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Nr. 225 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhessen)

Mittwoch, 26. September 1934

S.J.Jport

Leichtathletik der Sp.-Dg. 1900.

Die Jugend erringt in Weilburg 8 erste, 2 zweite und 3 dritte Siege.

Der erste Jugend-Kampfspieltag des Weilburger Fußballvereins hatte mit etwa 120 Teilnehmern aus Diez, Limburg und den Vereinen aus der Um­gebung, sowie aus den Reihen der Weilburger HI. eine recht gute Besetzung erhalten. Das kühle Wet­ter beeinträchtigte die Leistungen stark, trotzdem wurden mitunter sehr gute Ergebnisse erzielt, so z. B. im Keulenweitwerfen der Klasse A, wo der Sieger 61,10 Meter (!) erzielte. Die Kämpfe wur­den flott abgewickelt und dürften bei der Jugend ihre Werbewirkung nicht verfehlt haben. Die Jun­gens der Spielvereiniguna 1900 machten ihre Sache sehr gut und konnten sich in fast allen von ihnen bestrittenen Konkurrenzen durchsetzen. Insbesondere wurde der Staffelsieg der Jüngsten recht beifällig ausgenommen. Nachstehend die Ergebnisse, in denen die Gießener erfolgreich waren:

Masse A, Jahrgänge 1916/17/18.

100-Meter-Lauf: 1. Maxeimer, Limburg, 12,8 Sek.; 2. Flesch, Weilmünster 12,9; 3. C. Volk, 1900, 13,1 Sek. Ein scharfer Kampf, in dem Volk nicht ganz durchstand.

Kugel st oßen: 1. Maxeimer, Limburg, 11,60 Meter; 2. Schmidt, Weilburg, 11,42; 3. Volk, 1900 Gießen, 10,07 Meter. Während Volk in den Sprung­übungen nicht an seine sonstigen Leistungen heran­kam, überraschte er hier nach der angenehmen Seite.

Klasse B, Jahrgänge 1919/20/21.

100-Meter-Lauf: 1. Goß, 1900 Gießen, 12,8 Sek.; 2. Heumann, Waldhausen, 14; 3. Weber, Elkerhausen, 14,4 Sek. Goß war seinen Mitbewer­bern klar überlegen und erzielte dieselbe Zeit, wie die Läufer der A-Klasse.

800-Meter-Lauf: 1. Jäger, 1900 Gießen, 2:32 Min.; 2. Klees, Elkerhausen, 2:33 Min.; 3. Deißmann, Löhnberg, 2:33,1 Min. Dieser Lauf war das spannendste und schönste Rennen des Tages. Jäger führte von Anfang an und gewann nach schönem Endkampf sicher.

4X100-Meter-Staffel: 1. Waldhausen 57 Sek.; 2. Sp.-Vgg. 1900 Gießen 61,2 Sek.; 3. Löhnberg 61,4 Sek.; 4. Weilburger FD. 1900 mit der Mannschaft Haibach, H. Dinges, Jäger, Goß lag anfänglich weit zurück, die Schlußleute sorgten aber für einen guten zweiten Platz.

Hochsprung: 1. Hütt, Weilburg, 1,35 Meter; 2. Goß, 1900 Gießen, 1,30; 3. Firnges, Odersbach, 1,30 Meter. Im Stichkampf erzielte Goß ebenfalls 1,35 Meter.

Kugel st oßen (4 Kilo): 1. Goß, 1900 Gießen, 12,22 Meter; 2. Haak, Elkerhausen, 10,17; 3. Litzin- ger, Weilburg, 9,93 Meter. Mit guter Technik kommt der 1900er zwei Meter weiter als seine Gegner.

Keulenweitwurf: 1 Goß, 1900 Gießen, 49,50 Meter; 2. Haak, Elkerhausen, 46,40; 3. Hen­kel, Weilmünster, 44,80 Meter. Hier lag Goß bis zum letzten Wurf zurück.

Drei kam pf: 1. Goß, 1900 Gießen; 2. Heu­mann, Waldhausen; 3. Haak, Elkerhausen.

E-Klasse, Jahrgänge 1922/23/24.

75-Meter-Lauf:l. W. Adolph, 1900 Gie­ßen, 11,2 Sek.. 2. Weinsheim, Diez, 11,6 Sek.; 3. P. Fischer, 1900 Gießen, 11,8 Sekunden. Aus einer großen Teilnehmerzahl erwies sich W. Adolph klar als der Beste. P. Fischer, einer der jüngsten, lief sehr schön.

4 X 50 - Meter - Staffel: 1. Spielvereini­gung 1900 Gießen, 31,5 Sek.; 2. FV. Weilburg, 33,3 Sekunden; 3. Waldhausen, 33,4 Sekunden. Die Spielvereinigung hatte eine gut trainierte Mann­schaft zur Stelle, die dann auch durch gute Wechsel zu einem überlegenen Sieg kam. Mannschaft: W. Adolph, H. Adolph, H. Kraft, P. Fischer.

B a l l w e i t w u r f: 1. H. Kraft, 1900 Gießen, 55,42 Meter, 2. Kilo, Löhnberg, 53,24; 3. Hahn, Löhnberg, 50,75 Meter. Mit guter Leistung kam Kraft zu einem schwer erkämpften Sieg.

Handball im Gau XII der OT.

Lützellinden I Münchholzhausen I 5:1 (2:0).

Die Platzbesitzer bewiesen in diesem Spiel, daß sie als die wirklich beste Mannschaft in den Kämp­fen um den Aufstieg, das Zeug in sich haben, auch in der neuen Umgebung ein Wörtchen mitzureden. Der vergangene Sonntag brachte sie in der Paa­rung mit Münchholzhausen zusammen, einer Mann­schaft, die noch im vergangenen Spieljahr, außer Wetzlar-Niedergirmes, in der Bezirksklasse führend war. Das Spiel selbst war ein harter Kampf, der aber trotzdem immer im Rahmen des Erlaubten blieb und mit einem verdienten Sieg der Platz­mannschaft endete. Die Mannschaft lag bereits bis zur Pause mit zwei Toren in Führung.

Kirchgöns 1 Wehlar-Niedergirmes I 10:5 (4:2).

Als eine Ueberraschung muß man das Endergeb­nis dieses Spieles am Sonntag in Kirchgöns be­trachten. Der vorjährige Gruppenmeister mußte in einem temperamentvollen Kampf gegen die über­aus tüchtige Mannschaft der Platzbesitzer eine ver­diente Niederlage hinnehmen. Die Handballmann­schaften der Landvereine sind in ihrer Spielstarke, denen der Stadtvereine nähergekommen.

MTV. Gießen I Roth 4:5 (1:3).

Auch dieses Spiel endete mit einer großen Ueber­raschung. Die Gäste hatten bereits bis zur Pause einen entscheidenden Vorsprung herausgeholt und verteidigten diesen nach dem Wechsel mit großer Zähigkeit.

Kreisklasse II.

Münchholzhausen II Heuchelheim II 5:8.

Die Gäste erreichten in dem torreichen Treffen einen verdienten Sieg.

Kein Fußball in Nordhessen.

Am Sonntag, 30. September, fallen mit Rücksicht auf das Erntedankfest im Gau Nordhessen sämtliche Fußballspiele aus. Ob die vorgesehenen Spiele der Handball-Gauliga ausgetragen werden, ist noch fraglich.

1900:

Oer Start der Zugendfußballabteilung

in der neuen Verbandsrunde.

Obwohl die Jugendabteilung so gute Kräfte wie Mank, Dörr, Bötz und andere (insgesamt ein Dutzend Spieler) an die Senioren abgeben mußte, sind diese Lücken durch den Nachwuchs wieder aus­geglichen und durch Neuzugänge in allen Jugend- und Schülermannschaften sogar Verstärkungen einge­treten. Die erste Jugend befindet sich zur Zeit in ausgezeichneter Verfassung. Die Hauptkräfte der Elf sind, ein zuverlässiger Torhüter, ein überragender Mittelläufer und ein ausgezeichneter linker Angriffs­flügel, denen sich die anderen Spieler geschickt an­passen.

Die am 16. September 1934 begonnenen Jugend­meisterschaftsspiele sahen 1900 beidesmal siegreich. Der Lokalgegner VfB.-Reichsbahn wurde in über­legenem Stil mit 14:1 Toren ganz überraschend hoch abgefertigt. Es klappte aber auch bei den Blau­weißen wie am Schnürchen. Am letzten Sonntag war die Aufgabe schon etwas schwieriger, trotzdem wurde auch in Lich über die erste Jugendelf des dor­tigen Vereins für Rasenspiele ein 3:1 Sieg erkämpft, der um so bemerkenswerter ist, da 1900 durch einen Regiefehler nur 10 Spieler ins Feld stellen konnte.

Die neuzusammengestellte zweite Jugendmann­schaft der Spielvereinigung trat am 16. September 1934 zum angesetzten Pflichtspiel in Treis an der Lumda nicht an. Die Jugendelf war wohl pünktlich

und vollzählig am Bahnhof, aber der vorgesehene Reisebegleiter verfehlte mit dem gelösten Jugend- iahrschein den Zug. Am vergangenen Sonntag war diese Elf in Steinbach und rang der ersten Jugend des Platzvereins einen knappen 2:1 Sieg ab.

Die Schüler klagen leider über mangelnde Kon­kurrenz. Es gibt deshalb zu viele spielfreie Sonn­tage. Mit den Leistungen der Allerkleinsten kann man sehr zufrieden sein. Nachstehend die Resultate: gegen Großen-Buseck Schüler dort 4:0 gewonnen, gegen Großen-Buseck Schüler hier 10:0 gewonnen und zuletzt am Sonntag gegen Krofdorf-Gleiberg Schüler hier 4:0 gewonnen.

Auch eine Jugend- ober Schüler-Handballmann- schaft ist in der Bildung begriffen, nachdem sich auch für diesen schönen Sport Interessenten gefunden haben.

Fußballabteilung des Turnvereins Wieseck.

wieseck II. Leihgestern II. 7:1 (3:0).

Vor dem Spiel der ersten Mannschaften (über das wir schon berichteten) standen sich die zweiten Mannschaften der Vereine Wieseck und Leihgestern gegenüber. Obwohl die Platzbesitzer das ganze Spiel mit nur zehn Mann bestritten, lagen sie stets im Vorteil und erzielten in gleichmäßigen Abständen bis zur Halbzeit drei Tore, denen die Gäste trotz aller Anstrengungen nichts entgegensetzen konnten. Auch nach dem Wechsel blieb Wieseck überlegen und konnte noch vier weitere Tore erzielen, während die Gäste erst kurz vor Schluß zu ihrem verdienten Ehrentor kamen.

Wieseck Jugend VfV.-Reichsbahn Jugend 4:1.

Die jüngsten machten den Beginn der Spiele. Wieseck trat nur mit acht, die Gäste mit neun Mann an. Wieseck führte bald, VfB. stellte aber bis Halb­zeit den Ausgleich her. Nach dem Wechsel lag Wie­seck ebenfalls mehr im Angriff und erzielte noch drei Tore.

Fußbattabteilung des Tv. Kinzenbach.

Frankenbach I Kinzenbach I 1:3 (0:2).

Kinzenbach weilte am vergangenen Sonntag zu feinem dritten Verbandsspiel auswärts. Der Geg­ner, Frankenbach, bot der Mannschaft hartnäckigen Widerstand und konnte auf dem ihm gutliegenden

kleinen Platz den Gästen eine fast gleichwertige Partie liefern. Kinzenbach spielte schönen Fußball und hatte im Zusammenspiel ein klares Plus. Bis zum Wechsel hatte die Mannschaft durch zwei schöne Tore die Führung übernommen. Nach der Pause holte die Platzmannschaft zunächst ihren Ehrentreffer heraus, der aus einem Mißverständ­nis der Gäftehintermannfchaft zustande kam. Bis zum Schluß vermochte dann die Gaftmannschaft durch ein weiteres Tor den Sieg sicherzustellen. Die Mannschaft hat nun in drei Spielen ein Punkt­verhältnis von 6:0.

Die Jugendmannschaft stellte sich auf eigenem Platz der gleichen von Krofdorf. Das Spiel endete verdientermaßen mit 4:1 für die Gäste. Der Kampf wurde entschieden durch die größere Ent­schlossenheit des Krofdorfer Sturmes.

Fußball der Gauliga.

In Nordhessen endeten drei von vier Spie­len unentschieden. Borrussia Fulda, der Meister des vergangenen Jahres, verlor den ersten Punkt durch ein 1:1 gegen die neu aufgestiegene Elf der Ger­mania Fulda. Die Borussen führen nun mit 5:1 Punkten weiter. Auf den zweiten Platz vorgestoßen ist der VfB. Friedberg, der 2:1 über Kassel 03 siegte und damit auch sein zweites Spiel gewann. Kurhessen Kassel und Sport Kassel kamen durch Unentschieden gegen Langenselbold und Hanau 93 zu ihren ersten Punkten.

Im Gau Südwest verteidigte Phönix Lud­wigshafen in feinem vierten Heimspiel erfolgreich die Tabellenführung durch einen 1:0 Sieg über Eintracht Frankfurt. An zweiter Stelle steht nach einem sehr ehrenvollen 2:2 gegen den Gaumeister Kickers Offenbach der Neuling Union Niederrad und der zweite Neuling, Saar Saarbrücken folgt hinter dem FK. Pirmasens an vierter Stelle. Von den fünf Treffen des Tages endeten allein drei mit 2:2.

Im Gau Bayern gab es ebenfalls einen Füh­rungswechsel, und zwar nimmt jetzt hier Wacker München nach einem 4:2-Sieg über Weiden den ersten Platz ein. Auf den zweiten Platz hat sich 1. FC. Nürnberg vorgeschoben, der Schwaben Augsburg knapp 1:0 besiegte, während der bisherige Spitzenreiter, München 1860, durch ein 1:1 gegen die Spielvg. Fürth auf den dritten Platz zurückfiel.

Kreisvolksturnen in Wölfersheim.

Der aus den Unterkreisen Büdingen, Friedberg und Schotten bestehende Turnkreis Wetterau- Vogelsberg im Gau Nordhessen veranstaltete am Sonntag in Wölfersheim fein erstes Kreis­volksturnen. Die Veranstaltung wies mit rund 200 Meldungen eine gute Beteiligung auf. Die Bevöl­kerung von Wölfersheim zeigte eine rege Anteil­nahme an den Wettkämpfen; sie hatte schon Sams­tagabend ihre Verbundenheit mit der Turnerschaft bekundet durch zahlreichen Besuch des turnerischen Werbeabends, in dessen Mittelpunkt eine von Vor­führungen der Tgm. Wölfersheim und der Turne- rinnen-Abteilung der Tgm. Friedberg umrahmte Ansprache von Turnkreisführer Studienrat T h i e - r o l f - Friedberg stand. Leider wurde durch die starken Regenfälle am Sonntagmorgen die Ab­wicklung der vielgestaltigen Wettbewerbe etwas ge­stört. Aber trotzdem kam der Turnplan unter Lei­tung von Kreisvolksturnwart Wenzel- Glauberg in allen feinen Teilen zur Durchführung, und auch mit den Leistungen kann die Turnkreisleitung in Anbetracht der schlechten Witterung zufrieden fein. Kreisoberturnwart Dr. Siegert - Stockheim brachte das bei der Siegeroerkündigung mit aner­kennenden Worten zum Ausdruck.

Nachstehend geben wir in einem Auszug aus der Siegerlifte einen Ueberblick über die

Ergebnisse.

Wehrkämpfe.

Vierkampf der Turner-Oberstufe (14 Sieger): 1. Sieg R. Künstler, Tgm. Friedberg,

74 Punkte; 2. K. Zehner, Tgm. Friedberg, 73 P.; 3. Gg. Pieh, Tgm. Melbach, 64 P.; 4. L. Müller, T. u. Spv. Griedel, 61 P.; 6. R. Bender, T. u. Spo. Griedel, 57 P.; 7. R. Kraft, Tfchft. Büdingen, Eichenauer, Tv. Dauernheim, 56 P.; 8. W. Volk- Heimer, Tv. Nidda, 55 P.; 10. A. Reeb, Tgm. Wöl­fersheim, 52 Punkte.

Vierkampf der Turner-Unterstufe (33 Sieger): 1. Hch. Kern, To. Nieder-Florstadt, 68 Punkte; 2. H. Kleinschmidt, To. Eichelsdorf, 67 P.; 3. E. Rellberg, Tv. Stockheim, 66 P.; 4. W. Hirzel, Tv. Hirzenhain, 65 P.; 6. A. Luft, Tv. Nidda, 63 P.; 7. F. Metzger, To. Münzenberg, 62 P.; 8. L. Heß, Tv. Bleichenbach, 61 P.; 9. Hof­mann, Tv. Gamdach, 60 P.; 11. R. Geist, Tv. Hir­zenhain, H. Hügel, Tv. Nidda, H. Hofmann, Tgm. Wölfersheim, 58 P.; 13. O. Schrodfki, Tv. Nidda, 55 P.; 14. Karl Ratz, To. Gambach, 54 P.; 16. L. Kühn, Tv. Hirzenhain, 52 P.; 18. O. Schreiber, Tv. Eichelsdorf, 50 P.; 19. Hrch. Hofmann, xgm. Wöl­fersheim, O. Hergel, To. Hirzenhain, 48 P.; 20. Karl Reis, Tgm. Wölfersheim, 47 P.; 21. R. Hinkel, To. Södel, 46 P.; 22. K. Ulrich, Tgm. Wölfersheim, 45 Punkte.

Dreikampf der Iugendoberstufe (16 Sieger): 1. E. Kräh, Tv. Ortenberg, 55 P.; 2. E. Eschenfelder, Tfchft. Büdingen, 50 P.; 3. K. Kern, Tgm. Nieder-Florstadt, 49 P.; 5. L. Wittekind, Tfchft. Büdingen, W. Emrich, Tv. Bleichenbach, 47 P.; 6. G. Weiß, To. Münzenberg, 46 P.; 7. H. Weber, Tv. Stockheim, 45 P.; 9. H. Klee, Tv. Södel, 43 P.; 11. A. Hoffmann, Tv. Eichelsdorf,

Moerfeiöignw

Vornan von Anny von panhuys.

Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Derlag, Halle (S.) 27. Fortteyung Nachdruck verboten!

A u s k l a n g.

Es schlug zehn Uhr. Detlef Westkamp war wider Willen in seiner Stube auf dem Sofa eingeschlafen, und unten im Wohnzimmer, in dem noch die Scher­ben der armen, hingeopferten Kaffeetasse lagen, stand Donata vor Frau Westkamp und zeigte ihr den Brief.

Sie hatte Tränen in den Augen.

Detlef ist ganz unzurechnungsfähig. Der Brief ist unsinnig. Ich habe Detlef doch lieb und werde ihn lieb behalten. Ich lasse mich auch nicht von ihm wegstoßen, weil er alles mit falschen Augen anschaut. Oder möchte er mich los sein? Liebt er mich nicht mehr? Das will mir nicht in den Kopf hinein."

Es braucht dir auch nicht in den Kopf hinein, Donata", entgegnete Frau Charlotte,denn Detlef liebt dich. Ganz närrisch liebt er dich, sonst ließe er sich nicht zu solchem groben Unfug hinreißen!"

Sie schlug verächtlich auf den Briefbogen:

Ich habe ihm schon kurz, aber kräftig meine An­sicht gesagt heute; am liebsten hätte ich ihn ordentlich gerüttelt und gefchüttelt, aber dazu ist er leider zu erwachsen." Sie seufzte:Er leidet an falschem Stolz, glaubt, deine Eltern und du, ihr fühlt euch über ihm stehen. Er sieht in euch Krösusse, berühmte Leute und spielt den armen Gärtnerburschen vor sich selbst. Wenn er das alles nicht so verflixt ernst nähme, müßte man ja darüber lachen. Ich weiß aber leider auch nicht mehr, wie man dem Bub bei­kommen soll. Du tust mir leid, und er tut mir eben­falls leid. Jetzt schläft er ganz fest, in feiner Stube auf dem Sofa ist er eingeschlafen."

Sie unterbrach sich, es klopfte.

Eine plumpe Frau trat ein, gefolgt von einem aufgeschossenen, sommersprossigen Jungmädel.

Charlotte Westkamp erwiderte den zwiefachen Gruß und meinte freundlich:

Sie bringen mir Ihre Tochter, Frau Döpfler! Gut ich bin schon acht Tage ohne Haushilfe, und die alte Kuhnerten ist keine richtige Hilfe."

Sie gab dem aufgeschossenen Mädel die Hand.

Also, Kätche, wir wollen uns gut vertragen warst ja bei deiner Mutter inner tüchtigen Lehre!"

Das Mädchen benahm sich noch etwas scheu, und Frau Westkamp führte sie und ihre Mutter in die

Küche. Donata blieb allein im Wohnzimmer. Sie sann unaufhörlich darüber nach, was jetzt werden sollte. Sie liebte Detlef, sie wollte ihn nicht ver­lieren.

Sie ballte die Hände zu Fäusten, ihre Finger­nägel gruben sich schmerzhaft in ihre Handflachen. Sie wollte den Mann nicht verlieren, den sie liebte.

Wenn sie sich vorstellte, das könne geschehen, kam ihr das Leben trostlos und einförmig vor wie eine weite Wüstenei.

Sie dachte, wenn sie ihm nur noch einmal so recht unverblümt und deutlich die Meinung sagen könnte. Vielleicht gelang es ihr bann doch noch, ihn zur Vernunft zu bringen.

Eine Idee schoß ihr durch den Kopf, und die Idee, die sie im ersten Augenblick fast albern fand, hängte sich in ihrem Kopfe fest.

Frau Westkamp kehrte zurück, fragte verwundert: Was ist denn mit dir für eine Wandlung vor- gegangen, Donata? Du siehst ja förmlich unterneh­mungslustig aus, hast rote Backen und ganz sonder­bare Augen. Kampfesmutige Augen möchte ich sie fast nennen."

Donata nickte lächelnd:

Du hast eine vorzügliche Beobachtungsgabe. Ich bin auch kampfesmutig, sehr kampfesmutig sogar.

Sie drückte die Heitere auf das Sofa nieder, flüsterte auf sie ein, stellte Fragen, lachte schließlich:

Ich will mein Heil versuchen."

Sie berieten noch ein Weilchen zusammen, dann nahm Frau Westkamp Donata mit in ihr Schlaf­zimmer und riegelte von drinnen ab.

Eine Viertelstunde später verließ ein bäuerisch zurechtgemachtes Mädel das Schlafzimmer. Em der­bes, schwarzes Kopftuch verdeckte vollständig das Haar und sogar das halbe Gesicht.

Das Mädel schien zu frieren, sonst hätte es sich wohl kaum so eingemummelt; aber es war auch ziemlich kalt.

Frau Westkamp folgte dem Mädchen, ging mit ihm ein Stück in den Garten hinein Kurz darauf begann das Mädchen zu graben. Ungeschickt und täppisch arbeitete es; aber Frau Westkamp die wieder ins Haus zurückkehrte, machte em schlaues ^©iHtieg langsam die Treppe hinaus, betrat, berb auftretenb bie Stube Detlefs unb weckte chn burch ihre lauten Bewegungen.

Verdutzt sah er bie ungewohnt rücksichtslose Mut­te,. an die fast unfreunblid) meinte:

Nun schläfst bu schon am hellen Tage ein. Das ist" Zeitvergeudung, bie sich Leute wie wir kaum leiftelx können. Natürlich, wenn man nachts dum­

mes Zeug aushecken muß, kann man nicht schlafen." Er gähnte.

Ach Muttel, fei boch ein bißchen nett zu mir; ich bin schon zerschlagen unb verlottert genug!"

Geschieht bir recht!" warf sie ihm achselzuckenb zu, und doch tat er ihr jetzt wirklich sehr leid mit seinem müden, blassen Gesicht. Sie begann:Meinet­wegen hättest du ja auch noch weiterschlafen können, aber die Käte Dömpfert, das neue Mädel, ist ge­kommen, und sie will durchaus gleich was tun; aber ich hab im Augenblick keine Arbeit für sie. Nun habe ich ihr einen Spaten gegeben; sie soll graben lernen, weil sie's braucht, wenn sie im Garten aus­helfen muß. Graben, harken, pflanzen von alle­dem muß auch unser Dienftmädel was verstehen. Mag sie also gleich mal ans Graben gehen. Das ist gesunde Arbeit in frischer Luft. Ganz hinten, ans Ende des Gartens, habe ich sie untergebracht. Wo die Nußbäume stehen. Geh' zu ihr, exerziere sie ein bißchen ein. Sie scheint das Pulver nicht erfunden zu haben.

Eine Uhr schlug elfmal. Er erhob sich und zog seine dicke Joppe an. Unlustig sah er aus, verdrieß­lich und noch ein wenig verschlafen. Er begriff nicht, warum die Mutter das neue Mädchen auf so un­gewohnte Art anzulernen wünschte.

Aber er widersprach nicht, dazu war er zu stumpf.

Er ging verstimmt durch die Gartenwege, sah schließlich hinten bei den Nußbäumen eine weibliche Gestalt, bie leicht gebückt baftanb und sich, wie er schon von weitem erkannte, sehr ungeschickt benahm. Und wie sich die Neue zurechtgemacht hatte! Als ob sie in Sibirien Wege schaufeln sollte.

So kalt war es doch wirklich noch nicht, baß man sich so einzupacken brauchte. Eben hatte sie sich um- gebreht, unb er konnte sie besser sehen.

Es huschte ihm roieber burch ben Kopf: Was war benn seiner Mutter nur eingefallen, baß sie bas nei - Mäbel, bas kaum im Haufe war, so merk- roürbig beschäftigte? Wenn sie im Frühjahr wirklich ein bißchen im Freien mitarbeiten sollte, war es doch nicht nötig, sie gleich in der ersten Stunde als Gärtnerlehrling zu beschäftigen. Und die ihm zu­gewiesene Rolle entsprach gar nicht seinem Geschmack.

Vorhin war er zu stumpf gewesen, zu verschlafen, um sich darüber klar zu werden, jetzt erst ärgerte er sich richtig.

Als sie seiner ansichtig geworden, drückte die Neue den Spaten in das Erdreich, wie nicht gescheit, aber tief glitt der Spaten doch nicht; er blieb einfach stecken.

Detlef Westkamp schob sie, nach flüchtigem Blick, der nur ihren Rücken traf, beiseite.

S o müssen Sie den Spaten anfaffen, und s o müssen Sie ihn ansetzen und in den Boden schieben."

Sie drehte ihm auch jetzt halb den Rücken zu.

Er dachte: Du lieber Himmel, das schien ja ein ordentlicher Trampel zu sein!

Er schalt:Wenn ich Ihnen zeige, wie Sie es machen sollen, müssen Sie natürlich aufpassen! Oder glauben Sie vielleicht, ich will üben?"

Sie antwortete nicht und bewegte sich nicht, sie stemmte nur ihre Hände, die in derbgestrickten Fäustlingen steckten, in die Hüften.

Eine plumpe Person war das, stellte er abermals fest unb schob ihr ben Spaten näher.

Fassen Sie an, unb los! Sie brauchen sich babei gar nicht besonders anzustrengen. Hauptsache finb bie richtigen Bewegungen."

Sie loste bie Henkel ihrer Arme unb griff nach bem Spaten. Ihr Gesicht aber blieb leicht abgeroanbt.

Er fragte:

Warum sehen Sie mich benn nicht an, wenn ich mit Ihnen rebe? Das gehört sich boch so!"

Piepsig kam es unter bem Kopftuch hervor:

Ich schemer mich! Ich guck fei fremb Män­ner aa!"

Himmel! Was für eine unsympathische Stimme!

Er antwortete grob:

Mich können Sie unbesorgt ansehen. Ich will bestimmt nichts von Ihnen!"

Ei! Ich trau' bene Männer net, bie sinn alle nix wert. Kaan Heller!, sagt mei Mubber über mich."

Blöbe Gans!, bachte er. Hätte es beinah laut ge­rufen. Er war ärgerlich unb fuhr sie an:

Jetzt passen Sie enblich auf unb gucken Sie her! Ich will Ihnen noch einmal zeigen, wie man gräbt."

Aber sie paßte roieber nicht auf. Da stieß er ben Spaten in bie Erbe.

Ich habe keine Zeit mehr! Probieren Sie's halt selbst, wenn Sie nicht auf passen wollen!"

lieber bie Schultern bes Serben Mäbels piepste bie unangenehme Stimme:

Bleiwe Se boch noch, ich hätt' Ihne was zu sage!"

Er fragte schroff:

Was wollen Sie von mir?"

Es piepste:Ihne könnt' ich gut leibe, un ich benk', mir täte gut zufamme paffe!"

Detlef Westkamp nahm bie Mütze ab, bamit ihm bie frische Luft bie Stirn kühlen sollte. Das neue Mäbel, bas wie ein Polarreisenber vermummt war, kam ihm mit einemmal sehr fonberbar vor.

Er überlegte nicht lange und packte sie schroff bei den Schultern, drehte sie mit einem Ruck zu sich herum.

(Schluß folgt.)