage Bettruhe zu gönnen, beantwortete er mit den ungeduldigen Worten:
„Man muß einer Krankheit nur zeigen, daß man ihr nicht nachgeben will, dann geht sie von ganz allein. Ich habe jetzt gar keine Zeit, krank zu fein. Ihr wißt, wir haben noch den letzten Vortragsabend in der Tropengesellschaft, an dem ich den Vorsitz führe. Es findet noch eine große Diskussion über unsere Sumpffieberforschung statt. Da will ich selbst dabei sein und eingreifen."
Keine Mahnungen Friedrichs und Evas halfen. Van Koster bestand darauf, an diesem Abend noch den Vorsitz in der Medizinischen Gesellschaft zu führen.
Es war einer der Wintertage, in London, die mehr einem Herbsttag ähneln.
Nebel lag dick und rötlich über der ganzen Stadt. Ihre Feuchtigkeit drang durch alle Fensterritzen und Türen. Als van Koster, von Friedrich begleitet, in einem Auto zum Tropeninstitut fuhr, schlug ihm beim Heraustreten aus feinem Haufe dieser dicke, feuchte Nebel entgegen. Er schauerte zusammen. Ein heftiger Hustenstoß erschütterte ihn. Nur mit Not und Mühe hielt er sich an dem Abend aufrecht. Sein Vortrag, sonst so zündend und temperamentvoll, war heute matt, von vielfachem Husten unterbrochen.
Friedrich Borgloh sah mit Besorgnis, wie die Züge van Kosters müde wurden. Er brachte den Erschöpften nach Hause, und nun half es van Koster nichts, er mußte sich zu Bett legen.
Der sogleich herbeigerufene Arzt stellte eine heftige Grippe fest und verordnete strengste Bettruhe.
Friedrich Borgloh war tief bekümmert. Gerade jetzt mußte er fortfahren, da der verehrte Mann krank war! Aber ein Aufschub der Reise war nicht möglich. Die Schiffspassage war bestellt. Drüben erwarteten ihn bereits die zusammengestellte Expe
ditionskolonne von Eingeborenen und zwei englische Aerzte, die sich mit ihm zusammen ins Quell» gebiet des Sambesi begeben wollten. Unmöglich, daß er aus privaten Gründen die Reise hinauszögerte.
„Ich fahre in großer Unruhe ab, verehrter Herr Professor!" sagte er am Vorabend feiner Reife, als er an van Kosters Bett saß. „Wer wird sich jetzt um Sie und Ihre Angelegenheiten kömmern, während ich fort bin? Vor allem — Eva wird einsam sein."
„Machen Sie sich keine Sorgen", war die etwas mühsame Antwort van Kosters. „Ich habe meine einzigen Verwandten, Herr Parkins und feine Frau, aus Edinburg, gebeten, herzukommen. Es sind Angehörige meiner verstorbenen Frau. Parkins lebt seit langem als Rentier in Edinburg und kann durchaus abkommen. Die Parkins sind gar nicht böse darüber, ein paar Wochen die Saison in London mitzumachen. Sie werden mich bei Eva vertreten, solange ich krank bin."
„Nun, hoffentlich wird das nicht lange dauern, verehrter Herr Professor", sagte Friedrich herzlich. „Ich bin wirklich beruhigt, daß ich Eva jetzt nicht allein weiß, und daß sich vor allen Dingen Angehörige um Ihre Pflege kümmern werden."
Leider war es Friedrich Borgloh nicht möglich, diese Verwandten, von denen van Koster nur selten gesprochen hatte, noch kennenzulernen. Ihre Ankunft war zwar einen Tag vor feiner Abreise festgesetzt. Im letzten Augenblick vor seiner Abreise kam ein Telegramm der Parkins, daß sie erst am nächsten Tage eintreffen tonnten.
So mußte Friedrich Borgloh abreifen, ohne die neuen Hausgenossen van Kosters gesehen zu haben. Eva begleitete ihn zur Bahn. Ihr zartes, liebes Gesichtchen war von Trennungsschmerz erfüllt. Ihre Augen standen voll Tränen. Sie bekämpfte mühsam das Weinen.
Friedrich Borgloh ging auf dem rauchigen, kalten Bahnsteig von Charing Croß mit Eva van Koster auf und ab. Er hatte seinen Arm leicht unter den des jungen Mädchens geschoben.
„Nun, kleine Eva, Mut, Mut!" sagte er. „Sehen Sie, dem Vater geht es schon wieder besser. Doktor Musgrave war heute, wie er mir sagte, mit dem Ergebnis der Untersuchung recht zufrieden. Wenn alles so weiter geht, kann Ihr lieber Vater in wenigen Tagen schon aufstehen. Und ich, kleine Eva, ich werde Ihnen viel und oft schreiben. Sie sollen einmal sehen, was für interessante Neuia- feiten ich zu berichten haben werde. Und ehe mir es uns versehen, wird die Zeit hingehen."
Sie nickte und versuchte ein tapferes Lächeln. Aber um ihren Mund zitterte es.
Seltsam gereift sah ihr Gesichtchen jetzt aus irt dem Schmerz des Abschieds.
(Fortsetzung folgtI)


