Nr. 75 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien) Dienstag. 27. März t93j
Auf derIagd nach dem„guienTon"
Eine Reportage hinter den Senderaum-Kulisien. - Ein Hörspiel wird geprobt. Junkregie in der Kinderstunde. - Freud und Leid mit prominenten.
Wenn Sie so bequem daheim in Ihren vier Wänden sitzen, und nur auf einen Knopf zu drücken brauchen, damit ein geistiges „Tischlein-deck-dich vor Ihnen erscheint: Orchester- und Kammermusik in Ihrem Zimmer erklingt — der berühmte X. y. Ihnen rasch mal etwas oorsingt oder vorspielt — Herr Professor Vielgereist Ihnen von seiner letzten Uebersee-Expedition erzählt — eine Opern-Auffuh- rung, ein Hörspiel Sie in Phantasiegefilde entfuhrt denken Sie dann auch manchmal daran, wieviel sorgsame Vorbereitungsarbeit hinter jeder dieser einmaligen, rasch verklungenen Sendung des Rundfunks steckt — wieviel Neuartiges ausgedacht und ausprobiert werden mußte da hinter den „akustischen Kulissen" im Senderaum, um Ihnen ein befriedigendes „Hörbild" ZU bieten? Sie wissen: die Hauptschwierigkeit der Rundfunkdarbietungen liegt darin, daß Sie — der Hörer — ja nur „Fernteilnehmer" sind, der lediglich auf sein Ohr angewiesen ist: nichts von dem sieht, was im Senderaum vor sich geht. Die akustische Wirkung allein muß alles geben, alles darstellen. Sie können sich denken, wie sein ausgewogen und ausgeprobt darum jede Nüance werden muß. Und dieses Ausprobieren ist besonders schwierig, weil man ja im Senderaum selbst keinerlei Urteil haben kann, ob die beabsichtigte akustische Wirkung auch tatsächlich erreicht wird. Denn — zweite „Hauptschwierigkeit" der Funk-Probenarbeit — es kommt gar nicht darauf an, wie die Sache „in natura" klingt, sondern lediglich daraus, wie s i e „d u r ch k o m m t". Und das können die Ausübenden selber nicht hören: das hört nur derjenige, der außerhalb des Senderaums die Sendung aus einem Lautsprecher vernimmt, nachdem sie bereits das Mikrophon passiert hat.
Nehmen wir also einmal an, im Deutschlandsender soll ein Sendespiel aufgeführt werden. Alle Mitwirkenden sind im „Großen Sendesaal" bereits versammelt. Bevor nun nach kleiner prinzipieller „Verständigungs-Unterhaltung" die eigentliche Probe beginnt, verläßt der Regisseur und Probenleiter den Saal, und schließt fest hinter sich die schalldichte Doppeltür. Im Vorraum — am ebenfalls schalldichten Glasfenster, das „freie Aussicht" in den Sendesaal gewährt — sitzt schon der „Techniker vom Dien ft"» an seinem Schalt- tisch bereit. Ein Hebeldruck: nun sind die Mikrophone im Saal „in Betrieb" — aber nur auf unfern Vorzimmer - Abhörraum eingestellt, in dem wir jetzt jeden Laut, der darin erklingt, durch den Lautsprecher vernehmen — genau mit demselben Klang, den Sie nachher bei der Aufführung daheim hören werden.
Der Probenleiter macht von dem Glasfenster wenig Gebrauch: er stellt sich so, daß er nur hört, nicht sieht, um seinen akustischen Eindruck genau so unbeeinträchtigt von Visuellem zu erhalten, wie Sie nachher beim Empfang der Sendung. Will er den Mitwirkenden seine Anweisungen geben, so schaltet er mit einem Hebeldruck so um, daß im Senderaum gehört wird, was im Vorraum gesagt wird — während sonst unser Gespräch im Abhörraum unhörbar für die da drinnen ist. Ein nicht ganz ungefährliches technisches Zauberhaus mit unzähligen geheimen „Dionysos-Ohren" — dieses Funkhaus!
Unser Stück beginnt mit einem sogenannten „Sprecher", der in epischer Erzählung eine einleitende Vorgeschichte bringt. „Nein — so geht das nicht. Dieser Sprecher muß sich ganz anders von den handelnden Personen nachher abheben", erfolgt gleich die erste Probenunterbrechung. Friesvorhange werden um die Saalwände gezogen, und der „Sprecher" wiederholt seine Erzählung. Aber die beabsichtigte „raumlose Nachwirkung" dieser unpersönlich gedachten „Stimme" ist noch nicht so recht da. Auch die nun unternommene Verbannung des „Sprechers" in eine Saalecke, verbarrikadiert hinter einer Schrägwand, nützt noch nicht genug. „Wir müssen ihn ins Zelt stecken" meint der Regisseur. „ ,.
Und nun wird die „erzählende Stimme am hintersten Saalende in ein enges, dicht von dicken Friestüchern verhängtes „Verließ" gesperrt das
dort befindliche Mikrophon eingeschaltet — und iehe da: nun hören wir draußen durch den Laut- precher tatsächlich eine eigentümliche körperlos und geisterhaft im Raum schwebende „Stimme", die aus viel größerer Nähe auf uns einzusprechen scheint, als die dann wieder einsetzenden „handelnden Per- onen", die teils im Senderaum „auf einem freien Zlatz" zu agieren haben — teils in einer Nische hinter einem halbvorgezogenem Vorhang „akustisch abgeblendet" eine intime Unterhaltung" „in einem Zimmer" zu führen haben.
Manche „Experimentier-Pause" gibts noch, als die vorher so schön ausgewählte Schallplatte in Aktion treten soll, die mit Schlagzeug-Musik die Illusion eines vorbeiziehenden antiken Heeres geben soll. Bald klingt sie zu hart ins Gespräch hinein, o daß der Text undeutlich wird — bald zwingt ie durch zu leisen Klang zu ablenkendem Hinlauschen ... so gibt es schon in diesem funktechnisch einfachen „L e h r s p i e l" tausenderlei zu überlegen und auszuprobieren: akustische „Feinwirkungen", die Sie nachher nur unbewußt und stimmungsgemäß empfinden — von denen aber die „Funkwirksamkeit" des Ganzen vollständig abhängt.
Vor Probenbeginn telefoniert der Techniker ins Laboratorium hinunter: „Bitte Wachs einschneiden — ich gebe bald das Zeichen zum Beginn der Aufnahme." Jetzt — nach Beendigung des ersten Aktes des Stückes — gibt er nach unten die Weisung: „Bitte Platten abspielen", und nun hören die Sprecher im Senderaum die ganze, auf Wachs- platten aufgenommene Probe. Sie hören sich selber — hören die anderen Mitwirkenden — hören die „Geräuschkulisse" — genau so alles, wie der Hörer daheim es aus seinem Lautsprecher vernehmen wird. Und nun — auf Grund dieses Funkhörbildes, das jeder Mitwirkende durch die Wachsplattenvorführung bekommen hat — beginnt die Probenkritik des Regisseurs, setzt die allgemeine Beratung über noch zu Aenderndes ein beoor man dann das Ganze in „zweiter, mehrfach verbesserter Auflage" wieder durchprobt — wieder auf Wachsplatten abhört — wieder verbessert ... Im „Kleinen Sendesgal" hat mittlerwelle schon die Probe zur „Musikalischen Kinder-
Zialien mit über 300 Köpfen beteiligt.
Italien wird mit seinen besten Athleten in Berlin sein und stellt seine ganze enthusiastische und aufrichtige Mitarbeit für das gute Gelingen der XI. Olympischen Spiele zur Verfügung ..." Mit diesen Worten hat das Italienische Olympische Komitee durch seinen Sekretär, General G. Vaccaro, in einem Schreiben an das Organisationskomitee für die XI. Olympiade die deutsche Einladung zu den Winter- und Hauptspielen des Jahres 1936 angenommen. Ferner hat das Italienische Komitee bereits eine Berechnung mitgeteilt, wie sich seine Expedition für die Winter- und für die Hauptspiele schätzungsweise zusammensetzen wird. Das Komitee rechnet, um die wichtigsten Ziffern zu nennen, mit 40 Wettkämpfern für die Leichtathletik, ebenfalls 40 für das Fechten, 30 für das Schwimmen, 24 für Rudern, 16 für Boxen, 14 für Radfahren, je 10 für Skilaufen, Turnen ufw., zusammen mit 267 Aktiven. Unter Hinzunahme der Trainer, Masseure und Begleiter wird eine Zahl von 329 Köpfen für die ganze italienische Expedition angesetzt.
LISA prüft die Wohnfrage.
Die Vereinigten Staaten von Nordamerika prüfen bereits die Wohnfrage. Der Leiter des Unter-
t u b e" begonnen. Mit Feuereifer und gänzlich ohne Mikrophonfieber singen, fiedeln, blasen, trommeln die kleinen Gäste da drinnen nach den Anleitungen ihres sie und die „Hörkinder" im ganzen Land gleichzeitig instruierenden Lehrers drauflos. Sache des im Vorraum intensiv lauschenden Probeleiters ist es nun, die von den kleinen Musikanten improvisierte Sendung auf ihre „Funkwirksamkeit" zu prüfen. Hier gilt es, keineswegs die Kinder durch zu viel Anweisungen kopfscheu zu machen, und fast alles muß durch geschickte Plazierung bald ferner, bald näher zum Mikrophon abgetönt werden. Als der kleine Tambour zu sehr losdröhnt, sucht der Probenleiter das ganze Funkhaus nach einem leichteren Trommelschlegel ab, denn auf leisere Handhabung seitens des Kindes im Eifer des Gefechtes bei der Sendung kann man sich nicht verlassen, und alle „belehrenden Ermahnungen" würden (selbst im allerleisesten Flüsterton geäußert) vom empfindlichen Mikrophon aufgefangen und unfreiwillig „veröffentlicht" werden.
Nach der Kinderstunde proben zwei „Prominente" — Rezitatoren. Auch in diesem Solistenproben ist die Wachsplatte ein unentbehrliches Hilfsmittel: unerbittlich und unbestechlich gibt sie dem Probekandidaten wieder, was tatsächlich „durchgekommen ist" ist. Freilich: sehr oft kennt der Ausübende sein eignes Organ und seine eigene Vortragsweise so wenig, daß er nicht glauben will, daß er es tatsächlich selber ist, den er da von der Wachsplatte reden oder singen hört. Eine reizende derartige Episode erlebte ich selber im Funkhaus gerade mit. Ein Sänger schmetterte mit Heldengehabe feine, kleine Lieder ins Mikrophon — krampfhaft bemühte sich der Techniker „w e g z u- st e u e r n" — diese „Liederstunde" drohte die Wände eines jeden Zimmers, in das sie die Aetherwellen tragen sollen, zu sprengen. Taktvoll-vorsichtige Ein- üäkümerungsversuche des Probenleiters blieben unverstanden. „Bitte, die Platte" telefoniert er mit einem letzten „Hoffnungsstrahl" nach unten. Und schickt nun dem Stimmgewaltigen mit in seine „Kraftprobe" hinein das bereits auf Wachs Fixierte. Zunächst hört der überhaupt nichts — dann sucht er die „Störung noch zu übertönen — schließlich verstummt er lauschend — lauscht voll Entzücken — und meint am Schluß: „Also so soll ich's mache n." — Keineswegs hat er seine eigene Darbietung wiedererkannt — aber ihm schiebt so entschieden dieser Klang auch innerlich vor, daß er I seine eigene Stimme auf der Platte für eine ihm zur Unterweisung vorgeführte Musterdarbietung
I hält. Mar ein.
bringungsausschusies der amerikanischen Mannschaft für die Olympischen Spiele, Charles L. O r n- st e i n, hat mitgeteilt, daß er, wenn möglich, im kommenden Sommer Berlin besuchen werde, um an Ort und Stelle die Unterbringungsmöglichkeiten für die Mannschaften, die Offiziellen und die sonstigen amerikanischen Sportfreunde zu studieren, und hat gebeten, ihm die nötigen Unterlagen nach Neuyork zu schicken.
Griechenland und Bulgarien kommen.
Außer Italien haben sich nunmehr auch noch Griechenland und Bulgarien der Reihe von Ländern zugesellt, die die amtlichen deutschen Einladungen für die Spiele des Jahres 1936 angenommen haben. Aus dem Mutterlande der Olympischen Spiele ist dem Berliner Organisations-Komitee mitgeteilt worden, daß die griechische Jugend nicht verfehlen wird, an diesen „Festen der sportlichen Brüderlichkeit!" teilzunehmen. Das Bulgarische Olympische Komitee hat über die Annahme der Einladung hinaus die Hoffnung ausgesprochen, daß es ihm gelingen wird, eine Mannschaft von mindestens 80 Köpfen nach Berlin zu entsenden. Damit erhöht sich die Zahl der Länder, die die deutsche Einladung für die Spiele des Jahres 1936 endgültig angenommen haben, auf elf.
Verbilligte Schiffsreisen.
Die Transatlantischen Schiffahrtsgesellschaften haben auf Antrag des Norddeutschen Lloyds beschlosen, eine Ermäßigung von 20 Prozent auf die Preise von einfachen Hin- und Rückfahrten zu gewahren. Die Vergünstigung kommt den Wettkämpfern, ihren Führern und Begleitern sowie den Mitgliedern des Internationalen und der Nationalen Olympischen Komitees zugute. Die Ehefrauen und Kinder unter 18 Jahren dieser Personenklassen sind in die Vergünstigung mit eingeschlossen — ein Entgegenkommen, das bei stüheren Olympischen Spielen nicht vorgesehen war.
Und Deutschland ...
Allein der Umstand, daß die XI. Olympischen Spiele in Deutschland stattfinden, legt dem deutschen Sport besondere Verpflichtungen auf. Aus allen Ländern werden aber auch Vorbereitungsmaßnahmen und Leistungen gemeldet, die alles bisher Da- gewesene in den Schatten stellen, so daß schon ganz außergewöhnliche Anstrengungen erforderlich sind, um eine unserer Nation würdige Beschickung der Wettkämpfe zu gewährleisten.
Die deutschen Sportverbände, in deren Hand die Wettkampfvorbereitung liegt, haben inzwischen ihre Pläne bekanntgegeben. Ihre Aufgaben erhalten durch die vom Reichssportführer von Tschammer und Osten geschaffene Vereinheitlichung und Krafte- konzentration, ferner durch seine ideelle und materielle Unterstützung die denkbar beste Förderung« Das Jahr 1934 dient allgemein noch der Talentsuche. So erfolgt planmäßig im ganzen Reiche die Suche nach dem „unbekannten Sportsmann" durch Wettkämpfe, die an bestimmten Sonntagen und offen für alle Deutschen einheitlich im ganzen Reiche durchgeführt werden. Daneben sammeln alle Verbände in besonderen kurzfristigen Sichtungskursen mit anschließenden Sichtungswettkämpfen alle sich zur Verfügung stellenden Turner und Sportsleute«
Nebenher und anschließend wird die Spezial* ausbildung für die Talente durchgeführt nach Maßgabe der von den einzelnen Verbänden ge- sammelten Erfahrungen. So sollen in der Leichtathletik „Trainingsgemeinschafte n", die sich über das ganze Reichsgebiet ausbreiten, alle ausbildungsfähigen Athleten an jeweils einem Ort ohne Rücksicht auf Vereinszugehörigkeit erfassen und schulen. Die sich aus diesen Trainingsgemeinschaften und den laufenden Wettkämpfen herausschälende Olympia-Stamm-Mannschaf t erhält weitere Ausbildung in Sonderkursen im Trainingslager Ettlingen. Wettkämpfe gegen ausländische Gegner werden Kampferfahrung und Kampfhärte vermitteln. Am Schluß des Jahres wird sich fo eine Olympia-Kernmannschaft ergeben haben, für deren weitere Förderung dann neus Richtlinien ausgestellt werden.
In ähnlicher Weise sind die Schwimmer, Schwerathleten, Turner, Boxer, Radfahrer, Fechter ufw. bei der Arbeit. Bei den Ruderern stützt sich die Vorbereitung in erster Linie auf die Mannschaften namhafter Ruderklubs: doch wird auch hier Sammlung und Sichtung nicht außer acht gelaßen, und die Mannschaften werden durch entwicklungsfähige Kräfte ergänzt.
Besichtigung der Olympia-Negattabahn
Der Reichssportführer von Tschammer und O st e n besichtigte am Freitag im Beisein von Vertretern des Finanz- und Innenministeriums, des Olympia - Bauausschusses usw. erneut die Grü- nauer Regattabahn, die bekanntlich der Schauplatz der Olympischen Ruderwettkämpfe im Jahre 1936 sein wird. Die Neugestaltung der klassischen Kampfstätte wurde an Hand der Pläne nochmals eingehend geprüft und besonderer Wert soll auf den Ausbau der Zufahrtsstraßen gelegt werden. Der Bauausschuß wird alle erörterten Fragen einer weiteren Prüfung unterziehen und sodann die Pläne dem Reichsinnenministerium zur Genehmigung vorlegen.
Neuer deutscher Oameu-Schwimmrekord.
„Nixe" Charlottenburg, Deutschlands erfolgreichster Damen-Schwimmverein, stellte am Sonntag im Berliner Postbad einen weiteren deutschen Rekord auf und schwamm innerhalb der 12 mal 100-Meter- Lagenstaffel mit den Damen Arendt, Engel-
Olympia1936: Die Rationen berichten
Hat man das Brot für die letzten Tage vor dem Sterben auch verdient, es ist immer ein hartes Brot, es wird einem nicht nachgetragen, man muß es holen, und es ist nun einmal so auf dieser merkwürdigen Welt, daß die Ehren nicht immer auf jene fallen, die ihrer würdig find.
Es war nun so, daß die Greisin die Verwunderung der Leute über ihr langes Leben wohl spürte, vielleicht mochte auch der eine oder andere lieblose Spott an ihr Ohr geweht worden sein, doch sie meinte, es stünde ihr nicht zu, Klage zu führen — wer würde ihr auch sein Ohr geliehen haben? — und sie mußte schweigend in sich tragen, was man ihr an so spätem Kummer auflud. Sie rächte sich auf ihre Weise, indem sie an dem Kummer der anderen nicht teilnahm, als die Südslawen in das Land einbrachen. Sie hatte ihre paar Blumentöpfe, einen Platz an der Sonne, die Hoffnung auf den baldigen Tod; sie lebte kaum noch auf dieser Welt. Was kümmerte sie also diese seltsame Unruhe der Menschen?
Aber da trat eines Tages eben der Mann, bei dem sie monatlich das viele Geld in Empfang zu nehmen hatte, und der die Gabe nicht jedesmal durch ein freundliches Gesicht, ein aufmunterndes Wort vermehrte, der eben auch ein kleiner, beladener, leidender Mensch war, in die dumpfe Greisenwohnung ein, und er brachte einen vollen Korb, und das Weiblein sah plötzlich auf ihrem Tisch Dinge ausgebreitet, von denen es längst kaum mehr träumte: Schmalz, gebrannten Kaffee, Zichorie, Mehl, Zucker, und der Mann sagte, auch die Armen sollten Sonntag haben und alles gehöre ihr, der Miadl, jawohl, ihr allein.
Da berührte sie denn in der Furcht, es wäre nur ein schöner Traum, die Dinge mit ihren zitternden Händen, unter deren wächsernen Haut die ounnen blauen Adern hinliefen, sie sog den starken Geruch des gebrannten Kaffees ein, und sie wurde ein wenig schwindlig davon, sie legte ein Stuck Zucker auf die Zunge, nahm es zwischen die Fluger, betrachtete es und schob es wieder m den Mund. Dann weinte sie ein wenig.
Es vergingen ein paar Tage tn dem Gluck des netten Besitzes, da kam ein anderer Mann, einer von den Fremden, die jetzt im Dorfe waren, und auch er brachte Kaffee, Zucker, Petroleum — die
Frau Salomo. ■
Von Joses Friedrich perkonig.
Die kleine wahre Geschichte, die hier zu erzählen sein wird, ereignete sich im schmerzensreichen Sommer des Jahres 1920, als in allen Ohren noch der grvße Lärm des abziehenden Weltgewitters nach- hallte. Da hörte man in Deutschland nicht den kleineren Lärm aus dem fernen, halb unbekannten Kärnten, das sich anschickte, seine Stimmen zu sondern in jene, die dieses schöne liebe Land auch weiterhin deutsch haben wollten, und jene, die es den Südslawen auszuliefern beschlossen, da standen im Schatten tapfere unvergeßbare Manner, die m die Geschichte eingehen werden, doch damals nannten kaum die nächsten ihre Namen. Wie hatten da andere kleinere Leute zu ihrem Recht kommen können sie, die einzeln ja gar nichts waren als Stimmen, die nicht gewogen, sondern nur gezahlt wurden, die nur zusammen ein Volk ergaben, das 'ich am 10. Oktober eben dieses Jahres 1920 an der Irne zu entscheiden hatte. .
Doch jetzt ist es an der Zett, von den kleinen, ernsten und lustigen Helden zu reden, da die großen längst gebührend gefeiert worden sind merkwürdigen Menschen, die. zwar nicht ihr Blut ver- gossen" haben und natürlich in den Heldenliedern jener ■Reit keinen Platz finden werden, die man auch bald oeraessen haben wird, wenn sie nicht überhaupt Ickon Ä sten sind, die aber dach eigentümliche, rührende^ Helden waren aus ihre Weise und ahne die das Bildnis jener Zeit nicht I
Unh io lallet euch denn erzählen von der alten Miadl einer Greisin in einem Dorfe an den Karawanken deren ßeben still, .armselig und eintönig war, wie eben das Dasein emes Menschen, der nur noch auf den Tod wartet, das sich aberguleij. f einen kurzen Augenblick zu der Weisheit d g ß S“ÄtXu keinmal Magd gewesen später dann hatte sie einen K-uschler g-h-ir-> et, aber das kleine schindelgedeckte Haus, in dem sie er 3 arme Bäuerin, aber doch eine Bäuerin fein wollte, brannte bis auf die Mauern ab, der Mannerhangte sich auf dem rauchenden Schutt die Mmdl wurde eine Botin, und als sie achtzig Jahre alt war, be gayn die Gemeinde für sie zu sorgep.
Miadl kicherte, was brauchte sie Petroleum? Sie hat ja gar keine Lampe, sie brennt kein Licht, sie geht mit den Hühnern schlafen — und er brachte sogar ein Stück Blaudruck. Das ist etwas anderes, ist man auch alt, eine Schürze aus Blaudruck kann man immer haben, und sie wendete den Blaudruck nach beiden Seiten und legte ihn an den Leib.
Wie gut sind auf einmal die Menschen geworden, sie kommen von selber zur alten Miadl, sie bringen ihr Geschenke, mehr als sie brauchen kann, und sie muß nicht mehr Not leiden. Äie bittet den Menschen alles Bittere ab, das sie manchmal dachte. Wie schön ist das Leben, nein, jetzt möchte sie nicht sterben. Und es kommt bald der eine zu ihr, bald der andere, manchmal reden sie etwas, was sie nur halb versteht. Was wollen die Leute nur, sie ist zufrieden mit der Zeit, niemals war sie sorgloser und heiterer als jetzt, manche wollen sie sogar leise singen gehört haben, wenn sie in der Sonne saß und die Augen geschlossen hielt.
Die Nachbarn sehen natürlich wohl, wie man auch um diese alte Seele und rührende Einfalt wirbt. Sind diese Hände auch schon wächsern, sie werden doch noch einen Stimmzettel halten. Die Stimme einer vertrockneten Greisin gilt gleich jener eines jungen, saftigen Lebens. Und den Nachbarn bleibt es natürlich nicht verborgen, daß die alte Frau von beiden Seiten die Gaben nimmt, mit denen man Anhang zu werben hofft, von den Deutschen und von den Südslawen.
Es hätte nun sein können, daß irgendein Wohlmeinender und Gütiger, dem es von Natur aus glückte, andere leicht und schmerzlos zu überzeugen, dazu bestimmt war, der Greisin die halb blinden Augen zu öffnen und ihr den Sinn der plötzlichen Wohltaten zu deuten. Doch das boshafte Schicksal wollte es anders. Es bediente sich einiger Hämischen und Schadenfrohen, die das Weiblein an einem Sonntagnachmittag in die Zange nahmen. Ob sie denn nicht wisse, daß man mit den guten und schönen Dingen ihre Stimme kaufen mochte? ... Was für eine Stimme? ...Am 10. Oktober werde sie doch abstimmen wie alle Kärntner ... Ja, ja, das werde sie ... Dann werde sie es aber nicht leicht haben ... Warum? ... Sie habe doch von den Deutschen genommen und habe von den Slowenen genommen ... Ach fo, ja ... Nun dämmerte in
ihrem alten Kopf der Zwiespalt empor, sie sieht vom einen zum andern der Leute, die da auf ihre Kosten am langweiligen Sonntagnachmittag sich eine kleine Unterhaltung schaffen wollten. Sie sitzen wie ein leibhaftiges Gericht um sie und sind zufrieden, daß sie über jemand triumphieren dürfen, wenn dieser jemand auch nur die alte, arme Miadl ist.
Diese aber, von einem feinen Sinn beraten, der solchen schon halb Entschwebten manchmal eigen ist, entwindet sich mit einer fast beiläufig hingeworfe- nen Antwort, die sie zu einem jener kleinen, köstlichen Helden machte und sie um viele Jahre überlebte, der Klammer.
„Ich werde", sagte sie einfach, beinahe demütig, „für die Slawen beten und für die Deutschen stimmen."
Oer Tod des Lavendelkönigs.
Der in Ewell erfolgte Tod Mr. Edward Wake- rer Martins, der vor einem Menschenalter einmal der „L a v e n d e l k ö n i g von England" genannt wurde und der ein Millionenvermögen hinterlassen hat, erinnert an die vielen noch nicht bekannte Tatsache, daß England heute noch der Haupterzeuger dieser aromatischen Pflanze ist, die in der Parfümerieherstellung eine so große Rolle spielt. Bekanntlich ist Lavendel das Lieblingsparfüm unfw rer Großmütter und Urgroßmütter gewesen, deren Wäscheschrank nach Lavendel zu duften pflegte. Dec soeben gestorbene Martin war einer der ersten La* vendelpflanzer Englands, auf seinen riesigen Lavendelfeldern bei Ewell hat Mallais sein berühmtes Bild der Ophelia mit den Blumen im Arme gemalt. Allerdings liegt die englische Lawendelindustrie, wis die amtliche Zeitschrift der englischen Drogisten mito teilt, im Niedergang, da die französische Konkurrenz billiger herstellt. Man kann zwischen Grenoble und Nizza heute schon stundenlang durch endlose La* vendelfelder spazieren gehen, über denen als eine alle anderen Laute der Landschaft übertönende Melodie das Summen und Läuten von Millionen von Bienen schwingt. Die englischen Züchter wollen sich daher gänzlich vom Lavendel abwenden und statt seiner Pfefferminze anbauen.


