M. IM vierter Blatt
GietzenerAnzelger (General-Anzeiger für Gberheffen)
§amrtag,28.Zuli (934
Vor 20 Jahren.
Oie Tragödie der 13 Soge. — Ein Zeitkalender der Tage des Kriegsausbruchs vom 23. 7. —
Der sechste Tag: 28. Juli.
Graf Berchthold gibt die serbische Antwortnote vom 25. August bekannt. — Randbe- merkung Wilhelms II. zur Hole: „Damit fällt jeder Kriegsgrund fort, und Giesl hätte ruhig in Belgrad bleiben sollen. Daraufhin hätte ich niemals Mobilmachung befohlen." In einem Schreiben an Iagow schlägt der Kaiser vor, Oesterreich die vorübergehende Besetzung Belgrads als Faustpfand zu empfehlen. Vethmann übermittelt den Vorfchlag nach Wien.
Inzwischen, 11 Uhr: Kriegserklärung Oesterreich-Ungarns an Serbien; Ablehnung der englischen Vermittlung; Einstellung der direkten Verhandlungen mit Rußland.
Abends: Telegramm Sasonows an die russischen Botschafter zur Mitteilung an die Regierungen: Rußland werde am nächsten Tage die T e i l - Mobilmachung gegen Oesterreich-Un- g a r n erklären.
Der siebente Tag: 29. Juli.
1 Uhr (Eingang in Berlin 1.10 Uhr): 1. Telegramm Zar Nikolaus' II. an Kaiser Wilhelm II.: „Bin froh, daß Du zurück. Ein unwürdiger Krieg wurde an ein schwaches Land erklärt. Entrüstung in Rußland, die ich völlig teile, ist ungeheuer." Folgt Kriegsandrohung Rußlands und Bitte um Beeinflussung Oesterreichs.
Mit diesem kreuzt sich ein am 28. entworfenes, am 29. um 1.45 Uhr abgesandtes Telegramm des Kaisers: Hinweis auf serbische Wühlarbeit und Bitte um Unterstützung seiner Bemühung um Verständigung zwischen Oesterreich und Rußland.
Die Grand Fleet läuft nach ihrer Kriegsstation Scapa Flow aus.
Rußlands diplomatische Vertreter melden den Regierungen die russische Teilmobilmachung. — Grey kbiederholt seinen Vorschlag einer Botschaf- terkonferenz, macht einen mit dem Faustpfandvor- schlag des Kaisers sich deckenden Vermittlungsvorschlag und spricht klar aus, daß, „wenn Oesterreich nicht auf den Krieg gegen Serbien verzichte, der Weltkrieg unvermeidlich sei".
Die deutsche Regierung rät Wien dringend zur Annahme und drängt energisch, Meinungsaustausch mit Rußland nicht abzulehnen. — Warnungen der deutschen Regierung nach Paris und Petersburg.
L h u r ch i l l erläßt an die englische Flotte das „warning telegram“ (Bedeutung der „drohenden Kriegsgefahr"); Heer und Flotte treten in das letzte Stadium vor der Mobilmachung. — Der Zar gibt feine Zustimmung zur Anordnung der General- Mobilmachung. — Die Oesterreicher beschießen Belgrad.
16.40 Uhr: Beratungen in Potsdam. — 17 Uhr: Ministerrat in Paris.
4. 8.1914.
Generalstabschef von Moltke verlangt vom Reichskanzler baldige Klarheit „vom militärischen Standpunkt aus", da „die militärische Lage für uns von Tag zu Tag ungünstiger wird" und dies „zu verhängnisvollen Folgen für uns führen" kann.
18.30 Uhr: 2. Telegramm des Kaisers an den Zaren: „Oesterreichs Vorgehen ist kein unwürdiger Krieg." Rußland solle als Zuschauer verharren; Hinweis auf seine Vermittlungstätigkeit und dringende Warnung vor Fortsetzung militärischer Maßnahmen.
In der deutschen Geschichte finden wir immer wieder Zeitabschnitte, in denen die Staatsgewalt erlahmte und die tiefgehende Erschütterung^ der deutschen Daseinsgrundlagen plötzlich die Dolks- kräfte selbst zu Widerstand und Tat weckte. Aus dem Zusammenbruch der Staatsgewalt und den plötzlich aufbrechenden Lebensquellen des nunmehr ungeschützten Volkstums selbst erwuchsen Bewegungen und Taten von geschichtsbildender Macht. Gerade der tausendjährige Kampf des deutschen Volkes mit dem immer wieder vorstoßenden westlichen Nachbarn hat zu solchen Entladungen elementarer Kräfte geführt, die einen Ausgleich für das Fehlen staatlicher Geschlossenheit und staatlichen Machteinsatzes gegeben hat. Es ist bezeichnend, daß diese Kraftdurchbrüche vom Volke her nicht nur den äußeren Gegnern unheimlich waren, sondern auch den im Besitz der innerstaatlichen Scheingewalt befindlichen, von der eigentlichen Volksentwicklung losgelösten Machthabern gelegentlich verdächtig gewesen sind. Das Zeitalter der napoleonischen " Kriege und seine Folgeerscheinungen weist hier Ähnlichkeit mit der jüngst vergangenen Zeit, mit den Abwehrkämpfen des deutschen Volkes gegen Separatismus und Franzosenpolitik im deutschen Westen auf.
Im Entscheidungskampf um den Rhein im Herbst 1923 hat es sich als ausschlaggebend erwiesen, daß deutsches Volkstum stark war und Volk selbst die Geschichte machte. Damals, als ein mehr als zweifelhaftes deutsches Staatswesen in den Fieberzuckungen der Hochinflation, des Bürgerkrieges und der fremden Besatzung seine Grenzen nicht schützen konnte und sich mit höhnisch zu den Akten gelegten papierenen Protesten begnügen mußte, als Bismarcks Werk am Zerbrechen war und die Feinde sich schon des Sieges sicher fühlten, da geschah das „Wunder", daß Volk den deutschen Staat rette t e. In jener Zeit wurde durch das Volk selbst die Voraussetzung für den Abstimmungskampf des deutschen Saarvolkes geschaffen. Jenen Taten ist es zu verdanken, daß die Saarlands heute an deutsches Reichsgebiet grenzen und nicht an einen pseudo- autonomen Puffer st a a t französischer Prägung. Mit aller Klarheit und Schärfe muß
Telegramm Safonows nach Paris: „Der Krieg ist wahrscheinlich unvermeidlich."
20.20 Ahr: 2. Telegramm des Zaren an den Kaiser: Klage über der Haltung des Kaisers widersprechende Mitteilung Pourtales'; Vorschlag, Haager Schiedsgericht zu befassen.
21.12 Uhr: Lichnowsky meldet: Grey kündigte Aufgabe englischer Neutralität für den Fall deutsch-franzöfischen Krieges an.
22 Uhr: Umwandlung der allgemeinen Mobilmachung Rußlands durch den Zaren in Teilmobilmachung gegen Oesterreich.
Vethmann Hollweg zu Goschen: Wenn England neutral bleibt, erstrebt Deutschland selbst im Siegesfalle kein Gebiet Frankreichs.
Mitternacht: Die russische Teilmobilmachung ist in die Wege geleitet.
man sich gerade jetzt dieser Tatsachen und ihrer Bedeutung wieder bewußt werden, denn wenn der Kampf an der Saar auch um die Frage der staatlichen Zugehörigkeit eines deutschen Grenzlandes geht, so ist es doch jetzt wiederum das Volk selbst, das diesen Kampf aus seinen eigenen stärksten Wesenskräften heraus führt.
Das deutsche Volk an der Saar ist seit Kriegsende in allen entscheidenden Fragen seiner Haltung auf seine eigene gesunde Lebenskraft gestellt worden. Im staatlichen Sinne sind die unter dem mißverständlichen Namen Saargebiet zusammengefaßten Teile deutschen Landes vom Reiche und Preußen losgelöst und einer fremden Verwaltung anheimgegeben worden. Die sogenannte Völkerbundsregierung hat in| Wirklichkeit immer in der Linie der Politik Frankreichs gehandelt und hat alle Maßnah-- men unter dem Gesichtspunkt des Nutzens Frankreichs getroffen. Die Saarbevölkerung selbst hat nur eine Scheinvertretung erhalten, die ohne Einfluß blieb. Alle staatlichen Funktionen des Reiches waren hierdurch abgeschnitten. Auf wirtschaftlichem Gebiete erlebten wir die gleiche Preisgabe an eine fremde Machtsphäre. Der ganz überwiegende Teil des im Saarlande arbeitenden Kapitals, vor allem die Verwaltung der staatlichen Gruben, liegt in ausländischen Händen. Die zollpolitische Angliederung Frankreichs verstärkte die Druckmöglichkeiten, von denen das fremde Kapital, besonders als Arbeitgeber, rücksichtslosen Gebrauch gemacht hat. Die Zeugenaussagen im Röchling- Prozeß über die Methoden der französischen Verwaltungsschulen besagen genug.
Trotz dieser Abschneidung aller staatlichen Verbindungen und Schutzmöglichkeiten hat die deutsche S a a r b e v ö l k e r u n g die Bewährungsprobe bestanden. Sie hat in jahrelangem Kampf bis zum Letzten ihre Dolkswürde gewahrt und hat im letzten Jahre mit einer bewundernswerten Kraft die aus. Emigranten- und Separatistenkreisen infizierten Zersetzungsbazillen ausgeschieden. Nun steht sie in bewundernswerter Geschlossenheit bereit zur entscheidenden Probe. Trotz staatlicher Absperrung, trotz kleinlicher Behinderung der Organisationsformen und Lebens-
Deutsches Volkstum und Kamps an der Saar.
Von Or. Hans Steinacher, Veichsführer des VOA.
äußerungen der deutschen Erneuerungsbewegung und Begünstigung aller volksfremden, zersetzenden Kräfte durch die Regierungskommission hat die deutsche S a a r b e v ö l k e r u n g den seelischen Anschluß an das neue Deutsch- land gefunden, eben weil Volk eine organisch verbundene Einheit über künstliche Grenzen hinweg ist.
Wenn nun das deutsche Volk an der Saar zur Entscheidung gerufen wird, dann kämpft es nicht nur für sich selbst. Es trägt die Ehre, Würde und den Lebenswillen des deutschen Gesamtvolkes. Das Saargebiet ist vor allem Treuhänder für jene außendeutschen Grenzgebiete, die zum Teil unter noch schwererem Druck stehen und denen es nicht möglich gewesen ist, abzustimmen. So blicken in dieser Zeit nicht nur die Deutschen im Reich auf das Saarland, sondern vor allem auch jene in fremden Staaten lebenden und um die Erhaltung ihrer tiefsten Volkskrgfte kämpfenden Grenzlanddeutschen. Und hinter ihnen stehen im gleichen Gefühl letzter tiefer Verbundenheit und Anteilnahme die vielen Millionen Ausländsdeutschen, die niemals zu einer staatlichen Entscheidung ihres Schicksals antreten können, sondern die nur, auf ihr Volkstum gestützt, den Namen Deutsche' tragen. Ihre Abgeschiedenheit vom Reich währt nicht nur Jahre und Jahrzehnte, sondern in manchen Fällen schon Jahrhunderte. Ihre Geschichte ist häufig die Geschichte eines einzigen Kampfes gewesen, ihr Sieg war die Bewahrung des Volkstums.
Aus aller Welt.
hohe Strafen für 3uroelenräuber.
Vor der Großen Strafkammer in Freiburg i. B. standen der 28jähriqe Heinrich Riemann aus Obervellmar bei Kassel,der 21jährige Kurt Kölbel aus Chemnitz und der 25jährige Alois Jäger. Die beiden ersten hatten in der Nacht zum 21. Juni in das Juwelierverkaufshäuschen im Kurpark Badenweiler eingebrochen und Schmucksachen im Werte von 11 bis 12 000 Mark erbeutet. Das gestohlene Gut wurde teils in Karlsruhe, teils in Frankfurt a. M. und Köln zu Geld gemacht. Jäger war als Hehler tätig. Nachdem das Geld ausgegeben war, kehrten die Räuber nach dem badischen Oberland zurück, wo sie festgenommen wurden. Das Urteil lautete bei Riemann, der die treibende Kraft bei dem Raubzua war, auf fünf Jahre Zuchthaus und fünf Jahre Ehrverlust, gegen Kölbel auf zwei Jahre Gefängnis und zwei Jahre Ehrverlust und gegen Jäger auf zwei Jahre Gefängnis und drei Jahre Ehrverlust. Allen Verurteilten wurde die Untersuchungshaft angerechnet.
Die Waldbrände in Südfrankreich erloschen.
Bei den W a l d b r ä n d e n an der südfranzösischen Küste bei Toulon sind nirgends ganze Dörfer, Ortschaften oder Schlösser zerstört worden. Lediglich einige Baracken und zwei kleine Gutshöfe sind ein Raub der Flammen geworden. Ein italienischer Arbeiter ist im Rauch e r st i ck t. Der Sachschaden in den Forsten ist bedeutend. Die Waldbrände an sich sind erloschen; jedoch hat die Nacht über Militär vorsichtshalber die Brandstätten überwacht, um sofort eingreifen zu können, wenn das Feuer irgendwo wieder ausbrechen würde. Nach dem „Journal" sind bei den Waldbränden 20 000 Hektar Forstbestand zerstört worden. Es ist ein Sachschaden von insgesamt 30 Millionen Franks entstanden.
Wege, Oie öieEiWH.
Vornan von Gert Vothberg.
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.) Nachdruck verboten.
Er st es Kapitel.
„Leben Sie wohl, Farnhorst. Und beißen Sie die Zähne zusammen, wenn es ab und zu schwer sein wird. Aber Sie sind ein ehrenhafter Mensch und treu und fleißig. Das ist manchmal mehr wert als Geld. Ich hoffe, daß Sie mich auch einmal besuchen, wenn Sie einmal zu Ihrem Herrn Onkel auf Besuch kommen. Und — Farnhorst, hier hab ich nc4) etwas für Sie! Ich habe es* alljährlich mit meinem Lieblings-Abiturienten so gehalten. Und Ihre Arbeiten in diesem letzten Jahre waren wirklich prima, so daß Sie diese kleine Auszeichnung verdient haben."
Rektor Doktor Eckberg drückte dem langen, schmalen Abiturienten einen Hundertmarkschein in die Hand.
„Nehmen Sie nur, lieber Farnhorst. Es ist hübsch, wenn man ein paar Mark in Händen hat bei diesem Schritt ins wirkliche Leben."
„Gehorsamsten Dank, Herr Rektor!"
Die hellen grauen Augen Friedrich Farnhorsts strahlten. Auf diese Auszeichnung war er nicht gefaßt gewesen. Und fast krampfhaft drückte er die entgegengestreckte Rechte des Rektors. Der klopfte ihm dann auf die Schulter.
„Alles Gute, Fritz Farnhorst!"
Als Fritz Farnhorst inmitten der anderen Abiturienten saß, war dieses öde Verlassenheitsgefühl nicht in ihm gewesen. Aber als er jetzt am Strome hinschritt, da war dieses Gefühl in ihm.
Grau, trübe wälzten sich die Wellen dahin. Der Schiffahrtsverkehr war noch eingestellt. Darum wirkte der Strom traurig, häßlich. Im Sommer, wenn schmucke, weiße Dampfer fuhren, zahllose kleine Boote ihn belebten, große beladene Zillen ihre Lasten mühsam schleppten, der Strom selbst blaugrün aussah im festlichen Sommerkleide, die Wiesen ringsum ihn mit saftigem Grün umspannten, dann war es schön hier.
Langsam ging Friedrich Farnhorst weiter. Abituriententag!
Alle Kameraden hatten an diesem Tage ihre Angehörigen mit hier gehabt! Nur er nicht!
Seine Eltern waren früh verstorben. Der einzige Bruder seiner Mutter, ein von seiner Pension lebender alter Major, der weit vor dem Kriege mal an einer der berühmten „Ecken" gescheitert war, nahm ihn zu sich. Der war ledig geblieben. Und nur eine schweigsame alte Frau führte ihm den Haushalt. Die Pension war schmal. Sehr schmal! Und darum hatte der Herr Major diese mürrische alte Frau schon Jahrzehnte bei sich, weil sie monatlich nur fünfzehn Mark als Lohn nahm. Und dabei schaffte sie alles allein und kochte auch noch ausgezeichnet.
Fritz Farnhorst erfuhr vom ersten Tage an, daß er dem Onkel Major nur eine schwere Last
bedeutete. Und er begriff das! Begriff es vollständig!
Für die erste Zeit waren noch einige Sparpfennige der Eltern und der Erlös aus dem Verkauf der Möbel dagewesen. Dann aber kam es doch dahin, daß er dem Onkel gänzlich auf der Tasche lag.
Das bedrückte ihn unendlich!
Von der Unterprima an gab er Nachhilfestunden an wenig begabte jüngere Schüler. Er lief in Wind und Wetter von Haus zu Haus. Denn daß die Schüler ins Haus kamen, das litt die Engelhardten nicht.
„Die machen mir bloß meine Stuben dreckig!
Onkel Major nickte dazu mit dem Kopfe. Und so war die Sache erledigt. Nun konnte er sich wenigstens seine Bücher selbst kaufen. Und einen Teil zum Essen gab er auch. Auf dem Gymnasium besaß er eine Freistelle. Weil er Vollwaise war!
So ging das nun! Jahre ging es! Und es gab Tage, an denen daheim kein Mensch mit ihm fleuch.
Onkel Major schriftstellerte auch ein bißchen. Aber meist erhielt er seine kleinen Skizzen und Aufsatze zurück. Es mochte daran liegen, daß m oiefen Manuskripten eine bissige Schärfe nicht gefiel. Diese bissige Schärfe aber haftete dem Onkel Major als ständige Begleiterin an. Kam solch ein kleines Manuskript zurück, dann war Sturm auf der ganzen Linie.
Dieses Leben zwischen zwei altem musischen Menschen war vorbei! Er wurde sich durch vier bis fünf Studienjahre durchhungern! Im Grunde genommen würde es nicht einmal viel anders fern als jetzt. Er war oft genug hungrig schlafen gegangen, hatte dem Onkel gesagt, daß er keinen Hunger habe.
Aber ihm, dem jungen, ans Hungern gewohnten Menschen würde nun auch die Zukunft nichts ausmachen. Er würde während des Semesters noch Nachhilfestunden geben. Während der Ferien wurde er au s Land gehen. Monatlich fünfzig Mark gab der Onkel Ein Teil der Hochschulgebuhren wurde ihm erlassen Die fremde Stadt wurde neue Eindrücke hinterlassen. Fritz Farnhorst freute'sich au das fremde Neue. Und er freute sich, daß er für sich skin konnte. Endlich frei! Er konnte sein Leben gestalten, wie es ihm gefiel.
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ffienL du dich mal h-r°ng°sutt°rt hast, dann stichst iisenn uu j was die Dons Langer ist,
Me hat mir neulich gesagt, warum du eigentlich nie
mit dabei wärst, wenn's mal irgendwo lustig zugeht. Na, ich weiß ja — laß gut sein!"
Doris Langer blieb stehen, lächelte schelmisch, sagte:
„Nun? Und der Ball heute abend?"
„Ich werde nicht lange da sein."
„So? Und Ihre Dame?"
„Ich hab ja keine Dame!"
„Ich bin auch nicht eingeladen!"
Er hob ruckartig den Kopf.
„Max Blasken?"
„Nein! Ich wollte nicht."
„3a — Fräulein Langer, ich würde mich ja sehr freuen, aber in letzter Minute bittet man doch keine Dame mehr, und Ihren verehrten Eltern müßte ich ja dann auch noch einen Besuch machen."
„Oh, Vater ist verreist. Mutter würde gegen ein Uhr für Sie zu sprechen sein."
Ein jähes Gefühl der Freude durchzuckte ihn.
„Fräulein Langer, dann bitte ich Sie herzlich, mit mir heute abenb den Ball zu besuchen."
Ihre Hände lagen ineinander, und den jungen Menschen durchrieselte ein sonderbares Gefühl.
Sie gingen noch ein Weilchen nebeneinander dahin. An der Ecke drüben trennten sie sich.
Als Farnhorst an der hohen Mauer entlangschritt, die den Garten des Großkaufmanns Martin umgrenzte, da durchzuckte ihn plötzlich schreckhaft der Gedanke: Mein Gott, das kostet doch Geld! Was soll ich tun? —
Er konnte noch nicht nach Hause. Er mußte gleich sehen, Doris Langer noch zu erreichen.
Aber er erreichte sie nicht mehr. Sie mußte sehr schnell gelaufen fein. Da kehrte er um.
Ein ganz feiner Sprühregen kam herunter. Es war gut, daß die Wohnung des Onkels nicht mehr weit war.
Droben war Besuch.
Ein alter, weißbärtiger Mann. Major Wendelin Eichler stellte dem alten Herrn den Neffen vor. Und dann wandte er sich an Fritz:
„Höre mal, das ist dein Pate Wachlenburg."
Fritz begrüßte den Herrn freundlich. Er wußte, daß nur noch einer seiner Paten lebte außer Onkel Major. Eben dieser Wachlenburg! Nun war der jetzt gekommen, nachdem er sich lange genug nicht um ihn gekümmert hatte.
Sie saßen um den kleinen runden Tisch. Der Herr Wachlenburg wollte dies und das wissen. Fritz erfuhr, daß der Herr Pate in Westfalen eine große Fabrik besäße. Frau und zwei Töchter hatte. Nun rückte er mit dem heraus, was ihn hergeführt hatte.
„Gib das Studium auf, ehe du es angefangen hast. Junge! Es kommt nichts dabei heraus — glaub es mir altem Manne! Es kostet nur unnütz Geld. Wir haben keine großen Aussichten, als besoldete Akademiker unterzukommen. Es laufen gerade genug erwerbslos umher. Komm mit nach Langenwärde! Tritt als Lehrling in mein Büro ein! Und in einigen Jahren werden wir ja sehen. Wir werden sehen."
Herr Wachlenburg rieb sich die fetten Hände. Und schmunzelte dabei und warf väterliche Blicke auf den hübschen, großen Menschen, dessen Aeußeres ihm besonders gefiel.
„Nein!"
Klar, hart, fiel die Antwort ins Zimmer.
Onkel Major richtete sich auf. Seine weißen Schnurrbartspitzen zuckten. Das war immer ein Zeichen, daß ein Sturm im Anzug war, Aber er schwieg vorläufig noch. Er blickte nur unter den buschigen weißen Brauen hervor auf den Neffen, der zum ersten Male gewagt hatte, aufsässig zu sein.
Herr Wachlenburg aus Langenwärde sprach weiter: „Das große Glück wirst du erst später ermessen können. Ich denke schon, daß du übermorgen mit mir kommst. Bedenke, daß du dadurch dem Onkel Wendelin vollkommen von der Tasche kommst. In Wohnung und Kost bist du bei mir, und ein ansehnliches Taschengeld bekommst du auch. Ueberleg es dir lieber nochmals in Ruhe. Und hier hast du zwanzig Mark. Dein Onkel sagte mir, daß ihr heute abend euren Abschiedsball oder Abiturientenball habt. Kleines Techtelmechtel gehabt, wie? Muß natürlich fortfallen, mein Sohn! Mit dem Ziel, das ich mit dir vor habe, vereinbart sich das nämlich nicht."
Jetzt verstand Fritz Farnhorst diesen Mann, der ihn duzte, als sei er schon immer fein bester Freund gwesen, und der ihm doch so fremd war. Unendlich fremb!
Geld! Ich habe Geld! Ich kann also doch mit Doris Langer auf den Ball! Denn die hundert Mark vom Rex, die hätte ich doch nicht angegriffen! — Das war das erste, was er klar erfaßte. Dann aber sah er den Paten an.
„Ich habe mir meinen Beruf gewählt, und da lasse ich mich nicht abbringen. Ich werde Onkel Wendelin nicht auf der Tasche liegen, ich werde auf die fünfzig Mark monatlichen Zuschuß verzichten."
„Oho, was redet der Junge für große Töne?! Na, wollen sehen, wollen mal sehen, wie es in einem Jahre aussieht. Ich werde also keinen Zwang auf dich ausüben; ich denke, du kommst von selber nach Langenwärde!"
Herr Wachlenburg war jetzt sehr verschnupft, wahrte aber Haltung angesichts des Herrn Majors. Die Wachlenhurgs und die Eichlers hatten in einem Hause gewohnt. Daher kannten sich der Major und der jetzige reiche Fabrikherr aus Langenwärde. Die Eltern beider Herren waren sehr befreundet gewesen. Daher war es auch gekommen, daß Lisa Farnhorst, geborene Eichler, ihren Jugendfreund Georg Wachlenburg als Paten für ihren Jungen nahm.
Dem Major mochte das selbstgefällige Wesen Wachlenburgs nicht zusagen; aber er freute sich doch auch wieder, daß der reiche Jugendfreund noch an ihn dachte. Eigentlich war der so an die fünfzehn Jahre jünger als er. Und Lisa mar sechzehn Jahre jünger gewesen als er, Wendelin. Aber sie hatten sich doch recht gut vertragen. Vielleicht machte er, Wendelin, eine Respektsperson für beide gewesen fein. Er nahm das an. Nun aber hatte sich das Blatt gewendet. Jetzt beherrschte Wachlenburg die Situation!
Der Major stand auf.
„Hierher brauchst du nicht mehr zu kommen, wenn du starrköpfig bleibst", sagte er drohend zum Neffen hin.
(Fortsetzung folgt.)


