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Nr. 174 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheßen)

5amstag,28.Zulil9Z4

Und dann treibt

landes ...

W ü r t t e m b e rg 5. Armee unter K

Die

frei!

frei!

Die Die

1. Armee unter Generaloberst v. Kluck

2. Armee unter Generaloberst v. Bülow

3. Armee unter Generaloberst v. Hausen

4. Armee unter Herzog Albrecht von

auf: Die Die Die

Die

Szögyeny, des sephs, erscheint und dankt...

Und wenn wir heute zurückblicken auf die tatsäch­lichen unglückseligen Ereignisse dieses großen und unvergleichlichen Jahres 1914, so gewahren wir, daß eine unzureichende Führung eben aus diesem Grunde unzureichend handelte: aus dem geistlichen Tode. Wie wäre sonst der Rückzugsbefehl von der Marne zu erklären? Es fehlte die vollkommene Ge-

Durchbruch jener seelischen Einheit, die der erste Schritt zur deutschen Revolution war. Alle Ueber- fremdungen und Ueberlagerungen des Marxismus wurden hinweggespült von der Bereitschaft, Dienst an der Zukunft der Ration zu tun. Die Kräfte des Blutes siegten über die Ueberlegungen des Intellekts. Walter F l e x, der 1917 auf Oesel

Wie aus einem Traum schreckte das Volk empor. Aber das beängstigende WortKrieg" lähmte nur einen Augenblick den Atem, dann brach der Lebens­wille, der' Glaube an die eigene Kraft und den Sieg mit freudiger Opferbereitschaft durch. Manchen er­schien diese Lösung wie eine Befreiung von schwe­rem Alpdruck. Seit der Konferenz von Algeciras 1911, in der sich Deutschland einer geschlossenen Front von Gegnern gegenüber sah, wußten wir, daß wir allein in der Welt standen. Frankreich sann auf

_________ _______ ron prinz Wilhelm

6. Armee unter Kronprinz Ruprecht

von Bayern

7. Armee unter Generaloberst v. Herin­

gen. ________________

Unaufhörlich rollten die Züge nach West und Ost. Bis zum 20. Tage waren alle Mobilmachungstrans- '" 5 ins Einzelne festgelegt. Die nach dem

wißheit von der eigenen Sendung, von dem heiligen Recht dieses deutschen Krieges. Dieses tödliche Feh­len ließ Bethmann-Hollweg vor dem Forum der Welt vom deutschen Unrecht an Belgien reden und so das heilige Rechtsgefühl schänden, das unser Volk eben noch geeint hatte zu jeder Tat. Blut war auf Verantwortung der leitenden Männer ver­gossen worden aber es hatte nicht die alles rei­nigende, rettende Blutweihe ausgebreitet auf die Führenden. So waren sie nicht mehr von Gottes Gnaden, und des Volkes schauderndes Eins- gefühl zerfiel.

Und so wurde das Wirklichkeit, was Franz Schauwecker später in die Worte gefaßt hat: Wir mußten den Krieg verlieren, um die Ra­tion zu gewinnen.

Ungeheuer erwächst aus solcher Wertung des Er­lebten die Verantwortung der Gegenwart. Jetzt er­füllt sich Zug um Zug alles, was damals, dunkel geahnt, sich als Aufgabe des Schicksals stellte. Ueber- windung des seelischen Todes, Erneuerung des Eins- gefühls des Volkes, Erfüllung des Worts, das gilt fürs spätere Gericht: all das wird heute als innere Notwendigkeit des deutschen Lebens empfunden. Nach zwanzig Jahren schließt sich der Kreis. Wie­der brach dieJugend auf, wieder riß sie die Fahne hoch, die Fahne mit der Sonnenrune, wieder fühlte sich ein Geschlecht eins in seiner Not. Jetzt muß die Seele ins Licht finden aus Grabesdunkel, und das heilige I a ! zu dem größten aller Kriege, dem deutschen Volkskriege von 1914, muß zu einem Ja! zu dem heiligen Er wachen der deutschen Seele werden.

gefallene Dichter, hat diese Stimmung des Jahres 1914 festgehalten:Mein Glaube ist, daß der deutsche Geist im August 1914 und darüber hinaus eine Höhe erreicht hat, wie sie kein Volk vor­dem gesehen hat. Glücklich jeder, der auf die­sem Gipfel gestanden und nicht wieder herabzustei­gen braucht. Die Nachgeborenen der eigenen und i fremden Völker werden diese Flutmarke Gottes über 'sich sehen an den Ufern, an denen sie vorwärts

Wie das getier der wälder das bisher Sich scheute oder fletschend sich zerriß Bei jähem Brand und wenn die erde bebt Sich sucht und nachbarlich zusammendrängt: So in zerspaltner Heimat schlossen sich Beim schrei D e r K r i e g die gegner an ... ein hauch Des unbekannten eingefühls durchwehte Von schicht zu schicht und ein verworrenes ahnen Was nun beginnt ... Für einen augenblick Ergriffen von dem welthaft hohen schauer Vergaß der feigen fahre wüst und tanb Das Volk und sah sich groß in seiner m>t.

Morgen marschieren wir

Soldatenweife.

Morgen marschieren wir in Feindesland, Mädchen, so reiche mir nochmal dn Hand. Ob ich einst Wiederkehr', ist einerlei;

Wenn nur das Vaterland, wenn Deutschland

Gib mir noch einen Kuß, mach' kein Gesicht; Und wenn ich sterben muß, dann weine nicht.

Kämpfen und siegen, ja! Bin gern dabei, Wenn nur das Vaterland, wenn Deutschland

als die 9cot klein und gar nicht mehr zur Größe emporreißend schien 1917 sandte der große Dich­ter Stefan George dies als Anfang feines Ge­dichts vom Krieg unter die Verzagten, die Hell­sichtiggewordenen und die tapfer Widerstehenden. Damals lag das schon weit zurück, das Schaudern vor dem Jnbild unseres Volkes, das sich für kurze Wochen groß erschienen war in seiner Not ... Weit zurück lagen die Tage des Kriegsausbruchs, und alle ahnten nun wieder etwas: etwas Bedrückendes, das aber nicht mehr das Einsgefühl stärkte und zur Größe des Selbstgefühls hinriß.

Es klangen längst in den Seelen Georges bittere Klagen erst:

Wo zeigt der mann sich der vertritt? das wort Das einzig gilt fürs spätere gericht?

Das war der Keim der Angst, war das ver­worrene Ahnen gewesen: das Wort in jenen großen Tagen war schal und der Glaube, der Berge ver­setzt, konnte nicht von ihm geweckt, geschweige denn gestärkt werden. Und dennoch ergriff derwelthaft hohe schauer" das Volk! Dennoch fand sich in der im Innersten zerrissenen Nation das gewaltige Ja! zu seinem Kriege. Es war sein Krieg das war von jenen unvergeßlichen Julitagen des Jahres 1914 an Gewißheit.

zittert heute nach zwanzig Jahren noch das bei dem Gedenken.

*

Wer das an der alten Siegesstraße erlebte, dem ' Herz

Oer Aufmarsch im Westen

Don Friedrich Wilhelm Heinz.

Oie Kosaken kommen!

Eine Erinnerung an Ostpreußens Tlof vor zwanzig Zähren.

bon Gerhart Tilk.

Heiße Julitage brennen über ostpreußischem Grenzland. Hastig rollen Wagen über holprige Dorfstraßen. Es ist Erntezeit, und die Scheunen warten auf den Segen göttlicher Gnade und fleißi­ger Bauernhände. Wolken ziehen im Nordosten auf, immer dunkler und düsterer, und die Wagen rollen noch schneller. Es ist Ernte! Dies ist der In­halt jeder Stunde, jedes Tages bäuerischen Schaf­fens, da gibt es kein Gedankenfpinnen. Und doch bei aller Haft sieht man heute die Fuhrleute der Wagen, die aneinander vorbeifahren, einen Augen­blick anhalten und bedenkliche Worte tauschen. Es ist doch etwas, was sie aus dem Gleichmaß ihrer Arbeit herausreißt, was sich zwingend in ihren Ge­dankenkreis drängt, seit dort unten in Serajewo jene verhängnisvollen Schüsse fielen. Ja, es ist so, als führen sie nur deshalb so hastig, um schnell an den Gevatter Nachbar heranzukommen, der mor­gens in der nahen Stadt zum Markt war. Es tut sich was, das merkt man jedem an, ten man sieht, mit dem man spricht. Da sind die Gedanken trübe und die Augen. Die Worte kommen stoßweise, zagend. Aber im Innern schwirrt es durcheinander, drängend, quälend. Und doch will es nicht über die

Zunge. Aber auf einmal ist es heraus. Krieg!

Nun ist es ausgesprochen, das, was wochenlang quälend auf der Seele lag. Um acht Uhr stehen die Bauern vor der Schule und reden hastig mit dem Lehrer. Der hat ein Telephon und soll in der Stadt anfragen. Die Kühe sind auf der Weide, die Ernte­wagen rollen noch mit den Knechten über die Dorf­straße aber die Bauern stehen hier vor der Schule. Da jagt plötzlich ein Wagen vom Feld zurück, noch einer und noch einer. Die Bauern heben die Köpfe. Kommen sie schon?

Ja, sie sind da die Kosaken sind da! Im Nach­bardorf sind sie, der Franz vom Stessen hat es ge­sagt. Und es kommen andere Wagen, keine Erntewagen, sondern Wagen, die sehen fremd aus und so grauenhaft ernst. Wagen, die vielleicht die karge Ernte eines Lebens bergen, ein paar Betten, Hausrat und Menschen mit angstvollen Gesichtern. Flüchtlinge.

Sie kommen! In allen Häusern rast die W Alle Hoftore stehen weit offen, die Wagen lagen durch die schmale Ausfahrt, sie rasen von Dorf zu Dorf, bald zu einer endlosen Reihe ^ch^"d, mit gehetzten Menschen, die der Tod lagt Denn das> ist der Tod das weiß jeder an der russischen Grenze, wenn es' heißt, die Kosaken kommen. In jedem lebt wie eine unheimlich°n E grauen Tagen als Tataren mordend und brennend m ost- nreuhitoes Land einfielen. - Lange Rauchfahnen Rehen am fiimmel. Schüsse peitschen hell und dr°h- k!en dumpf u7d nach jedem Drbhnen eme neue ^Sneinem dichten, versumpften Waldstück, das sich wie eine Kalbinsel in den See schiebt, kauert em SMÄÄ ^ÄnÄ bUÄe*qhsie0n^Trettet -°Doch die HSSSS? Sug/^ie Pferde d Ersten Wagens stürzen getroffen zusammen Em

Pntrinat fid) dem Bauern, der sie fuhrt. Eine M»Ä/»rnäel la'stt ihn Dom Wagen gleiten. Die Mwerke pralles aufeinander Hinter ihnen brennt Dori Um sie herum geifert der Mord aus a05 S nnn Kewehrlaufen und Pistolenmundun- Ln De Leher fp^ ngt °om Wagen und stellt sich benDfföte. «r bittet um Schonung für den

Fall' ich durch Feindeshand in blutgem Strauß, Ruh' ich im Feindesland mach' dir nichts draus! Wenn nur das Vaterland, wenn Deutschland frei! Wenn ich nicht Wiederkehr' was ist dabei?

Oer Volksausbruch.

Zwanzig Jahre sind verflossen, seit das deutsche Volk aus tiefstem Frieden zu den Waffen gerufen wurde. Es ist schwer, die Wirkung zu schildern, die der Befehl zur Mobilmachung auf die damalige geruhsame Zeit ausgeübt hat. Jeder war eingespon­nen in den Kreis seiner eigenen kleinen Sorgen und Wünsche, jeder lebte dem Tag und seinen Hoffnun­gen. Was waren nun plötzlich all die gewichtigen Pläne: wo man die Sommerferien verbringen wolle, wie man sein Geschäft erweitern könne, was aus dem Heranwachsenden Jungen würde, ob man sich wohl ein kleines Sommerhäuschen bauen könne?---Wie mit eiserner Faust griff das

Schicksal in dieses Spielzeug der Gedanken. Blitz­schnell standen die großen Zusammenhänge des DaseinsHeimat"Deutschtum" vor Augen, um­brandet von Haß und Dernichtungswillen, bedroht durch feindliche Uebermacht.

baten gewesen wären.Wo sind sich eure Soldat", spricht er weiter in gebrochenem Deutsch.Sie sind fort".Das is nicht warr, Zivilisten haben ge­schossen". Da meint ein anderer, er könne alle Häuser durchsuchen, er würde auch nicht eine Flinte finden. Darauf läßt er Frauen und Kinder aus den Häusern holen, sie an eine Wand stellen und bedeutet uns, daß er sie alle erschießen ließe, wenn er auch nur eine Waffe finden würde. Ein Bild des Jammers! Kinder hängen an ihren Müttern und weinm. Alte Frauen liegen auf den Knien und beten. Und vor ihnen starren wohl zwanzig Flintenläufe, jeden Augenblick bereit, sicheren Tod zu speien. Der Offizier läßt die Häuser durchsuchen. Gottlob, er findet nichts. Die Todgeweihten sind gerettet. Der Dorfschulze tritt heran und bittet den Offizier, doch nun das Dorf zu schonen, sie hät- ten sonst keine Bleibe mehr.Nicht angesteckt meine Leute", gibt er als Antwort,sind gewesen Preu­ßen". Der Schulze deutet mit der Hand nach einem Haus, wo eben Kosaken dabei waren, es zu entzünden.Es ist Krieg", bedeutet er uns und wendet sich ab.Pascholl!" hallt ein Kommando, und weiter jagte der Zug landein.

Abends kommen sie wieder, zurückgeworfen von deutschen Patrouillen. Wir spannen an und fahren in die nahe Stadt. Dort werden gerade Plakate an­geklebt, die den Mobilmachungsbefehl enthalten. Wir Ostpreußen an der Grenze hatten den Krieg erlebt, ehe er eigentlich da war. Nun ging es weiter, Tage und Wochen. Hin und her wogte der Kampf in, Plänkeleien und kleineren Gefechten. Der Schauplatz war unsere Heimat, die mehr und mehr zu einem .Schutthaufen wurde. Es kamen Tage, da sahen 'wir überhaupt keinen deutschen Soldaten mehr. Aber Rußland wälzte Mlllionen- heere über die Grenze zum entscheidenden Sieg, zum Marsch auf Berlin. Tief und dunkel hingen die Fahnen des Schicksals in unsere Tage. Endlos die Stunden des Wartens, die Wochen des Ban­gens. Aber wir harrten und warteten auf Rettung. Wir waren Deutsche an der Grenze des Daterlan- des, wir glaubten an Deutschland. Dieser Glaube qab Macht, gab uns Kraft, ließ uns aushalten. Und er wurde Wirklichkeit, leuchtete auf wie Glorie über aller Not und Bitterkeit, er wurde Wahrheit in Tannenberg! Noch heute nach zwanzig Jahren schlägt das Herz schneller, wenn es als (Er­innerung durch die Erzählung eines Deutschen huscht, der dabei war: Die Kosaken kommen!

Plan des genialen Grafen Schliessen sollten alle deutschen Westarmeen zwischen Aachen und Straß­burg aufmarschieren, um bann mit ihrem rechten Flügel in weitem Bogen durch Belgien oorzustoßen, noch über Paris hinausgreifend, den linken Flügel der Franzosen zu umfassen und von rückwärts von der Meeresküste her die ganze französische Armee gegen die französischen Ostfestungen und die Schweizer Grenze zu drücken.

Wenn die Führung nur etwas vom Geiste des zu früh verstorbenen Grafen Schliessen besaß, wenn auch in ihr der Geist des kühnen Wagemuts vom August 1914 brannte, dann mußte sich ein neues Cannae bereiten, dann mußte die größte Schlacht seit Erschaffung der Erde mit einem deut­schen Siege enden. Aber Generalod'erst v. M o l t k e , ein müder und verbrauchter Mann, ohne Glauben an seine eigene Ueberlegenheit und damit ohne Glauben an den Sieg, verwässerte den sieg­verbürgenden Schlieffenplan von An­beginn an. Nach Schlieffen sollte das Kräftever­hältnis des rechten zum linken Flügel 7 zu 1 be­tragen. Moltke änderte das Kriegsverhältnis um in 3 zu 1. Ein entsetzlicher und verhängnisvoller Irrtum, wie sich einige Wochen später erweisen sollte.

Sieben deutsche Armeen marschierten, von rechts nach links gezählt, zwischen Aachen und Straßburg

Verheißung 1914...

rZen Eurt Hohel, GOS.

Wer es mit wachen Sinnen erlebte, dem muß schon die Erinnerung einen Schauder körperlich er­regen: Juli 1914... Wer jung war in diesem Jahr, der steht heute in den Mannesjahren und blickt zurück wie in einen blutroten Nebel ... Tau­sendmal ist es gesagt und geschildert worden: dieser Äufbruch, diese ersten Zeichen, die Straßen und Plätze in Berlin, als sich auf Millionen Blätter end­lich das niederschlug, was geheim und nur geahnt von uns jungen Menschen in den Zimmern der Staatsmänner vor sich ging.

Ein Abend in der letzten Juliwoche: junge Män­ner treibt es in die Stadt hinein, die von Gerüchten wimmelt, vyn Flugblättern überflutet ist. Dom Potsdamer Platz bis zum Brandenburger Tor in Berlin gehen sie wie im Traume, gezogen von einem ungeheuren Schicksal...

Oesterreich hat an Serbien wegen des Mordes von Serajewo ein Ultimatum gerichtet! Und nun sehen die Augen der jungen Männer, der Studen­ten und Kaufleute, plötzlich etwas ganz Unerhörtes: durch das Brandenburger Tor kommt ein Zug wild erregter Männer, Jünglinge, wer weiß, was sie sind? Einer reitet an der Spitze auf den Schul­tern eines anderen und schwenkt die schwarzweißrote Fahne ... Der Zug wächst mit jeder Minute, wir laufen mit, am Reichstag vorbei, über Rasen und Beete, kein Polizeibeamter hält uns auf: zur österreichisch-ungarischen Botschaft! Da, in der Sei­tenstraße, wo sonst nur einzelne Menschen sittsam

Flüchtlingszug. Ein Reiter hebt seinen Säbel zum Schlag. Der Offizier knallt ihm die Reitpeitsche um die Ohren. Da läßt der andere seinen Säbel sinken. Als der Offizier den Weg zur Stadt weiß, läßt die Horde ab und zieht weiter. Die Flüchtigen sind ge­rettet. Sie kehren heim und glauben an Menschlich­keit. Im Dorf wütet der Brand. Am Dorfeingang liegt der alte Nachtwächter mit zerspaltenem Schädel. Krieg! Ein Haus ist unversehrt geblieben. Es wird Obdach für viele.

Die Dämmerung sinkt hernieder. Wir steigen eine kleine Anhöhe hinauf, um besser beobachten zu können. UeberaU steht der rote Schein brennender Dörfer am Himmel. Dumpf fallen Schüsse. In der Richtung auf die Stadt knattern sie heftiger. Die Sorge läßt uns nicht lange schlafen. Der Morgen dämmert. Heftiges Feuer kommt näher. Da, nicht weit von uns wieder Reiter. Das Glas an die Augen. Gottlob, es sind Deutsche. Von der Straße zur Stadt her stiebt eine Staubwolke. Die Reiter verschwinden im Walde. Die Staubwolke aber um­fängt zurückjagende Kosaken. Hinter ihnen her knat­tern Maschinengewehre.' Aus dem Walde fahrt ihnen Feuer in die Flanke. Hundert, zweihundert rasen an uns vorüber. Hinter ihnen zwanzig preu­ßische Dragoner, wie wir es eine Stunde später wußten. Das Herz will jubeln. Einige schwenken die Mützen. Da knallt eine Salve zu uns herüber, noch eine aber getroffen wird keiner. Nicht weit von uns liegt ein Äbbauhof. Noch im Zuruckjagen wirft sich ein Kosak vom Pferd und schleudert den Brand in die gefüllte Scheune, wo hinter Wänden eingefahrenes Getreide auch das Vieh versteckt ist. Ein alter Knecht springt hinzu und will den Frev­ler hindern, ein Säbelhieb streckt ihn zu Boden. Krieg!

Am Nachmittag kommen andere Russen. Ein Gewirr von Menschen, vertierte Kreaturen, jagt über die Grenze. Noch ehe wir zum zweiten Male die Wagen anspannen, sind sie da. Weiße, Gelbe, Braune, Kalmücken und Baschkiren, Kosaken mit roten Biesen und Kirgisen in blauen Hosen. Immer wieder loht die Brandfackel auf. Auf der Straße stehen Dorfbewohner. Diele haben sich versteckt, aber ein Teil steht hier. Ein russischer Offner sprengt an sie heran.Jk werde verbrennen das Dorf und alle Leute totschiehen. Hier haben gestern Zivilisten auf unsere Soldat geschossen . Der Lehrer tritt hinzu und beteuert, daß es unsere Sol-

Gleich zu Beginn des Vormarsches brachte ein kühner, aber außerordentlich verlustreicher Hand­streich die Festung Lüttich in deutsche Hand. Hier zeichnete sich General Ludendorff, der spätere Generalstabschef Hindenburgs, besonders aus. Aber schon hier zeigte es sich, daß die Friedensausvil- düng die Führer allzu sehr der Gefahr aussetzte. Manche Regimenter verloren fast das gesamte Offi­zierskorps. In den Jubel über den ersten großen Sieg mischte sich die erste stille Trauer vieler deut­schen Mütter.

Am 14. August, eine Woche nach Lüttich, begann die französische Südarmee ihre Offensive. Schliessen hatte vorgesehen, dieser Offensive auszuweichen und unbekümmert um das französische Eindringen im Südelsaß die große nördliche Umgehung zu begin­nen. Generaloberst v. Moltke aber verlor auch hier die Nerven. Er erlaubte der Armee des baye­rischen Kronprinzen am 20. August die Gegenoffen­sive. So kam es zurLothringer Schlack) t"< Es war hie erste Großschlacht des Welt­krieges. 328 deutsche Bataillone kämpften gegen 420 französische und errangen dennoch den Sieg. Aber es mar kein Sieg, der eine Entscheidung brachte. Die Franzosen wichen hinter ihre Festungs» linie zurück, wo sich der deutsche Angriff totlief, und die vielen Tausende und Zehntausende, die tot auf dem Schlachtfeld oder zerschossen in den Lazaretten lagen, fehlten im Norden, wo die Armeen Klucks, Bülows und Hausens in Gewaltmärschen durch Bel­gien hetzten.

Vor den deutschen Fahnen beugten sich die fran­zösischen Armeen und das englische Landungskorps. Unaufhaltsam drangen die gewaltigen Heersäulen in Frankreich vor. Die Heimat hielt den Atem an, läh­mendes Entsetzen packte Franzosen und Engländer. Bei Mons, bei St. Quentin, bei Charterst, an der Maas, bei Maubeuge, bei Namur, in den Argon- nen, überall entwickelten sich die deutschen Armeen zum Angriff und warfen Frankreichs und Englands beste Armeekorps im ersten Sturm. DieDicke Berta", das in aller Stille gebaute 42-Zentimeter- Geschütz, zerschlug die feindlichen Sperrbefestigun- gen, die ersten deutschen Flieger erschienen über Paris, schon packte die französische Regierung ihre Koffer, das Weltgericht schien über Frankreich her- eingeb'rochen, das Poincarö in den Krieg gehetzt hatte.

gehen, wo Generalstäbler zum Amt eilen, wo die Wagen der Diplomaten rollen, dort sammelt sich eine Menge erregter Menschen, schreit hinauf zum Balkon des würdigen Palais, wo jetzt die ehrwür­dige altväterische Gestalt des ungarischen Grasen Botschafters Kaiser Franz Jo-

Das ward uns Deutung des Erlebten zwei Jahre ges!" ,v. . 9 m ,

Später, als der Krieg in den Alltag geraten war, stehen können, als sie jetzt aufmarschlerte^nach^

etwas befangen für den Jubel

I Bis zum 20. Tage waren alle Mobilmachungstrans-

W1VU VUHH es die jungen Männer jeden Porte bis ins Einzelne festgelegt. Die nach dem Abend nach der Tagesarbeit die alte preußische Via Westen führenden Bahnlinien waren mit täglich triumphalis entlang, dieLinden", wo die Menge; 660 Zügen belegt, lieber den Rhein bei Köln fuhren wächst und wächst, wo das Schicksal immer deut- in der Zeit vom 2. bis 18. August rund 2150 Zuge lieber sich formt, wo die jungen Männer plötzlich in westlicher Richtung. Also alle 10 IRinuten etwa erleben, was ein Volk ist, eine Nation, was das ein Zug. Insgesamt sind auf den deutjchen Bahnen schicksalsschwere WortPolitik" eigentlich bedeutet Zu Kricgsbeginn rund 11 100 Krlegstransporte mit . Und sie sehen in all den Gesichtern ein Flackern,' etwa 3 120 000 Mann und 860 000 Pferden befor- Widerschein wie von einer riesigen Flamme: dert worden. Wie em wundervoll durchkonstruiertes ^rieq ! j Mischinenwerk lief der Mobilmachungsplan des

3a, es ift wie ein Taumel und doch ist ein tiefer, j deutschen Generalstabe- ab

feierlicher Ernst über alledem: all das Schreien1 Und wahrend die beutle Mannschaft singend und Rufen, das Singen und Jubeln, das Streiten hinauszog, um auf den Feldern der deuftchen Ent- und Fürchten all das ist in eins geschlungen: scheidung für die gute Sache der Heimat zu streiten Jekt geht es um uns, um Deutschland, um Blut und zu sterben, vollzog sich im ganzen Volke der und Erde, um Ehre und um das Dasein dieses her

plötzlich fchreckensvoll geeinten Volkes und Vater-

Vor zwanzig Jahren....

Erinnerungen an große Tage der deutschen Opferbereitschast im Dienste des Vaterlandes

chreiten." r, , .

Marschall Foch bekennt vom deutschen Heer des Jahres 1914:Oh dieses deutsche Heer des August 1914! Es war ein herrliches Instrument des Sie-, ges'" Was würde der deutschen Feldarmee wider-

Pnnnpn sie iekt aufmarschierte? Nach dem I