Nr. 48 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen)
Montag, 26.8ebruarl9Z4
Krau Senefelders Wäschezettel.
Zum 100. Todestage des Erfinders der Lithographie.
selber am 26. Februar starb, war der Wunsch, den er am Schluß seines Lehrbuches ausgesprochen, verwirklicht, daß die Erfindung auf der ganzen Erde verbreitet und der Menschheit durch vortreffliche Erzeugnisse vielfältigen Nutzen bringen möge.
Der Zufall, der dem Erfinder hold sein muß, kann nur dann den Funken des genialen Einfalls entzünden, wenn der Geist durch lange Versuche und Denken darauf vorbereitet ist. Ein klassisches Beispiel für diese Tatsache ist die Erfindung des Steindrucks durch Aloys Senefelder. Er war der Sohn eines Schauspielers, der mit einer Truppe in Bayern und Oesterreich herum- zog, wurde 1771 in Prag geboren und versuchte sich, nachdem er den trockenen Rechtswissenschaften rasch Valet gesagt hatte, ebenfalls als Kommödiant; doch scheint er die Begabung des Vaters nicht geerbt zu haben. Als dieser plötzlich starb, blieb Aloys als dem Aeltesten die Sorge für die Mutter und acht Geschwister.
Da es mit der Schauspielerei nicht ging, so verlies Aloys die Schmiere, die besonders in Schauerund Gespensterstücken geschwelgt hatte, und suchte als L u st s p i e l d i ch t e r etwas zu verdienen. Doch die Verleger ließen auf sich warten, und der junge Senefelder kam auf den Gedanken, seine Stücke selbst zu drucken. Eine Druckerpresse war zu teuer, und so wollte er ein billigeres und auch rascheres Verfahren anwenden, indem er an die Vervielfältigung einer ganzen Seite nach Art des Kupferstichs dachte. Da Kupferplatten für ihn unerschwinglich rotnen, so verfiel er darauf, mit dem leicht erhältlichen weihen Schiefer zu experimentieren, der sich bei Solnhofen in Bayern findet.
Doch die verschiedensten Versuche mit Tinten und Aetzungen brachten keinen Erfolg, bis der glückliche Augenblick kam. Seine Mutter wusch damals für andere Leute, um auch etwas zum Haushalt beizutragen. „Ich hatte eben eine Steinplatte sauber abgeschliffen, um sie wieder mit Aetzgrund zu überziehen, und darauf meine Uebungen im Verkehrtschreiben fortzusetzen", erzählt er in seinem 1818 erschienenen Lehrbuch der Lithographie, „als meine Mutter von mir einen Waschzettel geschrieben haben wollte. Die Wäscherin wartete schon auf die Wäsche, es fand sich aber nicht gleich ein Stück Papier. Mein eigener Vorrat war durch Probedrucke zufällig zu Ende gegangen, auch die gewöhnliche Schreibtinte war eingetrocknet. Ich schrieb den Waschzettel einstweilen mit meiner vorrätigen, aus Wachs, Seife und Kienruß bestehenden Steintinte auf die abgeschliffene Steinplatte, um ihn, wenn frisches Papier geholt sein würde, wieder abzuschreiben. Als ich nachher diese Schrift vom Stein abwischen wollte, kam mir auf einmal der Gedanke, was denn aus so einer mit dieser Wachstinte auf Stein geschriebenen Schrift werden würd«, wenn ich die Platte mit Scheidewasser ätzte, und ob sie sich nicht vielfach nach Art der Buchdrucklettern oder Holzschnitte einschwärzen und abdrucken ließe." Und siehe da, was Senefelder erhoffte, trat t-m. Die Schrift stand wirklich nach der Aetzung erhaben auf dem Stein, und es ließ sich leicht von ihr ein Abzug machen.
Damit hatte Senefelder den Steindruck erfunden und eine neue Epoche der Vervielfältigung eingeleitet. Der ganze Aufschwung unserer Reproduktionsverfahren nimmt von dem „Waschzettel der Frau Senefelder" seinen Ausgang. Der Grundsatz des Druckens von einem flachen Druckträger tritt ebenbürtig neben den tiefen Kupferstich und Holzschnitt sowie den erhabenen Druck Gutenbergs. Für Kunst und Gewerbe waren die weitesten Möglichkeiten eröffnet. Aber wenn auch Senefelder die ganze Bedeutung seiner Erfindung I ahnte, so mußte er doch noch unendliche Schwie-' r i g k e i t e n überwinden, bevor sie allgemein anerkannt war.
Da er kein Geld hatte, um eine richtige Presse zu bauen, wollte er sich damit 200 Gulden verdienen, daß er für einen reichen Militärpflichtigen als „Ein stehen" bei der Artillerie in Ingol
stadt eintrat. Doch da er in Prag geboren war, wurde er als Ausländer nicht angenommen. Nun mußte er als Notenschreiber sich kärglich durchbringen, und während er Nächte hindurch Note auf Note hinsetzte, stand ihm ganz deutlich vor Augen, wie viel einfacher es wäre, die Noten auf Stein aufzuzeichnen und von diesem abzudrucken. Für diesen Plan wußte er den Münchener Hofkapellmeister G l e i ß n e r zu interessieren, der ihm Geld für eine Druckpresse gab. Diese erste lithographische Presse, eine 1797 in einfachster Weise als Balken und Brettern zusammengezimmerte „Stangenpresse", steht heute an einem Ehrenplatz im Deutschen Museum in München. Aus ihr stellte Senefelder den ersten lithographischen Druck, den „Jägermarsch der kurpfälzisch-bayrischen Truppen", her.
Die damit erreichte Schönheit des Notendruckes überzeugte die Musik-Verleger, und nachdem der Erfinder seine Presse vergrößert und verbessert hatte, konnte er sogar eine Ausgabe der „Z au- b e r f l ö t e" drucken. Nun waren die Hauptschwierigkeiten überwunden. Die Erfindung wurde für immer weitere Gebiete benützt. Man erkannte ihren hohen Wert für die Herstellung von Landkarten; in Wien konnte Senefelder eine Kattun- Druckerei einrichten, und dann brachte er prachtvolle Reproduktionen nach Zeichnungen von D ü - rer und Raffael heraus, die rasch Weltruf erlangten. In weniger als zwei Jahrzehnten war der Steindruck in allen Kulturländern im Gebrauch. Die Künstler bedienten sich seiner ebenso wie die Gewerbe. Eine ganze Industrie der Vervielfältigung entstand.
Senefelder arbeitete unermüdlich an der Vervoll- kommung seines Verfahrens und erfand noch 1826 den Druck farbiger Lithographien Seine Versuche, die schweren Steine durch ein leichteres Material zu ersetzen, waren allerdings nicht von Erfolg gekrönt; erst in neuerer Zeit verwendet man statt Des Schiefers Aluminium-Platten. Als Sene-
Buntes Allerlei.
Schädel im Schrein.
Die Kopfjägerei bei den Papuas ist trotz aller strengen Maßnahmen der Verwaltung noch immer nicht ganz ausgerottet und lebt jedenfalls in manchen merkwürdigen Formen der Schädelverehrung fort. Während die Kopfjagd in Holländisch-Guinea mit der Namensgebung der Kinder verknüpft war, da jedem Knaben und Mädchen möglichst bald nach der Geburt als Hauptname der Schädel irgendeiner zu diesem Zweck getöteten und getopften Person beigelegt werden mußte, läßt sich, wie der Reisende Paul Wirz im „Ethnologischen Anzeiger" ausführt, für den Schädelkult in dem unter britischer Oberhoheit stehenden Gebiet des Papua-Golfes kein eigentlicher Grund, feftstellen. Doch ist das Herrichten und Verehren solcher düsteren Trophäen noch weit verbreitet. In den großen Gemeinschaftshäusern sind solche bei der Kopfjagd erbeuteten älteren Stücke in sogenannten Agibe-Schreinen aufgehängt und spielen im Kult eine große Rolle. Manchmal sind es männliche und weibliche Figuren, die Ahnherrn und Ahnfrau darstellen, wie überhaupt die Schädel-Verehrung mit dem Ahnenglauben Zusammenhängen dürfte. Das Gesicht wird über dem Skelett des Schädels in Ton modelliert; in die Augen werden Stücke von Sagoblatt-Rippen gesteckt und manche anderen Verzierungen angebracht. Grotesk sind die auffallend langen Nasen. Schädel von erlegten Tieren, besonders Schweinen und Krokodilen, werden ebenfalls verehrt, jedenfalls nie weggeworfen; man fürchtet nämlich, man werde kein Tier mehr fangen, wenn man den Schädel achtlos beiseite bringt. Diese Tierschädel werden in kleineren Agibe- Schreinen untergebracht und auf die Schädel manchmal seltsam geformte Figuren gesetzt. Neben dieser Anbetung der Schädel im Schrein fanden sie in früherer Zeit bei Festlichkeiten Verwendung, was
GroßeMolgderVerlmerSA-Mrek-Sammlung
Die große Sammelaktion des Führerkorps der SA. - Gruppe Berlin-Brandenburg, ist ein großer Erfolg geworden. Am Sonntag zogen die Berliner SA.-Führer zum zweitenmal durch die Straßen Berlins und sammelten für ihre bedürftigen Kameraden im Rahmen des Winterhilfswerks. Die Berliner Bevölkerung opferte gern für die erwerbslosen SA.-Kameraden. Gerade aus den ärmsten Stadtvierteln flössen die Gaben reichlicher, als man erwarten konnte, lieber die Einzelergebnisse weiß der „Montag" folgendes zu berichten: Prinz August Wilhelm vereinnahmte am Samstag 965 Mark und am Sonntag sogar 1281 Mark. An beiden Tagen zusammen hat Sturmführer Richter mehr als 3000 Mark eingenommen. Gruppenführer Ernst lieferte am Samstagabend 6 volle Büchsen ab, in denen sich 643 Mark in bar und einige Schecks in ansehnlicher Höhe befanden. Oberführer Rieck, der am Samstag nur zwei Stunden am Potsdamer Platz sammeln konnte, vereinnahmte in dieser kurzen Zeit 465 Mark. Der 70jährige SA.- Sanitätsgruppenführer Dr. Giese betätigte sich ebenfalls mit großem Eifer und suchte selbst ab- fahrenüe Schnellzüge auf den Fernbahnhöfen auf. Das Ergebnis seiner Sammlung beträgt 326 Mark. Staatskommissar Dr. Lippert vereinnahmte 434 Mark. Sturmbannführer Oberregierungsrat Somme r f e l d t vom Preußischen Staatsministerium konnte sogar einen Scheck über 1500 Mark in Empfang nehmen. In den Sammelbüchsen befanden sich auch vier alte Goldstücke. Unser Bild zeigt Prinz August Wilhelm bei der Sammelaktion.
gelegentlich heute noch geschieht. War ein frisckev Schädel erbeutet, dann wurde eine Feier im Gemeindehaus veranstaltet. Bei dem sich anschließenden nächtlichen Tanz wurde die neue Trophäe zusammen mit den alten auf Stöcken herumgetragen. Mit dem Verschwinden der Kopfjagd werden solche Veranstaltungen immer seltener. Man benutzt jetzt statt frischer Schädel rohe Nachbildungen von Köpfen aus Holz und anderen Stoffen. Die Regierung hatte die Eingeborenen aufgemuntert, sich bei ihren Festen und Tänzen statt der Menschenschädel mit solchen von Schweinen und Krokodilen zu begnügen, aber das war keineswegs nach dem Sinn der Schwarzen. Ein aus Holz geschnitzter Menschenkopf schien ihnen für ihren Kult immer noch geeigneter als ein Tierschädel.
Oer Schmuckkasten der heiligen Kunigunde.
Zu den schönsten und zugleich rätselhaftesten Werken des Bayerischen Nationalmuseums gehört der in blickendem Erz und reichgeschnitztem Elfenbein prangende Schatzbehälter aus Eichenholz, der im Kuppelraum unter dem Namen des Schmuckkästleins der heiligen Kunigunde aufbewahrt wird. Dieses aus dem' Bamberger Domschatz stammende Stück nimmt eine Ausnahmestellung in der mittelalterlichen Kunstgeschichte ein, da es einen Wende-
Gedenket der hungernden Vögel!
punkt in der Entwicklung der nordischen Tierornamentik bedeutet. Wie Alois Elsen in der Bruck- mannschen Kunstzeitschrift „Pantheon" ausführt, ist der Kasten das großartigste Beispiel für die Ausbildung eines Monumentalstils, der mit den geistigen Umwälzungen aufs engste zusammenhängt, die die Christianisierung des Nordens und Ostens im 10. Jahrhundert brachte. Seit 948 wurden in Dänemark drei neue, dem Erzbischof von Hamburg unterstellte Bistümer errichtet, und in dieser Gegend des westlichen Ostseegebietes muß das Werk entstanden sein, wie sich aus ber Tierornamentik der Elfenbeinreliefs nachweisen läßt. Doch ist die Verwendung als Re- liquiar, die man aus der Bezeichnung „Schmuckkästchen der hl. Kunigunde" herauslesen wollte, gänzlich ausgeschlossen. Elsen spricht eine andere Vermutung aus. Er weist darauf hin, daß. 1015 Kaiser Heinrich II. mit den pommerschen Liutizen, die damals stark unter dänischem Einfluß standen, ein vielbeachtetes Bündnis schloß, um sich des gemeinsamen Feindes, der Polen, zu erwehren. Nun war es damals Sitte, die Gnade und Gunst des Kaisers durch Ueberreichung eines kostbaren Geschenkes zu gewinnen. War der Prunkkasten eine solche Habe der Liutizen, dann erklärt, sich auch zwanglos, wie er in den Bamberger Domschatz kam, denn er ist dorthin von Kaiser Heinrich dem Heiligen, der Kirchen und Klöster so gern beschenkte, gestiftet worden.
Arbeitsdienst-Freiwillige werden wieder eingestellt.
Die Sperrfrist für die Einstellung von Arbeitsdienstfreiwilligen in den Arbeitsdienst ist, wie von zuständiger Stelle mitgeteilt wird, ab 25. Februar aufgehoben. Vom 26. Februar ab können wieder Bewerber eingestellt werden.
Verlängerung der Kündigungsfristen bei der Hefrag.
LPD. Friedberg, 24. Febr. Die Direktion des größten Industrieunternehmens in Oberhessen, des Schwelkraftwerkes Hefrag in Wölfersheim, hat sich auf Anregung der NSBO. entschlossen, als äußeres Zeichen der Volksgemeinschaft die eintägigen und kurzfristigen Kündigungsfristen für die Stammbelegschaft, die Gefolgschaft des Werkes, in vierwöchige zu verwandeln.
Vielleicht nicht ganz vorschrifismäßig.
Michael Kohlhaas.
Wie man einen Hafen am besten herrichtet und zubereitet, darüber gehen die Meinungen auseinander, und eine allgemein gültige Regel läßt sich, wie mir scheint, überhaupt nicht aufstellen. Der nachstehende, höchst eigenartige Fall wird das beweisen.
Der Hase Löffelspiel gehörte nach Herkommen und Gesetz zur gräflich Schlottenbachischen Jagd und hatte demgemäß Anspruch darauf, dereinstens, wenn die Zeit erfüllt, in der gräflichen Herrschafts- küche mit allen Ehren kunst- und weidgerecht zubereitet und an der gräflichen Familientafel unter dem Vorsitz des altehrwürdigen Grafen und Majoratsherrn, bei genauester Einhaltung des urßstänb- lichen Zeremoniells verspeist zu werden. Vorläufig jedoch verspürte Löffelstiel noch so wenig Drang nach diesem standesgemäßen Lebensabschluß, daß er sogar mit Beginn der herbstlichen Treibjagden, der Vorsicht seines ängstlichen Naturells ebenso wie dem Zuge seines begehrlichen Herzens folgend, aus dem gräflichen Revier heraus- und in die oorstädti- schen Krautgärten hineinwechselte. Aber wie das nun einmal im tückenreichen Leben schon ist, daß wir nämlich durch ein Uebermaß von Bedachtsam- keit oft genug gerade das anziehen, was wir vermeiden wollen, hingegen den Eintritt eines wenn auch noch so ersehnten Ereignisses doch nicht zu erzwingen vermögen, — der Hase Löffelspiel fiel schon gleich im ersten Krautgarten dessen Pächter, dem unduldsamen Gelegenheitsarbeiter Jakob Holz- maier, in die Hände und befand sich bereits zwei Minuten später, anstatt doch wenigstens in der gräflichen Herrschaftsküche, mit abgeschlagenem Genick im Holzmaierischen Krautsack und eine halbe Stunde darauf in der Wohnküche der Familie Holzmaier.
Frau Holzmaier, einer so plötzlichen Umstellung ihrer Kochkunst auf Wildbret nicht gewachsen, rupfte ihn, und die Kunde davon, die eine geschwätzige Nachbarin in alle Windrichtungen auseinandertrug, löste in der ganzen Hasenwelt eine noch nie dagewesene Entrüstung aus. Andererseits aber wurde durch das Gerücht der joviale Gendarmeriewachtmeister Birngruber angezogen und zu einer Haussuchung bei Holzmaier veranlaßt.
Er fand dort ein auf drei Heringsbüchsen verteiltes Wesen in der Beize, in welchem er trotz Frau Holzmaiers 'Bestreitung den verstorbenen Löffelspiel zu erkennen glaubte. Doch sah er, gerührt
von den begehrlich angstvollen Blicken der Holzmaierischen Kinder, von einer Beschlagnahme der drei elenden Blechbüchsen um so lieber ab, als er es auch mit der Würde der Staatsgewalt nicht vereinbar fand, daß er die Blechbüchsen eigenhändig ans Gericht transportiere. Immerhin erstattete er, seiner Pflicht zu genügen, Anzeige über den Fall.
Lange vor der Gerichtsverhandlung, deren Unvermeidlichkeit übrigens den Appetit der Familie Holzmaier nicht beeinträchtigte, wurde Löffelspiel im Hause Holzmaier genossen. Nur das Geklirr der zahlreichen Gabeln und Messer und ein beglücktes Schmatzen erfüllten bei dieser Gelegenheit die dürftige Stube, darin zuletzt Vater Holzmaier an seine Abkömmlinge die inhaltschweren Worte richtete: „Also, net wahr, daß ihr's alle wißt und ja net vergeßts, sag i 's no amal: was wir iatz da gesien Ham, dös is fei unser Gockel gwen und nix anders!"
„So so! Ei ei!" sagte dann in der Hauptverhandlung, die das schmachvolle Ende des Hasen Löffelspiel sühnen sollte, der Richter, „das eingebeizte Tier, Angeklagter Holzmaier, war also Ihr Haus- hahn! Nun, das läßt sich ja, Gott sei Dank, durch eine einzige Frage an den Zeugen feststellen. Wachtmeister Birngruber, treten Sie nochmals vor!"
Der Zeuge Birngruber trat vor.
„Nicht wahr, Herr Wachtmeister, und Sie nehmen das auf Ihren Eid: blaurot lag der Hase zweifelsohne in der Beize!"
„Nein, Herr Richter", erklärte der Wachtmeister Birngruber, „gelblich-bräunlich."
„Wie —?"
„Gelblich-bräunlich."
„Aber es war doch ein Hase!"
Der Wachtmeister Birngruber zuckte die Achseln: „Meines Erachtens allerdings."
„Ja, wissen Sie das nicht sicher? Können Sie denn einen Hasen nicht mit voller Bestimmtheit von einem Gockel unterscheiden?"
„Im lebendigen Zustand, Herr Richter, auf den ersten Blick. Eingebeizt freilich und auf drei Heringsbüchsen verteilt und weiß Gott wie zerkleinert und zu allem hin von einer dunklen Flüssigkeit ober Soß überspielt, — wer nimmt’s auf seinen Eid, daß diese ganze Unappetitlichkeit einmal ein Has gewesen ist?"
„Wie kann man nur", sagte da der Richter ernst und streng, „auf so lückenhaften zoologischen Kenntnissen eine Strafanzeige aufbauen!' und sprach Herrn und Frau Holzmaier frei.
„Und hält i", bemerkte im Anschluß hieran Frau Holzmaier leise zu ihrem Gatten, „an Balg dem Malefizhasen abgezogen, nachha roaar er dringle- gen, blaurot so saudumm, in dö Haringsbüxen, und a jeds von uns hätt iatz feine vier Wochen droben;
denn, i wett was, nur bloß der Balg hat'n net blau und rot wem lassen. Und drum: mi reut's aber a scho gar net, daß i den Luaderhasen vielleicht net ganz vorschriftsmäßi behandelt hab."
Auf der Reeperbahn nachts um halb eins...
Von Jan Hinnerk
Städte haben wie Menschen ihren Ruf; beide finden ihn ungerecht und führen über die launischen Einfälle des Schicksals bittere Klage. Ein Ruf kommt angeflogen, selten weiß man woher, und er bleibt haften wie eine Klette, wenn auch noch so viele Frühlings- und Herbststürme darüber hinweggebraust sind. Der Fall Hamburg liegt nun aber wirklich ganz sonnenklar. Am Ruf dieser stolzen Hansestadt, die sich so gern ihrer ruhmreichen Vergangenheit aus den Zeiten der Viktualienbrüder erinnert und auf deren Straßen die Kinder bisweilen noch gruselige Reime vom Seeräuber Störtebecker singen, haben sich die Schlager, oder besser noch ihre Verfasser, versündigt. Was soll man auch von einer Stadt denken, die draußen allein schon wegen eines einzigen Stadtteils, des weltberühmten St. Pauli und seines Hauptbummels, der Reeperbahn, mit einem bestimmten Augenblinzeln oder gar mit einem Anflug vergnüglicher Rückerinnerung gepriesen wird? Man höre sich das nur einmal an: „Mein St. Pauli bei Nacht ...", „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins ..." ober „In St. Pauli bei Altona bin ich verlassen worden ..." Dazu nehme man noch ein paar Polizeiberichte über eine wüste Messerstecherei in der Matrosenkneipe „Zum wilden Kaffem" ober eine Razzia mit schlagenbem Ergebnis, so hat man ungefähr bas Bilb, bas man von uns Hamburgern überall in Der Welt herumreicht. Ist es ba ein Wunber, wenn wir uns mit wahrem Feuereifer auf eine fast trockene Ehrbarkeit berufen unb gern für ein wenig steif gelten wollen, bamit man uns nicht mit bem Völkergemisch einer orientalischen Hafenstabt in Reih unb (Blieb stellt?
Unb boch haben wir — unter uns fei’s gesagt — noch immer bie heimliche Liebe zu Sankt Pauli in den Knochen, bas einstmals eine ibylkische Vorstabt unb ber behagliche Sitz roürbiger Büraerfami- lien gewesen ist, unb möchten biefes Stabtviertel nicht missen, bas noch immer bie Reize frember Welten mit hanseatischer Urwüchsigkeit in sich zusammenzuschließen scheint. So'n echter Hamburger, ber ben Meereswinb schon in ben Straßen unten am Hafen begierig einzuschnuppern glaubt unb ber
unbewußt ben etwas schwankenben Schritt ber Seeleute nachahmt, schlenbert gern einmal in ben späten Abenbstunben burch bie verlassenen, von schweren Schatten eingehüllten Straßen vom Hasen herauf. Hinter seinem Rücken verhallen bie letzten Laute bes Schiffsverkehr, ber bas Wasser ber Elbe tagsüber aufgeregt unb eilfertig burchwühlt. Am bunklen Horizont halten bie mächtigen Silhouetten ber Michaeliskirche unb bes Bismarckbenkmals schweigsame Wacht, von ben heimkehrenben Schiffen als bie Wahrzeichen ber Hansestabt freubig begrüßt.
Die Straßen haben hier ein ewiges Dämmergesicht; viele Kneipen, oft mehrere nebeneinanber, halten bunte Masken nach braußen. Die erleuchteten Schilber haben Inschriften, in benen sich bie Abenteurerromantik unb bie exotischen Träume ber ganzen Welt ein Stellbichein geben: „Kap Horn", „Bar San Francisko", „Zum Fliegenben Hottän- ber", „Honolulu-Bar", Aller Lärm ist hier verhalten, nur bas Klimpern eines Orchestrivns schwillt lauter an, wenn sich irgenbroo eine Tür öffnet. Mit einem Mal stehen wir in ber hellerleuchteten Reeperbahn: bas ist „Amüsierbetrieb" größten Stils, unb sofort etwas schal, wenn ber Hauptstrom ber hin- unb herwogenben Menschen ein wenig abgeflaut ist; vom Millerntor bis zur preußischen Grenze eine einzige Kette von Cafes, Bierlokalen „Hier ißt man w i e bei Mutter n", schreienben Varietes, bazwischen Schießbuben, ein Panoptikum mit wächsernen Fratzen unb ein Hippobrom.
Die Reeperbahn hat ihren Namen nach ber ehrsamen Zunft ber Seiler (Reeper), bie vor Jahr- hunberten hier ihr Hanbwerk ausübten. Aus biefer Straße, bie bem Fremben als ber Inbegriff bes Nachtlebens von St. Pauli gilt, wirb alles ver- lockenb Frembartige burch ihre ungeheure Breite aufgelöst; kaum fallen noch bie gelben Gesichter ber Asiaten, bas schwarze Kraushaar ber Neger unb bie fremben Matrosenmützen auf. Erst in einer von Menschen vollgepfropften Nebenstraße hart an ber hamburgisch-preußischen Grenze, in ber „Großen Freiheit" — ein wirklich witziger Name für biefen Ort — entfaltet sich bie Fülle unb bas Gewirr eines bunten Menschenknäuels. Von ben eng zusammengebrängten Häusern hängen bie großen schmalen Leuchtschilber herab wie bie roallenbcn Fahnen einer chinesischen Straße mit ben tanzen- ben Buchstaben. Das Tempo ist hier schneller, bie Bewegungen hastiger unb bie Laute greller, als cs ber Hamburger sonst liebt. Die Matrosen aller Meere haben eben nicht so viel Zeit. Er hat schott Recht, ber Schlager: „Das ist bie Liebe bet Matrosen ..."


