Nr. 146 Drittes Matt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Dienstag, 26. Juni M4
Oer Zünfjahresplan der Türkei.
Don unserem Web.-Äerichierstaiier.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!)
<8 ft a n b u I, Juni 1934.
Unlängst hat in Kaisseri, dem alten Cäsarea, in Anwesenheit des Ministerpräsidenten Ismet Pascha die Grund st einlegung zu einer Textilfabrik stattgesunden, die Ende 1935 dem Betrieb übergeben werden soll. Damit ist ein wichtiger Abschnitt in dem wirtschaftlichen Fünfjahres- plan der Türkei begonnen worden. Im Oktober vergangenen Jahres hat die türkische Republik die zehnte Jahresfeier ihres Bestandes begangen. Die erste Periode des auf den Trümmern des osmanischen Reiches aufgebauten neuen türkischen Staatswesens hatte damit ihren Abschluß erreicht. Der junge Staat steht auf festen Füßen, er kann sich nun, da er außen- und innenpolitisch ein Höchstmaß an Sicherheit errungen hat, seinem wirtschaftlichen Aufbau widmen, der ebenfalls etappenweise, auf lange Sicht berechnet, vor sich gehen soll. Er trägt den Namen „Fünfjahresplan" und dient dazu, die Naturschätze des Landes in der Eigenindustrie zu verwerten und von der Einfuhr möglichst unabhängig zu werden. Dazu soll nup eine den nötigsten Bedürfnissen des Landes entspre- chende I n d u st r i e geschaffen werden, die weit- gehend vom Staat und nicht von privaten Spekulanten geleitet wird und deren Gewinne der Allgemeinheit zugute kommen sollen.
Da die Einfuhr von Baumwollgeweben annähernd ein Viertel der türkischen Gesamteinfuhr ausmacht, das Land aber selbst Rohbaumwolle in genügender Menge erzeugt und keinen Auslandsmarkt dafür hat, steht die Errichtung von Textilfabriken zunächst im Vordergrund. Die Fabrik von Kaisseri, deren Grundsteinlegung kürzlich erfolgte, wird einfache Baumwoll- und Wollgewebe erzeugen; für die besseren Stoffe sind Werke in Na- sili, Smyrna, Eregli und Konia vorgesehen, dergestalt, daß wenigstens die Hälfte des türkischen Baumwollbedarfs im eigenen Land hergestellt wird. Als Nebenwirkung verspricht man sich eine Verbesserung der Lage der Bauern, die Baumwolle pflanzen sowie der Merino-Schafzüchter.
In der Nähe des Kriegshafens von Jsmid ist die Errichtung einer Z e l l st o f f a b r i k, ine auch Papier- und Kunstseide erzeugen soll, vorgesehen. Die dazu notwendigen Rohstoffe können bis zu 70 v. H. aus dem Inlands gestellt werden, so vor allen Dingen Holz. Weiterhin ist der Bau einer F lasch e n f a b r i k in Istanbul geplant, die ab 1936 in Betrieb genommen und die Hälfte des Landesbedarfs liefern soll. Die in Kutahia seit Jahrhunderten beheimatete keramische Industrie wird im Rahmen des Fünfjahresplanes so weit aus- gestaltet werden, daß eine staatliche Porzellanmanufaktur die Versorgung des Landes mit italienischem Geschirr durchführen kann.
Große Aufmerksamkeit schenkt man der Ausbeutung der reichen Bodenschätze der Türkei. Die großen Kohlenlager von Songuldak werden im Absatz durch verbesserte Bahn- und Hafenanlagen gefördert; die Errichtung von Gaswerken und Brikettsabriken in unmittelbarer Nähe von Songuldak gehört ebenfalls zum Wirtschaftsaufbau im Abschnitt 1936. Wesentlich wird es für die Türkei sein, von der starken ausländischen Kokseinfuhr frei zu kommen. Zum montanen Teil des Fünfjahresplanes gehören die reichen Kupfervorkommen in Argana in Ostanatolien, zu deren Erschließung die Bahnlinie Malatya—Diarbekir gebaut wird, von der zwei Drittel bereits vollendet sind. An der Inbetriebsetzung und Ausbeutung der Kupferbergwerke ist übrigens deutsches Kapital hervorragend beteiligt. Weiter will die Türkei die Ausbeutung der ergiebigen Schwefelgruben
von Ketfchiburlu in Angriff nehmen und die vorhandenen Eisenerzlager in Eregli bei Son- guldak nutzbar machen. Als letzte Etappe ist die Errichtuntz chemischer Werke für 1939 beabsichtigt, die die Verarbeitung der industriellen Abfallprodukte übernehmen werden, und schließlich der Bau von zwei Kraftwerken für die Erzeugung elektrischen Stromes, in Kisil Irmak durch Wasserkraft, in Eregli durch Kohlenstaub.
In den Fünfjahresplan ist auch das Eisenbahnbauprogramm der Türkei einbegriffen, und zwar die Linien: Filios—Irmak, in der Nord- Südrichtuntz vom Schwarzen Meer auf die Linie Ankara—Suvas stoßend, die ihrerseits wieder über Siwas nach Erferum ausgebaut und als große West-Ostlinie wirtschaftlich und strategisch gleichbedeutend sein wird. Eine weitere Nord-Südlinie, bei Afyon von der Taurusbahn abzweigend, ist nach Antalya an die Mittelmeerküste geplant und soll, im Zusammenhana mit dem neuerdings stark erhöhten Wehrbudget beschleunigt in Bau genommen werden.
Die Finanzierung des gewaltigen Planes, der bei der erwiesenen Tatkraft der Ankarer Regierung programmäßig und aufenthaltslos durchgeführt werden dürfte, ist endgültig gesichert. Am Anfang steht ein russischer Warenkredit von 32 Mill. Mark, dessen erste Lieferung in Gestalt der Maschineneinrichtung für Kaisseri erfolgt. Es verdient hervorgehoben zu werden, daß sich Rußland sehr für den türkischen Wirtschaftsplan interessierte, lieber den Russenkredit hinaus werden die Kosten für die ersten fünf Jahre auf etwa 70 Mill. Mark veranschlagt, Die aus laufenden Mitteln der in Betracht kommenden Ministerien entnommen werden sollen. Für die Bahn Ma- latva—Argana ist mit Erfolg eine 24 Mill.-Mark- Anleihe aufgelegt und zum größten Teil untergebracht worden, neuerdings wird für die Bahn Siwas—Erferum eine zweite innere Anleihe von vielen Mill. Mark aufgelegt; eine Maßnahme, die ursprünglich nicht in der Absicht der Regierung lag. Eine wesentliche Aufgabe in der Finanzierung des Planes fallen den stark verstaatlichten Banken, wie Sümer-Bank und Jsch-Bank zu, wie denn auch der Grundsatz der Regierung ist, das Jndustriewerk der Türkei fest in der Hand des Staates zu behalten. Nach deutschen Begrifffen erscheinen die vorgesehenen Mittel gering. Demgegenüber ist zu beachten, daß keine Exportindustrie beabsichtigt ist, sondern eine „Unabhängigkeitsindustrie", die sich streng nach dem Verbrauch richtet, und im übrigen in erster Linie den Interessen der Landesverteidigung dienen wird, so daß schon aus diesem Grunde die reine Wirtschaftlichkeit nicht im Vordergrund der Erwägungen stehen darf.
Bisher gehörte die Türkei zu den Ländern, deren Einfuhr die Ausfuhr überstieg. Ein Ausgleich in der Handelsbilanz kann vorläufig nur durch schärfste Einfuhrbeschränkung und Kontingentierung erreicht werden, wodurch natürlich die wichtigste Einkunftsquelle, die Einfuhrzölle, bedenkliche Rückgänge anzeigen. Eine freie Wirtschaft würde einen Einfuhrüberschuß von etwa 60 Mill. Mark im Gefolge haben, und dieser Ueberschuß soll im Lause der Zeit gedeckt, d. h. im eigenen Land erzeugt werden. Für den Außenhandel der Türkei geht daraus hervor, daß die Einfuhr an Fertigfabrikaten, an der auch Deutsch- land hervorragenden Anteil hat, nur im bisherigen beschränkten Umfang erhalten bleibt — dagegen besteht die Möglichkeit, an der maschinellen Durchführung des Fünfjahresplanes mitzuwirken.
Es darf nicht unerwähnt bleiben, daß sich die Regierung vom Fünfjahresplan auch eine Reihe psychologisch — und wirtschaftlich — wichtiger Wirkungen verspricht. Zunächst wird der Staat Unternehmer, beschneidet die übermäßigen Privatgewinne und ist der Sorge wegen der Steuerflucht der Unternehmer enthoben. Die Arbeiter der staatlichen Industrien werden, allerdings auf Kosten der verbrauchenden Allgemeinheit, erheblich
besser gestellt. Sie haben sich als Beamte zu fühlen und werden, wie die Ingenieure und Arbeitgeber, als gleichberechtigte Glieder in der Staatswirtschaft angesehen, so daß sich ihr Selbstbewußtsein hebt und der internationalen Proletarierpropaganda ein wirksamer Riegel vorgeschoben wird. Die allgemeine Zustimmung, die der Fünfjahresplan findet, beweist, daß die nationale Türkei auf dem richtigen Wege ist, wenn sie eine nationale Indu
strie schafft, die das große nationale Ziel völliger Unabhängigkeit besiegeln hilft.
Da erst vor wenigen Tagen ein vom Staatspräsidenten selbst geleiteter Ministerrat beschlossen hat, daß in Zukunft der Wehrausbau des Landes mit dem wirtschaftlichen Fünfjahresplan als ein gemeinsames Werk zu behandeln ist, ist der Wirtschaftsplan erst recht zu einer nationalen Angelegenheit geworden.
Was gibt es Neues in der Medizin ?
Don Or. v. Wölffel.
Oie „Berkehrsmitielkrankheii"
„Verkehrsmittelkrankheit" wäre heute die richtige Bezeichnung für die Seekrankheit, denn sie tritt nicht nur bei Seefahrten auf, sondern ebenso bei Flugzeug-, Eisenbahn- und Autofahrten. Eine Bekämpfung der Seekrankheit ist bei der Beschleunigung aller Verkehrsmittel heutzutage notwendiger denn je.
Die Ursache ist nunmehr sicher festgestellt. Professor M. H. F i s ch e r teilt in den „Fortschritten der Medizin" mit, daß es sich bei diesem Leiden um eine starke Reizung des Oyrlabyrinthes handelt, die durch die Schwankungen, die mit jeder Bewegung Hand in Hand gehen, erfolgt. Beim Dampfer unterscheidet man drei verschiedene Arten der Schwankungen: das Stampfen, das Rollen und die besonders unangenehme Vertikalbewegungen, die durch die Dünung hervorgerufen werden. Durch Anpassung der Körperbewegung kann man der Seekrankheit in weitem Maße aus dem Wege gehen. Doch sind wohl nur ganz gewiegte Seeleute in der Lage, sich so genau den Bewegungen anzupassen. Eine ruhige Rückenlage vermag die Krankheit hinauszuschieben, aber nicht zu verhindern. Linderung verschafft auch das Schließen der Augen, da hierdurch der verwirrende Anblick des sich in das Wasser neigenden Schiffes vermieden wird. Die chemische Industrie hat in den letzten Jahren sehr viele Mittel gegen die Seekrankheit herausgebracht, die, beizeiten eingenommen, die Seekrankheit verhindern oder wenigstens erleichtern können. Merkwürdig ist die Tatsache, daß Säuglinge nie von der Seekrankheit befallen werden — leider hort dieser Schutz im zweiten Lebensjahr schon auf.
Die Luftkrankheit, die ebenfalls durch Bewegungsbeschleunigungen hervorgerufen wird, tritt vor allem bann ein, wenn ein Flugzeug „absackt", d. h. wenn es in ein Luftloch gerät. Beim Eisenbahn- und Autofahren entsteht durch das Schleudern eine Art Seekrankheit, doch werden hier nur Personen mit besonderer Empfindlichkeit „seekrank". Sowohl die Schiffs- wie auch die anderen Industrien sind bemüht, durch geeignete Maßnahmen die Schwankungen zu vermindern. Nur auf diese Weise wird man mit der Zeit eine erfolgreiche Bekämpfung der Seekrankheit durchführen können.
Oer „Tennisarm".
In der „Medizinischen Welt" bittet ein Arzt um Rat, wie die oft auftretende Erscheinung des „Tennisarms" zu behandeln ist. Dieses Leiden tritt besonders bei den Spielern auf, die schon über ein gewisses Können verfügen und sehr häufig trainieren.
Es handelt sich hierbei um sehr schmerzhafte Beschwerden, die hauptsächlich beim Schlag mit gestrecktem Arm und beim Aufschlag auftreten. Die Schmerzen können sich so steigern, daß der Spieler den Arm überhaupt nicht mehr gebrauchen kann. Es handelt sich hierbei, wie Professor Dr. Vogler feststellte, um eine schmerzhafte Erkrankung des Unterarms, die vor allem an den Knochenvorsprüngen am Ellbogengelenk ansetzt. Sind diese Knochenvorsprünge beim Abtasten sehr schmerzhaft, so weiß der Arzt, daß er an dieser Stelle mit der Behandlung einfetzen muß. Läßt sich durch Einspritzungen
und völlige Ruhestellung keine Besserung erzielen, so muß ein chirurgischer Eingriff vorgenommen werden. Handelt es sich um eine allgemeine Schmerzhaftigkeit des Armes, so besteht meistens nur eine Nervenreizung, die durch Ruhe bald wieder behoben werden kann. Oft stehen die Aerzte aber dem „Tennisarm" machtlos gegenüber, sämtliche Mittel versagen, und es bleibt dem Patienten nichts anderes übrig, als das Tennisspielen bis auf weiteres ganz aufzugeben.
Waffer im Ohr.
Schwimmer, die tauchen und springen, müssen öfters feststellen, daß sie nach dem Bade das in das Ohr eingedrungene Wasser nicht mehr entfernen können. Durch das eingedrungene Wasser hat sich das vor dem Trommelfell angehäufte Ohrenschmalz erweicht, es quillt und bildet vor dem Trommelfell die Wand einer Luftblase. Es ist erfolglos, in diesen Fällen mit einem harten Gegenstand in den Gehörgang zu fahren. Es gibt ein ganz einfaches Mittel, um diesem unangenehmen Zustand ein Ende zu machen. Man geht noch einmal ins Wasser, legt sich auf den Rücken und läßt noch mehr Wasser in die Ohren laufen. Das Ohrenschmalz wird auf diese Weise vollständig aufgelöst und die Blase platzt. Man kann nun mit einem kleinen Wattebausch das Ohr vollständig säubern. Oas Kleinkind will nicht kauen.
Es kommt öfters vor, daß ein Kind im Alter von zwei Jahren, das bis zu dieser Zeit nur mit weicher Kost (Milch, Brei, Zwieback) ernährt wurde, an feste Speisen gewöhnt werden soll. Diese Gewöhnung scheiterte aber einfach daran, daß das Kind nicht tauen wollte, es lutschte nur an den Speisen herum. Was soll die Mutter in diesem Falle tun? Und warum will das Kleinkind die Nahrung nicht kauen? Die Ursache dieser Störung liegt meistens in einer allgemeinen Nervosität des Kindes. Schon bei dem liebergang von der Flasche zur breiigen Nahrung stößt man manchmal bei nervösen Säuglingen auf Widerstand. Ganz falsch ist es, in solchen Fällen das Kind weiter mit der Flasche zu ernähren. Es kann dann gar nicht verwundern, wenn der spätere Uebergang zur festen Nahrung besonders schwierig wird. Ein Kind zum Kauen zu zwingen, ist unmöglich. Da es sich um nervöse Störungen handelt, wird man am meisten durch einen Umgebungswechsel erreichen. Ebenso muß in der Pflege des Kindes ein Wechsel eintreten. Derjenige Mensch, der es bisher gefüttert hat, darf dies auf keinen Fall auch weiterhin tun. Zur Ueberwinduna solcher Ernährungsschwierigkeiten gehört ungeheuer viel Energie und Konsequenz. Manchmal erreicht man auch die Aufnahme der festen Nahrung, wenn man die Mahlzeiten einschränkt, so daß das Kind Hunger verspürt.
Oer Kampf gegen die Migräne.
Die Migräne, unter der viele Menschen ihr Leben lang zu leiden haben, beruht auf einer besonderen Veranlagung. Man hat beobachtet, daß sie hauptsächlich in den Familien auftritt, die auch in anderer Beziehung unter Ueberempfindlichkeits-. krankheiten, d. h. Asthma, Nesselfieber, Heufieber,
Stierkamps um das Schiff Ellide.
Don Gorge Spervogel.
„He, kleiner Martin, willst du für zwei Tage mein Maat auf „Ellide" fein?"
„Ja, alter Flambusch, wenn du auf „Ellide" einen Maaten brauchst?"
„Ja, ich brauche wohl so etwas wie einen Maaten auf meinem Schiff, denn es fall diesmal eine Wikingerfahrt werden, kleiner Martin. Und ein Zelt habe ich mir auch schon geliehen."
„Wo soll es denn hingehen, alter Flambusch?"
„Weit, weit den Fluß hinauf. Morgen mit der Sonne, kleiner Martin."
„Morgen mit der Sonne, alter Flambusch."
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„Schmeckt der Wind nicht nach Salz?" fragte Flambusch. „Und wie der Himmel aussieht", sagte Martin, „nicht eine Wolke." „Oele dich", sagte Flambusch, „das wird ein heißer Tag heute. Aber laß uns erst das Boot aufbauen."
Nicht lange, und aus drei Paketen war das Schiff „Ellide" erstanden, eigentlich nicht viel mehr als ein grau und rotes Faltboot. Nicht lange, und es schaukelte auf dem Wasser. Der Kapitän stieg ein und staute Zeltbahnen, Decken und Geräte. Der Maat ging an Bord. „Ellide" legte ab und wandte sich flußauf. Es war ein klarer Morgen mit Tau auf allen Dingen, wenig Getier war erst wach.
„Nun wird der Fluß erst richtig", sagte Flambusch und hielt mit Paddeln ein. „Anders als in der Stadt", fügte Martin hinzu. Die Sonne kam über den Horizont. Die Uferweiden erglänzten und spiegelten sich. Eine Ente flog rauschend auf. Ihre Flügel klatschten, bis der Flug schön und klingend wing! roing! wing! wie eine Glocke in der Höhe über den Wiesen verging.
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„Wir kommen langsamer voran", sagte Martin gegen Mittag. „Ob es an der Hitze liegt?"
„Die Strömung wird stärker", sagte Flambusch. „Zieh das Paddel länger durch und schlage schneller."
Das heiße Licht kam in mächtigem Sturz herab. Die Uferbüsche blieben nur widerwillig zuruck. Voraus begann sich das Wasser zu dellen. Es zog glatt heran, bekam Dellen und Riesen und wellte sich. Eine Kiesbank im Fluh. Sie paddelten wie Maschinen und tarnen kaum vom Fleck. Als sie an die Kiesbank herangekommen waren, merkte Flambusch, daß sie immer mehr abgetrieben wurden und auf diese Weise nicht hinüberkommen würden. Er streifte die Steigbügel mit den Steuerschnüren von
den Füßen, stützte sich auf und sprang über Bord. Das Boot glitt an ihm vorbei. Er packte es bei der Metallöse am Vordersteven, wickelte die Belegschnur rasch um fein Handgelenk und begann gegen die Strömung anzugehen. Das Wasser brach sich und schäumte an seinen Knien. Die Schnur spannte sich straff. Ab und zu glitt Flambusch aus, verlor das Gleichgewicht und wurde durch den Strom fast umgeworfen. Dann wieder geriet er in Kuhlen, wo ihm das Wasser bis über die Schulter ging, ihn mitriß und über den Kies schleifte.
Das Ufer lief flach an. Nach einigen mit Kiesgeröll bedeckten Metern stieg es mannshoch senkrecht empor, an der Oberkannte Überhängen von Rasen- lappen.
„Sieh einmal die Kuh", rief Martin, „da vorne!" Flambusch hielt ein im Ziehen. „Mann, zieh weiter!" schrie Martin, „ich hänge schon auf dem Kies!" Da fetzte sich die Kuh in Galopp, stampfte heran, trampelte den Boden, knörte, stöhnte und brüllte, wühlte die Hörner in die Erde und schleuderte den Dreck nach hinten.
„Die hat einen Hitzestich", sagte Martin. „Wetten, daß?"
„Das ist keine Kuh, aber ein Bulle", sagte Flambusch ein wenig starr.
„Du, der ist wütend!" rief Martin leise. „Au, und unser Kahn hat ein rotes Verdeck, deshalb! Au, au, jetzt aber."
Der Bulle suchte einen Abstieg.
„Flambusch, komm her!" schrie Martin. Flambusch watete langsam ins Wasser und sah sich andauernd um. Er geriet in eine Kuhle, fiel und verlor das Schleppseil. Das Boot trieb sofort ab und strandete auf einer Bank mitten im Fluß. Rechts und links schäumte das Wasser.
Auf einmal brach ein Stück des überhängenden Rasenranftes ab, der Bulle rutschte ab und landete verdutzt auf dem Kies. Flambusch rannte, so schnell er im Wasser konnte, auf das festliegende Boot zu, packte ein Paddel, schraubte es auseinander und versuchte gleichzeitig mit den Knien und Füßen, das Boot flottzumachen. Es saß eifern fest. Der Bulle machte Schritte ins Wasser, brüllte und grummelte hitzig, geriet an tiefere Stellen, wendete sich hin und her und suchte unverdrossen eine Furt.
„Steig aus", sagte Flambusch hastig. „Du mußt das Boot hochbringen, egal wie. Wir müssen hier vorbei. Ich passe schon auf das Vieh auf."
Martin zog, Flambusch ging ein paar Schritte neben ihm her, in jeber Hand wie ein Schwert ein halbes Paddel. Der Bulle blieb auf ihrer Höhe, immer wie- der ins Wasser watend.
„Da oben ist wieder eine Schwelle", sagte Flambusch, „wo die weißen Wellen stehen. Und da kann
er heran." Nach einer Weile: „Zieh schnell weiter, Martin. Ich will versuchen, ihn abzujagen."
„Laß die Paddel heil", sagte Martin beinahe großartig. „Dir selbst wird schon nichts geschehen, wo du mit der Strömung immer schnell abschwimmen kannst." Martin hatte zwar ein bißchen Angst und ziemlich schweres Herzklopfen, aber er zog gegen das Wasser an, daß die Wellen aufrauschten.
„Hööö-ö!" knurrte der Bulle tief im Schlund, blieb stehen, peitschte mit dem Schwanz und schnaufte bösartig. So lange er stehenbleibt, dachte Flambusch, ist alles gut. Er blickte sich rasch um und sah, daß das rote Verdeck schon ein gutes Stück davon war. Da setzte sich der Bulle wieder in Bewegung. Flambusch machte ein paar Sätze stromauf, brüllte, fuchtelte mit dem Paddel und schmiß mit einer Handvoll Kies. Das Untier blieb wieder stehen.
„Gehst du wohl zurück!" schrie Flambusch es an. „Willst du wohl zurückgehen! Dschüh! Hä! Zurück!" Dazu eine Kiesladung nach der anderen. Der Bulle senkte den Schädel und rannte gegen den fliegenden Kies an. Flambusch warf sich in die Strömung. Ehe er sich besinnen und bremsen konnte, befand er sich ein gutes Stück unterhalb des Kampfplatzes. Der Bulle galoppierte am Ufer entlang, gerade auf die flache Kiesfchwelle und das Boot zu.
Martin sah das Unheil kommen. Er drückte „Ellide" auf die andere Seite des Flusses hinüber und faßte ein Paddel. Der Bulle watete schändend heran. Ab und zu steckte er das triefende Maul mit dem Nasenring ins Wasser und knörte. Martin sah das Rötliche im Weiß seiner Augen. Martin sah Flambusch das Ufer entlang gerannt kommen. Martin packte das Paddel und schaufelte Wasser gegen das Untier.
„Feste, Martin!" schrie Flambusch. „Ich komme!"
Der Bulle schüttelte sich und schwenkte den Kops. Er wandte den Schädel ab und versuchte gleichzeitig neuen Stand zu gewinnen, denn er sank langsam in den losen Kiesgrund ein. Da stürzten ihm auch von der anderen Seite Wassergarben entgegen. Er sah nichts vor Wasser, er atmete Wasser, hustete, brummte, verlor immer mehr den Stand im lockeren Kies, und als Flambusch ihn mit einem Schrei von der Seite anrannte, fast umstieß und mit dem Paddel bearbeitete, verlor er gänzlich das Gleichgewicht, torkelte, rutschte und schwenkte in eine Kuhle, verlor den Grund, trieb ab und landete grobschlächtig an einem liegengebliebenen Baumstamm und gewann nur mühsam und elend das Ufer.
„Weiter, weiter, ehe es wieder losgeht", trieb Flambusch.
„Ach", sagte Martin atemlos, „nun sieh dir doch an, wie das Vieh ausreißt. So ein Bulle", sagte er,
„so ein Klotz von einem Bullen. Muht vor sich hin, als ob es anfangen wollte zu meinen, und weiß vor Schande nicht, wie er die Böschung hinaufkommen soll. So etwas versucht nun, die christliche Seefahrt aufzuhalten, greift vollständige Schiffe samt Käpten und Besatzung an. Mann, was habe ich für eine verdammte Wut."
„Du solltest lieber dein Gehirn einschalten, anstatt den Schnabel so im Leerlauf gehen zu lassen", sagte Flambusch. „Wir müssen weiter. Zwei Tage haben wir nur."
„Ist schon recht, alter Käpten", sagte,' Martin, „dann will ich mal ziehen und du steuerst. Aber daß so ein dickes Wesen von seiner Wiese herunter gegen so ein altes, kleines Schiff losgeht, gegen fo ein paar Hölzchen mit etwas Gummihaut darüber, die auch schon etwas altersschwach ist, Mann, das bringt mich hoch."
„Na, na", brummte Flambusch, „was sagst du da über Schiffe?"
„Na, ja", sagte Martin, „das habe ich in meiner Wut gedacht."
„Zieh lieber", sagte Flambusch. „Wir wollen heute noch ordentlich was beschicken."
Das Känguruh und sein Furunkel.
Ein Furunkel hat schon den sanftesten Mann zum Bösewicht oder zum Hypochonder gemacht. Ein Furunkel geht auch über die Kraft eines Känguruhs. Hans, eine der Hauptsensationen eines kleinen Zirkus, der vor einigen Tagen nach Wien gekommen war, litt jedenfalls schmerzlich an seiner Wunde. Sein Herr ließ also den Tierarzt kommen, und der Doktor wollte das Känguruh gleich operieren. Wahrscheinlich hatte der Onkel Doktor noch nie mit einem Känguruh zu tun gehabt, denn er vermochte Hans nicht zu überreden, gutwillig zum Operationstisch zu gehen. Ein paar Backpfeifen mußte sich der Arzt gefallen lassen, ehe es ihm und seinem Gehilfen gelang, das Tier festzubinden. Der Doktor gab sich trotzdem redliche Mühe, unternahm einen gründlichen Eingriff und durchschnitt selber noch die Riemen, mit denen das Tier festgeschnallt war. Hans verkannte dke guten Absichten des Tierarztes vollkommen, denn kaum konnte er sich wieder bewegen, als er auch schon nach allen Regeln der Boxkunst auf den Arzt losging und ihn zielsicher knockout schlug. Dem Gehilfen ging es nicht besser, und als sie beide an die Wand getaumelt roaran, setzte Hans mit gewaltigen Känguruhsprüngen ins Freie. Der Zirkusdirektor konnte ihn schließlich am Schwanz festhalten und ihn mit Not und Mühe bändigen. Der Tierarzt wird demnächst Boxunterricht nehmen.


