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Ur. 275 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesten) Donnerstag, 22. November 1934

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Buntes Allerlei

Aus aller Welt

550 000 Pengö an. Zwei Geschädigte erklärten, daß

gehung des Attentates die Todesstrafe in der öfter»

die

Neun Kilo Seefisch pro Kops.

be-

Gesamtverbrauch von Seefischen in Deutschland von

ihr Wächter sie einen Augenblick unbeobachtet ließ, sprangen sie über die Gefängnismauer und liefen über die angrenzenden Felder bis zu der Land­straße nach Exeter. Hier kam ein Lastwagen vor­bei, mit dem täglich Kinder aus der Umgebung von Princetown von der Schule abgeholt wurden. Jetzt war der Wagen leer auf dem Weg zur Stadt.

Jahre 1933 auf den Kopf der Bevölkerung ein Ver­brauch von annähernd 9 Kilogramm (8,8 Kilo­gramm) Seefischen entfällt, so entspricht das einem

Die Verlesung der Urteilsbegründung durch den Senatspräfidenten Dr. Marton nahm sechs volle Stunden, von 13 bis 19 Uhr, in

reichischen Republik nicht bestand. Nach internatio­nalen Rechtsgrundsätzen kommt die Todesstrafe nicht in Anwendung, wenn in dem Heimatlande des Ver­urteilten die Todesstrafe aufgehoben ist.

neu meldete eine Schadensersahforderung von

Eisenbahnattentäter Matuschka zum Tode verurteilt.

Das Budapester Strafgericht hat den Eisenbahn- atlentäler Matuschka wegen vorsätzlicher Tötung, begangen in 22 Fällen, jum Tode verurteilt. Der Präsident erteilte dem Angeklagten dann das Wort zu einer letzten Erklärung. Der Attentäter sprach auffallend rasch, offenbar in der Befürchtung, daß der Präsident seine reichlich phantastischen, fast völlig verworrenen Worte unterbrechen werde. Der Präsident lieh aber Matuschka gewähren. Zum Schlüsse seiner Ausführungen drückte Matuschka seine tiefe Reue und sein volles Mitgefühl für die Hinterbliebenen der Opfer aus. Die Verhandlung wurde sodann geschlossen. Der Präsident ersuchte die Vertreter der Geschädigten zur Anmeldung ihrer An­sprüche. Der Vertreter der ungarischen Staatsbah-

Nur wenige sind sich der großen Bedeutung mußt, die die deutsche Fischereiwirtschaft für die gesamte Volkswirtschaft hat. Wenn im

nach. Sein Blick schien zu sagen:Mein Junge, hast du schon einmal darüber nachgedacht, wozu Parkplätze da sind!"

in die sie eingebogen waren, keinen Ausgang hatte. Da sie die Kleider längst gewechselt hatten, gaben sie sich für Fahrer von auswärts aus, die hier nicht Bescheid wüßten, aber als der Beamte sie auffor­derte mit ihm zur Station zu kommen, wurden sie widerspenstig und griffen den Beamten mit Werk­zeugen aus dem Wagen tätlich an. Der Polizist zog seinen Säbel und hielt sich die Angreifer solange vom Leib, bis ihm Dorfbewohner zu Hilfe kamen. Ein junger Bursche beendigte das Handgemenge auf eine verblüffend einfache Art. Er ergriff einen aroßen Mülleimer und stülpte ihn dem einen Ausbrecher über den Kopf, so daß er wehrlos wurde. Da ergab sich auch sein Genosse, und beide Ausbrecher wurden nach Dartmoor zurückgebracht. Die Einwohner von Princetown aber atmeten auf.

,/Kannst Du schwimmen whanna?"

An fünfhundert junge hübsche Mädchen wurde kürzlich in einem Londoner Theater die Schicksals» frage gerichtet:Können Sie schwimmen?" Ein ver­wunderter Blick traf jeweils den Ballettmeister, der hier seine Auswahl zu der großen Weihnachts­revueCinderella" im Drury Lane-Theater ;u treffen hatte, und dann kam ein stolzesJa!" ein

Dr. Eckener über den kommenden transatlantischen Lustverkehr

Dr. Eckener, der sich einige Wochen in Nord­amerika aufhielt und mit den interessierten Kreisen über die Schaffung eines regelmäßigen Luftdienstes zwischen Europa und Nordamerika verhandelte, ist wieder in Friedrichshafen eingetroffen. Dem Ver­treter des DNB. gewährte er eine längere Unter­redung, in der er über seine Verhandlungen in USA. berichtete. Dr. Eckener ist grundsätzlich mit den Vereinigten Staaten übereingekommen, daß das neue LuftschiffL Z 129" nach Indienst­stellung von Mitte Juli 1935 bis Oktober 1935 alle 10 bis 14 Tage den Luftverkehrsdienst über den Nordatlantik zwischen Deutsch­land und Lakehurst oder Miami ausführt. Diese Fahrten, die zunächst als Versuchsfahrten gelten, werden bis zur Fertigstellung der im Bau befind­lichen Halle in Rio de Janeiro ausgeführt. Die Halle dürfte bis Oktober 1935 vollendet fein. Die amerikanischen Behörden haben Eckener volle Unter­stützung zugesichert.LZ 129" wird außer den 50 Fahrgästen noch 20 Tonnen Fracht und Post be­fördern können. Die Fahrtdauer über den Nord­atlantik von Küste zu Küste berechnet Dr. Eckener auf der Strecke von Amerika nach Europa mit 48 Stunden, in umgekehrter Richtung mit 55 Stunden. Der Fahrpreis wird etwa 300 Dollar betragen. Dieser Preis entspricht der mittleren Kabine eines Ueberseedampfers.

Raubüberfall auf ein Düsseldorfer Juweliergeschäfl. Der Inhaber erschossen.

Der Inhaber des Uhren- und Goldwarengeschäfts Max Schlingermann in Düsseldorf wurde von zwei Verbrechern in seinem Laden überfallen und niebergefd)offen. Die Täter hatten vor­her das Geschäft wiederholt aufgesucht und sich Uhren vorlegen lassen. Nachdem andere Käufer das Geschäft verlassen hatten, zogen die beiden Räuber mit dem RufHände hoch!" ihre Revolver. Einer versuchte, die im Nebenzimmer befindliche Schwester des Ueberfallenen mit der Pistole in Schach zu hal­ten. Inzwischen fielen im Laden die tödlichen Schüsse. Trotz Bedrohung drängte die Schwester des Ermordeten den Banditen zur Seite, lief zur Tür und rief um Hilfe. Hierauf ergriffen die Verbrecher die Flucht. Sie wurden zwar verfolgt, es gelang ihnen aber, unerkannt zu entkommen.

gen. Es handelte sich bei diesem Ausbruch um ; < , . , . ...

zwei Gefangene, die dank ihrer guten Führung jedoch n l ch t stattfmden, da Matuschka osterre.chl» bei Gartenarbeiten beschäftigt worden waren. Als ?^^^^onger ist und zur Zeit der Be-

zögerndes:Gewiß, ich habe mal geschwommen", oder ein verlegenesNein", mit dem man sich von vornherein aus dem Kreis der Bewerberinnen aus­schied. Aber auch mit den Schwimmkundigen war der Balettmeister nicht ohne weiteres zufrieden. Können Sie auch unter Wasser schwimmen, und zwar längere Zeit?" Auf diesen weiteren Angriff entschied sich manches der jungen Mädchen, das auf die erste Frage hin noch zögernd zugestimmt hatte, zu einem endgültigen Nein, und auch diese Nicht­taucher schieden aus dem weiteren Fragespiel aus. Nun endlich lautete die Frage:Können Sie sin­gen?" Wer auch auf diese letzte Frage ein zuver­sichtlichesJa" abgeben konnte, der durfte die Bühne betreten, wo die kleine Heerschar geprüft wurde. Von fünfhundert Bewerberinnen hatten nur hundert die drei gestellten Bedingungen er­füllen können, und diese Erlesenen sollen nun in verschiedenen prunkvollen Revueszenen tanzen, sin­gen, schwimmen und tauchen. Von jenen aber, die um eine Hoffnung auf eine Anstellung ärmer, be­trübt wieder nach Hause gehen mußten, wird manche sich bitter fragen, warum man in dem Theater nicht auch noch dies verlangte, daß sie unter Wasser fingen sollen!

Das Zeitungsinscrat die beste Werbung.

Welches ist das beste Mittel der Werbung? lieber diese wichtige Frage hat das Psychotechnische In­stitut in Zürich ausgedehnte Untersuchungen ange­stellt. Es wurden in fünf Einzelhandelsgesellschaften, die sich in vier verschiedenen Schweizer Städten befanden, im ganzen etwa 8000 Personen nach dem Grunde gefragt, der sie zum Einkauf gerade in die­sem Laden veranlaßte. Das Ergebnis war, daß die Zeitungsanzeige an der ersten Stelle steht. Das ist nun zweifellos nicht gerade über­raschend, es durfte ober müßte vielmehr längst all­gemein bekannt fein. Aber schlagend ist doch der Vorsprung, den diese Art der Werbung vor allen anderen Mitteln besitzt. Die Reklame durch das Schaufenster die den zweiten Platz erhielt, brachte es nur auf 24,9 v. H. der abgegebenen Stimmen, das Inserat dagegen auf 44,2 v. H.

Der Kuß im Auto.

Den Tatbestand, daß ein von ihm gesteuertes Auto in bedenklichen Schlangenlinien über den Fahrdamm fuhr und dadurch eine ernsthafte Ge­fährdung des Verkehrs verursachte, konnte Herr William Graham Falconer vor dem Gericht in Greenwich in England nicht abstreiten. Was er aber keinesfalls zugeben wollte, war die Feststellung des Polizeibeamten, daß der junge Herr nur darum fo richtungslos hin- und hergefahren fei, weil er aHe Aufmerksamkeit auf feine Begleiterin verwen­dete, die er angeblich fortwährend geküßt hat. Es bedurfte keines Versuches, um festzuftellen, daß Steuerführen und Küssen sich nicht leicht verein­baren lassen, ohne daß der Wagen ins Schleudern kommt. Ueber das Küssen aber war William Gra­ham Falconer zunächst nicht zu reden. In die Enge getrieben, gestand er schließlich ein, daß er sich möglicherweise einen Kuß erlaubt habe; der könne aber von dem Polizeibeamten nicht beobachtet wor­den sein, denn selbstverständlich hätte der zuvor die Schutzscheibe herabgezogen. Der Beamte versicherte, die Scheibe fei oben gewesen, bis der Wagen zum Stillstand gebracht wurde und er habe Indis­kretion sei in diesem Falle sein Pflicht ganz deutlich beobachtet, wie Falconer seine Begleiterin wiederholt küßte und darüber alles, was um ihn her geschah, sichtlich vergaß. Nun machte der Ver­teidiger einen überraschenden Vorstoß gegen den kaltblütigen Polizeibeamten:Haben Sie denn nie­mals in einem Auto eine junge Dame geküßt?" Der Vorsitzende schaltete sich ein:Sie brauchen diese Frage selbstverständlich nicht zu beantworten, wenn Sie sich dadurch irgendwie selbst beschuldigen könn­ten!" Der Beamte lächelte.Jedenfalls habe ich nie eine Dame geküßt, solange der Wagen in Fahrt war." Nun wußte Falconer keinen Einwand mehr und ließ sich widerspruchslos zu einer Geldstrafe verurteilen. Betrübt ging er von bannen. Muß man denn eine Wahl treffen zwischen Küssen und Auto­fahren? Der Polizeibeamte sah ihm kopfschüttelnd

| dem Vorjahre, in dem der Verbrauch pro Kopf nur 8,5 Kilogramm, der Gesamtverbrauch also 5,541

l Millionen Doppelzentner betrug, ist eine Steige­rung von 201 000 Doppelzentner eingetreten. Den größten Anteil am Verbrauch haben die Salz­heringe. Im Jahre 1933 wurden insgesamt, 1,111 Millionen Doppelzentner Salzheringe ver-1 braucht (im Vorjahre 1,274 Millionen Doppel­zentner). Von dem Gesamtoerbrauch Deutschlands an Seefischen deckte die eigene Fischerei 64 v. H. (im Vorjahre 59 v. H.), von dem Verbrauch an Salzheringen 39,6 v. H. (im Vorjahre 25,1 o. H.). Es ist gelungen, den Anteil der aus dem Auslande eingeführten Fische an der Deckung des deutschen Bedarfs zu vermindern. Während 1930 der Wert' der Seefischeinfuhr noch um 46 Millionen Mark,

; 1931 noch um 25 Millionen Mark, 1932 noch um 7 Millionen Mark hoher war, als der Wert der

; deutschen Gesamtanlandungen, blieb im Jahre 1933 der Wert der Seefischeinfuhr um 14,4 Millionen Mark hinter dem Wert der deutschen Anladungen zurück. Die Ausfuhr Deutschlands an Seefischen ist im Vergleich zu den Anlandungen nicht sehr hoch, doch wurden im Jahre 1933 immer noch für 6,1 Millionen Mark Fische, vor allem nach den süd- osteuropäischen Ländern, ausgeführt. Den Haupt­anteil an der Ausfuhr haben Frischheringe und Sprotten. Die Hauptabnahmeländer für deutschen Hering sind die Tschechoslowakei, Polen, Oesterreich und die Schweiz. Insgesamt sind in der deutschen Hochsee- und Küstenfischerei nahezu 20 000 Personen beschäftigt. Der Wert der Anlandungen deutscher Schiffe an den Küsten der Nord- und Ostsee ein-: schließlich der Haffe betrug über 60 Millionen Mark. Gegenüber dem Vorjahre bedeutet das eine Steige­rung von 6 Millionen Mark. Diese Zahlen geben einen Ueberblicf über die Bedeutung der deutschen Seefischerei für die gesamte Volkswirtschaft. Sie zeigen uns die Notwendigkeit, durch regen Fisch­oerbrauch der deutschen Fischwirtschaft weiterhin die Möglichkeit zu geben, noch mehr als bisher Arbeit und Brot zu schaffen.

Mit einem Mülleimer gefangen...

Für zwei Stunden war die Stadt Princetown, in deren Nähe das große englische Zuchthaus von

Dartmoor liegt, kürzlich in Aufregung und

Schrecken versetzt; denn die Sirenen des Gefäng- , v , ,

nisses hatten angezeigt, daß es einigen Verbrechern sie auf zivilrechtlichem Wege ihren Schaden anmel- gelungen war, auszubrechen. Sofort verschlossen die den würden.

Einwohner Türen und Fenster; bewaffnete Wär-, ~ , n , * . m ff

ter und Polizisten bezogen ihre Posten und durch-' $as Matuschka-Prozeß ist d e rn all-

ftreiften die Straßen, um die Flüchtlinge einzufan- F rrm e L1?e arten entsprechend ausge- ~ - * - - - -- - - ' fallen. Die Vollstreckung der Todesstrafe kann

Die Ausbrecher hielten den Wagen auf, und der , , ...

Fahrer lag bald darauf verletzt im Straßengrckden, Anspruch, ohne daß eine Pause eingelegt wurde, während die Ausbrecher den Wagen wendeten und Der Präsident erteilt sodann dem Staatsanwalt die mit ihm in die Richtung nach Moretonhampstead Genehmigung, Matuschka nach Oesterreich fuhren. Der Polizeibeamte dieses kleinen Ortes zurückzuführen, wo er aufgrund des Wiener hatte aber bereits telephonisch aus Princetown | Urteils noch drei Jahre im Zuchthaus Stein abzu- eine Beschreibung des Wagens und der Ausbrecher; büßen hat. Nach Ablauf dieser werden die öfter- erhalten und erkannte sie sofort, als sie ahnungs- reichischen Behörden über die Auslieferung von los an ihm vorüber in eine Sackgasse fuhren. So Matuschka an Ungarn zu entscheiden haben. Der konnte der Beamte ihnen ohne besondere Eile sol- Vollzug der Todesstrafe an Matuschka ist damit x z .. gen und die Flüchtlinge ansprechen, die sehr ent- von der künftigen Entscheidung der österreichischen

etwa 5,742 Millionen Doppelzentner. Gegenüber - täuscht waren, feststellen zu müssen, daß die Straße, Behörden abhängig gemacht worden.

MWMMeisl?

ZRoman von Klothilde v. Gtegmann.

21. Fortsetzung. Nachdruck verboten!

Bezaubernde Kinder haben Sie, Mistreß Kel- vey", sagte Kutschner.Wie glücklich müssen Sie mit ihnen fein!"

Dorothy Kelvey sah ernst vor sich hin.

Glücklich und doch nicht glücklich, Mister Kutsch­ner. Ich habe zu wenig Zeit für meine Lieblinge. Solange mein verstorbener Mann noch lebte, konnte ich mich ihnen mehr widmen. Seitdem ich aber hier im Betrieb meinen Mann ersetzen muß, fehlt ihnen zu dem Vater auch noch die Mutter."

Und es würde nicht gehen, wenn Sie sich hier im Betrieb etwas entlasten würden, Mistreß Kelvey? Dann wurde doch alles leichter fein."

Dorothy Kelvey sah Kutschner mit einem eigen­tümlichen Blick an:

Wenn ich den Rechten fände, Mister Kutschner, dann allerdings würde alles leichter sein."

Etwas Eigentümliches war in ihrem Ton. Aber schon sagte sie hastiger, als es sonst ihre Art war:

Nun kommen Sie, Mister Kutschner, nun wollen wir unsere Besprechungen zu Ende bringen. Sonst bekommen Sie doch noch einen Tadel von meiner kleinen Mary."

Den ernsten, fragenden Blick aus Dorothys scho­nen Augen konnte Kutschner den ganzen Tag nicht vergessen. Arme, reiche Frau! Da hatte sie nun nichts mehr von ihren Kindern vor lauter Arbeit und Pflichttreue.

Wie weich ihre Stimme geklungen! Wieviel Ge­mütstiefe, mit Klugheit gepaart, lebte in dieser Frau. Eine schone Aufgabe für einen Mann, chr zur Seite zu stehen und ihr wieder innere Freiheit zu verschaffen für das Schönste im Frauenleben: für das Leben mit den Kindern.

Immer wieder kam dieser Gedanke hinein in die fröhliche Unterhaltung zwischen ihm und Dorothys Kindern. In dem Gesicht des kleinen Mädchens und in den ernsten Augen des Knaben lebte Dorothy noch einmal. So mochte sie selbst ausgeschaut haben als Kind.

Zum Schluß der Vorstellung, als er die Kinder mit der Nurse zum Auto brachte, erklärten beide wie aus einem Munde:

Du sollst mitkommen. Du bist nett."

Und Rudolf Kutschner war über dieses Lob fo beglückt, wie vielleicht noch nie über die größte An­erkennung von Erwachsenen.

*

Zehn Tage waren vergangen nach jenem Ge­spräch zwischen Studczynski und Edelgard.

Robby Herman war noch nicht zurückgekehrt. Seine Geschäfte gestalteten sich schwieriger, als er geglaubt. In der Hamburger Filiale waren ver­

trauliche Nachrichten eingelaufen über ein neues Farbenfilmverfahren. Dies Verfahren wurde fo hieß es in diesen vertraulichen Berichten von einer Konkurrenzfirma in Paris hergeftellt. Merk­würdigerweise fußten die Leute in Paris auf den neuesten Ergebnissen der Internationalen Farben­film-Gesellschaft.

Eine unangenehme Duplizität der Erfindung", sagte einer der Frankfurter Direktoren in der Kon­ferenz zu Robby Herman.

Robby Herman antwortete nicht. Mit zusammen­gezogener Stirn las er den geheimen Bericht. Er las ihn immer und immer wieder.

Duplizität der Ereignisse? Schön, das mag vor­kommen. Aber doch nur in großen Zügen. Es kön­nen zwei Menschen, der eine in Australien, der an­dere bei den Eskimos, einen gleichen Gedanken haben. Daß dieser Gedanke aber bis in die feinsten technischen Einzelheiten so gleich ausgeführt fein kann, das will mir nicht in den Kopf."

Es gäbe noch eine Deutung", sagte nachdenk­lich einer der Konferenzteilnehmer,aber sie er­scheint mir beinahe unmöglich."

Welche Deutung?"

Spionage!"

Robby Herman lachte auf.

Nun nun, wir wollen doch keine Gespen­ster sehen. Der Bericht ist doch nur in Hände ge­kommen, die absolut zuverlässig sind. Außer mir, oan Steuwen und Ihnen, lieber Werenkamp, kennt niemand die genauen Formeln, nach denen das neue Verfahren ausgeprobt ist."

Plötzlich unterbrach er sich, wurde ganz weiß.

Was ist Ihnen denn, Herman?"

Nichts, nichts!" sagte Herman abwehrend. Ein Gedanke war plötzlich in ihm aufgetaucht. Wie war das doch damals gewesen? Damals, an jenem letz­ten Abend, als er das Schriftstück aus feinem Ge­heimschrank holen wollte, um es Steuwen zu zei­gen. Da hatte er doch ein Geräusch zu hören ge­glaubt. Und als er den Schrank geöffnet hatte nicht der Schlüssel gehakt? Hatte er sich nicht ge­wundert über den unordentlich hineingelegten Brief­umschlag?

Sollte er sich doch nicht getäuscht haben? Aber das war doch absurd. In keinem Falle hatte es Sinn, vor der Zeit hier die Gemüter zu erregen. Aber fein Entschluß war gefaßt. Er würde, in Ber­lin angekommen, versuchen, der Geschichte auf die Spur zu gehen. Schlimmstenfalls mußte man mit einem guten Detektiv arbeiten.

Die Konferenz in Frankfurt verlief ergebnislos.

Solange mir nicht sicher sind, das Monopol auf die neue Erfindung zu haben, können wir nicht weiter verhandeln!^ Das war die Meinung aller maßgebenden Herren. Robby Herman sah das auch ein.

Man mußte nun die Geschichte aufklären. Aber man hielt es für ratsam, das Neuyorker Stamm­

haus und den Auffichtsrat nicht vor der Zeit zu beunruhigen.

Nur Direktor Kutschner sollte von Berlin aus durch einen Geheimbrief Robby Hermans informiert werden.

*

Einer der Stenotypisten kam als letzter aus der Konferenzsitzung in seine Abteilung.

Mit den neuen Geschäften scheint es etwas zu hapern. Was im Geheimen besprochen worden ist, weiß ich ja nicht. Aber jedenfalls soll ein Rund­schreiben an alle Filialen herausgehen, mit den An­geboten für die neue Farbenfilmphotographie noch zu warten. Es käme von der Zentrale noch Be­scheid."

Ein übertrieben elegant gekleideter junger Korre­spondent beugte sich zu dem Sprechenden herüber:

Zeigen Sie mal Ihr Stenogramm, Müller! Ich werde Ihnen helfen, die Briefe zu vervielfältigen. Sonst kommen Sie ja heute abend überhaupt nicht nach Hause. Und Ihre Braut kratzt Ihnen die Augen aus."

Na, dann schreiben Sie mal mit", sagte Mül­ler.Wieviel Durchschläge schaffen Sie denn auf Ihrer Maschine?"

Na, fo zehn Stück", sagte der Korrespondent Hübner Er würde sich hüten, Müller auf die Nase zu binden, daß er noch ein paar Durchschläge für feine privaten Zwecke machte.

Noch ehe das Rundschreiben an die Filialen des Farbenfilm-Konzerns gegangen, war bereits ein Durchschlag auf dem Wege von Frankfurt a. M. nach Berlin und wurde pünktlich aus einem Schließ­fach einer Postanstalt abgeholt.

Der Empfänger sah aus dem Begleitschreiben des Korrespondenten Hübner: man war mißtrauisch ge­worden. Man mußte also auf alles vorbereitet fein. Und man bereitete sich vor.

*

Robby Herman hatte seine Reise nach München aufgegeben. Es lag ihm daran, so schnell wie mög­lich wieder in Berlin zu sein. Die Geschichte mit dem nächtlichen Geräusch in feinem Zimmer und dem unordentlich aufbewahrten Briefumschlag ließ ihm keine Ruhe.

Er benutzte das Flugzeug Frankfurt a. M.Ber­lin und traf um fünf Uhr in Berlin ein.

Er hatte sich nicht angemeldet. Die Geschäftszeit war schon vorüber. Die Büros waren leer. Nur Studczynski arbeitete noch. Zufällig hatte er einen Augenblick pausiert und stand am Fenster, als er Robbys Wagen in den Hof jagen sah.

Hastig trat er zurück. Hinter dem Vorhang ver­borgen, sah er Robby schnell dem Eingang zugehen.

Robby Herman durchquerte rasch den Vorhof.

Niemand mehr da?" fragte er den Portier, der ihn respektvoll begrüßte.Fräulein von Donitz auch nicht mehr?"

Nein, Herr Direktor, es ist niemand mehr da nur Herr Direktor Studczynski. Soll ich ihn benach­richtigen, daß Herr Direktor gekommen sind?"

Robby verneinte. Es lag ihm sehr daran, die nächste halbe Stunde allein zu fein. Er hatte bereits gestern von Frankfurt aus eine Depekbe aufgegeben. Diese Depesche war an den Kriminalkommissar a. D. Schottner gerichtet gewesen.

Schottner roar einer der befähigsten Privatdetek­tive. Er hatte seinerzeit einmal eine große Scheck­fälschung zu ungunften des amerikanischen Farben­film-Konzerns aufgedeckt und war dabei in Bezie­hungen zu Robby Herman getreten. Die beiden Männer hatten sich schnell schätzen gelernt.

Robby wußte, wenn einer in diese dunkle Sache Licht bringen konnte, so war es Schöttner. Es traf sich günstig, daß keiner von den Angestellten mehr im Büro war. So konnte er ungestört mit Schott­ner verhandeln.

Es kommt in kurzer Zeit ein Herr Schultze zu mir", sagte er dem Portier, denn er wollte Schött- ners Namen nicht nennen.Der Herr kann sofort bei mir vorgelassen werden."

Eine halbe Stunde später saßen Schottner und Robby zusammen in dessen Arbeitszimmer.

Wir sind ganz ungestört, lieber Schöttner", erklärte Robby.Das ganze Haus ist leer, bis auf einen Direktor im anderen Flügel. Zur Sicherheit habe ich die Zimmer rechts und links von mir abgeschlos­sen. Es kann uns also keiner hören."

Und dann erzählte er Schöttner alles, was sich in jener Nacht zugetragen und was sich jetzt er­eignet.

Und Sie haben zwar ein verdächtiges Geräusch gehört, Herr Direktor, aber keinen Menschen ge­sehen?"

Keinen Menschen."

War das ganze Werk schon leer? Oder hat ir­gend jemand bei Ihnen Überstunden gemacht?"

Verblüfft sah Robby auf.

Überstunden? Ja das heißt nein!"

Sie verbergen mir etwas, Herr Direktor. Was haben Sie soeben gedacht? Wenn ich Ihnen helfen soll, muß ich ganz klar sehen. Also war nach Ihrer Meinung noch jemand im Werk beschäftigt oder nicht?"

Robby zögerte. Er mußte jetzt von Edelgard sprechen. Aber es war ja lächerlich! Edelgard hatte nicht das geringste mit dieser Sache zu tun. Aber daß sie in der fraglichen Nacht noch dagewesen, in der Tat durfte er das Schottner nicht verschweigen.

Aber bitte, knüpfen Sie daran nicht die gering­sten Folgerungen", sagte er heftig, als der Detektiv bei seinem Bericht erstaunt aufsah,für Fräulein von Donitz wette ich meinen Kopf!"

Schöttner lächelte melancholisch.

Das sollte man nie tun, Herr Direktor. Nicht für einen Mann und noch weniger für eine Frau." (Fortsetzung folgt!)