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Nr. 251 Drittes Blatt
Girtzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien)
Freitag, 26. Oktober M4
Aus der provinzialhauptstadt.
Das Herz.
Von Dr. med. Gert Losch.
Das Herz ist eines der wenigen Organe, an dessen mühevolle Tätigkeit wir hin und wieder deutlich erinnert werden. Es gibt wohl niemanden, der nicht ab und zu das Klopfen feiner Puls« ober seines Herzens verspürte. Wahrend die Haut die Leber die Nieren und alle anderen Organe unseres Körpers lautlos in ständiger Tätigkeit sind erinnert uns das Herz ununterbrochen °n seine Gegenwart Vielleicht beruht auf dieser Eigenschaft die mystische und symbolische Bedeutung, die es von jeher unter allen Organen des Körpers als „edelster Teil" eingenommen hat.
In der Tat ist das Herz einer der wichtigsten Muskeln des Körpers und ein so fein gebautes und eingerichtetes Gebilde, daß es auf leiseste Reize deutlich reagiert. Es besitzt eigene Nervenzentren, durch deren Vermittlung bei Gemütsbewegungen eine sofortige Aenderung der Schlagfolge des Herzens eintritt. Aber auch alle körperlichen Erregungen äußern sich am Herzen. Es ist eine Art Erdbebenwarte für alle Erschütterungen körperlicher und seelischer Art, die den Menschen treffen.
Daher gibt es verschiedene Ursachen für das Herzklopfen. Der eine ist von Examensangst oder vom Lampenfieber gepackt, der andere hat irgendwelche inneren Aufregungen, über die er nicht sprechen kann, und die sein Herz in Wallung bringen, der dritte versagt ungewöhnlichen körperlichen Anstrengungen gegenüber, der vierte ist überempfindlich gegen bestimmte Speisen oder besonders häufig gegen Genußgifte, verträgt wenig Alkohol, wenig Tabak und darf nur koffeinfreien Kaffee zu sich nehmen, dem das die Herzleistungen auf die Dauer schädigende Koffein fast völlig entzogen ist. Ein anderer wieder leidet an den Nachfolgen überstandener Krankheiten. Besonders häufig ist zum Beispiel der Gelenkrheumatismus die Ursache einer Schädigung des Herzens. Oder es treten Unstimmigkeiten im System der inneren Drüsen auf und behindern die harmonische Tätigkeit des Herzens. Hier stehen in erster Linie die Erkrankungen der Schilddrüse, die sogenannte Basedowsche Krankheit. Die Schilddrüsen sondern ein Sekret in das Blut ab, das auf die Nerven des Herzens erregend einwirkt und dadurch den ganzen Körperhaushalt aus 'dem Gleichgewicht bringen kann.
Auch das Vorhandensein angeborener Herzfehler ist zu berücksichtigen. Irgendeine fehlerhafte Bildung besteht seit der Geburt und macht sich im Alter, wenn die Leistungsfähigkeit und Anpassungsfähigkeit des Herzens normalerweise im Abnehmen ist, besonders unangenehm bemerkbar.
Neben den eigentlichen Erkrankungen des Herzens spielen auch noch die Erkrankungen der Blutgefäße, idie mit dem Herzen in unmittelbarer Verbindung 'stehen, eine wichtige Rolle. Störungen in diesem iweitverzweigten System elastischer Röhren müssen idie Tätigkeit des Herzens belasten und beeinträchtigen.
Bei den meisten Kranken, die an Herzklopfen lei- iben, pflegt ein „nervöser" Faktor deutlich im Vor- idergrund zu stehen. Sie halten sich aber nur für cherzkrank, weil einmal beim Arzt das Wort „Herz- Neurose" gefallen ist oder ein guter Freund ihnen idie Angst vor einem Herzleiden gelegentlich beige- Iiracht hat. Gerade das Hauptkrankheitszeichen des nervösen Herzens ist das Herzklopfen. Die geringste Seelische Erregung führt dazu. Diese Menschen erröten und erblassen leicht, sie haben oft feuchte Hände, neigen zu plötzlichem und unerklärlichem Stimmungswechsel. Bei der Untersuchung aber ver- mag der Arzt keinen objektiven Krankheitsbefund, fielbft bei der Röntgendurchleuchtung, festzustellen. KEs ist kein Wunder, daß die Schar dieser Menschen nn unserem lärmenden und aufgeregten Zeitalter jfftänbig zunimmt. Die wichtigste Tätigkeit des Arz- ttes bei diesen Kranken besteht in einer Aufklärung iüber die Harmlosigkeit ihrer Beschwerden und in
einer gewissen Einrichtung des Lebenswandels, in der regelmäßigen Organisation des Tagesablaufs und in dem Schutz vor überflüssigen Belastungen mit den alltäglichen Genußgiften.
Gedenket der hungernden Sögel!
Mit Regelmäßigkeit kehrt alle Jahre, sobald der Winter seinen Einzug hält, dieser Hinweis in den Zeitungen wieder, mit der Aufforderung, unseren Sängern in Wald und Flur in ihrer Winternot beizustehen. Man muß dabei unwillkürlich an das Wort „Winterhilfswerk" denken, handelt es sich doch hierbei ebenfalls um ein solches, wenn man in diesem Zusammenhang an das Winterhilfswerk der deutschen Nation denkt. Der Kampf gegen Hunger und Kälte im Interesse der notleidenden Volksgenossen beginnt nicht aber erst, wenn draußen schon alles zu Stein und Bein gefroren ist, sondern hat jetzt schon eingesetzt, um rechtzeitig eingreifen zu können. Der wahre Vogelfreund darf ebenfalls nicht warten,
bis Mutter Natur im tiefen Winterschlaf liegt und eisiger Nordost über die Felder fegt und in der Zeitung die Mahnung steht, unserer hungernden Vögel zu gedenken. Wie beim Winterhilfswerk der Nation muß auch jetzt schon mit der Sammlung für unsere gefiederten Freunde begonnen werden. Mancher wird sagen, was ist da zu sammeln? Wenn es kalt wird, streue ich schon Futter für die Vögel! Damit ist es nicht getan; denn das Futter, das in vielen Fällen gereicht wird, besteht meist nur aus Brvtresten und Kartoffeln, fehlt nur noch ein Schild mit der Aufschrift „Vogel friß oder stirb!". Passen-
der würde es allerdings lauten „Vogel friß und stirb!", denn sobald Brot oder Kartoffeln feucht werden, beginnen sie zu gefrieren, und mancher Vogel holt sich den Tod. Nun wird der „Sparsame" entgegnen, ja ich kann doch nicht pfundweise Dogel- futter kaufen! Das verlangt auch niemand, aber man kann Sammler für das Vogelwinterhilfswerk werden. Wenn man jetzt durch die Felder geht, sieht man die roten Beeren des Weißdorn und die Hagebutten an den Büschen. Diese Früchte sammelt man und zerkleinert sie, wenn sie trocken sind. Den Vögeln reicht man immer so viel davon, wie sie aufnehmen. Der Ueberkluge wird natürlich sagen, laßt doch die Früchte draußen, da können sie die Vögel an Ort und Stelle holen. Das ist wieder fehlgeschossen. Der größte Teil fällt ab und gibt unter der Schneedecke Mäusefutter. Was hängen bleibt, gefriert und widersteht dem Vogelschnabel. Mit diesen beiden Fruchtarten ist die Sammelmöglichkeit aber noch lange nicht erschöpft. Die
Stengel des Beifuß, die Dolden der wilden Möhre, Distelköpfe usw. geben ein vortreffliches Vogelfutter, wenn man sie sammelt, ehe der Samen ausfällt. Man bindet davon Sträuße, die sich eines guten Besuches im Winter erfreuen. Wer dazu noch Samenstengel von Kopfsalat zur Verfügung hat, der hat im Winter die buntgefieberten Distelfinken ständig zu Gast. Nun noch die katzensicheren Vogelfutterkästen in Ordnung gebracht, dann sind wir für die Winternot unserer Vogelwelt gerüstet. „Keiner darf hungern" — dieses gute Wort hat auch für unsere Sänger in freier Natur Geltung.
Der Reichshandwerkertag 1934 in Stadt und Kreis Gießen.
Dor der Kreishandwerkerschaft Gießen geht uns folgende Anordnung zu:
Am Sonntag, 28. Oktober, vormittags 11 Uhr, finden in sämtlichen Orten des Kreises Gießen Handwerker-Pflichtversammlungen statt. Daran nehmen laut Anordnung des Stabsleiters der PO. Handwerksmeister, Gesellen und Lehrlinge teil. Die Versammlungen werden von den vom Ortsgruppenamtsleiter der NS.- Hago bestimmten Handwerksmeistern geleitet. Die Versammlungsräume werden örtlich bekanntgegeben.
Für Gießen-Stadt findet die Pflichtversammlung in sämtlichen Räumen der Liebigs- h ö h e statt.
Die Teilnahme sämtlicher Handwerksmeister, Gesellen und Lehrlinge an diesen Versammlungen ist Pflicht.
Treffpunkt sämtlicher Teilnehmer Gießen- Stadt vormittags 10.45 Uhr auf dem Platz vor der Volkshalle.
14.30 Uhr feierliche Überreichung der Gesellen- und Meisterbriefe an die Prüflinge der Provinz Oberhessen.
Wir bitten das Gießener Handwerk, sich an dieser Feier ebenfalls zu beteiligen.
Ferner weisen wir darauf hin, daß Werkstätten, Verkaufsräume und Wohngebäude der Handwerksmeister nach den Anordnungen des Reichsstandes des deutschen Handwerks festlich zu schmücken sind. Die Handwerksmeister des Kreises Gießen zeigen nach außenhin durch reichen Flaggenschmuck ihre Verbundenheit mit Volk und Staat.
Oreijahressperre für neue Gast- und Gchankwirtschasten in Hessen.
Der Hessische Staatsminister hat durch Verordnung vom 22. Oktober 1934, die sofort in Kraft ge- treten ist, auf Grund des § 21 Abs. 2 des Gaststättengesetzes vom 28. April 1930 bestimmt, daß während eines Zeitraumes von drei Jahren im Volksstaat Hessen Erlaubnisse für neu zu errichtende Gast- und Schankwirtschaften jeder Art grundsätzlich nicht erteilt werden. Ausnahmen dürfen nur in ganz besonderen Fällen von den Kreisämtern zugelassen werden.
NGLB., Kreis Gießen.
. Betrifft Kreisversammlung.
Am 31. Oktober, 16 Uhr, findet im Cafe Leib eine Kreisversammlung statt. Es spricht der Gaugeschäftsführer des NSLB., Pg. Schneider, Darmstadt, über verschiedene Versicherungsfragen.
Unsere Versammlung ist verbünden mit einer Buchausstellung der Gießener Buchhändler. Hier- zu spricht Lehrer Frank, Gießen, über die Bedeutung der Buchwvche.
Der Besuch unserer Versammlung ist für alle Mitglieder Pflicht. Bender.
Oie Einreichung
von Betriebsordnungen.
Anordnung des Treuhänders der Arbeit.
LPD. Der Treuhänder der Arbeit für das Wirtschaftsgebiet Hessen teilt mit:
Die Frist zum Erlaß von Betriebsordnungen, die von dem Reichsarbeitsminister um drei Monate verlängert worden war, ist, wie bereits bekanntgegeben, mit dem 30. September 1934 abgelaufen.
Mit Anordnung vom 1. Oktober 1934 fjabe ich die Betriebsführer ersucht, mir spätestens bis zum 15. Oktober 1934 je zwei Exemplare der Betriebsordnung einzureichen. Da trotz Ablauf dieses Termins ein größerer Teil von Betriebsordnungen noch nicht bei mir eingegangen ist, fordere ich nunmehr die Vertrauensräte aller Betriebe, die meiner Anordnung vom 1. Oktober des Jahres nicht nachgekommen sind, auf, unverzüglich an meine
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<9Va und. . . derUater Sßerleßacß?
Oie Ereignisse in unserem Roman „Das Hals- dank)", der gegenwärtig in den Familienblättern mit allgemeiner Spannung verfolgt wird, Haden in der letzten Fortsetzung eine üderraschende Wendung genommen: der gestohlene und so inbrünstig gesuchte perlenschmuck ist wieder da! Aber noch immer ist die Frage nach dem Dieb nicht beant- wortet. Dazu kommt eine neue Ueberraschung: das wiedergefundeneHalsband ist nicht der gleiche Schmuck, den Frau Konsul Finkendey an lenem ersten verhängnisvollen Abend getragen hatte- die vier größten perlen sind mittlerweile entfeint und durch sehr geschickte Nachahmungen erseht worden. Und eine ganz neue Spur hat sich aufgetan, dieaus dem kultiviertenUmkreisedesHauses
Finkendey in die dunkelsten Straßen des Hamburger Hafenviertels führt. Assessor Luzius ist der Spur bei Nacht und Nebel gefolgt und hat mit List einen Blick in das Zimmer von Vater Berlebach geworfen. Was ist denn das auf einmal für ein Mann? Das ist ein wenig vertrauenerweckender Bursche, der seine lichtscheuen Geschäfte hinter verhängten Fenstern und bei verriegelter Tür zu tätigen pflegt. Wen sieht aber Assessor Luzius noch in Berlebachs Zimmer? Er glaubt zu träumen: den Maler Reginald Zurrhelm sieht er - und sieht auch den perlenschmuck, den der Alte aus seinem Geldschrank hervorholt. Was hat das alles zu bedeuten? Was sagen Sie dazu? Schreiben Sie uns Ihre Meinung über diesen merkwürdigen Krimmalfall (und vergessen Sie nicht, die letzte Bezugsquittung beizulegenh
"Wer fjat das SKalsßandgestohlen?
Mein stärkstes Theatererlebnis
Von Walter v. Molo
Es wird saft alles falsch geschildert, weil die meisten, die „schildern", nicht erleben. Wer zum ^Beispiel Ingenieur war, der weiß, daß zwischen Len Ingenieuren und Arbeitern ein Bond besteht, Las sich nicht dadurch charakterisieren läßt, daß man 'Jagt: sie sind Gegner Den wahren Unternehmer, der in seinem Werke mitschafft, und den wahren Arbeitnehmer verbindet das Band des Schaffens, das LEinsfein, im Bewußtsein, etwas Gemeinsames, das Laovn kündet, zu erzeugen. Unvergeßlich sind mir Die stolzen, wahrhaft brüderlichen Blicke, die zwischen ' mir jungem Ingenieur einst uni) den Gießern, Wicklern und Monteuren und allen denen hin und her gingen, wenn die Dynamomaschine, die wir zusam- tmen gebaut hatten, am Kran über uns aus dem Zabriktor schwankte, in die Welt hinaus. Es war einiger Abschiedsschmerz, einiges Kraftbewußtsein, Bßinige Freude. Das gleiche erlebe ich beim Theater; Las ist für mich das schönste und erhebendste am Theater. Die Vorbereitung, die Einstudierung, die Aufführung einer dramatischen Dichtung ist ein brüderliches Erlebnis zwischen den Darstellenden, Sem das Spiel Leitenden, den Ausstattern, den Bühnenarbeitern, dem Fräulein an der Kasse, dem Beleuchte^, der Souffleuse, den Feuerwehrmännern und allen „vom Bau", gemeinsam mit dem Dichter. In dieses Gemeinschaftserlebnis eingebunden zu ijein, ein paar Tage lang, gehört für mich zum :8e= glüdenbften und Schönsten! Wenn dann auch noch um Abend die Seelen der Aufnehmenden mit uns Moll zusammenklingen, wie strahlt da das Gesicht Les Vorhangziehers, der doch gar nichts „davon hat", mit den Gesichtern aller auf und hinter der Wühne, in solchen Stunden sind die Seelen frei — Das verbindet, das ist die tiefe Wirkung des Kunstwerkes für die Werker, die aus dieser Gemeinschafts- ' r'timmung das schaffen, was im Publikum den „Er- ; folg" entscheidet — keine Wirkung von der Bühne und vor der Bühne, wenn auf und hinter -hr nicht selbstlose, rein dingsachliche Brüderlichkeit herrscht. Bei der Leseprobe beginnt es, da stimmen sich die Seelen durch das Werk aufeinander ein. Jedes Werk, das das nicht zu erzeugen vermag, ist Tand und Schänd. Die Stellprobe, das immer schärfere und schärfere Herausarbeiten des Kristalls der seelischen Lust, das lernende Zuhören der anderen, tue gerade nichts auf der Szene zu tun haben, der weihevolle, hingegebene Ernst, das gegenseitige Lernen und Entwickeln, das seelische Zittern, wenn die Darsteller unverhüllt um die Herausbringung ihres Selbst und Edelsten im Rahmen der Dichtung rück- -alllos ringen! Was Jahre oft nicht leisten, das
spenden hochgespannte Minuten mit einer werk- hingegebenen Künstlerschar: Freundschaft, reine, weil selbstlose Freundschaft! Seelenfreundschaft, die über Worten steht. Ich habe meine aller- schönsten Stunden auf den Proben für meine Stücke erlebt; solche Proben sind nicht „geisttötend", wieder Alltag meint. Was wißt ihr vom Mysterium des Theaters, ihr alten Herren und Damen, die ihr von „leichtfertigem Theatervolk" redet, es „Theater" nennt, wenn etwas auch falsch ober gemacht erscheint! Theater, wie ich es meine, wie ich es erlebte unb, gottlob, immer wieder erlebe, ist die echteste Aufrichtigkeit zwischen fremden Menschen, die sich als Brüder und Schwestern enthüllen. Nicht bas Vühnentechnische, nicht die sogenannten Bühnenerfahrungen, so wichtig unb neu sie immer roieber sind, sind bas Entscheidende für den Dichter, er erlebt bei der Vorbereitung seines Werkes die Tatsache, daß, wie das All seine Seele bloßlegt, sein Werk andere Seelen klärt und verbindet, daß es anregt, daß es großes, einigendes Gefühl vermittelt, baß es denen, die sich hingebungsvoll damit beschäftigen, Anlaß zur vollen Entfaltung ihres Seelischen wird. Das ist mein größtes Erlebnis im Theater, himmelhoch über den stärksten Erfolg am Auffüh- rungsabenb — der Abenberfolg ist ja nur die Bestätigung dessen, was ich hier andeutete, das große Erleben liegt für mich vorher.
Ländlicher Oktober.
Von Karl Benno von Mechow
Bis tief in den Oktober hinein mühen sich die Leute um die Kartoffeln. Dann sind sie endlich fertig.
Die letzten Kämme werden mit den Hacken nach Knollen durchwühlt, und die großen Schläge liegen nun öde und verwüstet da. Aus den Schritt für Schritt durcharbeiteten Kammreihen grünt im Sonnenschein der schonen Herbsttage ein letztes Untraut und spitzt durch das liegen gebliebene Kartoffelkraut, das mit dem Geruch feines Welkens die feuchte Luft erfüllt.
Dichter Nebel liegt auf dem kalten Morgen, frierend steigen die städtischen Heiser von ihren Wagen und fchlagen sich kräftig die Arme um den Leib, ehe sie sich an die Arbeit machen. Am spateren Vormittage erst siegt dann und mann Die Sonne über den Nebel, und es wird über Mittag wohl so warm wie an einem sommerlichen Dage. — Manchmal bleibt auch der Nebel auf der Erde liegen, verliert sich nach oben hin in den grauen Himmel und läßt den ganzen Tag lang eine leise rieselnde Nässe herabgehen, die den Leuten durch
die Kleider bringt und ihre Glieder bis auf die Knochen durchkältet. —
Darum ist es eine allgemeine Freude und Befriedigung, als die letzte Staude aus dem Boden gerissen und die Erde überall nach den Knollen durchstöbert worden ist, — und als dann die ganze Mannschaft zum allerletzten Mal ihre Wagen zur Heimfahrt besteigt.
Die schon in warme Winterjacken und ein breit abstehendes Polster massenhafter Unterröcke gekleideten Frauen haben zuerst mit Messern und Sicheln die großen Blattkronen von den hoch aus der Erde ragenden Rüben abgeschnitten, so daß sie ganz wunderlich ausschauen, wie lange Reihen mutwillig in die Erde gesteckter kahler Schädel.
Dann haben sie die dicken gelben Bälle mit den Händen herausgezogen und auf Haufen zusammengeworfen, die von den Kutschern in pendelnder Reihenfolge auf den Kastenwagen abgefahren und in langen Mieten gebettet werden. —
Mit Beendigung dieser Hackfruchternte ist dem Boden der letzte Schatz geraubt, den der Verlaus eines von Herbst zu Herbst reichenden Jahres in wunderbarem Geschehen, trotz Wasserflut, Frost und unendlicher Dürre, hat erstehen lassen. Und die neue Wintersaat und Hoffnung einer zukünftigen, das Brot der Menschen spendenden Ernte liegt gebor- gen in der Erde. Weithin begrünen sich bereits die mit Roggen neubestellten Schläge und beeilen sich, aus der noch immer hilfreichen Erdwärme eine für den Kampf mit dem Winter ausreichende Stärke '^SiV^rften Frostnächte sind eingefallen und haben die zartgrünen Pflanzenblättchen mit einem zu weißem Reif erstarrten Morgentau geschmückt aus der Nacht erwachen lassen, — und die oberste Erdschicht ist als glasdünne Rinde gehärtet erschienen. Aber chon nach wenigen Sonnenständen sind diese ersten drohenden Vorboten längst wieder in der Gegenwart von Licht und. Wärme abgetan und vergessen.
3m Gegensatz zu den vvrhergeganaenen Monaten höchster Anspannung darf man sich nun einer gemächlicheren Zeitbeberrschung bedienen und läßt etwas ab von der rastlosen Eile, mit der sich bisher — in sorgsamster Berechnung der Stunden — Arbeit an Arbeit hatte reihen müssen.
Gelassen und ohne Furcht vor Regen und Sonnenschein ziehen Tag für Tag die Gespanne soweit sie nicht mit dem Abfahren der Kartoffeln beschäftigt sind, ihren Weg durch die Felder und stürzen immer mehr von der welken Stoppel zu rauhem Erdgehäufe um. Braun und nebelatmend liegt d,e feuchte, hervorgeschälte Erde da, und hinter den pflügenden Kolonnen spazieren in Schwärmen Die grauen Krähen auf der Suche nach Nahrung.
Schadow Anekdoten
Gottfried Schadow, Berlins berühmter Bildhauer, war bekannt wegen seines schlichten Wesens und seines unerschöpflichen Humors, der oft auch recht derb werden konnte. Eines Tages beobachtete er während feines gewohnten Rundganges durch den großen Aktsaal der Akademie einen Schüler, der sich abplagte, den Umriß des Modells auf dem > Papier richtig wiederzugeben. Schadow sah diesem I hilflosen Bemühen eine Zeit lang zu, ohne ein । Wort zu äußern. Dann aber schob er den Jüngling I mit ruhiger Bestimmtheit von seinem Sitz und ' machte sich selber an die mißratene Zeichnung. In 1 wenigen Augenblicken hatte er das Werk des Schülers berichtigt. Die Geschichte sah wirklich ganz । anders aus, so daß Schadow sich nicht enthalten konnte, befriedigt zu nicken und dabei zu sagen: „Siehste woll, bet hab' ick von meinem Vater. Der war 'n Schneider!"
Mit einem bissigen Seitenhieb auf die damals so beliebten Romreisen bemerkte Schadow einst: „Ick bin nicht so sehr für Italien, un die Borne jefallen mir nu schon jarnich. Immer diese Pinien und 1 Pappeln! Die eenen sehen aus wie uffjeflappte Rejenschirme und die andern wie zujeklappte."
Zeitschriften.
Das Oktoberheft der Süddeutschen Monatshefte ist der neuen Hochschule gewidmet. Notzeit verpflichtet, und Wissen in der Notzeit doppelt. Johannes Stein betont in seinem Aufsatz „Universität und Auslese" gerade diesen Gedanken. „Wer Arzt werden will, soll erst einmal im Dienste der Krankenpflege stehen, damit er Gegenstand und I ßage seines Berufes erkennt". Alte Erkennt- ' nis des Werkstudenten, jetzt durch die Praxis für den jeweiligen Beruf, durch Arbeitsdienst im allgemeinen Sinne der Verwirklichung nahegebracht. Franz Alfred Six wird in feinem Aufsatz „Die Studentenschaft als Träger der Hochschulrevolution" der eigenen Triebkraft unserer deutschen Studentenschaft auf lohnende und erreichte Ziele hin gerecht. Einen noch nicht ganz spruchreifen Ausschnitt behandelt Gerhard Schröder in „Korporation oder Kameradschaft?" Von großer Bedeutung sind Alfred Z i n t • g r a f f s Ausführungen über „Hochschule und Ausland". Wer sich übermäßigen Verständnisses in der Welt wahrlich nicht erfreut, kann das Mittel feiner lernenden und wissenden Jugend als verbindendes Glied nicht entbehren. Hans Uebersberger entwickelt diese Gesichtspunkte in „Grenzland-Univer- fiiäten". Namentlich verdient die Aufrechterhaltung der geistigen Perbindung mit den Volksdeutschen Räumen jenseits der Reichsgrenze Beachtung.


