Ausgabe 
21.12.1934
 
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Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhefsen)

Zreitag, 21. Dezember 1934

2)8 Zweites Blatt

man das schon, wenn man ein Seil schnell durch die

er Weihnachtsstern des Lahres 1934

Hand gleiten läßt. Wenn nun ein Weltkörper

mit

Von Professor Dr. M. Lindow.

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Herbstmeister

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Gruppe wurde Kinzen-

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der Geschwindigkeit von vielen Kilometern in der Sekunde in die Wolke einbringt, so genügt die un-

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geheure Hitze, um die Oberflächentemperatur damit die Helligkeit unermeßlich zu steigern: neuer" Stern leuchtet auf. Ist das Hindernis fiert, so kehrt er allmählich in seinen früheren

tilf utes. Die ganze Nächt hat man Zeit 2olnd)tung.

und ein pas- Zu- wir

ten zu uns gelangt. Was wir beobachten, ist in Wahrheit also schon Vergangenheit.

Ob jene Sonne von Planeten umkreist war, auf denen Menschen oder ähnliche Wesen wohnten? Wir wissen es nicht; es ist denkbar, aber nicht nach­zuweisen. Sollte es der Fall sein, so erleben wir jetzt, nach Jahren, den grauenvollen Untergang eines ganzen Weltsystems,, einen Zusammenbruch derart fürchterlicher Natur, daß im Vergleich zu ihm alle Katastrophen unbedeutend sind, die unsere Mutter Erde je betroffen haben.

bad). Es scheint aber fraglich, ob sich die Mann­schaft weiter an der Spitze halten kann, denn Nod- heim folgt mit einem Punkt Abstand, stellt eine stabile und kampffreudige Mannschaft ins Feld, die noch von sich reden machen wird. Heuchelheim II hat sich sehr gut angelassen, es spielen in der Mann­schaft die alten Kanonen, die für den nötigen Sie­geswillen aufkommen und bis 'zur Schlußminute kämpfen. Fellingshausen ist eine ganz junge Mann- fd)aft und hat sich hauptsächlich in den letzten Spie­len gut bewährt, ein guter Mittelplatz sollte der Mannschaft sicher sein. Vetzberg hat sich gut gehal­ten. ßaunsbad) hat gezeigt, daß die Mannschaft, wenn sie komplett kämpft, siegen kann. Krofdorf II leidet an Spielermangel, doch wird auch hier Ab­hilfe geschaffen, so daß die Mannschaft mit frischem Mut in die Schlußspiele gehen kann. Erda hat unglücklich gekämpft, die Mannschaft ist besser, wie der Tabellenstand besagt. Frankenbach und Hohen­solms sind den schweren Spielen in dieser Gruppe noch nicht gewachsen und müssen sich mehr an- ftrengen.

Die Kreisklossenspiele des Sonntags.

Grünberg Lollar (Drescher, Wetzlar); Wieseck Lich (Niersbach, Wetzlar); Krofdorf Heuchelheim (Prinz, Albsl?>ufen); Wetzlar II Tgbe. Wetzlar (Bernhardt Tiefenbach); Aßlar Nauborn (Küster, Berghausen); Büblingshausen Werdorf (Otto Rüspeler, Gleiberg); Burgsolms Naunheim II

Da°l iierraschende Aufleuchten eines neuen, in den Siterifarten nicht verzeichneten Sternes wurde schon üiüÜIltertum mit großer Aufmerksamkeit stu­diert, "ioier die Harmonie des Weltalls zu durch- brecheri ichien. Der chinesische Astronom Ma- b u a r in berichtet, baß im Jahre 134 v. Ehr. unb-173m. Ehr. neue Sterne erschienen. Von bem zuletzt' ervähnten heißt es:Er verschwanb nach acht 9i7onten, als er nadjeinanber bie fünf Farben

Grünberg empfängt Lollar, Lollar sollte in ber Lage sein, ben Vorsieg wieberholen zu können. Wie­seck hat Lich zu Gast unb wirb bem Gegner wenig Aussichten auf Sieg einräumen, ein Sieg Wiesecks ist sicher. Heuchelheim tritt in Krofborf an. Wenn auch Krofborf bie Mannschaft umgestellt hat, so ist an einen Sieg Heuchelheims nicht zu zweifeln. Gar­benteich muß nach Wieseck unb sollte auch bort in ber Lage sein, ben Vorsieg wieberholen zu können. Allenborf strebt ber Tabellenspitze zu unb muß unter allen Umftänben gegen Leihgestern II gewin­nen, was ber Mannschaft auch nicht schwer fallen sollte. 1900 III tritt in Alten-Buseck an, Alten-Buseck wirb dem Gegner wenig Chancen geben und hoch gewinnen. Gegen Grünberg II spielt Treis. Der Ausgang des Kampfes ist nicht vorauszufagen. Fußbattabteilung des Tv. Kinzenbach.

Zum ersten Rückspiel tritt die erste Mannschaft des Turnvereins Kinzenbach kommenden Sonntag in Krofdorf gegen die dortige zweite Mannschaft an. Wenn ihr auch nicht ein Sieg in der Höhe des Vorspiels gelingt, so ist doch mit einem knappen Erfolg zu rechnen.

Sportverein 1928 Garbenteich.

Garbenleich I Lollar I 6:0 (4:0).

Am vergangenen Sonntag standen sich diese bei­den Gegner im fälligen Verbandsspiel gegenüber. Die Mannschaften traten in stärkster Aufstellung an. Lollar hatte aber nur zehn Mann zur Ver­fügung. Garbenteich erschien in seiner bisherigen Aufstellung. Die Platzmannschaft hatte Anstoß, und sofort entwickelte sich ein flottes Spiel, bei dem sich auch bald die Ueberlegenheit der Platzelf bemerkbar machte. Lollar wurde teilweise in seine Hälfte zu­rückgedrängt. In der 8. Minute konnte Garbenteich bereits mit einem Prachtschuß in Führung gehen. Bald darauf fiel das zweite Tor. Bei Halbzeit lau­tete das Ergebnis bereits eindeutig 4:0. Nach dem Wechsel liefen die Gäste zu weitaus besserer Foxm auf, gestalteten das Spiel auch teilweise überlegen und warteten in der Folge mit verschiedenen sehr gefährlichen Angriffen auf. Die Verteidigung des Platzbesitzers war jedoch sehr auf der Hut und vermochte immer wieder zu klären. Inzwischen aber hatte sich die Mannschaft des Gastgebers wieder gefunden, zeigte besseres Spiel und konnte dem bis zum Schluß noch in zwei Toren Ausdruck

f ^ames Weihnachtsgeschenk hat die Natur heusri, öii Sternfreunden beschert: einenneuen" SteM, nie N o v a. Dem Astronomen bietet sie diese (Bali irxr, doch handelt es sich meistens um Vor- gänj-ß, nur am Fernrohr studiert werden können.

umoi aber vermag man die Nova mit bloßem wihrzunehmen; ihr Ort ist auch leicht zu fin- Bc einem sternkundigen Freunde lasse man ii Zellen Fixstern Wega in der Leier zei-

bilben? fiteinen. Dessen äußersten Stern (ganz links unten t in der Figur) verbinde man in Gedanken mit du ttrahlenden Wega (Mitte der Abbildung) unb Di irlngere diese Linie etwa um sich selbst, dann fommll nun auf den gesuchten Gegenstand (rechts oben).i<h ist nicht zu verfehlen, da er in sternarmer Umgcljuiin steht. Sein Ort gehört zum Sternbild

4000 aktiveTeilnehmer derOiympiade.

Das Drganifationsfomitee ber Olympischen Spiele hielt in Berlin eine Pressekonferenz ab, in der Ge­neralsekretär Dr. K. D i e h m interessante Ausfüh­rungen über die Vorbereitungsarbeiten machte. Da­nach werden 50 Nationen mit rund 4000 Teilneh­mern, davon 400 Frauen, in Berlin anwesend sein. Von den europäischen Ländern fehlt bis jetzt nur Portugal. Die Bauarbeiten schreiten rüstig vor­wärts. Das Olympische Dorf in Döberitz soll am 1. Mai 1936 vollständig fertig fein, während die Arbeiten im Olympischen Stadion schon zum 1. Fe­bruar 1936 beendet sein sollen. Das Olympische Dorf wird aus Steinhäusern bestehen, die jeweils nach dem Charakter der 16 deutschen Sportgaue erbaut werden und einen deutschen Städtenamen erhalten. So werden die Häuser alle eine besondere Note er­halten, die schon in Stil und Anstrich zum Ausdruck kommt.

Halbzeit in der 2. Kreisklaffe Gruppe Diebertal.

(bei den Chinesen blau, gelb, rot, weiß, schwarz) ge­zeigt. Er ist also weiß aufgeflammt, nahm an Hel­ligkeit ab (blau), ging ins Gelbliche und Rötliche über und wurde schließlich unsichtbar (schwarz). Wir übergehen eine große Anzahl weiterer Berichte durch einen Riefensprung über Jahrhunderte. Am 11. November 1572 entdeckte der hvchberühmte dä­nische Astronom T y ch o B r a h e in der Cassio­peia einen Hellen Stern, der übrigens von Nicht­sachleuten in Deutschland schon früher gesehen war. Sein Glanz erreichte den der hellsten Himmelskör­per, er konnte sogar am Tage wahrgenommen wer­den. Dann verlor er langsam an Licht seine Farbe änderte sich, wie oben beschrieben, und im März 1574 entschwand er den Augen gänzlich. Wieder überspringen wir die Berichte einiger Jahrhunderte. In der letzten Zeit müssen wir vor allem die Novae imFuhrman n" (1892). imPerseu s" (1901), imAdle r" (1918) und imSchwa n" (1920) hervorheben.

Was sehen wir denn an denneuen" Sternen? Sie fallen bei ihrer Entdeckung durch ihre Hellig­keit auf. Diesen Glanz behalten sie aber nicht lange, sie werden im Laufe kürzerer ober längerer Zeit lichtschwächer (bisweilen unter periodischen Schwankungen) und entschwinden schließlich dem Wahrnehmungsbereich unseres Auges. Von der Farbenänderung war schon die Rede. Zerlegt man das Sternenbild durch ein Prisma, so ent­steht ein Spektrum, ein Farbenband, das dem Regenbogen gleicht und das durch charakteristische Helle und dunkle Linien unterbrochen wird. Gerade das Spektrum gibt über die Beschaffenheit des Sternes und ihre Veränderung Auskunft. Während es bei normalen Himmelskörpern fein Aussehen beibehält, wechselt es bei den neuen Sternen stark, gleichzeitig mit der Farbe. Sein verwickelter Aufbau jagt uns, daß wir es mit gewaltsamen und unge­wöhnlichen Naturerscheinungen zu tun haben. So konnte z. B. festgestellt werden, daß die Tempera­tur der Nova' Aquilae (1918) in der Zeit vom 10. bis 13. Juni von 9000 auf 5700 Grad sank, am 19. Juni 10 000, am 30. Juni 71000 und am 4. Juli 11100 Grad betrug!

Was sind denn eigentlich diese seltsamen Sterne? Man darf sich durch den Namen nicht etwa ver­leiten lassen, an eine aus dem Nichts entstehende Welt zu denken. Wenn eine Nova aufleuchtet, so zeigt die Durchsicht der von dieser Himmelsgegend früher gemachten photographischen Aufnahmen, daß an der betreffenden Stelle schon vorher ein schwa­ches Sternchen stand, das dem unbewaffneten Auge nicht erreichbar war. In überraschend kurzer Zeit vollzieht sich der Uebergang zu strahlender Hellig­keit. So war die Nova Persei (1901) am Tage ihrer Entdeckung (21. Februar) 2. bis 3. Größe, während eine Photographie, die 28 Stunden vorher ausgenommen war, nur einen Stern 2. Größe zeigte. Innerhalb eines Tages war die Helligkeit um 8V2 Größenklassen gestiegen, der Stern strahlte 2500 mal so hell! Hat eine Nova den absteigenden Ast ihrer Lichtkurve durchlaufen und ist sie dadurch dem bloßen Auge unsichtbar geworden, so kann man noch immer mit dem Fernrohr ein schwaches Licht­pünktchen feststellen.

Wie läßt sich eine derart sprunghafte Entwicklung eines Weltkörpers erklären? Wir übergehen frühere Deutungsversuche. Von S e e 1 i g e r gab eine Theo­rie, die heute wohl allgemein als zutreffend ange­sehen wird. Der Weltraum enthält außer den Ster­nen auch noch gewaltige Massen fein verteilten kosmischen Staubes. Da auch die fongenannten Fix­sterne eine Eigenbewegung haben, deren Ge­schwindigkeit, mit irdischem Maß gemessen, sehr groß ist, so entsteht beim Eindringen eines Sternes in eine derartige Wolke eine starke Reibung, die sich in Wärme umsetzt. In kleinem Maßstabe spürt

jtand zurück. Eine solche Katastrophe sehen jetzt. Jetzt? Nein, denn selbst der Lichtstrahl braucht Jahre, oft Jahrzehnte, ehe er von jenen fernen Wel-

(Böcher, Gießen); Bissenberg II Albshausen (Ka- letsch, Wetzlar); Wieseck II Garbenteich (Knapp, Werdorf); Allendorf Leihgestern II (Schneider, Gießen); Alten-Buseck 1900 III (Gerhardt, Stein­bach); Grünberg II Treis (Wissemann, Lollar); Oberndorf Werdorf II (Hunger, Wetzlar); Ober­biel Bonbaden (Heinz, Stockhausen); Leun II Bechlingen (Graulich, Oberndorf); Wetzlar III Hermannstein (Kröner, Oberbiel); Tgde. Wetzlar II gegen Waldgirmes (Wolf, Allendorf); Burgsolms II gegen Ehringshausen (Kleemann, Bissenberg); Fel­lingshausen Erda (Schäfer, Heuchelheim); Fran­kenbach Hohensolms (Roth, Altenkirchen); Krof­dorf II Kinzenbach (Sack, Heuchelheim); Vetzberg gegen Heuchelheim II (Schnabel, Wieseck); Rodheim gegen Launsbach (Kreiling, Gießen).

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gen! .Nm findet in seiner Nähe eine ganze Reihe schiMh^r Sternchen, die ein leuchtendes Band zu

Gew. Unentsch. Verl. Tore Pkte.

Kinzenbach

7

1

1

40:12

15:3

Robheim

7

0

2

31:11

14:4

Heuchelheim II

6

1

2

28:11

13:5

Fellingshausen

5

1

3

15:18

11:7

Vetzberg

5

1

3

15:22

11:7

ßaunsbad)

5

0

4

13:20

10:8

Krofborf II

4

0

5

15:32

8:10

Erba

2

0

7

14:20

4:14

Frankenbach

1

0

8

6:18

2:16

Hohensolms

1

0

8

9:22

2:16

Oer Oyfertisch.

Weihnachten 1933, nie ich es nie vergessen werde.

-Ch £ulu von Strauß und Torney

Dei!: glbelumbaute Marktplatz, dieGute Stube" imferc ulten Stadt, liegt frostig unter schnee- schweici Himmel, die Steildächer des Rathauses iinb Ipti-i überpudert. Väterlich behäbig sieht der OrültoT unserer altberühmten Universität von seine»!» Mckel herab, hat Schnee in den steinernen MaiMpten und trägt statt des Kurfürstenhutes eine iipise Pelzkappe. Wer von Stein ist, der friert md)th; User die Menschen von Fleisch und Blut habemeilig heute auf ihren Stadtgängen und ziehem dm Mantelkragen hoch.

Auichüaer den Markt wollen sie zuerst im Tempo ber mbir Grad unter Null. Aber plötzlich bleiben sie fttein Was ist das da drüben vor dem Brun­nen? ,:pi< lange weiße Tafel, quer über die ganze Dreitu hs Marktplatzes, wie bei sommerlichen MatkiW: n, wenn die bunten Studentenmützen unterrfi ackelschein aufleuchten!

Abc r i «es ist kein Marktfest. Ein anderes Fest steht litdjiDor der Tür. Und um zu wissen, was die lange :Satl will, brauchen die eiligen Vorbeigänger, die cipn Augenblick wie angewachsen stehen und herübiMien, kaum das Spruchband zu lesen, das sich jülftr Ihr hinzieht und ruft: Kommt! Gebt! Denn t cn beiden Enden der Tafel stehen auf dem Schnee nichtige Tannenbäume, und es funkelt in der jsstisruft von zitternden kleinen Lichtflammen aus iM-irünen Nadelzweigen.

Di eil fcxiuenben Gesichter drüben werden nach- benttild, raber bie Füße sinb eiskalt unb wollen roeiteii.lie Tafel ist noch ganz leer. Wer mag ba ber Eirieisein? Ein paar lange Jungen in braunem Hemd) zcrschieren zwischen den zwei Tannenbäumen auf uiir) ab, schauen stumm zu den Menschen hin­über, : 'd'igen sich frierend die Arme um die Schul­tern mit»-marschieren weiter, auf und ab, auf und ab. Ulrl roarten.

Sie-! ü-uchen aber nicht lange zu warten. Das erste gt Beispiel rückt an. Und gleich in Kiepen und W-n. Die -guten alten Firmen der Stadt schicke nibre Austräger. Die ganze Länge der Tafel fängt : njid) zu füllen. Nahrhafte Dinge türmen fid) anu; Speckseiten, Würste, Päckchen und Dosen. Neber , lei luftigen Farben bunter Kinderkleidchen jammueli isich sachlich handfeste Wollsachen, und die Honig M.'necke baut sich zu süßduftenden Mauern auf. SDi braunen Jungen brauchen nicht mehr zu frierrfij'- müssen springen unb haben alle Hände voll z u i 1.1, den Segen anzunehmen und zu ordnen.

Am Nachmittag kommen die ersten Einzelgänger. Die vom Morgen haben zu Hause erzählt, was sie auf dem Markt gesehen. Ein paar Frauen gehen erst zögernd an der Tafel vorbei, bleiben stehen, kehren um, schieben scheu ein Päckchen auf die Tisch­ecke und laufen eilig weiter, als hätten sie etwas gestohlen anstatt gebracht.

Das ist der erste Tag. Am zweiten bleibt es nicht nur bei den paar schüchternen Einzelgebern. Und dayn beginnt das, was diese letzte Woche im Advent auf dem alten Marktplatz unserer Stadt zu etwas Herzbewegendem macht: diese stille Wall­fahrt froher, innerlich bewegter Menschen, die den Sinn dieses Opfertisches der Bruderliebe unter Gottes freiem Weihnachtshimmel erfaßt haben. Derbe mütterliche Frauen kommen, die aus der Einkaufstasche ein festes selbstgenähtes Hemd, eine blaue Schürze herausziehen und hinlegen, halb­wüchsige Mädel, bei denen es nur zu einer Tafel Schokolade reicht. An des Vates Hand kommt ein kleiner Bursche, der seinen guten Ball etwas zögernd und doch glückselig auf die Tischecke legt, an die er noch kaum heraufreicht. Wer zu sehen versteht, der kann in der Stille Neues vom Mensd)en erleben an so manchem dieser Gesichter, die ihm oorbeitreiben, ganz aufgetan, ohne es selbst zu wissen, und für Augenblicke aus der Enge des Ich befreit zum D u, zum Wunder des Wir!

Gegen Mittag freilich tröpfelt der Zugang kaum noch, fetzt ein paar Stunden ganz aus, es ist Essenszeit in den Häusern der Stadt. In der frühen Winterdämmerung aber wird es wieder lebhaft um die beiden Lichtertannen, die feierlich ins hohe Dunkel hinaufbrennen, anstatt der Bogenlampen, die sonst den Markt überjtrahlen. Es ist als ob dieser schützende Halbschatten über dem großen ver­schneiten Platz auch den zaghaften Seelen, den kleinen Gebern, Mut macht, daß sie sich herantrauen. Sachte im Vorbeigehen schiebt ein Arbeitsmann auf dem Heimweg vom Betrieb ein Päckchen Tabak auj den Tischrand, die kleine Alte drüben fummelt eifrig unterm verjchabten Mantel ein paar selbst­gestrickte Kinderstrümpfchen heraus. Und die gut­gekleidete Bürgersfrau, die neben ihr eben ein ver­schnürtes Paket auf die Gabentafel gelegt hat, nickt ihr zu und streicht still mit der Hand über das grobe Gestrick der alten Hände.

Von dieserWeihnachtsstube" der Stadt, dem Marktplatz mit seinem täglich neu sich füllenden Gabentisch, geht es in diesen vorweihnachtlichen Tagen wie ein heimlicher Strom von Wärme und stiller Freude durch die Stadt. Freilich, in dieser Stadt leben an die siebzigtausend Menschen, und bei aller Gebefreudigkeit der hier Zuströmenden könnte von diesem Opfertisch doch nur ein Bruch­teil der Bedürftigen beschenkt werden, die auf eine

Festfreude und Hilfe warten. Um wahrhaftig zu helfen, bedarf es ja vor allem auch des fachlich nüchternen Gebens, das den Weg über Bankkonto und Sammellisten von Haus zu Haus geht, und in dem der Name des einzelnen, fei es auch nur mit dem Scherflein der Witwe, als ein Bekenntnis zum großen Hilfswerk des Volkes steht.

Doch manche Hand mag zögern und braucht einen Augenblick stiller Ueberwindung, ehe sie in die lange Reihe der Namen den eigenen neben die Zahl setzt. Denn die rechte Hand soll nicht wissen, was die linke tut, und neben dem Drang des Hel­fens und Bekennens steht die Scham des vom Schicksal vor dem ärmeren Bruder unverdient Be­vorzugten. Wer aber an diesen Tisch zwischen den zwei Lichtbäumen tritt, Mann oder Frau und schüchterne Kinder der ist namenlos. Denn diese jungen schlanken Braunhemden hier, deren mageren $tnabengefid)tern auch Hunger und Sorge nicht fremd sind, wissen nicht und fragen nicht, wer es ist, der seine bescheidene Gabe auf die bunt be­ladene Tafel legt. Und der strahlende Dank, der aus ihren hellen Augen zu dem fremden Geber hinüberspringt, ist ein'Brudergruß zwischen Mensch und Mensch, die beide eins sind in Drang und Bereitschaft des Helfens. Hinter ihnen aber stehen unsichtbar gedrängt die ungezählten brüderlichen Gesichter, die ausgestreckten Hände, in die diese Gaben wandern sollen, ohne daß die Scheu des Gebenden, die Scham des Beschenkten dazwischen steht; schlichte Gaben dieses festlich frohen Opfer­tisches, der nur sichtbares Symbol ist der großen unsichtbaren Brüderlichkeit, die heute im Geben und Nehmen alle deutschen Menschen zusammen­schließt!

Zeitschriften

Die MonatsschriftVolk und Rasse" (I. F. Lehmanns Verlag, München 2 SW., Preis 70 Pfennig) bringt in ihrem Dezemberheft u. a. eine Würdigung der Verdienste des 70jährigen Verlegers I. F. Lehmann um den Raffegedanken. Enno Fol­kerts gibt in feinem AufsatzRassenstil im Sport" Ergebnisse seiner Bewegungsstudien an zwei Sport­lehrerinnen auf ihre rassische Unterschiedlichkeit hin bekannt. Von Interesse für jeden, der einen Blick in ein gewaltiges Laboratorium erbbiologischer und rassenpolitischer Untersuchungsarbeit werfen will, ist der Vortraglieber die Ausgaben des Kaiser-Wil- helm-Jnstituts für Genealogie" von Prof. Rüdin. Das Institut äußert sich im selben Hefte noch ein­malZur Frage der Unfruchtbarmachung Erb­kranker^. Prof. Reche schreibt über das Problem der Auslese für das Hochschulstudium und vermittelt darin die Ergebnisse der an den sächsischen Mittel­schulen eingeführten Abiturienten-Leistungsprüfung.

Ich kenn' dich nicht und liebe dich."

Der erste Napoleon hat mal gesagt, niemand kenne einen Menschen so, wie er wirklich ist außer dessen Kammerdiener. Ein wahrhaft weiser Ausspruch des Kaisers, und man muß sich wundern, daß er das Stichwort und Leitmotiv für ein Filmlustspiel mit operettenhaftem Einschlag abgibt. Keine neue Pro­duktion übrigens, aber eine hübsche und unterhalt­same Sache, die sich das Lichtspielhaus für sein Weihnachtsprogramm ausgesucht hat. Ein junger Komponist verdankt den ungewöhnlich starken Erfolg feiner Operette dem Bilde einer jungen Dame, das er zufällig fand, und welches ihn für die schönsten musikalischen Erfindungen inspirierte. Leider, leider ahnt er nicht, wer die Dargestellte ist, in die er sich sogleich stürmisch verliebt hat das andere, musi­kalische Leitmotiv: Ich kenn dich nicht und liebe dich. Als er sie endlich ausfindig gemacht hat, beschließt er, sich ihr in der Verkleidung eines Kammerdieners zu nähern, um sie zuvor, nach dem Rezept Bona­partes, wirklich kennenzulernen und sich unb sie vor Enttäuschungen zu bewahren. Dieses Motiv ist im Lustspiel nicht neu, aber es ist mit Geschick und allerlei hübschen Einfällen in Szene gesetzt, aus­gestattet und ausgenommen. Regie: Geza v o n Bol­var y , der sich in ähnlichen Aufgaben bereits treff­lich bewährt hat. In der männlichen Hauptrolle des als Kammerdiener verkleideten Komponisten sieht man Willy F o r st, der inzwischen auf anderm Felde eine große und überraschend sichere Regiebegabung bewiesen hat, und dem diese halb lustspielmäßige, halb Operettenhafte Rolle geradezu auf den Leid geschrieben ist: er macht es scharmant, mit Humor, Diskretion und Geistesgegenwart. Seine Partnerin: Magda Schneider, die erst unbekannte, bald sehr vertraute Geliebte, hübsch, gepflegt und ein wenig kapriziös, wie es hier von ihr verlangt wirb. Theo Lingen wartet mit einer feiner komischen Speziali­täten auf unb hat in ber Tat etliche verblüffend witzige Unverschämtheiten bei ber Hanb. Max Gülstorfs, Olga Limburg, Ernst Gronau und Fritz Ob em ar, ber leiber nichts Rechtes zu spielen hat, seien vom Ensemble noch genannt.

Dazu auf ber Bühne ber Zigeunerprimas Sanbro ß e m b a mit feiner Geige. Wir hörten von ihm eine Zigeunerphantasie, bas Wolgalieb aus ber Ope­retteDer Zarewitsch" unb ein Charakterstück, ßemba beherrscht sein Instrument mit einer virtuosen Technik, er spielt mit Temperament unb melobiöfer Weichheit, auch mit sicherem Gefühl für bas, was bem Publikum gefällt unb imponiert. Der lebhafte Applaus würbe mit mehreren Zugaben belohnt.